Bild, Deutschlands frechster Arbeitsloser und »Volkes Stimme«

Kann Bild »nur Trends ver­stärken, aber keine eigenen setzen«, wie Ex-Bun­des­kanzler Schröder meint?

»Ich habe meinen Frieden mit Bild gemacht«, erklärt Ex-Kanzler Gerhard Schröder in der Geburts­tags­ausgabe von Bild, die am Samstag kos­tenlos in Mil­lionen Haus­halte ver­schenkt wurde. Das Schröder-Interview steht dort gleich am Anfang. Dabei wird deutlich, dass der Auto­kanzler, Bild nie den Krieg erklärt hat. Schließlich hat er das Bonmot geprägt, dass man zum Regieren »Bild, Bams und Glotze« braucht.. Dass hat der BILD-Redaktion so gut gefallen, dass sie es gleich für den Titel des Inter­views ver­wenden. Dort wird Schröder noch einmal daran erinnert, dass nicht nur seine Frau bei Bild ihre jour­na­lis­tische Laufbahn begonnen hat, sondern auch sein Pres­se­sprecher von dort kam und danach dort wei­ter­machte.

Ein Gedanke, dem auch ent­schiedene Bild-Kri­tiker zustimmen dürften, fand sich aber denn noch in dem Schröder-Gespräch. Bild könne »nur Trends ver­stärken, aber keine eigenen setzen. Es muss immer eine Stimmung da sein, an die Bild anknüpfen kann«.

Zumindest die Sozio­logen Britta Stein­wachs und Christian Baron werden dieser Ein­schätzung zustimmen. Sie haben im Rahmen der Reihe Kri­tische Wis­sen­schaften in der edition assem­blage unter dem Titel »Faul, frech, dreist« eine Unter­su­chung zur »Dis­kri­mi­nierung von Erwerbs­losen durch Bild-Lese­rinnen und ‑leser« her­aus­ge­bracht. Zur Grundlage haben sie dabei die Bericht­erstattung über den von Bild zu »Deutsch­lands frechsten Arbeits­losen« sti­li­sierten Arno Dübel genommen und dabei erstmals auch die Pos­tings auf Bild-Online unter­sucht und in ihre Studie mit ein­be­zogen. Auf mehr als 20 Seiten sind sie zum Teil im Anhang abge­druckt. Auch wenn dieser Anhang etwas lang geraten ist, ist die Lektüre doch sinnvoll, weil man hier einen unge­fil­terten Ein­druck von »Volkes Stimme« bekommt.

Lohn­arbeit um jeden Preis als Strafe

Denn die Inter­net­pos­tings drücken anders Leser­briefe aus, was rele­vante Teile der Bevöl­kerung über Men­schen denken, deren höchstes Ziel eine Lohn­arbeit um jeden Preis und zu allen Bedin­gungen ist. Genau das aber fordern viele der­je­nigen, die sich zu Dübel bei Bild​.de geäußert haben, von ihm ein. Es wird von vielen geradezu als Unver­schämtheit ange­sehen, nicht jede Arbeit zu machen. Selbst Krankheit und Alter sind dabei kein Mil­de­rungs­grund. Min­destens zur »Pappe auf­heben im Park« oder Ein­kaufs­wägen zusam­men­stellen, musste er nach ihrer Meinung ver­ur­teilt werden .

Dabei wird deutlich, dass es den meisten Dübel-Gegnern um Sank­tio­nierung und Strafe ging. Manche wollten ihn mit einer stu­piden Arbeit bestrafen, andere wünschten, dass er im Winter unter Brücken schlafen muss oder »ganz weg­ge­sperrt« wird. Mehrere bekun­deten, dass ihnen nicht Dübel, sondern nur sein Hund leid tue. Oft ver­wiesen die­je­nigen, die sich besonders gegen Dübel her­vor­taten, darauf, dass sie auch zu jedem Preis arbeiten und keine staat­lichen Hilfen in Anspruch nehmen würden. Einige betonten, dass sie keine Hartz-IV-Emp­fänger in ihren Freundes- und Bekann­ten­kreis hätten. Selbst unter der Min­derheit, die Dübel gegen besonders harte Anwürfe in Schutz nahm, argu­men­tierten viele, er sei doch so kaputt und krank, dass man »den armen Mann« mit seinen Hartz IV-Satz dahin­ve­ge­tieren lassen solle. Nur ganz wenige erin­nerten an inter­na­tionale Kon­ven­tionen und Gesetze, die es ver­bieten, einen offen­sichtlich kranken Mitt­fünf­ziger mit­tellos auf die Straße zu setzen. Einige sahen gerade darin eine besondere Per­fidie des Sozi­al­staates und been­deten ihre Pos­tings nicht selten mit dem Aufruf »Armes Deutschland«.

Dis­kri­mi­nierung von Erwerbs­losen durch Lohn­ab­hängige?

So begrü­ßenswert es ist, dass Baron und Stein­wachs die Rolle der Bild­leser in den Mit­tel­punkt ihre Unter­su­chung zu stellen und damit plumpe Mani­pu­la­ti­ons­thesen den Boden ent­ziehen, so bleiben doch bei ihren Erklä­rungs­ansatz einige Fragen offen. Sie bevor­zugen den Ansatz des Klas­sismus und sehen in den Hass­mails auf Dübel ein Bei­spiel für die Dis­kri­mi­nierung von Erwerbs­losen durch Lohn­ab­hängige. Aller­dings ist schon die Trennung schwierig und nicht wenige der Poster dürften pflicht­be­wusste Erwerbslose gewesen sein, die ihre ständige Suche nach Lohn­arbeit von jemand wie Dübel lächerlich gemacht sehen.

Zudem bleibt bei dem Klas­sis­mus­ansatz die Rolle von Bild unklar. Plau­sibler wäre es, die Bild-Bericht­erstattung im Fall Dübel als ein Bei­spiel von Sozi­al­chau­vi­nismus zu inter­pre­tieren, wo sich ein Bündnis von Élite und Teilen der Bevöl­kerung gegen miss­liebige Min­der­heiten austobt. Dass es nicht nur vir­tuell bleibt, zeigte sich, als Dübel von einer betrun­kenen Rent­nerin in Mal­lorca tätlich ange­griffen wurde, weil sie wie Bild der Meinung war, er ver­prasse dort ihre Steu­er­gelder.

Bild hat im Fall Dübel nicht nur immer die pas­senden Schlag­zeilen geliefert und Dübel über Monate ins Licht der Öffent­lichkeit gezerrt, wobei dieser aller­dings auch bereit­willig mit­spielte. Selbst als er einen Bügeljob ange­nommen hatte, war Bild gleich wieder an Ort und Stelle und sorgte so schnell dafür, dass er den wieder aufgab.

Hier bilden sich Ana­logien zur Rolle vom Bild bei der Hetze gegen zwei Männer, die ihre Strafen wegen Sexu­al­de­likten verbüßt hatten und in einem Haus in einer Klein­stadt von Sachsen-Anhalt wohnen. Bild hat diese Männer und ihren aktu­ellen Wohnort immer wieder an die Öffent­lichkeit gezerrt, ein Bündnis von Teilen der Bevöl­kerung und offenen Neo­nazis ver­suchten in den letzten Wochen mehrmals dieses Haus zu stürmen. Als einer der Männer einen neuen Wohnort in einer grö­ßeren Stadt wählte, stand ein Bild-Reporter sofort vor der Haustür, so dass dieser flucht­artig zurück in die Klein­stadt von Sachsen-Anhalt zog.

Die bei edition assem­blage ver­öf­fent­lichte Studie zeigt ebenso wie eine im Auftrag der gewerk­schafts­nahen Otto-Brenner-Stiftung erstellte Unter­su­chung, dass für Bild bei aller nach außen ver­mit­telten Lockerheit und Selbst­ironie auch nach 60 Jahren ihr Geschäfts­ge­heimnis darin besteht, die regres­siven Stim­mungen in Teilen der Bevöl­kerung in Schlag­zeilen zu gießen, kam­pa­gnen­fähig zu machen und zu ver­stärken. Dass dabei zu einer unge­liebten Min­derheit erklärte Men­schen zu Opfern werden, wird in Kauf genommen.

Christian Baron/​Britta Stein­wachs: Faul, frech, dreist. Die Dis­kri­mi­nierung von Erwerbs­lo­sigkeit durch BILD-Leser*innen. Edition Assem­blage, Münster 2012, 143 Seiten, 14,80 Euro.
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​52269
Peter Nowak