Nach 21 Jahren anerkannt?

Marc Schulte ist SPD-Bezirks­bau­stadtrat von Char­lot­tenburg-Wil­mersdorf

nd: Warum haben Sie in Berlin einen Spiel­platz in Char­lot­tenburg nach Günter Schwan­necke benannt?

Schulte: An diesem Ort wurde Herr Schwan­necke am 29. August 1992 von zwei rechten Skin­heads so schwer ver­letzt wurde, dass er wenige Tage später im Kran­kenhaus starb. Wir haben ihm an seinem 21. Todestag in einer sehr wür­de­vollen Weise gedacht. Ein guter Bekannter von ihm hat eine alte Zeichnung von Schwan­necke mit­ge­bracht, die an dem Gedenk­stein ange­bracht wurde. Sehr wichtig finde ich auch, dass sämt­liche im Bezirks­par­lament ver­tre­tenen Par­teien von der CDU bis zur Linken an dem Gedenken teil­ge­nommen haben.

nd: Wie hat sich das Ver­brechen zuge­tragen?
Schulte: Günter Schwan­necke saß mit seinem Freund Hagen Knuth auf dem Spiel­platz auf einer Bank, als die beiden Neo­nazis Migranten anpö­belten und ver­treiben wollte. Sie griffen ein und ver­tei­digten die Migranten, die darauf hin fliehen konnten. Danach schlugen einer der Rechten mit einem Base­ball­schläger auf die beiden ein. Hagen Knuth über­lebte, doch Günter Schwan­necke starb am 5. Sep­tember 1992 an den Folgen von Schä­del­bruch und Hirn­blu­tungen. Er musste sterben, weil er Zivil­courage gezeigt hatte.
nd: Warum dauerte es 21 Jahre, bis die Ehrung erfolgte?
Schulte: Herr Schwan­necke wurde nicht als Opfer rechter Gewalt aner­kannt, weil bei der Tat keine rechten Parolen gerufen und kein Hit­lergruß gezeigt wurde. Der Täter wurde wegen Kör­per­ver­letzung mit Todes­folge zu einer sechs­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt. Dabei wurde während des Pro­zesses das neo­na­zis­tische Umfeld des Täters bekannt. Nur fünf Tage vor dem Angriff auf Schwan­necke fanden in Rostock-Lich­ten­hagen die mehr­tä­gigen Angriffe auf Flücht­lings­heime statt.
nd: Warum wurde über den Tod von Schwan­necke kaum bekannt, während Dominik Brunner, der bei wegen seines Ein­schreitens gegen gewalt­tätige Jugend­liche ohne poli­ti­schem Hin­ter­grund in München ums Leben kam, bun­desweit geehrt wurde?
Schulte: Das lag sicher daran, dass Schwan­necke keine bür­ger­liche Main­stream-Bio­graphie hatte. Er war zeit­weise ein bekannter Künstler. In den letzten Jahren seines Lebens aber war er obdachlos.
nd: Wer hat sich für das Gedenken ein­ge­setzt?
Schulte: Es hat sich die Günther Schwan­necke-Initiative gegründet, in der anti­fa­schis­tische Initia­tiven, Jugend­gruppen, die SPD, die Piraten und die Linke mit­ar­beiten. Die Initiative hat unter unter schwan​necke​.blog​sport​.eu einen Inter­net­auf­tritt gestaltet, auf dem über das Leben von Schwan­necke infor­miert wird. Er soll nicht nur als Nazi­opfer sondern auch seine Bio­graphie gewürdigt werden. Dabei sollen auch die Brüche in seinem Lebenslauf deutlich werden.
nd: Sind nach der Gedenk­ver­an­staltung weitere Aktionen geplant?
Schulte.: Mit der Namens­gebung und dem Auf­stellen des Gedenk­steines ist ein wich­tiger Schritt gemacht. Aber es wird auch in Zukunft weitere Aktionen geben, um an Schwan­necke zu erinnern. So gibt es in der Geden­kinitiative die Über­legung, im nächsten Jahr einen Apfelbaum auf dem Spiel­platz anzu­pflanzen. Damit soll der Gedenkort wür­diger gestaltet werden.
nd: Hat für Sie die Ehrung auch eine aktuelle poli­tische Bedeutung?
Schulte: Natürlich. Wenn ich sehe, wie in den letzten Wochen wieder rechte Sprüche gegen die Errichtung von Flücht­lings­un­ter­künften geschwungen werden, finde ich sehr wichtig, hier einen Mann zu gedenken, der Zivil­courage gegen rechts gezeigt hat.
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Interview: Peter Nowak