Transnational streiken

»Wir unter­stützen die Streiks bei Amazon in Deutschland« – Trans­pa­rente mit diesem Motto hingen in der letzten Juni­hälfte rund um das Amazon-Werk in Poznań (Polen). Es blieb nicht bei Bekennt­nissen. Die Nacht­schicht bei Amazon in Poznań soli­da­ri­sierte sich vom 24. auf den 25. Juni durch demons­tra­tives Bum­mel­streiken mit dem Streik bei Amazon-Deutschland. Andere Beschäf­tigte stellten kurz­fristig Urlaubs­an­träge, um keine Streik­brecher zu werden. Tage vorher hatten Mit­glieder der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Inicjatywa Pra­cow­nicza (IP) in dem Werk Flug­blätter über den Verdi-Streik in Deutschland ver­teilt und dabei T‑Shirts mit dem Slogan »Pro Amazon mit Tarif­vertrag« getragen. Noch im Dezember 2014 bei der Eröffnung der Werke in Poznań und Wrocław erklärte der Logis­tikchef von Amazon Europe, Tim Collins, dass die pol­nische Depen­dance für pünkt­liche Lie­fe­rungen an Amazon-Kunden sorgen werde, auch wenn Verdi in Deutschland zum Arbeits­kampf aufrufe. Doch schon vor Weih­nachten 2014 hatte sich ein Teil der Beleg­schaft an die IP gewandt, weil sie mit den Arbeits­be­din­gungen unzu­frieden war. Mitte Mai orga­ni­sierte die Gewerk­schaft unter der Parole »My Pre­kariat« (Wir Pre­kären) eine erste War­schauer Mayday-Parade mit knapp 350 Teil­nehmern. Neben Beschäf­tigten von Uni­ver­si­täten, Bau­ar­beitern, Thea­ter­leuten und Erziehern betei­ligten sich auch Arbeiter von Amazon daran. Vom 2. bis zum 4. Oktober 2015 haben auch die Amazon-Beschäf­tigten Gele­genheit, Kontakt zu den pol­ni­schen Kol­legen auf­zu­nehmen. Am ersten Okto­ber­wo­chenende wird zu einer Tagung mit dem Thema trans­na­tio­naler sozialer Streik in Poznań auf­ge­rufen. In Arbeits­gruppen soll erörtert werden, wie man sich kol­lektiv gegen die Frag­men­tierung und Indi­vi­dua­li­sierung der Arbeit wehrt. Es geht um die Ver­netzung fester und befris­teter Ange­stellter und die Frage, wie die kapi­ta­lis­tische Aus­beutung län­der­über­greifend ange­griffen werden kann.

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Peter Nowak

Gegen transnationalen Streikbruch

Auch in Polen beginnen Amazon-Beschäftigte, für einen Tarifvertrag zu kämpfen

Beim Online­händler Amazon kämpfen die Beschäf­tigten in Deutschland seit zwei Jahren für den Tarif­vertrag. Die Unter­neh­mens­stra­tegie ist, Pakete dann eben von Polen zu ver­schicken – noch. Auch hier beginnen die Kämpfe.

Nicht nur in Deutschland sind die Amazon-Beschäf­tigten mit ihren Arbeits­be­din­gungen unzu­frieden. Auch im Amazon-Werk im pol­ni­schen Poznan fordern die Kol­le­gInnen ver­län­gerte Pau­sen­zeiten und eine Erhöhung des Stun­den­lohns von bisher 13 auf 16 Złoty. Das wären umge­rechnet etwa vier Euro. Für das Amazon-Management ist der Arbeits­kampf ein Warn­signal. Schließlich wurde die weltweit größte Amazon-Nie­der­lassung in Poznan mit 3000 Beschäf­tigten im Sep­tember 2014 eröffnet, um bei Streiks in den Amazon-Filialen in Deutschland in das Nach­barland aus­weichen zu können. Einige Wochen später wurde bei Wroclaw ein wei­teres Amazon-Ver­teil­zentrum eröffnet.

»Aus Polen werden Kunden in ganz Europa beliefert«, erklärte der Logis­tikchef von Amazon Europe, Tim Collins, bei der Eröffnung des Werkes in Poznan und ver­hehlte nicht, dass von dort ein trans­na­tio­naler Streik­bruch geplant war. Dank des euro­pa­weiten Netz­werks mit ins­gesamt 28 Stand­orten, dar­unter auch in Polen und der Tsche­chi­schen Republik, werde trotz Arbeits­nie­der­le­gungen in Deutschland pünktlich geliefert »Amazon-Pakete kommen jetzt aus Polen«, titelte das »Han­dels­blatt« am 15. Dezember 2014. Damals brachten an ver­schie­denen Amazon-Stand­orten in Deutschland Beschäf­tigte das Weih­nachts­ge­schäft des Online­händlers durch Streiks ins Stocken.

»Die Polen arbeiten, die Deut­schen streiken«, kom­men­tierten kon­ser­vative pol­nische Zei­tungen. Doch die Beschäf­tigten dort wurden von den Arbeits­kämpfen hier ermutigt, eben­falls für höhere Löhne und bessere Arbeits­be­din­gungen zu kämpfen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Gewerk­schaft OZZ Inicjatywa Pra­cow­nicza (Arbei­ter­initiative). In einen von der Gewerk­schaft her­aus­ge­ge­benen Bul­letin werden die Anfänge des gewerk­schaft­lichen Enga­ge­ments bei Amazon-Poznan so beschrieben: »Im Dezember 2014 drang die Unzu­frie­denheit der Leih­ar­beiter bei Amazon an die Öffent­lichkeit: Sie fingen an, sich wegen nicht pünktlich gezahlter Löhne, Unre­gel­mä­ßig­keiten bei der Berechnung der Löhne und über­füllter Kan­tinen an die lokalen Medien zu wenden.« Auch durch die Kün­digung von rund 100 Leih­ar­beitern ließ sich die Beleg­schaft nicht ein­schüchtern. Im Mai ver­öf­fent­lichte sie eine Petition für bessere Arbeits­be­din­gungen. Vom 24. auf den 25. Juni soli­da­ri­sierte sich ein Teil der Nacht­schicht bei Amazon-Poznan durch demons­tra­tives Langsamar­beiten mit dem Streik bei Amazon-Deutschland. Andere Beschäf­tigte stellten kurz­fristig Urlaubs­an­träge, um nicht zum Streik­brecher zu werden. Zuvor hatten Mit­glieder der Arbei­ter­kom­mission in dem Werk Flug­blätter über den ver.di-Streik ver­teilt und dabei T‑Shirts mit dem Slogan »Pro Amazon mit Tarif­vertrag« getragen. In der Nähe der Nie­der­lassung ver­kün­deten Trans­pa­rente: »Wir unter­stützen die Streiks bei Amazon in Deutschland.«

»Amazon wird immer wieder ver­suchen, Beschäf­tigte an ver­schie­denen Stand­orten gegen­ein­ander aus­zu­spielen. Des­wegen ist es wichtig, dass sich Beschäf­tigte aus ver­schie­denen Stand­orten über Län­der­grenzen hinweg ver­netzen und gemeinsam dafür streiten, bei Amazon das Recht auf gewerk­schaft­liche Ver­tretung, Tarif­ver­träge und bessere Arbeits­be­din­gungen durch­zu­setzen,« zeigt sich die Press­spre­cherin des ver.di-Bundesvorstands Eva Völpel über die Soli­da­ri­täts­ak­tionen erfreut.

Bisher gab es drei Ver­net­zungs­treffen, an denen Gewerk­schafter ver­schie­dener Amazon-Standorte teil­nahmen. Aus Polen waren neben Dele­gierten der Arbei­ter­kom­mission auch Ver­treter der sozi­al­part­ner­schaftlich aus­ge­rich­teten Gewerk­schaft Soli­darnosc anwesend. Mit ihr hatte ver.di bereits in der Ver­gan­genheit koope­riert. »Pol­nische Kol­legen haben Amazon-Standorte in Deutschland während der Streiks besucht und sich zuletzt an der großen Streik­kund­gebung am 24. Juni 2015 in Bad Hersfeld beteiligt«, so Völpel. Die Koope­ration mit der Arbei­ter­kom­mission wurde bisher vor allem von außer­be­trieb­lichen Amazon-Soli­da­ri­täts­gruppen vor­an­ge­trieben Einige Akti­visten betei­ligten sich gemeinsam mit Amazon-Beschäf­tigten aus Deutschland am 23. Mai an einer von der Gewerk­schaft orga­ni­sierten Demons­tration in War­schau.

Die Arbei­ter­kom­mission lädt vom 11. bis 13. Sep­tember nach Poznan zu einen inter­na­tio­nalen Treffen von Amazon-Beschäf­tigten unab­hängig von ihrer Gewerk­schafts­zu­ge­hö­rigkeit ein. Das Ziel solle ein Aus­tausch der Beschäf­tigten und nicht der Funk­tionäre sein, heißt es in dem im Internet ver­brei­teten Aufruf.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​7​8​2​2​3​.​g​e​g​e​n​-​t​r​a​n​s​n​a​t​i​o​n​a​l​e​n​-​s​t​r​e​i​k​b​r​u​c​h​.html

Peter Nowak

Amazonstreik – keine Chancen für die Gewerkschaften?