Rote Fahnen auf Palästen

Peter Haumer erinnert an ein öster­rei­chi­sches Revo­lu­ti­ons­ka­pitel

Der bevor­ste­hende 100. Jah­restag der Novem­ber­re­vo­lution in Deutschland sollte nicht ver­drängen, dass 1918/19 auch andernorts eine eman­zi­pative Alter­native zur bür­ger­lichen Gesell­schaft auf der Tages­ordnung stand. Auch in Öster­reich wehten rote Fahnen über Adels­pa­lästen. Ende 1918 brach als Folge des Ersten Welt­kriegs die K.u.K.-Monarchie »ras­selnd zusammen«, wie Peter Haumer schreibt. Am Tag der Aus­rufung der Republik Öster­reich demons­trierten Tau­sende Arbeiter für eine sozia­lis­tische Republik. »Sie hatten ganz kon­krete Vor­stel­lungen, wie dies zu bewerk­stel­ligen sei: Selbst­or­ga­ni­sation in Form der Räte­be­wegung.« Mit seiner »Geschichte der F.R.S.I.« ent­reißt Haumer die Föde­ration Revo­lu­tio­närer Sozia­listen der Ver­ges­senheit, in die sie mit der Kri­mi­na­li­sierung und Ver­folgung ihrer Akteure nach der Zer­schlagung der Revo­lution geriet. Ihr Kampf um eine neue Gesell­schaft wurde zunächst von den Aus­tro­fa­schisten und nach dem »Anschluss« an das »Deutsche Reich« von den Nazis aus dem öffent­lichen Bewusstsein getilgt. Insofern ist dieses Buch eine ver­dienst­volle, not­wendige Pio­nier­arbeit.

Der Autor bietet Ein­blicke in die Vor­ge­schichte der Revo­lution, stellt Akteure vor, skiz­ziert die Ereig­nisse und benennt die Gründe für die Nie­derlage. Er beschreibt, wie schon 1915 linke Sozi­al­de­mo­kraten gegen die Burg­frie­dens­po­litik ihrer Par­tei­führung oppo­nierten. In ihrem macht­vollen Janu­ar­streik 1918 pro­tes­tierten Arbei­te­rinnen und Arbeiter wich­tiger öster­rei­chi­scher Rüs­tungs­be­triebe gegen die sinnlose Fort­setzung des Krieges und grün­deten Räte, die Grundlage für die F.R.S.I. Haumer ver­weist auf den Ein­fluss der rus­si­schen Okto­ber­re­vo­lution von 1917 auf auch Anar­chisten und Anar­cho­syn­di­ka­listen. Nach dem Janu­ar­aus­stand fielen die Linken wieder in gegen­seitige Schuld­vor­würfe zurück, bis im Laufe des Jahres 1918 die revo­lu­tionäre Welle erneut an Schwung gewann und For­de­rungen nach einem sofor­tigen Frieden ohne Anne­xionen arti­ku­liert wurden. Am 3. November 1918 gründete sich die Kom­mu­nis­tische Partei Deutsch-Öster­reich, Wochen vor der deut­schen KP. Doch nicht sie, sondern die F.R.S.I. war zunächst die trei­bende Kraft der Revo­lution in Öster­reich. Schon mit dem Begriff Föde­ration wird deutlich, dass es sich um einen dezen­tralen Zusam­men­schluss linker Gruppen han­delte, die für eine sozia­lis­tische Zukunft kämpften.

Julius Dickmann, einer der wich­tigen Ver­treter des Räte­ge­dankens in Öster­reich, beschrieb die Dif­fe­renzen zur KPÖ: »Auch wir sind Anhänger der kom­mu­nis­ti­schen Gedanken. Auch wir ori­en­tieren uns an der Rus­si­schen Revo­lution, aber wir lehnen es ab, den rus­si­schen Kom­mu­nismus fix und fertig auf unsere Ver­hält­nisse zu über­tragen.«

Haumer zeigt, wie eng das Schicksal der Revo­lution in Öster­reich mit der baye­ri­schen und unga­ri­schen Räte­re­publik ver­knüpft war. Deren blutige Zer­schlagung stärkte auch die reak­tio­nären Kräfte in Öster­reich, wor­aufhin die Mehrheit der F.R.S.I. im Mai 1919 die Fusion mit der KPÖ beschloss. Manche ihrer Akti­visten wie Julius Dickmann blieben jedoch par­teilos. Fast erblindet wurde der Räte­kom­munist 1942 von den Nazis ermordet.

Peter Haumer: Geschichte der F.R.S.I. Die Föde­ration Revo­lu­tio­närer Sozia­listen »Inter­na­tionale« und die öster­rei­chische Revo­lution 1918/19., Man­delbaum, 260 S., br., 17 €.

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Peter Nowak

„Es kommt darauf an, dass die Masse sich selbst begreifen lernt“.


Peter Haumer: Julius Dickmann, » … dass die Masse sich selbst begreifen lernt«. Poli­tische Bio­graphie und aus­ge­wählte Schriften, Man­delbaum-Verlag Wien, 2016, 358 Seiten, 19,80 Euro

„Um mich mache Dir keine großen Sorgen, ich bin abge­härtet gegen Unan­nehm­lich­keiten des Lebens (S.149)“, schreibt Julius Dickmann aus Wien auf einer Post­karte an seine Nichte Anne Fried in den USA. Es ist sein letztes Lebens­zeichen. Kurze Zeit später wird er mit Tau­senden jüdi­schen Männern von Wien in die NS-Ver­nich­tungs­lager depor­tiert, wo er 1942 im Alter von 48 Jahren ermordet wurde.
“Doch Julius Dickmann hat viele Mar­kie­rungen auf seinen Lebensweg hin­ter­lassen, die – mühsam zu finden und zu rekon­stru­ieren – es doch ermög­lichen sollten, ihn der Ver­ges­senheit ein klein wenig zu ent­reißen“, (S.13), schreibt de Wiener His­to­riker Peter Haumer. Er hat im Man­delbaum Verlag in der Reihe kritik & utopie ein Buch her­aus­ge­geben, das das Leben von Julius Dickmann rekon­struiert. Im ersten Kapitel fasst Haumer Dick­manns poli­tische Vita so zusammen: “Er war Sozi­al­de­mokrat und die Sozi­al­de­mo­kratie schweren Herzens hinter sich lassen müssen…. Später war er revo­lu­tio­närer Sozialist, Inter­na­tio­nalist, gänzlich der Räteidee ver­pflichtet. Er wurde wieder bes­seren Wissens Par­tei­kom­munist, in der Erwartung, der Errichtung der Räte­herr­schaft dadurch um ent­schei­dende Schritte näher­zu­kommen. Als er die Feh­ler­haf­tigkeit dieser Anschauung erkannte, wurde er zum dis­si­denten Mar­xisten“ (S. 12). Hierin liegt auch ein Grund, warum im Par­tei­archiv der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Öster­reich (KPÖ) keine Spuren von Dickmann zu finden sind, was sein fast völ­liges Ver­gessen auch erklärbar macht. Ihm geht es wie vielen dis­si­denten Kom­mu­nis­tinnen und Kom­mu­nisten.
Haumer zeigt auf, wie der aus dem jüdi­schen Klein­bür­gertum stam­mende Dickmann, der sich selber als Atheist ver­stand, durch die revo­lu­tionäre Welle der Jahre 1917/18 wie viele andere mit der revo­lu­tio­nären Arbei­ter­be­wegung in Berührung kam. Seine Schriften aus der Zeit waren im poli­ti­schen Hand­ge­menge geschrieben und wollten unmit­telbare poli­tische Wirkung ent­falten. So hieß in einer von Dickmann ver­fassten Flug­schrift vom Neujahr 1919 „Wir kommen einigen! Auf den Trümmern Öster­reichs, dieses Kerkers der Nationen, in welchen die sozi­al­de­mo­kra­tische Inter­na­tionale zuerst gesprengt wurde, an dem sich die Fackel des Welt­kriegs ent­zündete und das nun zum stän­digen Schau­platz blu­tiger natio­naler Kriege zu werden droht, muss der neue Bund der Arbeiter aller Nationen zuerst eine greifbare Gestalt erhalten“ (S. 41). Haumer beschreibt, wie sich nach der Gründung der Kom­mu­nis­ti­schen Partei ver­schiedene linke Gruppen in poli­tische Kämpfe ver­strickten, was für Dickmann eine ernüch­ternde Erfahrung war, die ihm zunächst zum Kri­tiker in den eigenen Reihen und später zum kom­mu­nis­ti­schen Dis­si­denten machte. Bald standen Dickmann die Medien der kom­mu­nis­ti­schen Partei nicht mehr zur Ver­fügung. So ver­öf­fent­lichte er unter dem Pseudonym Ernst Jung mehrere Bei­träge, die sich kri­tisch mit der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung aus­ein­an­der­setzten, in der Freien Tribüne, dem Organ der jüdisch-zio­nis­ti­schen Arbei­ter­partei Poale Zion. “Unter dem Titel „Zur Krise des Kom­mu­nismus in Deutschland“ befasste er sich mit den ersten Spal­tungen der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Deutsch­lands im Jahr 1920. Er ver­folgt die Dif­fe­renzen bis in die Zeit des ersten Welt­kriegs zurück, als sich die Spar­ta­kus­gruppe und die Gruppe Inter­na­tionale Kom­mu­nisten, die beide in Oppo­sition zur Burg­frie­dens­po­litik der SPD-Führung standen, von­ein­ander ent­fremdet hätten. Die Tage der Revo­lution schufen vor­über­gehend eine neue Einigkeit. Doch die Dif­fe­renzen waren auch beim Grün­dungs­par­teitag der KPD nicht über­wunden. „Aber mit dem Nie­dergang der Novem­ber­re­vo­lution zeigte es sich sehr bald, wie schwach noch die Grund­lagen der kom­mu­nis­ti­schen Einheit waren“ (S.254), so die präzise Analyse Dick­manns, die durch zahl­reiche weitere Spal­tungen in der Früh­phase der KPD bestätigt wurde. Sehr klar erkannte er auch: „Die Einheit des deut­schen Kom­mu­nismus kann nur durch aus der prak­ti­schen Bewegung des Pro­le­ta­riats her­vor­gehen“ (S. 260). Eine Erkenntnis die auf die welt­weite kom­mu­nis­tische Bewegung gelten kann.
Dabei wandte sich Dickmann gegen den linken Flügel der KPD, die sich für einen anti­par­la­men­ta­ri­schen Weg ein­setzten. „Ein Par­la­ments­boykott in Deutschland muss die Massen abstoßen, und zwar die rück­stän­digen Arbei­ter­kreise, die von der Aus­sichts­lo­sigkeit des Par­la­men­ta­rismus innerlich noch nicht über­zeugt sind, als auch die fort­schrei­tenden Ele­mente, die sich bei aller Anhäng­lichkeit an die Räte doch sagen müssen, dass man die alte Position nicht preisgibt, bevor die neue noch nicht aus­gebaut ist“ (S. 276), schreibt Dickmann unter dem Pseudonym Ernst Jung in einem Dis­kus­si­ons­beitrag für die Freie Tribüne unter dem Titel „Lenins tak­tische Lehren“, wo er dessen Schrift „Der linke Radi­ka­lismus, die Kin­der­krankheit des Kom­mu­nismus“ ver­tei­digte. Zur spä­teren Ent­wicklung der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung und ihrer Sta­li­ni­sierung hat Dickmann nicht publi­ziert. In einen unvoll­ständig erhal­tenen Brief an Lucien Laurat schrieb Dickmann 1927/28: „Ich will mich hüten, zu den Artikeln, die rus­sische Frage betreffend Stellung zu beziehen und Tat­sachen zu beur­teilen, deren Über­prüfung mir nicht möglich sind“ (S. 291). Laurat ist das Pseudonym des öster­rei­chi­schen Kom­mu­nisten Otto Maschl, der in der Sowjet­union lehrte, der sich in den Frak­ti­ons­kämpfen in der KPDSU gegen Stalin stellte und mit wei­teren kom­mu­nis­ti­schen Dis­si­den­tInnen in Frank­reich und Belgien in Kontakt stand. Zu diesen Kreis gehörte auch die Phi­lo­sophin Simone Weil, die zeit­weise von Anar­cho­syn­di­ka­lismus beein­flusst war. Wie wichtig Dickmann dieser Aus­tausch war, zeigte sich schon daran, dass er fran­zö­sisch lernte.
Dick­manns Schriften aus den 1920 und 1930er Jahre wurden nicht mehr auf­gelegt. Im Internet findet man eine Bespre­chung von Dick­manns 1932 her­aus­ge­ge­benen 60seitigen Bro­schüre mit dem Titel „Bei­träge zur Selbst­kritik des Mar­xismus“. Haumer hat sie voll­ständig doku­men­tiert. Bemer­kenswert ist dabei, dass Dickmann bereits 1932 eine These for­mu­lierte, die ange­sichts der Debatte um die Res­sour­cen­knappheit und den Kli­ma­wandel sehr modern klingt: „Der Sozia­lismus wird aber nicht aus einer wei­teren Ent­faltung der Pro­duk­tiv­kräfte her­vor­gehen, deren Wachstum angeblich durch das kapi­ta­lis­tische Eigentum gehemmt wird; er wird sich not­wendig aus dem Schrumpfen der heu­tigen Pro­duk­ti­ons­grund­lagen ergeben, dem die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft um so rascher ent­ge­gen­treibt, je hem­mungs­loser sie tat­sächlich ihre Pro­duk­ti­ons­mittel ver­schwendet“ (S.349).
Dieser klare Bruch mit dem tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Dogma von der immer stärken Ent­faltung der Pro­duk­ti­ons­kräfte als Bedingung für gesell­schaft­liche Fort­schritt, wurde in der zeit­ge­nös­si­schen Debatte von dem Kreis um Simone Weil auf­ge­griffen. In der schon erwähnten Rezension dieser Schrift in der „Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung“ schreibt der Rezensent A.F.Westermann (http://​raum​ge​gen​zement​.blog​sport​.de/​2​0​1​2​/​0​2​/​0​5​/​j​u​l​i​u​s​-​d​i​c​k​m​a​n​n​-​d​a​s​-​g​r​u​n​d​g​e​s​e​t​z​-​d​e​r​-​s​o​z​i​a​l​e​n​-​e​n​t​w​i​c​k​l​u​n​g​d​e​r​-​a​r​b​e​i​t​a​b​e​g​r​i​f​f​-​b​e​i​-​m​a​r​x​-​r​e​z​e​n​sion/): „Eine ein­ge­hendere Beur­teilung der D.schen Kritik wäre nur sinnvoll, wenn er seine eigene Wert­theorie dar­ge­stellt hatte. Dies hat er einem der fol­genden Hefte vor­be­halten.“ Dass er diese ange­kün­digten Texte nicht mehr ver­öf­fent­lichen konnte, hatte poli­tische und private Gründe. In Öster­reich ver­schlech­terte sich die Situation für Linke schon lange vor der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehr­macht. Bereits unter dem aus­tro­fa­schis­ti­schen Régime von Engelbert Dollfuss wurden Linke ver­folgt. Zudem ver­schlech­terte sich Dick­manns Gesund­heits­zu­stand beträchtlich. „In den letzten 14 Jahren bezog er eine Inva­li­den­rente, weil er ein Invalide, ein Kraft­loser, Schwacher und Hin­fäl­liger war“, schreibt Haumer (S13). So war im Laufe de Jahre seine Schwer­hö­rigkeit zur völ­ligen Taubheit geworden. Doch trotz dieser wid­rigen Bedin­gungen hat Dickmann seine theo­re­tische Arbeit fort­ge­setzt und auch inter­na­tionale Kon­takte inten­si­viert, solange es möglich war. Nach dem Ein­marsch der Wehr­macht wurde Dickmann als Jude stig­ma­ti­siert, verlor seine Wohnung, wurde schließlich depor­tiert und ermordet. Dass er eine wichtige Rolle in der öster­rei­chi­schen Revo­lution 1918/19 spielte und ein Theo­re­tiker des Mar­xismus war, blieb sogar seinen Ver­wandten ver­borgen. Als Haumer für das Buch mit Dick­manns in New York lebender Nichte Kontakt aufnahm, war ihre erste Reaktion. „Warum will der über meinen Onkel schreiben? Was gibt es über den über­haupt zu schreiben?“ (S.7). Haumers Buch beant­wortet diese Frage. Dabei musste der Autor eine Auswahl von Dick­manns Schriften treffen. Es wäre zu wün­schen, wenn in einem wei­teren Band, sämt­liche zugäng­lichen Texte von ihm ver­öf­fent­licht werden könnten. Damit würde eine heute weit­gehend ver­gessene mar­xis­tische Debatte wieder rekon­struiert und es wäre eine späte Ehrung für einen Mann, dessen Maxime auch der Titel des rezen­sierten Buches ist. „Es kommt darauf an, dass die Masse sich selbst begreifen lernt“.

aus: Arbeit – Bewegung – Geschichte Zeit­schrift für his­to­rische Studien
16. Jahrgang – Heft 2017/II
http://​www​.arbei​ter​be​wegung​-jahrbuch​.de/​?​p=633
Peter Nowak

Theorien für die Masse

Julius Dickmann war ein bedeu­tender mar­xis­ti­scher Autor der Zwi­schen­kriegszeit, dessen Schriften nicht mehr zugänglich waren. Peter Haumer hat jetzt die poli­tische Bio­graphie Dick­manns ver­fasst.

»Wer ist Julius Dickmann und warum sollte man ein Buch über ihn schreiben?« Diese Frage bekam Peter Haumer immer wieder zu hören, als er sich mit der Bio­graphie eines ver­ges­senen Theo­re­tikers beschäf­tigte. Bei Haumer, der zu linker Gewerk­schafts­po­litik und Dis­sidenz innerhalb der Arbei­ter­be­wegung in Öster­reich forscht, war die Neugier geweckt. Zunächst stieß er auf die die wenigen theo­re­ti­schen Texte Dick­manns, die noch zugänglich sind. »Zunehmend inter­es­sierten mich seine Gedanken, Ideen und Theorien und schließlich die Person, die dahin­ter­steckte«, beschreibt Haumer die Ent­stehung eines Buches, das ursprünglich gar nicht geplant war. Schließlich machte Haumer eine in New York lebende Nichte Dick­manns aus­findig, die bei der ersten Begegnung fragte: »Was gibt es denn über meinen Onkel über­haupt zu schreiben?« Sie wusste nichts über die poli­ti­schen Akti­vi­täten und Schriften ihres Onkels. Das sta­chelte den Ehrgeiz des Chro­nisten nur noch mehr an. »War der poli­tische Mensch hinter dem Namen Julius Dickmann tat­sächlich im Nichts ver­schwunden?!«

Haumer gibt nun im Wiener Man­delbaum-Verlag ein Buch heraus, das die poli­ti­schen Schriften von Dickmann wieder zugänglich macht und die Bio­graphie eines Men­schen rekon­struiert, der sich innerhalb des revo­lu­tio­nären Flügels der öster­rei­chi­schen Arbei­ter­be­wegung enga­gierte. Er gehört zu den vielen, die am Ende des Ersten Welt­kriegs hofften, die alte kapi­ta­lis­tische Welt werde gestürzt. Die Okto­ber­re­vo­lution war für ihn dabei ebenso eine Etappe wie die unga­rische Räte­re­publik und die Streiks und Auf­stände in Öster­reich. Dickmann war ein Ver­treter des Räte­ge­dankens und setzte auf die Selbst­or­ga­ni­sation der Lohn­ar­beiter. »Dass die Masse sich selbst begreifen lernt«, dieser Gedanke, der dem Buch als Unter­titel dient, war für Dickmann ein zen­traler Aspekt für die Beur­teilung aller poli­ti­schen und gewerk­schaft­lichen Akti­vi­täten. Von ihm stammt der schöne Satz: »Die Theo­re­tiker haben bis jetzt die Masse ver­schieden inter­pre­tiert, es kommt aber darauf an, dass diese sich selbst begreifen lernt.« Mit dieser Abwandlung des bekannten Marx­schen Satzes über Feu­erbach wolle er seine »bescheidene Arbeit gerecht­fertigt« wissen. »Vom theo­re­ti­schen. Streit ver­wirrt, stelle ich mir hier die Aufgabe, mit dem bisschen Wissen aus­ge­rüstet, welches ein Pro­le­tarier in seinen kargen Mus­se­stunden erwerben kann, zur Selbst­ver­stän­digung über die Kämpfe und Wünsche der Zeit zu gelangen.«

Für kurze Zeit war er Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Öster­reichs, die er wieder verließ, als sich abzeichnete, dass es mehr um die Macht als um die Selbsteman­zi­pation der Arbei­tenden ging. An seinen in dem Buch doku­men­tierten Texten kann man auch den Lern- und Erkennt­nis­prozess von Dickmann ver­folgen. Da finden sich die in den Jahren 1918/19 ver­fassten Artikel, mit denen er unmit­telbar poli­tisch wirken wollte. Damals war er noch vom bal­digen Erfolg der sozia­lis­ti­schen Revo­lution über­zeugt. In den Schriften jener akti­vis­ti­schen Periode setzte er sich für die Stärkung des Räte­ge­dankens ein und kon­zen­trierte sich auf Fragen der prak­ti­schen Umsetzung. So stellte er sich im Mai 1919 eine Frage, die damals auch die links­so­zi­al­de­mo­kra­tische USPD in Deutschland stark beschäf­tigte: Kann es noch Platz für ein bür­ger­liches Par­lament geben oder muss alle Macht den Räten zufallen? Dick­manns prag­ma­tische Antwort lautete: »Der Schreiber ist selbst ein über­zeugter Anhänger dieser Losung. Aber es kann sich natürlich in dieser Frage nicht um die äußere Form handeln, in welcher die Räte zur Macht gelangen. Ent­scheidend ist der tat­säch­liche Besitz der Macht­mittel im Staat. Gelingt es den Arbei­ter­räten, sich die Ver­fü­gungs­gewalt über diese Macht dauernd zu sichern, so kommt es sehr wenig darauf an, ob für eine gewisse Über­gangszeit neben dem Kon­gress der Arbei­terräte die Natio­nal­ver­sammlung als gesetz­ge­bende Kör­per­schaft noch bestehen bleibt.« Als der revo­lu­tionäre Auf­bruch zer­schlagen wurde, setzte sich Dickmann mit den Ursachen der Nie­derlage aus­ein­ander.

Im Dezember 1919 war er noch über­zeugt, dass die Nie­derlage nur vor­über­gehend sein werde. »Die kom­mende Revo­lution darf nicht mehr ein träges Pro­le­tariat vor­finden, das zwi­schen Par­lament und Räte­system, Dik­tatur oder Demo­kratie unent­schlossen schwankt, und die Erleuchtung von einer Füh­rer­clique emp­fängt, die selbst in sich gespalten, die Unei­nigkeit in die Massen trägt«, schreibt er im Dezember 1919 in dem pro­gram­ma­ti­schen Text »Zwi­schen zwei Revo­lu­tionen«. Doch schon 1920 schlägt Dickmann in seiner Schrift »Zur Krise des Kom­mu­nismus« wesentlich kri­ti­schere Töne an.

»In Deutschland lastet die fünf­zig­jährige sozi­al­de­mo­kra­tische Tra­dition wie ein Alp auf den Pro­le­ta­riern. Dieser Alp konnte nicht in wenigen Wochen abge­tragen werden.« Damit setzte Dick­manns Kritik auch bei jener Tra­dition an, die die kom­mu­nis­ti­schen Par­teien in ihrer Mehrheit bald über­nehmen sollten. Dickmann, den seine Schwer­hö­rigkeit, die bald zur Taubheit führte, zunehmend belastete, suchte die Ursachen für die Nie­derlage der revo­lu­tio­nären Bewegung in prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Defi­ziten der eigenen Seite. Mit seinen 1932 ver­fassten Schriften »Das Grund­gesetz der sozialen Ent­wicklung« und »Der Arbeits­be­griff bei Marx« wollte Dickmann »Bei­träge zur Selbst­kritik des Mar­xismus« leisten. Diese Texte fanden unter linken Theo­re­tikern Auf­merk­samkeit und wurden 1932 in der Zeitung für Sozi­al­for­schung besprochen. Diese Rezension ist lange Zeit eine der wenigen Spuren von Dick­manns theo­re­ti­schem Wirken gewesen, die auch Haumers Interesse ent­fachte.

In seinem Buch sind die beiden Texte erneut abge­druckt, die eine erstaun­liche Aktua­lität haben. Dort hat Dickmann schon Fragen ange­sprochen, die für die Debatten um die End­lichkeit der Res­sourcen und den Umgang mit der Umwelt inter­es­sante Gesichts­punkte bei­steuern können. Er verwarf die These von Marx, dass der Kon­flikt zwi­schen den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nissen und der Pro­duk­ti­ons­weise den Übergang von der Feu­dal­ge­sell­schaft zum Kapi­ta­lismus bestimmt hat. »Der wirk­liche Wider­spruch, der jede öko­no­mische Umwälzung her­bei­führte, bestand immer nur zwi­schen der unge­hemmten Ent­faltung der Pro­duk­tiv­kräfte und der Natur­schranke ihrer Anwen­dungs­basis.« Diese Schriften fanden in den frühen drei­ßiger Jahren auch unter Theo­re­ti­ke­rinnen und Theo­re­tikern der fran­zö­si­schen Linken Auf­merk­samkeit. Dickmann schrieb regel­mäßig Bei­träge für die Zeit­schrift La Cri­tique Sociale, zu deren Umfeld auch die Phi­lo­sophin Simone Weil gehörte, die sich in Briefen mehrmals auf Dick­manns Texte bezog. Wie wichtig ihm der Aus­tausch war, zeigte sich schon daran, dass der damals voll­ständig gehörlose Dickmann mit Hilfe seiner Nichte Fran­zö­sisch lernte. In Öster­reich wurden zu dieser Zeit bereits Kom­mu­nisten, Sozia­listen und Gewerk­schafter ver­folgt. Nach dem geschei­terten Wiener Arbei­ter­auf­stand vom Februar 1934, den Dickmann sehr kri­tisch beur­teilte, hatte der Aus­tro­fa­schismus die letzten Reste der bür­ger­lichen Demo­kratie beseitigt. Die NS-Bewegung als dessen Kon­kurrenz von rechts wurde auch für Dickmann zur töd­lichen Gefahr. Als Linker und Jude war er gleich doppelt bedroht. Warum aber verließ er Wien nicht? »Die Ver­ei­nigten Staaten«, ver­mutet Haumer, »hätten ihm wegen seiner Taubheit kein Visum gegeben. Und wovon sollte er als tauber und poli­tisch aus­ge­grenzter Emi­grant leben können? In Wien bekam er wenigstens eine Inva­li­den­rente.«

Auf 22 Seiten sind die kurzen Texte abge­druckt, die Dickmann zwi­schen den 10. Juli 1939 und dem 11. November 1941 an seine Nichte schrieb; sie hatte sich mit wei­teren Fami­li­en­an­ge­hö­rigen in die USA retten können. Sie sind Zeugnis der zuneh­menden Ent­rechtung, aber auch des Lebens­mutes von Dickmann. »Um mich mache Dir keine großen Sorgen. Ich bin abge­härtet gegen Unan­nehm­lich­keiten des Lebens«, heißt es in dem letzten doku­men­tierten Brief. Zwi­schen dem 9. April und dem 5. Juni 1942 gingen vom Wiener Anspang-Bahnhof vier Depor­ta­ti­onszüge mit über 4 000 jüdi­schen Männern, Frauen und Kindern ab. Sie endeten im Ver­nich­tungs­lager Belzec. Hier ver­liert sich die Spur von Dickmann. Haumer hat mit seiner Wie­der­ent­de­ckung von Dickmann einen wich­tigen Beitrag geleistet, ihn und seine Schriften dem Ver­gessen zu ent­reißen.

Peter Haumer: Julius Dickmann, » … dass die Masse sich selbst begreifen lernt«. Poli­tische Bio­graphie und aus­ge­wählte Schriften, Man­delbaum-Verlag Wien, 2016, 358 Seiten, 19,80 Euro

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Peter Nowak