Kamikaze gegen den Klassenfeind

Auch in Japan gab es eine »Rote Armee Fraktion« – sie blieb vor allem mit Terror gegen eigene Mit­glieder und Israelis in Erin­nerung

Wenn über den glo­balen Auf­bruch von 1968 gesprochen wird, blendet man Japan meistens aus. Zu Unrecht: Die japa­nische Linke hatte vor 50 Jahren durchaus eine Vor­bild­funktion für die links­ra­di­kalen Bewe­gungen anderer Länder. Besonders die Stu­die­ren­den­ge­werk­schaft namens »Zengakuren« wurde für ihre Militanz bewundert. In Japan gab es aber auch einen bewaff­neten Kampf. Bereits 1969 gründete sich eine »Rote Armee Fraktion«, im April 1970 wurde sie in der West­ber­liner Apo-Publi­kation »Agit 883« vor­ge­stellt. Es ist somit durchaus nicht unwahr­scheinlich, dass die japa­nische Gruppe Vorbild für die im Mai 1970 gegründete RAF in der BRD war.

Der Wiener Verlag Bahoe Books hat nun ein Buch des bri­ti­schen Publi­zisten William Andrews ins Deutsche über­setzt, das einen guten Über­blick über die Geschichte der japa­ni­schen RAF ver­mittelt. Diese, so kann man erfahren, erlitt eine dop­pelte Nie­derlage.

Die Erste: In der japa­ni­schen RAF planten junge Akademiker*innen Angriffe auf Politiker*innen, die man wohl pas­sen­der­weise mit dem japa­ni­schen Wort »Kamikaze« bezeichnen müsste. Schon kurz nach der Gründung hatte die Polizei einen Großteil der jungen Mili­tanten ver­haftet.

Die Zweite: Durch eine Ver­schmelzung mit einer nahe­ste­henden Gruppe ver­suchten die Aktivist*innen, noch einmal in die Offensive zu kommen. Auf einer Hütte in den japa­ni­schen Bergen hatten sich dafür einige Dutzend meist sehr junge Leute zusam­men­ge­funden, um sich auf den bewaff­neten Kampf vor­zu­be­reiten. Im Rahmen einer »Säu­be­rungs­aktion« im Dezember 1971 wurden dann jedoch zwölf Men­schen von den eigenen Genoss*innen getötet.

Wil­liams ver­sucht erst gar nicht, den Terror nach innen erklärbar zu machen. Bei ihm wird aber deutlich, dass in einem Klima aus ideo­lo­gi­schem Sek­tie­rertum und Angst vor Agent*innen des Staates der eigene Genosse zum Feind wurde. Damit hatte sich die RAF in Japan gründlich dis­kre­di­tiert. Andrews beschreibt die Situation in dras­ti­schen Worten, nachdem das Ver­brechen ent­deckt wurde: »Die Reaktion war garan­tiert, und die Polizei war glücklich darüber, die Medien zu dem Mas­sengrab zu bringen, um den Horror der Mili­tanten unter der gesamten Bevöl­kerung zu ver­breiten.«

Trotz solcher und ähn­licher dras­ti­scher For­mu­lie­rungen – so bezeichnet Andrews die Gue­ril­la­gruppen immer als »Bande« – ist er kein Ver­tei­diger des Staates. An meh­reren Stellen erklärt er, dass man den Mit­gliedern der RAF nicht gerecht wird, wenn man sie auf die Gewalt redu­ziert. Kri­tisch geht er auch mit der Kam­pagne aus Politik und Medien um, die die vor allem weib­lichen Mit­glieder der Gruppe als Hexen ent­mensch­lichte.

Eine RAF-Zelle, so eine weitere Anekdote, wollte sich eigentlich in Süd­amerika am dor­tigen Gue­ril­la­kampf betei­ligen. Nach einer Flug­zeug­ent­führung landete sie jedoch aus­ge­rechnet in Nord­korea, das ursprünglich nur Tran­sitland sein sollte. In dem Land wurden die japa­ni­schen Guerilla-Kämpfer*innen dann eher unfrei­willig zu Propagandist*innen des dor­tigen Regimes »umer­zogen«.

Andere japa­nische RAF-Mit­glieder betei­ligten sich an Atten­taten paläs­ti­ni­scher Gruppen gegen Israel. Berüchtigt wurden sie durch ein Mas­saker im Ter­minal des Flug­hafens im israe­li­schen Lod 1972. Unter den 28 Men­schen, die dabei das Leben ver­loren, war auch eine Gruppe von Pilger*innen aus Puerto Rico. Andrew beschreibt, wie die Attentäter*innen in Teilen der ara­bi­schen Welt bis heute als Helden gelten.

Das flott geschriebene Buch gibt einen ersten Ein­blick in die Geschichte der japa­ni­schen RAF. Es benennt einige ihrer Aktivist*innen, die ursprünglich die Revo­lution vor­an­treiben wollten – später aber mit Terror gegen Israel und Säu­be­rungs­ak­tionen in den eigenen Reihen in Erin­nerung geblieben sind.

Wil­liams Andrew: Die japa­nische Rote Armee Fraktion. Wien 2018, Bahoe Books. 150 Seiten, 15 Euro.

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Peter Nowak