Erinnern an Zwangsarbeit, Mord und Befreiung

Eine Initiative zeigt Spuren des NS-Terrors in Neu­kölln. Die Nie­derlage der Nazis vor 66 Jahren wird gefeiert.

Am 24. April 1945 erreichte die Rote Armee den süd­öst­lichen Rand von Berlin. Schon nach wenigen Tagen war die Gegenwehr von Volks­sturm und Waffen-SS gebrochen, die Tage des Nazi­re­gimes waren gezählt. An diese his­to­ri­schen Ereig­nisse wollen die Autonome Neu­köllner Antifa (ANA) und die Ber­liner Natur­freun­de­jugend in diesem Jahr mit einer Dop­pel­ver­an­staltung erinnern. Am Oster­sonntag rufen sie mit einem gedenk­po­li­ti­schen Stadt­rundgang weit­gehend ver­gessene Orte des NS-Terrors mitten in Neu­kölln ins Gedächtnis.
 
Der his­to­rische Rundgang startet um 15 Uhr am S‑Bahnhof Son­nen­allee und führt am heu­tigen Hotel Estrel vorbei. Auf dem Areal befand sich bis zur Nie­derlage des Natio­nal­so­zia­lismus ein Lager für sowje­tische Kriegs­ge­fangene. Auf der wei­teren Route durch den Stadtteil erfahren die Teil­neh­me­rInnen, dass sich in Neu­kölln mehr als 50 Zwangs­ar­beits­lager und ‑unter­künfte befanden. Die Insassen wurden für Arbeiten in der kriegs­wich­tigen Industrie ein­ge­setzt.
 
 Dazu gehörten die Fahr­zeug­werke Gaub­schat, die in ihrem Neu­köllner Werk Spe­zi­al­auf­bauten für die Gas­wagen pro­du­zierten, in denen bei der T4-Aktion als geis­tes­krank stig­ma­ti­sierte Men­schen ermordet wurden. Die ersten beiden in Neu­kölln mon­tierten Gaub­schat-Wagen kamen im KZ Sach­sen­hausen zum Einsatz. Dabei sollen laut Spiegel »stu­di­en­halber« 20 bis 30 Russen vergast worden sein. In dem von Gaub­schat ab April 1942 betrie­benen Rus­sen­lager I in der Grenz­allee starben mehrere Metall­ar­beiter an Unter­ernährung.
 
Ein Zwi­schen­stopp soll auch vor der Albrecht-Dürer-Ober­schule in der Emser Straße ein­gelegt werden. Hier mussten mehrere hundert tsche­chische und fran­zö­sische Zwangs­ar­bei­te­rInnen leben. Auch an jüdische Geschäfte, die unter den Nazis »ari­siert« wurden, soll während des Spa­zier­gangs erinnert werden.
 
»Mit den Opfern ver­schwand auch die Erin­nerung. Deshalb wollen wir am 24. April der Opfer der Nazi­bar­barei gedenken und am 28. April die Befreiung durch die Alli­ierten feiern«, erklärt Pia Buchheim, eine der Orga­ni­sa­to­rInnen, gegenüber der taz. Am kom­menden Don­nerstag soll um 18 Uhr am Rathaus Neu­kölln eine Stra­ßen­parade starten, die mit Musik und poli­ti­schen Bei­trägen durch Nord­neu­kölln zieht und an die Befreiung des Bezirks durch die Rote Armee erinnert.
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Peter Nowak