Naxalitenbewegung

In meh­reren indi­schen Bun­des­staaten hat sich in der letzten Zeit die Situation enorm ver­schärft. Die Zahl der ermor­deten Bäue­rinnen und Bauern wächst. Die indi­schen Behörden erklären offi­ziell, dass es sich um Naxa­liten handele, eine bewaffnete kom­mu­nis­tische Bewegung mit mao­is­ti­schen Wurzeln. Jetzt hat der Frank­furter Poli­tologe Lutz Getz­schmann eine umfang­reiche Unter­su­chung über Geschichte und Praxis der Naxa­liten vor­gelegt. Ihr Name stammt von der indi­schen Provinz Nax­albari, wo 1967 ein Bau­ern­auf­stand aus­brach, der zu einem Weckruf für die indische Linke jen­seits der damals schon sozi­al­de­mo­kra­ti­sierten kom­mu­nis­ti­schen Par­teien wurde. Auch viele junge Linke aus den indi­schen Metro­polen begannen sich für die Kämpfe auf dem Land zu inter­es­sieren. Die stu­den­ti­schen Linken und die bäu­er­lichen Kämp­fe­rInnen sind noch heute die beiden Säulen, die die Naxa­li­ten­be­wegung tragen. Dabei musste die Bewegung auch wegen gra­vie­render poli­ti­scher Fehler schmerz­hafte Nie­der­lagen ver­kraften. Das Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es die Naxa­liten weder ver­dammt noch heroi­siert. Getz­schmann skiz­ziert den poli­ti­schen Kontext, in dem sich die Bewegung ent­wi­ckelte, und zeigt ihre Grenzen auf. So gelang es ihr nicht, sich auch in den Metro­polen fest­zu­setzen. In meh­reren Pro­vinzen, wo die Naxa­liten stark sind, finden sich wichtige Boden­schätze, die sich pro­fi­tabel ver­werten lassen. Bei diesen Plänen stören Bewoh­ne­rInnen und soziale Bewe­gungen, die sich gegen die kapi­ta­lis­tische Durch­dringung dieser Pro­vinzen wehren, weil die ihnen ihre Exis­tenz­grund­lagen raubt. Unter dem Deck­mantel der Naxa­li­ten­ver­folgung könnte die indische Auf­stands­be­kämpfung gegen die gesamte soziale Bewegung weiter zunehmen. Getz­schmann hat damit zur rich­tigen Zeit die Naxa­li­ten­be­wegung in den Fokus der deutsch­spra­chigen Linken gerückt.

http://www.akweb.de//ak_s/ak563/17.htm

Peter Nowak

Lutz Getz­schmann: Naxa­liten – Agrar­re­vo­lution und kapi­ta­lis­tische Moder­ni­sierung. Neuer ISP-Verlag, Köln 2011. 415 Seiten, 32 EUR

Aufstände, Umbrüche, Kontroversen

Wie legitim ist die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft über­haupt noch?« Diese Frage stellt die Redaktion des »Tele­graph« in ihrer aktu­ellen Ausgabe. Die ost­deutsche Zeit­schrift wurde nach dem Umbruch in der DDR zum Sprachrohr der linken DDR-Oppo­sition, die die Herr­schaft der Partei nicht durch die Herr­schaft des Kapitals ersetzen wollte. Wer die Dop­pel­nummer liest, wird dieses Anliegen in vielen Artikeln wie­der­finden. Die Auf­stände in der ara­bi­schen Welt spielen eine zen­trale Rolle. Der Ber­liner Jour­nalist Helmut Höge bezeichnet sie in seinem Beitrag sehr opti­mis­tisch als »Anfang einer glo­balen Revo­lution« und setzt sich kri­tisch-soli­da­risch mit dem Text des unsicht­baren Komitees aus­ein­ander, das mit seinem »Kom­menden Auf­stand« die Dis­kussion um eine Revo­lution vor­an­bringen wollte. Im Interview spricht der Ver­leger der deutsch­spra­chigen Ausgabe des Textes, Lutz Schu­lenburg vom Nau­tilus-Verlag, von einem »ein­ma­ligen Ver­kaufs­erfolg«, will ihn aber nicht als Aus­druck einer »auf­rüh­re­ri­schen, gesell­schaft­lichen Stimmung« ver­standen wissen.

Mit einem Kapitel und dem Nach­druck der Rede des Fil­me­ma­chers Michael Moore geht das Heft darüber hinaus auf die Mas­sen­de­mons­tra­tionen gegen gewerk­schafts­feind­lichen Gesetze im Früh­sommer im US-Bun­des­staat Wis­consin ein. Zudem widmet sich der ehe­malige Aktivist der linken DDR-Oppo­si­ti­ons­gruppe Ver­ei­nigte Linke, Thomas Klein, der Kom­mu­nis­mus­de­batte, die nach einer Rede der Links­par­tei­vor­sit­zenden Gesine Lötzsch kurz­zeitig für Auf­regung sorgte. Er inter­pre­tiert die kri­tische Resonanz mit dem Versuch des »Estab­lish­ments«, eman­zi­pa­to­rische Strö­mungen recht­zeitig zu stoppen, »bevor man den Poli­zei­staat gegen sie ein­setzen muss«. Über die heutige Bedeutung des Links­so­zia­lismus streiten Stefan Janson (»über­schätzter Mythos«) und Christoph Jünke (»wichtige poli­tische Impulse«).

tele­graph 122/123: 120 Seiten, 6 Euro, www​.tele​graph​.ost​buero​.de

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​4​1​1​0​.​b​e​w​e​g​u​n​g​s​m​e​l​d​e​r​.html
Peter Nowak

Das Ende eines lange gepflegten Vorurteils

GESCHICHTE Linke Gewerk­schafts­op­po­sition in der Wei­marer Zeit war nicht von Moskau gesteuert, stellt His­to­riker Stefan Heinz in seinem Buch fest

Deutsche Gewerk­schaften sind gegenüber den Bossen zu koope­rativ und üben sich in Ritualen, statt in Klas­sen­kämpfen: Solche Klagen sind älter als der DGB. Schon in der Wei­marer Zeit befand sich eine linke Min­derheit im Kon­flikt mit den Vor­ständen des SPD-nahen All­ge­meinen Deut­schen Gewerk­schafts­ver­bands (ADGB). In der End­phase der Wei­marer Republik orga­ni­sierten sich große Teile dieser Gewerk­schafts­linken in der Revo­lu­tio­nären Gewerk­schafts­op­po­sition (RGO). Ihr orga­ni­sa­to­ri­sches Zentrum war die Ber­liner Metall­branche.

»Teuf­lische Pläne, dem Hirn Mos­kauer Dik­ta­toren ent­sprungen«: Diese Cha­rak­te­ri­sierung der Orts­ver­waltung des SPD-nahen Deut­schen Metall­ar­bei­ter­ver­bands (DMV) für die linke Kon­kurrenz ist bis heute weit ver­breitet. Dieses Bild hat der am Otto-Suhr-Institut der FU arbei­tende Gewerk­schafts­for­scher Stefan Heinz infrage gestellt. In seinem 500-sei­tigen Buch rekon­struiert er die kurze Geschichte des Ein­heits­ver­bands der Metall­ar­beiter Berlins (EVMB), der größten RGO-Gewerk­schaft. Dafür wertete er eine Vielzahl von Akten aus den Archiven beider Gewerkschaftsverbände,Überwachungsprotokolle von Polizei und Gestapo, interne Berichte der KPD und SPD sowie Artikel der par­tei­un­ab­hän­gigen linken Presse aus.

Heinz weist nach, dass die Initiative zur Gründung nicht von der KPD-Führung oder der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tionale, sondern von aus dem ADGB aus­ge­schlos­senen Gewerk­schaf­te­rInnen ausging. Für den For­scher liegen die Wurzeln der RGO daher nicht in Moskau, sondern im Kampf gegen die Burg­frie­dens­po­litik von SPD und Gewerk­schaften während des Ersten Welt­kriegs. Damals hatte sich vor allem unter den Ber­liner Metall­ar­beitern ein Kreis linker Arbei­ter­ak­ti­vis­tInnen her­aus­ge­bildet.

Als sich im Herbst 1930 die staat­lichen Schlich­tungs­stellen auf die Seite des Unter­neh­mer­lagers stellten und Lohn­kür­zungen fest­legten, die vom ADGB akzep­tiert wurden, gab der KPD-Vor­stand grünes Licht für die Gründung des EVMB. Da dem linken Verband aber keine mas­sen­hafte Abwerbung von Mit­gliedern aus der alten Gewerk­schaft gelang und selbst­or­ga­ni­sierte Streiks meist erfolglos blieben, wurde in den KPD-Gremien bald heftig über die RGO dis­ku­tiert. Die Aus­ein­an­der­set­zungen nahmen nach dem Macht­an­tritt der Nazis zu.

Viele EVMB-Mit­glieder kri­ti­sierten alle Ver­suche der KPD, ange­sichts der NS-Gefahr mit dem ADGB zusam­men­zu­ar­beiten. Der rote Verband hatte sich nach der Zer­schlagung des ADGB am 2. Mai 1933 in der Ille­ga­lität zunächst kon­so­li­diert und wurde erst durch mehrere Ver­haf­tungs­wellen in den Jahren 1933 und 1934 emp­findlich geschwächt. Im Jahr 1935 wurde der Verband im Zuge der von der KPD ver­folgten Volks­front­po­litik, die eine Koope­ration mit den Sozi­al­de­mo­kra­tInnen und bür­ger­lichen Kräften pro­pa­gierte, gegen den hef­tigen Wider­stand der Basis auf­gelöst.

Da die RGO-Politik in der offi­zi­ellen KPD-Geschichts­schreibung bald als Links­ab­wei­chung galt, wurde auch in der DDR kaum darüber geforscht. Nach erfolg­losen Wie­der­be­le­bungs­ver­suchen einiger mao­is­ti­scher Par­teien in den 70ern in West­berlin geriet das Thema weit­gehend in Ver­ges­senheit. Daher hat Heinz mit seiner For­schungs­arbeit eine wichtige Lücke in der Geschichte des Ber­liner Arbei­te­rInn­nen­wi­der­standes geschlossen.
 Stefan Heinz: »Moskaus Söldner? Der Ein­heits­verband der Metall­ar­beiter Berlins: Ent­wicklung und Scheitern einer kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schaft«, VSA-Verlag, Hamburg 2010

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F07%2F29%2Fa0157&cHash=4dbd89600f

Peter Nowak

Banker im Schatten – François Genoud

Der Schweizer Banker François Genoud, der 1996 mit 81 Jahren Selbstmord verübte, hatte vom Nachlass der NS-Größen Martin Bormann und Joseph Goebbels pro­fi­tiert und die Ver­tei­digung der Juden­mörder Adolf Eichmann und Klaus Barbie. Seit seiner Jugend reiste Genoud in den ara­bi­schen Raum, dort wo 1945 viele ehe­malige Nazis unter­tauchten. In der Front­stellung der ara­bi­schen Natio­na­listen gegen Israel sahen sie die Fort­setzung des nazis­ti­schen Kampfes gegen die Juden. Einige Jahre enga­gierte sich Genoud nach der Unab­hän­gigkeit von Frank­reich in Algerien, wo er aber wegen finan­zi­eller Unre­gel­mä­ßig­keiten bald ver­haftet und aus­ge­wiesen wurde. Seit dem 70er Jahren hatte der umtriebige Schweizer auch Kon­takte zu mili­tanten Paläs­ti­nensern,. Enge Ver­bin­dungen hatte Genoud zu dem als Carlos bekannten Ramirez Sanchez, der für seine Betei­ligung an zahl­reichen Atten­taten eine lebens­läng­liche Haft­strafe in Frank­reich verbüßt. Genoud besuchte ihn mehrmals im Gefängnis und orga­ni­sierte auch seine Ver­tei­digung.

Die BRD – ein Eldorado für Alt­nazis

Während diese Akti­vi­täten in den Buch­be­spre­chungen zur jüngst erschie­nenen Genoud-Bio­graie von Willi Winkler im Mit­tel­punkt stand, blieb jener Teil seiner Vita, der die Bun­des­re­publik betrifft, weit­gehend aus­ge­spart. Dateill­reich beschreibt der Autor, die Rückkehr der alten NS-Eliten ins poli­tische Leben des west­deut­schen Nach­fol­ge­staates unter dem Beifall der poli­ti­schen Klasse. So begrüßte der erste Bun­des­prä­sident der BRD Theo Heuss die Frei­lassung des Nazi-Außen­mi­nisters Kon­stantin von Neurath: „Mit freu­diger Genug­tuung habe ich … heute die Mit­teilung gelesen, … dass das Mar­tyrium dieser Jahre für sie ein Ende gefunden hat.“

Dem hoch­de­ko­rierten Wehr­machts­ge­neral Herrmann-Bernhard Ramcke, in jenen Jahren Idol der NS-Nost­al­giker, ver­halft Genoud zur Flucht aus einem fran­zö­si­schen Gefängnis. Bald for­mu­lierte Ramcke in der BRD die Bedin­gungen für die Fort­setzung des Kampfes gegen den Bol­sche­wismus. „Ich weiß mich eines Sinnes mit allen meinen Waf­fen­brüden der gesamten ehe­ma­ligen Wehr­macht, dass die Vor­be­dingung jeder von uns begehrten Wehr­be­reit­schaft die völlige Gleich­be­rech­tigung Deutsch­lands im Rate der anderen Völker sein muss und die Wie­de­her­stellung der Ehre der deut­schen Sol­daten und die Frei­lassung der deut­schen Gefan­genen aus ihren Kerkern und aus den Händen einer nicht­deut­schen Justiz“. Winkler schildet auch wie die FDP Nord­rhein West­falen von Alt­nazis und füh­renden Indus­tri­ellen in eine NS-Zelle ver­wandelt werden sollte, was durch die Inter­vention der bri­ti­schen Behörden unter­bunden werden konnte. 

Eine enge Freund­schaft verband Genoud mit Paul Dickopf, der in der Schweiz für die NS-Abwehr tätig war und in der BRD Prä­sident des Bun­des­kri­mi­nalamts und später gar Chef von Interpol wurde. 

Man muss nicht alle Wer­tungen Winklers teilen, so über die alge­rische Unab­hän­gig­keits­be­wegung. Ver­dienst des Autors ist es, auf­zu­zeigen, was für ein Eldorado die BRD für Alt­nazis war. Winkler fragt, wieso der Schweizer unbe­helligt von der Justiz blieb. Arbeitete Genoud mit den Geheim­diensten zusammen, hatte er Carlos die ganze Zeit getäuscht und schließlich seinen Auf­ent­haltsort ver­raten?“ 

Willi Winkler, Der Schat­tenmann, Rowohlt Berlin, 352 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978–3‑87134–626‑2

https://www.neues-deutschland.de/artikel/202464.banker-im-schatten.html?sstr=Der|Schattenmann

Peter Nowak

Gegen Willkür

In Bayern wurden 1998 doppelt so viele Men­schen zwangs­weise in die Psych­iatrie ein­ge­liefert wie im übrigen Bun­des­gebiet und etwa zehnmal mehr als in der DDR.

Für den Bun­des­verband Psych­ia­trie­er­fah­rener sind diese unter­schied­lichen Zahlen ein Beleg für die Willkür bei den Zwangs­ein­wei­sungen. Der Verband hat gemeinsam mit wei­teren Initia­tiven, die sich für die Rechte von Psych­ia­trie­pa­ti­enten ein­setzen, ein 92-sei­tiges Handbuch erstellt, das Rat­schläge zur Ver­hin­derung psych­ia­tri­scher Zwangs­maß­nahmen gibt. Grundlage ist das Gesetz zur recht­lichen Regelung der Pati­en­ten­ver­fügung. Wer sie unter­schreibt, kann darüber ver­fügen, ob er sich psych­ia­trisch unter­suchen und behandeln lassen will oder nicht. Im Mit­telteil des Buches ist das Muster einer solchen Pati­en­ten­ver­fügung abge­druckt, die auf den fol­genden Seiten detail­liert erläutert wird. So darf der Hinweis nicht fehlen, dass die Voll­macht frei­willig und im Voll­besitz der geis­tigen Kräfte ver­fasst wurde. Gleiches gilt für die Vor­sor­ge­voll­macht, mit der das Selbst­be­stim­mungs­recht im Betreu­ungsfall gesi­chert werden soll.

Mit der Ernennung von Für­sorgern des eigenen Ver­trauens wird die Bestellung von staat­lichen Betreuern über­flüssig. Bei der Benennung soll darauf geachtet werden, dass diese Per­sonen den Inhalt der Pati­en­ten­ver­fügung kennen und im Ernstfall durch­setzen. Eine Betreu­ungs­person, die gegen den erklärten Willen bei­spiels­weise eine psych­ia­trische Begut­achtung zulässt, obwohl sie durch die Pati­en­ten­ver­fügung aus­ge­schlossen wurde, macht sich genau so strafbar wie Ärzte oder Kli­nik­per­sonal, die eine Pati­en­ten­ver­fügung igno­rieren.

Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Psych­ia­trie­er­fah­rener (Hg.): Geis­tes­krank? Ihre eigene Ent­scheidung! Berlin 2011, 92., 3 €.

Respektlose Wanderflegel und Seppel im Kiez

Jugend­kultur Buch über die »Wilden Cliquen Berlins« spiegelt Außen­dar­stellung der Halb­starken wider

Rei­ße­rische Artikel über jugend­liche Van­dalen sind in den Ber­liner Bou­le­vard­medien all­ge­gen­wärtig. Doch diese Debatten sind nicht neu. Der Ber­liner His­to­riker Jonas Klein­dienst hat kürzlich im Peter Lang Verlag in der Reihe »Zivi­li­sa­tionen und Geschichte« ein Buch her­aus­ge­geben, das die Geschichte und den öffent­lichen Diskurs um die »Wilden Cliquen Berlins« ana­ly­siert. So nannten sich Gruppen von meist männ­lichen Jugend­lichen aus der Arbei­ter­klasse, die seit Beginn des Ersten Welt­kriegs die bür­gerlich geprägte Jugend­be­wegung kopierten.

»Jeder von uns hat schon oft in Berlin und den Umge­genden grö­ßerer Städte diese wilden Cliquen gesehen, die in ihrem Äußeren auf­fällig geschmückten Wan­der­vögeln ähnlich sehen, im Volksmund sind sie auch unter dem Namen Wan­der­flegel oder Seppel bekannt«, zitiert Klein­dienst einen Bericht aus dem Jahr 1931.

Die Liste der Vor­würfe gegen die reni­tenten Jugend­lichen ist lang: Sie kleiden sich auf­fällig, lachen und musi­zieren laut in der Öffent­lichkeit und lassen es älteren Men­schen gegenüber an Respekt fehlen. Im sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Vor­wärts kam noch der Verwurf der Natur­zer­störer dazu, weil der Chronist beob­achtet haben will, wie drei Halb­wüchsige »von jedem dritten Baum mit ihren Spa­zier­stöcken die Kronen der tief­hän­genden Zweige aus lauter Übermut« abschlugen. Sehr erfreut zeigte sich der Beob­achter, dass ein Aktiv­bürger den Jugend­lichen zeigte, »was eine Harke ist, und wacker zuschlägt«.

Poli­tische Orga­ni­sie­rungs­ver­suche, wie der KPD-nahe Rote Wander-Ring oder der autonome Freie Wan­derring schei­terten wegen der Repression und der Unlust vieler Jugend­licher, sich in feste Struk­turen zu begeben. Der Leit­ar­tikel der ersten Ausgabe des Roten Wan­derers aus dem Jahr 1923 beginnt mit der Ansprache: »Ver­wahr­loste Jugend! Lau­se­jungen! Zuhälter! Strolche! Diebe! Plün­derer!«

Bei den meist kiez­be­zo­genen Cliquen spielte die anti­fa­schis­tische Arbeit zunehmend eine größere Rolle. Richtete sich der oft auch hand­greif­liche Protest zunächst gegen die den Deutsch­na­tio­nalen nahe­ste­hende Bis­marck­jugend, standen schon ab 1925 Aus­ein­an­der­set­zungen mit den Ver­bänden der NSDAP im Vor­der­grund. »Wenn wir Nazis sehen, gibt es Kleinholz«, riefen auch unpo­li­tische Cliquen.

Der Kampf gegen die Cliquen wurde bald zu einer zen­tralen Parole der NSDAP. Ein kleiner Teil der ehe­ma­ligen Anführer wech­selte das Lager und ging zur SA. Der Großteil habe jedoch das gleiche Schicksal erfahren wie die Kom­mu­nisten und sei mehr denn je ver­folgt worden, schreibt Klein­dienst. Der Kri­mi­nalist Justus Erhardt, der sich in der Wei­marer Zeit als scharfer Gegner des Cli­quen­wesens her­vor­getan hatte, schrieb 1934 zufrieden, dass »durch ord­nungs­po­li­zei­liche Unter­neh­mungen (…) die berüch­tigten wilden Cliquen (….) zu einem großen Teil gesprengt worden« seien. Damit lag er aller­dings falsch. Gruppen wie die Edel­weiß­pi­raten sahen sich in den letzten Kriegs­mo­naten bei ihren Wider­stand gegen das NS-Régime in der Tra­dition der Wilden Cliquen.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F07%2F06%2Fa0163&cHash=1273b87a53

Peter Nowak

Sozialpsychologische NS-Forschung

Warum hat die NS-Volks­ge­mein­schaft bis zum Schluss funk­tio­niert? Das Buch »Volks­ge­mein­schaft, Täter­schaft und Anti­se­mi­tismus« gibt in acht Auf­sätzen einen auch für Laien ver­ständ­lichen Über­blick über die sozi­al­psy­cho­lo­gische For­schung. Im Gegensatz zu Götz Alys These vom NS-Sozi­al­staat für deutsche Volks­ge­nos­sInnen betont Sascha Howard, dass es bei der Volks­ge­mein­schaft nicht um eine mate­rielle Ega­lität ging: »Anstelle von Gleichheit wurde Homo­ge­nität erzeugt, die soziale Rea­lität war von Aus­grenzung gekenn­zeichnet, vom Fort­be­stand sozialer Ungleichheit etwa in Bezug auf die Real­löhne als auch von neuen Ungleich­heiten, die sich aus der ras­sis­ti­schen Politik ergaben.« Isa­belle Han­nemann schreibt über den »Zick­zackkurs der his­to­ri­schen Frau­en­for­schung und die Frage, warum man (deutsche Frauen) zunächst als Unschuldige, gar als Opfer patri­ar­chaler Umstände oder lediglich als Mit­tä­te­rinnen betrachtete, obwohl einige bereits im Bergen-Belsen-Prozess 1945 als Täte­rinnen hin­ge­richtet wurden.« Mehrere Auf­sätze setzen sich mit der These aus­ein­ander, die NS-Täter seien ganz normale Staats­bürger gewesen. Als Bei­spiel für »die Bana­li­sierung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chens im Zeichen des Nor­ma­li­täts­dogmas« setzt sich Rolf Pohl kri­tisch mit dem auch bei Linken beliebten Harald Welzer aus­ein­ander. Pohl erinnert Welzers Wei­gerung, die NS-Politik an einer »Nach­kriegs­moral« zu messen, an die Ver­tei­di­gungs­linie des ehe­ma­ligen baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­denten Fil­binger (CDU): »Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.«
 
 
Markus Brunner u.a. (Hg.): Volks­ge­mein­schaft, Täter­schaft und Anti­se­mi­tismus. Bei­träge zur psy­cho­ana­ly­ti­schen Sozi­al­psy­cho­logie des Natio­nal­so­zia­lismus und seiner Nach­wir­kungen. Psy­cho­sozial Verlag, Han­nover 2011. 252 Seiten, 24,90 EUR

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​6​2​/​3​0.htm

Peter Nowak

Klassismus

Konzept zur Gesell­schafts­ver­än­derung oder zur Mit­tel­stands­för­derung?


Im deutsch­spra­chigen Raum ist der Begriff Klas­sismus relativ unbe­kannt. Im US-ame­ri­ka­ni­schen Kontext wird er analog zu Ras­sismus und Sexismus als eine Dis­kri­mi­nie­rungs- und Unter­drü­ckungsform bezeichnet und spielt sowohl in der Wis­sen­schaft als auch in der Bil­dungs­arbeit eine Rolle. Mit ihrem im Unrast-Verlag erschie­nenen Band liefern Heike Weinbach und Andreas Kemper eine gute Ein­führung in das Konzept und schaffen so die Vor­aus­setzung, sich mit dessen Stärken und Schwächen aus­ein­an­der­setzen zu können. Sie gehen kurz auf die eng mit der anti­ras­sis­ti­schen und femi­nis­ti­schen Bewegung ver­bundene Geschichte des Klas­sismus-Kon­zepts ein und stellen bei uns weit­gehend unbe­kannte poli­tische Zusam­men­hänge vor, die dieses Konzept ver­treten haben. Dazu gehört die sozia­lis­tische Les­ben­gruppe »The Furies«, die in der ersten Hälfte der sieb­ziger Jahre ihre gesell­schaft­liche Position als Töchter aus der Arbei­te­rIn­nen­klasse the­ma­ti­sierten. Dabei kri­ti­sierten sie auch die Umgangs­weise der sozialen Bewe­gungen mit dem Thema Klasse. »Sie sei ent­weder durch und durch roman­ti­sierend und führe zu der soge­nannten Abwärts­mo­bi­lität der Mit­tel­schicht-Jugend oder finde in aka­de­mi­schen mar­xis­ti­schen Debatten statt.« (S. 34) Mit der Metapher
der Abwärts­mo­bi­lität kri­ti­sieren die Furies, dass sich Stu­die­rende aus dem Mit­tel­stand selber mar­gi­na­li­sieren, was sie als Töchter der Arbei­te­rIn­nen­klasse mit Unver­ständnis kom­men­tierten. Aber auch die Debatten in der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung wurden von den Furies kri­ti­siert: »Klasse bedeutet weit mehr als die mar­xis­tische Defi­nition von Bezie­hungen im Spiegel der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse. Klasse schließt dein Ver­halten und deine fun­da­men­talen Über­zeu­gungen mit ein; was du von dir und anderen erwarten darfst, deine Idee von der Zukunft, wie du Pro­bleme ver­stehst und löst; wie du denkst, fühlst und han­delst« (S. 36). Sie reflek­tierten auch ihre Rolle als Aka­de­mi­ke­rinnen mit pro­le­ta­ri­scher Her­kunft. »Ja, wir haben College-Abschlüsse;
nein, wir arbeiten nicht in Fabriken, wie unsere Eltern es taten, und wir lernten von der Ver­ge­wal­tigung unserer Eltern, gerade deshalb wollen wir die Revo­lution machen« (S. 37).

Von der Gesell­schafts­ver­än­derung zur Kar­rie­re­för­derung
Die Furies werden in dem Buch als eine Gruppe von Frauen aus der Arbei­te­rIn­nen­klasse vor­ge­stellt, die eine ganz ein­deutig anti­ka­pi­ta­lis­tische Ziel­setzung ver­folgten. Eine andere in dem Buch vor­ge­stellte Gruppe, die Working-Class-Aka­de­mi­ke­rinnen (WCA), haben mit den Furies die Her­kunft gemeinsam. Doch zwi­schen ihren poli­ti­schen Inten­tionen klaffen Welten. Den in den 90er-Jahren gegrün­deten WCA ging es nicht um die gesell­schaft­liche Umwälzung, sondern um die gegen­seitige Unter­stützung bei der Job­suche im Wis­sen­schafts­ap­parat. »Die WCA-Akti­vis­tinnen tau­schen sich inhaltlich über ihre Erfah­rungen aus, führen Selbst­ver­ständ­nis­dis­kus­sionen, unter­stützen sich in For­schungs­pro­jekten« (S. 46). Dieser Wandel von der Gesell­schafts­ver­än­derung zur Kar­rie­re­för­derung ist einer­seits dem Abflauen gesell­schafts­kri­ti­scher Theorie und Praxis geschuldet. Er ist ande­rer­seits bereits in den beiden durchaus nicht iden­ti­schen Bedeu­tungen des Klas­sis­mus­be­griffs angelegt, den die AutorInnen in der Ein­leitung vor­stellen. Zum einen bedeute er den »Aus­schluss von mate­ri­ellen Res­sourcen und Par­ti­zi­pation, zum anderen die Ver­wei­gerung von Respekt und Aner­kennung gegenüber Men­schen mit ihren Rechten, Lebens­weisen und Vor­stel­lungen (S.7). Aller­dings stellen die AutorInnen zu wenig die Dif­fe­renzen und unter­schied­lichen poli­ti­schen Impli­ka­tionen dar, die sich aus den beiden Erklä­rungs­ver­suchen ergeben. Wer unter Klas­sismus den Aus­schluss von mate­ri­ellen Res­sourcen und Par­ti­zi­pation ver­steht, strebt, wie die Furies, eine Änderung dieser Ver­hält­nisse an. Wer unter Klas­sismus hin­gegen die Ver­wei­gerung von Respekt und Aner­kennung gegenüber Men­schen mit ihren Rechten, Lebens­weisen und Vor­stel­lungen ver­steht, muss nichts dagegen haben, dass Men­schen arm und bei­spiels­weise gezwungen sind, Fla­schen zu sammeln. Nur sollten das bitte auch alle respek­tieren. Aus einem Problem der ungleichen Ver­teilung von Res­sourcen und Macht in einer Gesell­schaft wird die Sorge, dass auch die­je­nigen, die wenig oder keine Res­sourcen haben, respek­tiert werden sollen. Klemper/​Weinbach ver­suchen an ver­schie­denen Stellen im Buch, zwi­schen den beiden unter­schied­lichen Klas­sismus-Defi­ni­tionen zu ver­mitteln. »Klas­sismus ver­bindet im Grund­ver­ständnis die alten Kri­tik­formen der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung am mate­ri­ellen und poli­ti­schen Aus­schluss mit der Kritik an der Nicht­an­er­kennung und der Her­ab­setzung von Kul­turen und Leben der Arbei­te­rInnen, Arbeits­losen und Armen« (S.17 ). Als Bei­spiel dafür wird ein län­geres Zitat aus einem Handbuch für gewalt­freie Aktion auf­ge­führt: »Klas­sismus wird ebenso auf­recht­erhalten durch ein Glau­bens­system, in dem Men­schen auf­grund ihrer Kin­derzahl, ihres Jobs, ihres Bil­dungs­ni­veaus hier­ar­chi­siert werden. Klas­sismus sagt, dass Men­schen aus einer höheren Schicht klüger sind und sich besser arti­ku­lieren können als Men­schen aus der Arbei­ter­klasse und arme
Men­schen. Es ist eine Art und Weise, Men­schen klein zu halten – damit ist gemeint, dass Men­schen aus der höheren Klasse und reiche Men­schen defi­nieren, was ›normal‹ oder ›akzep­tiert‹ ist. Viele von uns haben diese Stan­dards als die Norm akzep­tiert, und viele von uns haben den Mythos geschluckt, dass die meisten im Land zur Mit­tel­klasse gehören« (S. 16f.).

Inter­essant wäre, diese Defi­nition auch auf sich links und eman­zi­pa­to­risch ver­ste­hende Zusam­men­hänge anzu­wenden. Schließlich geht es sowohl bei Kon­flikten in selbst­ver­wal­teten Zentren und Häusern als auch in links­po­li­ti­schen Zusam­men­hängen oft um die Frage, ob eher uni­ver­sitär und mit­tel­stands­ori­en­tierte Men­schen die poli­ti­schen Spiel­regeln bestimmen und damit Men­schen aus der Arbei­ter­klasse oder Erwerbslose domi­nieren und unter Umständen auch aus­zu­grenzen. Wie komplex diese Aus­ein­an­der­setzung sein kann, zeigt sich daran, wenn bei einem Kon­flikt um anti­se­xis­tische Praxen in einem selbst­ver­wal­teten Zentrum junge Erwerbslose Frauen- und Les­ben­zu­sam­men­hängen vor­werfen, sie ver­suchten Normen und Ver­hal­tens­weisen des aka­de­mi­schen Mit­tel­stands ein­zu­führen. Ähn­liche Kon­flikte gibt es in der Aus­ein­an­der­setzung mit Schwulen und jungen Migran­tInnen. Diese Bei­spiele machen deutlich, dass ein Konzept zu kurz greift, das sich den Respekt und die Aner­kennung der unter­schied­lichen Kul­turen auf die Fahnen schreibt, ohne zu berück­sich­tigen, dass sich diese gegen­seitig aus­schließen können. Wenn im Klas­sis­mus­konzept bei­spiels­weise Respekt vor den Kul­turen der Armen, Erwerbs­losen und Arbei­te­rInnen ver­langt wird, ist zu
fragen, wie damit umzu­gehen ist, wenn diese Kul­turen ihrer­seits aus­schließend gegen Men­schen anderer Länder oder sexu­eller Ori­en­tierung sind. Diese Fra­ge­stellung ver­weist schon darauf, dass Kul­turen nichts Sta­ti­sches und Unver­än­der­liches, sondern selbst Gegen­stand von poli­ti­scher und gesell­schaft­licher Posi­tio­nierung sind. So hat sich immer wieder gezeigt, dass in Arbeits­kämpfen und Streiks, zumindest zeit­weilig, natio­na­lis­tische und ras­sis­tische Ein­stel­lungen gegenüber Kol­le­gInnen zugunsten eines gemein­samen Han­delns zurück­ge­drängt werden können. Mit der bloßen For­derung nach Respekt vor Kul­turen besteht auch
die Gefahr, dass deren kon­ser­vative, rück­wärts­ge­wandte Ele­mente kon­ser­viert werden. Die AutorInnen ver­weisen darauf, dass in der Lite­ratur auch Vor­ur­teile von Arbei­te­rInnen gegenüber Reichen als Klas­sismus bezeichnet werden. Könnte es viel­leicht einmal so weit kommen, dass strei­kende Arbei­te­rInnen, die sich über Aus­beutung und Lohn­drü­ckerei beschweren, des Klas­sismus geziehen werden, weil sie der ›Kultur‹ der Reichen und Besit­zenden nicht den gebüh­renden Respekt zollen? Diese Frage mag sich pole­misch
anhören, doch wenn es nur noch um Iden­ti­täten und Respekt vor den unter­schied­lichen Kul­turen geht, ist eine solche Ent­wicklung nicht aus­ge­schlossen. Wenn aber das Klas­sis­mus­konzept mit einer gesell­schaftlich klaren Posi­tio­nierung ver­bunden ist, kann es auch für heutige Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse am Arbeits­platz, im Job­center oder wo auch immer hilf­reich sein, insofern es den Blick auf in der mar­xis­ti­schen Tra­dition ver­breitete Ver­kür­zungen eines öko­no­mis­ti­schen Klas­sen­be­griffs lenkt, die nicht einfach durch die Addition einer Portion Respekt oder gar die Sub­sti­tution von öko­no­mi­schen durch mora­lische Kate­gorien zu beheben sind. Die Ein­führung in die Theorie und Praxis des Klas­sismus könnte in diesem Sinne eine gute Dis­kus­si­ons­grundlage dafür sein, wie der Klas­sen­be­griff nicht-öko­no­mis­tisch zu rekon­stru­ieren und zu refor­mu­lieren wäre.

Peter Nowak
Andreas Kemper / Heike Weinbach: »Klas­sismus. Eine Ein­führung«, Unrast Verlag, Münster 2009,
ISBN 978–3‑89771–4670, 185 Seiten, 13 Euro

erschienen im express, Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, 5/11
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