Umgekehrter 68er


Den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren erlebte Wolfgang Hien als junger Arbeiter.

Ich hatte das Gym­nasium nach der siebten Klasse abge­brochen. Tat­sächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule wei­ter­zu­machen, was wohl auch damit zusam­menhing, dass meine Eltern keine Aka­de­miker waren, sondern, wie man so sagt, ein­fache Leute. Die Suche nach einer Lehr­stelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte.« Als »umge­kehrten 68er« beschreibt Wolfgang Hien sich und seinen Lebensweg von der Fabrik, wo er 1965 eine Lehre als Laborant begann, an die Uni­ver­sität.

Von dem gesell­schaft­lichen Auf­bruch wurden er und ein Teil seiner Kolleg*innen in der Che­mie­fabrik beein­flusst. Sie dis­ku­tierten über Kriegs­dienst­ver­wei­gerung und die Aus­beutung im glo­balen Süden. Im Lehr­lings­wohnheim gründete Hien mit Kolleg*innen eine Kultur-AG, wofür sie anfangs Unter­stützung von der Heim­leitung bekamen. Die freute sich über junge Men­schen, die sich in der Freizeit wei­ter­bilden wollten. Doch die Poli­ti­sierung sorgte auch dafür, dass die kri­ti­schen Jungarbeiter*innen ihre Arbeits­be­din­gungen hin­ter­fragten. So ging Hien bald den Weg vieler Arbei­ter­ju­gend­lichen, die mit den Ideen von 1968 in Berührung gekommen waren. Sie ver­ließen die Fabriken, holten auf dem zweiten Bil­dungsweg das Abitur nach und begannen ein Studium.

Doch die Zeit bei BASF prägt Hien bis heute. Seine aka­de­mi­schen und poli­ti­schen Akti­vi­täten widmete er dem gesund­heit­lichen Schutz der Lohn­ab­hän­gigen. Über Jahre orga­ni­sierte er Kam­pagnen gegen eine »Kranke Arbeitswelt«, wie auch eines seiner Bücher heißt, das er im VSA-Verlag ver­öf­fent­licht hat. Lange Zeit pen­delte er zwi­schen ver­schie­denen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten aka­de­mi­schen Jobs über Wasser. Wich­tiger als eine Kar­riere war ihm sein poli­ti­sches Enga­gement in Koope­ration mit Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerkschafter*innen. Besonders der erste Alter­native Gesund­heitstag 1980 in Berlin gab Hien den Anstoß für sein Enga­gement, Betriebs­ba­sis­gruppen für Gesundheit auf­zu­bauen. Dabei ging es ihm um Men­schen­würde am Arbeits­platz und die Bedin­gungen, die Men­schen krank machen.

Anre­gungen für seine Tätigkeit holte sich Hien von ita­lie­ni­schen Aktivist*innen, die schon in den frühen 1960er Jahren skan­da­li­sierten, dass Arbeiter*innen in bestimmten Branchen wie der Che­mie­in­dustrie eine signi­fikant nied­rigere Lebens­er­wartung als der Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt hatten. Inspi­ra­tionen holte sich Hien auch aus Schriften von Oskar Negt und Andre Gorz. Engen Kontakt hält er bis heute zu kri­ti­schen Gewerkschafter*innen, die auch in der Che­mie­in­dustrie in den 1980er Jahren noch grö­ßeren Ein­fluss hatten.

Zu seinen Kontrahent*innen gehörten aber nicht nur die Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerkschafter*innen, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten und in Hiens Enga­gement eine Kam­pagne gegen die Che­mie­in­dustrie sahen. »Solche, wie dich brauchen wir hier nicht.« Diesen Satz hörte Hien öfter, wenn er sich auf eine gewerk­schaft­liche Stelle oder um Pro­jekt­för­derung durch die gewerk­schaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung bewarb. Als er dann 2003 doch noch als Referent für Gesund­heits­schutz beim DGB-Vor­stand ange­stellt wurde, geriet er schnell in den Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellt. Hien setzte sich vehement dafür ein, dass auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken im Arbeits­leben ihren Platz finden sollten. Doch damit machte er sich viele Gegner*innen.

Der Kon­flikt hatte für Hien gesund­heit­liche Kon­se­quenzen. Er brach im Büro zusammen und musste längere Zeit im Kran­kenhaus bleiben. Anschließend kün­digte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selbst­ständig. Seitdem leitet er das For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­grafie in Bremen. Dort setzt er sich für Lohn­ab­hängige und ihre Rechte ein. So beschäf­tigte er sich in einer Studie mit dem Schicksal der Beschäf­tigten der Bremer Vul­kan­werft, die 1997 geschlossen worden war. »Aus dem Regio­nal­ge­dächtnis war die Werft­schließung mehr oder weniger ver­schwunden«, erinnert sich Hien.

Daneben publi­ziert er Bücher, die sich mit seinem Lebens­thema »Gesundheit am Arbeits­platz« befassen. In dem Werk »Die Arbeit des Körpers« setzt er sich kri­tisch mit einer Arbei­ter­kultur aus­ein­ander, die das Leiden am Arbeits­platz als Härte ver­klärt und Men­schen, die das nicht aus­halten können oder wollen, als schwächlich abwertet. Was Hien bei seinem Enga­gement antreibt, steht im Titel eines Bandes, in dem er mit dem Sozi­al­wis­sen­schaftler Peter Birke über sein Leben spricht: »Es geht gegen die Zer­störung von Herz und Hirn der Men­schen«. Ein Thema, das im Zeit­alter von Com­puter- und Inter­net­ar­beits­plätzen noch dring­licher geworden ist.

Wolfgang Hien/​Peter Birke: Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn. »68« und das Ringen um men­schen­würdige Arbeit. VSA Verlag, 256 S., 22,80 Euro.

Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers von der Hoch­in­dus­tria­li­sierung in Deutschland und Öster­reich bis zur neo­li­be­ralen Gegenwart, Man­delbaum Verlag, 344 S., 25 €.


Am 3. Juli um 19 Uhr stellt Wolfgang Hien die Bücher im Regen­bo­genKino, Lau­sitzer Straße 22, in Berlin vor.

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Peter Nowak

Glyphosat-Streit: Profit gegen Gesundheit

In einer Gesell­schaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, stehen eben nicht Gesund­heits­fragen an erster Stelle

Ein CSU-Minister macht in Brüssel einen Alleingang und sorgt so dafür, dass Unkraut­mittel Gly­phosat erst einmal weiter ver­wendet werden kann. Nun blicken alle poli­ti­schen Beob­achter auf die Folgen für die neuen Son­die­rungs­ge­spräche zwi­schen der SPD und der Union.

Das sind nicht gerade die Signale, die sich die SPD-Spitze gewünscht hat, die gerade dabei ist, eine neue Koalition mit der Union anzu­peilen. Nun muss sie sich ganz schön ver­renken, um zu erklären, warum ihr Bekenntnis, sich in der Oppo­sition erneuern zu wollen, nicht mehr gilt. Es war schon peinlich zu beob­achten, wie in der letzten Woche ver­schiedene SPD-Poli­tiker erklärten, dass man sich nicht ver­weigern könne, wenn der Bun­des­prä­sident zu Gesprächen einlädt.

Da war sie wieder jene Staats- und Auto­ri­täts­gläu­bigkeit ohne jeden Inhalt, die sogar einen braven Juso-Vor­sit­zenden wie Kevin Kühnert, der jeder radialen Gesinnung unver­dächtig ist, auf die Palme brachte. Dabei könnte ja ein Sozi­al­de­mokrat auf die Idee kommen, For­de­rungen zu stellen, die die Union in die Bre­douille bringen, und so die Gespräche scheitern zu lassen, damit es zu Neu­wahlen kommt.

Aber weder hat die SPD eine poli­tische For­derung, für die sie bereit wäre, wirklich in die Oppo­sition zu gehen. Noch gibt es einen gesell­schaft­lichen Druck, dass eine solche Reform­for­derung, wie bei­spiels­weise eine Bür­ger­ver­si­cherung, durch­ge­setzt wird. Die aber könnte nur die Grundlage für eine par­la­men­ta­rische Mehrheit ohne Union und FDP sein: Nun hätten Neu­wahlen einen Sinn.

Könnte die Union im Gly­phosat-Streit bei Neu­wahlen punkten?

Jetzt liefert der CSU-Land­wirt­schafts­mi­nister Christian Schmidt der SPD eigentlich die besten Argu­mente, um eine Neu­auflage der Koalition mit der Union scheitern zu lassen. Es wird sich zeigen, ob sie sich mit Merkels Distan­zierung und ihrer Rüge an den Land­wirt­schafts­mi­nister zufrieden gibt, oder ob sie seinen Rück­tritt zur Vor­aus­setzung für weitere Gespräche macht.

So klar ist das schon deshalb nicht, weil im Kon­flikt zwi­schen dem Umwelt- und dem Land­wirt­schafts­mi­nis­terium in der SPD durchaus nicht alle auf Seiten ihrer Res­sort­mi­nis­terin stehen. Sie ver­körpert als öko­ka­pi­ta­lis­tisch ori­en­tierte Lesbe nur einen Teil der SPD-Milieus.

Min­destens genauso stark ist der klas­sisch for­dis­tische Arbeit­neh­mer­flügel in der Partei, der es nicht ver­stehen kann, warum eine mög­liche Krebs­ge­fährdung aus­reichen soll, um auf Gly­phosat zu ver­zichten. Das ist der Teil der Partei, der sich eher über Deutsch­lands Stellung auf dem Welt­markt und mög­liche Gefähr­dungen von Arbeits­plätzen als über die Gesund­heits­ge­fährdung von Gly­phosat Gedanken macht.

Bei einer Neuwahl könnte daher der CSU Schmidts einsame Ent­scheidung noch nutzen. Darin liegt sicher auch der Grund, dass Merkel das Vor­gehen von Schmidt rügte, seine Ent­scheidung aber ins­gesamt ver­tei­digte. Dabei kann Schmidts Vor­gehen auch als eine Fort­setzung der Anti-Merkel-Nadel­stiche der CSU gedeutet werden.

Schließlich soll die grün-schwarze Koope­ration, die ja am Tage des FDP-Rückzugs von den Son­die­rungen zele­briert und von vielen Medien brav nach­ge­druckt wurde, etwas belastet werden. Aller­dings sind die Grünen so inter­essant daran, mit der Union endlich gemeinsam in einer bür­ger­lichen Koalition zu regieren, dass sie auch ihre Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft des­wegen nicht ver­lieren werden. Da unter­scheiden sich die Grünen kaum von der SPD.

»Nur gele­gentlich gesund­heits­schädlich«

Doch jen­seits dieser Per­sonal- und Par­teien-Dis­kussion sollte bei der Debatte um die Zulassung von Gly­phosat nicht ver­gessen werden, dass in einer Gesell­schaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, eben nicht Gesund­heits­fragen an erster Stelle stehen. Davon berichtet sehr kennt­nis­reich der Leiter der For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen Wolfgang Hien in seinen im VSA-Verlag erschie­nenen Buch Kranke Arbeitswelt.

Er erinnert dort noch einmal an die Asbest-Kata­strophe, woran er sehr detail­reich auf­zeigt, wie Wis­sen­schaftler, dar­unter viele Arbeits­me­di­ziner und Wirt­schafts­ver­bände, jah­relang gegen alle wis­sen­schaft­liche Evidenz bestritten, dass Asbest gesund­heits­schädlich ist.

Hien spricht sogar davon, dass sich füh­rende Wis­sen­schaftler des Bun­des­ge­sund­heits­amtes von der Asbest­in­dustrie kaufen ließen. Eternit und andere Unter­nehmen und eben auch viele gekaufte Wis­sen­schaftler behaup­teten bis zuletzt, Asbest sei nicht oder nur gele­gentlich gesund­heits­schädlich. Hien spricht auch an, dass auch ein Teil der Lohn­ab­hän­gigen nichts von den Gesund­heits­ge­fahren wissen wollte:

Leider muss zugleich fest­ge­halten werden, dass auch füh­rende Gewerk­schaftler und viele Betriebsräte sich damals der Meinung anschlossen, ganz einfach auch deshalb, weil sie um ihre Arbeits­plätze fürch­teten.

Wolfgang Hien

Hien zeigt auch, mit welch harten Ban­dagen im wahrsten Sinne des Wortes auch unter Lohn­ab­hän­gigen für die Arbeit mit gesund­heits­schäd­lichen Mate­rialen gekämpft wurde. Da wurde schon mal einen oppo­si­tio­neller Betriebsrat nicht nur verbal, sondern auch kör­perlich atta­ckiert. Hiens Kapitel in dem Buch über den langen Kampf, den es brauchte, um Asbest als gesund­heits­ge­fähr­dendes Material ein­zu­stufen, zeigt, wie Recht Karl Marx mit seinem Diktum hatte, für 100 Prozent Profit geht das Kapital über Leichen.

Die wis­sen­schaft­lichen Erkennt­nisse über die gesund­heits­schäd­lichen Folgen von Asbest zumindest waren längst bekannt. Während der Kri­mi­nalfall Asbest doch noch in Erin­nerung geblieben ist, ist es Hien zu ver­danken, noch einmal auf die Arsen­ka­ta­strophe an der Mosel erinnert zu haben. Das von BASF pro­du­ziert Insek­ten­ver­nich­tungs­mittel Arsen­trioxid ver­ur­sachte viele töd­liche Erkran­kungen.

Hien legt dar, wie Arbeits­me­di­ziner noch ver­suchten, den Opfern nach­träglich die Ent­schä­di­gungs­zah­lungen zu ver­weigern. Der Buch­autor ist auch weit davon ent­fernt, diese Pro­bleme als nicht mehr aktuell dar­zu­stellen. Im Gegenteil wird heute das Gesund­heits­problem aus­ge­lagert.

Leih­ar­beiter aus Ost­europa oder dem glo­balen Süden sterben in ihren Hei­mat­ländern an den Krank­heiten, die sie sich bei gesund­heits­ge­fähr­denden Arbeiten im glo­balen Norden zuge­zogen haben. Oder das Gift­ma­terial wird gleich in den glo­balen Süden expor­tiert, was Hien am Bei­spiel der Demontage von Schiffen zeigt.

Wenn aber in Indien oder Afrika Men­schen an den Wohl­standsmüll aus dem glo­balen Norden sterben, erregt das längst nicht so sehr, als wenn nun das viel­leicht gele­gentlich gesund­heits­schäd­liche Gly­phosat im EU-Raum zum Einsatz kommt. In der Debatte ist nur glaub­würdig, wer die hohe Mess­latte für mög­liche Gesund­heits­ge­fähr­dungen global anlegt.

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[2] https://​www​.jusos​.de/​p​e​r​s​o​n​e​n​/​k​e​v​i​n​-​k​u​e​h​nert/
[3] http://​www​.wolfgang​-hien​.de/
[4] http://​www​.vsa​-verlag​.de/​n​c​/​d​e​t​a​i​l​/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​r​a​n​k​e​-​a​r​b​e​i​t​s​welt/
[5] http://​www​.deutsch​land​funk​kultur​.de/​a​s​b​e​s​t​-​d​i​e​-​t​o​e​d​l​i​c​h​e​-​w​u​n​d​e​r​f​a​s​e​r​.​9​7​6​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​2​96639
[6] http://​www​.zeit​.de/​1​9​8​5​/​3​0​/​a​r​s​e​n​-​u​n​d​-​a​sbest

Peter Nowak

Krankmeldung als Waffe in einer »kranken Arbeitswelt«?

Viele Beschäftige in Deutschland könnten sich an den Piloten ein Bei­spiel nehmen. Sie sollten eher auf ihre Gesundheit achten, als krank zur Arbeit zu gehen. Ein Kom­mentar

Sie hätten feh­lenden Anstand, seien feige und könnten sich nicht auf das Arbeits­recht berufen. So wurden im Deutschlandfunk[1] die Air-Berlin-Piloten beschimpft, die sich in den ver­gan­genen Tagen ver­mehrt krank gemeldet hatten. Der Wirt­schafts­jour­nalist Thomas Weinert machte auch gleich deutlich, warum er sich so darüber echauf­fiert. »Jeder Investor wird sich fragen, ob er sich so ein Betriebs­klima leisten kann.« 

Und immer an den Standort denken

»Eine kol­lektive Krank­meldung in der jet­zigen Situation ihres Arbeit­gebers – das ist so ziemlich das Fie­seste, was man sich aus­denken kann«, holt Weinert nun zur ulti­ma­tiven mora­li­schen Ver­nichtung der Piloten aus, die eben wohl mal nicht zuerst an den Standort Deutschland gedacht haben. Das aber ist ja das Credo der deut­schen Volks­ge­mein­schaft, die sich in der BRD ver­schiedene Namen gegeben hat wie »kon­zer­tierte Aktion« oder »Stand­ort­ge­mein­schaft«. 

Immer ging es darum, dass es die höchste Tugend sei, Opfer für die Inter­essen des Unter­nehmens und den Standort Deutschland zu bringen. Wer dazu nicht bereit war, galt ent­weder ein schlimmer Chaot oder roter Umstürzler oder eben total ego­is­tisch, feige und anstandslos. Darüber waren sich in diesen Tagen Poli­tiker von SPD, FDP und Union, die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft verdi[2] und fast alle Medien unisono einig. 

Diese deutsche Stand­ort­ge­mein­schaft lässt erahnen, was erst in Deutschland los wäre, wenn das Bei­spiel der Piloten Schule machen würde. Wenn sich auch Beschäf­tigte in den Kitas, in den Kran­ken­häusern und auch an anderen Arbeits­stellen daran ein Bei­spiel nehmen würden. Grund dazu hätten sie auf jeden Fall. Denn die dor­tigen Arbeits­be­din­gungen, die ständige Über­lastung, die dünne Per­so­nal­decke machen krank. Es gibt also wohl kaum eine Branche, die davon nicht betroffen wäre. 

Inne­halten in der »kranken Arbeitswelt«

Der Leiter der des Bremer For­schungs­büros für Arbeit, Gesundheit und Biographie[3]Wolfgang Hien[4] hat im VSA-Verlag unter dem Titel Kranke Arbeitswelt[5] eine enga­gierte Streit­schrift ver­fasst, die die viel­ge­rühmte neue Arbeits­kultur als Angriff auf die Gesundheit der Beschäf­tigten begreift. 

Das Buch endet mit einer Utopie: »Das Mög­liche, dieses ‚Noch-Nicht‘ (Bloch), kündigt sich heute schon an. Überall sind Zeichen zu sehen, zu hören, zu fühlen, wenn wir nur genau hin­schauen, genau hin­hören, genau hin­spüren. Dazu brauchen wir aber auch die Stille, das Inne­halten, die Abkehr von den Ver­blen­dungen und dem Getöse der kapi­ta­lis­ti­schen Warenwelt.« 

Dazu brauchen wir aber mehr Beschäf­tigte, die es wie die Air-Berlin-Piloten machen, die sich lieber krank­melden als sich krank­schuften. Es wird sofort argu­men­tiert, dass die Piloten ihre Stellung aus­nutzen und dass sie sowie schon zu den Gut­ver­die­nenden gehören. Was sollen aber erst die Beschäf­tigten bei Air-Berlin sagen, die viel schlechter bezahlt werden? 

So wurde auch schon argu­men­tiert, als die Lok­führer in den Aus­stand getreten sind. Doch die­je­nigen, die nun den Piloten vor­werfen, sie wären unso­li­da­risch gegenüber den schlechter bezahlten Kol­legen, haben nur ein Credo: Alle müssten Opfer bringen. Viel­leicht waren ja die­je­nigen, die sich krank­schreiben ließen, auf ihre Art viel soli­da­ri­scher. Sie haben schließlich auf­ge­zeigt, dass es tat­sächlich Alter­na­tiven zur Ideo­logie des stän­digen Opfer­bringens für den Standort gibt. 

Natürlich bräuchte es mehr Basis­ge­werk­schaften und soli­da­rische Initia­tiven, damit sich die Devise »lieber krank melden als krank­schuften« ver­breitet. Sie gehörte seit jeher zu den Grund­sätzen von Beschäf­tigten, die wussten, dass sie nicht mit den Firmen iden­tisch waren, bei denen sie ihre Arbeits­kraft ver­kauften. Das Problem fängt dort an, wo Opel­ar­beiter tat­sächlich mit Parolen wie »Wir sind Opel« schon deutlich machen, dass sie zu fast allen Opfern bereit sind, um nur weiter beim Unter­nehmen zu bleiben. Genau diesen Ein­druck haben die Air-Berlin-Piloten nicht hin­ter­lassen und das ist nicht zu unter­schätzen. 

Eine Nation von Hob­by­ärzten

Daher auch war die mediale Empörung so groß. Da wurde auch nicht mal hin­ter­fragt, wieso über­haupt alle davon aus­gehen, dass die Piloten keinen ver­nünf­tigen Grund für ihre Krank­mel­dungen hatten. Schließlich müsste sich doch schon rum­ge­sprochen haben, dass auch Stress und besondere Belas­tungen Krank­heits­fak­toren sind. Und davon gab es bei Air Berlin genug. Den hatten aber nicht die Piloten oder andere Beschäf­tigte zu ver­ant­worten, sondern die Manager, die das Unter­nehmen in die Pleite geführt haben. 

Ist es nicht ein besonders ver­ant­wor­tungs­volles Ver­halten der Piloten, dass sie ihren Stress nicht igno­rieren und mit irgend­welchen Pla­cebos zu über­tünchen ver­suchen? Schließlich üben sei einen Beruf aus, in dem ein fal­scher Hand­griff und Kon­zen­tra­ti­ons­schwächen fatale Folgen haben können. 

Es ist schon erstaunlich, dass wir jetzt eine Nation von Hob­by­ärzten haben, die ganz genau wissen, dass es aber auch gar keinen Grund für die Krank­schreibung der Piloten. Mitt­ler­weile haben sich fast alle Piloten wieder an die Arbeit zurück­ge­meldet. Doch ihr kurzer Moment des Aus­bruchs aus dem gesell­schaft­lichen Konsens in Deutschland sollte Schule machen. 

Nachtrag: »Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten«

Auszug aus einem Interview[6] der Rhei­ni­schen Post mit einem Flug­ka­pitän der Air Berlin, der »zur Arbeit geht«: 

Peter N.: Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten. Uns wurden teil­weise unsere Urlaubstage abge­kauft, damit wir fliegen können. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Sanie­rungs­pro­gramme ich schon mit­ge­macht habe. Unsere Per­so­nal­si­tuation ist seit Jahren schwierig, wir haben nicht genug Piloten. Weil sich 200 von knapp 1400 Piloten krank gemeldet haben, bricht jetzt der Flug­be­trieb zusammen? Das ist doch lächerlich. (…) 

RP: Wie kommt es denn dazu, dass sich die Mit­ar­beiter erst jetzt krank melden und nicht schon nach der Insolvenz-Nach­richt Mitte August? 

Peter N. Das liegt daran, dass es am 11. Sep­tember Gespräche über die Zukunft der Mit­ar­beiter nach einer Über­nahme gab. Doch die Geschäfts­führung hat uns signa­li­siert, dass es dazu keine Über­le­gungen gibt. Da trifft unsere Per­so­nal­ver­tretung auf die pure Arroganz am Ver­hand­lungs­tisch. Das treibt die Men­schen in die Ver­zweiflung. Da kann ich ver­stehen, dass den Mit­ar­beitern schlecht wird bei dem Gedanken an ihre Zukunft. Sagen Sie mir mal, wie man Ver­ant­wortung für 300 Per­sonen im Flugzeug über­nehmen soll, wie man seinen Job mit klarem Ver­stand machen soll, wenn gerade alles schief geht? 

RP: Sagen Sie es mir, wie das geht.

Peter N.: Ganz ehrlich, ich kann ver­stehen, dass manche Kol­legen sich krank melden, weil sie dem Druck nicht mehr stand­halten. Die Gedanken sind immer da, die Angst vor dem sozialen Abstieg – und dabei ist es egal, was man vorher ver­dient hat. Niemand kann wollen, dass psy­chisch und emo­tional belastete Piloten wei­terhin fliegen.

Interview[7], Rhei­nische Post, 15.09. 2017
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Peter Nowak
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[4] http://www.wolfgang-hien.de/(http://www.wolfgang-hien.de/
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[7] http://​www​.rp​-online​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​u​n​t​e​r​n​e​h​m​e​n​/​i​n​s​o​l​v​e​n​z​-​v​o​n​-​a​i​r​-​b​e​r​l​i​n​-​d​e​n​-​p​i​l​o​t​e​n​-​w​i​r​d​-​d​e​r​-​s​c​h​w​a​r​z​e​-​p​e​t​e​r​-​z​u​g​e​s​c​h​o​b​e​n​-​a​i​d​-​1​.​7​0​81340