»Kein Unglücksfall« – Der Tod eines Streikpostens in Italien

Der Tod eines Kol­legen auf Streik­posten hat Mitte Sep­tember in Italien zu mas­siven Pro­testen geführt. In Deutschland war das – auch in der linken Öffent­lichkeit – kaum ein Thema.
„Er ist mit einem Megaphon in der Hand gestorben. Er ist von SEAM [einem Zulie­ferer von GLS] und GLS getötet worden.“ Das sagten einige Kol­le­gInnen von Abd Elsalam Ahmed Eldanf, der am 15. Sep­tember 2016 bei der Blo­ckade eines bestreikten GLS-Waren­lagers in Pia­cenza von einem Fir­men­wagen über­fahren wurde. Sie klagen damit auch die beiden Unter­nehmen an, bei denen der in Ägypten geborene Mann seit 2003 gear­beitet hat.
Mit dem Streik wollten die Beschäf­tigten die unbe­fristete Anstellung von 13 Kol­le­gInnen und die Wie­der­ein­stellung von wei­teren Kol­le­gInnen, die ihren Job ver­loren hatten, weil sie Gewerk­schafts­mit­glieder geworden waren, durch­setzen. Abd Elsalam hatte bereits einen unbe­fris­teten Arbeits­vertrag. Er betei­ligte sich an dem Streik, um seine Kol­le­gInnen zu unter­stützen. Dieses soli­da­rische Agieren der Beschäf­tigten kenn­zeichnet den seit 2008 andau­ernden Kampf­zyklus in der nord­ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche. „Die meist migran­ti­schen Logis­tik­ar­bei­te­rInnen in Italien haben es in den letzten sechs Jahren geschafft, durch mili­tante Streiks ihre men­schen­un­wür­digen Arbeits­be­din­gungen grund­legend zu ver­bessern. Während sie früher regel­mäßig bei der Lohn­ab­rechnung betrogen und von den Vor­ar­bei­te­rInnen mit gewalt­tä­tiger Arroganz behandelt wurden, haben sie jetzt in vielen Unter­nehmen normale Bedin­gungen für sich erkämpft. Wegen dieser Erfolge orga­ni­sieren sich immer mehr Arbei­te­rInnen in der Basis­ge­werk­schaft S.I. Cobas und setzen sich mit ihren Kol­le­gInnen zur Wehr“, schreibt Bärbel Schöna­finger auf der Plattform Labournet​.tv. Sie hat einige der ita­lie­ni­schen Logis­tik­ar­bei­te­rInnen 2014 beim euro­päi­schen Treffen von Basis­ge­werk­schaf­te­rInnen in Berlin ken­nen­ge­lernt und diese in Nord­italien besucht. Aus den Besuchen und Gesprächen ging auch der Film „Die Angst weg­schmeißen“ (http://​de​.labournet​.tv/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​-​w​e​g​s​c​h​m​e​issen) hervor, mit dem sie den Arbeits­kampf in Nord­italien in Deutschland bekannter gemacht hat.
Terror gegen Strei­kende
Für Giorgio Grappi, Sozi­al­wis­sen­schaftler, aktives Mit­glied der Migran­tInnen-Koor­di­nation von Bologna und des Kol­lektivs »S‑Connessioniprecarie« (Prekäre Ver­bin­dungen), ist der Tod von Abd Elsalam nicht der tra­gische Unglücksfall, als den ihn die ita­lie­nische Justiz dar­stellt. In einem Interview mit der linken Zeitung Il Mani­festo bezeichnet er Abd Elsalams Tod als Höhe­punkt der Gewalt, die von Seiten der Unter­nehmen und des Staates seit Beginn des Kampf­zyklus gegen die Strei­kenden zum Aus­druck kam. „Wer die Arbeits­kämpfe der migran­ti­schen Arbei­te­rInnen in der Logistik ver­folgt hat, kennt die Gewalt, die von Unter­neh­mer­seite bei den Blo­ckaden aus­geübt wird, die Ver­suche, sie zu durch­brechen, und die Poli­zei­ein­sätze gegen Streik­posten sehr genau“, erklärt Grappi. „Youtube ist voll von Videos, die Arbei­te­rInnen mit schweren Ver­let­zungen zeigen, die ihnen Polizei oder Streik­brecher zugefügt haben“, berichtet auch Bärbel Schöna­finger. Die Kampf­be­reit­schaft und Ent­schlos­senheit der Beschäf­tigten konnte damit nicht gebrochen werden .
Sie haben es geschafft, sich ita­li­enweit zu orga­ni­sieren und gegen­seitig in ihren Kämpfen zu unter­stützen, so dass auch Kämpfe in Waren­lagern gewonnen werden konnten, in denen zunächst nur ein kleiner Teil der Beleg­schaft in den Streik getreten war. Der Kampf­zyklus hatte zudem eine inte­grative Kraft für die radikale Linke in Italien, die die Logis­tik­ar­bei­te­rInnen tat­kräftig unter­stützt. Der Arbeits­kampf wird sowohl von sozialen Zentren und auto­nomen Zusam­men­hängen als auch von ver­schie­denen sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Grup­pie­rungen in Nord­italien unter­stützt. Die unter­schied­lichen Spektren der ita­lie­ni­schen Linken koope­rieren bei der Streik­un­ter­stützung. Keine Unter­stützung für den Arbeits­kampf kam hin­gegen von den großen Gewerk­schafts­zen­tralen in Italien. Ob sich dies nach dem Tod von Abd Elsalam ändert, muss sich zeigen. Am 18. Sep­tember erklärte der Sekretär der größten ita­lie­ni­schen Metall­ar­bei­ter­ge­werk­schaft FIOM-CGIL, Mau­rizio Landini: „Mit der Auf­trags­vergabe an Sub­un­ter­nehmer und Kür­zungen bei der Vor­beugung befindet sich die Arbeits­si­cherheit in einer dra­ma­ti­schen Lage. Man muss die ver­fehlten Gesetze kor­ri­gieren.“ Die CGIL fordert ein neues Statut für die Rechte der Werk­tä­tigen und ein Refe­rendum gegen den Jobs Act (kann man das erläutern?). Für den 21. Sep­tember hatte auch die FIOM-CGIL zu Streiks und Betriebs­ver­samm­lungen auf­ge­rufen.
Kaum Unter­stützung aus Deutschland
Obwohl einige der in Nord­italien bestreikten Logis­tik­un­ter­nehmen wie IKEA und DHM auch Filialen in deut­schen Städten haben, ist es bislang in Deutschland nicht gelungen, eine Soli­da­ri­täts­struktur zur Unter­stützung der Strei­kenden in Italien auf­zu­bauen. Nachdem die Aus­ein­an­der­set­zungen in Nord­italien durch den Film „Die Angst weg­schmeißen“ bekannter wurden, gab es im Sommer 2015 auch Ver­suche, mit Akti­ons­tagen die Soli­da­rität mit den Strei­kenden aus­zu­weiten. Das Konzept sah vor, par­allel zum Arbeits­kampf in Italien auch vor den Filialen in Deutschland die For­de­rungen der Beleg­schaft zu unter­stützen. In Berlin, Hamburg und dem Ruhr­gebiet gab es kleinere Aktionen wie z.B. unan­ge­meldete Kund­ge­bungen, und an IKEA-Kun­dInnen wurden Flug­blätter mit Infor­ma­tionen zu den Hin­ter­gründen der Streiks in ita­lie­ni­schen Logis­tik­un­ter­nehmen, die für IKEA arbeiten, ver­teilt. Doch es gelang nicht, die Soli­da­ri­täts­ak­tionen kon­ti­nu­ierlich fort­zu­setzen oder gar aus­zu­weiten. So wurde der Tod von Abd Elsalam Ahmed Eldanf in Deutschland kaum regis­triert. Lediglich in den Tages­zei­tungen Neues Deutschland und junge welt sowie in der Monats­zeitung analyse und kritik (ak) gab es Artikel bzw. ein Interview dazu. Auch die außer­par­la­men­ta­rische Linke, die 2001 beim Tod des Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tikers Carlo Giu­liani noch in vielen Städten Aktionen orga­ni­sierte, igno­rierte den Tod des Streik­postens. Dieses Schweigen ist ein Zeichen, wie schlecht es um eine euro­pa­weite gewerk­schaft­liche Soli­da­rität bestellt ist.
http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Peter Nowak

»Wer krank ist, wird entlassen«

Bärbel Schönafinger ist Redakteurin bei ­labournet​.tv, einer Internet-Plattform für Filme aus der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung. Die Gruppe ist auf der Suche nach Fördermitgliedern.

Seit meh­reren Jahren beschäf­tigen Sie sich mit den Arbeits­kämpfen im nord­ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich. Im ver­gan­genen Jahr haben Sie einen Film mit dem Titel »Die Angst weg­schmeißen« gedreht. Was inter­es­siert Sie an diesen Arbeits­kämpfen?

Ich war im März 2014 bei einem Netz­werk­treffen der euro­päi­schen Basis­ge­werk­schaften und während eines nicht ganz so inter­es­santen Bei­trags zupfte mich einer aus der ita­lie­ni­schen Dele­gation am Ärmel und zeigte mir Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die ita­lie­nische Polizei auf Strei­kende ein­prü­gelte. »Das pas­siert jede Woche«, sagte er mir und erzählte von einem Arbeits­kampf bei Granarolo, einem großen Milch­lie­fe­ranten bei Bologna, der seine Lager­ar­beiter zwingen wolle, »wegen der Krise« auf 30 Prozent ihres Lohns zu ver­zichten. Und dass er dort gerade in seinem Auto vor dem Werkstor schlafe und tagsüber an den Blo­ckaden teil­nehme, um seine Kol­legen zu unter­stützen. Bei seinem Arbeits­geber, dem Spe­di­ti­ons­un­ter­nehmen Bar­tolini, hätten sie schon gekämpft, gewonnen und die Macht­ver­hält­nisse im Betrieb geändert.

Die Kämpfe hatten 2011 bei TNT in Pia­cenza ange­fangen und seitdem hat sich die Bewegung unter den migran­ti­schen Lager­ar­bei­te­rinnen und ‑arbeitern immer mehr aus­ge­breitet. Der Kollege war wirklich begeistert und das war sehr anste­ckend. Da es in der Bun­des­re­publik kei­nerlei Bericht­erstattung über diese Streik­welle gab, beschloss ich mit einer Kol­legin, diese Lücke zu füllen und einen Film darüber zu machen.

Was fas­zi­nierte Sie an dieser Streik­welle?

Wir waren fas­zi­niert, weil es aus­ge­rechnet die über­aus­ge­beu­teten, erpress­baren Migran­tinnen und Migranten waren, die sich zur Wehr setzten; und natürlich, weil sie so erfolg­reich waren. Sie wurden von einer sehr kämp­fe­ri­schen und klas­sen­be­wussten kleinen Basis­ge­werk­schaft, S.I. Cobas, unter­stützt, aber der Impuls für die Streik­welle ging von den Beschäf­tigten und ihrer eigenen Orga­ni­sation in den Waren­lagern aus. S.I. Cobas unter­stützte sie bei der Blo­ckade ihrer Waren­lager und den Ver­hand­lungen. Außerdem stellten sie die ersten Kon­takte zu linken Gruppen in der Umgebung her, die dann eben­falls zu den Blo­ckaden kamen.

Was sind die For­de­rungen der Beschäf­tigten?

Die Beschäf­tigten in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche sind zu 95 Prozent Migran­tinnen und Migranten. Sie werden von Vor­ar­beitern ras­sis­tisch dis­kri­mi­niert, Frauen sind sexua­li­sierter Gewalt aus­ge­setzt. Sie werden mit gefälschten Lohn­ab­rech­nungen um Teile ihres Lohns betrogen, haben oft keine gere­gelten Arbeits­zeiten und müssen teil­weise stun­denlang vor den Toren warten, ohne zu wissen, ob sie arbeiten können oder nicht. Wenn sie auf­mucken oder sich gewerk­schaftlich orga­ni­sieren, werden sie beim nächsten nomi­nellen Wechsel des Sub­un­ter­nehmens nicht mehr ein­ge­stellt. Sie gehen teil­weise mit Band­schei­ben­vor­fällen zur Arbeit. Wer krank ist, wird ent­lassen. Und so weiter. Sie fordern gewöhnlich die Ein­haltung des CCNL, des Natio­nalen Tarif­ver­trags für die Logis­tik­branche. Der sieht Min­dest­stan­dards vor wie eine garan­tierte Min­dest­ar­beitszeit von 168 Stunden im Monat, Lohn­fort­zahlung im Krank­heitsfall, kor­rekte Lohn­ab­rech­nungen. Außerdem setzen die Strei­kenden die Ent­lassung von bestimmten Vor­ar­beitern durch. Für manche Kol­legen ver­drei­fachte sich ihr effek­tiver Net­tolohn, nachdem sie in ihrem Waren­lager erfolg­reich gekämpft hatten. Oft geht es zudem um unbe­fristete Ver­träge.

Die Kämpfe werden größ­ten­teils von Arbeits­mi­gran­tinnen und ‑migranten aus Nord­italien getragen, die als schwer orga­ni­sierbar gelten. Wie ist das zu erklären?

Ich weiß nicht, wieso migran­tische Beschäf­tigte als schwer orga­ni­sierbar gelten. In der Bun­des­re­publik ist es ja so, dass sie von den DGB-Gewerk­schaften viel zu wenig adres­siert werden. Die Gewerk­schaften könnten viel erreichen, wenn sie gut aus­ge­stattete Anlauf­stellen für migran­tische und ille­ga­li­sierte Beschäf­tigte schaffen und ihnen helfen würden, sich gegen Lohnraub oder die neue Asyl­ge­setz­gebung zur Wehr zu setzen. Sobald es Anlauf­stellen gäbe und eine minimale Struktur, um die Selbst­or­ga­ni­sation zu unter­stützen, sowie erste Erfolge, die sich dann, wie in Italien, in den migran­ti­schen Com­mu­nities her­um­sprächen, gäbe es auch hier­zu­lande migran­tische Arbei­te­rinnen und Arbeiter, die sich zur Wehr setzen. Zumindest legt die Streik­welle in Italien das nahe, wo die Leute streikten, obwohl sie wegen des berüch­tigten Bossi-Fini-Gesetzes neben dem Verlust des Arbeits­platzes auch ihre Auf­ent­halts­ge­neh­migung ris­kierten.

In dem Film gehen Sie auch auf die Rolle der Frauen im Arbeits­kampf ein. Welchen Anteil haben sie dabei?

In den aller­meisten Waren­lagern arbeiten nur Männer, abge­sehen von den Putz­frauen. Aber im Waren­lager des Mode­ver­sands Yoox und seit diesem Sommer bei H & M, wo vor allem Frauen beschäftigt sind, sind es natürlich die Frauen, die kämpfen. Die soge­nannte Arbei­ter­be­wegung war und ist immer schon eine Arbei­te­rin­nen­be­wegung. So auch in dieser Streik­welle und auch was die Unter­stützung angeht. Es wird Zeit für einen unver­stellten Blick und auch für einen ange­mes­senen Sprach­ge­brauch, wenn es um Arbei­te­rinnen und Arbeiter und ihre Kämpfe geht.

Welche Rolle spielen die Gewerk­schaften?

In Italien gibt es drei große Gewerk­schafts­dach­ver­bände. Sie haben den Logis­tik­be­schäf­tigten, die mit gefälschten Lohn­ab­re­chungen zu ihnen kamen und dem Wunsch, sich zur Wehr zu setzen, gesagt, dass man nichts machen könne und dass sie sich einen anderen Job suchen sollten. Ein Arbeiter, den wir bei der Blo­ckade eines GLS-Lagers in Bergamo getroffen haben, hat es so for­mu­liert: »Das einzige, was sie machen, ist, Mit­glieds­bei­träge zu kas­sieren und unter dem Tisch Geld anzu­nehmen.« Die kampf­wil­ligen Beschäf­tigten mussten also Gewerk­schaften finden, die bereit waren, sie zu unter­stützen. Im Bereich der Logistik haben sie bei S.I. Cobas Mit­streiter gefunden, denen es nicht darum ging, ihre Gewerk­schaft als Orga­ni­sation vor­an­zu­bringen, sondern die die Streiks als Klas­sen­kämpfe begriffen und sie aus genau diesem Grund mit schier unbe­grenztem Élan unter­stützten. S.I. Cobas wurde erst 2010 gegründet, damals war das ein Dutzend älterer Herren mit Jahr­zehnten Erfahrung auf dem Buckel. Jetzt hat die Gewerk­schaft über 10 000 Mit­glieder, ist aber weit davon ent­fernt, als Apparat wirklich zu funk­tionieren, in dem Sinne, dass sie in der Lage wäre, alle Mit­glieds­bei­träge ein­zu­sammeln oder ihre Aktiven zu bezahlen. Es sind vor allem Pen­sio­nierte, junge Arbeitslose oder Dele­gierte in den Waren­lagern, die den Laden schmeißen.

Haben die Beschäf­tigten im modernen Logis­tik­sektor nicht eine besondere Macht, weil sie schnell alles lahm­legen können?

Es ist sicher von ent­schei­dender Bedeutung, dass die Beschäf­tigten in der Logis­tik­branche sehr großen finan­zi­ellen Schaden anrichten können, wenn sie die Tore für ein paar Stunden blo­ckieren. Damit zwingen sie die Arbeit­geber an den Ver­hand­lungs­tisch. Solange es also genug Kol­le­ginnen und Kol­legen gibt, die sich betei­ligen, bezie­hungs­weise Soli­da­rität von Beschäf­tigten aus anderen Waren­lagern und Unter­stützung aus der linken Szene, können sie sich in der Regel durch­setzen. Die Tat­sache, dass sie großen Schaden anrichten können, reicht also nicht aus, um sich gegen die Kapi­tal­seite durch­zu­setzen, sie macht es aber leichter.

Mitte Sep­tember wurde Abd al-Salam Ahmed Eldanf in Pia­cenza bei der Blo­ckade eines bestreikten GLS-Waren­lagers von einem Fir­men­wagen über­fahren und war sofort tot. In den deut­schen Medien war darüber kaum etwas zu lesen. Dabei gab es in Deutschland in den ver­gan­genen Jahren auch einige Ver­suche, Soli­da­rität mit den Logis­tik­ar­beitern in Italien zu orga­ni­sieren. Wie war das Ergebnis?

Ernüch­ternd. Zu den Aktionen kamen nur eine Handvoll Leute. Die Ita­liener haben sich aber trotzdem darüber gefreut.

Auch auf einer inter­na­tio­nalen Kon­ferenz zum trans­na­tio­nalen Streik, die Ende Oktober in Paris stattfand, wurde über Arbeits­kämpfe im Logis­tik­sektor dis­ku­tiert. Könnte hier eine trans­na­tionale Koor­di­nation ent­stehen?

Das ist viel­leicht ein bisschen zu viel erwartet. Ich denke, es geht einfach immer wieder darum, dass sich mobi­li­sierte Beschäf­tigte aus ver­schie­denen Stand­orten und Ländern treffen und aus­tau­schen. Das ist auch in Paris pas­siert.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​4​5​/​5​5​1​6​3​.html

Interview: Peter Nowak

Globales Filmfestival aktivierte

Ort politischer Diskussion und Vernetzung wird gebraucht

Wider­stand gegen soziale und poli­tische Unter­drü­ckung, aber auch Hand­lungs­mo­delle für eine soli­da­rische Welt waren der rote Fadender 47 Filme aus 27 Ländern, die das­Globale Film­fes­tival vom 28. bis 31.Januar im Ber­liner Kino Movie­mento prä­sen­tierte. Das Fes­tival wurde 2004 von poli­tisch enga­gierten Cine­asten gegründet. Damals mobi­li­sierte dieglo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Bewegung
viele Men­schen gegen die Aus­wir­kungen des Kapi­ta­lismus. Auch wennvon so spek­ta­ku­lären Widerstands­formen heute wenig zu hören ist,gibt es viel­fältige Pro­teste, die sichauf der »Globale« nicht nur in Filmen, sondern auch in Dis­kus­sionen und einem Workshop zeigten. So the­ma­ti­sierte der Film »Miete essen See­leauf« den Mie­ter­wi­der­stand rund umdas Kott­buser Tor in Berlin­Kreuzberg. Die auf­ge­baute Pro­test­hütte – nach­tür­ki­schem Vorbild Gece­condo ge­nannt – wurde zur Anlauf­stelle fü rMietre­bellen aus ganz Berlin. Den Film drehte Regis­seurin und Kotti­-Anwoh­nerin Angelika Levi. Nach der Vor­führung berichtete Hans Georg Lin­denau über die dro­hende Zwangs­räumung seines Kreuz­berger Ladens. Im Film »Rebel­li­sches Schlesien« wurde die bewegte Geschichte der sozialen Kämpfe in der pol­ni­schen­Provinz vor­ge­stellt. Er soll nach sei­ner Polen­Tournee am 12.4. um Ber­liner um 19 Uhr Kino Licht­blick anlaufen.Um einen aktu­ellen Arbeits­kampfging es im Workshop, den Bär­bel­Schöna­finger von der Onlineplatt­form Labournet​.TV (de​.labournet​.tv/​)​v​o​r​b​e​r​e​itete. Beschäf­tigte von pol­ni­schen und deut­schen Ama­zon­stand­orten sowie Streik­Aktivisten berich­teten über die Per­spek­tiven des lang­wie­rigen Arbeits­kampfes. Betriebs­ratsmitglied Carsten Elmer aus Brie­selang gab Aus­kunft zu schwie­ri­gen­Or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­suchen in dem Werk.Erfolgreicher sind Kol­legen in Poznan.Schon kurz nach Werks­er­öff­nungwar dort eine Gruppe von Gewerk­schaftern ent­standen, die bereits zweimal Soli­da­ri­täts­ak­tionen orga­nisierten, als an Amazon­-Stand­orten in Deutschland gestreikt wurde.Gleich sieben Ver­treter waren aus­Polen gekommen, um mit den deut­schen Amazon­-Kol­legen über die bessere Koor­di­nation der Kämpfe zu berat­schlagen. So hat sich das dies­jährige Globale­Filmfestival einmal mehr als Ort poli­ti­scher Dis­kussion und Ver­netzung erwiesen, den wir weterhin brauchen.

aus Sprachrohr: 1/2016

http://​dju​-ber​linbb​.verdi​.de/​+​+​f​i​l​e​+​+​5​6​d​e​d​5​a​8​8​9​0​e​9​b​3​d​6​e​0​0​1​9​4​6​/​d​o​w​n​l​o​a​d​/​S​P​R​_​0​1​_​2​0​1​6​_​n​e​u.pdf
PETER NOWAK

Politisches Kino

FILM Die dies­jährige Globale beschäftigt sich mit Arbeits­kämpfen und Bewe­gungs­themen

Am heu­tigen Don­nerstag beginnt im Movie­mento-Kino in Kreuzberg die Globale. Bis zum 31. Januar werden 43 Filme aus 27 Ländern prä­sen­tiert. Gegenwehr und Wider­stand gegen soziale und poli­tische Unter­drü­ckung, aber auch Hand­lungs­mo­delle für eine soli­da­rische
Welt stehen im Fokus. Seit dem Start 2003 ist diese The­men­pa­lette der rote Faden des Fes­tivals. Das wird auch anhand des umfang­reichen Pro­gramms der dies­jäh­rigen Globale deutlich. So werden gleich am ersten Tag Filme über die Boden­see­ak­ti­onstage gezeigt. rie­dens­gruppen und Flücht­lings­in­itia­tiven hatten dort Ende August 2015 unter den Motto „Waf­fen­ex­porte stoppen! Flucht­ur­sachen
bekämpfen!“ gegen die deutsche Waf­fen­in­dustrie pro­tes­tiert, die am Bodensee besonders reichlich ver­treten ist.
„Rebel­li­sches Schlesien“
Mehrere Filme befassen sich mit welt­weiten Arbeits­kämpfen und sozialen Bewe­gungen. So wie der Film Rebel­li­sches Schlesien“, der Berlin-Pre­mière feiert. Er zeigt die bewegte Geschichte der sozialen Kämpfe in der pol­ni­schen Provinz. Um einen aktu­ellen Arbeits­kampf
geht es auch im Globale-Workshop, den Bärbel Schöna­finger von der Online­plattform Labournet​.TV am Freitag ab 18 Uhr in der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Mehring­platz 1 orga­ni­siert hat. Beschäf­tigte aus pol­ni­schen und deut­schen Amazon-Werken sowie Akti­vis­tInnen der Streik­so­li­da­rität sollen hier über die Per­spek­tiven des lang­wie­rigen Arbeits­kampfes und der län­der­über­grei­fenden
Soli­da­rität berichten. Und auch das Lokale kommt nicht zu kurz. Auf der Globale hat ein Videoclip Pre­mière, der sich gegen die dro­hende
Zwangs­räumung des Gemischt­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf M99 in Kreuzberg wendet und im Anschluss in mög­lichst vielen
Kinos zu sehen sein soll.
aus taz 28.1.2016
PETER NOWAK

Filmarchiv der Arbeiterbewegung

Labournet in bewegten Bildern – linke Inter­net­plattform baut aus
Am Sonntag geht ein neues Film- und Medi­en­projekt online. »Labournet​.tv« ist Teil der kri­ti­schen Inter­net­plattform Labournet.
Filme und Videos sind heute bei der Mobi­li­sierung zu Demons­tra­tionen und Pro­testen der unter­schied­lichen Art nicht mehr weg­zu­denken. Mit dem Projekt labournet​.tv, das am kom­menden Sonntag startet, soll ein audio­vi­su­elles Archiv der Arbei­ter­be­wegung geschaffen werden.

Das Projekt ist Teil der Inter­net­plattform Labournet, die sich seit 1999 als »Treff­punkt für Unge­horsame mit und ohne Job« für die Stärkung gewerk­schaft­licher und sozialer Gegen­macht ein­setzt. »Bei Labournet​.tv sollen Videos und Filme zu den bei uns doku­men­tierten aktu­ellen Berichten über soziale Kämpfe in aller Welt ins Netz gestellt werden«, erklärt Mag Wompel von Labournet gegenüber ND. »Über Filme lassen sich globale Zusam­men­hänge der Aus­beutung und der Gegenwehr ver­an­schau­lichen«, betont Bärbel Schöna­finger. Die Ber­liner Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin und Fil­me­ma­cherin betreut das von der Stiftung Men­schen­würde und Arbeitswelt mit einer halben Stelle geför­derte Projekt Labournet​.tv.

Die Glie­derung auf der Web­seite des Film­ar­chivs ist sehr über­sichtlich und benut­zer­freundlich. Der vir­tuelle Besucher kann unter dem Ober­titel »Branchen« die unter­schied­lichsten Berufs­sparten von Bergbau über Fischerei und Land­wirt­schaft, Transport und Logistik anklicken und findet dort die ent­spre­chenden Filme und Videos. Nicht nur über die klas­sische Lohn­arbeit, auch über migran­tische und prekäre Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse sowie über Kämpfe auf dem Feld der Repro­duk­ti­ons­arbeit finden sich Bei­träge. Bärbel Schöna­finger legt großen Wert auf die Prä­sen­tation unter­schied­licher fil­mi­schen Posi­tionen aus den ver­schie­denen sozialen Kämpfen. So ist unter der Rubrik »Erwerbs­lo­sen­be­wegung« neben kurzen Video­clips über Zahltags- und Begleitak­tionen in ver­schie­denen Job­centern der Republik auch der 1988 gedrehte Film »Einst­weilen wird es Mittag« über den Alltag von Men­schen ohne Lohn­arbeit auf­ge­listet. In dem eben­falls archi­vierten Film »Vor­sicht Arbeit« von 2004 kommen 12 Erwerbslose zu Wort, die sich ein Leben ohne Lohn­arbeit wün­schen.

Auf Labournet​.tv sollen auch heute oft nur schwer zugäng­liche Filme aus der Geschichte der Arbei­ter­be­wegung zu finden sein – sofern das Urhe­ber­recht es zulässt. »Bei den vielen Filmen, für die es keine Abspiel­rechte gibt, können wir nur auf im Handel befind­liche DVD oder VHS hin­weisen«, so Schöna­finger.

Zwei inter­na­tionale Klas­siker der Film­ge­schichte der Arbei­ter­be­wegung sind aller­dings öffentlich zugänglich und werden ab kom­menden Sonntag in voller Länge auf labournet​.tv zu sehen sein. Es handelt sich um »Streik« des sowje­ti­schen Regis­seurs Sergej Eisen­stein und um den Film »Salz der Erde«, der einen Arbeits­kampf mexi­ka­ni­scher Migranten in einer Zinnmine in den USA der frühen 50er Jahre zum Thema hat. Sämt­liche doku­men­tierten Filme und Videos sind mit deut­schen Unter­titeln ver­sehen.

Zum Start des Pro­jekts lädt Labournet​.tv am 30. Januar um 11 Uhr zum Lunch in das fsk-Kino am Segitzdamm 2 nach Berlin-Kreuzberg. Dort wird auch der Film »107 Sekunden – Arbeiter des Südens« über drei Fiat­ar­beiter gezeigt. de​.labournet​.tv

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​8​9​5​3​2​.​f​i​l​m​a​r​c​h​i​v​-​d​e​r​-​a​r​b​e​i​t​e​r​b​e​w​e​g​u​n​g​.html

Peter Nowak