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“Gelobt sei, was das Fliegen teuer macht”

Sonntag, 20. Januar 2019

Wenn das Umweltbewusstsein zur Klassenfrage wird

Da hat der Freund des Taz-Umweltredakteurs Bernhard Pötter noch einmal Glück gehabt. Er musste doch nicht unter der Brücke schlafen, sondern in Pötters Wohnung, obwohl er sich eines in manchen Kreisen ganz schweren Verbrechens schuldig gemacht hat. Er ist mit einem Inlandflug und nicht mit der Bahn nach Berlin gekommen. Am Ende gibt Pötter die Parole aus: “Gelobt sei, was das Fliegen teuer macht.” [1] Dabei spricht er ganz offen aus, dass es hier um eine Klassenpolitik geht:

Das sollte reichen, um Fliegen wieder zu einem Privileg der Oberschicht im Sinne von Friedrich Merz zu machen.

Bernhard Pötter, Taz
Umweltbilanz ist keine Bewusstseins-, sondern eine Einkommensfrage

Nun hätte man gerne noch gewusst, ob für Pötter die global agierenden Umweltaktivisten, die natürlich auch Vielflieger sind, dieses Privileg auch genießen sollen. Denn längst ist bekannt, dass gerade das grüne Milieu auf das Fliegen nicht verzichten will. Das hat eine Umfrage [2] des Umweltbundesamt noch mal bestätigt:

Wer mehr Geld hat, verbraucht meist mehr Energie und Ressourcen – und zwar unabhängig davon, ob sich jemand als umweltbewusst einschätzt oder nicht. Das zeigt eine neue Studie des Umweltbundesamts (UBA). UBA-Präsidentin Maria Krautzberger

: “Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen – auch wenn die Menschen sich ansonsten im Alltag umweltbewusst verhalten. Aber gerade diese ‘Big Points’ beeinflussen die Ökobilanz des Menschen am stärksten. Der Kauf von Bio-Lebensmitteln oder eine gute Mülltrennung wiegen das nicht auf.” Vor allem Fernflüge, das Auto, der Dämmstandard der Wohnung und deren Größe und der Konsum von Fleisch entscheiden darüber, ob jemand über oder unter dem CO2-Durchschnittsverbrauch liegt. Daher haben Menschen mit hohem Umweltbewusstsein laut Studie nicht zwangsläufig eine gute persönliche Ökobilanz. Menschen aus einfacheren Milieus, die sich selbst am wenigsten sparsam beim Ressourcenschutz einschätzen und die ein eher geringeres Umweltbewusstsein haben, belasten die Umwelt hingegen am wenigsten.

Umweltbundesamt

Daher bedeutet die Forderung von Pötter, dass Fliegen ein Privileg der Reichen sein soll, dass die Minderheit, die es sich leisten kann, die Umwelt noch stärker belasten kann. Sie zahlt schließlich dafür. Wer kein Geld hat, soll zu Hause bleiben. Der in Ökoreformkreisen beliebte Begriff von der imperialen Lebensweise erweist sich hier als Nebelkerze. Es sind die bekannten kapitalistischen Mechanismen, die hier wirken.

Bewegung und Klasse

Pötter hat allerdings mit seinem Bekenntnis, nur die Oberschicht soll sich das Fliegen leisten können, offen ausgesprochen, dass der hegemoniale Klimadiskurs ein Klassenkampf von oben ist. Es war schon immer das Bestreben der herrschenden Klassen, dafür zu sorgen, dass die Subalternen sich nicht schneller fortbewegen sollen als sie. Daher verdammten sie auch die ersten Eisenbahnen, die – so behäbig sie auch nach unseren Vorstellungen waren – den Pferdekutschen der Adeligen mühelos davon fuhren. Die Eisenbahnen wurden auch von den Kanzeln der Pfaffen als Teufelszeug verdammt und herrschaftliche Kopflanger versuchten zu beweisen, wie schädlich das Fahren mit der Eisenbahn für Leib und Seele der Menschen sei. Auch die Umwelt wurde schon in Anschlag gebracht, die vor dem Massenfortbewegungsmittel Eisenbahn geschützt werden sollte.

Als mit der ersten Klasse die Rangordnung auch im Zug hergestellt wurde, wurde der auch von der Oberschicht genutzt. Sie waren jetzt nicht mehr schneller als ihre Untertanen, aber sie reisten standesgemäß. Doch die Angst vor der Mobilität vor der den Massen setzt sich fort im aktuell im Ressentiment gegen das Fliegen. Wie vieles aus dem grünökologischen Milieu wurde es zum hegemonialen Diskurs. Dass es dabei vor allem um Moralattacken geht, zeigen schon die Namen wie Flugscham [3] eine aus Skandinavien in andere Länder exportierte Methode der ökologisch bewussten Mittelschichten [4], anderen Menschen ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen, wenn sie einen Flug buchen.

Schon am Namen erkennt man den regressiven Charakter des Unterfangens. Die Menschen sollen Scham empfinden oder beschämt werden, wenn sie das Flugzeug benutzen. Das sind die alten Methoden der Staatsapparate, um die Menschen von einem selbstbestimmten Leben abzuhalten. Wenn die Methoden der Beschämung bei den meisten Menschen nicht ziehen, kommt der finanzielle Druck. Das ist die Methode Pötter, den Flug so teuer zu machen, dass er wieder nur für die Reichen erschwinglich ist. Auch die Verbotsschiene wird dann noch folgen.

Kampf um das Recht an Mobilität für Alle

So steht der Kampf gegen das Fliegen mit welchen ökologischen Argumenten auch immer gegen den Kampf um Mobilität für Alle. Schon die Eisenbahnen begeisterten die Massen, mehr noch, wenn sie von Fürsten und Klerus verketzert wurden.

Die Arbeiterbewegung schuf sich Organisatoren wie die Naturfreundebewegung, die Mobilität nicht gegen Umwelt [5] setzten. Sie haben auch kein religiöses Naturverständnis, wie es auch im Umfeld der Waldbesetzer im Hambacher Forst zu hören war. Dort wurde in manchen Statements die Besetzungsaktion nicht nur als Kampfmittel gegen die Pläne des RWE-Konzerns erklärt, sondern das Leben auf Bäumen als Wert an sich bezeichnet. Da wird auch viel Verständnis gezeigt, wenn irgendwo in der Welt indigene Sektenverantwortliche Waldstücke oder ganze Regionen für unantastbar erklären. Dann darf dort kein Baum gefällt werden und Bodenschätze dürfen nicht gefördert werden. Dass damit die Verarmung und Verelendung der Bevölkerung einhergehen kann, wird in Kauf genommen.

Solche religiösen Formen des Naturverständnisses wurden von Linken lange Zeit mit Recht kritisiert. Heute werden sie oft kritiklos übernommen. Demgegenüber solle wieder ein Mensch-Umwelt-Verhältnis Platz greifen, wo es als zivilisatorische Errungenschaft gesehen wird, wenn sich der Mensch aus den Naturverhältnissen zumindest teilweise befreit. Der menschliche Fußabdruck in der Welt ist ein Zeichen von Zivilisation. Wer heute so darauf drängt, den menschlichen Fußabdruck immer mehr zu verkleinern, sorgt sicher nicht für eine Welt, in der alle Menschen auf den Stand der gegenwärtigen Produktivkräfte leben können. Erst dann ist es möglich, über ein vernünftiges Mensch-Umwelt-Verhältnis zu diskutieren. Denn natürlich gibt es auch in einer vernünftig eingerichteten Welt Interesse, beispielsweise Bäume und Wälder nicht sinnlos abzuholzen.

Konsumkritik als Klassenkampf

Doch die Unterwerfung der Linken unter die Ratschlüsse von Stammesältesten stößt erfreulicherweise noch auf Kritik. So veröffentlichte die Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen und die Associazione dell talpe [6] unter dem Titel Maulwurfsarbeit IV [7] einen Aufsatz von Theo Schuster unter dem Titel “Konsumkritik als Klassenkampf”, der dem aktuell hegemonialen Umweltdiskurs an vielen Beispielen kritisch unter die Lupe nimmt. So schreibt Schuster über die Konjunktur des Begriffs von der imperialen Lebensweise:

Die dahinterstehende Bigotterie wird deutlich, wenn die beiden Autoren von Imperiale Lebensweise, bewegungsjunggebliebene Hochschulprofessoren aus Berlin und Wien, ohne eine erkennbare Spur von Selbstironie ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel Fahrrad zur “praktischen Kritik an der ebenso imperialen wie antiquierten Form von Fortbewegung namens Automobilität” erheben. Der eigene Status als gesundheitsbewusster Akademiker, mit überdurchschnittlich gut bezahltem und zentral gelegenem Arbeitsplatz wird hier unausgesprochen zum Ausgangspunkt einer Normsetzung, die dem Automobilitätsbedürfnis von Pendlern, Rentnern, Bewegungsmuffeln und vernunftbegabten Gegnern des freien Hauens und Stechens auf urbanen Radwegen nicht entspricht.

Theo Schuster, Konsumkritik als Klassenkampf

Nun könnte man das Bild von überdurchschnittlich gut bezahlten Professoren in Zeiten von prekären Wissensarbeitern ebenfalls als Ressentiment bezeichnen und sich fragen, ob Schuster gegen die beiden Wissenschaftler ebenso mit moralischen Argumenten hantiert, was Kennzeichen des hegemonialen Ökodiskurses geworden ist.

Zudem durchzieht Schusters Text eine Dichotomie: auf der einen Seite die mittelständischen Ökologen, auf der anderen Seite die Gewerkschaften und Arbeiter, die sich für Umweltbelange nicht interessieren. Unterschlagen wird dabei, dass es bei Lohnabhängigen und auch in Gewerkschaften immer wieder Initiativen um eine lebenswerte Umwelt gab. Die aber fängt am Arbeitsplatz an.

Wolfgang Hien erinnert in mehreren Büchern [8] an den Kampf um einen gesunden Arbeitsplatz [9], was bis heute sein Anliegen ist. In den USA gibt es Gewerkschaften, die eng mit einer, keinen Mittelstandsdiskurs pflegenden Umweltbewegung kooperieren. Auch am Kampf um den Erhalt des Hambacher Forst beteiligten sich Gewerkschafter [10], weil sie es richtig finden, den Plänen von RWE Paroli zu bieten und nicht, weil für sie ein Baum oder der Wald heilig ist. Hier finden sich Ansätze für ein Ökologieverständnis, das sowohl in Frontstellung zum kapitalistischen Verwertungsinteresse als auch zum hegemonialen Umweltdiskurs steht.

Wie kompatibel der zum Kapitalismus ist, zeigen die Pläne, des ökologischen Stromanbieters Lichtblick [11] mit Shell zu kooperieren [12]. Da kommt zusammen, was zusammen gehört. Der auf den umweltbewussten Mittelstand ausgerichtete Stromanbieter und ein Ölkonzern, der schon in den 1980er Jahren Ziel ökologischer Kampagnen [13] wegen seiner Umweltverbrechen [14] in aller Welt [15] war.

URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4282628

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.taz.de/!5566316/
[2] https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/wer-mehr-verdient-lebt-meist-umweltschaedlicher
[3] https://twitter.com/hashtag/flugscham?lang=de)
[4] https://www.deutschlandfunkkultur.de/alles-wissen-nichts-aendern-flugscham-und-andere.1005.de.html?dram:article_id=434553
[5] https://www.naturfreunde-berlin.de/geschichte
[6] https://associazione.wordpress.com/
[7] https://associazione.files.wordpress.com/2018/11/maulwurfsarbeitiv.pdf
[8] https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/gegen-die-zerstoerung-von-herz-und-hirn/
[9] https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[10] https://www.klimareporter.de/protest/gewerkschaft-verlangt-rodungsstopp
[11] https://www.lichtblick.de/
[12] http://www.klimareporter.de/strom/shell-auf-gruener-einkaufstour
[13] https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/buch-manuskript-brent-spar-1995.pdf
[14] https://www.amnesty.ch/de/themen/wirtschaft-und-menschenrechte/fallbeispiele/nigeria/dok/2017/shell-ein-kriminelles-unternehmen
[15] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oelkatastrophe-in-nigeria-shells-schande-1.2293186

Unbefristeter Stress

Montag, 07. Januar 2019

90 Prozent des wissenschaftlichen Personals der Universität Kassel sind befristet beschäftigt. Eine Initiative fordert, die Arbeitsverträge der Angestellten zu entfristen.

Ende vergangenen Jahres wurde es eng im größten Hörsaal der Universität Kassel. Knapp 500 Beschäftigte der Hochschule nahmen am 13. Dezember an einer außerordentlichen Personalversammlung teil. Sie forderten eine verbindliche Regelung zur Entfristung der Verträge aller Beschäftigtengruppen der Universität. Einberufen hatte die Versammlung die Initiative »Uni Kassel Unbefristet«. Die Initia­tive hatte sich im Frühjahr 2017 nach einem Warnstreik der Gewerkschaft ­Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen gegründet. Sie arbeitet mit der GEW und mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zusammen, betont aber, dass sie »als Kampagne gewerkschaftsunabhängig« sei, wie es auf ihrer Website heißt.

Norma Tiedemann von »Uni Kassel Unbefristet« hält die Universität für unterfinanziert. Sie sieht aber nicht nur die Politik, sondern auch die Hochschulleitung in der Verantwortung. »Viele der Mittel, die mit begrenzter Laufzeit an die Universitäten weitergeleitet werden, werden stets wieder verlängert oder durch neue Finanzquellen ersetzt.

90 Prozent des wissenschaftlichen Personals der Universität Kassel sind befristet beschäftigt. Das Präsidium der Universität behauptet, es sei gezwungen, das wissenschaftliche Personal befristet zu beschäftigen, da auch die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel, die es vom Land Hessen erhalte, befristet seien. Norma Tiedemann von »Uni Kassel Unbefristet« hält die Universität für unterfinanziert. Sie sieht aber nicht nur die Politik, sondern auch die Hochschulleitung in der Verantwortung. »Viele der Mittel, die mit begrenzter Laufzeit an die Universitäten weitergeleitet werden, werden stets wieder verlängert oder durch neue Finanzquellen ersetzt«, sagte sie der Jungle World. Den Verantwortlichen der Universität Kassel attestiert Tiedemann »eine enorm risikoscheue Personalpolitik«. Das ohnehin nur geringe finanzielle Risiko der Universität werde an die Angestellten weiterge­geben. Diese müssten das Risiko der Hochschule mit Pendelei, häufigen Umzügen, verschobener Familienplanung, Stresserkrankungen und der­gleichen individuell »abfangen«, so Tiedemann.

Der Initiative zufolge erhalten auch Beschäftigte, die in den Bereichen Technik und Verwaltung arbeiten, immer öfter nur noch befristete Verträge. »Für die prekär Beschäftigten heißt das ständige Unsicherheit, Arbeitsüber­lastung und häufig Pendeln aus allen Teilen der Republik – mit den ent­sprechenden Folgen für Freundschaften und Familien. Für die Festangestellten bedeuten die zunehmenden Befristungen häufig weitere Überlastung und Arbeitsverdichtung«, heißt es auf der Website der Initiative.

Arbeitsbedingte Erkrankungen entstehen nicht nur in Chemiebetrieben und Bergwerken, sondern auch an Schulen und Universitäten.

So lautet auch der Befund des Arbeitswissenschaftlers Wolfgang Hien. In seinen Büchern »Kranke Arbeitswelt« und »Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn« beschreibt Hien den Kampf der Arbeitergesundheitsbewegung in der Chemie­industrie der siebziger und achtziger Jahre, warnt aber auch vor der Vor­stellung, die »kranke Arbeitswelt« sei bloß ein Phänomen der fordistischen Industrie. »Wenn ich die Arbeitsbedingungen im Pflege- und im Logistik­bereich, aber auch in der Gastronomie, in vielen Bereichen der Hochschulen und der Dienstleistungsbranche betrachte, so kann ich nur sagen: Hier ist der Kampf um Gesundheit am Arbeitsplatz dringend notwendig«, sagte Hien am 14. Dezember bei einer Ver­anstaltung in Berlin. Er gibt zu bedenken, dass die Beschäftigten heutzu­tage oft vereinzelt seien, was Initiativen für mehr Gesundheitsschutz erschwe­re. In Kassel jedenfalls haben die Hochschulbeschäftigten ihre Vereinzelung durchbrochen.

Das Präsidium der Universität kündigte indes eine freiwillige Selbst­verpflichtung bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen an. »Noch kennen wir den Inhalt dieser Leitlinie nicht. Die Präsidiumsmitglieder betonten jedoch des Öfteren, dass es eine Balance zwischen entfristeten und befristeten Stellen brauchte«, sagt Tiedemann. Sie betont, dass die Beschäftigten eine umfassende Entfristung fordern und unter »Balance« etwas anderes ver­stehen als die Hochschulleitung. Über die weiteren Pläne der Initiative sagte sie der Jungle World: »Wir mobilisieren wieder möglichst viele Betroffene zur Personalversammlung im März und werden zudem die anstehenden Tarifverhandlungen im Auge behalten, denn auch hier muss des Thema Entfristung im öffentlichen Dienst und insbesondere an den Hochschulen noch viel stärker auf die Agenda.« Zudem diskutiere man, wie man konfliktfähiger werden könne. Die Kontakte zu ­anderen Hochschulen baue man aus. In letzter Zeit habe man immer wieder Anfragen von Beschäftigten aus anderen Hochschulstädten bekommen, die mit den gleichen Problemen konfrontiert sind.

https://jungle.world/artikel/2019/01/unbefristeter-stress

Peter Nowak

GEGEN DIE ZERSTÖRUNG VON HERZ UND HIRN

Montag, 10. Dezember 2018

„Arbeitsbedingte Krankheiten nehmen zu. Dieser Entwicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesundheitswissenschaftliche Kompetenz einsetzen.“

Mit diesen Sätzen beschreibt Wolfgang Hien sein langjähriges Engagement für den Gesundheitsschutz in der Arbeitswelt. Warum das Thema zu seiner Lebensaufgabe wurde, kann man in einem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem Historiker Peter Birke geführt hat.

Im VSA-Verlag ist es unter dem Titel „Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn“ veröffentlicht worden. Dort beschreibt Hien, wie ihn seine Erfahrungen als Auszubildender beim Chemieriesen BASF in Ludwigshafen geprägt haben. Daher könnte vielleicht der Untertitel des Buches „68 und das Ringen um eine menschenwürdige Arbeit“ auf den ersten Blick irritieren. Schließlich schien er im BASF-Labor weit weg von den Hochschulen, in denen Studierende die Schriften von Marx und Adorno zu lesen begannen. Doch Hien beschreibt, wie sehr ihn und einige BASF-Kolleg*innen der gesellschaftliche Aufbruch Ende der 1960er Jahre beeinflusste. Nach einigen Jahren verließ Hien die Fabrik, holte das Abitur nach und begann ein Studium. Doch auch als Akademiker setzte Hien den Kampf um Gesundheitsschutz in der Chemieindustrie fort.

DER MITMISCHER

Viele Jahre pendelte er zwischen verschiedenen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten akademischen Jobs über Wasser. Wichtiger war für ihn, bei der Kooperation zwischen Umweltinitiativen und kritischen Gewerkschaftern, die es in den 1980er Jahren auch in der Chemiebranche gab, mitzumischen. Mitmischer nannte sich eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien gemeinsam mit spanischen Chemiearbeitern organisiert war. Mitmischer nannte sich auch eine Betriebszeitung, die in einer Auflage von 10.000 Exemplaren von Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Ludwigshafen verteilt wurde. Fast in jeder Nummer wurden die Kolleg*innen über die giftigen Substanzen informiert, mit denen sie ständig in Berührung kamen. Besonders der gut besuchte Alternative Gesundheitstag 1980 in Berlin gab Hien Inspiration für sein Engagement, Betriebsbasisgruppen für Gesundheit aufzubauen.

Mit den esoterischen Strömungen, in die große Teile der Gesundheitsbewegung später abdrifteten, hatte Hien nichts im Sinn. Ihm ging es auch in der Gesundheitsbewegung immer darum, den Bedingungen in der Arbeitswelt den Kampf anzusagen, die die Menschen krank machen. Zu seinen Kontrahent*innen gehörten dabei oft nicht nur die Industrieverbände, sondern auch Betriebsräte und DGB-Gewerkschafter*innen, die auf Sozialpartnerschaft setzten.

Deshalb war es für viele seiner Freunde eine Überraschung, dass Hien 2003 Referent für Gesundheitsschutz beim DGB-Vorstand wurde. Doch schnell geriet er mit seinen Engagement für eine Arbeitswelt, in der auch die Langsamen und chronisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Konflikt mit einer Gewerkschaftslogik, die Arbeitsplätze vor Gesundheitsschutz stellt. Im Alter von 57 Jahren kündigte Hien beim DGB. Seitdem leitet er das Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie in Bremen. Auch dort beschäftigt ihn die Frage, wie die Lohnarbeit so gestaltet werden kann, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden. Heute, wo Beschäftigte ständig erreichbar und flexibel sein sollen, hat diese Fragestellung nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. So ist der Gesprächsband nicht nur eine Reflexion über linke Geschichte, sondern auch ein sehr aktuelles Buch. Es ist nicht sein Einziges.

GEGEN DIE ZURICHTUNG DER MENSCHEN

Im Mandelbaum-Verlag veröffentlichte er „Die Arbeit des Körpers“, ein Buch, das sich der Frage widmet, wie die Industrialisierung den menschlichen Körper zurichtet. Dabei verwendet er Zeugnisse aus der Arbeiter*innenkultur. Den Verheißungen einer schönen, neuen Arbeitswelt, im Zeitalter von Computer und Internet, setzt Hien den ernüchternden Befund entgegen: „Letztlich wird der gesundheitliche Verschleiß durch neue Arbeitsformen nicht abgeschafft. Die Körper von Abermillionen Textilarbeiter*innen oder Stahlarbeiter*innen werden, wie eh und je, drangsaliert, wie die Körper von Millionen, vielleicht auch schon Abermillionen, von digitalen Crowdworker*innen, die neben ihrer Familienarbeit noch nachts am Computer sitzen, kaum schlafen und für ein paar Cent ihre Gesundheit ruinieren.“

Wolfgang Hien / Peter Birke,
Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn
»68« und das Ringen um menschenwürdige Arbeit,
VSA-Verlag, Hamburg 2018, 256 Seiten, 22.80 €, ISBN 978-3-89965-829-3

Wolfgang Hien,
Die Arbeit des Körpers
von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart,
Mandelbaum Verlag, Wien 2018, 25.00 €, 344 Seiten, ISBN 978385476-677-3

aus: DIREKTE AKTION
Anarcho­syndika­listische Zeitung

https://direkteaktion.org/gegen-die-zerstoerung-von-herz-und-hirn/
Peter Nowak

Kranke Arbeit

Dienstag, 14. August 2018

Das Urteil gegen Monsanto und für Dewayne Johnson ging in den vergangenen Tagen um die Welt. Der Hausmeister hatte jahrelang mit glyphosathaltigen Unkrautvernichtern gearbeitet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen. 

Wie kann ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass in einer Gesellschaft eigentlich an erster Stelle die Gesundheit der Menschen stehen sollte und nicht der Profit? Wie kann die Arbeit an den Arbeitsstellen so gestaltet werden, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden? Warum gibt es Beschäftigte, die die Härte des Arbeitslebens feiern und die KollegInnen, die es nicht aushalten können oder wollen, abwerten und mobben? Solche Fragen bearbeitet der Arbeitssoziologe Wolfgang Hien seit vielen Jahren, mittlerweile in seinem Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie in Bremen. Tatsächlich gibt es viele solcher Institute. “Doch bin ich wohl der Einzige, der mit weitergehenden politischen Intentionen nicht hinterm Berg hält. Ich will die Mobilisierung der Betroffenen, ich habe eine klare antikapitalistische Haltung”, erklärt Hien. 

Dass das Thema zu seiner Bestimmung wurde, hat mit seinen Erfahrungen als Auszubildender zu tun, die der im Saarland geborene Hien 1965 beim Chemieriesen BASF in Ludwigshafen begonnen hat. “Ich hatte das Gymnasium nach der siebten Klasse abgebrochen. Tatsächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule weiterzumachen, was wohl auch damit zusammenhing, dass meine Eltern keine Akademiker waren, sondern wie man so sagt, einfache Leute. Die Suche nach einer Lehrstelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte”, beschreibt Hien seine Berufswahl im Gespräch mit Historiker Peter Birke. “Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn” heißt das jüngst erschienene Buch, in dem diese Gespräche über Hiens Leben und seine Erfahrungen dokumentiert sind. 

Kulturgruppe im Lehrlingswohnheim

Hien und einige seiner KollegInnen waren vom gesellschaftlichen Aufbruch beeinflusst, der heute mit der Chiffre 1968 belegt wird. Sie diskutierten über die Kriegsdienstverweigerung und gründeten im Lehrlingswohnheim eine Kulturgruppe, die sich mit Nietzsche und Marx beschäftigte und Texte von Heinrich Böll und den pazifistischen Autor Wolfgang Borchert gelesen hat. 

Hien war damals bei BASF eigentlich weit weg von den Universitäten, wo Studierende die Schriften von Marx und Adorno zu lesen begannen und sich bald fragten, warum die ArbeiterInnen nicht revolutionär waren. Manche kehrten den Universitäten den Rücken und gingen für einige Zeit in die Fabriken, um die ArbeiterInnen zu organisieren. Bei Hien lief es genau anders herum. Er bezeichnet sich heute als “umgekehrten 68er” – denn nach einigen Jahren verließ er die Fabrik, holte das Abitur nach und begann ein Studium an der Universität Heidelberg: Biochemie, Toxikologie, Philosophie, Soziologie, Psychologie und Pädagogik.

Wie stark seine erste Arbeitsstätte noch heute sein Leben prägt, zeigt ein aktuelles Foto von Hien auf der Homepage des von ihm gegründeten Forschungsbüros für Arbeit, Leben und Biographie in Bremen. Aufgenommen ist es in unmittelbarer Nähe der BASF in Ludwigshafen-Friesenheim. Er macht den Eindruck eines feingliedrigen Intellektuellen, der in der rauen Männerwelt einer Großfabrik um Anerkennung kämpfen muss. 

Doch mit BASF verbindet Hien nicht nur die Erfahrung von Selbstorganisation und Kollektivität, sondern auch die Härte des Arbeitslebens. Noch heute ist ihm im Gedächtnis, dass der BASF-Arbeitsdirektor sagte, die MitarbeiterInnen seien für ihn nur Rädchen im Getriebe. “Wir wollten keine Rädchen, sondern Sand im Getriebe sein”, betont er. Auch ein autoritärer Vorarbeiter mit NS-Vergangenheit ist ihm noch heute in Erinnerung. Der, erinnert sich Hien, habe ihm immer wieder schlechte Arbeit gegeben und ihn angeschrien, bis er in einen Sitzstreik trat. 

Neoliberalismus bürdet Körper und Geist hohe Belastungen auf

Doch auch mit gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen kam Hien früh in Kontakt. Immer wieder wurde er krank und konnte nicht weiterarbeiten. “Ich hatte Gesundheitsprobleme, war am Rande des Alkoholismus und hatte Herzrhythmusstörungen”, erklärt er in dem Interview. Als Gründe nennt er den Stress bei der Arbeit in der Fabrik, kombiniert mit den Überforderungen durch die politischen Aktivitäten und dem Scheitern einer Beziehung. Er machte aber auch bereits damals die Erfahrung, dass sich manche seiner Kollegen nicht über die Arbeitsbedingungen aufregten, sondern über Menschen wie ihn, die angeblich zu schwach waren, um sie auszuhalten. 

Die Arbeitswelt, formulierte Hien viele Jahre später, habe großen Einfluss auf unser Leben. “Sie kann uns Anerkennung und Sinn geben. Doch die neoliberale Radikalisierung unserer Betriebe bürdet Körper, Geist und Seele hohe Belastungen auf. Die Folge: Arbeitsbedingte Krankheiten nehmen zu.” Waren es früher vor allem körperliche Beschwerden, erkranken immer mehr Menschen heute an der Seele. 

Lange Zeit pendelte Hien zwischen verschiedenen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten akademischen Jobs über Wasser. Wichtiger war für ihn, mitzumischen bei der Kooperation zwischen Umweltinitiativen und kritischen GewerkschafterInnen, die es in den 1980er Jahren auch in der Chemiebranche gab.

“Mitmischer” nannte sich auch eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien mit spanischen ChemiearbeiterInnen organisiert war. Auch eine Betriebszeitung, die in einer Auflage von 10 000 Exemplaren von Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Ludwigshafen verteilt wurde, trug diesen Namen. Verantwortlich dafür war eine kleine Gruppe von Beschäftigten. Linke ChristInnen waren ebenso darunter wie ÖkosozialistInnen und undogmatische SozialistInnen. Sie kooperierten mit einer örtlichen Bürgerinitiative und informierten über die Schattenseiten der hochgepriesenen Chemiewelt. 

Fast in jeder Nummer wurden die KollegInnen über die giftigen Substanzen informiert, mit denen sie ständig in Berührung kamen. “Lassen wir uns nicht länger verwalten. Ergreifen wir die Initiative”, hieß es im Aufruf des Anfang des 1980er Jahre gegründeten Aktionskreis Gesundheit in der Rhein-Neckar-Region. 

Motiv: Profitsteigerung, Täter: Wirtschaft, Politik, Medizin

Eine von Hiens Themen war die Asbest-Katastrophe, die eigentlich besser als Kriminalfall bezeichnet werden sollte. Motiv: Profitsteigerung, Täter: Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Arbeitsmedizin, gedeckt wurden sie von DGB-Vorständen und jenem Teil der Lohnabhängigen, die für einen Arbeitsplatz über Leichen gehen. Hien hat auch die Arsenkatastrophe an der Mosel aufgearbeitet. Von 1920 bis in die 1950er Jahre wurde Arsen als Abfallprodukt der Chemieindustrie im Moselweinbau als Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt. “Es gab wahrscheinlich mehr als tausend Krebsfälle von Moselwinzern, die im Alter von etwa 40 bis 50 Jahren starben”, erinnert sich Hien. 

Dass ein Großteil der Gesundheitsbewegung später in eine esoterische Richtung abdriftete, bedauert Hien. Ihm geht es bis heute um Menschenwürde am Arbeitsplatz. Das heißt für ihn, den Bedingungen in der Arbeitswelt den Kampf anzusagen, die die Menschen im Betrieb krank machen. 

Zu seinen KontrahentInnen gehörten nicht nur die Industrieverbände, sondern oft auch Betriebsräte und GewerkschafterInnen, die auf Sozialpartnerschaft setzten und in Hiens Engagement eine Kampagne gegen die Chemieindustrie sahen. “Solche wie Dich brauchen wir hier nicht” – diesen Satz, sagt er, habe er öfter gehört, wenn er sich auf eine gewerkschaftliche Stelle bewarb oder einen Antrag zur Förderung eines Projekts bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung stellte.

Für viele seiner FreundInnen war es eine Überraschung, als Hien 2003 Referent für Gesundheitsschutz beim Vorstand des DGB wurde. Recht schnell geriet er mit seinen Engagement für eine Arbeitswelt, in der auch die Langsamen und chronisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Konflikt mit einer Gewerkschaftslogik, die Arbeitsplätze vor Gesundheitsschutz stellte. 

Nachdem er im Büro mit einer Herzneurose zusammengebrochen war – Hien führte sie auf die stressige Arbeitssituation zurück –, kündigte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selbständig. Seitdem leitet er das Forschungsbüro in Bremen. 

Gesunde Arbeitsbedingungen sind eine globale Herausforderung

Gute und gesunde Arbeitsbedingungen zu schaffen, sei eine globale Aufgabe, sagt Hien. LeiharbeiterInnen aus Osteuropa oder dem globalen Süden sterben in ihren Heimatländern an den Krankheiten, die sie sich bei gesundheitsgefährdenden Arbeiten im Norden zugezogen haben. Oder das Giftmaterial wird gleich in den globalen Süden exportiert, was Hien am Beispiel der Demontage von Schiffen in Asien zeigt. Und es kamen neue Probleme hinzu, beispielsweise die der Pflegeberufe, einer Arbeit mit und am Menschen, die wie Industriearbeit organisiert werden. Oder die Frage nach dem Einsatz von möglicherweise – so sagt es Hien süffisant – “gelegentlich gesundheitsschädlichem” Glyphosat, das mit großer Wahrscheinlichkeit – so urteilte Ende letzter Woche ein Gerichts in San Francisco – die Ursache der Krebserkrankung von Dewayne Johnson ist, der jahrelang mit glyphosathaltigen Unkrautvernichtern gearbeitet hat. 

Ein solches Urteil, wenn auch auf der anderen Seite des Globus, ist ein kleiner Erfolg im Kampf für gesunde Arbeit. Aus solchen kleinen Bausteinen setzt sich auch der Erfolg von Wolfgang Hien zusammen. “Heute sind bestimmte Standards im Gesundheitsschutz erreicht, die vor 50 Jahren absolut undenkbar waren. Daran habe ich ein bisschen mitgewirkt”, so das Fazit seines langjährigen Engagements. 

Doch das ist für ihn kein Grund, sich zurückzulehnen. “Diese Standards gelten nicht für eine wachsende Zahl von prekär arbeitenden und lebenden Menschen in aller Welt, aber auch eine wachsende Zahl von Prekären in Deutschland.” Denn die Gesundheitsbelastungen in der Arbeitswelt haben nicht abgenommen. Den Verheißungen einer schönen, neuen Arbeitswelt im Zeitalter von Computer und Internet setzt Hien den ernüchternden Befund entgegen: “Letztlich wird der gesundheitliche Verschleiß durch neue Arbeitsformen nicht abgeschafft. Die Körper von Abermillionen Textilarbeiterinnen oder Stahlarbeitern werden wie eh und je drangsaliert wie die Körper von Millionen, vielleicht auch schon Abermillionen von digitalen Crowdworkerinnen, die neben ihrer Familienarbeit noch nachts am Computer sitzen, kaum schlafen und für ein paar Cent ihre Gesundheit ruinieren.” 

Wolfgang Hien, Peter Birke: Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn – “68″ und das Ringen um menschenwürdige Arbeit. VSA-Verlag, 256 Seiten, 22,80 Euro.

KONTEXT:Wochenzeitung
Ausgabe 385

https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/385/kranke-arbeit-5283.html

Peter Nowak


Hinweis in der Printausgabe von Kontext:-Wochenzeitung, 18.8.2018

Kranke Arbeit
Das Urteil gegen Monsanto und für Dewayne Johnson ging in den vergan- genen Tagen um die Welt. Der Haus- meister hatte jahrelang mit glyphosat- haltigen Unkrautvernichtern gearbei- tet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen. Von Peter Nowak

Umgekehrter 68er

Samstag, 30. Juni 2018

Den gesellschaftlichen Aufbruch vor 50 Jahren erlebte Wolfgang Hien als junger Arbeiter.

Ich hatte das Gymnasium nach der siebten Klasse abgebrochen. Tatsächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule weiterzumachen, was wohl auch damit zusammenhing, dass meine Eltern keine Akademiker waren, sondern, wie man so sagt, einfache Leute. Die Suche nach einer Lehrstelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte.« Als »umgekehrten 68er« beschreibt Wolfgang Hien sich und seinen Lebensweg von der Fabrik, wo er 1965 eine Lehre als Laborant begann, an die Universität.

Von dem gesellschaftlichen Aufbruch wurden er und ein Teil seiner Kolleg*innen in der Chemiefabrik beeinflusst. Sie diskutierten über Kriegsdienstverweigerung und die Ausbeutung im globalen Süden. Im Lehrlingswohnheim gründete Hien mit Kolleg*innen eine Kultur-AG, wofür sie anfangs Unterstützung von der Heimleitung bekamen. Die freute sich über junge Menschen, die sich in der Freizeit weiterbilden wollten. Doch die Politisierung sorgte auch dafür, dass die kritischen Jungarbeiter*innen ihre Arbeitsbedingungen hinterfragten. So ging Hien bald den Weg vieler Arbeiterjugendlichen, die mit den Ideen von 1968 in Berührung gekommen waren. Sie verließen die Fabriken, holten auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und begannen ein Studium.

Doch die Zeit bei BASF prägt Hien bis heute. Seine akademischen und politischen Aktivitäten widmete er dem gesundheitlichen Schutz der Lohnabhängigen. Über Jahre organisierte er Kampagnen gegen eine »Kranke Arbeitswelt«, wie auch eines seiner Bücher heißt, das er im VSA-Verlag veröffentlicht hat. Lange Zeit pendelte er zwischen verschiedenen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten akademischen Jobs über Wasser. Wichtiger als eine Karriere war ihm sein politisches Engagement in Kooperation mit Umweltinitiativen und kritischen Gewerkschafter*innen. Besonders der erste Alternative Gesundheitstag 1980 in Berlin gab Hien den Anstoß für sein Engagement, Betriebsbasisgruppen für Gesundheit aufzubauen. Dabei ging es ihm um Menschenwürde am Arbeitsplatz und die Bedingungen, die Menschen krank machen.

Anregungen für seine Tätigkeit holte sich Hien von italienischen Aktivist*innen, die schon in den frühen 1960er Jahren skandalisierten, dass Arbeiter*innen in bestimmten Branchen wie der Chemieindustrie eine signifikant niedrigere Lebenserwartung als der Bevölkerungsdurchschnitt hatten. Inspirationen holte sich Hien auch aus Schriften von Oskar Negt und Andre Gorz. Engen Kontakt hält er bis heute zu kritischen Gewerkschafter*innen, die auch in der Chemieindustrie in den 1980er Jahren noch größeren Einfluss hatten.

Zu seinen Kontrahent*innen gehörten aber nicht nur die Industrieverbände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerkschafter*innen, die auf Sozialpartnerschaft setzten und in Hiens Engagement eine Kampagne gegen die Chemieindustrie sahen. »Solche, wie dich brauchen wir hier nicht.« Diesen Satz hörte Hien öfter, wenn er sich auf eine gewerkschaftliche Stelle oder um Projektförderung durch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung bewarb. Als er dann 2003 doch noch als Referent für Gesundheitsschutz beim DGB-Vorstand angestellt wurde, geriet er schnell in den Konflikt mit einer Gewerkschaftslogik, die Arbeitsplätze vor Gesundheitsschutz stellt. Hien setzte sich vehement dafür ein, dass auch die Langsamen und chronisch Kranken im Arbeitsleben ihren Platz finden sollten. Doch damit machte er sich viele Gegner*innen.

Der Konflikt hatte für Hien gesundheitliche Konsequenzen. Er brach im Büro zusammen und musste längere Zeit im Krankenhaus bleiben. Anschließend kündigte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selbstständig. Seitdem leitet er das Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biografie in Bremen. Dort setzt er sich für Lohnabhängige und ihre Rechte ein. So beschäftigte er sich in einer Studie mit dem Schicksal der Beschäftigten der Bremer Vulkanwerft, die 1997 geschlossen worden war. »Aus dem Regionalgedächtnis war die Werftschließung mehr oder weniger verschwunden«, erinnert sich Hien.

Daneben publiziert er Bücher, die sich mit seinem Lebensthema »Gesundheit am Arbeitsplatz« befassen. In dem Werk »Die Arbeit des Körpers« setzt er sich kritisch mit einer Arbeiterkultur auseinander, die das Leiden am Arbeitsplatz als Härte verklärt und Menschen, die das nicht aushalten können oder wollen, als schwächlich abwertet. Was Hien bei seinem Engagement antreibt, steht im Titel eines Bandes, in dem er mit dem Sozialwissenschaftler Peter Birke über sein Leben spricht: »Es geht gegen die Zerstörung von Herz und Hirn der Menschen«. Ein Thema, das im Zeitalter von Computer- und Internetarbeitsplätzen noch dringlicher geworden ist.

Wolfgang Hien/Peter Birke: Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn. »68« und das Ringen um menschenwürdige Arbeit. VSA Verlag, 256 S., 22,80 Euro.

Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart, Mandelbaum Verlag, 344 S., 25 €.

Am 3. Juli um 19 Uhr stellt Wolfgang Hien die Bücher im RegenbogenKino, Lausitzer Straße 22, in Berlin vor.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1092751.wolfgang-hien-umgekehrter-er.html

Peter Nowak

«Lobbygruppen verbieten!»

Samstag, 24. März 2018

Die Abgastests an Menschen haben Schlagzeilen gemacht, PolitikerInnen aller Parteien äusserten sich empört und der verantwortliche Konzern sagt, dass soll nicht mehr vorkommen. WarumIn Deutschland empörten sich Medien und Politik über Abgastests an Menschen. Der wirkliche Skandal liegt woanders. Ein Gespräch mit dem Arbeitswissenschaftler und Medizinsoziologen Wolgang Hien.
diese Aufregung?

Ich befasse mich als Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler seit Jahrzehnten mit Gefahrstoffen und Belastungen am Arbeitsplatz. Auf mich wirkt dieser ganze Hype oder diese ganze Aufregung sehr seltsam. Natürlich machen die Chemie- und die Pharmaindustrie seit mehr als 100 Jahren entweder selbst Experimente, auch mit Menschen, oder sie vergeben solche Experimentalaufträge an Universitäten und andere Institute. Das ist überhaupt nichts Neues. Ich selbst habe auf diese Dinge in Publikationen und in Vorträgen seit den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder hingewiesen. Und natürlich ist das Interesse der Industrie grundsätzlich immer, herauszubekommen, wie viel Gifte der Mensch gerade noch verträgt, wie viel er verkraften kann. Und immer wieder hat die Industrie versucht, der Frage auszuweichen, was denn gesundheitlich passiert, wenn die Exposition – also das Ausgesetztsein gegenüber schädlichen Stoffen oder Einflüssen – sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO2, dem Stickstoffdioxid. Die Versuche, die mit total gesunden Personen und nur mit jeweils wenigen Stunden in Aachen gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da kann gar nichts Schlimmes herauskommen. Die Exposition lag weit unterhalb der maximalen Arbeitsplatzkonzentration, die bis 2008 jahrzehntelange Geltung hatte. Das waren über lange Zeiten hinweg 5 ppm, das sind 5 Kubikzentimeter Gas auf einen Kubikmeter Atemluft. Das waren umgerechnet 9,5 mg/m3. In Aachen wurde junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm ausgesetzt. 2009 gab es eine Entscheidung der MAK-Kommission, das ist eine WissenschaftlerInnenkommission, auch solche aus der Industrie, die die Maximale Arbeitsplatz-Konzentration (MAK) feststellen bzw. Vorschlage für deren amtliche Festlegung machen. Die MAK-Kommission hat 2009 den Grenzwert auf ein Zehntel des bisherigen Grenzwertes heruntergesetzt, auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht auszuschliessen ist, dass eine langfristige Exposition, die darüber liegt, Lungenschäden verursacht. Das weiss man längst und in Aachen wurde das nochmal bestätigt.

Wo müsste die eigentliche Kritik ansetzen?
Der eigentliche Skandal liegt erstens darin, dass Hunderttausende von Menschen am Arbeitsplatz über Jahrzehnte einer tatsächlich schädigenden Konzentration ausgesetzt waren, obwohl es seit Jahrzehnten eine klare Kritik an der alten Grenzwertsetzung gegeben hat. Zweitens ist es ein Skandal, dass viele Millionen Menschen, vor allem Kinder, chronisch Kranke und Alte, an stark befahrenen Strassen nicht nur acht Stunden am Tag und vierzig Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheblichen Konzentrationen belastet sind, die mit Sicherheit statistisch gesehen Schäden verursachen. Der eigentliche Skandal ist, dass hier seit Jahrzehnten ein Massenexperiment am Menschen vorgenommen wird. All das haben wir kritischen WissenschaftlerInnen seit langem thematisiert.

Wie wurde auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer eher verhalten. Man entgegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Industrieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kollateralschäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist in vielen Fällen Heuchelei, manchmal vielleicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 ProbandInnen, die sich den Abgastests unterzogen haben, überhaupt repräsentativ?
Es geht ja hier um toxikologische Forschungen, um erste Anzeichen einer schädigenden Wirkung beim Menschen zu ermitteln. Man kann derartige Tests durchaus mit so wenigen Leuten machen, je nach Versuchsaufbau kann das schon Erkenntnisse bringen. Wichtig wäre eine sehr genaue Wahrnehmung von Befindlichkeitsstörungen

Die Lobbyvereinigung «Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit», die Tests veranlasste, wurde bereits im letzten Jahr aufgelöst. Kommt die Kritik nicht zu spät?
Es gibt Hunderte von aggressiven Lobbygruppen, und wenn es nach mir ginge, müssten die verboten werden. Zumindest aber müsste aus Steuermitteln den unabhängigen Verbänden und kritischen WissenschaftlerInnen das Hundertfache an Zuwendungen gegeben werden, damit auch sie Lobbyarbeit im Sinne der Menschen und des Schutzes ihrer Gesundheit machen können.

Ist also die Regel, dass konzernnahe Lobbyorganisationen solche Tests machen?
Das kommt häufig vor und am Schlimmsten sind die Geheimhaltungsrechte der Konzerne. Gerade bei Pestiziden wissen wir seit Jahrzehnten, dass sehr besorgniserregende Daten geheim gehalten werden. Basagran, ein früher verwendetes Pestizid des Chemiekonzerns BASF, hat in höheren Dosierungen im Tierversuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-amerikanische BürgerInneninitiative eine Klage auf ihr «Right to know» gewonnen hat. Von Glyphosat ist das Gleiche durchgesickert – auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zuständigen Behörden, hier das Bundesinstitut für Risikobewertung, ein Teil des früheren Bundesgesundheitsamtes, schwimmt im Strom der industriehörigen Toxikologie mit und gibt sich mit angeblichen Ergebnissen geheim gehaltener Daten zufrieden.

Sie haben in Ihren Buch «Kranke Arbeitswelt» viele Beispiele solcher konzernnaher Wissenschaft aufgelistet. Können Sie eins nennen?
Ein eklatantes Beispiel ist das Asbest. Hier versucht eine starke Lobby, unterstützt von einigen wenigen weltweit führenden WissenschaftlerInnen, Weissasbest als harmlos darzustellen oder zumindest weniger schädlich, nicht oder nur gering krebserzeugend. Diese Lobby versucht also, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die momentan gültigen Bestimmungen und nun doch relativ niedrigen Grenzwerte auszuhebeln. Zum Glück haben sich verantwortungsvolle WissenschaftlerInnen offen gegen diese Lobby gestellt und aufgezeigt, dass deren Argumentation und angeblichen Daten keine Grundlage besitzen. Es gibt nachweisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu mal eine tiefergehende Untersuchung über die Verstrickung führender ArbeitsmedizinerInnen mit der Tabakindustrie gemacht. Es ging um Passivrauchen, auch die Belastungen etwa in Wohnungen, wo ja Kinder besonders exponiert sind.

Welche Rolle spielen gesundheitsschädliche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expositionen in der Arbeitswelt sind natürlich viel höher als die in der Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hierzulande, nicht für die Schwellenländer und Dritt-Welt-Länder. Dort spielen Kinder auf regelrechten Giftmülldeponien. Doch zurück zur Arbeitswelt hierzulande: Da wird mit vielen neuen Stoffsystemen hantiert, Epoxidharzen, Isocyanate, Nanopartikel, die nur unzureichend auf Langzeitwirkungen untersucht sind. Auch hier findet ein Menschenversuch in grösseren Massstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeitsleben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen vorzeitiger arbeitsbedingter Krankheit oder arbeitsbedingtem Tod.

Wolfgang Hien ist Arbeitswissenschaftler und Medizinsoziologe und Leiter der Forschungsstelle Arbeit, Gesundheit und Biographie in Bremen. Er beschäftigt sich mit krankmachenden Stoffen im Wohn- und Arbeitswelt.

aus: Vorwärts/Schweiz 16.3.2018

http://www.vorwaerts.ch/theorie-debatte/lobbygruppen-verbieten/

Interview: Peter Nowak

“Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe”

Freitag, 02. März 2018

Das “Diesel-Urteil” des Bundesverwaltungsgerichts und die Wissenschaft. Interview mit Wolfgang Hien vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie

Telepolis sprach mit Wolfgang Hien[1] vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie. Hien beschäftigt sich mit Gesundheitsbelastungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch “Kranke Arbeitswelt”[2] erschienen.

Hat nicht auch die Umweltwissenschaft versagt, wenn ein Gericht und die Deutsche Umwelthilfe die tägliche Vergiftung im Straßenverkehr auf die Agenda setzen?
Wolfgang Hien: Ich möchte vorausschicken, dass es sehr wohl Wissenschaftler gibt, die die Risiken sehen. Über die rede ich jetzt nicht. Ich rede über die vielen sich zum Gutachter für Umweltfragen gerierenden Arbeitsmediziner, die die Risiken herunterreden. Das war nicht nur ein Doktor Michael Spallek von VW.
Das ist der ehemalige MAK-Vorsitzende Professor Helmut Greim[3], der schon im letzten Jahr in einem großen Gutachten die Gesundheitsgefahren der Dieselabgase heruntergespielt hat. Es gebe, so Greim, derart viele Einflussfaktoren auf die Gesundheit, dass es nicht möglich sei, NOx und Feinstäube – die ja immerhin krebserzeugende PAK (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe) enthalten – als Erzeuger von Lungenkrankheiten und sonstigen schweren Erkrankungen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später eintreten können, “dingfest” zu machen.
Auch viele weitere hochrangige Arbeitsmediziner meldeten sich in den letzten Wochen zu Wort und – im O-Ton – “warnen vor einer Dramatisierung der angeblichen Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase”, so z.B. Prof. Hans Drexler[4] aus Erlangen.

Wie bewerten Sie solche Äußerungen dieser Wissenschaftler?
Wolfgang Hien: Derartige Einlassungen sind nach meinem Dafürhalten ungeheuerlich. Und dies aus mehreren Gründen. Eben diese Arbeitsmediziner haben es bis 2009 untätig hingenommen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter an bestimmten Arbeitsplatzen – nehmen wir als Beispiel die Dieselstapler – bis zu 9,5 mg/m3 NOx ausgesetzt waren.
Auch die Feinstaubkonzentrationen waren jahrzehntelang sehr hoch. Die Gesundheitsschäden waren aber dann irgendwann nicht mehr zu leugnen, so dass ab 2010 der Arbeitsplatzgrenzwert auf ein Zehntel gesenkt wurde.
Dieser neue Wert von 950 Mikrogramm gilt aber nur für gesunde erwachsene Personen, maximal 8 Stunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche. Jetzt kommen diese gleichen ignoranten Arbeitsmediziner und suggerieren, dass diese 950 Mikrogramm doch recht eigentlich für alle Menschen gelten könnten, auch für Kinder und Alte an stark befahrenen Straßen 24 Stunden am Tag und immerwährend.

Gab es nicht Untersuchungen, die das widerlegten?
Wolfgang Hien: Natürlich. Zugleich werden von dieser sich als wissenschaftlich gebenden Seite umweltmedizinische Studien, die ab 40 Mikrogramm aufwärts einen Anstieg der Gesundheitsrisiken sehen, ignoriert oder als irrelevant zur Seite getan.
Und wenn da von 100.000 Personen mal 5 oder 6 erkranken oder später gar an Krebs sterben – wir dürfen die PAK nicht vergessen, die ja ebenfalls und gleichzeitig auf die Menschen einwirken -, dann sieht das diese Professorenriege, also Greim, Drexler und einige andere, eher als harmlos oder als vernachlässigbar an. Was sind schon 5 Menschen auf 100.000 Menschen? Das verschwindet “im Hintergrundrauschen”, sagte mir ein angesehener Arbeitsmediziner.

Können Sie da weitere aktuelle Beispiele nennen?
Wolfgang Hien: Ich möchte Dr. Matthias Möhner[5] nennen. Der wissenschaftliche Direktor der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin[6] qualifiziert in einer neueren Übersichtsarbeit praktisch alle epidemiologischen Dieselabgas-Studien, die ein Risiko gesehen haben, als nichtssagend und “methodisch nicht haltbar” ab.
Ich persönlich halte dies für einen ungeheuerlichen Vorgang, nämlich: dass sich ein Angestellter eines Bundesinstituts derart als Lobbyist der Autoindustrie gebärdet.

Was für ein Wissenschaftsverständnis steht dahinter?
Wolfgang Hien: Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe. Gerade wenn es methodische Unsicherheiten gibt, sind immer Wissenschaftler gehalten, vom “Fehler zweiter Art” auszugehen.
Das bedeutet, dass in einer Studie ein Risiko übersehen werden kann, insbesondere dann, wenn die Fallzahl zu klein ist. Wir sprechen in der Epidemiologie davon, dass die “Power” einer Studie zu klein ist, um gültige Aussagen zu treffen.
Und wenn trotz relativ kleiner Fallzahlen Risiken gesehen werden, umso ernster muss die Studie genommen werden. Solchen Studien mit hoher Power die Gültigkeit abzusprechen, wie es etwa Möhner tut, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das kommt für mich einer bewussten Tatsachenverfälschung nahe, die auch noch – wie in diesem Falle – mit einem Stempel der Amtlichkeit versehen wird.

Hat die Umweltmedizin in der Dieseldebatte versagt?
Wolfgang Hien: Insgesamt zeigt die Dieselabgasdebatte, dass eine gute Umweltmedizin in Deutschland stark ins Hintertreffen geraten ist, vielleicht sogar nie als relevant eingestuft war. Man hat einfach den Arbeitsmedizinern den Hut “Umweltmedizin” auf den Kopf getan, obwohl das ein völlig anderes Gebiet ist und völlig andere Denkweisen benötigt.
Da geht es gleich um viele Millionen Menschen. Und wenn von beispielsweise einer Million Personen aufgrund von Umweltschadstoffen 5 pro 100.000 pro Jahr krank werden, dann sind das 375 Personen pro 100.000 in der Lebensspanne von 75 Jahren und folglich 3.750 Personen, dann ist bei weitem nicht “vernachlässigbar”.

https://www.heise.de/tp/features/Wissenschaftsethisch-halte-ich-diesen-ganzen-Verharmlosungsdiskurs-fuer-eine-Katastrophe-3984981.html

Peter Nowak
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http://www.heise.de/-3984981

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.wolfgang-hien.de/
[2] http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[3] https://www.bundestag.de/blob/438866/fee11379350c2e582dc1e82d37713a19/sv_2_greim-data.pdf
[4] https://www.arbeitsmedizin.uni-erlangen.de/mitarbeiterdaten/hans-drexler.shtml
[5] https://www.researchgate.net/profile/Matthias_Moehner
[6] https://www.baua.de/DE/Home/Home_node.html
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Warum nicht das Fahrverbot selber machen

Sonntag, 25. Februar 2018

Warum wurden am Wochenende keine Straßenkreuzungen blockiert? Stattdessen starrt die Umweltbewegung wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Entscheidung der Justiz

Seit Wochen ist das Thema Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den Medien. Eigentlich sollte das Bundesverwaltungsgericht schon letzten Donnerstag einen Beschluss fassen. Das Gericht hat sich auf kommenden Dienstag vertagt, wohl auch um der Bundesregierung Zeit für mögliche Vorbereitungen für eventuelle Fahrverbote zu geben. Auffällig ist, dass kurz nach der Vertagung bekannt wurde, dass die Bundesregierung Vorbereitungen dafür trifft.

Doch wo bleibt die außerparlamentarische Umwelt-Bewegung?

Was man aber vermisst, war das Zeichen für die Existenz einer außerparlamentarischen Umweltbewegung. Schließlich war gerade sie über Jahrzehnte, wenn es um AKWs ging, und seit einigen Jahren auch in der Bewegung für die Abschaltung der Kohlekraftwerke als eigener Faktor präsent. “Alles muss man selber machen”, lautete die richtige Erkenntnis.

Nur beim Kampf gegen die jahrzehntelange Vergiftung von Mensch und Umwelt durch den Individualverkehr scheint dieses Motto nicht zu gelten. Dabei wäre hier die vielbeschworene Kreativität und Spontanität der Umweltbewegung leicht umzusetzen. Schließlich bräuchte man keine langen Fahrten zu Standorten von AKWs und Kohlekraftwerken auf sich zu nehmen. Denn das Neckartor ist überall.

So wie die hoch mit Autogift kontaminierte Straße in Stuttgart hat jede Stadt ihre besonders umweltschädlichen Ecken. Warum gab es keinen Aufruf, die Zeit bis zur gerichtlichen Entscheidung zu nutzen, um schon mal in Eigenregie ein Fahrverbot umzusetzen? Man hätte nur am Samstagsmittag zum Flashmob auf diesen Straßen aufrufen sollen.

Wären in vielen Städten an diesen vielbefahrenen Straßen Menschen auf die Fahrbahn getreten und hätten sie nicht wieder verlassen oder hätten sie das Bedürfnis verspürt, in großen Gruppen die Straße immer wieder zu überqueren, dann wäre der Autoverkehr zum Stehen gekommen. Dann wäre genau das eingetreten, was fast regelmäßig auf Autobahnen passiert. Nur hätte dieser Stau ein politisches Ziel, das über die Debatte um Diesel und Fahrverbote hinausgehen muss.

“Massenexperiment an Menschen”

Der Arbeitsmediziner und Autor des Buches “Kranke Arbeitswelt” Wolfgang Hien brachte in einem Interview auf den Punkt, um was es bei der Diskussion um die Vergiftung der Umwelt eigentlich geht:

Der eigentliche Skandal liegt erstens darin, dass Hundertausende Menschen am Arbeitsplatz über Jahrzehnte einer tatsächlich schädigenden Konzentration ausgesetzt waren, obwohl es seit Jahrzehnten Kritik an der alten Grenzwertsetzung gab. Zweitens ist es ein Skandal, dass Millionen Menschen, vor allem Kinder, chronisch Kranke und Alte, an stark befahrenen Straßen nicht nur acht Stunden am Tag und 40 Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheblichen Konzentrationen belastet sind, was statistisch gesehen mit Sicherheit Schäden verursacht. Der eigentliche Skandal ist, dass hier seit Jahrzenten ein Massenexperiment an Menschen vorgenommen wird. All das haben kritische Wissenschaftler seit langem thematisiert.

Wolfgang Hien

Wäre es da nicht an der Zeit, dass sich die Umweltbewegung auf den Grundsatz “Umweltschutz ist Handarbeit” erinnern würde und jenseits von Politik und Justiz damit anfangen würde, Fahrverbote umzusetzen? Doch von solchen Aktionen konnte man nichts lesen.

Stattdessen wird wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts gestarrt. Dabei müsste doch zumindest bei lange in der ökologischen Bewegung aktiven Menschen die Erkenntnis noch nicht gänzlich verschüttet sein, dass die Justiz ein Teil des Staatapparats ist und bei seiner Entscheidung die staatlichen Gesamtinteressen im Fokus hat.

Das heißt nicht, dass die Gerichtsentscheidungen immer nur nach dem Gusto des Kapitals ausfallen. Es ist ja gerade die Aufgabe der Justiz im bürgerlichen Staat ein Gesamtinteresse zu konstruieren, was weder im Interesse noch in der Möglichkeit der einzelnen Kapitalfraktionen ist. Die Vorstellung aber, dass ein Gericht sich schon um die Umweltinteressen kümmern wird, ist absurd und zeugt von einen mangelnden Verständnis von Staat und Justiz.

Wenn überhaupt Umweltinteressen in gerichtliche Entscheidungen einfließen, dann wenn sich starke Bevölkerungsgruppen aktiv unabhängig vom Staat und seinen Apparaten dafür einsetzen. Die Anti-AKW-Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel Daher ist ein Ausdruck der Regression einer ehemals außerparlamentarischen Bewegung, wenn sie nicht mehr in der Lage eigene Akzente jenseits von Parteien und Justiz zu setzen.

Nahverkehr gratis für Alle

Dieses Manko zeigt sich auch bei der Alternative für den gesundheitsschädlichen Individualverkehrs. Seit Jahrzehnten kämpfen Menschen für einen günstigen besser noch einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Er würde das Recht auf Mobilität auf Alle Realität werden lassen.

Die Kämpfe der Rote-Punkt-Aktion Ende der 1960er Jahre gehören ebenso dazu, wie viele lokale Bewegungen in unterschiedlichen Städten. “Berlin fährt frei” lautete das gut begründete Motto einer Kampagne für kostenlosen Nahverkehr in Berlin, die wesentlich vom mittlerweile nicht mehr existierenden Berliner Sozialforum ausgegangen ist.

Das Bündnis wie auch die dazu gehörige Homepage sind mittlerweile Geschichte, die Forderung ist aber aktueller denn je. Das wurde deutlich, als die Bundesregierung kostenlosen Nahverkehr in einigen ausgewählten Städten in einem Brief aufführte, den sie an die EU-Kommission schrieb.

Der Kommission in Brüssel gegenüber soll sie Vorschläge benennen, wie sie die weiterhin selbst nach EU-Normen zu hohen Abgaswerte in vielen deutschen Städten senken will. Doch was machte die Linke?

Sie hätte daran erinnern können, dass nun ihre langjährigen immer als unrealistisch verlachten Forderungen sogar in einen Brief der Regierung auftauchen. Sie hätte kritisieren könne, dass da nur einige Städte als Experimentierfeld für den kostenlosen Nahverkehr benannt wurden und Metropolen wie Berlin und Hamburg ausgespart wurden.

Und sie hätte das Motto “Kostenloser Nahverkehr machen wir selbst” dazu aufrufen sollen, jetzt bundesweit schon mal mit dem Fahren ohne Fahrschein zu beginnen. Wenn das viele machen, können die Kontrolleure nichts mehr machen. Stattdessen las man in vielen linken Medien, das ganze sei nur ein Ablenkungsmanöver der Regierung, sei gar nicht zu bezahlen und völlig unrealistisch.

Genau die Ausflüchte der Regierung benannte jetzt die Linke, um sich nicht um die Durchsetzung ihrer eigenen Forderungen kümmern zu müssen. Nur wenige wie der linke Verkehrsexperte Winfried Wolf verteidigten die Forderung eines kostenlosen Nahverkehrs.

Bei einer so angepassten Umweltbewegung brauchen sich die staatlichen Apparate wirklich nicht zu sorgen.

https://www.heise.de/tp/features/Warum-nicht-das-Fahrverbot-selber-machen-3977962.html

Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3977962

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Fahrverbote-Verkehrsministerium-bereitet-Rechtsgrundlage-vor-3977757.html
[2] https://jungle.world/artikel/2018/06/oftmals-heuchlerisch
[3] https://www.youtube.com/watch?v=Pa0p5abNKgA
[4] http://klima.blogsport.de/images/DiskussionspapierBerlinfaehrtfrei.pdf
[5] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1079903.kostenloser-oepnv-weniger-verkehrstote-durch-umsonstfahren.html

»Oftmals heuchlerisch«

Donnerstag, 08. Februar 2018

Der Bremer Medizinsoziologe Wolfgang Hien warnt seit langem davor, die gesundheitliche Belastung durch Schadstoffemissionen der Industrie zu unterschätzen. Die Aufregung über die Abgastests der deutschen Autobauer verkenne die eigentliche Dimension der Probleme.

Wolfgang Hien ist Arbeitswissenschaftler und Medizinsoziologe. Er leitet die Forschungsstelle Arbeit, Gesundheit und Biographie in Bremen und beschäftigt sich mit Gesundheitsbelastungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch »Kranke Arbeitswelt« erschienen.
Am 9. Februar hält er im FAU-Lokal in Berlin einen Vortrag zum selben Thema

Die von deutschen Automobilkonzernen in Auftrag gegebenen Stickstoffdioxidversuche haben Schlagzeilen gemacht. Politiker aller Parteien äußerten sich ­empört. Die Konzernleitungen haben sich inzwischen davon ­distanziert. Wie glaubhaft sind solche Distanzierungen?
Als Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler befasse ich mich seit Jahrzehnten mit Gefahrenstoffen und Belastungen am Arbeitsplatz. Auf mich wirkt die Aufregung über diesen Fall sehr merkwürdig. Natürlich machen die Chemie- und die Pharmaindustrie seit mehr als 100 Jahren entweder selbst Experimente, auch mit Menschen, oder sie vergeben entsprechende Aufträge an Universitäten und andere Forschungsinstitute. Das ist erst mal überhaupt nichts Neues. Grundsätzlich ist es das Interesse der Industrie, herauszubekommen, wie viele Gifte der Mensch verkraften kann. Dabei haben die Unternehmen stets versucht, der viel wichtigeren Frage auszuweichen, was es für die Gesundheit bedeutet, wenn Menschen schädlichen Stoffen oder Giften über Jahre und Jahrzehnte aus­gesetzt sind.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO², dem Stickstoffdioxid. Die Versuche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Personen über wenige Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes herauskommen. Die Exposition lag weit unterhalb derjenigen Werte, die jahrzehntelang als maximale Konzentration am Arbeitsplatz Geltung hatte. Dieser Wert lag bis zum Jahr 2008 bei fünf ppm (parts per million), das sind fünf Kubikzentimeter Gas in einem Kubikmeter Atemluft. In Gewicht umgerechnet wären das 9,5 Milligramm pro Kubikmeter. In Aachen wurden junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm ausgesetzt.

»Die Versuche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Personen während weniger Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes herauskommen. Die Exposition lag weit unterhalb derjenigen, die jahrzehntelang als maximale Konzentration am Arbeitsplatz Geltung hatte.«

Der sogenannte MAK-Wert gibt die maximal zulässige Konzentration eines Stoffes als Gas, Dampf oder Schwebstoff in der Luft am Arbeitsplatz an, bei der kein Gesundheitsschaden zu erwarten ist, auch wenn man der Konzentration in der Regel acht Stunden ausgesetzt wird. Der MAK-Richtwert wurde schon vor Jahren ­herabgesetzt.
Die MAK-Kommission hat den Grenzwert 2009 auf ein Zehntel heruntergesetzt, von fünf ppm auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht auszuschließen ist, dass eine langfristige Exposition, die darüber liegt, Lungenschäden verursacht. Das weiß man längst und in Aachen wurde das erneut bestätigt.

Wo müsste die Kritik ansetzen?
Der eigentliche Skandal liegt erstens darin, dass Hundertausende Menschen am Arbeitsplatz über Jahrzehnte einer tatsächlich schädigenden Konzentration ausgesetzt waren, obwohl es seit Jahrzehnten Kritik an der alten Grenzwertsetzung gab. Zweitens ist es ein Skandal, dass Millionen Menschen, vor allem Kinder, chronisch Kranke und Alte, an stark befahrenen Straßen nicht nur acht Stunden am Tag und 40 Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheblichen Konzentrationen belastet sind, was statistisch gesehen mit Sicherheit Schäden verursacht. Der eigentliche Skandal ist, dass hier seit Jahrzenten ein Massenexperiment an Menschen vorgenommen wird. All das haben kritische Wissenschaftler seit langem thematisiert.

Wie haben Politik und Unternehmen auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer verhalten. Man entgegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Industrieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kollateralschäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist oftmals heuchlerisch, manchmal vielleicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 Probanden, die sich den Abgastests unterzogen haben, überhaupt repräsentativ?
Es geht hier um toxikologische Forschungen, es ist der Versuch, erste Anzeichen einer schädigenden Wirkung beim Menschen zu ermitteln. Man kann derartige Tests durchaus mit wenigen Leuten machen, je nach Versuchsaufbau kann das schon ­Erkenntnisse bringen. Wichtig wäre, Befindlichkeitsstörungen genau wahrzunehmen.

Es gibt Hunderte von aggressiven Lobbygruppen«

Die Lobbyvereinigung »Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor« (EUGT), die die Tests veranlasst hatte, wurde im vergangenen Jahr aufgelöst. Kommt die Maßnahme zu spät?
Es gibt Hunderte von aggressiven Lobbygruppen, die man alle gerne auflösen kann. Zumindest aber müsste aus Steuermitteln den unabhängigen Verbänden und kritischen Wissenschaftlern das Hundertfache an Zuwendungen gegeben werden, damit auch sie Lobbyarbeit im Sinne der Menschen und des Schutzes ­ihrer Gesundheit leisten können.

Ist es die Regel, dass konzernnahe Lobbyorganisationen solche Tests machen?
Das kommt leider häufig vor und wird von den Konzernen geheimgehalten. Gerade bei Pestiziden weiß man seit Jahrzehnten, dass besorgniserregende Daten geheim gehalten werden. Basagran, ein früher verwendetes Pestizid der BASF, hat in höheren Dosierungen im Tierversuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-amerikanische Bürgerinitiative eine Klage auf ihr right to know gewonnen hat. Von Glyphosat ist das Gleiche durchgesickert, auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zuständigen Behörden, in diesem Fall das Bundesinstitut für ­Risikobewertung, ein Teil des früheren Bundesgesundheitsamts, be­wegen sich im Strom einer industriehörigen Toxikologie und geben sich mit Forschungsergebnissen auf Basis geheimgehaltener Daten zu­frieden.

Sie haben in Ihrem Buch »Kranke Arbeitswelt« viele Beispiele konzernnaher Wissenschaft aufgelistet. Können Sie ein besonders Auffälliges nennen?
Ein eklatantes Beispiel ist das Asbest. Hier versucht eine starke Lobby, unterstützt von einigen wenigen weltweit führenden Wissenschaftlern, Weißasbest als harmlos darzustellen oder zumindest als weniger schädlich, als nicht oder nur in geringem Maß krebserzeugend. Diese Lobby versucht, das Rad der Geschichte ­zurückzudrehen und die momentan gültigen Grenzwerte aufzuheben. Zum Glück haben sich verantwortungsvolle Wissenschaftler offen gegen diese Lobby gestellt und aufgezeigt, dass deren Argumentation und angebliche Daten keine Basis be­sitzen. Es gibt nachweisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu eine tiefergehende Untersuchung über die Verstrickung führender Arbeitsmediziner mit der Tabakindustrie gemacht. Es ging um das Passivrauchen, auch um die Belastungen etwa in Wohnungen, wo Kinder besonders exponiert sind.

Ist die Wissenschaft von der Wirtschaft korrumpiert?
Nein, es geht aber um ein Denken, in dem viele Wissenschaftler, Arbeits- und Umweltmediziner verfangen sind, was dazu führt, dass sie auch ohne Bestechung sehr industrie­nah eingestellt sind. Dazu gibt es ein aktuelles Beispiel: Geschäftsführer der EUGT war Michael Spallek, der zuvor Leiter des Gesundheitsschutzes der VW-Abteilung Nutzfahrzeuge war. Er hat zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin einen Vortrag angemeldet, der akzeptiert wurde und den er zusammen mit einem Kommunikationswissenschaftler an recht prominenter Stelle halten wird. Der Titel: »N0x-Risikokommunikation. Klärung eines Vexierbildes«. Dazu heißt es im Abstract: »›Vorzeitige Todesfälle‹ durch N0x-Emissionen sind nur ein theo­retisches Konstrukt und ohne praktische oder reale Bedeutung für das Individuum.«

Welche Rolle spielen gesundheitsschädliche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expositionen in der Arbeitswelt sind höher als die in der sonstigen Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hierzulande, nicht für die Schwellenländer und Länder der Dritten Welt, wo Kinder auf regelrechten Giftmülldeponien spielen. In den Industrienationen wird mit vielen neuen Stoffsystemen hantiert, Epoxidharzen, Isocyanaten, Nanopartikeln, die nur unzureichend auf Langzeitwirkungen untersucht sind. Auch hier findet ein Menschenversuch in größerem Maßstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeitsleben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen arbeitsbedingter Krankheit oder vorzeitigem arbeitsbedingtem Tod.

https://jungle.world/artikel/2018/06/oftmals-heuchlerisch

Interview von Peter Nowak

Ein aufgebauschter Skandal

Donnerstag, 01. Februar 2018

Nicht dass Affen und Menschen im Labor Tests über die Schädlichkeit von Abgasen unterzogen werden, ist das Problem, sondern die alltäglichen Menschenversuche der Autoindustrie auf unseren Straßen

“Tests in keiner Weise zu rechtfertigen”: Das war am Montag der Tenor, als durch einen Artikel der New York Times bekannt wurde, dass die deutsche Automobilindustrie Untersuchungen in Auftrag gegeben habe, um die angebliche Unschädlichkeit der Dieselmotoren zu belegen.

Von Angela Merkel bis Katja Kipping gab es bald keinen Politiker und keine Politikerin mehr, der oder die nicht Empörung über diese Versuche äußerte. Doch meistens kam die Kritik nicht über eine moralische Verurteilung hinaus. “Unangemessen” und “menschenverachtend” waren die Vokabeln.

Dabei wäre es doch sinnvoller, erst einmal zu schauen, was da eigentlich passiert ist und wie sich die Versuche von den vielen anderen unterscheiden, die tagtäglich gemacht werden. Zunächst sind solche Versuche nicht nur bei den Abgastests heute sehr verbreitet. Um profunde Aussagen über die Gefährlichkeit bestimmter Stoffe machen zu können, muss es solche Untersuchungen geben.

Natürlich sind solche Untersuchungen nicht das einzige, aber ein wichtiges Instrument, wenn es um die Erforschung von gefährlichen Stoffen geht. Wer das jetzt skandalisiert, sollte sich zumindest fragen, welche Alternativen es zu diesen Untersuchungen gibt.

Tests dürfen keine Klassenfrage werden

Sich auf Gefühle und Empfindungen statt auf wissenschaftliche Ergebnisse zu verlassen, wäre zumindest keine akzeptable Alternative. Es ist schon erstaunlich, dass bei der reflexhaften Verurteilung der Untersuchungen nicht daran erinnert wurde, dass vor wenigen Monaten in den USA, aber auch in Europa viele Menschen für die “Freiheit der Wissenschaften” auf die Straße gegangen sind.

Es waren die Marches of Science, die für große Aufmerksamkeit sorgten. Damals sollte die Wissenschaft gegen Aberglauben und Halbwissen verteidigt werden. Doch werden dafür nicht mehr Tests an Menschen und an Tieren, die den Menschen am nächsten stehen, gebraucht? Wie soll denn sonst erkundet werden, welche Substanzen für Mensch und Tier schädlich sind und welche nicht?

Natürlich müssen diese Tests unter Bedingungen stattfinden, die für die Beteiligten die gesundheitlichen Konsequenzen möglichst minimieren. Das heißt auch, dass an solchen Tests nur Menschen teilnehmen sollen, die die Konsequenzen der Versuche überblicken können. Verdächtig ist, wenn in mehreren Meldungen skandalisiert wird, dass gesunde Menschen und Affen den Tests unterzogen wurden. Dabei müsste das doch eine selbstverständliche Grundlage für solche Tests sein.

Wird hier nicht schon unterschwellig suggeriert, es wäre nicht so schlimm, wenn die Versuchspersonen alt, krank und womöglich arm wären? Wichtiger noch wäre, dass Menschen auch nicht nur wegen der Prämien an solchen Versuchen teilnehmen. Dann würde gleich wieder die Klassenfrage eine Rolle spielen.

Gerade im Zeitalter prekärer Arbeitsverhältnisse kann die Prämie das Einkommen aufbessern. So setzen sich einkommensarme Menschen eher den Konsequenzen häufiger Tests aus, nur weil sie nicht genug Geld zum Leben haben. Nur führt das bei der dauerbetroffenen Mittelschicht, die auch die Medienticker bei den Abgas-Tests bestimmten, zu keiner größeren Diskussion.

Die Fake-News von den Menschenversuchen in der DDR

Ein Beispiel für eine aus Halbwissen gespeiste Gratisempörung waren 2013 die Meldungen über angebliche “Menschenversuche in der DDR”. Die Grundlage waren Medikamententests westlicher Pharmakonzerne in der DDR. Später stellte sich heraus, dass die ganze Aufregung auf Halbwissen und Lügen beruhte.

Die Tests in der DDR unterschieden sich nicht von denen in anderen Ländern, die nicht Gegenstand der Kritik wurden. Es reichte einfach, DDR und Medikamententests in einen Zusammenhang zu stellen und fertig war das Bild von den Menschenversuchen. Nicht anders funktionierte die Empörungswelle bei Bekanntwerden der Abgastests.

Dabei speiste sich die Empörung vor allem aus der Meldung, dass Affen im Spiel waren. Es ist schon immer ein fester Bestandteil reaktionärer Ideologie, im Zweifelsfall jedes Tier, dem ein Härchen gekrümmt wird, zu skandalisieren, während die schlechten Lebensbedingungen vieler Menschen mit Gleichmut akzeptiert werden.

Vor Jahrzehnten reichte die als Provokation angedachte Ankündigung von Vietnam-Kriegsgegnern, einen Hund unter den Bedingungen verbrennen zu wollen, denen damals viele Menschen in Vietnam während der Napalm-Bombardements der USA ausgesetzt waren, zu Vernichtungsphantasien gegen die Urheber der nicht erstgemeinten Ankündigung.

Menschen, die die Bombardierungen Vietnams durch die USA als Verteidigung der freien Welt bejubelten, gerieten in Empörung, als lediglich angekündigt wurde, einen Hund solchen Bedingungen auszusetzen.

Wirkliche Kritikpunkte werden oft ausgepart

Die Gratisempörung, die eher auf Ressentiment als auf Fakten beruht, sorgt auch dafür, dass die wirklichen Kritikpunkte gar nicht erwähnt werden. Im Fall der Abgastests wären das die Auftraggeber. Die Organisation LobbyControl bringt die Kritik auf den Punkt:

Der Fall zeigt, mit welch manipulativen Methoden die deutschen Autokonzerne dem Diesel Methoden der Tabak- oder Lebensmittelindustrie: Wissenschaftler finanzieren, um die gesundheitlichen Schäden ihrer Produkte zu bagatellisieren und schärfere Gesetze abzuwenden. Es reicht nicht, wenn sich die Autokonzerne für die nun bekannt gewordenen unethischen “Forschungsmethoden” entschuldigen. Jetzt ist die Politik am Zuge. Die Bundesregierung muss ihren Kuschelkurs mit der Autoindustrie beenden und sich generell beim Umgang mit Lobbyisten neu aufstellen.

LobbyControl

Da wären Gutachter wie Helmut Greim zu nennen, die als wirtschaftsnahe Lobbyisten seit Jahren Einfluss auf die Politik nehmen. Und da wäre die Rolle der von der Autoindustrie gegründeten und mittlerweile aufgelösten Lobbyorganisation Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit zu nennen, die für die Abgastests verantwortlich war.

Dabei muss aber klar sein, dass es Hunderte solcher Tarnorganisationen gibt, die industriefreundliche Lobbyarbeit machen. Wolfgang Hien von der Bremer Forschungsstelle für Forschung, Gesundheit und Biographie hat mit seinen Buch Kranke Arbeitswelt beschrieben, wie die Industrie gesundheitsschädliche Materialien aus Profitgründen so lange wie möglich einsetzt. Krankheitssymptome bei Beschäftigten werden solange geleugnet, bis die Betroffenen gestorben sind.

Stoppt die täglichen Menschenversuche im Straßenverkehr

Hien hat in dem Buch sehr eindringliche Beispiele aufgeführt, beispielsweise beim Einsatz von Asbest. Nur dringen diese Tatsachen längst nicht so ins Massenbewusstsein, wie die auf Halbwissen beruhende Empörung über Affen im Abgastest.

Die Taz versucht beides zu verbinden. “Stoppt die täglichen Menschenversuche der Autoindustrie”, lautet die Schlagzeile in der aktuellen Ausgabe. In einem Kommentar wird daran erinnert, dass nicht die Abgastests an gesunden Menschen und Affen ein Skandal ist, sondern die tägliche Menschenversuche durch den Automobilverkehr.

Dort werden auch Menschen, die nicht gesund und daher an solchen Tests gar nicht teilnehmen dürfen, diesen Versuchen ausgesetzt, ohne dass sie eingewilligt haben und aussteigen können. Das ist der eigentliche Skandal.

Peter Nowak
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[1] http://www.tagesschau.de/wirtschaft/autolobby-versuche-menschen-103.html
[2] https://www.nytimes.com/2018/01/25/world/europe/volkswagen-diesel-emissions-monkeys.html
[3] https://www.katja-kipping.de/de/topic/4.politisches.html
[4] http://marchforscience.de/
[5] http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/west-pharmakonzerne-betrieben-menschenversuche-in-der-ddr-a-899306.html
[6] http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-05/DDR-Medikamentenstudien-Menschenversuche
[7] http://www.deutschlandfunk.de/charite-studie-keine-menschenversuche-in-der-ddr.1769.de.html?dram:article_id=348445
[8] https://www.lobbycontrol.de/2018/01/bundesregierung-muss-autolobby-endlich-besser-kontrollieren/
[9] https://www.lobbycontrol.de/2017/06/dieselgate-aufklaerung-gutachter-mit-industrie-geschmaeckle/
[10] http://www.handelsblatt.com/downloads/20903386/2/eugt_taetigkeitsbericht_2012_bis_2015.pdf
[11] http://www.wolfgang-hien.de
[12] http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[13] http://www.taz.de/!5477881/