40 Jahre Taz: Hat sie die Welt aus den Angeln gehoben?

Die Zeitung war ein Mei­len­stein auf dem Weg, von allen revo­lu­tio­nären und gesell­schafts­trans­for­ma­to­ri­schen Zielen Abstand zu nehmen

»Kalasch­nikow oder Yoga: Wirken Körper- und Men­tal­tech­niken gesell­schafts­ver­än­dernd?«, fragt sich Gudrun Kromrey. Und für Peter Grafe steht fest: »Yoga kann poli­tisch sein«. Die beiden Autoren gehörten zu den Taz-Gründern der ersten Stunde und haben am 27. Sep­tember 1978 die erste Null­nummer her­aus­ge­bracht. 40 Jahre später hat ein Teil von ihnen noch einmal eine Taz pro­du­ziert. Die Ausgabe vom 27. Sep­tember hatten sie kom­plett zu ver­ant­worten. Im Edi­torial erinnert Vera Gaserow noch einmal an den Impetus der Grün­derzeit:

1978 sind wir ange­treten, die Welt aus den Angeln zu heben. Mit­hilfe einer täglich erschei­nenden Zeitung wollten wir sie neu jus­tieren. Gerechter, fried­licher, weib­licher, freier, schöner – rundum besser sollte sie werden, radikal! Alles schien möglich – wir waren jung, wir wussten, wo es langgeht, wir hatten kein Geld, keine Erfahrung, aber jede Menge Utopien.

Vera Gaserow

Was hat die Taz mit der 68er-Bewegung zu tun?

Nun könnte man diese Zeilen schnell als Mythos oder gar Kitsch abtun. Die, die Welt aus den Angeln heben wollten, sind später so ange­passt geworden, wie die, gegen die sie vor 40 Jahren rebel­lierten. Doch diese Sicht wäre doch etwas zu ober­flächlich. Es wird oft aus­ge­blendet, in welcher gesell­schafts­po­li­ti­schen Situation die Taz gegründet wurde.

Da stellt sich auch die Frage, in welchen Ver­hältnis die Taz zum Auf­bruch von 1968 stand. Tat­sächlich ist die Zei­tungs­gründung, ebenso wie der Auf­bruch der grün­al­ter­na­tiven Listen am Ende der 1970er Jahre, ein Mei­len­stein für das Ende des 1968er Auf­bruches als Bewegung mit revo­lu­tio­närem Anspruch.

Die gesell­schafts­ver­än­dernden Utopien waren, wenn nicht auf­ge­braucht, so doch an ihre Grenzen gestoßen. Diese Utopien haben sich längst nicht nur im Aufbau von auto­ri­tären mao­is­ti­schen Kader­par­teien erschöpft. »Lasst tausend Blumen blühen«, diese Mao zuge­schriebene Parole hat bestimmt keine der Par­teien, die den großen Meister im Namen führten, umge­setzt, sehr aber die 68er Bewegung als Ganzes.

Eine Menge anar­chis­ti­scher, dis­si­denter sozia­lis­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher Ideen wurden neu ent­deckt und auf ihre Rea­li­täts­taug­lichkeit geprüft. Femi­nis­tische Ansätze wurden wieder auf­ge­griffen und wei­ter­ent­wi­ckelt. Gegen all diese Ideen und alle Ver­suche ihrer Umsetzung machte der Staat mobil.

Die Stich­worte »bleierne Zeit« und »Deut­scher Herbst« wurden schon zu Meta­phern und dienten bald auch der Geschichts­klit­terung. Denn es setzte sich bald die Lesart durch, die auch in der Jubi­läums-Taz ver­treten wird, im Deut­schen Herbst hätten die RAF und der Staat gegen­ein­ander Krieg geführt und die übrige Linke mit in Haftung genommen.

Und am Strand von Tunix wartete Peter Glotz

Die hätte sich nun mit dem großen Tunix-Kon­gress [1] im Januar 1978 aus dieser Umklam­merung befreit und so die Grundlage für neue Pro­jekte geschaffen. Die Taz war eines dieser Pro­jekte. Sie wurde nicht auf dem Tunix-Kon­gress gegründet. Es gab schon Monate vorher eine Vor­be­rei­tungs­gruppe für die Gründung einer alter­na­tiven Tages­zeitung. Tunix war nur das große Forum, auf dem die Ergeb­nisse vor­ge­stellt wurden.

»Zwei Tage, die die Republik ver­än­derten: Ende Januar 1978 ver­sam­melten sich in West-Berlin Tau­sende von Spontis zum ‚Tunix‘-Kongress«, schrieb Zeit­zeuge Michael Sont­heimer 2008 im Spiegel. Er gehörte als Taz-Mit­be­gründer auch zu den Autoren der Jubi­lä­ums­ausgabe. Mit der Ein­schätzung hatte er Recht und da kommen wir zur Ein­gangs­frage, ob die Bewegung, in der die Taz nur ein Projekt war, die Welt aus den Angeln gehoben hat: Ja, aber die Vor­be­dingung war, von allen revo­lu­tio­nären und gesell­schafts­trans­for­ma­to­ri­schen Zielen Abstand zu nehmen.

Gegen diese und nicht nur gegen die RAF und ihr Umfeld richtete sich der Deutsche Herbst bzw. die bleierne Zeit. Die Linke ver­ab­schiedete sich von diesen Kon­zepten und landete am Strand von Tunix. Von dort führten alle Wege zurück in den Staat. Der war am Tunix-Kon­gress in der Gestalt des dama­ligen Wis­sen­schafts­se­nators Peter Glotz ver­treten. Seine Teil­nahme dort wurde mit Erstaunen betrachtet.

Aus­stei­ger­prosa und der neue Ein­stieg in den Staat

Denn vor­der­gründig passte der blitz­ge­scheite Glotz, durch und durch ein Mann des Staates, nicht zu der hip­piesken Aus­stei­ger­prosa selbst­er­nannter Stadt­in­dianer:

UNS LANGT’S JETZT HIER!
Der Winter hier ist uns zu trist, der Frühling zu ver­seucht, und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amts­stuben, den Reak­toren und Fabriken, von den Stadt­au­to­bahnen. Die Maul­körbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plas­tik­ver­schnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll’n nicht mehr immer die­selbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh’n. Sie haben uns genug kom­man­diert, die Gedanken kon­trol­liert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr ein­machen und klein­machen und gleich­machen.
WIR HAUEN ALLE AB! … zum Strand von Tunix.

Aufruf zum Tunix-Kon­gress

Heute wissen wir, dass am Strand von Tunix Peter Glotz wartete und den ernüch­terten Bür­ger­kindern die Gewissheit mitgab, doch noch Staat machen zu können. Es gab natürlich beim Tunix-Kon­gress Gegen­stimmen [2]. Sie erhofften sich neue Impulse für den linken Auf­bruch. Doch die große Mehrheit wollte dort raus, das war der eigent­liche Kern der Aus­stiegs­prosa.

Über den Wie­der­ein­stieg gab es auch durchaus kon­tro­verse Vor­stel­lungen und nicht wenige werden damals ehrlich über­zeugt gewesen sein, sie könnten auch noch auf neuen Wegen die Republik trans­for­mieren. Und irgendwie haben sie es auch geschafft. Nur haben sie den Kapi­ta­lismus nicht etwa zurück­ge­drängt oder wenigstens im sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Sinne gezähmt.

Sie haben vielmehr aus dem 68er Auf­bruch die Skills mit­ge­bracht, mit dem sich der Kapi­ta­lismus erneuern konnte. Fle­xi­bi­lität, Diver­sität, Krea­ti­vität wurden bald getrennt von linken Kon­zepten zum Schwungrad einer neuen kapi­ta­lis­ti­schen Phase und in diesen Sinne auch zur Staats­raison.

Rebecca Harms, die am Maidan partout keine Rechten sehen wollte

Und auch von einer Welt ohne Krieg und Mili­ta­rismus haben sich die Alter­na­tiven am Strand von Tunix ver­ab­schiedet. Es begann die Zeit, als die Alter­na­tiven den Wert der Regionen und Nationen schätzen lernten, besonders, wenn es darum ging, die Ordnung von Jalta zum Ein­sturz zu bringen. Damit war das Nach­kriegs­europa der alli­ierten Sieger über Nazi­deutschland gemeint. Des­wegen blieb der Kampf gegen Jalta lange alten und neuen Nazis über­lassen, bis die Alter­na­tiven ihn ent­deckten.

Wohin das führte wird in der Taz-Jubi­lä­ums­ausgabe im Interview mit der lang­jäh­rigen Grünen-Poli­ti­kerin Rebecca Harms [3] besonders deutlich. Sie wurde zur Schutz­hei­ligen der ukrai­ni­schen Natio­nal­be­wegung, in der sie bis heute keine Rechten ent­decken kann.

Über ihr natio­nales Coming Out sagte Harms:

Der Besuch in Tscher­nobyl hat mich an das Land, das es damals noch gar nicht gab, gebunden. Der Osten Europas hat mich damals umarmt und mich nicht wieder los­ge­lassen. Ich ent­schied mich 2004 für das Euro­pa­par­lament, weil ich das Zusam­men­wachsen zwi­schen West und Ost in Europa mit­ge­stalten wollte. Und 2013 musste ich mit meinen Freunden auf dem Maidan sein. Ich erlebte als eine der ersten Grünen, wie sich der rus­sische Info­krieg anfühlt. Rus­sische Trolle denun­zierten mich als »Faschis­tenhure« und »Faschis­ten­flittchen«. Und ich beob­achtete selbst unter Grünen oder im Wendland die Wirkung dieser Pro­pa­ganda. Statt mich zu unter­stützen, wurde mir emp­fohlen, im begin­nenden Euro­pa­wahl­kampf das Thema zu wechseln. Bei den Bewer­tungen der Ereig­nisse in der Ukraine sowohl bei den Grünen als auch in Deutschland ins­gesamt hatte ich früh das Gefühl, dass etwas aus­ein­an­dergeht.

Rebecca Harms, taz

Nun waren es kei­neswegs nur »rus­sisch Trolle«, sondern viele Beob­achter der ukrai­ni­schen Gescheh­nisse, die in der Natio­nal­be­wegung rechte und faschis­tische Ten­denzen ent­decken konnten. Harms Statement bestätigt die Kritik an grünem Regio­na­lismus und Eth­no­kitsch, wie er in den 1970er und 1980er Jahren geäußert wurde.

Wer wie Harms die AKW-Havarie von Tscher­nobyl natio­na­lis­tisch deutet, hat auch ein natio­na­lis­ti­sches Grund­konzept. Von den Folgen waren Men­schen der unter­schied­lichen Teile der Sowjet­union betroffen, vor allem die Men­schen in Belarus [4]. Wenn es um den Kampf gegen die AKW-Nutzung geht, hätte man nicht zur Schutz­hei­ligen des ukrai­ni­schen oder eines anderen Natio­na­lismus werden müssen.

Man hätte vielmehr eine Anti-AKW-Bewegung in der gesamten Sowjet­union unter­stützen können. Harms und andere aus der Alter­na­tiv­be­wegung haben den Kampf gegen das System von Jalta mit gewonnen.

Sie gehören zu den besonders aggres­siven Teil der neuen herr­schenden Klasse, die sich vom Strand von Tunix zum Marsch auf die Insti­tu­tionen auf­machte. Dass haben sogar mitt­ler­weile Ludger Volmer [5] und Anje Vollmer [6] gemerkt, die als Teil des grünen Per­sonals in der Ära Schröder-Fischer keine Kritik an diesem Kurs übten.

Doch solche kri­ti­schen Rufe finden in der Taz-Jubi­lä­ums­ausgabe keinen Platz. So konnte Daniel Cohn-Bendit im Gespräch [7] mit dem ehe­ma­ligen SPD-Kanz­ler­kan­di­daten Martin Schulz sein Dogma wie­der­holen, dass die EU gerettet werden muss und dass könne nur der fran­zö­sische Prä­sident Macron machen. Sehr deutlich erklärt Cohn-Bendit, dass er kei­nes­falls für ein soziales Europa streitet:

Ich glaube, die Men­schen inter­es­siert das soge­nannte soziale Europa …
Cohn-Bendit: Quatsch. Ich kann das nicht mehr hören. Wenn die in der Bun­des­re­publik wählen oder in Frank­reich, wählen sie Per­sonen. Das Problem aber ist, dass die Men­schen mit Europa nichts ver­binden, weil sie mit den Per­sonen, die das ver­treten, nichts ver­binden. Macron hat doch nicht gewonnen, weil er gesagt hat, ich mache mehr Soziales. Er hat gewonnen, weil er seine Person mit einer Vision von Europa ver­bunden hat.

Taz-Interview [8]

Die schlaueste Kritik an den Kon­zepten derer, die sich einst am Strand von Tunix ver­sammelt haben, kommt von Wolfgang Zügel, der heute bei der kon­ser­va­tiven Welt arbeitet: Er nimmt prä­gnant die Theorien derer aus­ein­ander, die für ein Null­wachstum hier und jetzt plä­dieren und erinnert an einen linken Klas­siker, den viele auf den Weg nach Tunix liegen gelassen haben.

Man muss sich bei diesen steilen Thesen Karl Marx in Erin­nerung rufen: Jeder Kapi­talist ver­sucht, den Kon­kur­renten zu über­trumpfen, besser zu sein und so einen Extra­profit zu erwirt­schaften. Die anderen ver­suchen dann, den Vor­sprung ein­zu­holen und aus­zu­gleichen, der Nächste findet durch Inno­vation wieder eine Mög­lichkeit des Extra­profits – und so dreht sich die Spirale unauf­haltsam weiter. Dies zu durch­brechen würde die Abkehr vom pri­vaten zum gesell­schaft­lichen Eigentum und zur Plan­wirt­schaft bedeuten.

Wolfgang Zügel, Taz

Hier erinnert der Autor einer kon­ser­va­tiven Zeitung seine eins­tigen Mit­streiter an einige Grund­lagen für eine ver­nünftige Gesell­schafts­kritik. Aber die, die einst auf­brachen zum Strand von Tunix, wollten die Gesell­schaft nicht mehr kri­ti­sieren.

Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​4​1​78956
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​4​0​-​J​a​h​r​e​-​T​a​z​-​H​a​t​-​s​i​e​-​d​i​e​-​W​e​l​t​-​a​u​s​-​d​e​n​-​A​n​g​e​l​n​-​g​e​h​o​b​e​n​-​4​1​7​8​9​5​6​.html

Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.spiegel​.de/​e​i​n​e​s​t​a​g​e​s​/​s​o​z​i​a​l​e​-​b​e​w​e​g​u​n​g​e​n​-​a​-​9​4​9​0​6​8​.html
[2] http://​bewegung​.nostate​.net/​m​a​t​e​_​t​u​n​i​x​.html
[3] http://​www​.taz​.de/​4​0​-​J​a​h​r​e​-​t​a​z​/​!​5​5​3​8251/
[4] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​B​e​l​a​r​u​s​-​i​s​t​-​k​o​m​p​l​e​t​t​-​v​e​r​s​t​r​a​h​l​t​-​3​1​9​1​9​2​1​.html
[5] http://​www​.ag​-frie​dens​for​schung​.de/​t​h​e​m​e​n​/​P​a​z​i​f​i​s​m​u​s​/​D​e​b​a​t​t​e​/​W​e​l​c​o​m​e​.html
[6] http://​web​archiv​.bun​destag​.de/​a​r​c​h​i​v​e​/​2​0​0​7​/​0​2​0​6​/​m​d​b​/​m​d​b​1​5​/​b​i​o​/​V​/​v​o​l​l​m​a​n​0​.html
[7] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​3​6020/
[8] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​3​6020/