»Das ist nicht nur ein historisches Thema“

GEDENKEN Werner Gutsche hat sein Leben lang zum antifaschistischen Widerstand in Neukölln geforscht. Nun ist ein Buch über ihn erschienen. Ein Gespräch mit dem Herausgeber Matthias Heisig

taz: Sie gehören zu den Mit­her­aus­gebern des Buches über Werner Gutsche. Was inter­es­siert Sie an ihm?

Mat­thias Heisig: Ich habe ihn in der poli­ti­schen Arbeit zur Zwangs­arbeit beim Bau des Flug­hafens Tem­pelhof in der Nazizeit näher ken­nen­ge­lernt. Es war eine der vielen Initia­tiven, in denen Werner Gutsche in seinem langen poli­ti­schen Leben aktiv war. Er war damals bereits 85 Jahre alt, doch man merkte ihm sein Alter nicht an.

Wie ent­stand die Idee zu dem Buch über Werner Gutsche?

Sie wurde von Freunden und Genossen bei seiner Beer­digung geboren. Wir wollten mit ihm einen Mann ehren, der über Jahr­zehnte bis an sein Lebensende an zahl­reichen poli­ti­schen Aktionen beteiligt war. Neben dem Kampf gegen die Auf­rüstung war der Anti­fa­schismus ein roter Faden seines poli­ti­schen Lebens. Werner Gutsche war Initiator von For­schungen und Aus­stel­lungen über Wider­stand und NS-Ver­folgung im Bezirk Neu­kölln. Dafür wurde er 2004 mit der Neu­köllner Ehren­nadel geehrt.

Wie sind Sie bei den For­schungen zu dem Buch vor­ge­gangen?

Für das Buch haben wir knapp vier Jahre ohne jeg­liche finan­zielle Unter­stützung geforscht. Werner Gutsche hatte keine Ange­hö­rigen und lebte allein. Doch er hatte lang­jährige Weg­ge­fährten und Freunde, die indem Buch zu Wort kommen. Ein wich­tiger Schwer­punkt dabei ist die Geschichte des NS-Unrechts und des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands in Neu­kölln. Das war das große Thema in Werner Gut­sches Leben. Er wollte das NS-Unrecht auf­decken, seien es die in Neu­kölln lange ver­schwie­genen Zwangs­ar­beits­lager, die ver­ges­senen SA-Fol­ter­stätten oder das ver­schmähte Erinnern an

den kom­mu­nis­ti­schen Wider­stand.

Können Sie ein Bei­spiel für Gut­sches Arbeiten nennen?

Im Buch ist ein Beitrag über Zwangs­arbeit bei der Neu­köllner Fabrik National Krupp zu finden. Es stammt aus Gut­sches Nachlass und ist das Manu­skript eines Textes, den er bei einer Ber­liner Friedens-Fahrrad-Tour im Jahr 2003 gehalten hat. Ein wei­terer großer Schwer­punkt von Werner Gut­sches Arbeit war die Erfor­schung der anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands gruppe an der Rütli-Schule.

Spielte für Sie auch eine Rolle, dass Anti­fa­schismus auch in Neu­kölln kein his­to­ri­sches Thema ist? Schließlich gab es in den letzten Monaten eine Serie von rechten Anschlägen gegen linke Ein­rich­tungen und bekannte Anti­fa­schis­tInnen.

Davon sind mit Claudia und Christian von Gelieu auch zwei der AutorInnen des Buches betroffen. Sie sind Mit­ar­bei­te­rInnen der Galerie Olga Benario die 1984 von der Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schis­tInnen gegründet wurde. Sie for­schen zum anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand. Dieser Neo­na­zi­terror zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, an Men­schen wie Werner Gutsche zu erinnern und seine Arbeit gegen alte und neue Nazis fort­zu­setzen.

Interview. PETER NOWAK

Mat­thias Heisig

60, ist freier His­to­riker. Das Buch: „Da müsst ihr euch mal drum kümmern“, Werner Gutsche (1923–2012) und Neu­kölln, Spuren, Erin­ne­rungen, Anre­gungen, Metropol Verlag