»Nach Deutschland verschleppt«

Small Talk mit Tahir Della von der »Initiative Schwarzer Men­schen in Deutschland« über die Umbe­nennung der Ber­liner Moh­ren­straße

Am Mittwoch ver­gan­gener Woche wurde in der Ber­liner Moh­ren­straße, kurz M-Straße, ein Fest gefeiert, mit dem eine Änderung des kolo­ni­al­ras­sis­ti­schen Stra­ßen­namens gefordert wurde. Die Jungle World hat mit Tahir Della gesprochen. Er ist Vor­stands­mit­glied der »Initiative Schwarzer Men­schen in Deutschland« und hat das Fest mit­or­ga­ni­siert.

Small Talk­von­Peter Nowak

Welche Bedeutung hat der 23. August, an dem das Fest stattfand?

Am 23. August 1791 begann in Haiti die Revo­lution. Es war ein Auf­stand schwarzer Men­schen gegen Ver­sklavung und Unter­drü­ckung, der wei­terhin aktuell ist. Der 23. August ist der UN-Gedenktag gegen die Skla­verei. Wir stellen die M-Straße in den Kontext dieser Kolo­ni­al­ge­schichte und des trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­handels, in den auch Deutschland ver­wi­ckelt war, was häufig aus­ge­blendet wird. Ich erinnere nur an die bran­den­bur­gische Kolonie Groß Fried­richsburg in West­afrika, die von 1683 bis 1717 bestand und von wo aus Men­schen nach Nord- und Süd­amerika, aber auch nach Europa, auch nach Deutschland ver­schleppt wurden.

Warum wollen Sie die M-Straße nach Anton Wilhelm Amo benennen?

Amo steht für die unsichtbar gemachte Geschichte und Präsenz schwarzer Men­schen in Deutschland, die ent­gegen der ver­brei­teten Auf­fassung bis ins 17. Jahr­hundert zurückgeht. Der in Ghana geborene Gelehrte setzte sich im 18. Jahr­hundert in Deutschland gegen die Dis­kri­mi­nierung schwarzer Men­schen und gegen die Kolo­ni­sierung ein. Mit der Benennung der M-Straße nach Anton Wilhelm Amo würden wir nicht nur diesen Kämpfer für die Gleich­be­rech­tigung aller Men­schen wür­digen, sondern auch deutlich machen, dass unser Wider­stand eine lange Geschichte hat, die sichtbar werden muss.

Die Aus­ein­an­der­setzung um die Umbe­nennung zieht sich schon einige Jahre hin. Sehen Sie Fort­schritte?
Wir haben teil­weise Fort­schritte zu ver­zeichnen, was sich bei­spiels­weise im Wedding zeigt, wo nach jah­re­langen Kämpfen drei Straßen, die Kolo­ni­al­ver­brecher ehren, umbe­nannt werden sollen. Auch in der M-Straße gibt es einen wach­senden Zuspruch aus der Bevöl­kerung für eine Umbe­nennung. Am dies­jäh­rigen Fest haben sich viele beteiligt, die sich im Kampf gegen Dis­kri­mi­nierung enga­gieren und sich deshalb unserem Anliegen nach einer Umbe­nennung anschließen. Sie sehen genau wie wir, dass es hier nicht um eine his­to­rische, sondern um eine sehr aktuelle und poli­tische For­derung geht. Der Auf­stieg des Rechts­po­pu­lismus in Europa und Deutschland ist eng mit der kolo­ni­al­ras­sis­ti­schen Geschichte ver­bunden. Ande­rer­seits sehen wir, dass der Main­stream der Gesell­schaft und besonders einige His­to­riker unsere For­de­rungen ablehnen.

Auf der Kund­gebung sprachen auch Poli­tiker. Ist bei ihnen die Zustimmung zur Umbe­nennung gewachsen?
Mehr und mehr erkennen auch Poli­tiker die Not­wen­digkeit einer Auf­ar­beitung der deut­schen Kolo­ni­al­ge­schichte und damit ver­bun­dener Stra­ßen­um­be­nen­nungen. Wenn sie sich gegen Dis­kri­mi­nierung und Aus­grenzung von Men­schen enga­gieren, müssen sie sich auch mit der noch immer nicht auf­ge­ar­bei­teten Geschichte des Kolo­nia­lismus befassen. Wir müssen aber auch fest­stellen, dass sich das zuständige Bezirksamt Mitte bei der Umbe­nennung der M-Straße nicht bewegt.

Wie wollen Sie weiter vor­gehen?
Wir wenden uns an die Lan­des­re­gierung. Schließlich hat die im Koali­ti­ons­vertrag fest­ge­schrieben, dass die Ber­liner Kolo­ni­al­ge­schichte zum festen Bestandteil der Erin­ne­rungs­kultur werden soll. Es sollte aus meiner Sicht nicht nur im Belieben der ein­zelnen Bezirke liegen, wie die Stadt damit umgeht.

Interview: Peter Nowak
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