»Unser Weg ist nicht der einzig wahre«

Kaum eine Erwerbs­lo­sen­gruppe hält so lange durch wie die ALSO in Oldenburg – ein Gespräch über die Gründe
Die Arbeits­lo­sen­selbst­hilfe Oldenburg (ALSO) feiert ihr 30-jäh­riges Bestehen, was in der Erwerbs­lo­sen­be­wegung eine Rarität ist. PETER NOWAK sprach für »nd« mit dem ALSO-Akti­visten MICHAEL BÄTTIG, was sie anders machen, als andere Gruppen. Bättig ist seit Jahren bei der Gruppe aktiv.

nd: Wieso gibt es die ALSO seit 30 Jahren, während viele andere Erwerbs­lo­sen­gruppen immer wieder zer­fallen? Was machen Sie anders?
Bättig: Das liegt an unserer Orga­ni­sa­ti­onsform: Wir kämpfen für kom­munale Zuschüsse, orga­ni­sieren Spenden und nutzen das Geld für eine unab­hängige Sozi­al­be­ratung in einem eigenen sozialen Zentrum mit moderner Infra­struktur. Wir sind undog­ma­tisch und offen und behaupten nicht, unser Weg sei der einzig wahre. Deshalb stecken wir unsere Kraft auch mehr in unsere Orga­ni­sation, Aktionen und Ver­netzung als in die Kritik an Anderen. Wir haben uns zu einem Projekt ent­wi­ckelt, das viel­leicht ein kleines Bei­spiel für Selbst­or­ga­ni­sation mit dem Ziel einer gerechten und soli­da­ri­schen Gesell­schaft sein könnte.

Hat sich Ihre Arbeit durch Hartz IV geändert?
Als die Arbeits­markt­re­formen ein­ge­führt wurden, sind Erwerbs­lo­sigkeit, Armut und Aus­grenzung für einen his­to­ri­schen Moment zur zen­tralen gesell­schaft­lichen Aus­ein­an­der­setzung geworden. Hartz IV fasst alle Erwerbs­losen in den Job­centern zusammen und wirft die Frage auf, unter welchen Bedin­gungen Men­schen in dieser Gesell­schaft leben, arbeiten und wohnen sollen. Aber über die Aus­dehnung von Arbeit in jeder Form und um jeden Preis bis in die letzten Winkel der Gesell­schaft werden sie gleich­zeitig stig­ma­ti­siert, mobi­li­siert und wieder aus­ein­an­der­ge­trieben. Es ist nicht nur die Aus­weitung des Nied­rig­lohn­sektors und die weitere Pre­ka­ri­sierung der Arbeit, sondern die sys­te­ma­tisch und flä­chen­de­ckend betriebene Aus­merzung jeg­licher »Nicht-Arbeit« aus unser aller Leben, mit der Hartz IV auch zur Des­or­ga­ni­sation soli­da­ri­scher, anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Pro­jekte bei­getragen hat. Selbst bei mehr als fünf Mil­lionen Erwerbs­losen hat kein Mensch mehr Zeit.

Ihre Gruppe begleitet Erwerbslose zu Ter­minen im Job­center. Welche Erfah­rungen machen Sie dabei?
Begleitak­tionen sind Pro­zesse der Selbst­er­mäch­tigung und Selbst­or­ga­ni­sation. Die Anwe­senheit einer wei­teren Person hilft, vor­ent­haltene Leis­tungen durch­zu­setzen. Die Aktionen sind prak­tische Demons­tration von Gegen­macht und Auf­klärung: Fiese Sach­be­ar­beiter werden in ihre Schranken ver­wiesen, und die ent­wür­di­gende All­tags­mas­sen­ver­waltung der Job­center wird für einen Moment auf­ge­brochen. Das stärkt das Selbst­be­wusstsein, gibt Würde zurück. Im glück­lichen Fall führen die Aktionen dazu, dass sich die Leute in Zukunft gegen­seitig begleiten. Im unglück­lichen Fall werden sie beim nächsten »Alleingang« zusam­men­ge­faltet und ziehen daraus die übliche Lehre, »dass man besser die Fresse hält«. Begleitak­tionen hätten das Potenzial zu einer brei­teren gesell­schaft­lichen Bewegung über die Job­center hinaus. Darüber müsste eigentlich bun­desweit nach­ge­dacht werden.

Die ALSO hat vor zwei Jahren maß­geblich die Demons­tration »Krach schlagen statt Kohl­dampf schieben« orga­ni­siert und dafür unge­wöhn­liche Bünd­nis­partner wie die Milch­bauern gewonnen, die über niedrige Milch­preise klagen. Was ist Ihr Resümé?
Wir haben uns neu bewegt. Bünd­nisse von Erwerbs­lo­sen­netz­werken mit der Öko­lo­gie­be­wegung, mit kämp­fe­ri­schen Bauern und kri­ti­schen Ver­brau­cher­ver­bänden hat es vorher so nicht gegeben. Wir haben dadurch poli­tisch die Ver­bindung von Hartz-IV-Regel­sätzen und Nied­ri­ge­in­kommen mit Fragen öko­lo­gi­scher Lebens­mit­tel­pro­duktion und -ver­teilung her­ge­stellt. Dass die Form der indus­tri­ellen Nah­rungs­mit­tel­pro­duktion, die Zer­störung der Umwelt und die Aus­beutung der end­lichen Res­sourcen weltweit zu Schranken bei der voll­stän­digen Aneignung von äußerer Natur und mensch­licher Arbeits­kraft geworden sind, zeigt ein Blick in jede Tages­zeitung. Aber das ist nur eine Chance, der Rückenwind, der bläst: Ob daraus eine inter­na­tionale Pro­test­be­wegung wird, liegt auch an uns.

Müsste sich die Erwerbs­lo­sen­be­wegung euro­paweit ver­netzen?

Mit über 18 Mil­lionen ist die Zahl der Erwerbs­losen ist der EU auf ein neues Rekord­niveau gestiegen. In Spanien und Grie­chenland ist jeder Vierte erwerbslos, bei Jugend­lichen ist es jeder Zweite. Es wäre schön, wenn von deut­schen Erwerbs­lo­sen­netz­werken Signale der Soli­da­rität in diese Länder gesendet und aus diesen Ländern emp­fangen werden könnten. Am besten sind gemeinsame Aktionen wie etwa Blo­ckaden vor ein­schlä­gigen Insti­tu­tionen. Viel­leicht führt die weitere soziale und öko­no­mische Ent­wicklung in Europa dazu, dass sich so etwas ent­wi­ckelt. Es wäre naiv zu glauben, dass Deutschland weiter eine Insel der Glück­se­ligen bleiben kann.
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Interview: Peter Nowak