Querfront-Projekt endete als Farce

Sie eint nur die Ablehnung von Nato, die USA und Israel – doch selbst in der Links­partei gibt es einige, die zumindest klamm­heim­liche Sym­pa­thien äußern

Am Ende wurde die Preis­ver­leihung zur Posse. Der Mode­rator Ken Jebsen, dessen Mar­ken­zeichen regres­siver Anti­zio­nismus, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sches Denken und der Aufruf zu einem Links-Rechts-Crossover ist, sollte im vom Ber­liner Senat sub­ven­tio­nierten Kino Babylon[1] von der Neuen Rhei­ni­schen Zeitung[2] einen Preis ver­liehen bekommen.

Doch kurz­fristig hatte Ken Jebsen über ihn nahe­ste­hende Medien seine Absage erklärt[3]. Es soll hinter den Kulissen Streit über einige der Gäste und Musiker gegeben haben. Nun könnte man sich über das ver­diente Desaster eines Pro­jekts freuen, das vom Kampf gegen Israel und den USA lebt. Wenn es eine Quer­front­zeitung gibt, die eini­ger­maßen funk­tio­niert, dann ist es die Neue Rhei­nische Zeitung.

Der klang­volle Name der Publi­kation, in der auch Karl Marx publi­zierte, soll nicht täu­schen. Heute ist es das Zei­tungs­projekt einer kleinen Gruppe ehe­ma­liger auto­ri­tärer Linker, die nach dem Ende des Nomi­nal­so­zia­lismus nicht mehr links und rechts kennen wollten. Sie hofften, aus der Pegida-Bewegung eine Anti-Nato-Bewegung machen zu können.

Die »Enga­gierten Demo­kraten gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Europas« aber waren äußerst kurz­lebig. Doch Andreas Neumann und Annelie Fik­ent­scher, beides Redak­teure der heute real exis­tie­renden Neuen Rhei­nische Zeitung, waren voll des Lobes[4] für diese Auf­märsche:

Die »Enga­gierten Demo­kraten gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Europas« dagegen sind die­je­nigen, die erkannt haben, von wo die großen Bedro­hungen für die Menschheit aus­gehen.

Anne­liese Fik­ent­scher und Andreas Neumann

Dabei ist bei einen Blick auf die Endgame-Inter­net­präsenz zu erkennen, dass dort mit dem Anti­ame­ri­ka­nismus und dem Lügen­presse-Vorwurf sowie Ver­schwö­rungs­theorien aller Art nur eine Variante von Pegida aktiv war. Wer sich die Bilder der Endgame-Auf­märsche anguckte, konnte unschwer in der rechten Szene aktive Per­sonen dort aus­machen.

In der Ablehnung von Kate­gorien wie links und rechts und im Hass auf Israel und die USA treffen sie sich mit Ken Jebsen, der seine Tages­dosis Ver­schwö­rungs­theorie sehr pro­fes­sionell unter das Publikum bringt[5] und das ist nicht klein. Das ist ein Zeichen des Irra­tio­na­lismus, in Zeiten, in der linke Poli­tik­vor­stel­lungen dis­kre­di­tiert sind.

Jebsen ver­steht es gekonnt, linke Ver­satz­stücke mit in seine Bot­schaft ein­zu­bauen, den Kapi­ta­lismus zu ver­ur­teilen, ihn dann aber ver­schwö­rungs­theo­re­tisch zu begründen. Selbst die anti­zio­nis­tische Tages­zeitung »junge Welt« kon­ze­diert Jebsen ein geschlossen anti­se­mi­ti­sches Weltbild und bezieht sich auf dem Videoclip Anti­zio­nis­ti­scher Rassismus[6].

Nun könnte man denken, dass alle Linken sich freuen, dass die Preis­ver­leihung an Jebsen nun ohne große Pro­teste ins Wasser fiel, weil sich die Quer­front selber zer­legte. Doch das ist ein Irrtum.

Linke über Jebsen zer­stritten

Vielmehr hat die Preis­ver­leihung bereits im Vorfeld zu mas­siven Streit in der Links­partei geführt. Die einen stehen auf der Seite des Ber­liner Kul­tur­se­nators Klaus Lederer[7], der die Preis­ver­leihung im staatlich geför­derten Film­theater (»Jahr­markt der Ver­schwö­rungs­gläu­bigen und Aluhüte«, wie Lederer sagte) gern ver­hindert hätte.

Nun kann man die Frage stellen, warum nicht auch inter­ve­niert wurde, als Martin Hohmann, der wegen einer anti­se­mi­tisch emp­fun­denen Rede aus der CDU aus­ge­schlossen wurde und sich heute in der AFD hinter Höcke stellt, bei einer rechten Preis­ver­leihung in der Zita­delle in Spandau[8] redete.

Man könnte auch monieren, dass der Ber­liner Senat, damals auch unter Betei­ligung der Links­partei, nicht inter­ve­nierte, als im Kino Babylon ein Arbeits­kampf stattfand und der Kino­ge­schäfts­führer sogar ver­suchte, der daran betei­ligten Basis­ge­werk­schaft FAU den Gewerk­schafts­status abzusprechen[9]. Wenn aber Links­partei-Poli­tiker Jebsen und seine Fans irgendwie als zur eigenen Familie gehörig betrachtet werden, muss man sich schon wundern.

Bun­des­tags­ab­ge­ordnete wie Andrej Hunko[10] betonen, dass sie wohl auch Dif­fe­renzen mit Jebsen haben. Aber am Ende ver­teidigt er doch Jebsen und seine Anhänger. Hunko macht in seinen Text einen Exkurs zur Welt­po­litik und in die Geschichte. Nur eine Frage lässt er wie die anderen Jebsen-Ver­tei­diger offen. Kennt er die Texte, in denen Jebsen die Zio­nisten für alle Übel der Welt ver­ant­wortlich macht und den Mossad mit der SS ver­gleicht?

Diese Frage geht auch an den Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Wolfgang Gehrcke, der am Don­nerstag auf einer Kund­gebung geredet hat, die sich gegen die Inter­vention des Senators seiner eigenen Partei beim Kino Babylon richtete. Gehrcke kritisierte[11] die poli­tische Rechte in seiner Rede.

Er setzt sich dort für eine Linke ein, die gegen Kriege und Gewalt und für die Freiheit des Wortes und des Geistes ein­tritt. Kämpft Gehrcke also dafür, dass Jebsen gegen ein Holo­caust-Denkmal in Washington hetzen und im Geiste des Schwarzbuch-Kom­mu­nismus davon schwa­dro­nieren kann, dass die Sowjet­union das Copy­right beim Ver­nichten von Men­schen hatte und die Nazis nur die Lehr­linge waren.

Der Streit dürfte in der Linken wei­ter­gehen, auch wenn die Preis­ver­leihung nun aus internen Gründen nicht zustande kam. Es gibt in den letzten Monaten die These, dass unter dem Dach der Linken zwei völlig unter­schied­liche Poli­tik­kon­zepte ver­treten sind. Beide sind auf­ein­ander ange­wiesen, weil sie sonst beide nicht ins Par­lament kämen. Doch an dem Streit um die Jebsen-Show wurde auch deutlich, wie unter­schiedlich die Vor­stel­lungen real sind.
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Peter Nowak

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[5] https://​kenf​.de/
[6] https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​F​p​C​S​6​K​wZ63E
[7] https://www.die-linke.de/partei/parteistruktur/parteivorstand/2016–2018/beschluesse/detail/news/klare-kante-gegen-querfront/
[8] https://​www​.vice​.com/​d​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​y​w​b​a​3​b​/​w​i​r​-​w​a​r​e​n​-​b​e​i​-​e​i​n​e​r​-​p​r​e​i​s​v​e​r​l​e​i​h​u​n​g​-​f​u​r​-​r​e​c​h​t​e​-​j​o​u​r​n​a​l​isten
[9] https://​berlin​.fau​.org/​k​a​e​m​p​f​e​/​k​i​n​o​-​b​a​b​y​l​o​n​-​mitte
[10] http://​www​.andrej​-hunko​.de/​s​t​a​r​t​/​a​k​t​u​e​l​l​/​3​8​4​8​-​p​e​r​s​o​e​n​l​i​c​h​e​-​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​z​u​m​-​p​a​r​t​e​i​v​o​r​s​t​a​n​d​b​e​s​c​h​l​u​s​s​-​d​e​r​-​l​i​n​k​e​n​-​k​l​a​r​e​-​k​a​n​t​e​-​g​e​g​e​n​-​q​u​e​r​front
[11] https://​www​.wolfgang​-gehrcke​.de/​d​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​1​9​4​8​.​e​s​-​g​i​b​t​-​s​i​e​-​d​i​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​r​e​c​h​t​e​-​u​n​d​-​a​u​c​h​-​d​i​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​l​i​n​k​e​.html