Marx statt Mohammed

Eine Anatomie des kurdischen Freiheitskampfes

PKK – diese drei Buch­staben stehen für die kur­dische Arbei­ter­partei, die in Deutschland noch immer mit Gewalt und Fana­tismus in Ver­bindung gebracht wird. Die Partei und alle ihre ihr nahe­ste­henden Orga­ni­sa­tionen sind in Deutschland ver­boten. Und immer wieder werden deren Akti­visten zu hohen Haft­strafen ver­ur­teilt.

Wer sich über die Hin­ter­gründe der kur­di­schen Natio­nal­be­wegung infor­mieren will, kann jetzt auf ein umfang­reiches wie infor­ma­tives Buch zurück­greifen, das von zwei Autoren ver­fasst wurde, die sich seit Jahren mit der kur­di­schen Frage und dem kur­di­schen Frei­heits­kampf befassen: von der Karls­ruher Rechts­an­wältin Bri­gitte Kiechle und dem Ber­liner His­to­riker Nikolaus Brauns.

Brauns geht aus­führlich auf die Vor­ge­schichte und Gründung der PKK ein, die ihre Wurzeln in der radi­kalen Linken der 60er und 70er Jahre hat. Von Anfang an war Abdullah Öcalan die zen­trale Figur der Bewegung. 1972 war er beim Ver­teilen linker Flug­blätter ver­haftet und musste sieben Monate in einem Mili­tär­ge­fängnis ver­bringen, wo er seine end­gültige poli­tische Prägung erfuhr. Nach der Haft ver­kündete der junge Öcalan: »Mohammed hat ver­loren, Marx hat gewonnen.«

Brauns berichtet, wie sich die PKK nach dem Mili­tär­putsch von 1980 poli­tisch fes­tigen konnte, während die Linke weit­gehend zer­schlagen wurde. Vor allem junge Akti­visten mit pro­le­ta­ri­schem Hin­ter­grund stießen damals zur PKK. Darin sieht der His­to­riker auch eine Begründung für die Militanz, mit der diese auf ver­meint­lichen Verrat reagierte. Dut­zende junger Männer und Frauen, die sich der PKK anschließen wollten, wurden will­kürlich als ver­meint­liche Spione getötet. Dar­unter waren auch ein Dutzend Stu­die­rende aus Eski­sehir, die nach ihrer Ankunft im Gue­ril­lacamp exe­ku­tiert wurden, nur weil eine junge Frau unter ihnen als Tochter eines Poli­zisten aus­ge­macht wurde. Mitt­ler­weile ist ein großer Teil der Mit­be­gründer der PKK ermordet, einige von den eigenen Genossen. Es spricht für das Buch, dass dieses dunkle Kapitel in der PKK-Geschichte nicht ver­schwiegen, zugleich jedoch die kur­dische Bewegung nicht auf diese oder andere Ver­brechen redu­ziert wird.

Brauns ver­weist darauf, wie der Kampf der PKK auch die unter­drückte kur­dische Bevöl­kerung in Syrien und Iran mobi­li­sierte. Akti­visten der ira­ni­schen Partei für ein freies Leben in Kur­distan (PJAK) sind vom Mullah-Régime in Teheran besonders bedroht. Mehrere der in den letzten Monaten hin­ge­rich­teten Oppo­si­tio­nellen sollen dieser Strömung nahe­ge­standen haben. Während das ira­nische Régime die PJAK als von den USA gesteuert dif­fa­miert, bekämpft die Admi­nis­tration in Washington diese wie­derum wegen man­gelnder Distanz zur PKK.

Aus­führlich setzen sich Brauns und Kiechle mit der isla­mi­schen AKP-Regierung aus­ein­ander. Sie dis­ku­tieren, wie sich ein EU-Bei­tritt der Türkei auf die Lage der Kurden aus­wirken würde. Sie zeigen sich im Gegensatz zu anderen Autoren dies­be­züglich skep­tisch. Im letzten Kapitel bilan­zieren Brauns und Kiechle, dass die kur­dische Bewegung die Inhaf­tierung Öcalans und nach­fol­gende inner­par­tei­liche Macht­kämpfe, Umbe­nen­nungen und Neu­grün­dungen relativ gut über­standen habe. Eine Eman­zi­pation der Kurden hält das Autorenduo jedoch nur im Rahmen einer inter­na­tio­nalen anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Bewegung für möglich. Brauns und Kiechle ver­weisen darauf, dass zahl­reiche kur­dische Orga­ni­sa­tionen innerhalb der tür­ki­schen Linken eine wichtige Rolle spielen. Das aktuelle Wie­der­auf­leben der Kämpfe in Kur­distan ist auch eine Folge der Ent­täu­schungen über die gegen­wärtige Politik in Ankara.

In einem spe­zi­ellen Kapitel geht Bri­gitte Kiechle auf die Rolle der Frauen in der kur­di­schen Bewegung ein. Ihr Fazit: »Im Ver­gleich zu anderen Par­teien und poli­ti­schen Strö­mungen in der Türkei, in Kur­distan und in dem gesamten Nahen und Mitt­leren Osten fällt die PKK durch eine hohe Betei­ligung von Frauen im poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Bereich und eine intensive Dis­kussion über die Geschlech­ter­ver­hält­nisse und die Befreiung der Frau auf.« Dies ist nur ein Aspekt, der in der hier­zu­lande üblichen ein­sei­tigen Beur­teilung des kur­di­schen Frei­heits­kampfes igno­riert wird oder schlichtweg nicht bekannt ist.

Nikolaus Brauns/​Brigitte Kiechle: PKK – Per­spek­tiven des kur­di­schen Frei­heits­kampfes. Zwi­schen Selbst­be­stimmung, EU und Islam. Schmet­terling Verlag, Stuttgart 2010. 510 S., geb., 26,80 €.

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Peter Nowak