Betriebsarbeit für die Revolution

Ein Film über eine Gruppe linker Gewerk­schafter bei Opel Bochum ist nicht nur his­to­risch inter­essant

»Ange­fangen hatte es damit, dass sich vor etwa drei Jahren der Reli­gi­ons­lehrer Wolfang Schaumberg und der Volks­schul­lehrer Klaus Schmidt bei den Opel-Werken als Hilfs­ar­beiter ver­dingten.« Am Anfang des Doku­men­tar­films über die Gruppe oppo­si­tio­neller Gewerk­schafter (GoG) in Bochum wird dieses Zitat aus der wirt­schafts­nahen Wochen­zeitung »Die Zeit« vom 24.8.1973 ein­ge­blendet. Gleich danach sitzt Wolfgang Schaumberg im Jahr 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und erzählt, wie er und viele Genoss*innen mit ihrer Betriebs­arbeit vor mehr als 45 Jahren die Welt­re­vo­lution vor­an­treiben wollten, berichtet, wie die jungen Linken Kon­takte mit kom­mu­nis­ti­schen Genoss*innen aus Deutschland und Spanien knüpften, die bei Opel arbei­teten. Im Anschluss ist Willi Hajek zu sehen, der als Jugend­licher vom Pariser Mai beein­druckt war und den Geist der Revolte als GoG-Mit­glied in die Bochumer Fabrik tragen wollte. Robert Schlosser erinnert sich schließlich, wie er als Jun­g­ar­beiter zu der Gruppe stieß, weil die – anders als die IG-Metall-Gewerk­schafter – nicht auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten, sondern bereit waren, sich mit Bossen und Meistern anzu­legen.

Das kam damals nicht nur bei den jungen Kolleg*innen an. 1975 bekam die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen über 5000 Stimmen und erhielt damit knapp ein Drittel der Sitze. Das war auch eine Quittung für den alten Betriebsrat, der mit dem Management gekungelt hatte. Die IG Metall war auf die linke Kon­kurrenz nicht gut zu sprechen. Mehrere GoG-Mit­glieder wurden aus­ge­schlossen, einige erst nach vielen Jahren wieder in die Gewerk­schaft auf­ge­nommen.

Die Gruppe, die sich seit 1972 jede Woche getroffen hatte, hielt auch nach der Schließung von Opel im Jahr 2014 Kontakt und begann, über einen Film nach­zu­denken, der von den vielen Kämpfen der Beleg­schaft erzählt. Die linke Video­plattform labournet​.tv, die Filme über die glo­balen Arbeits­kämpfe ver­öf­fent­licht, wurde schließlich mit der Umsetzung beauf­tragt.

Der ent­standene Film zeigt die all­täg­liche Klein­arbeit linker Gewerkschafter*innen, die für ein lang­fris­tiges Enga­gement ent­scheidend war. Dazu gehört der Kampf um den Bil­dungs­urlaub, der es den Beschäf­tigten ermög­lichte, den Betrieb eine Woche zu ver­lassen und sich mit anderen Themen zu beschäf­tigen. Manche lernten dort Texte von Marx kennen. Noch heute schwärmen Grün­dungs­mit­glieder der GoG von der Euphorie der ersten Jahre, als sie durch die ganze Republik fuhren und über ihre Erfolge bei Opel Bochum berich­teten.

Doch nach 1975 ging in der BRD-Linken das Interesse an Betriebs­arbeit zurück. Im linken Milieu kün­digte sich der Abschied vom Pro­le­tariat an. Auch einige der GoG-Mit­be­gründer ver­ließen die Fabrik und setzten ihr Studium fort.

Doch die Gruppe hatte sich mitt­ler­weile sta­bi­li­siert und sorgte dafür, dass Opel ein rebel­li­scher Betrieb blieb. 2004 machte das Werk mit einem sie­ben­tä­gigen wilden Streik gegen Ent­las­sungs­pläne noch einmal bun­desweit Schlag­zeilen. Beschäf­tigte, die den Betrieb und die Autobahn lahm­legen – solche Bilder kannte man von Arbeits­kämpfen in Frank­reich, aber nicht in der BRD. Hier ging die Saat auf, die die GoG gesät hatte.

Und doch ent­schied sich in einer Urab­stimmung schließlich eine große Mehrheit der Beleg­schaft dafür, den Streik zu beenden, gerade in dem Augen­blick, als er Wirkung zeigte. Noch heute sind damalige Aktivist*innen ent­täuscht. Der Rückgang des Betriebs­ak­ti­vismus machte sich auch in Stimm­ver­lusten für die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen bemerkbar. Daher war es für Gewerk­schafter wie Wolfgang Schaumberg nicht ver­wun­derlich, dass bei der Abwicklung von Opel Bochum ein mit 2004 ver­gleich­barer Wider­stand aus­blieb. Im Dezember 2014 ging es nur noch um Abfin­dungen und Auf­fang­ge­sell­schaften – mehr nicht.

Spä­testens seit aus Opel GM geworden war und die ein­zelnen Standorte gegen­ein­ander aus­ge­spielt wurden, war den GoG-Aktivist*innen klar, dass linker Gewerk­schafts­arbeit, wie sie sie vor­an­ge­trieben hatten, eine Nie­derlage drohte. Im Film wird gezeigt, wie die linken Opelaner*innen dieser kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­logik Arbeiter*innensolidarität ent­ge­gen­setzen wollten. Sie fuhren in den 1990er Jahren an Opel­standorte in anderen Ländern wie Polen oder Spanien, um eine gemeinsame Front gegen die Kapi­tal­stra­tegie zu bilden. Damit sind sie jedoch gescheitert, wie die Betei­ligten heute resü­mieren. Die Kapi­tal­logik der Kon­kurrenz hat sich durch­ge­setzt. Die Bedin­gungen für linke Gewerk­schafts­arbeit, die sich ent­schieden gegen Stand­ort­logik stellt, wurden schlechter.

Dennoch ist der Film kein Abgesang auf geschei­terte Hoff­nungen. Mehrere Kolleg*innen betonen, dass ihre Erfah­rungen auch heute noch aktuell sind, bei Amazon oder im Kampf gegen Leih­arbeit in der Metall­branche: »Ein kon­se­quenter betrieb­licher Ver­tei­di­gungs­kampf erfordert noch immer eine gut begründete Kapi­ta­lis­mus­kritik, die Ent­larvung fal­scher Argu­mente und illu­so­ri­scher Hoff­nungen«, betont Schaumberg.

Zur Fer­tig­stellung benötigt der Film noch Geld, unter anderem für die Lizenz­ge­bühren. Bis zum 25. August sollen per Crowd­funding 4000 Euro gesammelt werden.

www.startnext​.com/gog

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Peter Nowak