Eine Digitalisierung von unten ist denkbar

Im Zusam­men­schluss ZET suchen Wis­sen­schaftler nach eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven in der Tech­nik­for­schung


Simon Schauppist Arbeits- und Tech­nik­so­ziologe an der Uni­ver­sität Basel. Er ist Mit­be­gründer des »Zen­trums eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung« (ZET). Mit ihm sprach für »nd«Peter Nowak.

Wie haben Sie sich zusam­men­ge­funden?
Die Initiator*innen haben bei der Arbeit an dem Buch »Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen« zusam­men­ge­funden, das letztes Jahr im Unrast-Verlag erschienen ist. Schon dort haben wir uns inhaltlich mit vor­wärts­ge­wandten, eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven auf den tech­no­lo­gi­schen Wandel beschäftigt. Nun haben wir den Kreis erweitert und ca. ein Jahr die Gründung

Was kri­ti­sieren Sie am bis­he­rigen Tech­nik­diskurs?
Bei »Industrie 4.0« geht es haupt­sächlich um eine Stärkung des Wirt­schafts­standorts Deutschland. Dem wollen wir eine trans­na­tionale Per­spektive ent­ge­gen­setzen und so zu einer fort­schritt­lichen Digi­ta­li­sierung bei­tragen.

Sie setzen sich aber auch vom linken Umgang mit der Tech­no­logie ab. Wo sind da die Dif­fe­renzen?

Wir sind keine Technologiekritiker*innen, sondern Technologieforscher*innen. Im linken Diskurs wird die Digi­ta­li­sierung oft als Angriff auf das gute Leben inter­pre­tiert. Wir haben einen anderen Blick. Wir sehen Tech­no­logie als Ergebnis von Macht­kämpfen. Das bedeutet auch, dass unter den gegen­wär­tigen poli­ti­schen Bedin­gungen einer markt­ra­di­kalen Dominanz die Aus­wir­kungen der Tech­no­logie nicht gerade positiv für die abhängig Beschäf­tigten sind. Der Grund dafür liegt aber nicht in der Tech­no­logie selbst, sondern in deren poli­tisch-öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gungen. Eine Digi­ta­li­sierung von unten ist für uns durchaus denkbar.

Was bedeutet das für die Hand­lungs­per­spek­tiven?

Wir treten für eine Gesell­schaft ein, in der die eman­zi­pa­to­ri­schen Mög­lich­keiten der modernen Tech­no­logie im Interesse der Mehrheit der Men­schen zur Geltung kommen. Bei­spiels­weise macht die moderne Tech­no­logie eine radikale Arbeits­zeit­ver­kürzung nötig. Dass Men­schen weniger Lohn­arbeit ver­richten müssen, ist eigentlich sehr positiv, wird aber mit­unter zum Fluch, wenn – wie das heute der Fall ist – für alle, die nicht von ihren Ver­mögen leben können, ein all­ge­meiner Arbeits­zwang herrscht. Das ist für uns ein zen­trales Thema der Tech­nik­po­litik.

Die Gründung des ZET erfolgte im Münchner DGB-Haus. Richten Sie sich vor allem an Gewerk­schaften?

Wir haben uns bewusst im DGB-Haus und nicht in einer Hoch­schule getroffen. Wir arbeiten schon länger mit Gewerkschafter*innen und Betriebsrät*innen zusammen. Zum Bei­spiel orga­ni­sieren wir Seminare und Kurse mit Beschäf­tigten in Betrieben, die von der Digi­ta­li­sierung betroffen sind. Aber natürlich gibt es viele andere Felder der Tech­nik­po­litik.

Worum geht es bei den Semi­naren?

Wir reden über die Wünsche und Gefühle der Beschäf­tigten, fragen nach Kon­flikten im Zusam­menhang mit der Digi­ta­li­sierung und reden über Digi­ta­li­sie­rungs­stra­tegien des Manage­ments. Dabei geht es nicht erster Linie um die Über­wa­chung der Beschäf­tigten, die in der linken Tech­no­lo­gie­kritik eine zen­trale Rolle spielt.

Wo sehen Sie die zen­tralen Pro­bleme im Betrieb?

Das sind bei­spiels­weise die digi­talen Assis­tenz­systeme, die in den ver­schie­denen Arbeits­be­reichen vom Bau bis zum Ein­zel­handel Einzug halten. Den Beschäf­tigten werden dabei ihre Arbeits­schritte bis ins Detail vor­ge­geben. Abwei­chungen, selbst Nach­fragen sind nicht mehr möglich. Das sorgt für Dequa­li­fi­zierung. Die wie­derum trägt zu einer Pre­ka­ri­sierung bei, weil die Beschäf­tigten leichter aus­tauschbar sind. Wir wollen deutlich machen, dass Algo­rithmen eine Folge poli­ti­scher Ent­schei­dungen sind. Sie müssen trans­parent gemacht werden. Und die Beschäf­tigten müssen bei der Aus­ge­staltung Mit­be­stim­mungs­rechte bekommen.

Welche Rolle spielt die Angst vor einem Wegfall der Arbeits­plätze?

Die Drohung mit dem Arbeits­platz­verlust führt oft dazu, dass die Beschäf­tigten der Ver­schlech­terung ihrer Arbeits­be­din­gungen zustimmen. Eine men­schen­ge­rechte Digi­ta­li­sierung ist möglich, aber dafür müssen wir unser gesell­schaft­liches Ver­hältnis zur Arbeit radikal über­denken.

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Interview: Peter Nowak