Im Bündnis gegen Bezos

Gewerk­schaft und Bewegung gegen Amazon und Springer

Am 24. April gaben einige hundert Amazon-Beschäftige aus Polen und Deutschland ihrem Boss Jeff Bezos vor dem Sprin­ger­hochhaus in Berlin ein klares Feedback. Während ihm dort der Springer Award für „beson­deres inno­va­tives Unter­neh­mertum“ ver­liehen wurde, pro­tes­tierten sie gegen Lohn­dumping, per­ma­nente Über­wa­chung am Arbeits­platz und Steu­er­flucht. Unüber­sehbar waren bei den Pro­testen die Trans­pa­rente des Bünd­nisses Make Amazon Pay (MAP). Dort haben sich außer­par­la­men­ta­rische Linke zusam­men­ge­schlossen, die den Kampf der Amazon-Beschäf­tigten unter­stützen. Erstmals an die Öffent­lichkeit trat es Ende November 2017 mit einer Akti­ons­woche rund um den »Black Friday«, der auch von Amazon als Schnäpp­chentag beworben wird. Bei der Aktion blieben die Akti­vis­tInnen aller­dings größ­ten­teils unter sich. Dass nun Amazon-Beschäf­tigte und das MAP-Bündnis gemeinsam vor dem Sprin­gerhaus pro­tes­tierten, setzte einen Lern­prozess auf beiden Seiten voraus. Denn in der Regel bleiben die DGB-Gewerk­schaften als die­je­nigen, die am besten in der Lage sind, Beschäf­tigte zu mobi­li­sieren, auf Distanz zu Unter­stüt­ze­rInnen aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken, die wie­derum eben­falls großen Wert auf Abstand vor allem zu den Spitzen der Gewerk­schaften legt, denen sie vor­wirft, die Beschäf­tigten in den Staat zu inte­grieren. Dass nun auf der Kund­gebung am 24. April der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske das breite Bündnis der Amazon-Soli­da­rität wür­digte und dafür auch von Akti­vis­tInnen aus dem MAP-Spektrum Applaus bekam, ist daher durchaus bemer­kenswert.
Diese Koope­ration war nur möglich, weil es bereits seit fünf Jahren eine Amazon-Soli­da­rität linker Gruppen gibt. Vor allem an den Stand­orten Leipzig und Bad Hersfeld ent­standen enge Bezie­hungen zwi­schen einigen Beschäf­tigten, die sich im Arbeits­kampf enga­gieren, und ihren außer­be­trieb­lichen Unter­stüt­ze­rInnen. Ihnen ist es auch gelungen, poli­tische Akzente zu setzen. So hatte auf einem Treffen der Amazon-Beschäf­tigten in Bad Hersfeld im April 2018 auch ein Ver­treter der Gruppe capulcu gesprochen, die das System Amazon mit einem technik- und herr­schafts­kri­ti­schen Ansatz unter die Lupe nimmt. Hin­terher haben einige der Beschäf­tigten erklärt, dass ihnen der Vortrag gezeigt hat, mit welchem Unter­nehmen sie es zu tun haben. Zudem haben die außer­be­trieb­lichen Unter­stüt­ze­rInnen bereits vor drei Jahren Kon­takte zu den Amazon-Beschäf­tigten in Poznań geknüpft. Mitt­ler­weile ist die deutsch-pol­nische Koope­ration selbst­ver­ständlich. Die pol­ni­schen Kol­le­gInnen sind in der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Basis­ge­werk­schaft Workers Initiative (IP) orga­ni­siert, die nicht zu den Koope­ra­ti­ons­partnern von ver.di gehört. Am 24. April war die IP-Dele­gation aus Poznan mit ihrem Gewerk­schafts­symbol, der Schwarzen Katze, nicht nur auf der kurzen Demons­tration unüber­sehbar ver­treten. Ein IP-Kollege hielt auch einen Rede­beitrag auf der Kund­gebung. Als der ver.di-Koordinator ihn nach wenigen Sätzen abmo­de­rieren wollte, sorgte das kurz­zeitig für Unmut.
Noch lauter wurde es im Block der linken Unter­stüt­ze­rInnen, als die SPD-Vor­sit­zende Andrea Nahles eine Gruß­adresse ver­lesen wollte. Der ver.di-Vorstand hatte sie ohne Wissen der Bünd­nis­partner auf die Rede­liste gesetzt, nachdem der ursprünglich als Redner vor­ge­sehene Günther Wallraff abgesagt hatte. Doch auch ein Großteil der Amazon-Beschäf­tigten wollte die SPD-Poli­ti­kerin nicht ver­tei­digen.

Hinter dieser Aus­ein­an­der­setzung steht ein unter­schied­liches Ver­ständnis von Gewerk­schaft. Für ver.di ging es bei den Pro­testen gegen die Ver­leihung des Springer-Awards an Bezos vor allem um die mediale Auf­merk­samkeit. Da passt eine kurze Ansprache von Nahles natürlich ins Konzept. Für die pol­ni­schen IP-Gewerk­schaf­te­rInnen ging es hin­gegen um einen Akt der Selbst­er­mäch­tigung, wenn sie in Berlin vor dem Springer-Hochhaus ihren Protest arti­ku­lieren. Sie wollen sich nicht ver­treten lassen und haben deshalb keine bezahlten Funk­tio­nä­rInnen. Dieses Ver­ständnis von Gewerk­schaft teilt auch das MAP-Bündnis. Auf einem Aus­wer­tungs­treffen unter Betei­ligung von MAP, ver.di, Unter­stüt­ze­rInnen der IP und der LINKEN-Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Sabine Leidig wurde von allen Seiten betont, dass auch künftig eine solche Koope­ration möglich und erwünscht ist. Das ist erfreulich, weil gegen einen global auf­ge­stellten Konzern wie Amazon eine trans­na­tionale Soli­da­rität die beste Antwort ist. In den letzten Monaten gab es Arbeits­kämpfe in Amazon-Werken in Deutschland, Frank­reich, Polen, Italien, Frank­reich und Spanien.

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit,
Ausgabe: Heft 5/2018

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Peter Nowak