Großer Aufwasch bei Accor

Filmdoku über Arbeits­kampf von Rei­ni­gungs­kräften in Frank­reich

Einigen sind die express-Berichte über den Arbeits­kampf der drei Dutzend Rei­ni­gungs­kräfte gegen die Hotel­kette Accor in Frank­reich sicher noch in Erin­nerung: Über drei Jahre, von 2002 bis 2004, hatten wir diese Aus­ein­an­der­setzung publi­zis­tisch und mit Ver­an­stal­tungen begleitet. Nicht zuletzt ging es um die Frage, ob und inwiefern poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Druck auf den „Gene­ral­un­ter­nehmer“ in dieser von extremer Frag­men­tierung und Sub­un­ter­neh­mertum geprägten Branche erfolg­reich sein kann. Neben den Erfah­rungen und Ergeb­nissen der Aus­ein­an­der­setzung, die in der Reihe Rän­ke­schmiede (Nr. 14) fest­ge­halten sind, ist nun eine fil­mische Doku­men­tation erschienen, die für gewerk­schaft­liche und öffent­liche Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen genutzt werden kann:

„Kämpfen – wie in Frank­reich“, lautet eine viel stra­pa­zierte Parole, wenn es um Streiks und Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Kapital und Arbeit geht. Der Film „Großer Auf­wasch im Sub­un­ter­nehmen“, der jetzt auf Deutsch erhältlich ist, zeigt, was damit gemeint sein kann. Er doku­men­tiert den jah­re­langen Kampf von Rei­ni­gungs­frauen, meist afri­ka­ni­scher Her­kunft, die in Hotels der Accor-Kette in Frank­reich für die Senkung des Arbeits­ak­kords und die Bezahlung nach Arbeits­stunden statt nach geputzten Hotel­zimmern kämpfen. Der Film zeigt einen Streik, wie er in Deutschland kaum denkbar wäre: Die Frauen besetzen Hotel­foyers und lassen sich dort zum Picknick nieder. Unter den Augen der empörten Hotel­leitung und mancher nicht minder empörter Hotel­gäste, die beim Essen nicht von den Belangen des Rei­ni­gungs­per­sonals gestört werden wollen, das ihnen die Zimmer sauber zu halten hat, machen die Frauen deutlich, dass sie sich nicht weg­schieben und auch nicht den Mund ver­bieten lassen werden.
In einem der Hotels hin­ter­lassen die Frauen gemeinsam mit dem Unter­stüt­zungs­ko­mitee soviel Unordnung, dass es für einige Stunden geschlossen werden muss. Der Film zeigt, mit welcher Gelas­senheit diese Men­schen Aktionen des zivilen Unge­horsams prak­ti­zieren, sich dabei völlig offen äußern und foto­gra­fieren lassen. Auch der Druck von Ehe­männern und Ver­wandten kann ihre Kampf­be­reit­schaft nicht dämpfen. Eine Frau berichtet, wie sie während des Streiks von den Eltern ihres Mannes unter Druck gesetzt wurde, den Streik abzu­brechen, weil sie doch zum Arbeiten nach Frank­reich gekommen sei.
„Großer Auf­wasch im Sub­un­ter­nehmen“ doku­men­tiert damit auch ein Bei­spiel, wo es die Männer sind, die Druck auf die strei­kenden Frauen ausüben – und nicht umge­kehrt, wie es oft in der Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung erscheint.

Nachdem die Frauen dem Accor-Konzern und seinen Sub­un­ter­nehmen endlich einen akzep­tablen Vertrag abge­rungen haben, wird Faty Mayant, eine der Streik­ak­ti­vis­tinnen der ersten Stunde, ent­lassen. Gemeinsam mit einem Soli­da­ri­täts­ko­mitee nimmt sie den Kampf dagegen auf und lässt sich auch von Polizei und Hotel­leitung nicht ein­schüchtern. Dabei hat sie noch nicht einmal die Unter­stützung all jener Frauen, die jah­relang mit ihr gestreikt haben. Doch in dieser Situation zeigt sich, wie wichtig die Arbeit des Soli­da­ri­täts­ko­mitees ist. Der Film doku­men­tiert, mit welcher Ent­schlos­senheit Faty Mayant für ihre Sache streitet und schließlich einen Teil­erfolg erzielt. Ihren Job bekommt sie zwar nicht zurück, doch erhält sie eine finan­zielle Abfindung. Die Fil­me­ma­cherin Ivora Cusack und das Kol­lektiv 360°, das die Strei­kenden begleitet hat, machen in dem Film deutlich, dass die Rei­ni­gungs­kräfte von Accor und ins­be­sondere Faty Mayant mit ihrem Kampf auch vielen anderen Mut gemacht haben, gegen unhaltbare Zustände an ihren Arbeits­plätzen auf­zu­stehen – und dies in einer Branche, die exem­pla­risch für die Infor­ma­li­sierung, Pre­ka­ri­sierung und Indi­vi­dua­li­sierung von Arbeits­ver­hält­nissen und damit für die These der „Unor­ga­ni­sier­barkeit“ steht.
 
Peter Nowak

„Großer Auf­wasch im Sub­un­ter­nehmen“, Frank­reich 2010, 70 min., mit deut­schen Unter­titeln
Produktion/​Vertrieb: Kol­lektiv 360° et même plus
Bestel­lungen über: http://​remue​-menage​.360et​me​meplus​.org/
Der Film kann für öffent­liche und gewerk­schaft­liche Schu­lungs- und/​oder Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen zur Ver­fügung gestellt werden und kostet, je nach Finanz­aus­stattung der Ver­an­stalter, zwi­schen 25 und 100 Euro (Soli­da­ri­täts­ver­an­stal­tungen kos­tenlos).

Peter Nowak

aus Express, Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, 1/2011

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​r​e​s​s​/​i​n​d​e​x​.html

Maoistische Anklänge und Harmonie

Von Fabrik­ar­bei­ter­sui­ziden über »Boss­napping« bis hin zur Situation von Sex­ar­bei­te­rinnen – in einem neuen Sam­melband unter­suchen Wis­sen­schaftler und Akti­visten die aktuelle Lage der Arbei­ter­klasse in China.
»Sie setzten den Direktor auf die Lade­fläche eins Prit­schen­wagens und zwangen ihn, die schmerz­hafte und ernied­ri­gende Flugzeug-Haltung ein­zu­nehmen – vor­ge­beugt und mit den Armen zur Seite aus­ge­streckt.« Diese Beschreibung eines »Boss­napping« bei einem Streik von Sei­den­webern in der chi­ne­si­schen Provinz Sichuan ver­danken wir dem Hong­konger Sozi­al­wis­sen­schaftler Chris King-Chi Chan. Der Bericht findet sich in einem neuen Sam­melband zur Situation der Arbei­ter­klasse in China.

Vor zwei Jahren war im gleichen Verlag ein Buch über die chi­ne­si­schen Wan­der­ar­bei­te­rinnen erschienen, die aus ihren Dörfern in die Welt­markt­fa­briken zum Arbeiten kommen. In dem neuen Band wurde das Blickfeld erweitert. Neun Wis­sen­schaftler und ein sozi­al­po­li­ti­scher Zusam­menhang ana­ly­sieren die Situation der unter­schied­lichen Sek­toren der chi­ne­si­schen Arbei­ter­klasse. So widmet sich US-Anthro­po­login Zhan Tiantian chi­ne­si­schen Sex­ar­bei­te­rinnen, die offi­ziell als Hos­tessen bezeichnet werden. Sie zeigt auf, dass die regie­rungs­of­fi­zielle Anti-Pro­sti­tu­ti­ons­kam­pagne ihre Arbeits­be­din­gungen ver­schlechtert. Über Formen des Wider­stands gibt es in dieser Branche indes wenig zu berichten.

Die unter­schied­lichsten Formen des Wider­stands, von indi­vi­du­ellen Ver­zweif­lungs­taten bis zu kol­lek­tiver Gegenwehr, werden im Buch vor­ge­stellt. Für inter­na­tionale Auf­merk­samkeit sorgte ein Streik beim Auto­konzern Honda im Mai und Juni 2010. Die Hin­ter­gründe der Arbeits­nie­der­le­gungen werden detail­liert unter­sucht und betont, dass die Arbeits­nie­der­le­gungen ohne jeg­liche gewerk­schaft­liche Unter­stützung von den Arbeitern selbst orga­ni­siert wurden. Beim Auto­konzern Foxconn hin­gegen lenkten mehrere Selbst­morde von Beschäf­tigten den Blick auf die schlechten Arbeits­be­din­gungen.

Bei ihren Pro­testen benutzten die Beschäf­tigten oft Losungen aus der mao­is­ti­schen Tra­dition. »Die Arbeiter sind die Herren des Staates. Nieder mit der neu ent­stan­denen Bour­geoisie. Ja, zum Sozia­lismus. Nein, zum Kapi­ta­lismus«, lau­teten die Parolen auf Trans­pa­renten, mit denen Arbeiter aus der Eisen- und Stahl­in­dustrie in der Provinz Liaoning auf die Straße gegangen sind. Mehrere Autoren berichten über mao­is­tische Bezüge auch bei anderen Kämpfen. Die in Hongkong leh­rende Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Pun Ngai zeigt in einem kurzen his­to­ri­schen Abriss auf, dass bis Ende der 70er Jahre der Klas­sen­kampf in der offi­zi­ellen chi­ne­si­schen Politik eine große Rolle spielte. Erst in den 80er Jahren sei auch in China offi­ziell Karl Marx durch Max Weber ersetzt worden. Ngai betont, dass ein aktu­eller Klas­sen­be­griff sinn­voller- weise nur als Waffe von unten in den Fabriken und Arbei­ter­wohn­heimen neu begründet werden kann. Dafür liefert das Buch viele Bei­spiele.

Mehrere Autoren setzen sich in dem Buch kri­tisch mit unter­schied­lichen Inte­gra­ti­ons­ver­suchen der Arbei­ter­kämpfe aus­ein­ander. Dazu gehört für sie auch der ver­än­derte Diskurs der chi­ne­si­schen Regierung, die für ihr Konzept einer har­mo­ni­schen Gesell­schaft Gewerk­schaften als Sozi­al­partner akzep­tiert. Dazu gehören auch die neu ein­ge­rich­teten und von den Beschäf­tigten häufig genutzten Schlich­tungs­ver­fahren bei Pro­blemen am Arbeits­platz. Kri­tisch wird auch der Versuch bewertet, aus kämp­fe­ri­schen Arbeitern Bürger mit Rechten zu machen. Genauso kri­tisch müssen auch die fal­schen Freunde der chi­ne­si­schen Arbeiter in den west­lichen Ländern ein­ge­schätzt werden, die die berech­tigten Kämpfe der chi­ne­si­schen Beschäf­tigten gleich zu einem Kampf gegen das chi­ne­sische Gesell­schafts­system hoch­sti­li­sieren wollen.

Pun Ngai, Ching Kwan Le, u.a.: Auf­bruch der zweiten Generation, Wan­der­ar­beiter, Gender und Klas­sen­zu­sam­men­setzung in China. Berlin/​Hamburg 2010. Verlag Asso­ziation A, 294 Seiten, 18 Euro.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​9​0​6​6​5​.​m​a​o​i​s​t​i​s​c​h​e​-​a​n​k​l​a​e​n​g​e​-​u​n​d​-​h​a​r​m​o​n​i​e​.html

Peter Nowak

NS-Falschgeldaktion

Durch den preis­ge­krönten Film »Der Fäl­scher« wurde ein bisher wenig beach­tetes Kapitel der NS-Ver­bre­chens­ge­schichte bekannt. Im Rahmen der »Ope­ration Bernhard« mussten jüdische Zwangs­ar­beiter im KZ-Sach­sen­hausen Falschgeld her­stellen. Florian Osuch hat sich in der Abschluss­arbeit seines Diplom­in­ge­nieur-Stu­diums im Bereich Druck­technik diesem Thema gewidmet. Das daraus ent­standene Buch beginnt mit einem kurzen his­to­ri­schen Exkurs über die Geschichte von Geld­fäl­schungen seit der Antike. Osuch arbeitet die besondere ver­bre­che­rische Qua­lität der NS-Falsch­geld­aktion heraus, die in einem abge­schirmten Bereich im KZ Sach­sen­hausen durch­ge­führt wurde. 142 Drucker, Gra­veure und Schrift­setzer wurden zwi­schen 1942 und 1944 in die Fäl­scher­werk­statt ver­schleppt; sieben erkrankte Häft­linge wurden von der SS erschossen. Die Nazis wollten mit der Falsch­geld­aktion zunächst Groß­bri­tannien und später auch die USA öko­no­misch desta­bi­li­sieren. Mit der abseh­baren Nie­derlage des NS-Regimes dienten die gefälschten Geld­mengen auch dazu, NS-Ver­ant­wort­lichen die Flucht nach Spanien oder Latein­amerika zu erleichtern. Adolf Burger, einer der letzten Über­le­benden der »Ope­ration Bernhard«, mit dem Osuch Gespräche führte, berichtet auch, wie die Zwangs­ar­beiter unter Lebens­gefahr den Druck des Falsch­geldes ver­zö­gerten und so einen Beitrag zum Wider­stand leis­teten. In seinem Fazit kommt Osuch zu dem Schluss, dass die »Ope­ration Bernhard« der bri­ti­schen Öko­nomie beträcht­lichen Schaden zugefügt hat. Noch in den 1950er Jahren mussten zahl­reiche Geld­scheine aus dem Verkehr gezogen werden. Im Anhang listet Osuch die Namen von 70 an der Falsch­geld­aktion feder­führend betei­ligte NS-Tätern auf. Es wäre lohnend zu erfor­schen, wie viele davon später das Falschgeld für den Ein­stieg in die Post-NS-Ära nutzten.

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​5​7​/​3​3.htm

Peter Nowak

Florian Osuch: »Blüten« aus dem KZ. Die Falsch­geld­aktion »Ope­ration Bernhard« im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen. VSA-Verlag, Hamburg 2009. 136 Seiten, 12,80 EUR

Lob der Lagerfeuer-Initiative

Vom Sturm auf die Gip­felorte zur Blo­ckade – der libertäre Teil der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung

Während die glo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Bewegung in der Flaute ist, scheint das Interesse an der Zeit zu wachsen, als inter­na­tionale Polit­Gipfel von län­der­über­grei­fenden Mas­sen­pro­testen begleitet waren. So hat der Laika-Verlag gerade einen Film von Verena Vargas wieder aus­ge­graben, die den Son­derzug von Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tikern zu den G8-Pro­testen nach Evian im Juni 2003 begleitet hatte. In »evain­naive« zeigt Vargas auch, wie in zahl­reichen Plena in einem spe­zi­ellen Waggon die direkte Demo­kratie auf die Probe gestellt wurde. Für den israe­li­schen Sozi­al­wis­sen­schaftler und Anar­chisten Uri Gordon sind diese Ver­suche von Selbst­or­ga­ni­sierung Bei­spiele für aktuelle anar­chis­tische Theorie und Praxis.

„Lob der Lager­feuer-Initiative“ wei­ter­lesen

Vom Linkskommunisten zum Ustascha-Freund

1926 fuhr der kroa­tische Kom­munist Ante Ciliga voll Begeis­terung in die junge Sowjet­union. Dort wurde er schnell zum Kri­tiker der sowje­ti­schen Ent­wicklung. Zunächst sym­pa­thi­sierte er mit der trotz­kis­ti­schen Oppo­sition, der er aber bald vorwarf, lediglich Sym­ptome zu kri­ti­sieren. Seitdem rekla­mieren einige räte­kom­mu­nis­tische und anar­chis­tische Gruppen Ciliga für sich. Das könnte sich jetzt ändern. Denn der Ber­liner Verlag Die Buch­ma­cherei hat Ciligas Schrift über seine Jahre in der Sowjet­union auf­gelegt und auch seinen wei­teren Wer­degang nicht ver­schwiegen. Genau schildert Ciliga das Leben in Sibirien, wohin er in den 1930er-Jahren mit vielen anderen Oppo­si­tio­nellen depor­tiert wurde. Auch die soziale Rea­lität beschreibt der Autor präzise. So hatte sich 15 Jahre nach der Okto­ber­re­vo­lution die Lohn­schere wieder weit geöffnet: Spe­zia­lis­tInnen konnten jetzt 20 Mal so viel ver­dienen wie ein­fache Arbei­te­rInnen. Doch Ciliga kam zunehmend auch zu äußerst zwei­fel­haften Urteilen. So behauptete er, viele Sowjet­men­schen würden auf eine Besetzung durch NS-Deutschland hoffen. Obwohl er in die USA hätte emi­grieren können, kehrte er in das von der faschis­ti­schen Ustascha regierte Kroatien zurück. 1944 floh er vor den Tito-Par­ti­sanen nach Deutschland. »Er war neu­gierig auf die sozialen Ver­hält­nisse in Deutschland zwi­schen dem NS-Staat und den Massen«, baga­tel­li­siert der bri­tische His­to­riker Stephen Schwartz im letzten Kapitel diesen Schritt. Anfang der 1990er-Jahre wurde Ciliga noch einmal auf unrühm­liche Weise bekannt, weil der ultra­rechte kroa­tische Prä­sident Tudjman Ciligas Angriffe auf die von der Ustascha ermor­deten Juden wie­der­holte und damit einen inter­na­tio­nalen Skandal aus­ge­löste. Als Stich­wort­geber für Links- oder Räte­kom­mu­nis­tInnen taugt ein solcher Mann also kei­neswegs.

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​5​6​/​0​4.htm

Peter Nowak

Ante Ciliga: Im Land der ver­wir­renden Lüge. Her­aus­ge­geben von Jochen Gester und Willi Hajek. Die Buch­ma­cherei, Berlin 2010. 304 Seiten, 12 EUR

Teufelswerk?Neue Studie zur RGO -

Stefan Heinz: »Moskaus Söldner? Der Ein­heits­verband der Metall­ar­beiter Berlins: Ent­wicklung und Scheitern einer kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schaft«, VSA-Verlag, Hamburg 2010, 34,80 Euro, ISBN 978–389965-406–6

Das Argument, die Kan­di­datur auf eigenen Listen gefährde die Gewerk­schafts­einheit und die Mit­glieder solcher »alter­na­tiver« Listen hätten aus der Geschichte nichts gelernt, ist bis heute ver­breitet und wird manchmal bis hinein in die Gewerk­schafts­linke ver­treten. Damit wird auf die End­phase der Wei­marer Republik Bezug genommen, als sich nicht nur SPD und KPD feindlich gegen­über­standen. Auch auf Gewerk­schafts­ebene lie­ferten sich der SPD-nahe All­ge­meine Deutsche Gewerk­schaftsbund (ADGB) und die der KPD nahe­ste­hende Revo­lu­tionäre Gewerk­schafts­op­po­sition (RGO) heftige Aus­ein­an­der­set­zungen. Für manche war schon damals klar, wer hinter der Spaltung steht: »Ihr seht auf der anderen Seite das Werk von Moskau. Teuf­lische Pläne, dem Hirn Mos­kauer Dik­ta­toren ent­sprungen, mit den gemeinsten und ver­werf­lichsten Mitteln, mit Lügen und Ver­leum­dungen in Deutschland in Szene gesetzt, zum Schaden der deut­schen Arbei­ter­klasse, zum Wohle der Kapi­ta­listen« (S. 442), so drosch die Orts­ver­waltung des SPD-nahen Deut­schen Metall­ar­bei­ter­ver­bands (DMV) in einem Rund­schreiben an ihre Mit­glieder auf die linke Kon­kurrenz ein. Diese Lesart der Geschichte hat sich weit­gehend durch­ge­setzt. Die RGO-Politik wird als Werk der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tionale und des Zen­tral­ko­mitees der KPdSU ange­sehen.

Der Ber­liner Poli­tik­wis­sen­schaftler Stefan Heinz hat jetzt in einer monu­men­talen Arbeit diese These infrage gestellt. Heinz widmet sich auf 572 Seiten der Vor­ge­schichte, der Ent­stehung, der Arbeit und dem Ende des Ein­heits­ver­bandes der Metall­ar­beiter Berlins, des ersten Ver­bands innerhalb der RGO. Dazu wertete er eine Vielzahl von Akten aus den Archiven der beiden Gewerk­schafts­ver­bände aus, aber auch Über­wa­chungs­pro­to­kolle von Polizei und Gestapo, interne Berichte der KPD und der SPD sowie Artikel aus der linken Presse, die weder der KPD noch der SPD nahe­stand. An erster Stelle sind die Berichte der Publi­kation »Gegen den Strom« zu nennen, die der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Deutsch­lands – Oppo­sition (KPO) ver­bunden war. Sie hatte schon früh für eine Zusam­men­arbeit aller Arbei­ter­par­teien gegen den NS geworben und ana­ly­sierte die Ereig­nisse rund um die Betriebs­arbeit mit ana­ly­ti­scher Schärfe und ohne par­tei­po­li­tische Ein­sei­tigkeit. Für Heinz liegen die Wurzeln der RGO nicht in Moskau, sondern im Kampf gegen die Burg­frie­dens­po­litik von SPD und Gewerk­schaften während des ersten Welt­kriegs. Damals hatte sich vor allem unter den Ber­liner Metall­ar­beitern ein Kreis linker Arbei­ter­ak­ti­visten her­aus­ge­bildet, die sich in Oppo­sition zu den offi­zi­ellen Gewerk­schaften befanden und während der Novem­ber­re­vo­lution 1918 die Räte als Alter­native zu den durch die Burg­frie­dens­po­litik kom­pro­mit­tierten Gewerk­schaften pro­pa­gierten. Viele dieser Akti­visten bil­deten den Kern der Revo­lu­tio­nären Obleute, die ent­schei­denden Anteil am Aus­bruch der Novem­ber­re­vo­lution hatten. Viele von ihnen enga­gierten sich auch im linken Flügel der Unab­hän­gigen Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei (USPD). In den ersten Jahren der Wei­marer Republik initi­ierten sie Pro­teste für eine Räte­ver­fassung, die im Januar 1920 in Berlin von der Reichs­re­gierung blutig unter­drückt wurden. Heinz beschreibt dies am Bei­spiel zweier füh­render Arbei­ter­ak­ti­visten, die sich später in der RGO enga­gierten. »Arbeiter wie Hermann Braun und Karl Jarick erlebten erneut, wie der Aus­nah­me­zu­stand über Berlin ver­hängt wurde und 42 Arbeiter bei Pro­testen ums Leben kamen« (S. 391). Solche Erleb­nisse bestärkten eine ganze Generation von Metall­ar­bei­ter­ak­ti­visten zum Wider­stand gegen die offi­zielle ADGB-Politik. Dadurch standen sie zugleich immer am Rande des Aus­schlusses und wurden mit allen admi­nis­tra­tiven Mitteln von der Gewerk­schafts­bü­ro­kratie bestraft. Sie bil­deten die Basis für die spätere RGO-Politik, wie Heinz betont.

»Ab 1930/31 konnten die ›roten Ver­bände‹ dort am ehesten Resonanz bean­spruchen, wo bereits in der Anfangs­phase der Wei­marer Republik in der USPD auf Auto­nomie gerichtete Radi­kal­po­si­tionen in der Gewerk­schafts­frage ver­treten wurden« (S. 395).

Ratio­na­li­sierung und Radi­ka­li­sierung

Sehr gut zeigt Heinz auch die öko­no­mi­schen Aspekte auf, die die Her­aus­bildung der RGO begüns­tigten. Da wären in erster Linie die Folgen der Ratio­na­li­sierung zu nennen, wodurch vor allem im Metall­be­reich viele Arbeits­kräfte frei­ge­setzt wurden, was die kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schaf­te­rInnen besonders tan­gierte. So hieß es in dem Bericht einer kom­mu­nis­ti­schen Betriebs­zelle in den Ber­liner AEG-Werken aus dem Jahr 1926: »Wir haben durch die Ratio­na­li­sierung 50 Prozent, dar­unter zwei Drittel unserer aktiven Genossen, ver­loren. Durch die fort­ge­setzte Akkord­preis­senkung und die Ein­führung des Fließ­band­systems haben unsere Genossen nicht mehr die Zeit und die Mög­lichkeit, eine größere münd­liche Agi­tation während der Arbeitszeit betreiben zu können« (S. 418). Zudem ging die ADGB-Büro­kratie in der End­phase der Wei­marer

Zeit ver­stärkt dazu über, Kol­legen durch ihre Unter­schrift bestä­tigen zu lassen, dass sie die Gewerk­schafts­po­litik der KPD nicht unter­stützten. Wer sich wei­gerte, konnte aus­ge­schlossen werden. Die Zahl der Aus­ge­schlos­senen stieg schnell, als infolge der Welt­wirt­schafts­krise die Angriffe auf die Löhne und die erkämpften sozialen Rechte der Lohn­ab­hän­gigen von Seiten der Wirt­schaft und der Politik zunahmen. Als sich im Herbst 1930 die staat­lichen Schlich­tungs­stellen auf die Seite des Unter­neh­mer­lagers stellten und Lohn­kür­zungen fest­legten, die vom ADGB akzep­tiert wurden, war das der unmit­telbare Anlass für die Gründung des Ein­heits­ver­bands der Metall­ar­beiter Berlin (EVMB), des ersten RGO-Ver­bands. Heinz weist nach, dass die Initiative zur Gründung nicht von der KPD-Führung oder der KI, sondern von der Basis ausging. Viele vom ADGB aus­ge­schlossene Gewerk­schaf­te­rInnen hatten schon lange auf eine eigene kom­mu­nis­tische Gewerk­schaft gedrängt.

Kritik aus der KPD

Vor allem die vom ADGB Aus­ge­schlos­senen und Gemaß­re­gelten standen im EVMB auch für einen Kurs der strikten Abgrenzung von den alten Gewerk­schaften und zogen sich damit schnell den Unmut der KPD zu. Vor allem, nachdem sich bald her­aus­stellte, dass dem linken Verband eine mas­sen­hafte Abwerbung von Mit­gliedern aus der alten Gewerk­schaft nicht gelingen würde und dass vom EVMB orga­ni­sierte Streiks deshalb bis auf seltene Aus­nahmen erfolglos abge­brochen werden mussten, begann eine Aus­ein­an­der­setzung mit den KPD-Gremien, die sich bis in die Phase der Ille­ga­lität beider Orga­ni­sa­tionen während des NS hinzog. Die Par­tei­gremien warfen den roten Ver­bänden vor, die Bünd­nis­arbeit mit den noch unor­ga­ni­sierten Kol­legen zu ver­nach­läs­sigen. »Ich habe in Berlin kon­trol­liert, dass die Funk­tionäre der EVMB seit Monaten nicht die refor­mis­ti­schen Zei­tungen gelesen haben. Sie haben keinen Dunst, wie man die refor­mis­ti­schen Gewerk­schafts­mit­glieder für die Oppo­si­ti­ons­arbeit im DMV gewinnen will« (S.231), lautete die Kritik auf einer Sitzung der Kom­mu­nisten im Reichs­ko­mitee der KPD. Dabei han­delte es sich um poli­tische Gegen­sätze. Während die KPD eine linke Frak­ti­ons­tä­tigkeit im DMV nicht auf­geben wollte, wurde eine solche Option immer unwahr­schein­licher, je mehr sich der EVMB als eigen­stän­diger roter Gewerk­schafts­verband ver­stand. Diese Aus­ein­an­der­setzung sollte 1933/34 noch einmal an Schärfe gewinnen. Während die KPD die Taktik des tro­ja­ni­schen Pferdes pro­pa­gierte und einen Ein­tritt von linken Gewerk­schaf­te­rInnen in die nazis­tische Deutsche Arbeits­front vertrat, lehnten viele EVM­BAk­ti­vis­tInnen diesen Schritt vehement ab. Der rote Verband hatte sich nach der Zer­schlagung des ADGB in der Ille­ga­lität zunächst kon­so­li­diert. Doch durch mehrere Ver­haf­tungs­wellen wurden in den Jahren 1933 und 1934 die Struk­turen des Ver­bandes emp­findlich geschwächt. Im Zuge der von der KPD ver­folgten Volks­front­po­litik, die eine Koope­ration mit den Sozi­al­de­mo­kraten pro­pa­gierte, wurde der EVMB von der KPDFührung schließlich auf­gelöst, vor allem weil er die Volks­front­po­litik und den tak­ti­schen Ein­tritt in die DAF nicht mit­machen wollte. Doch viele der Akti­vis­tInnen setzten ihren Wider­stand fort. Heinz zieht Ver­bin­dungen bis zur Uhrig-Gruppe, die während des zweiten Welt­krieges kom­mu­nis­tische Wider­stands­zellen in vielen Ber­liner Betrieben auf­gebaut hatte. Nachdem die Gestapo ihnen auf die Spur gekommen waren, wurden viele ihrer Mit­glieder hin­ge­richtet.

Wider­spenstige Genossen

Stefan Heinz hat in seinem Buch die Geschichte einer Generation von Arbei­ter­ak­ti­vis­tInnen nach­ge­zeichnet, die im Wider­stand gegen die Kriegs­po­litik des ersten Welt­kriegs poli­ti­siert, in den Wochen der Novem­ber­re­vo­lution radi­ka­li­siert wurden und die syn­di­ka­lis­tische Tra­dition auch in der Aus­ein­an­der­setzung mit den KPD-Struk­turen ver­teidigt haben. »Ihr im ›roten Metall­ar­bei­ter­verband‹ prak­ti­ziertes, oft wider­spens­tiges Ver­halten gegenüber der eigenen Partei wandten einige Per­sonen später auch in der SED an. Es führte nach den Worten Peschkes (eines EVMB-Aktivsten, P.N.) dazu, dass manche frühere EVMB-Füh­rungs­kräfte wie er nur ungern als ›erste Gar­nitur‹ der Partei- und Staats­führung ver­wendet wurden« (S. 474). Kenn­zeichnend für die EVMB-Akti­visten sind nach Heinz unter anderem »Ele­mente syn­di­ka­lis­ti­scher Politik, der radikale Anspruch und der sozi­al­re­vo­lu­tionäre Bewe­gungs­cha­rakter, die For­derung nach eigener Ent­schei­dungs­freiheit, die Ver­wei­ge­rungs­haltung bei Ein­griffen von Außen« (S. 475). Mit der gründ­lichen his­to­ri­schen Rekon­struktion dieser linken Gewerk­schafts­op­po­sition liegt eine gerade auch vor dem Hin­ter­grund der aktu­ellen Krise ver­dienst­volle und inter­es­sante Studie vor – auch wenn das Buch auf­grund seines wis­sen­schaft­lichen Stils oft nicht ganz leicht zu lesen ist. Mit seinem Blick auf die Akteure vor Ort beant­wortet Stefan Heinz zugleich auch die Frage des Titels: Das waren keine Söldner Moskaus – wie die RGO-Akti­vis­tInnen noch heute gerne dar­ge­stellt werden.

erschienen im express, Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, 12/10

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Peter Nowak

Marx statt Mohammed

Eine Anatomie des kurdischen Freiheitskampfes

PKK – diese drei Buch­staben stehen für die kur­dische Arbei­ter­partei, die in Deutschland noch immer mit Gewalt und Fana­tismus in Ver­bindung gebracht wird. Die Partei und alle ihre ihr nahe­ste­henden Orga­ni­sa­tionen sind in Deutschland ver­boten. Und immer wieder werden deren Akti­visten zu hohen Haft­strafen ver­ur­teilt.

Wer sich über die Hin­ter­gründe der kur­di­schen Natio­nal­be­wegung infor­mieren will, kann jetzt auf ein umfang­reiches wie infor­ma­tives Buch zurück­greifen, das von zwei Autoren ver­fasst wurde, die sich seit Jahren mit der kur­di­schen Frage und dem kur­di­schen Frei­heits­kampf befassen: von der Karls­ruher Rechts­an­wältin Bri­gitte Kiechle und dem Ber­liner His­to­riker Nikolaus Brauns.

Brauns geht aus­führlich auf die Vor­ge­schichte und Gründung der PKK ein, die ihre Wurzeln in der radi­kalen Linken der 60er und 70er Jahre hat. Von Anfang an war Abdullah Öcalan die zen­trale Figur der Bewegung. 1972 war er beim Ver­teilen linker Flug­blätter ver­haftet und musste sieben Monate in einem Mili­tär­ge­fängnis ver­bringen, wo er seine end­gültige poli­tische Prägung erfuhr. Nach der Haft ver­kündete der junge Öcalan: »Mohammed hat ver­loren, Marx hat gewonnen.«

Brauns berichtet, wie sich die PKK nach dem Mili­tär­putsch von 1980 poli­tisch fes­tigen konnte, während die Linke weit­gehend zer­schlagen wurde. Vor allem junge Akti­visten mit pro­le­ta­ri­schem Hin­ter­grund stießen damals zur PKK. Darin sieht der His­to­riker auch eine Begründung für die Militanz, mit der diese auf ver­meint­lichen Verrat reagierte. Dut­zende junger Männer und Frauen, die sich der PKK anschließen wollten, wurden will­kürlich als ver­meint­liche Spione getötet. Dar­unter waren auch ein Dutzend Stu­die­rende aus Eski­sehir, die nach ihrer Ankunft im Gue­ril­lacamp exe­ku­tiert wurden, nur weil eine junge Frau unter ihnen als Tochter eines Poli­zisten aus­ge­macht wurde. Mitt­ler­weile ist ein großer Teil der Mit­be­gründer der PKK ermordet, einige von den eigenen Genossen. Es spricht für das Buch, dass dieses dunkle Kapitel in der PKK-Geschichte nicht ver­schwiegen, zugleich jedoch die kur­dische Bewegung nicht auf diese oder andere Ver­brechen redu­ziert wird.

Brauns ver­weist darauf, wie der Kampf der PKK auch die unter­drückte kur­dische Bevöl­kerung in Syrien und Iran mobi­li­sierte. Akti­visten der ira­ni­schen Partei für ein freies Leben in Kur­distan (PJAK) sind vom Mullah-Régime in Teheran besonders bedroht. Mehrere der in den letzten Monaten hin­ge­rich­teten Oppo­si­tio­nellen sollen dieser Strömung nahe­ge­standen haben. Während das ira­nische Régime die PJAK als von den USA gesteuert dif­fa­miert, bekämpft die Admi­nis­tration in Washington diese wie­derum wegen man­gelnder Distanz zur PKK.

Aus­führlich setzen sich Brauns und Kiechle mit der isla­mi­schen AKP-Regierung aus­ein­ander. Sie dis­ku­tieren, wie sich ein EU-Bei­tritt der Türkei auf die Lage der Kurden aus­wirken würde. Sie zeigen sich im Gegensatz zu anderen Autoren dies­be­züglich skep­tisch. Im letzten Kapitel bilan­zieren Brauns und Kiechle, dass die kur­dische Bewegung die Inhaf­tierung Öcalans und nach­fol­gende inner­par­tei­liche Macht­kämpfe, Umbe­nen­nungen und Neu­grün­dungen relativ gut über­standen habe. Eine Eman­zi­pation der Kurden hält das Autorenduo jedoch nur im Rahmen einer inter­na­tio­nalen anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Bewegung für möglich. Brauns und Kiechle ver­weisen darauf, dass zahl­reiche kur­dische Orga­ni­sa­tionen innerhalb der tür­ki­schen Linken eine wichtige Rolle spielen. Das aktuelle Wie­der­auf­leben der Kämpfe in Kur­distan ist auch eine Folge der Ent­täu­schungen über die gegen­wärtige Politik in Ankara.

In einem spe­zi­ellen Kapitel geht Bri­gitte Kiechle auf die Rolle der Frauen in der kur­di­schen Bewegung ein. Ihr Fazit: »Im Ver­gleich zu anderen Par­teien und poli­ti­schen Strö­mungen in der Türkei, in Kur­distan und in dem gesamten Nahen und Mitt­leren Osten fällt die PKK durch eine hohe Betei­ligung von Frauen im poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Bereich und eine intensive Dis­kussion über die Geschlech­ter­ver­hält­nisse und die Befreiung der Frau auf.« Dies ist nur ein Aspekt, der in der hier­zu­lande üblichen ein­sei­tigen Beur­teilung des kur­di­schen Frei­heits­kampfes igno­riert wird oder schlichtweg nicht bekannt ist.

Nikolaus Brauns/​Brigitte Kiechle: PKK – Per­spek­tiven des kur­di­schen Frei­heits­kampfes. Zwi­schen Selbst­be­stimmung, EU und Islam. Schmet­terling Verlag, Stuttgart 2010. 510 S., geb., 26,80 €.

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Peter Nowak

Linke Basisprozesse in Lateinamerika

Der Ham­burger Poli­tik­wis­sen­schaftler Helge Butt­kereit ana­ly­siert in seinem Buch »Uto­pische Real­po­litik – Die Neue Linke in Latein­amerika« die Ent­wick­lungen in Bolivien, Vene­zuela, Ecuador und die zapa­tis­tische Bewegung in Süd­mexiko. Dabei stellt er vor allem die Gemein­sam­keiten heraus und ver­sucht, diese Ent­wick­lungen auf die hie­sigen Ver­hält­nisse rück­zu­koppeln. Seine Auswahl begründet der Autor schlüssig: Er wolle einen »Schwer­punkt auf die Bewe­gungen legen, die konkret über das derzeit möglich erschei­nende hinaus ori­en­tiert sind, die also eine mehr­heits­fähige uto­pische Real­po­litik betreiben.« Anders als in Bra­silien, Chile und Uruguay erkennt er in den von ihm behan­delten Ländern grund­le­gende Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse. Als Bei­spiel nennt er die Ein­be­rufung von Ver­fas­sungs­ge­benden Ver­samm­lungen in Bolivien, Ecuador und Vene­zuela, die bisher aus­ge­schlossene Bevöl­ke­rungs­teile wie die Indi­genen oder die Bar­rio­be­woh­ne­rInnen ein­be­ziehen. Dabei setzt er sich im Fall Vene­zuela durchaus kri­tisch mit dem Chavez-Kult aus­ein­ander, ohne die eigen­ständige Orga­ni­sierung an der Basis zu ver­nach­läs­sigen. Anders als andere linke Latein­ame­ri­kaspe­zia­listen sieht Butt­kereit in der zapa­tis­ti­schen Bewegung keinen fun­da­men­talen Gegensatz zu den Ent­wick­lungen in Vene­zuela, Bolivien und Ecuador. Im ersten Kapitel ver­sucht er, über das Konzept der revo­lu­tio­nären Real­po­litik einen Brü­cken­schlag zwi­schen der Linken in Latein­amerika und den sozialen Bewe­gungen in Europa her­zu­stellen. Aller­dings bleibt sein Konzept einer Neuen Linken, das er von einer Real­po­litik wie bei der Links­partei abgrenzt, recht vage. Die Stärken des Buches liegen da, wo Butt­kereit poli­tische und soziale Pro­zesse in Latein­amerika mit Sym­pathie ana­ly­siert, ohne die kri­ti­schen Punkte aus­zu­blenden.

Peter Nowak

Helge Butt­kereit: Uto­pische Real­po­litik. Die Neue Linke in Latein­amerika. Pahl-Rugen­stein Verlag, Bonn 2010, 162 Seiten, 16,90 EUR

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​5​2​/​0​3.htm