Rückkehr zur ethnischen Berichterstattung in den Medien?

Wie wichtig ist, dass der Täter »süd­län­disch aus­sieht«? Ein Kom­mentar in der Taz löst eine Kon­tro­verse aus

Ein Todesfall hat in den letzten Tagen in Berlin für ein großes mediales Interesse gesorgt. Ein junger Mann war in alko­ho­li­sierten Zustand in der Nähe des Roten Rat­hauses von einer Gruppe junger Par­ty­gänger so schwer geprügelt worden, dass er kurz darauf starb. Was diesen Fall so besonders ins Blickfeld rückte, war wohl der Tatort mitten in der Ber­liner Innen­stadt.

Dieser Todesfall gäbe sicher genügend Anlass, nach der Ursachen der Zunahme von Gewalt­de­likten zu fragen, bei denen es nicht um Geld, das Handy oder Eifer­sucht geht, sondern um den puren Spaß am Quälen von in der kon­kreten Situation Wehr­losen. Erst vor wenigen Tagen war ein Roll­stuhl­fahrer nach einem Fuß­ball­spiel zusam­men­ge­schlagen und mit seinen Schal fast erdrosselt worden. Auch hier war es eine Gewalttat aus reinem Spaß. Ist das ein Indiz für eine Gesell­schaft, in der der Mit­mensch generell nur noch als Gegner oder sogar Feind wahr­ge­nommen wird und sich dieses Ver­hältnis in die Event­kultur aus­weitet?

In Gruppen und nach einem ent­spre­chenden Dro­gen­konsum werden die im Alltag noch unter­drückten Gewalt­phan­tasien gegen Mit­men­schen hem­mungslos aus­gelebt. Hier könnte eine Erklärung für diese Gewalt in der Event­kultur liegen. Doch die Dis­kus­sionen drehten sich schnell um die eth­ni­schen und reli­giösen Hin­ter­gründe der Täter.

Anti­ras­sismus auf Knigge-Niveau?

Der Tages­spiegel ver­meldete in seinem Bericht über die Gewalttat, dass die Täter nach Poli­zei­an­gaben »süd­län­disch aus­sehen“. Die Taz ver­zichtete in ihrer Bericht­erstattung auf solche Zuschrei­bungen, was Taz-Redakteur Deniz Yücel in einer Kolumne als »Du-darfst-nicht-Anti­ras­sismus« kri­ti­sierte.

In seiner Polemik bezog er auch die Richt­linien des Deut­schen Pres­serats ein, nach denen die natio­nalen, eth­ni­schen und reli­giösen Hin­ter­gründe von mut­maß­lichen Tätern nur dann in Zei­tungs­be­richten erwähnt werden sollten, »wenn für das Ver­ständnis des berich­teten Vor­gangs ein begründ­barer Sach­bezug besteht«. Yücel hält diese Regelung für überholt; er moniert:

»Was einst eine ver­nünftige Reaktion darauf war, dass Eduard Zim­mermann in ‚Akten­zeichen XY‘ vor­zugs­weise nach jugo­sla­wi­schen und tür­ki­schen Staats­bürgern fahndete (‚Der Täter spricht gebrochen Deutsch und ist bewaffnet‘) und deutsche Lokal­zei­tungen und Bou­le­vard­blätter über keinen Laden­dieb­stahl berichten konnten, ohne auf die Her­kunft der Täter zu ver­weisen (‚Aus­länder beim Klauen erwischt‘), hat sich zu einem Ver­schleie­rungs­in­strument ver­selbst­ständigt; zu einer Ansammlung von ‚Du-darfst-nicht‘-Sätzen, die die Glaub­wür­digkeit von Medien erschüttern, aber jede Erkenntnis ver­hindern.«

Jah­relang haben Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen dafür gestritten, dass die Nennung der ver­meint­lichen Her­kunft von angeb­lichen Straf­tätern in Zei­tungs­be­richten ver­schwindet, gerade um solche Dis­kri­mi­nie­rungen zu ver­hindern. Es gibt auch keinen Grund von diesem Grundsatz abzu­weichen. Das wurde nicht zuletzt durch Yücels Kom­mentar deutlich.

Seine Polemik ver­an­lasste eine Schar von Kom­men­ta­toren die mul­ti­kul­tu­relle Gesell­schaft noch einmal rhe­to­risch zu beer­digen. Zuvor hatten schon rechte Gruppen die Gewalttat auf­ge­griffen und zu Mahn­wachen auf­ge­rufen. Die Taz hatte berichtet, dass im Kon­do­lenzbuch ras­sis­tische Parolen auf­tauchten.

Über soziale Rea­li­täten statt über eth­nische Zuschrei­bungen berichten

Diese Reaktion macht noch einmal deutlich, dass Yücel wohl eine zu positive Ein­schätzung über die Zivi­li­siertheit der Gesell­schaft in Deutschland hat. Während Men­schen­rechts- und Flücht­lings­gruppen gegen eth­nische Ermitt­lungen kämpfen, wird hier dafür plä­diert, dass eth­nische Bericht­erstattung, die in den meisten, vor allem den auf­la­gen­stärksten, Zei­tungen immer Praxis war, auch auf Medien wie die Taz wieder aus­ge­weitet wird.

Yücel kann auch nicht erklären, was mit der eth­ni­schen Duft­marke erreicht würde, außer der Zunahme von Res­sen­ti­ments. Denn weder kann er spe­zi­fi­zieren, was ein süd­län­di­sches Aus­sehen ist, noch was es aus­sagen soll. Was mit dieser Dis­kussion aber ver­drängt wird, ist die Frage, warum in Berlin lebende junge Men­schen andere aus reinem Fun quälen und sogar töten. Um das zu klären, wäre nicht das Aus­sehen der Täter relevant, sondern die Lebens­ver­hält­nisse, denen sie in ihrem Alltag aus­ge­setzt sind.
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​53058
Peter Nowak