Protest kommt einem Studenten teuer zu stehen

Eine Pro­test­aktion an der Freien Uni­ver­sität (FU) Berlin kommt einem Ber­liner Stu­denten teuer zu stehen. Der 21-jährige Poli­to­lo­gie­student Jan Quandt hatte sich am 5. November 2008 an Pro­testen gegen die offi­zielle Imma­tri­ku­la­ti­ons­feier der FU beteiligt. Dabei wurden vier Stu­die­rende fest­ge­nommen und erken­nungs­dienstlich behandelt, dar­unter auch Jan Quandt. Ihm wurde vor­ge­worfen, sich gegen seine Fest­nahme gewehrt zu haben. Das Ber­liner Amts­ge­richt ver­ur­teilte den Stu­denten dar­aufhin im ver­gan­genen Jahr u.a. wegen fahr­läs­siger Kör­per­ver­letzung zu einer Geld­strafe von 450 Euro.

Bei der Ver­handlung vor dem Ber­liner Amts­ge­richt haben drei Zeugen zugunsten des Ange­klagten aus­gesagt. Die Staats­an­walt­schaft stützte sich allein auf die Aussage des fest­neh­menden Poli­zisten und lehnte eine Ein­stellung des Ver­fahrens ab. Am 5. Februar geht der Prozess gegen Jan Quandt vor dem Ber­liner Land­ge­richt in die zweite Runde. Auch zur Beru­fungs­ver­handlung mobi­li­sieren Stu­die­rende und Unter­stüt­zer­gruppen. Treff­punkt ist um 8.30 Uhr vor dem Eingang des Ber­liner Land­ge­richts in der Turm­straße 91.

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Peter Nowak

»Das Stahlwerk zerstört unsere Lebensgrundlage«

UMWELT Thys­sen­Krupp baut eine neue Fabrik in Bra­silien. Die Fischer der Region sind dagegen
taz: Herr Oli­veira, warum kri­ti­sieren Sie den Bau des von Thys­sen­Krupp geplanten Stahl­werks in Bra­silien?

Luis Carlos Oli­veira: Es zer­stört die Lebens­grund­lagen der rund 8.000 Fischer in der Sepetiba-Bucht im Bun­des­staat Rio de Janeiro. Durch die Aus­bag­gerung wurden bereits giftige Stoffe frei­ge­setzt, die von einer Vor­gän­ger­firma dort abge­lagert worden sind. Die Was­ser­qua­lität ver­schlech­terte sich massiv und der Fisch­be­stand ging enorm zurück. Zudem wurde für den Bau in einem Natur­schutz­gebiet illegal der Wald gerodet. Wir befürchten daher, dass die Umwelt­schäden noch zunehmen werden, wenn das Stahlwerk in Betrieb genommen wird.

Wie reagiert denn die bra­si­lia­nische Regierung auf Ihre Pro­teste?

Sie igno­rieren uns, denn sie setzt auf wirt­schaft­liches Wachstum und sieht in dem Stahlwerk ein wich­tiges Projekt der wirt­schaft­lichen Ent­wicklung, das viele Arbeits­plätze bringen soll.

Haben Sie denn dann wenigstens Unter­stützung auch außerhalb der unmit­tel­baren Region?

Etliche der sozialen Bewe­gungen in der ganzen Welt unter­stützen uns direkt und helfen uns beim Her­stellen der Kon­takte im In- und Ausland. Dadurch ist auch die Ver­bindung nach Deutschland ent­standen.

Wie ist die Resonanz der Par­teien und Gewerk­schaften in Bra­silien?

Von den bra­si­lia­ni­schen Gewerk­schaften gibt es wenig Unter­stützung. Da spielt sicher auch eine Rolle, dass der bra­si­lia­nische Prä­sident Lula da Silva früher selber Gewerk­schafter war und von dort wenig Kritik kommt. Wir haben auch sämt­liche Par­teien in Bra­silien ange­sprochen. Nur von der Partei Sozia­lismus und Freiheit (PSoL), die sich von der Regie­rungs­partei abge­spalten hat, bekommen wir poli­tische Unter­stützung. Die bra­si­lia­ni­schen Grünen haben sich noch nicht geäußert.

Sie leben seit fast einem Jahr nicht mehr in Ihrer Heimat. Warum?

Am 6. Februar 2009 wurde ich aus einem Luxus­wagen heraus von einem Mann mit einer Waffe bedroht. Das ist in der Gegend, wo die Mafia mit den Milizen ver­bunden ist, eine Mord­drohung. Ich habe sofort den Ort ver­lassen und lebe seitdem ver­steckt an unter­schied­lichen Orten. Den Bun­des­staat Rio de Janeiro kann ich nicht mehr betreten. Aber der Kampf der Fischer­ver­ei­nigung geht trotzdem weiter, wenn diese Drohung auch für Ein­schüch­terung gesorgt hat.

Stand die aus­ge­spro­chene Drohung mit Ihrer Rolle als Initiator der Fischer­pro­teste in Ver­bindung?

Ich konnte den Mann, der mich bedrohte, auf der Anhörung im Par­lament von Rio de Janeiro ein­deutig iden­ti­fi­zieren. Er ist der Sicher­heitschef des Stahl­werkes. Er war für kurze Zeit sus­pen­diert und wurde dann wieder ein­ge­stellt. Auch der lokale PSoL-Abge­ordnete Marcelo Freixo, der unseren Kampf unter­stützt, hat Dro­hungen erhalten, weil er als Vor­sit­zender der par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­kom­mission die Milizen unter­sucht.

Was fordern Sie nun konkret vom Thys­sen­Krupp-Konzern?

Wir ver­langen Respekt für die Bewohner. Konkret muss der Konzern alle Umwelt­schäden besei­tigen und die Fischer ent­schä­digen. Denn ihnen wurde durch das Stahlwerk die Mög­lichkeit genommen, selber für ihren Lebens­un­terhalt zu sorgen. Das werden wir nicht akzep­tieren.

Was sagen Sie zum Vorwurf des Aktionärs Bernd Günther, dass es Ihnen nur um Geld gehe?

Ich lade ihn ein, nach Bra­silien zu kommen und unter den Bedin­gungen zu leben, unter denen die Fischer durch die Umwelt­schäden zu leben gezwungen sind. Glaubt er, er würde es schaffen, mit dem wenigen Geld aus­zu­kommen, das den Fischern zur Ver­fügung steht?
INTERVIEW: PETER NOWAK

Luis Carlos Oli­veira
 60, ist Sprecher der bra­si­lia­ni­schen Fischer­ver­ei­nigung, die sich gegen den Bau eines Stahl­werks von Thys­sen­Krupp wehrt. In der ver­gan­genen Woche pro­tes­tierte er auf der Haupt­ver­sammlung des deut­schen Kon­zerns gegen das Projekt.

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Die leere Mappe

Depor­tiert aus Nor­wegen: Kathe Lasnik
Hätte mich nicht eines Tages die E-Mail eines Kol­legen erreicht, der am Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richt in Den Haag arbeitete, wäre ich auf das Schicksal von Kathe Lasnik wohl nie auf­merksam geworden«, berichtet der schwe­dische Phi­losoph Espen Søbye ein­gangs seines Buches, das vor sieben Jahren in Nor­wegen für große Auf­regung sorgte. Denn der Geis­tes­wis­sen­schaftler liefert anhand der Bio­grafie von Kathe Lasnik, die 1942 mit 15 Jahren als Jüdin mit ihrer Familie nach Auschwitz depor­tiert und ermordet worden ist, unleugbare Beweise für die Zusam­men­arbeit nor­we­gi­scher Behörden mit den deut­schen Faschisten. Søbye zeigt zudem, wie sich hohe Beamte in Polizei und Ver­waltung, die sich der Kol­la­bo­ration schuldig gemacht haben, nach 1945 auf angeb­liches Staatswohl beriefen und wie sie in der Regel unge­straft davon­kamen und sogar weiter Kar­riere machten.

Der Autor hatte zunächst beim Sta­tis­ti­schen Zen­tralamt nur eine leere Mappe vor­ge­funden, als er nach dem Schicksal von Kathe Lasnik zu recher­chieren begann. Darin hatte sich einzig ein Umschlag mit ihrem Namen und einer Nummer befunden, »nicht mehr«. Der einzige Hinweis, dass es sie gegeben hat. Ihr Name ist heute auf dem Mahnmal für die 620 während der deut­schen Besatzung ermor­deten Juden in Oslo ver­ewigt.

In müh­se­liger Recherche rekon­stru­ierte Søbye das Leben ihrer Eltern, die 1908 aus den bal­ti­schen Staaten nach Nor­wegen ein­ge­reist waren. Der Vater enga­gierte sich zunächst in der Gewerk­schaft, ehe er sich als Klempner selbst­ständig machte. Detail­liert zeigt Søbye auf, wie die Familie schon Ende der 20er Jahre mit dem auf­kom­menden Anti­se­mi­tismus in der nor­we­gi­schen Gesell­schaft kon­fron­tiert wurde. »Der Tier­schutz­verein, dem der Poli­zei­prä­sident von Aker vor­stand, wollte den Juden per Gesetz ver­bieten, die Tiere nach her­ge­brachter Sitte und im Ein­klang mit ihren reli­giösen Vor­schriften zu schächten.« Als es dagegen Pro­teste gab, wet­terte der Vor­sit­zende der ein­fluss­reichen Bau­ern­partei: »Wir sind nicht ver­pflichtet, unsere Haus­tiere den jüdi­schen Grau­sam­keiten aus­zu­liefern, wir haben die Juden nicht in unser Land ein­ge­laden.« Aus diesen Kreisen rekru­tierten sich die Rechts­kräfte, die sich früh für ein enges Bündnis mit Nazi­deutschland aus­sprachen. Unter der vom nor­we­gi­schen Offizier Vidkum Quisling gebil­deten Kol­la­bo­ra­ti­ons­re­gierung hatten sie bald freie Hand. Die nor­we­gi­schen Juden gehörten zu ihren Opfern.

»Die 15-jährige Kathe Lasnik hatte weder Zeit noch Gele­genheit, wie Anne Frank ihre Gedanken und Gefühle ange­sichts der dro­henden Ver­nichtung auf­zu­schreiben. Von ihrer Ver­haftung am 26. November 1942 in Oslo bis zu ihrem Tod in Auschwitz blieben ihr nur fünf Tage«, schrieb der unlängst ver­storbene ND-Redakteur Jochen Reinert im Nachwort zur deut­schen Ausgabe. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch auch in Deutschland viel Auf­merk­samkeit erfährt. Denn trotz aller Hilfs­dienste nor­we­gi­scher Beamter – ver­ant­wortlich auch für den Tod von Kathe Lasnik sind deutsche Nazis.

Espen Søbye: Kathe. Depor­tiert aus Nor­wegen. Verlag Asso­ziation A, Berlin/​Hamburg 2009. 192 S., br., 18 €.

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Ein Leben nach Lafontaine

Die Links­partei mit neuem Per­sonal, aber die Poli­tiker der Zukunft bleiben noch in der zweiten Reihe
Mit Gesine Lötzsch und Klaus Ernst an der Spitze prä­sen­tiert die Links­partei den Vor­schlag einer doppelt quo­tierten Par­tei­spitze. Ein west­deut­scher Mann und eine Frau aus dem Osten sollen die Partei künftig ver­treten. Dass Gregor Gysi bei der Vor­stellung des Per­so­nal­vor­schlags betonte, wie froh er über die schnelle Einigung gewesen sei, macht schon deutlich, unter welchem Druck die Partei zurzeit steht.
Wenige Monate nach ihren Wahl­er­folgen in Bund und ver­schie­denen west­deut­schen Ländern hatte sie sich in eine Per­so­nal­de­batte ver­strickt (Warten auf Lafon­taine), bei der per­sön­liche und poli­tische Ani­mo­si­täten zwi­schen Bun­des­ge­schäfts­führer Bartsch und dem bis­he­rigen Par­tei­vor­sit­zenden Lafon­taine ebenso eine Rolle spielten, wie poli­tische Macht­am­bi­tionen der ver­schie­denen Spektren in der Partei, die sich auf die Post-Lafon­taine-Ära vor­be­reiten
Die kam nun schneller als erwartet. Der gesund­heitlich begründete Rückzug des Saar­länders ist für weite Teile der Partei mehr als ein Per­so­nal­wechsel. Dazu musste man nur die Schlag­zeilen und Leser­kom­mentare in den der Links­partei nahe­ste­henden Tages­zei­tungen junge Welt und Neues Deutschland in den letzten Wochen zur Kenntnis nehmen. Da hieß es, die Partei müsse noch auf Lafon­taine warten. Und als der sich dann im neuen Jahr erstmals öffentlich zu Wort meldete, war Lafon­taine wieder da. Auch in Leser­kom­men­taren wurde dieser Hoffnung Aus­druck ver­liehen.

Die große Bedeutung, die Lafon­taine für die Links­partei hat, erklärt sich zunächst aus seiner his­to­ri­schen Rolle bei der Par­tei­gründung. Er war es schließlich, der 2005 nach der Ver­kündung von Neu­wahlen durch die Schröder-Regierung erklärte, er stehe zur Ver­fügung, wenn sich PDS und WASG bei den Wahlen zusam­men­schließen. Damals gab es aus der WASG-Füh­rungs­spitze, aber auch an der Basis noch große Vor­be­halte gegen eine Koope­ration mit der PDS. Bei einigen ging es darum, gute Bedin­gungen für Ver­hand­lungen aus­zu­loten, bei anderen aber waren die Bedenken grund­sätz­licher Art. Lafon­taines Ein­greifen hat jeden­falls die Par­tei­gründung wesentlich beschleunigt.

In der Folge konnte er sich in der Öffent­lichkeit den Ruf des kom­pro­miss­losen Poli­tikers, vor allem in der Sozi­al­po­litik und bei der Ablehnung des Afgha­nistan-Krieges, wahren. Dadurch geriet er in Oppo­sition zu manchem ost­deut­schen Real­po­li­tiker aus der alten PDS und wurde von Teilen des linken Par­tei­flügels unter­stützt. Dabei wurde gerne über­sehen, dass Lafon­taine kein grund­sätz­licher Gegner von Regie­rungs­be­tei­li­gungen der Links­partei war und sich seine sozi­al­po­li­ti­schen Vor­schläge mit den Posi­tionen der SPD in den 90er Jahren und den Gewerk­schaften deckten. Es ist ein Kenn­zeichen des gesell­schaft­lichen Rechts­rucks, dass solche Posi­tionen in die Nähe des Fun­da­men­ta­lismus gerückt worden sind.

Fundis versus Realos?

Der ehe­malige SPD-Poli­tiker Albrecht Müller hat auf seiner Homepage die Rolle der Medien bei der Schaffung von Realos und Fun­da­men­ta­listen ana­ly­siert und dabei auf das his­to­rische Bei­spiel der Grünen ver­wiesen. Dort geriet die Par­tei­linke ab Mitte der 80er Jahre zunehmend ins Visier der Medien. Sie wurde als regie­rungs­un­fähig und ultra­ra­dikal denun­ziert. Dagegen wurden die prag­ma­ti­schen Real­po­li­tiker hofiert. Diese Ent­wicklung haben auch damalige Expo­nenten der Par­tei­linken wie Jutta Dit­furth detail­liert beschrieben.

Tat­sächlich waren in den letzten Monaten in der Bericht­erstattung über die Links­partei ähn­liche Ten­denzen fest­zu­stellen. Dabei gab es auch einen inter­es­santen Per­spek­tiv­wechsel. Die vorher als DDR-nah geschol­tenen PDS-Poli­tiker waren nun die prag­ma­ti­schen Realos, die Ex-Sozi­al­de­mo­kraten und Gewerk­schafter aus West­deutschland die Fun­da­men­ta­listen. Müller vergaß nur einen wich­tigen Unter­schied zwi­schen der Debatte zu erwähnen. Der linke Flügel der Grünen for­mu­lierte tat­sächlich eine grund­sätz­liche Kritik an Staat, Nation und Kapi­tal­ver­wertung. Bei der Aus­ein­an­der­setzung in der Links­partei werden keyne­sia­nis­tische Gewerk­schaftler und der aus­ge­wiesene Prag­ma­tiker Oskar Lafon­taine in die Fun­da­men­ta­lis­ten­rolle gedrängt.

Abschied vom Über­vater?

Wie die Links­partei ohne Lafon­taine zu Recht kommt, ist völlig offen. Ein lang andau­ernder Flü­gel­streit wäre für die Partei das Worst-Case-Sze­nario. Dann könnte Lafon­taine auch noch einmal ein Comeback erleben, so wie bei seinem Über­ra­schungscoup 1995 am SPD-Par­teitag, wo er sich gegen Scharping posi­tio­nierte und als Par­tei­vor­sit­zender durch­setzte. Davor hatte er sich nach seiner Nie­derlage als Kanz­ler­kan­didat weit­gehend aus der Bun­des­po­litik zurück­ge­zogen und so wie jetzt auf das Saarland kon­zen­triert.

Die Links­partei könnte sich aller­dings von Lafon­taine genauso schnell eman­zi­pieren, wie die Grünen nach 2005 von Josef Fischer. Die Partei hatte sich relativ geräuschlos vom jah­re­langen Über­vater befreit. Die Vor­aus­set­zungen hätte auch die Links­partei. Dazu ist es nötig, nicht nur auf das desi­gnierte Füh­rungsduo, sondern auch auf die Per­so­nalien der unteren Ebenen zu blicken. Dort wird die poli­tische und nicht die geo­gra­fische Her­kunft berück­sichtigt. Als stell­ver­tre­tende Par­tei­vor­sit­zende sollen Katja Kipping und Halina Waw­zyniak bestätigt werden, die beide unter­schied­lichen Strö­mungen der undog­ma­ti­schen Linken ange­hören. Undog­ma­tisch ist auch deren Ver­hältnis zum Mit­re­gieren, das heißt, sie würden sich daran betei­ligen, wenn sich die Gele­genheit bietet. Damit unter­scheiden sie sich kaum von der Position von Lafon­taine, nur ihnen glauben es auch die poten­ti­ellen Regie­rungs­partner.

Die Expo­nentin der Kom­mu­nis­ti­schen Plattform, Sahra Wagen­knecht, und der saar­län­dische Linke-Poli­tiker Heinz Bierbaum sollen eben­falls Stell­ver­tre­tende Par­tei­vor­sit­zende werden. Für den Bun­des­ge­schäfts­führer Dietmar Bartsch soll der Gewerk­schafter Werner Dreibus und die Reform­linke Caren Lay vor­ge­schlagen werden.

Das Per­so­nal­ta­bleau muss nun beim nächsten Par­teitag der Linken bestätigt werden. Die dortige Dis­kussion wird Auf­schluss darüber geben, wie die Partei den Abschied von Lafon­taine über die Bühne bringt. Ein Streit­punkt dürfte in dem Antrag liegen, dass die Mit­glieder in der Füh­rungs­ebene während dieser Tätigkeit ihre Akti­vi­täten in den par­tei­in­ternen Strö­mungen ruhen lassen sollen. Was der par­tei­in­ternen Geschlos­senheit dienen soll, könnte neuen Streit aus­lösen.

Das Leben ist bunter

Sollten die Per­so­nal­que­relen schließlich über­standen sein, dürfte die inter­es­santere Debatte um die poli­tische Per­spektive der Links­partei beginnen. Mehrere Poli­tiker der Links­partei, der Grünen und der SPD haben mit dem Aufruf Das Leben ist bunter die Debatte um ein soge­nanntes Reform­bündnis von SPD, Grünen und Links­partei wie­der­auf­ge­nommen.

Ähn­liche Bemü­hungen sind kei­nes­falls neu. Nur wird ihnen nach dem Rückzug Lafon­taines viel mehr Auf­merk­samkeit gewidmet. Das lag aber nicht daran, dass der Saar­länder dagegen war, sondern dass die Vor­be­halte gegen ihn zu groß waren. So hat sich Claudia Roth positiv zu den Bünd­nis­be­mü­hungen geäußert. Die Grü­nen­po­li­ti­kerin gehörte zu den vehe­menten Kri­tikern von Lafon­taine.

Doch mit einer zuneh­menden Akzeptanz der Links­partei als Teil eines solchen Reform­bünd­nisses sind die Pro­bleme für die Partei kei­neswegs gelöst. Der Poli­tik­wis­sen­schaftler Sebastian Prinz brachte das Dilemma der Linken in einem Kom­mentar für Deutsch­land­radio Kultur auf den Punkt:
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Welche Kräfte werden sich in der Links­partei durch­setzen? Sollten es die Radi­kalen sein, dann wird die Partei weiter fun­da­men­ta­lis­tisch und popu­lis­tisch agieren und Pro­test­stimmen ein­sammeln. Viel­leicht kann sie durch diesen Druck aus der Oppo­sition heraus mehr bewirken als mit Regie­rungs­be­tei­ligung. Setzen sich aber die Regie­rungs­be­für­worter durch, dann würde die Partei sich der SPD als Mehr­heits­be­schaf­ferin andienen. Das wäre Regie­rungs­be­tei­ligung als Selbst­zweck bezie­hungs­weise mit dem ein­zigen Zweck, füh­renden Linke-Poli­tikern zu Minis­ter­posten und Dienst­wagen zu ver­helfen. Aber wofür braucht man eine solche Partei neben der SPD? Und wer würde sie wählen?
Sebastian Prinz

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Peter Nowak

Freispruch für Radiojournalistin in Kopenhagen

Frei­spruch für Radio­jour­na­listin in Kopen­hagen
 Die Fest­nahme von zwei Ros­tocker Rund­funk­jour­na­lis­tinnen, die für den Bun­des­verband Freier Radios (BFR) vom Kli­ma­gipfel Mitte Dezember in Kopen­hagen berichtet hatten, könnte ein poli­ti­sches Nach­spiel haben. Am 19. Januar sprach ein Gericht in Kopen­hagen eine der beiden Frauen vom Vorwurf frei, einen Poli­zisten mit der Faust ins Gesicht geschlagen zu haben. Das Strafmaß ihrer Kol­legin, die die Jour­na­listin vor der Ver­haftung schützen wollte, wurde redu­ziert. Ein von der Staats­an­walt­schaft für die Jour­na­lis­tinnen gefor­dertes fünf­jäh­riges Ein­rei­se­verbot nach Dänemark lehnte das Gericht ab.

Falk Schlegel vom BFR begrüßte das Urteil. Es bestätige die inter­na­tionale Kritik am harten Vor­gehen der Polizei gegen die Pro­tes­tie­renden in Kopen­hagen und die bereits vom BFR scharf ver­ur­teilte massive Ein­schränkung der Presse- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­freiheit während des Gipfels. Der Verband fordert deshalb die Ver­ant­wort­lichen und die dänische Öffent­lichkeit auf, das Vor­gehen gegen Medi­en­ver­treter offi­ziell zu unter­suchen.

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Peter Nowak

Es kann jederzeit und überall geschehen

AUS­STELLUNG Eine Foto­aus­stellung doku­men­tiert Orte anti­se­mi­ti­scher und ras­sis­ti­scher Gewalt
Auf dem Foto ist eine beschau­liche Wohn­anlage in Spandau zu sehen. Kaum jemand würde diesen Ort mit rechter Gewalt in Ver­bindung bringen. Doch am 19. August wurden in der Seeckt­straße fünf dun­kel­häutige Männer von einer Gruppe junger Deut­scher schwer ver­letzt.

Ins­gesamt zehn Schwarz-Weiß-Auf­nahmen des Ber­liner Foto­künstlers Jörg Möller sind im ersten Raum der Laden­ga­lerie »after the butcher« in Lich­tenberg zu sehen. Im hin­teren Raum finden sich 30 weitere Aus­stel­lungs­tafeln von Ber­liner Tat­orten. Die Doku­men­tation wird von der Ber­liner Orga­ni­sation »ReachOut – Opfer­be­ratung und Bildung gegen Rechts­ex­tre­mismus, Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus« seit 2003 gemeinsam mit Koope­ra­ti­ons­partnern in den Bezirken erstellt und regel­mäßig aktua­li­siert.

Es gehöre zum Konzept, dass auf den Fotos weder Hin­weise auf die Angriffe noch andere Spuren rechter Akti­vi­täten zu finden seien, erklärt ReachOut-Mit­ar­bei­terin Sabine Seyb. »Schließlich können solche Angriffe fast an jedem Ort zu jeder Tageszeit in Berlin geschehen.«

Denn es sind nicht nur Ost­ber­liner Stadt­teile, die schon lange als Orte rechter Gewalt gelten. Es finden sich auch Fotos aus Char­lot­tenburg, Schö­neberg – und eben Spandau. Die Aus­stellung soll auch an diesen unter­schied­lichen Orten gezeigt werden. Schließlich sollen sich die Men­schen, die an den doku­men­tierten Orten leben, damit aus­ein­an­der­setzen. »Was für sie ihr täg­licher Lebensraum ist, kann für Andere ein Ort des Schre­ckens sein«, so Seyb.

Die aktuelle Ort der Aus­stellung wird oft an erster Stelle genannt wird, wenn es um rechte Gewalt in Berlin geht. In unmit­tel­barer Nähe der Galerie befindet sich die Weit­ling­s­traße, in der Neo­nazis Anfang der 90er-Jahre ein Haus als natio­nales Zentrum besetzt hatten und wo es seitdem eine Vielzahl von rechten Über­griffen gab. Aller­dings sei es bislang nur einmal vor­ge­kommen, dass unor­ga­ni­sierte Rechte zu einer Aus­stel­lungs­er­öffnung kamen, betont Galerist Thomas Kilpper. Der in den 80er-Jahren in außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken West­deutsch­lands aktive Künstler hat die weitab vom Ber­liner Kul­tur­be­trieb behei­matete Galerie »after the butcher« in den letzten Jahren zum Ort für poli­tisch enga­gierte Kunst gemacht.

PETER NOWAK

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2010%2F01%2F27%2Fa0153&cHash=422cdabdb7

Die »Ber­liner Tatorte« sind bis 20. Februar im Pro­jektraum »after the butcher« in der Spit­tastr. 25 zu sehen. Öffnung nach tele­fo­ni­scher Ver­ein­barung: 0179–947 30 40

Iran und die Macht der neuen Medien

Wie stark (ver)formen Medien unser Bild der Vor­gänge im Iran?
Seit Sommer 2009 ist es dem ira­ni­schen Mul­lah­regime trotz ver­schärftem Terror nicht gelungen, die ira­nische Oppo­si­ti­ons­be­wegung ein­zu­dämmen. Das wird auch im Internet deutlich, wo die Zahl der oppo­si­tio­nellen Web­seiten wächst. Zeigt sich hier die Macht der neuen Medien? Oder wird hier im Gegenteil eine vir­tuelle Scheinwelt errichtet, die mit der Rea­lität im Land wenig zu tun hat?
 

Diese Fragen widmete sich am Dienstag in Berlin auf Ein­ladung der Bil­dungs­ein­richtung Helle Panke, der Linken Medi­en­aka­demie und der Taz eine Ver­an­staltung.

Eine Antwort auf diese Fragen wurde natürlich nicht gefunden. Das lag sicherlich auch daran, dass man zu oft vom eigent­lichen Thema abschweifte, weil man eben die unter­schied­lichen poli­ti­schen Ein­schät­zungen zur Situation im Iran nicht aus­blenden konnte und wohl auch nicht wollte. Schließlich hat man das Podium mit Per­sonen bestückt, die poli­tisch weit aus­ein­ander lagen, was aber dazu führte, dass die Debatte nicht lang­weilig wurde. Trotzdem hätte man sich vom Mode­rator gewünscht, dass er sowohl die Refe­renten als auch das zahl­reich erschienene Publikum öfter an das Thema des Abends erinnert hätte. Schließlich gab es auch dazu unter­schied­liche Sicht­weisen.

Inter­net­nation Iran?

So betonte die Medi­en­wis­sen­schaft­lerin Yalda Zarbakhch, dass der Iran an der Spitze der Inter­net­nutzer im Nahen Osten steht. Bis zu 35% der Bevöl­kerung gehören zu den Inter­net­nutzern. Besonders im letzten Jahr­zehnt sei die Zahl der Blogger enorm gestiegen. Dabei sei der Ein­druck falsch, dass das Internet besonders häufig von Oppo­si­tio­nellen genutzt werde. Es sei schon seit Jahren ein Forum für die unter­schied­lichen Arten der Kom­mu­ni­kation, von Lyrik über Koch­re­zepte bis zum All­tagstratsch.

Der Jour­nalist und Video­macher Sam T. Fard rela­ti­vierte das Bild von der Inter­net­nation Iran. Die Nutzung der neuen Medien sei noch immer ein Eli­ten­projekt, das vor allem der gut gebil­deten, jungen, urbanen Mit­tel­schicht vor­be­halten bleibe. Fard warnt davor, von den Inhalten der Blogger auf die gesamte ira­nische Gesell­schaft zu schließen. Damit würden vor allem die ärmere und die in länd­lichen Regionen woh­nende Bevöl­kerung ohne stän­digen Inter­net­zugang aus­ge­blendet.

Sara Deh­kordi vom Netzwerk junger Iraner in Berlin sieht diese Gefahr nicht. Die ira­nische Oppo­si­ti­ons­be­wegung habe ihre Wurzeln in der Arbeiter-, Frauen-, und Stu­den­ten­be­wegung. Sie pro­ble­ma­ti­sierte, dass es, wie in der Oppo­si­ti­ons­be­wegung, auch in der Internet- und Blog­ger­szene Tabu­themen gäbe. So werde über die Rechte von Homo­se­xu­ellen oder reli­giösen Min­der­heiten wei­terhin ver­schwiegen. Aller­dings tauchten in den letzten Wochen nach der Ver­haftung des oppo­si­tio­nellen Stu­denten Majid Tavakoli, der sich mit einem Schleier der Fest­nahme ent­ziehen wollte, zahl­reiche Fotos von ver­schlei­erten männ­lichen Oppo­si­tio­nellen im Internet auf. Dadurch wird auch die vom ira­ni­schen Régime vor­ge­gebene Geschlech­ter­ordnung in Frage gestellt.

Ein­fluss von außen durch Neue Medien?

Der Jour­nalist Rüdiger Göbel von der Tages­zeitung junge Welt warnte vor einer unkri­ti­schen Über­nahme der Inter­net­mel­dungen durch die übrigen Medien. Er sieht nicht nur die Gefahr, dass die Hoff­nungen der Oppo­sition auf eine ira­nische Mas­sen­be­wegung für bare Münze genommen werden. Er befürchtete auch, dass die neuen Medien instru­men­ta­li­siert werden könnten, um einen mili­tä­ri­schen Angriff auf den Iran wegen des Atom­pro­gramms leichter durch­setzen zu können.

Mit dem Hinweis auf den kürzlich erfolgten Besuch des bun­des­deut­schen Außen­mi­nisters Wes­ter­welle in Saudi-Arabien stellte er die Frage, warum dort niemand auf die Unter­drü­ckung oppo­si­tio­neller Bewe­gungen hinwies. Wohl weil das dortige Régime, das innen­po­li­tisch wesentlich repres­siver als das ira­nische Pendant auf­tritt, ein Ver­bün­deter des Westens ist? Leider wurde auch hier keine Ver­bindung zum Thema des Abends gezogen. Wie sieht es mit der Inter­net­kultur in Saudi-Arabien aus? Oder lassen das die repres­siven Bedin­gungen gar nicht zu?

Göbels Kritik an der Tat­sache, dass der Iran mehr als andere Länder im Fokus steht, ist sicher berechtigt, aber auch inter­es­sen­ge­leitet. So könnte man ebenso die Frage stellen, warum die Men­schen­rechts­ver­let­zungen in Israel und den von Israel besetzten Gebieten in vielen Medien, gerade auch in der jungen Welt, stärker im Mit­tel­punkt stehen, als die Men­schen­rechts­ver­let­zungen in vielen ara­bi­schen Nach­bar­staaten. Mit dem Gebrauch der neuen Medien hat das eher weniger zu tun.
Die Rolle von BBC und CNN?

Der Poli­tologe Ali Fathollah-Nejad (siehe »Ver­hal­tens­wechsel des Regimes« statt »Regime­wechsel«) brachte einen leider nicht weiter ver­folgten Aspekt in die Dis­kussion. Nicht nur das Internet, auch bri­tische und US-ame­ri­ka­nische Sender wie BBC und VOA würden als Infor­ma­ti­ons­quelle genutzt. Die sich daran anschlie­ßende Frage aus dem Publikum, ob diese Sender nicht einen grö­ßeren Ein­fluss auf das Geschehen im Iran haben als die Blogger und Inter­net­nutzer, blieb unbe­ant­wortet.

Das Régime zumindest scheint beide Medien zu fürchten. Sara Deh­kordi berichtet, dass sowohl der Empfang der aus­län­di­schen Sender erschwert wurde, als auch die Blog­ger­szene durch neue Gesetze kri­mi­na­li­siert wird. Aus dem Publikum kann der Hinweis, dass dazu auch eine Über­wa­chungs­software Ver­wendung findet, die von Nokia-Siemens-Net­works her­ge­stellt wird. Denn die deutsch-ira­ni­schen Wirt­schafts­be­zie­hungen funk­tio­nieren nach wie vor gut.

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Peter Nowak

Datenüberwachung und Kommunikationsverhalten

Der Arbeits­kreis Vor­rats­da­ten­spei­cherung ruft dazu auf, die Folgen der Vor­rats­da­ten­spei­cherung wis­sen­schaftlich zu erfor­schen
Seit 2008 ist in Deutschland die Vor­rats­da­ten­spei­cherung in Kraft. Email­adressen sowie Telefon- und Han­dy­daten werden seitdem gespei­chert. Wird des­wegen weniger tele­fo­niert? Äußern sich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­nehmer jetzt vor­sich­tiger als vorher? Oder hat die Spei­cherung kein Ver­halten auf das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­halten? Das sind Fragen, die der Arbeits­kreis Vor­rats­da­ten­spei­cherung auf wis­sen­schaft­licher Grundlage erfor­schen will. Daher hat er einen Aufruf gestartet, um Wis­sen­schaftler zu suchen, die ein solches For­schungs­projekt starten.

Bisher gibt es bisher sehr unter­schied­liche Signale in dieser Frage. So erklärten in einer im Mai 2008 im Auftrag des Deut­schen Jour­na­listen-Ver­bandes erstellten Forsa-Umfrage 91 % der befragten Jour­na­listen, dass sie ihr Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­halten auch nach der Daten­spei­cherung nicht geändert haben.

Aller­dings erklärte die Mehrheit der Befragten, sie würden wegen der Vor­rats­da­ten­spei­cherung davon absehen, per Telefon, Email oder Handy Kontakt zu einer Ehe­be­ra­tungs­stelle, einem Psy­cho­the­ra­peuten oder einer Dro­gen­be­ra­tungs­stelle auf­zu­nehmen, wenn sie deren Rat benö­tigten. Daraus schloss Patrick Beyer vom AK Vorrat, dass die Kon­se­quenzen der Spei­cherung lebens­ge­fährlich sein können, wenn ein not­wen­diger Anruf bei einer solchen Ein­richtung unter­bleibt.

Im Juni 2006 kam ein For­schungs­projekt der Uni­ver­sität New­castle zu dem Ergebnis, dass schon ein Poster, auf dem ein Auge als Symbol der Über­wa­chung abge­bildet ist, Ein­fluss auf das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­halten hat.

Die Frage des AK Vorrat, warum Bun­des­jus­tiz­mi­nis­terin Sabine Leu­theusser-Schnar­ren­berger (FDP), die sich vor ihrer Amts­über­nahme als Geg­nerin der Daten­spei­cherung pro­fi­tierte, ein solches For­schungs­projekt nicht initiiert, ist natürlich berechtigt.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​46966
 
Peter Nowak