Berlin: Werbung verbieten!?

Roman­tische Kul­tur­kritik und »Sexismus shouldn’t sell« – Gene­ral­verbote sind der falsche Ansatz

Im Ber­liner Mit­tel­standskiez Schö­neberg gibt es viele Initia­tiven, die sich gegen die Abholzung von Bäumen, für Baum­scheiben und Urban­gar­dening und auch für die stadt­teil­ge­rechte Nutzung des Bau­denkmals Gasometer[1] enga­gieren. Ein Kri­tik­punkt der Anwohner ist die Leuchtwerbung[2] an der Außenwand des Gaso­meters. Hier geht es nicht um die Kritik an der Werbung im All­ge­meinen, sondern um kon­krete Inhalte. Welche Beweg­gründe die Kri­tiker der Werbung haben, kann man nur zwi­schen den Zeilen lesen. Dort heißt es etwa:

Außen­werbung an einem Indus­trie­denkmal wie dem Schö­ne­berger Gaso­meter ist durchaus nicht selbst­ver­ständlich. Da der Gesamt­ein­druck des Bau­werks durch das Geflimmer der Leucht­werbung erheblich beein­trächtigt wird, müssen aus Sicht der Geneh­mi­gungs­be­hörde besondere Gründe erkennbar sein, die das recht­fer­tigen. Ein solcher Grund war in diesem Fall, die Zusage des Eigen­tümers, den Gaso­meter zu sanieren.

Bi-Gasometer.de[3]

Nun könnte man denken, dass man schon wohl­habend genug ist, um sich Gedanken zu machen, ob eine Außen­werbung die Außen­wirkung des Ber­liner Gaso­meters beein­trächtigt. Viele würden sagen, die Licht­werbung bringt sie über­haupt dazu, mal dort hin­zu­gucken. Dass es sich nicht um grund­sätz­liche Wer­be­kritik geht, zeigt sich schon daran, dass Bi-Gaso­meter lediglich kri­ti­siert, dass die Wer­be­ein­nahmen nicht für die Sanierung des Gaso­meters ver­wendet werden. Hier geht es wohl eher um unter­schied­liche Kon­zepte der Auf­wertung eines Stadt­teils.

Zwi­schen Recht auf Stadt und roman­ti­scher Kul­tur­kritik

Dagegen hat die Initiative Berlin Werbefrei[4] eine grund­sätz­liche Kritik. Sie bereitet einVolksbegehren[5] vor, um die Außen­werbung in Berlin stark ein­zu­schränken. Dabei ver­mi­schen sich bei ihr Kritik an der kapi­ta­lis­ti­schen Zurichtung öffent­licher Räume mit kon­ser­va­tiver Kul­tur­kritik. So lautet ein Kri­tik­punkt:

Die massive Zunahme und neue Formen von Werbung wirken sich negativ auf das Stadtbild aus. Das indi­vi­duelle Gesicht der Stadt ver­schwindet. Stadt- und Land­schafts­räume werden durch Werbung ver­un­staltet. Die Stadt wird von immer mehr Plakat-, Licht- und Display-Werbung über­flutet. Der öffent­liche Raum wird bana­li­siert.

Volks­ent­scheid Berlin Werbefrei[6]

Hier klingt unver­kennbar die Kul­tur­kritik der Romantik durch. Bereits im 19 Jahr­hundert wurde beklagt, wie die Land­schaft und die his­to­ri­schen Bauten von Fabrik­schloten und Eisen­bahnen bana­li­siert und abge­wertet werden. Ansonsten betonen die Initia­toren des geplanten Volks­be­gehrens, dass es ihnen nicht darum gehe, Werbung generell aus der Stadt zu ver­bannen.

Sie wollen einen »ver­träg­lichen Umgang mit Wer­be­flächen im Öffent­lichen Raum« durch­setzen. Nur ist es fraglich, ob es eine Einigung darüber geben wird, wie der »ver­träg­liche Umgang« denn aus­sieht. Auf­fallend ist, dass bei den Wer­be­kri­tikern der Zusam­menhang zwi­schen Reklame und Kapi­ta­lismus gänzlich aus­ge­spart wird. Dem bele­senen Taz-Kolumnist Helmut Höge ist dieser Zusam­menhang natürlich nicht ent­gangen.

Er ver­weist in seiner Kolumne[7] auf die Gedanken des mar­xis­ti­schen Wirt­schafts­theo­re­tikers Alfred Sohn-Rethel[8], wonach es in der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duktion von Anfang an eine Über­pro­duktion gab, die stän­digen Absatz­druck her­vorruft. Dabei wird die Werbung immer wich­tiger.

Hierin liegt auch der Grund, warum es in den nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Gesell­schaften kaum Pro­dukt­werbung, dafür aber Parolen gab, um die Men­schen zu guter Arbeit anzu­stupsen. Die Wer­be­kri­tiker, die den Zusam­menhang zwi­schen den Objekten ihrer Kritik und dem Kapi­ta­lismus nicht erwähnen, geraten so schnell in die Gefilde roman­ti­scher Kul­tur­kritik und die Beschwörung von unver­fälschter Natur -und Stadt­bilder.

»Sexismus shouldn’t sell«

Eine große Dis­kussion hat auch die Initiative des Bezirksamt des Ber­liner Stadt­teils Kreuzberg-Friedrichshain[9] zur Ein­dämmung und mög­lichen Ver­bannung als sexis­tisch ein­ge­schätzte Werbung[10] in dem Stadtteil aus­gelöst.

Hier geht es nicht um eine gene­relle Kritik an der Werbung, sondern an den Inhalten. Auch da wird es natürlich schwer sein, eine gesell­schaft­liche Über­ein­kunft darüber zu finden, wann Werbung dis­kri­mi­nierend und sexis­tisch ist. In einem Taz-Interview[11]erklärte die Gleich­stel­lungs­be­auf­trage von Fried­richshain-Kreuzberg, Petra Koch-Knöbel[12], dass für sie Bor­dell­werbung dazu gehören würde .

Taz: Bor­dell­werbung halten Sie für dis­kri­mi­nierend?
Petra Koch-Knöbel: Auf jeden Fall, ja. Frauen werden hier als käuf­liche Sexu­al­ob­jekte dar­ge­stellt. Damit sollte man Jugend­liche nicht pau­senlos kon­fron­tieren.
Taz: Die Grünen wollten doch bisher die Stig­ma­ti­sierung der Sex­ar­bei­te­rinnen beenden und ihren Beruf nor­ma­li­sieren. Und denen sagen Sie jetzt, dass sie für ihren Beruf nicht werben dürfen?
Petra Koch-Knöbel: Nicht auf großen Pla­katen im öffent­lichen Raum. Nicht, dass wir uns falsch ver­stehen: Ich bin für die Rechte der Pro­sti­tu­ierten. Aber es ist nicht weg­zu­dis­ku­tieren, dass das ein Beruf mit einem pro­ble­ma­ti­schen Frau­enbild ist, für den man nicht öffentlich mit Groß­pla­katen werben sollte.

Interview Taz: »Sie werden Frisch­fleisch genannt«[13]

Hier wird der Wider­spruch deutlich, dass einer­seits Sex­ar­bei­te­rinnen nicht mehr dis­kri­mi­niert werden sollen und ander­seits durch das Wer­betabu doch wieder eine neue Schranke ein­gebaut wird. Auch die Frage, ob Werbung mit rosa T-Shirts dis­kri­mi­nierend ist, dürfte die Gemüter erhitzen.

Taz: Rol­len­ste­reotype lehnen Sie auch ab und wollen sie nicht mehr auf Pla­katen repro­du­ziert sehen. Heißt das: Kein rosa T-Shirt mehr für Mädchen?
Petra Koch-Knöbel: Genau. Die Eltern können ruhig auch mal nach­denken darüber, wie sie ihre Kinder ein­engen, wenn sie sie nur in Kli­schee­kla­motten stecken.

Interview Taz: »Sie werden Frisch­fleisch genannt«[14]

In den USA gab es heftige Dis­kus­sionen über den mög­li­cher­weise ras­sis­ti­schen Anteilen in einem kurzen Wer­beclip der Kos­me­tik­firma Dove[15]. Hierbei wird aber auch die Pro­ble­matik deutlich, wenn man die Klas­sen­ver­hält­nisse ver­gisst. Wo der aka­de­mische Mit­tel­stand darüber dis­ku­tiert, ob diese oder jede Werbung dis­kri­mi­nierend ist, fragen sich ein­kom­mensarme Men­schen, ob sie sich die bewor­benen Pro­dukte leisten können.

Es ist auch bezeichnend, dass bei der Wer­be­kritik selten the­ma­ti­siert wird, dass und wie durch Werbung das Begehren nach oft besonders teuren Mode­pro­dukten gefördert werden. Es werden Jugend­liche gemoppt, wenn sie sich die ange­sagten Kla­motten bestimmter Sport­firmen nicht leisten können. Ist dieses Problem heute nicht in den Schulen rele­vanter als das viel­zi­tierte rosa T-Shirt?

Zudem finden sich in Berlin an einigen expo­nierten Stellen Werbung für die Polizei und Sicher­heits­dienste. Auf einem Poster ist ein Mann zu sehen, der von der Polizei in einer U-Bahn­station in Poli­zei­be­gleitung abge­führt wird. Sofort werden Asso­zia­tionen zu ein­kom­mens­armen Men­schen wach? Ist eine solche Werbung nicht auch dis­kri­mi­nierend?

Adbusting statt Wer­be­verbote

Solche Fragen stellen sich eher Gruppen, die nicht unbe­dingt für ein Verbot, sondern für einen krea­tiven Umgang mit der Werbung ein­treten. Längst gibt es Adbusting-Workshops[16], wo diese Art der Wer­be­kritik auch prak­tisch ein­geübt werden kann. Eine solche Her­an­ge­hens­weise ist staat­lichen oder kom­mu­nalen Ver­boten ein­deutig vor­zu­ziehen.

Sie führt dazu, dass sich Men­schen selber Gedanken über die Werbung machen, die sie aus­halten wollen oder nicht. Wenn Men­schen eine Werbung als sexis­tisch emp­finden, ist es alle Mal besser, sie drücken diese Kritik am kon­kreten Produkt aus, als dass sie einen Antrag aus­füllen, der zu einem Verbot führen soll.

Bei einer solchen krea­tiven Wer­be­kritik geht es dann tat­sächlich um die Inhalte der Werbung und nicht um ein Beklagen von angeblich geschä­digter Natur oder Land­schaft.

Ein Gene­ral­verdikt gegen die Werbung an sich ver­bietet sich schon deshalb, weil mitt­ler­weile auch die Kunst in die Branche ein­ge­zogen ist. Ästhe­tisch sind solche Pro­dukte gegenüber den grauen Beton­wänden auf jeden Fall ein Gewinn.

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Peter Nowak
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[14] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​5​0696/
[15] https://​www​.nytimes​.com/​2​0​1​7​/​1​0​/​0​8​/​b​u​s​i​n​e​s​s​/​d​o​v​e​-​a​d​-​r​a​c​i​s​t​.html
[16] http://​www​.adbusters​.org/

Kundgebung vorm Gasometer

Protest gegen die Immo­bi­li­en­wirt­schaft

Pro­minent besetzt wird die heutige Ver­an­staltung wohl sein: EU-Kom­missar Günther Oet­tinger und die Bun­des­mi­nister Peter Ram­sauer (CSU) und Philipp Rösler (FDP) sowie Exmi­nister Joschka Fischer (Grüne) werden im Schö­ne­berger Gaso­meter erwartet. Sie werden mit dem Lob­by­verband »Zen­traler Immo­bi­li­en­aus­schuss« den Tag der Immo­bi­li­en­wirt­schaft begehen und über ver­bes­serte Rah­men­be­din­gungen für die Wirt­schaft beraten. Ab 12 Uhr wollen Mie­te­rIn­nen­ver­bände vor dem Tagungsort gegen das Treffen pro­tes­tieren. »Wir wollen aus­drücken, dass die Inter­essen der Mie­te­rInnen vom Lob­by­verband der Immo­bi­li­en­wirt­schaft mit Füßen getreten werden«, begründete David Schuster vom Pro­test­bündnis gegenüber der taz die Aktion. Mie­te­rInnen aus ver­schie­denen Stadt­teilen wollen außerdem über ihren Wider­stand gegen Miet­erhö­hungen berichten.

Der Protest soll ein Warm-up für eine ber­lin­weite Demons­tration unter dem Motto »Keine Rendite mit der Miete« sein, mit der Mie­te­rInnen- und Stadt­teil­ver­bände am 18. Juni gegen den an diesem Tag im Hilton-Hotel statt­fin­dende Jah­res­tagung der Immo­bi­li­en­wirt­schaft pro­tes­tieren wollen.
http://​www​.taz​.de/​1​/​a​r​c​h​i​v​/​d​i​g​i​t​a​z​/​a​r​t​ikel/
?ressort=ba&dig=2012%2F05%2F23%2Fa0145&cHash=7a58646a45
Peter Nowak