Karl Kraus

Der Wiener Schrift­steller Karl Kraus leistete mit seiner Sprach­kritik einen wich­tigen Beitrag zur Analyse der poli­ti­schen Ver­hält­nisse in Öster­reich zwi­schen 1900 und 1936.

In der von ihm selbst her­aus­ge­ge­benen Zeit­schrift Die Fackel gelang es ihm, den auto­ri­tären Cha­rakter kenntlich zu machen, den die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft in allen Kreisen der Gesell­schaft her­vor­ge­bracht hatte. Das Straf- und Rache­be­dürfnis gegenüber Oppo­nenten und Min­der­heiten und der immer stärker her­vor­bre­chende Anti­se­mi­tismus werden in seinen Texten bloß­ge­stellt. Die Ger­ma­nistin Irina Djassemy ana­ly­siert seine Texte mit dem theo­re­ti­schen Rüstzeug der Frank­furter Schule. »Karl Kraus‘ Stärke gegenüber den bloßen Mora­listen besteht nicht zuletzt darin, dass er bei den vom ihm kri­ti­sierten Ver­tretern bestimmter Berufe, z.B. bei Poli­zisten und Jour­na­listen, auch das berück­sichtigt, was er das System nennt: die Arbeits­be­din­gungen und den orga­ni­sa­to­ri­schen Aufbau der Insti­tu­tionen«, schreibt Djassemy. In vielen seiner frühen Glossen ist der Mel­de­zettel für Kraus das Symbol für eine auto­ritäre Gesell­schaft, die dem Staat und den Nachbarn die Mög­lichkeit gibt, im Pri­vat­leben ihrer Mit­men­schen zu schnüffeln. Dabei ist Kraus kei­neswegs blind für die Klas­sen­ver­hält­nisse der mon­ar­chis­ti­schen Habs­bur­ger­dik­tatur. Anhand der Werke »In dieser großen Zeit« und »Die letzten Tage der Menschheit« zeigt die Autorin, wie Kraus die Ver­lo­genheit der Gesell­schaft im Ersten Welt­krieg durch seine Sprach­kritik ent­larvt. Der Buch­ausgabe von »Die letzten Tage der Menschheit« vor­an­ge­stellt ist ein Foto des von der öster­rei­chi­schen Mili­tär­justiz zum Tod durch Erhängen ver­ur­teilten ita­lie­ni­schen Publi­zisten und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Poli­tikers Cesare Bat­tisti. Für Kraus ist es ein Bei­spiel für »das öster­rei­chische Antlitz«, das in den Kriegs­jahren häufig sich stolz ihrer Taten rüh­mende Henker in Aktion zeigte. Der Autorin gelingt es mit ihrer Analyse des Werkes von Karl Kraus, die geistige Ver­fassung einer Gesell­schaft auf dem Weg in die nazis­tische Bar­barei deutlich zu machen.

Irina Djassemy: Die ver­fol­gende Unschuld. Zur Geschichte des auto­ri­tären Cha­rakters in der Dar­stellung von Karl Kraus. Böhlau Verlag, Wien 2011. 266 Seiten, 35 EUR

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​6​5​/​0​1.htm

Peter Nowak