Deutsch gegen Deutschland

Hans Deutsch kämpfte für die Wie­der­gut­ma­chung von NS-Opfern. Ein Buch erinnert daran, wie ein Kartell von Alt­nazis den jüdi­schen Rechts­anwalt kri­mi­na­li­sierten. Die Spuren führen auch in die Schweiz.

Wenn sich Deutschland heute als Welt­meister bei der Auf­ar­beitung der NS-Ver­brechen feiern lässt, wird häufig ver­gessen, dass in West­deutschland bis in die 1980er Jahre die NS-Opfer und ihre Unter­stüt­ze­rInnen bekämpft und ver­leumdet wurden. Wie die wieder in Amt und Würden gelangte ehe­malige NS-Beam­ten­schaft vorging, zeigt die Kam­pagne gegen den in Öster­reich gebo­renen Rechts­anwalt Hans Deutsch. Der Spiegel-Gerichts­re­porter Gerhard Mauz nannte ihn «einen Vor­kämpfer an der Front der Ent­schä­digung für Opfer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­folgung». Der 1906 in Wien Geborene schaffte es, nach dem Ein­marsch der Wehr­macht, das Land zu ver­lassen. Seine jüdi­schen Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Hans Deutsch hatte in Israel eine Anwalts­praxis eröffnet. Doch er zog nach der Nie­derlage des NS nach Wien zurück. Dort machte er sich bald einen Namen als «Mister Wie­der­gut­ma­chung», wie er in der Presse genannt wurde. Nun ist der Begriff Wie­der­gut­ma­chung schon ein Euphe­mismus. Wie hätten die deut­schen Ver­brechen wie­der­gut­ge­macht werden können? Mil­lionen Men­schen waren ermordet worden, noch mehr waren trau­ma­ti­siert und litten ihr gesamtes Leben an den Folgen der Ver­folgung. Wie­der­gut­ge­macht werden sollte hin­gegen der Ruf Deutsch­lands, hier vor allem der BRD bei ihren Ver­bün­deten und in der Welt.
Hans Deutsch hin­gegen hatte das Ziel, als Rechts­anwalt finan­zielle Kom­pen­sa­tionen für die von den Nazis beraubten JüdInnen juris­tisch zu erstreiten. Dabei ging es um wert­volle Möbel und Kunst­werke, um Tep­piche und Por­zellan, die aus den Häusern von wohl­ha­benden jüdi­schen Men­schen zunächst in Deutschland und dann in sämt­lichen von der Wehr­macht besetzten Ländern aus­ge­plündert wurden. Nach der NS-Nie­derlage wollten die dafür Ver­ant­wort­lichen ihre Beute kei­neswegs ver­lieren. Diese Kreise sahen in Hans Deutsch, der mit der Voll­macht als israe­li­scher Anwalt die ersten Sam­mel­klagen der Opfer ein­reichte, einen Feind, der zur Strecke gebracht werden musste. Wie Büro­kra­tInnen, Poli­ti­ke­rInnen und auch manche Medien dabei vor­gingen, ist das Thema eines im Verlag «Das Neue Berlin» her­aus­ge­ge­benen Buches. Es ist ein wahrer Polit­krimi, den der Publizist Burkhart List unter dem Titel «Die Affäre Deutsch» auf fast 500 Seiten – manchmal etwas zu aus­schweifend – vor den Lese­rInnen aus­breitet. Vor allem die zahl­reichen bis heute offenen Fragen hätten besser gebündelt werden sollen. Denn die von List aus­ge­brei­teten Fakten sind alar­mierend genug.

«Deutsche Unver­schämtheit»
1964 war Deutsch unter dem Vorwurf ver­haftet worden, er habe Beweis­ma­terial über die unga­rische Kunst­sammlung Hatvany gefälscht. Die Bilder seien nicht von der SS, sondern von der Roten Armee geraubt worden, so die Anklage. Deutsch wurde des Betrugs beschuldigt, weil er von der BRD dafür Ent­schä­digung ein­klagte. List befasst sich akri­bisch mit den Gegen­spie­le­rInnen von Deutsch, nennt deren NSDAP-Mit­glieds­nummern und Nach­kriegs­kar­rieren. An erster Stelle seien hier der ehe­malige SS-Unter­sturm­bann­führer und spätere Prä­sident des Bun­des­kri­mi­nalamt Paul Dickopf sowie der Beamte im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium Ernst Féaux de la Croix genannt. Deutsch sass 18 Monaten in Unter­su­chungshaft, doch der Prozess führte erst nach neun Jahren zu seinem Frei­spruch. Deutsch stritt bis zum Lebensende um seine Reha­bi­li­tation. Unter­stützt wurde er von einem kleinen Freun­dIn­nen­kreis, der vor allem in Frank­reich aktiv war. In Deutschland kannte kaum jemand den Mann, der bis zu seinem Tod im Jahr 2002 von der «deut­schen Unver­schämtheit, die Mörder meines Volkes gegen mich auf­mar­schieren zu lassen», sprach. Sein Sohn setzte den Kampf um Gerech­tigkeit für seinen Vater fort. Mit dem 2005 erstellten Film «Deutsch gegen Deutschland» wurde ein Anfang gemacht. Mit seinem Buch setzt Burkhart List, der über viele Jahre die Affäre Deutsch publi­zis­tisch unter anderem für die «Süd­deutsche Zeitung» begleitet hat, diesen Kampf fort.

Bis in die Schweiz
List beschreibt in seinem Polit­krimi, wie die Nazis auch in der offi­ziell neu­tralen Schweiz JüdInnen beraubten. «Der einstige Indus­trie­magnat Bloch-Bauer lebte seit 1939 in Zürich im Exil, doch die Nazis waren noch nicht fertig mit ihm. (…) Der geflüchtete Bloch-Bauer ahnte nicht, dass Dr. Führer vom SS-Geheim­dienst nach Zürich ent­sandt worden war, um ihn auch noch seines letzten Hab und Guts zu berauben», beschreibt der Autor das Treiben der Nazis in der Schweiz im Jahr 1940. Er beschreibt das Ziel des Nazi­be­suchs in der Schweiz: «Obwohl Bloch-Bauer offi­ziell von Freunden lebte, die ihm eine halbe Million Schweizer Franken über­lassen haben, ver­mutete die SS noch Konten in der Schweiz und ein Bank­depot. An dieses Rest­ver­mögen wollte die SS ran.» Daher wurde Bloch Unter­schla­gungen vor­ge­worfen und die Schweizer Insti­tu­tionen spielten mit. «Die Büro­kraten kon­stru­ierten Steu­er­schulden, Straf­zu­schläge und Geld­strafen nach obskuren Straf­ver­fahren und erfanden neue Steuern, um mit astro­no­mi­schen For­de­rungen ihre Opfer unter Druck setzen zu können. (…) Diese Geld­for­de­rungen wollte der SD auch in der Schweiz ein­treiben, und die Schweizer Banken kamen diesen Ansinnen tat­sächlich nach: etwa 200 Mil­lionen Franken von jüdi­schen Konten an das Deutsche Reich. Die Kon­to­in­haber waren diesem Treiben hilflos aus­ge­liefert.» Der SS-Emissär, der diesen Auftrag erle­digen sollte, hiess Erich Führer. 20 Jahre nach dem Ende des NS war er Teil der braunen Seil­schaft, die Hans Deutsch kri­mi­na­li­sierte.

In Erklä­rungsnot
Auch in seiner unmit­tel­baren Umgebung in Lau­sanne lebte ein Altnazi. «Sein Name: Francis Genoud, der ehe­malige SD-Agent aus Lau­sanne», schreibt List. Er konnte nach­weisen, dass Genoud vom dama­ligen Vize­prä­si­denten des BKA Paul Dickopf in den 1960er Jahren auf Hans Deutsch ange­setzt worden war. List setzt auch hinter den thea­tra­lisch insze­nierten Selbstmord von Genoud im Mai 1996 ein Fra­ge­zeichen und geht auf Gerüchte ein, er habe sich mit 81 Jahren mit neuer Iden­tität nach Latein­amerika abge­setzt, wie viele Ex-Nazis 40 Jahre vorher. «Aus einem ein­fachen Grund könnte das es durchaus so sein: Zu diesem Zeit­punkt war die Jagd nach dem Nazigold aus­ge­brochen und Genoud wegen seiner Rolle als Beu­te­schieber der SS in Bedrängnis geraten.» Damals war auch die Schweizer Politik in Erklä­rungsnot geraten. Der Kon­flikt um das Nazigold führte zu einer Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen den füh­renden Poli­ti­ke­rInnen der USA und der Schweiz. Von Seiten der rechten SVP wurde der Kon­flikt mit anti­se­mi­ti­schen Tönen «gegen die Anwälte der US-Ost­küste» befeuert. List streifte dieses Thema in einigen Kapiteln nur. Denn bei der Frage, ob Genoud wirklich Selbstmord beging oder nur sein Schweizer Leben beendete, ist er auf Mut­mas­sungen ange­wiesen. Schnell wird dann einem Autoren unter­stellt, er stützte sich auf Ver­schwö­rungs­theorien, um das gesamte Buch zu dis­kre­di­tieren. Das wäre im Fall von Burkhart List besonders bedau­erlich. Hat er doch hier sein pro­fundes Wissen zusam­men­ge­tragen, dass er zur Affäre Deutsch gesammelt hat. Die war so gründlich in Ver­ges­senheit geraten, dass nur zu hoffen ist, dass Buch auch einen Start­schuss gibt, um an einen Mann zu erinnern, der von den Nazis bis in die 1960er Jahre ver­folgt wurde.

List Burkhart: Die Affäre Deutsch. Verlag Das Neue Berlin, 29 Euro.

aus: Vorwärts/17.11.2018

Deutsch gegen Deutschland

Peter Nowak

Deutsch gegen Deutschland

Burkhart List erinnert an die »Affäre Deutsch« und einen der größten Raub­kunst­skandale der Nach­kriegszeit

Wenn sich Deutschland heute als Welt­meister bei der Auf­ar­beitung der NS-Ver­brechen feiern lässt, wird häufig ver­gessen, dass in West­deutschland bis in die 1980er Jahre hinein die NS-Opfer und ihre Unter­stützer bekämpft und ver­leumdet worden sind. Wie die wieder in Amt und Würden gelangte ehe­malige NS-Beam­ten­schaft dabei vorging, zeigt die Kam­pagne gegen den Rechts­anwalt Hans Deutsch.
Der 1906 in Wien Geborene schaffte es, nach dem Ein­marsch der Wehr­macht in Öster­reich recht­zeitig zu fliehen, seine jüdi­schen Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung kehrte Deutsch aus Tel Aviv nach Wien zurück, wo er in der Presse alsbald »Mister Wie­der­gut­ma­chung« genannt wurde. Der Rechts­anwalt kämpfte um finan­zielle Kom­pen­sa­tionen für die von den Nazis beraubten Jüdinnen und Juden. Dabei ging es um wert­volle Möbel und Kunst­werke, um Tep­piche und Por­zellan, die aus den Häusern jüdi­scher Familien in Deutschland und dann in sämt­lichen von der Wehr­macht besetzten Länder ver­schleppt worden sind. Mit einer israe­li­schen Voll­macht reichte Deutsch die ersten Sam­mel­klagen der Opfer ein. Pro­fi­teure des Raubes an jüdi­schem Eigentum erach­teten ihn natürlich als einen Feind, der zur Strecke gebracht werden müsse. Wie Büro­kraten, Poli­tiker und auch manche Medien ihn atta­ckierten, ist ein wahrer Polit­krimi, den der Publizist Burkhart List nunmehr spannend und kennt­nis­reich unter die Leser bringt. 1964 wurde Deutsch unter dem Vorwurf ver­haftet, er habe Beweis­ma­terial über die unga­rische Kunst­sammlung Hatvany gefälscht. Die Bilder seien nicht von der SS, sondern von der Roten Armee geraubt worden, so die Anklage. Deutsch wurde des Betrugs beschuldigt, weil er von der BRD hierfür Ent­schä­digung ein­klagte. List befasst sich akri­bisch mit den Gegen­spielern von Deutsch, nennt deren NSDAP-Mit­glieds­nummern und Nach­kriegs­kar­rieren. Bei­spiels­weise der ehe­malige SS-Unter­sturm­bann­führer und spätere Prä­sident des Bun­des­kri­mi­nalamt Paul Dickopf sowie der Beamte im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium, Feaux de le Croix. Deutsch saß 18 Monaten in Unter­su­chungshaft, der Prozess führte erst nach neun Jahren zu einem Frei­spruch. Deutsch stritt bis zum Lebensende um seine Reha­bi­li­tation. Unter­stützt wurde er von einem kleinen Freun­des­kreis, der wie List betont, vor allem in Frank­reich aktiv war. In Deutschland kannte kaum jemand den Mann, der bis zu seinem Tod im Jahr 2002 die »deutsche Unver­schämtheit« anklagte, »die Mörder meines Volkes gegen mich auf­mar­schieren zu lassen«. Sein Sohn setzte den Kampf um Gerech­tigkeit fort. Mit dem 2005 erstellten Film »Deutsch gegen Deutschland« wurde ein Anfang gemacht. Und mit seinem Buch unter­stützt List, der über viele Jahre die »Affäre Deutsch« publi­zis­tisch u. a. für die »Süd­deutsche Zeitung« begleitete, diesen Kampf.

• Burkhart List: Die Affäre Deutsch. Braune Netz­werke hinter dem größten Raub­kunst-Skandal.
Das Neue Berlin, 496 S., br., 29 €.

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Peter Nowak