Deutschland stellt sich auf die Seite der Angreifer

Es geht um Ein­fluss-Inter­essen in Syrien. Die men­schen­recht­liche Umman­telung solcher Inter­essen, man wolle weitere Gift­gas­ein­sätze ver­hindern, ist in vie­lerlei Hin­sicht ver­logen

Als not­wen­digen Angriff, der hof­fentlich seine Bot­schaft nicht ver­fehle, dass man geächtete Che­mie­waf­fen­ein­sätze nicht dulden werde, bezeichnete der Uni­ons­po­li­tiker Ruprecht Polenz den wenigen Stunden zuvor erfolgten Angriff der USA, Groß­bri­tan­niens und Frank­reichs auf Ziele in Syrien.

Nun ist Polenz auch nach seinem Aus­scheiden aus dem Bun­destag ein noch immer gut ver­netzter Außen­po­li­tiker. Er ver­tritt also keine Min­der­heits­meinung. Schließlich hat ja auch Bun­des­kanz­lerin Merkel schon wenige Stunden nach dem Angriff von ange­mes­senen und erfor­der­lichen Maß­nahmen gesprochen. Man begrüße, dass die Ver­bün­deten gehandelt hätten.

Ähnlich äußerten sich der außen­po­li­tische Sprecher der Uni­ons­fraktion Jürgen Hardt und Bun­des­au­ßen­mi­nister Heiko Maas. So beeilte sich das gesamte bun­des­deutsche Poli­testa­b­lishement, sich auf die Seite der Angreifer zu stellen. Ver­gessen schien, dass noch zwei Tage vorher Merkel erklärte, dass sich Deutschland nicht direkt an dem Angriff betei­ligte und dafür vom FDP-Außen­po­li­tiker Lambs­dorff kri­ti­siert wurde.

Dabei sind die unter­schied­lichen Erklä­rungen von Merkel nicht so inkon­sistent, wie es auf den ersten Blick aus­sehen mag. Schließlich hat Merkel auch in der ersten Erklärung betont, dass, auch wenn sich Deutschland nicht direkt beteiligt, die Che­mie­waffen aber ver­schwinden müssen. So konnte sie sich nun hinter den Angriff stellen, der ja vorgibt, genau dieses Ziel zu ver­folgen. Auch in der grü­nen­nahen Taz waren in den letzten Tagen bel­li­zis­tische Töne zu lesen. So schrieb Alex­ander Bühler:

Assad wird nicht auf­hören, Giftgas gegen die Bevöl­kerung ein­zu­setzen. Deshalb sind gezielte US-Luft­schläge die einzig richtige Antwort.

Alex­ander Bühler, Taz

Spiel mit der Apo­ka­lypse

Er hat in dem Kom­mentar schon richtig erkannt, dass der momentane Kon­flikt, nicht zu der Apo­ka­lypse eines Kon­flikts zwi­schen Russland und den USA führen wird, was in einen glo­balen Krieg führen könnte. Bestimmte Tweets von Trump haben für kurze Zeit solche Befürch­tungen auf­kommen lassen, die noch immer die deutsche Frie­dens­be­wegung wieder belebt. Ihr geht es dabei auch nicht abs­trakt um den Welt­frieden, sondern um die Furcht, dass durch einen unkon­trol­lierten Kon­flikt deutsche Inter­essen in Gefahr gerieten.
Das war schon vor dem zweiten Golf­krieg so, als die apo­ka­lyp­ti­schen Sze­narien Massen auf die Straße trieben, aber kaum jemand über die Scout-Raketen redete, die vom Saddam-Régime auf israe­li­sches Gebiet geschossen wurden. Kaum jemand bemühte sich um eine Analyse der Inter­essen der unter­schied­lichen Akteure und vor allem nicht über die Inter­essen der damals sich ent­fal­tenden kapi­ta­lis­ti­schen Mit­tel­macht Deutsch­lands.

Später ließ sich dieses Deutsch­lands als Frie­dens­macht feiern, als es sich am Krieg, der zum Sturz Saddam Hus­seins führte, offi­ziell ebenso wenig betei­ligte wie beim Sturz von Gaddafi in Libyen. Dass es dabei nicht um Frieden, sondern um eigene impe­ria­lis­tische Inter­essen Deutsch­lands ging, zeigte sich bei der Rolle des Landes bei der Zer­schlagung von Jugo­slawien. Gegen Serbien zog man schon aus his­to­ri­schen Gründen gerne wieder in Krieg. Damit sah man deutsche Inter­essen gewahrt.

Dass sich das Land bei den Angriffen auf den Irak und Libyen nicht direkt betei­ligte, hieß nun nicht, dass man nicht logis­tische Unter­stützung bei den Angriffen leistete, worauf Teile der deut­schen Frie­dens­be­wegung mit Recht immer wieder hin­wiesen. Trotzdem störte der Tenor ihrer Erklä­rungen, die sich meistens dahin­gehend erschöpften, dass Deutschland noch immer in der Außen­po­litik von den USA oder der Nato abhängig wäre.

Dabei wird unter­schätzt, dass Deutschland sehr genau die Inter­essen eines eigen­stän­digen Natio­nal­staats ver­folgt, der die USA längst als Kon­kurrent im inner­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kampf sieht, aber natürlich den Kontakt mit seinen ehe­ma­ligen Ver­bün­deten nicht ganz abreißen lassen will. Ebenso will man die Bezie­hungen mit Russland auf eine neue Grundlage stellen.

Gute Kon­takte, wo es angeb­lichen deut­schen Inter­essen nützt, kom­bi­niert mit Druck, wo das nicht der Fall sein sollte – für diese unter­schied­lichen Inter­essen stehen ver­schiedene Kapi­tal­frak­tionen, die sich auch in unter­schied­lichen poli­ti­schen For­ma­tionen aus­drücken. Wobei auch da immer die Wider­sprüche, die nun mal im Spät­ka­pi­ta­lismus immanent sind, auf­tauchen.

Die Grünen stehen eher für einen scharf anti­rus­si­schen Kurs. Dort dis­ku­tiert man schon mal, ob die Bun­deswehr Riga gegen die rus­sische Armee ver­tei­digen kann. Trotzdem hat der auch heute noch ein­fluss­reiche Poli­tiker Jürgen Trittin den jüngsten Angriff in Syrien moderat kri­ti­siert.

In der FDP, die sich so gedrängt sah, von Anfang an mit in der Koalition gegen das syrische Régime mit­zu­machen, hat zumindest der nach Lindner wich­tigste Poli­tiker Kubicki schon mal für eine Annä­herung an Russland plä­diert. In diesen schein­baren Zick­zackkurs kommt eher die Tat­sache zum Aus­druck, dass Deutschland als »selbst­be­wusste Nation« ihren Platz zwi­schen den inner­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renten Russland und USA immer neu aus­ta­rieren muss.

Welche Rolle kann die Anti­kriegs­be­wegung spielen?

In dieser Gemengelage muss sich eine Anti­kriegs­be­wegung auch immer wieder neu finden. Sie ist eben nicht iden­tisch mit der deut­schen Frie­dens­be­wegung, die es über­wiegend nicht schafft, die deutsch­na­tio­nalen Untertöne abzu­streifen. Hier wird immer noch sug­ge­riert, dass Deutschland von den USA abhängig ist.

Also kommen manche zu dem Schluss, die deut­schen Inter­essen am besten in enger Koope­ration mit Russland durch­setzen zu können und feiern Putin als Frie­dens­fürst. Das ist nun genau so fatal wie die anti­rus­si­schen Töne, die vor allem aus dem grünen Spektrum zu hören sind. Da hat man manchmal den Ein­druck, hier werden noch immer die antis­la­wi­schen Res­sen­ti­ments bedient, die schon vor mehr als 100 Jahren die damalige Sozi­al­de­mo­kratie ins Lager des Burg­friedens mit den Herr­schenden getrieben hat.

Eine Anti­kriegs­be­wegung, die ihren Namen ver­dient, müsste an der linken Min­derheit anknüpfen, die sich vor 100 Jahren gegen den Kurs der Ver­tei­digung irgend­eines Vater­landes posi­tio­nierte und dafür den Kapi­ta­lismus in den Fokus des Kampfes nahm, der die eigent­liche Ursache für immer neue Kon­flikte ist, die auch immer wieder zu Kriegen treibt.

Diese Strömung war in Teilen der Sozi­al­de­mo­kratie, des Anar­chismus und Syn­di­ka­lismus ver­treten und es gab auch in kleinen Teilen des Bür­gertums solche Ansätze. Viele dieser Kriegs­gegner trafen sich in der »neu­tralen« Schweiz, wo sie sich mit der Zim­mer­walder Konferenz[5] inter­na­tional ver­netzten.

Wo sind die Opfer des »huma­ni­tären« Angriffs?

Eine Anti­kriegs­be­wegung, die sich heute in diese Tra­dition stellt, müsste vor allem auf­hören, sich mit einer Seite in den Kon­flikt zu iden­ti­fi­zieren. Auf den Angriff auf Syrien bezogen heißt dass, sich weder auf der Seite der Ver­bün­deten Syriens noch auf der ihrer Gegner zu posi­tio­nieren. In Syrien gilt es vielmehr die Kräfte zu unter­stützen, die sich gegen das Régime und den Isla­mismus enga­gieren.

Zudem gilt es, aber auch die Pro­pa­ganda der soge­nannten west­lichen Kriegs­al­lianz zu hin­ter­fragen. Schon die Kon­zen­tration auf den Einsatz von Che­mie­waffen als angeb­liche »rote Linie« ist nur ein Hebel, um deutlich zu machen, dass auch im Syri­en­kon­flikt nichts ohne die Inter­essen des »Westens« laufen wird.

Schließlich hatte das Assad-Régime mit Unter­stützung Russ­lands, des Irans und der His­bollah seine Macht wieder gefestigt. Dabei wurden diverse Isla­misten geschlagen, die auch vom Westen unter­stützt, aber nicht erfunden wurden. Aber das hat eben letztlich auch das auto­ritäre Assad-Régime wieder gestärkt. Mit dem Angriff hat der »Westen« deutlich gemacht, dass es in dem Kon­flikt mit­reden will.

Man will nicht zulassen, dass dort eine Regelung unter Feder­führung Russ­lands und unter Aus­schluss der USA und ihren Ver­bün­deten zustande kommt. Dass ist der eigent­liche Grund für den jet­zigen Angriff. Die men­schen­recht­liche Umman­telung solcher Inter­essen, man wolle weitere Gift­gas­ein­sätze ver­hindern, ist in vie­lerlei Hin­sicht ver­logen.

Warum ist es für die Opfer des Krieges besser von den zahl­reichen anderen Waffen ermordet oder ver­stümmelt werden? Und warum soll aus­ge­rechnet eine USA-Regierung berufen sein, gegen Che­mie­waffen Krieg zu führen, die noch immer den Einsatz von Napalm im Viet­nam­krieg ver­teidigt? Und warum sollte eine fran­zö­sische Regierung nicht die vielen Mas­sen­morde auf­ar­beiten, die sie als Kolo­ni­al­macht in Afrika verübte, bevor sie sich als Kämpfer gegen Che­mie­waffen auf­spielt?

Zudem sollte nun unab­hängig unter­sucht werden, wie viel Opfer denn die nächt­lichen Angriffe auf syrische Ziele gekostet haben. Denn auch in diesem Kon­flikt, hört man von den Opfern der anderen Seite wenig. Das war beim Krieg gegen Jugo­slawien genauso wie bei den Angriffen gegen den Irak und Lybien.

Das wie­derholt sich nun, wo es angeblich in Syrien nur Ver­letzte aber keine Toten gibt. Da ver­binden sich die Angrei­fenden, die ja angeblich einen huma­ni­tären Krieg führen mit den syri­schen Macht­habern und deren Ver­bün­deten, für die es natürlich ein Pres­ti­ge­verlust wäre, wenn der Angriff noch viele Opfer gefordert hätte. Eine von allen Seiten unab­hängige Anti­kriegs­be­wegung müsste sich hin­gegen auf die Opfer an Men­schen, die Ver­letzten, die Toten und die Schäden hin­weisen, die der Angriff erfor­derte.

Peter Nowak

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[1] https://​www​.ruprecht​-polenz​.de
[2] http://​atlan​tische​-initiative​.org/​u​e​b​e​r​-​u​n​s​/​v​e​rein/
[3] https://​www​.tages​schau​.de/​i​n​l​a​n​d​/​s​y​r​i​e​n​-​d​i​s​k​u​s​s​i​o​n​-​1​0​1​.html
[4] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​9​5419/
[5] http://​www​.zim​mer​wal​d1915​.ch/

Was macht die Friedensbewegung, wenn Russland in Syrien mit bombt?

Am kom­menden Sonntag geht ein Teil der deut­schen Frie­dens­be­wegung 100 Jahre zurück in die Geschichte. Sie nehmen das Jubiläum der Zim­mer­walder Kon­ferenz, als sich vor 100 Jahren in den kleinen Schweizer Ort die ver­sprengten Reste der euro­päi­schen Sozi­al­de­mo­kratie trafen, die den Kurs des Burg­friedens ablehnten, zum Anlass, um über die Pro­bleme der heu­tigen Frie­dens­be­wegung zu sprechen[1].

Seit einigen Tagen ist die Situation für die abermals ver­sprengen Reste der aktu­ellen Frie­dens­be­wegung noch schwerer geworden. Seit Russland genau wie die USA und Frank­reich eben­falls in Syrien Ziele bom­bar­diert, müsste zumindest der Teil der Frie­dens­be­wegung in Argu­men­ta­ti­ons­schwie­rig­keiten geraten, der Putin und seine Politik immer als friedlich dar­stellte und dagegen die krie­ge­rische USA bzw. den US-Impe­ria­lismus stellten.

Ein Para­de­bei­spiel war in diesen Kreisen die diplo­ma­tische Initiative Russ­lands, das syrische Giftgas ohne krie­ge­ri­schen Einsatz zu besei­tigen. So sei in letzter Minute ein schon geplantes Ein­greifen der USA und anderer Nato­staaten in Syrien ver­hindert worden, so die Sicht­weise der Fraktion in der Frie­dens­be­wegung, die viel­leicht etwas ver­kürzt als pro­rus­sisch bezeichnet werden können. Es ist tat­sächlich schwer, einen Begriff für diese Strömung zu finden, die in Teilen der tra­di­tio­nellen Linken ebenso anzu­treffen ist wie in der dif­fusen Mahn­wa­chen­be­wegung, aber auch in offen rechten Kreisen.

Rückkehr der Geo­po­litik

Der Begriff der Put­in­ver­steher, der sich für diese Strömung ein­ge­bürgert hat, ist schon deshalb untauglich, weil er schon die Tat­sache, dass jemand die Inter­es­senlage und Beweg­gründe eines Landes ver­stehen will, mit einer nega­tiven Kon­no­tation ver­sieht. Am ehesten könnte diese russ­land­freund­liche Strömung als Neu­auflage einer Geo­po­litik[2] begreifen, die geo­gra­fische Gege­ben­heiten zum Gegen­stand der Politik machen will. Da wird zum Bei­spiel eine Ver­stän­digung mit Russland mit der not­wen­digen Koope­ration der euro­päi­schen Mächte begründet. Die USA wird als nicht­eu­ro­päische Macht als poten­ti­eller Aggressor betrachtet, der eine Koope­ration zwi­schen der EU und Russland hin­treiben könnte.

Auch das Konzept der Eura­si­schen Union, ein Bündnis zwi­schen euro­päi­schen und asia­ti­schen Ländern, zu denen Russland den Schlüssel bieten soll, ist in geo­po­li­ti­schen Kreisen populär. Das Konzept kommt ursprünglich aus der poli­ti­schen Rechten. Heute beziehen sich auch Men­schen und Initia­tiven darauf, die sich als links ver­stehen. Doch mit dem eman­zi­pa­to­ri­schen Anspruch hat es auch heute nichts zu tun. Es geht um Staaten und ihre Regenten und die über­his­to­ri­schen geo­gra­fi­schen Gege­ben­heiten, die angeblich die Geschichte bestimmen. Kein Platz ist in einem solchen Geo­po­li­tik­konzept für die Bewohner der Länder, ihre Wünsche und ihre Kämpfe.

Es ist kein Zufall, dass anlässlich des Geburtstags von Otto von Bis­marck, der sich in diesem Jahr am 1. April zum 200. Mal jährte, viel über ver­meintlich löb­liche Seiten des erz­re­ak­tio­nären Poli­tikers sin­niert wird. Dabei wird besonders betont, dass Bis­marck nach zahl­reichen, von ihm pro­vo­zierten Kriegen einen Aus­gleich mit Russland suchte, woraus Hand­lungs­mög­lich­keiten für den gegen­wär­tigen Ukraine-Kon­flikt abge­leitet werden.

Hier wird ver­sucht, eine geo­po­li­tische Tra­dition zu kre­ieren. Auch heute wird sie haupt­sächlich in rechts­po­pu­lis­ti­schen Kreisen gepflegt. So wird auf einer Kon­ferenz des Magazins Compact der fran­zö­sische Geo­po­li­tiker Thierry Meyssan auf­treten[3], der erst kürzlich aufrief, IS und Mos­lem­bürger gemeinsam mit Putin zu bekämpfen. Meyssan ist mit seiner Ver­öf­fent­li­chung zum 11. Sep­tember zum Star der Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker geworden. Ihm wird aber auch von seinen Kri­tikern[4] bescheinigt, dass er lange Zeit in Frank­reich als Wis­sen­schaftler der Auf­klärung galt. Gerade darin aber dürfte sein Erfolg liegen.

Den Anhängern eines solchen Bünd­nisses geht es nicht um eine Welt ohne Krieg. Ihnen geht es um ein starkes Deutschland bzw. einer deutsch­be­herrschten EU-Zone, die sich im Bündnis mit Russland gute Vor­aus­set­zungen für den Kampf um Boden­schätze und Wasser erobern soll und dazu natürlich bei Bedarf auch Krieg führen können. Nur sollen es nach den Vor­stel­lungen der Geo­po­li­tiker eben Kriege sein, die im deut­schen Interesse sind.

Die Inter­vention Russ­lands in Syrien hin­gegen wird dann als welt­weiter Beitrag im Kampf gegen den Isla­mismus inter­pre­tiert, wie es der rus­sische Prä­sident in seiner Rede auf der UN-Voll­ver­sammlung[5] kundtat und dazu sogar Ver­bin­dungen zur Anti-Hitler-Koalition zog, um auch die Tra­di­ti­ons­linke zufrieden zu stellen.

Vom kalten und heißen Krieg

Tat­sächlich ist die syrische Inter­vention für die rus­sische Regierung vor allem eine gute Gele­genheit, um der Welt und auch der Bevöl­kerung zu signa­li­sieren, wir sind wieder zurück in der Welt­po­litik. Russland hat kei­neswegs vor, nach der Pfeife und unter dem Ober­befehl der USA oder Frank­reich zu handeln. Wenn nun der fran­zö­sische Prä­sident Hol­lande von Putin fordert, er solle an den west­lichen Vor­gaben richten und nur die Isla­mis­ten­fraktion bom­bar­dieren, die weltweit als zum Abschuss frei­ge­geben ange­sehen wird, nämlich den IS, wird damit in Moskau auf wenig Gehör stoßen.

Dort hat man vielmehr deutlich gemacht, dass es Gespräche mit Ver­tretern west­licher Staaten nur in tech­ni­schen Fragen geben soll. Man will so ver­meiden, dass man sich, wie kurz­zeitig im Kosovo pas­siert, plötzlich bewaffnet gegen­über­steht, bzw. dass man gar auf­ein­ander schießt. Man ist also dann wieder auf der Höhe des Kalten Krieges, als es den Ver­ant­wort­lichen auch darum ging zu ver­hindern, dass daraus ein heißer Krieg wird.

Aber schon das Voka­bular war zynisch. Denn der Krieg fand in den drei Kon­ti­nenten statt. Dort starben die Men­schen, dort wurden die Städte und Dörfer ver­wüstet, die Felder vermint und eine unbe­kannte Zahl von Men­schen dem Tod oder der Ver­elendung aus­ge­liefert. Heiß wäre der Krieg aber nur nach dieser Defi­nition nur dann geworden, wenn dabei auch in den Zentren, also in den USA, in Russland, Frank­reich oder Deutschland, Bomben ein­ge­schlagen hätten und Men­schen ums Leben gekommen wären. So wurden die Men­schen also sor­tiert nach Metro­po­len­be­wohnern und den anderen.

Wenn nun Russland die Ergeb­nisse der Nie­derlage der Sowjet­union im Kalten Krieg rück­gängig machen will und sich nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland als Macht, mit der man rechnen muss, prä­sen­tiert, bedeutet das für die große Mehrheit der Welt­be­völ­kerung ein Zurück zu diesen Zuständen. Wer von den rus­si­schen Bomben getroffen wird, ist für die meisten Medien hier­zu­lande nicht inter­essant. Genau so wenig wie die Opfer der anderen Mächte, die mit Bomben und Drohnen dort aktiv sind.

Nur die Initiative Adopt the revo­lution[6], die wei­terhin beharrlich daran erinnert, dass der Auf­stand in Syrien damit begann, dass sich Men­schen gegen eine auto­ritäre Herr­schaft auf­lehnten, bevor die völlig legitime Revolte durch Nach­bar­staaten mili­ta­ri­siert wurde, macht sich die Mühe, Men­schen aus Orten zu Wort kommen[7] zu lassen, die unter rus­si­schen Bomben[8] lagen.

Solche Initia­tiven stehen damit in der Tra­dition einer Anti­mi­li­ta­ris­mus­be­wegung, die wie der linke Flügel der Sozi­al­de­mo­kratie vor 1914 die Opfer unter den Men­schen aller Länder ebenso in den Mit­tel­punkt stellte, wie die öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Inter­essen der Kriegs­be­tei­ligten aller Alli­anzen. Sie kamen gerade nicht auf die Idee, sich dabei auf eine Seite zu stellen. Wenn schon nicht von dem Stand­punkt eines linken Anti­mi­li­ta­rismus kri­ti­siert[9] der Linken-Abge­ordnete Stefan Liebich das rus­sische Ein­greifen in Syrien immerhin als weitere Unter­grabung der Auto­rität der Ver­einten Nationen.

Radikale Huma­nisten und der Krieg

Doch es sind nicht nur pro­rus­sische Geo­po­li­tiker, die die Bombe zumindest zeit­weilig lieben lernen. Auch Philipp Ruch vom Kunst­projekt Zentrum für poli­tische Schönheit[10]hat sich in einem Gespräch[11] mit dem Her­aus­geber des Freitag Jakob Aug­stein für eine mili­tä­ri­schen Einsatz in Syrien aus­ge­sprochen, natürlich nur zur Ver­tei­digung der Men­schen und ihrer Rechte.

Dass dieses Argument nicht nur von der rot-grünen Bun­des­re­gierung, sondern auch der Nato schon längst ent­deckt wurde, um mili­tä­rische Inter­ven­tionen besser ver­mitteln zu können, scheint dem selbst­er­nannten radi­kalen Huma­nisten Ruch ent­gangen zu sein. Es fällt ihm auch gar nicht auf, wie stark er die Ursachen des Syri­en­kon­flikts ver­ein­fachen muss, um seine For­derung nach einem Mili­tär­einsatz gegen Assad zu legi­ti­mieren. Während es für die pro­rus­si­schen Geo­po­li­tiker nur die Isla­misten und ihre ver­meint­lichen oder tat­säch­lichen Unter­stützer als Kriegs­treiber gibt und Assad als legitime Regierung gilt, wird er für Ruch zum Betreiber einer »geno­zi­dalen Kriegs­führung« und die Isla­misten und ihre För­derer kommen gar nicht vor.

So müssen alle, die sich für Kriege aus­sprechen, immer zuerst die Rea­lität so zurecht­biegen, damit dann das Feindbild auch stimmt. In der Rea­lität stirbt aber nicht die Wahrheit, wie ein gerne ver­wen­detes Bonmot sagt. Es sind reale Men­schen, die sterben – und je mehr Kräfte beim Bomben mit­machen, desto größer wird ihre Zahl.

Peter Nowak

Anhang

Links

[1]

http://www.kriegsberichterstattung.com/id/4706/100-Jahre-Zimmerwalder-Konferenz-Imperialismus-heute–Differenzen-verstehen–Spaltungen-ueberwinden/

[2]

http://​www​.spektrum​.de/​l​e​x​i​k​o​n​/​g​e​o​g​r​a​p​h​i​e​/​g​e​o​p​o​l​i​t​i​k​/2976

[3]

http://​juer​gen​el​sa​esser​.word​press​.com/​2​0​1​5​/​0​9​/​2​9​/​g​e​m​e​i​n​s​a​m​-​m​i​t​-​r​u​s​s​l​a​n​d​-​i​s​-​u​n​d​-​m​u​s​l​i​m​b​r​u​e​d​e​r​s​c​h​a​f​t​-​b​e​k​a​e​m​pfen/).

[4]

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​0​2​/​1​5​/​2​4​1​4​5​.html

[5]

http://​www​.kremlin​.ru/​e​v​e​n​t​s​/​p​r​e​s​i​d​e​n​t​/​n​e​w​s​/​50385

[6]

https://​www​.adoptre​vo​lution​.org

[7]

http://​www​.adoptre​vo​lution​.org/​f​a​k​t​e​n​-​t​a​l​b​iseh/

[8]

https://​www​.adoptre​vo​lution​.org/​w​e​i​t​e​r​e​-​a​n​g​r​i​f​f​e​-​d​e​s​-​r​u​s​s​i​s​c​h​e​n​-​m​i​l​i​t​a​e​r​s​-​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​m​i​t​-​a​k​t​i​v​i​s​t​e​n​-​a​u​s​-​k​a​f​r​a​nbel/

[9]

http://www.stefan-liebich.de/de/article/4541.auch-russland-untergr%C3%A4bt-autorit%C3%A4t-der-uno.html

[10]

http://​www​.poli​ti​cal​beauty​.de/

[11]

https://​digital​.freitag​.de/​#​/​a​r​t​i​k​e​l​/​d​i​e​-​z​u​g​b​r​u​e​c​k​e​-​g​e​h​t​-​s​c​h​o​n​-​w​i​e​d​e​r​-hoch

[12]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​e​b​o​o​k​/​e​b​o​o​k​_​2​1​.html