Die deutsche Erpressungspolitik gegen Griechenland geht weiter


Unter Alt­maier setzt sich fort, was Schäuble begonnen hat: eine Ein­mi­schungs- und Auf­pas­serpo­litik, die das Auf­kommen von Rechten in Kauf nimmt

Wenn heute von Politkern Reformen ange­mahnt oder gefordert werden, bedeutet das für die ein­kom­mens­armen Teile der Bevöl­kerung nichts Gutes. Das kann man im Inland seit mehr als 30 Jahren beob­achten.

Noch in den 1970er Jahren waren Reformen mit der Stra­tegie der Sozi­al­de­mo­kratie ver­bunden, schritt­weise Ver­bes­se­rungen für die Mehrheit der Men­schen durch­zu­setzen. Seit den 1980er Jahren bedeuten Reformen die Zurichtung der Men­schen auf die Inter­essen des Kapitals. Dieses Prinzip gilt im In- und auch im Ausland.

Die Bevöl­kerung in Grie­chenland macht schließlich seit 2015 die Erfahrung, wie das Diktat einer von ihr nicht gewählten EU-Troika unter der Feder­führung Deutsch­lands ihre Lebens­be­din­gungen ent­scheidend ver­schlechtert. Dabei hatte eigentlich eine Mehrheit der grie­chi­schen Bevöl­kerung durch Wahlen und ein Refe­rendum ein »Oxi«, also Nein, zu dieser Politik deutlich gemacht.

Doch die Troika zog die Dau­men­schrauben an und erreichte mit der Erpressung, dass der einst links­so­zi­al­de­mo­kra­tische Minis­ter­prä­sident Tsipras das Gegenteil der Politik umsetzte, für die er ins Amt gewählt wurde. Mitt­ler­weile ist es selbst Teilen der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Schwes­tern­par­teien peinlich, wie billig Tsipras und seine Partei ihre pos­tu­lierten Grund­sätze auf­ge­geben hat.

Manche fordern einen Aus­schluss aus der Fraktion der Euro­päi­schen Linken. Die Ver­tei­diger des Kurses von Tsipras ver­weisen auf die poli­tische Nie­derlage, die die Partei und die Mehrheit der Bevöl­kerung im Sommer 2015 erlitten und die dazu geführt habe, dass die Regierung eine Politik umsetzen muss, von der sie selbst nicht über­zeugt sei. Zudem äußern sie die Hoffnung, dass Grie­chenland das Schlimmste hinter sich habe und bei einer etwas ver­bes­serten öko­no­mi­schen Situation den Druck der Troika ver­mindern könne.

Hoff­nungen weckte auch der Rückzug des deut­schen Langzeit-Finanz­mi­nisters Schäuble von seinem Posten. Schließlich hatte der in den ent­schei­denden Wochen 2015 der grie­chi­schen Regierung die Pistole auf die Brust gesetzt – ent­weder raus aus der Eurozone oder Unter­werfung. Da nun die Mehrheit der Syriza-Leute eben auch nur Sozi­al­de­mo­kraten waren, die nur links blinkten, ent­schieden sie sich für die Unter­werfung.

Nach Schäuble spielt Alt­maier den deut­schen Auf­passer in Grie­chenland

Doch die Hoff­nungen auf eine Mil­derung des Troika-Drucks nach Schäubles Rückzug vom Wirt­schafts­mi­nis­terium erweisen sich als ver­früht. Vor den Finanz­mi­nis­ter­treffen der EU in Brüssel, auf dem über weitere Hilfs­tranchen für Grie­chenland beraten wurde, machte Kanz­ler­amts­mi­nister Peter Alt­maier deutlich, was er vom grie­chi­schen Pro­tek­torat erwartet.

Grie­chenland müsse alle Reform­auf­lagen erfüllen, um weitere Gelder zu bekommen. Aber der deutsche Pro­tektor belässt es nicht bei all­ge­meinen Appellen, sondern wird sehr konkret: Deutschland pocht vor allem darauf, dass die grie­chische Regierung ein System für Zwangs­ver­stei­ge­rungen von Häusern und Woh­nungen im Internet schafft. Was das für die Betrof­fenen bedeutet, erfährt man auf einem Blog, der unter­sucht, welche Folgen die Troika-Politik auf die Bevöl­kerung hat:

Bisher war die Praxis der Zwangs­ver­stei­ge­rungen wegen Schulden an das Finanzamt eher »lethar­gisch«, da in allen Fällen – besonders »großer« Schuldner – die pro­gram­mierten Zwangs­ver­stei­ge­rungen meistens fruchtlos ver­liefen. Und dies, weil auf Basis der »Ver­ordnung über Bei­treibung Öffent­licher Ein­nahmen« und der grie­chi­schen Zivil­pro­zess­ordnung das Min­dest­gebot obli­ga­to­risch der soge­nannte Ein­heitswert der Immo­bilien war, was in diesem Fall als »Schutz­schild« wirkte und die »Krähen« daran hin­derte, sich die Immo­bilien der Steu­er­pflich­tigen zu Spott­preisen »unter den Nagel« zu reißen. All dies gehört nun jedoch der Ver­gan­genheit an.

Grie­chen­landblog

Auf dem Blog wird auch erklärt, dass Grie­chenland ent­gegen der Hoffnung von Tsipras und Co. auch nach Aus­laufen des Memo­randums unter strenger Beauf­sich­tigung stehen wird, bis es zwei Drittel seiner Schulden getilgt hat.

Warum sich Yanis Varou­fakis dis­qua­li­fi­ziert hat

Die Ver­schuldung ist eine Methode, um Länder unter Kuratel zu stellen und zu ent­scheiden, welche Poli­tiker dort noch eine Zukunft haben und welche nicht. Daran betei­ligen sich auch regie­rungsnahe Jour­na­listen wie Wil­fried Loth, der in der FAZ kürzlich das neueste Buch des kurz­zei­tigen grie­chi­schen Finanz­mi­nisters Yanis Varou­fakis rezen­sierte, das den Titel trägt: Die ganze Geschichte. Meine Aus­ein­an­der­setzung mit Europas Estab­lishment.

Dabei ver­schweigt Loth in der Rezension nicht, was die Absicht der deut­schen Politik war.

Varou­fakis’ Ver­trauen in die Stärke des Schwachen ist umso erstaun­licher, als er deutlich sah, dass Wolfgang Schäuble als einer seiner stärksten Gegen­spieler mit voller Absicht auf den Grexit zusteuerte. Ein Ende mit Schrecken war dem deut­schen Finanz­mi­nister lieber als ein Schrecken ohne Ende: Nur so würden sich die anderen Kri­sen­länder der Eurozone auf einen Sta­bi­li­tätskurs ver­pflichten lassen.

Mit der Ein­schätzung, dass das Maß­nah­men­paket nicht trag­fähig war, das die Troika Ende Juni vor­legte, stimmte er iro­ni­scher­weise mit Varou­fakis überein. Nur zog er daraus eben den Schluss, dass Grie­chenland jetzt eine »Auszeit« von der Wäh­rungs­union nehmen müsse, während Varou­fakis immer noch hoffte, dies ver­hindern zu können.

Rüdiger Loth, Allein gegen die Troika

Doch Loth kri­ti­siert nun mit keinen Wort dieses anti­de­mo­kra­tische Diktat sondern Yarou­fakis, weil er nicht die nötige Demut gegenüber dem deut­schen Pro­tektor gezeigt hat.

Schade eigentlich. Varou­fakis’ enormer finanz­po­li­ti­scher Sach­ver­stand, der in dem Bericht auch auf­scheint, sein Erfin­dungs­reichtum und seine Energie im Kampf gegen grie­chische Olig­archen und grie­chi­schen Kli­en­te­lismus könnten bei der Über­windung der grie­chi­schen Schul­den­krise immer noch hilf­reich sein. Die Polemik, mit der er seinen Bericht umrahmt, dis­qua­li­fi­ziert ihn freilich für eine solche Rolle.

Rüdiger Loth, FAZ

Geschichts­ver­gessene Ein­mi­schung in die Politik eines anderen Landes

Da ist das Bedauern her­aus­zu­hören, dass ein Mann mit einer solchen Begabung wie Varou­fakis nicht oder zu wenig für die deut­schen Inter­essen arbeitet. Dass er es auch noch wagt, deutsche Poli­tiker und ihre Hiwis von der Troika zu kri­ti­sieren, dis­qua­li­fi­ziert ihn in den Augen von Loth für ein poli­ti­sches Amt in Grie­chenland. Auf den Gedanken, dass darüber doch eigentlich die grie­chi­schen Wähler ent­scheiden müssten, kommt Loth gar nicht.

Was für eine Geschichts­ver­ges­senheit gegenüber einem Land, das die deutsche Besatzung mit beson­derer Grau­samkeit zu spüren bekommen hat! Von Deutsch­lands Schulden wegen nicht gezahlter Repa­ra­tionen und nicht zurück­ge­zahlter Kredite wagt in Grie­chenland schon gar niemand mehr zu reden. Das blieb den wenigen Wochen im Frühjahr und Früh­sommer 2015 vor­be­halten, als die neu­ge­wählte grie­chische Regierung in Ein­klang mit der Bevöl­ke­rungs­mehrheit und bestätigt durch Wahlen und ein Refe­rendum es wagte, sich dem euro­päi­schen Hegemon Deutschland zu wider­setzen.

Mitt­ler­weile haben sich viele aus der ent­täu­schen grie­chi­schen Bevöl­kerung wieder natio­na­lis­ti­schen Themen zuge­wandt und gehen mas­senhaft dafür auf die Straße, dass sich das Nach­barland Maze­donien nicht so benennen darf (siehe Namens­streit um Maze­donien: Aus­nah­me­zu­stand wegen Groß­de­mons­tration in Athen). Und die in der Demons­tration mit mar­schie­renden Nazis greifen anschließend linke Zentren an.

Dieser Anstieg der Rechten ist auch ein zumindest in Kauf genom­mener Effekt des Aus­teri­täts­diktats der EU-Troika. Kurz nach der Regie­rungs­über­nahme von Syriza wurde ein Troika-Ver­treter aus dem Land geschickt. Das war ein Zeichen von Sou­ve­rä­nität. Als die Troika-Ver­treter zurück­kamen, war die Nie­derlage von Syriza besiegelt. Doch wer klagt jene EU-Poli­tiker – die aus Deutschland an erster Stelle – an, die sich seit Jahren bis heute in die Politik eines sou­ve­ränen Staates Grie­chenland ein­mi­schen und die Wahl­er­geb­nisse ebenso igno­rieren wie Ergeb­nisse von Refe­renden?

In den USA wurden nun rus­sische Ein­zel­per­sonen und Insti­tu­tionen wegen Ein­mi­schung in die Politik des Landes ange­klagt .Was ihnen vor­ge­worfen wird, ist harmlos gegenüber der Ein­mi­schung der EU-Troika und besonders Deutsch­lands in die grie­chische Innen­po­litik.

Diese Mäch­tigen denken gar nicht daran, dass Grie­chenland in der Lage sein könnte, diese Poli­tiker und Büro­kraten anzu­klagen. Und welches Gericht würde eine solche Anklage annehmen? Schließlich ginge es ja hier um die Anklage einer jah­re­langen poli­ti­schen Praxis und wäre nicht Teil eines Theaters wie die Klagen gegen Russland in den USA.

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Peter Nowak

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[1] https://​www​.kleiner​buch​laden​.de/​s​h​o​p​/​r​a​i​n​e​r​-​b​a​l​c​e​r​o​w​i​a​k​-​d​i​e​-​h​e​u​c​h​e​l​e​i​-​v​o​n​-​d​e​r​-​r​eform
[2] https://​www​.die​linke​-europa​.eu/​d​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​8​9​8​5​.​g​u​e​-​n​g​l​-​d​i​e​-​f​r​a​k​t​i​o​n​-​d​e​r​-​l​i​n​k​e​n​-​i​m​-​e​u​r​o​p​a​e​i​s​c​h​e​n​-​p​a​r​l​a​m​e​n​t​.html
[3] https://​pete​r​alt​maier​.de/
[4] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​-​a​l​t​m​a​i​e​r​-​f​o​r​d​e​r​t​-​e​i​n​h​a​l​t​u​n​g​-​v​o​n​-​r​e​f​o​r​m​z​u​s​a​g​e​n​.​1​9​3​9​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​n​:​n​e​w​s​_​i​d​=​8​52491
[5] http://​www​.grie​chenland​-blog​.gr/
[6] http://​www​.grie​chenland​-blog​.gr/​2​0​1​7​/​0​8​/​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​s​-​f​i​n​a​n​z​a​e​m​t​e​r​-​s​o​l​l​e​n​-​i​m​m​o​b​i​l​i​e​n​v​e​r​m​o​e​g​e​n​-​p​l​u​e​n​d​e​r​n​/​2​1​4​0507/
[7] http://​www​.grie​chenland​-blog​.gr/​2​0​1​7​/​0​8​/​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​s​-​f​i​n​a​n​z​a​e​m​t​e​r​-​s​o​l​l​e​n​-​i​m​m​o​b​i​l​i​e​n​v​e​r​m​o​e​g​e​n​-​p​l​u​e​n​d​e​r​n​/​2​1​4​0507/
[8] http://​www​.grie​chenland​-blog​.gr/​2​0​1​8​/​0​2​/​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​-​e​s​-​g​i​b​t​-​e​i​n​-​l​e​b​e​n​-​a​u​c​h​-​o​h​n​e​-​k​r​u​e​c​k​e​n​/​2​1​4​1902/
[9] https://​www​.yanis​varou​fakis​.eu/
[10] https://www.kunstmann.de/buch/yanis_varoufakis-die_ganze_geschichte-9783956142024/t‑0/
[11] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​p​o​l​i​t​i​k​/​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​b​u​e​c​h​e​r​/​y​a​n​i​s​-​v​a​r​o​u​f​a​k​i​s​-​d​i​e​-​g​a​n​z​e​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​1​5​4​3​3​9​6​9​-​p​2​.html
[12] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​p​o​l​i​t​i​k​/​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​b​u​e​c​h​e​r​/​y​a​n​i​s​-​v​a​r​o​u​f​a​k​i​s​-​d​i​e​-​g​a​n​z​e​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​1​5​4​3​3​9​6​9​-​p​2​.html
[13] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​N​a​m​e​n​s​s​t​r​e​i​t​-​u​m​-​M​a​z​e​d​o​n​i​e​n​-​A​u​s​n​a​h​m​e​z​u​s​t​a​n​d​-​w​e​g​e​n​-​G​r​o​s​s​d​e​m​o​n​s​t​r​a​t​i​o​n​-​i​n​-​A​t​h​e​n​-​3​9​6​0​1​0​5​.html
[14] http://​www​.jue​dische​-all​ge​meine​.de/​a​r​t​i​c​l​e​/​v​i​e​w​/​i​d​/​30837

Bundestag rettet Griechenland wieder einmal

Autoritärer Staat und Austerität

Die Reaktionen von Politik und Medien auf den Protesttag zeigen, dass die Angst davor wächst, dass diejenigen, die unter der Austeritätspolitik leiden, öfter in Deutschland ihren Protest ausdrücken könnten

Die Spuren des Blockupy-Akti­ons­tages wurden in Frankfurt/​Main schon längst beseitigt. Doch vor allem bei der kon­ser­va­tiven Presse und Politik scheint die Tat­sache, dass erstmals Men­schen aus ganz Europa ihren Pro­testin in das Land getragen haben, das für die Aus­teri­täts­po­litik haupt­sächlich ver­ant­wortlich ist, doch für Beun­ru­higung gesorgt zu haben. Sie beginnen wohl zu begreifen, dass es mit der Fried­hofsruhe hier­zu­lande vorbei sein könnte, wenn die Men­schen aus dem EU-Raum dort pro­tes­tieren, wo die Ver­ant­wort­lichen sitzen.

Da ist Frankfurt auf jeden Fall in einer Zeit eine gute Adresse, wo sich die Politik vor allem darum sorgt, wie es dem Dax geht und ob der Markt ver­schreckt wird, aber nicht, ob die Men­schen noch ein Dach über den Kopf oder genug zu essen haben. Da wird seit Tagen in deut­schen Medien darüber gerätselt, was es mit den Stin­ke­finger auf sich hat, den der heutige grie­chische Finanz­mi­nister vor Jahren als linker Oppo­si­ti­ons­po­li­tiker gezeigt haben soll, als er Deutschland erwähnte. Varou­fakis Grund­la­gentext [1], in dem er sich als Arzt am Kran­kenbett des Kapi­ta­lismus betätigt, um das Umkippen der Gesell­schaft in die Bar­barei zu ver­hindern, wird kaum zur Kenntnis genommen, obwohl er viel über sei­ne­heutige Politik sagt.

Auch die Studie [2] der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung über die Folgen der Aus­teri­täts­po­litik für die Mehrheit der Men­schen in Grie­chenland, die die Kritik des Blockupy-Bünd­nisses bestätigt, schafftees kaum in die Medien. »Der Aus­teri­tätskurs in Grie­chenland hat die Ein­kommen der pri­vaten Haus­halte in dem Kri­senland dras­tisch ein­brechen und die Armut ansteigen lassen«, lautet das Ergebnis.

Doch die Studie wird nicht dazu führen, dass sich Schäuble oder seine Unter­stützer von der Aus­teri­täts­po­litik distan­zieren oder sie nur kri­tisch hin­ter­fragen. Schließlich geht es ihnen um den Wirt­schafts­standort und nicht um Men­schen. Distan­zieren aber sollen sich jetzt die Orga­ni­sa­toren der Pro­teste zur EZB-Eröffnung, wenn es nach den Poli­tikern einer ganz großen Koalition von Grünen bis zur Union geht. Sie griffen bei einer Debatte im Bun­destag die Pro­test­o­r­ga­ni­sa­toren an. Zudem for­derten sie von der Linken wieder einmal eine Distan­zierung von Gewalt.

Straßenmilitanz in Kiew bejubelt, in Frankfurt/​Main kriminalisiert

Doch als Katja Kipping, eine der Co-Vor­sit­zende der Linken dieser Auf­for­derung nachkam [3], war das nur ein Anlass für weitere Distan­zie­rungs­auf­for­de­rungen. Viel sou­ve­räner ging die Links­par­tei­ab­ge­ordnete Heike Hänsel mit den­Di­stan­zie­rungs­for­de­rungen um. Sie listete einige der Opfer der Aus­teri­täts­po­litik auf und kam zu dem Schluss, »dass die Gewalt in erster Linie von der EZB ausgeht, nicht von ihren Kri­tikern«.

Besonders erbost reagier­tendie Medien und viele Poli­tiker als Hänsel daran erin­nerte [4], dass mili­tante Kämpfe gegen eine bür­gerlich-demo­kra­tisch gewählte Regierung auch von Poli­tikern der großen Koalition nicht immer abge­lehnt werden. Als im letzten Jahr die Lage in Kiew eska­lierte, waren sie des Lobes voll für die dor­tigen Stra­ßen­kämpfer und ihre Gewalt. Sie konnten sich ja sicher sein, dass dort keine Linken aktiv sind. Die Empörung, die Hänsel mit dieser simplen Erklärung, deren Rea­li­täts­gehalt niemand bestreiten kann, aus­löste, zeigte, dass sie ins Schwarze getroffen hat. Erbost [5] reagierten die kon­ser­va­tiven Medien darauf, dass das Blockupy-Bündnis deutlich machte, dass es sicher ein­zelne mili­tante Aktionen ablehnt, sich aber einer Distan­zierung ver­weigert.

Der deutsche Distan­zie­rungs­zwang ver­hindert letztlich inhalt­liche Aus­ein­an­der­set­zungen. Das Blockupy-Bündnis fordert diese ein und erteilt allen Spal­tungs­ver­suchen in gute und schlechte Demons­tranten eine Absage. Sie ver­weisen darauf, dass sie nicht alle Aktionen bil­ligen, aber die Wut der Men­schen über die Folgen einer Politik, die ihnen Lebens­chancen nimmt, ver­stehen können.

In der FAZ hin­gegen übt man sich nach den Pro­testen schon mal im Rund­um­schlag gegen alle, die sich zur EZB-Eröffnung über­haupt kri­tisch zu Wort melden. In einen Kom­mentar [6] werden Poli­tiker von Linken und Grünen, aber auch Gewerk­schaften heftig ange­griffen und sogar ziemlich unver­hohlen in die Nähe von Mord und Tot­schlag gerückt.

»Einem schwär­me­ri­schen Neun­zehn­jäh­rigen mag man die Nai­vität durch­gehen lassen, er habe doch nur demons­trieren wollen, den Wilkens und Genossen aber nicht. Sie wussten genau, was sie taten. Sie nahmen Tote in Kauf. Erst brennen die Strei­fen­wagen, dann die Men­schen«, lautet das letzte Kapitel im Kom­mentar. Es ist ein­deutig, dass hier eine kri­tische Bewegung kri­mi­na­li­siert werden soll.

»Ihr verbrennt keine Autos, ihr verbrennt den Planeten«

Offensiv hat die bekannte Publi­zistin und Kapi­ta­lis­mus­kri­ti­kerin Naomi Klein [7], die in ihrem jüngsten Buch [8] über eine Koope­ration zwi­schen Umwelt­be­wegung und Kapi­ta­lis­mus­kritik nach­denkt, den poli­ti­schen Zusam­menhang dar­ge­stellt. »Ihr ver­brennt keine Autos, ihr ver­brennt Pla­neten«, schrieb sie Insti­tu­tionen wie der EZB ins Stammbuch. Diese betrieben eine Politik für Reiche, in ihr säßen »die wahren Ran­da­lierer«.

Damit hat auch Klein den weit­gehend tabui­sierten Zusam­menhang her­ge­stellt zwi­schen der hilf­losen Gewalt der Opfer jener mäch­tigen Gewalt, die viel­fäl­tiger Weisein das Leben von Mil­lionen ein­greift. Es waren vor allem die Regel­ver­let­zungen bei den Pro­testen in Frankfurt/​Main, die das Thema in die Medien brachte. Das erkannte auch der hoch­rangige Syriza-Poli­tiker Giorgos Chondros [9], der an den Pro­testen teilnahm und von den Medien auch gefragt wurde, ob er die rund um die EZB bren­nenden Autos okay finde. Die Taz zitiert seine Antwort [10]: »Ja«, sagt Chondros. »Das ist gut für Medien. Was anderes wollen die ja nicht.«

Am Tag des Blockupy-Bei­trags stieg der Dax einmal nicht und die Wirt­schafts­re­daktion des Deutsch­land­funks sprach davon, dass die Märkte beun­ruhigt seien. Zwei Tage später steigt der Dax wieder, die Märkte sind wieder zufrieden und die grie­chische Regierung wird von der Bun­des­re­gierung und den von ihr abhän­gigen Insti­tu­tionen unter Druck gesetzt, das Land wieder unter ihr Kuratel zu stellen, also die Politik umzu­setzen, die in Grie­chenland abge­wählt wurde.

Obwohl die Doku­men­tation Troika – Macht ohne­Kon­trolle [11] nach­ge­wiesen hat, dass bei der Eta­blierung dieser Struk­turen zahl­reiche Gesetze und Bestim­mungen ver­letzt wurden, wird gegen die dafür Ver­ant­wort­lichen, an erster Stelle Wolfgang Schäuble, nicht gerichtlich ermittelt. FAZ und Co. klagen nicht darüber, dass diese Geset­zes­brecher noch im Amt sind. Zwei Tage nach den Pro­testen kündigt das Bun­des­in­nen­mi­nis­terium den Aufbau einer wei­teren Anti-Terror-Einheit an. Hier wurden wieder einmal lange in den Schub­laden lie­gende Pläne raus­geholt, um den Weg in den auto­ri­tären Staat, der zur Aus­teri­täts­po­litik passt, auch hier vor­an­zu­treiben.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​A​u​t​o​r​i​t​a​e​r​e​r​-​S​t​a​a​t​-​u​n​d​-​A​u​s​t​e​r​i​t​a​e​t​-​2​5​8​1​9​6​2​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

http://​www​.woz​.ch/​-5a79

[2]

http://​www​.boeckler​.de/​c​p​s​/​r​d​e​/​x​c​h​g​/​h​b​s​/​h​s​.​x​s​l​/​5​2​6​1​4​_​5​3​3​6​4.htm

[3]

http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​b​l​o​c​k​u​p​y​-​i​m​-​b​u​n​d​e​s​t​a​g​-​d​i​e​-​l​i​n​k​e​-​u​n​d​-​d​i​e​-​r​a​n​d​a​l​e​-​i​n​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​-​a​-​1​0​2​4​4​7​2​.html

[4]

https://​twitter​.com/​H​e​i​k​e​H​a​e​n​s​e​l​/​s​t​a​t​u​s​/​5​7​8​1​5​5​2​9​9​6​4​0​6​31298

[5]

http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​r​h​e​i​n​-​m​a​i​n​/​b​l​o​c​k​u​p​y​/​b​l​o​c​k​u​p​y​-​d​i​s​t​a​n​z​i​e​r​t​-​s​i​c​h​-​n​i​c​h​t​-​v​o​n​-​g​e​w​a​l​t​-​1​3​4​9​2​6​4​7​.html

[6]

http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​r​h​e​i​n​-​m​a​i​n​/​b​l​o​c​k​u​p​y​/​l​i​n​k​e​-​k​r​a​w​a​l​l​e​-​i​n​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​-​n​u​r​-​n​o​c​h​-​b​l​i​n​d​e​r​-​h​a​s​s​-​1​3​4​9​1​6​7​5​.html

[7]

http://​www​.nao​mi​klein​.org/main

[8]

http://​thisch​an​ge​se​ver​ything​.org/

[9]

http://www.deutschlandfunk.de/griechenland-wir-erleben-eine-soziale-katastrophe.694.de.html?dram%3Aarticle_id=282670

[10]

http://​www​.taz​.de/​!​1​5​6687/