Mit ‘Wolfgang Hien Kranke Arbeitswelt’ getaggte Artikel

«Lobbygruppen verbieten!»

Samstag, 24. März 2018

Die Abgastests an Menschen haben Schlagzeilen gemacht, PolitikerInnen aller Parteien äusserten sich empört und der verantwortliche Konzern sagt, dass soll nicht mehr vorkommen. WarumIn Deutschland empörten sich Medien und Politik über Abgastests an Menschen. Der wirkliche Skandal liegt woanders. Ein Gespräch mit dem Arbeitswissenschaftler und Medizinsoziologen Wolgang Hien.
diese Aufregung?

Ich befasse mich als Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler seit Jahrzehnten mit Gefahrstoffen und Belastungen am Arbeitsplatz. Auf mich wirkt dieser ganze Hype oder diese ganze Aufregung sehr seltsam. Natürlich machen die Chemie- und die Pharmaindustrie seit mehr als 100 Jahren entweder selbst Experimente, auch mit Menschen, oder sie vergeben solche Experimentalaufträge an Universitäten und andere Institute. Das ist überhaupt nichts Neues. Ich selbst habe auf diese Dinge in Publikationen und in Vorträgen seit den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder hingewiesen. Und natürlich ist das Interesse der Industrie grundsätzlich immer, herauszubekommen, wie viel Gifte der Mensch gerade noch verträgt, wie viel er verkraften kann. Und immer wieder hat die Industrie versucht, der Frage auszuweichen, was denn gesundheitlich passiert, wenn die Exposition – also das Ausgesetztsein gegenüber schädlichen Stoffen oder Einflüssen – sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO2, dem Stickstoffdioxid. Die Versuche, die mit total gesunden Personen und nur mit jeweils wenigen Stunden in Aachen gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da kann gar nichts Schlimmes herauskommen. Die Exposition lag weit unterhalb der maximalen Arbeitsplatzkonzentration, die bis 2008 jahrzehntelange Geltung hatte. Das waren über lange Zeiten hinweg 5 ppm, das sind 5 Kubikzentimeter Gas auf einen Kubikmeter Atemluft. Das waren umgerechnet 9,5 mg/m3. In Aachen wurde junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm ausgesetzt. 2009 gab es eine Entscheidung der MAK-Kommission, das ist eine WissenschaftlerInnenkommission, auch solche aus der Industrie, die die Maximale Arbeitsplatz-Konzentration (MAK) feststellen bzw. Vorschlage für deren amtliche Festlegung machen. Die MAK-Kommission hat 2009 den Grenzwert auf ein Zehntel des bisherigen Grenzwertes heruntergesetzt, auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht auszuschliessen ist, dass eine langfristige Exposition, die darüber liegt, Lungenschäden verursacht. Das weiss man längst und in Aachen wurde das nochmal bestätigt.

Wo müsste die eigentliche Kritik ansetzen?
Der eigentliche Skandal liegt erstens darin, dass Hunderttausende von Menschen am Arbeitsplatz über Jahrzehnte einer tatsächlich schädigenden Konzentration ausgesetzt waren, obwohl es seit Jahrzehnten eine klare Kritik an der alten Grenzwertsetzung gegeben hat. Zweitens ist es ein Skandal, dass viele Millionen Menschen, vor allem Kinder, chronisch Kranke und Alte, an stark befahrenen Strassen nicht nur acht Stunden am Tag und vierzig Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheblichen Konzentrationen belastet sind, die mit Sicherheit statistisch gesehen Schäden verursachen. Der eigentliche Skandal ist, dass hier seit Jahrzehnten ein Massenexperiment am Menschen vorgenommen wird. All das haben wir kritischen WissenschaftlerInnen seit langem thematisiert.

Wie wurde auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer eher verhalten. Man entgegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Industrieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kollateralschäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist in vielen Fällen Heuchelei, manchmal vielleicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 ProbandInnen, die sich den Abgastests unterzogen haben, überhaupt repräsentativ?
Es geht ja hier um toxikologische Forschungen, um erste Anzeichen einer schädigenden Wirkung beim Menschen zu ermitteln. Man kann derartige Tests durchaus mit so wenigen Leuten machen, je nach Versuchsaufbau kann das schon Erkenntnisse bringen. Wichtig wäre eine sehr genaue Wahrnehmung von Befindlichkeitsstörungen

Die Lobbyvereinigung «Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit», die Tests veranlasste, wurde bereits im letzten Jahr aufgelöst. Kommt die Kritik nicht zu spät?
Es gibt Hunderte von aggressiven Lobbygruppen, und wenn es nach mir ginge, müssten die verboten werden. Zumindest aber müsste aus Steuermitteln den unabhängigen Verbänden und kritischen WissenschaftlerInnen das Hundertfache an Zuwendungen gegeben werden, damit auch sie Lobbyarbeit im Sinne der Menschen und des Schutzes ihrer Gesundheit machen können.

Ist also die Regel, dass konzernnahe Lobbyorganisationen solche Tests machen?
Das kommt häufig vor und am Schlimmsten sind die Geheimhaltungsrechte der Konzerne. Gerade bei Pestiziden wissen wir seit Jahrzehnten, dass sehr besorgniserregende Daten geheim gehalten werden. Basagran, ein früher verwendetes Pestizid des Chemiekonzerns BASF, hat in höheren Dosierungen im Tierversuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-amerikanische BürgerInneninitiative eine Klage auf ihr «Right to know» gewonnen hat. Von Glyphosat ist das Gleiche durchgesickert – auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zuständigen Behörden, hier das Bundesinstitut für Risikobewertung, ein Teil des früheren Bundesgesundheitsamtes, schwimmt im Strom der industriehörigen Toxikologie mit und gibt sich mit angeblichen Ergebnissen geheim gehaltener Daten zufrieden.

Sie haben in Ihren Buch «Kranke Arbeitswelt» viele Beispiele solcher konzernnaher Wissenschaft aufgelistet. Können Sie eins nennen?
Ein eklatantes Beispiel ist das Asbest. Hier versucht eine starke Lobby, unterstützt von einigen wenigen weltweit führenden WissenschaftlerInnen, Weissasbest als harmlos darzustellen oder zumindest weniger schädlich, nicht oder nur gering krebserzeugend. Diese Lobby versucht also, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die momentan gültigen Bestimmungen und nun doch relativ niedrigen Grenzwerte auszuhebeln. Zum Glück haben sich verantwortungsvolle WissenschaftlerInnen offen gegen diese Lobby gestellt und aufgezeigt, dass deren Argumentation und angeblichen Daten keine Grundlage besitzen. Es gibt nachweisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu mal eine tiefergehende Untersuchung über die Verstrickung führender ArbeitsmedizinerInnen mit der Tabakindustrie gemacht. Es ging um Passivrauchen, auch die Belastungen etwa in Wohnungen, wo ja Kinder besonders exponiert sind.

Welche Rolle spielen gesundheitsschädliche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expositionen in der Arbeitswelt sind natürlich viel höher als die in der Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hierzulande, nicht für die Schwellenländer und Dritt-Welt-Länder. Dort spielen Kinder auf regelrechten Giftmülldeponien. Doch zurück zur Arbeitswelt hierzulande: Da wird mit vielen neuen Stoffsystemen hantiert, Epoxidharzen, Isocyanate, Nanopartikel, die nur unzureichend auf Langzeitwirkungen untersucht sind. Auch hier findet ein Menschenversuch in grösseren Massstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeitsleben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen vorzeitiger arbeitsbedingter Krankheit oder arbeitsbedingtem Tod.

Wolfgang Hien ist Arbeitswissenschaftler und Medizinsoziologe und Leiter der Forschungsstelle Arbeit, Gesundheit und Biographie in Bremen. Er beschäftigt sich mit krankmachenden Stoffen im Wohn- und Arbeitswelt.

aus: Vorwärts/Schweiz 16.3.2018

http://www.vorwaerts.ch/theorie-debatte/lobbygruppen-verbieten/

Interview: Peter Nowak

“Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe”

Freitag, 02. März 2018

Das “Diesel-Urteil” des Bundesverwaltungsgerichts und die Wissenschaft. Interview mit Wolfgang Hien vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie

Telepolis sprach mit Wolfgang Hien[1] vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie. Hien beschäftigt sich mit Gesundheitsbelastungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch “Kranke Arbeitswelt”[2] erschienen.

Hat nicht auch die Umweltwissenschaft versagt, wenn ein Gericht und die Deutsche Umwelthilfe die tägliche Vergiftung im Straßenverkehr auf die Agenda setzen?
Wolfgang Hien: Ich möchte vorausschicken, dass es sehr wohl Wissenschaftler gibt, die die Risiken sehen. Über die rede ich jetzt nicht. Ich rede über die vielen sich zum Gutachter für Umweltfragen gerierenden Arbeitsmediziner, die die Risiken herunterreden. Das war nicht nur ein Doktor Michael Spallek von VW.
Das ist der ehemalige MAK-Vorsitzende Professor Helmut Greim[3], der schon im letzten Jahr in einem großen Gutachten die Gesundheitsgefahren der Dieselabgase heruntergespielt hat. Es gebe, so Greim, derart viele Einflussfaktoren auf die Gesundheit, dass es nicht möglich sei, NOx und Feinstäube – die ja immerhin krebserzeugende PAK (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe) enthalten – als Erzeuger von Lungenkrankheiten und sonstigen schweren Erkrankungen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später eintreten können, “dingfest” zu machen.
Auch viele weitere hochrangige Arbeitsmediziner meldeten sich in den letzten Wochen zu Wort und – im O-Ton – “warnen vor einer Dramatisierung der angeblichen Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase”, so z.B. Prof. Hans Drexler[4] aus Erlangen.

Wie bewerten Sie solche Äußerungen dieser Wissenschaftler?
Wolfgang Hien: Derartige Einlassungen sind nach meinem Dafürhalten ungeheuerlich. Und dies aus mehreren Gründen. Eben diese Arbeitsmediziner haben es bis 2009 untätig hingenommen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter an bestimmten Arbeitsplatzen – nehmen wir als Beispiel die Dieselstapler – bis zu 9,5 mg/m3 NOx ausgesetzt waren.
Auch die Feinstaubkonzentrationen waren jahrzehntelang sehr hoch. Die Gesundheitsschäden waren aber dann irgendwann nicht mehr zu leugnen, so dass ab 2010 der Arbeitsplatzgrenzwert auf ein Zehntel gesenkt wurde.
Dieser neue Wert von 950 Mikrogramm gilt aber nur für gesunde erwachsene Personen, maximal 8 Stunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche. Jetzt kommen diese gleichen ignoranten Arbeitsmediziner und suggerieren, dass diese 950 Mikrogramm doch recht eigentlich für alle Menschen gelten könnten, auch für Kinder und Alte an stark befahrenen Straßen 24 Stunden am Tag und immerwährend.

Gab es nicht Untersuchungen, die das widerlegten?
Wolfgang Hien: Natürlich. Zugleich werden von dieser sich als wissenschaftlich gebenden Seite umweltmedizinische Studien, die ab 40 Mikrogramm aufwärts einen Anstieg der Gesundheitsrisiken sehen, ignoriert oder als irrelevant zur Seite getan.
Und wenn da von 100.000 Personen mal 5 oder 6 erkranken oder später gar an Krebs sterben – wir dürfen die PAK nicht vergessen, die ja ebenfalls und gleichzeitig auf die Menschen einwirken -, dann sieht das diese Professorenriege, also Greim, Drexler und einige andere, eher als harmlos oder als vernachlässigbar an. Was sind schon 5 Menschen auf 100.000 Menschen? Das verschwindet “im Hintergrundrauschen”, sagte mir ein angesehener Arbeitsmediziner.

Können Sie da weitere aktuelle Beispiele nennen?
Wolfgang Hien: Ich möchte Dr. Matthias Möhner[5] nennen. Der wissenschaftliche Direktor der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin[6] qualifiziert in einer neueren Übersichtsarbeit praktisch alle epidemiologischen Dieselabgas-Studien, die ein Risiko gesehen haben, als nichtssagend und “methodisch nicht haltbar” ab.
Ich persönlich halte dies für einen ungeheuerlichen Vorgang, nämlich: dass sich ein Angestellter eines Bundesinstituts derart als Lobbyist der Autoindustrie gebärdet.

Was für ein Wissenschaftsverständnis steht dahinter?
Wolfgang Hien: Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe. Gerade wenn es methodische Unsicherheiten gibt, sind immer Wissenschaftler gehalten, vom “Fehler zweiter Art” auszugehen.
Das bedeutet, dass in einer Studie ein Risiko übersehen werden kann, insbesondere dann, wenn die Fallzahl zu klein ist. Wir sprechen in der Epidemiologie davon, dass die “Power” einer Studie zu klein ist, um gültige Aussagen zu treffen.
Und wenn trotz relativ kleiner Fallzahlen Risiken gesehen werden, umso ernster muss die Studie genommen werden. Solchen Studien mit hoher Power die Gültigkeit abzusprechen, wie es etwa Möhner tut, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das kommt für mich einer bewussten Tatsachenverfälschung nahe, die auch noch – wie in diesem Falle – mit einem Stempel der Amtlichkeit versehen wird.

Hat die Umweltmedizin in der Dieseldebatte versagt?
Wolfgang Hien: Insgesamt zeigt die Dieselabgasdebatte, dass eine gute Umweltmedizin in Deutschland stark ins Hintertreffen geraten ist, vielleicht sogar nie als relevant eingestuft war. Man hat einfach den Arbeitsmedizinern den Hut “Umweltmedizin” auf den Kopf getan, obwohl das ein völlig anderes Gebiet ist und völlig andere Denkweisen benötigt.
Da geht es gleich um viele Millionen Menschen. Und wenn von beispielsweise einer Million Personen aufgrund von Umweltschadstoffen 5 pro 100.000 pro Jahr krank werden, dann sind das 375 Personen pro 100.000 in der Lebensspanne von 75 Jahren und folglich 3.750 Personen, dann ist bei weitem nicht “vernachlässigbar”.

https://www.heise.de/tp/features/Wissenschaftsethisch-halte-ich-diesen-ganzen-Verharmlosungsdiskurs-fuer-eine-Katastrophe-3984981.html

Peter Nowak
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http://www.heise.de/-3984981

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.wolfgang-hien.de/
[2] http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kranke-arbeitswelt/
[3] https://www.bundestag.de/blob/438866/fee11379350c2e582dc1e82d37713a19/sv_2_greim-data.pdf
[4] https://www.arbeitsmedizin.uni-erlangen.de/mitarbeiterdaten/hans-drexler.shtml
[5] https://www.researchgate.net/profile/Matthias_Moehner
[6] https://www.baua.de/DE/Home/Home_node.html
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Warum nicht das Fahrverbot selber machen

Sonntag, 25. Februar 2018

Warum wurden am Wochenende keine Straßenkreuzungen blockiert? Stattdessen starrt die Umweltbewegung wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Entscheidung der Justiz

Seit Wochen ist das Thema Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den Medien. Eigentlich sollte das Bundesverwaltungsgericht schon letzten Donnerstag einen Beschluss fassen. Das Gericht hat sich auf kommenden Dienstag vertagt, wohl auch um der Bundesregierung Zeit für mögliche Vorbereitungen für eventuelle Fahrverbote zu geben. Auffällig ist, dass kurz nach der Vertagung bekannt wurde, dass die Bundesregierung Vorbereitungen dafür trifft.

Doch wo bleibt die außerparlamentarische Umwelt-Bewegung?

Was man aber vermisst, war das Zeichen für die Existenz einer außerparlamentarischen Umweltbewegung. Schließlich war gerade sie über Jahrzehnte, wenn es um AKWs ging, und seit einigen Jahren auch in der Bewegung für die Abschaltung der Kohlekraftwerke als eigener Faktor präsent. “Alles muss man selber machen”, lautete die richtige Erkenntnis.

Nur beim Kampf gegen die jahrzehntelange Vergiftung von Mensch und Umwelt durch den Individualverkehr scheint dieses Motto nicht zu gelten. Dabei wäre hier die vielbeschworene Kreativität und Spontanität der Umweltbewegung leicht umzusetzen. Schließlich bräuchte man keine langen Fahrten zu Standorten von AKWs und Kohlekraftwerken auf sich zu nehmen. Denn das Neckartor ist überall.

So wie die hoch mit Autogift kontaminierte Straße in Stuttgart hat jede Stadt ihre besonders umweltschädlichen Ecken. Warum gab es keinen Aufruf, die Zeit bis zur gerichtlichen Entscheidung zu nutzen, um schon mal in Eigenregie ein Fahrverbot umzusetzen? Man hätte nur am Samstagsmittag zum Flashmob auf diesen Straßen aufrufen sollen.

Wären in vielen Städten an diesen vielbefahrenen Straßen Menschen auf die Fahrbahn getreten und hätten sie nicht wieder verlassen oder hätten sie das Bedürfnis verspürt, in großen Gruppen die Straße immer wieder zu überqueren, dann wäre der Autoverkehr zum Stehen gekommen. Dann wäre genau das eingetreten, was fast regelmäßig auf Autobahnen passiert. Nur hätte dieser Stau ein politisches Ziel, das über die Debatte um Diesel und Fahrverbote hinausgehen muss.

“Massenexperiment an Menschen”

Der Arbeitsmediziner und Autor des Buches “Kranke Arbeitswelt” Wolfgang Hien brachte in einem Interview auf den Punkt, um was es bei der Diskussion um die Vergiftung der Umwelt eigentlich geht:

Der eigentliche Skandal liegt erstens darin, dass Hundertausende Menschen am Arbeitsplatz über Jahrzehnte einer tatsächlich schädigenden Konzentration ausgesetzt waren, obwohl es seit Jahrzehnten Kritik an der alten Grenzwertsetzung gab. Zweitens ist es ein Skandal, dass Millionen Menschen, vor allem Kinder, chronisch Kranke und Alte, an stark befahrenen Straßen nicht nur acht Stunden am Tag und 40 Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheblichen Konzentrationen belastet sind, was statistisch gesehen mit Sicherheit Schäden verursacht. Der eigentliche Skandal ist, dass hier seit Jahrzenten ein Massenexperiment an Menschen vorgenommen wird. All das haben kritische Wissenschaftler seit langem thematisiert.

Wolfgang Hien

Wäre es da nicht an der Zeit, dass sich die Umweltbewegung auf den Grundsatz “Umweltschutz ist Handarbeit” erinnern würde und jenseits von Politik und Justiz damit anfangen würde, Fahrverbote umzusetzen? Doch von solchen Aktionen konnte man nichts lesen.

Stattdessen wird wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts gestarrt. Dabei müsste doch zumindest bei lange in der ökologischen Bewegung aktiven Menschen die Erkenntnis noch nicht gänzlich verschüttet sein, dass die Justiz ein Teil des Staatapparats ist und bei seiner Entscheidung die staatlichen Gesamtinteressen im Fokus hat.

Das heißt nicht, dass die Gerichtsentscheidungen immer nur nach dem Gusto des Kapitals ausfallen. Es ist ja gerade die Aufgabe der Justiz im bürgerlichen Staat ein Gesamtinteresse zu konstruieren, was weder im Interesse noch in der Möglichkeit der einzelnen Kapitalfraktionen ist. Die Vorstellung aber, dass ein Gericht sich schon um die Umweltinteressen kümmern wird, ist absurd und zeugt von einen mangelnden Verständnis von Staat und Justiz.

Wenn überhaupt Umweltinteressen in gerichtliche Entscheidungen einfließen, dann wenn sich starke Bevölkerungsgruppen aktiv unabhängig vom Staat und seinen Apparaten dafür einsetzen. Die Anti-AKW-Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel Daher ist ein Ausdruck der Regression einer ehemals außerparlamentarischen Bewegung, wenn sie nicht mehr in der Lage eigene Akzente jenseits von Parteien und Justiz zu setzen.

Nahverkehr gratis für Alle

Dieses Manko zeigt sich auch bei der Alternative für den gesundheitsschädlichen Individualverkehrs. Seit Jahrzehnten kämpfen Menschen für einen günstigen besser noch einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Er würde das Recht auf Mobilität auf Alle Realität werden lassen.

Die Kämpfe der Rote-Punkt-Aktion Ende der 1960er Jahre gehören ebenso dazu, wie viele lokale Bewegungen in unterschiedlichen Städten. “Berlin fährt frei” lautete das gut begründete Motto einer Kampagne für kostenlosen Nahverkehr in Berlin, die wesentlich vom mittlerweile nicht mehr existierenden Berliner Sozialforum ausgegangen ist.

Das Bündnis wie auch die dazu gehörige Homepage sind mittlerweile Geschichte, die Forderung ist aber aktueller denn je. Das wurde deutlich, als die Bundesregierung kostenlosen Nahverkehr in einigen ausgewählten Städten in einem Brief aufführte, den sie an die EU-Kommission schrieb.

Der Kommission in Brüssel gegenüber soll sie Vorschläge benennen, wie sie die weiterhin selbst nach EU-Normen zu hohen Abgaswerte in vielen deutschen Städten senken will. Doch was machte die Linke?

Sie hätte daran erinnern können, dass nun ihre langjährigen immer als unrealistisch verlachten Forderungen sogar in einen Brief der Regierung auftauchen. Sie hätte kritisieren könne, dass da nur einige Städte als Experimentierfeld für den kostenlosen Nahverkehr benannt wurden und Metropolen wie Berlin und Hamburg ausgespart wurden.

Und sie hätte das Motto “Kostenloser Nahverkehr machen wir selbst” dazu aufrufen sollen, jetzt bundesweit schon mal mit dem Fahren ohne Fahrschein zu beginnen. Wenn das viele machen, können die Kontrolleure nichts mehr machen. Stattdessen las man in vielen linken Medien, das ganze sei nur ein Ablenkungsmanöver der Regierung, sei gar nicht zu bezahlen und völlig unrealistisch.

Genau die Ausflüchte der Regierung benannte jetzt die Linke, um sich nicht um die Durchsetzung ihrer eigenen Forderungen kümmern zu müssen. Nur wenige wie der linke Verkehrsexperte Winfried Wolf verteidigten die Forderung eines kostenlosen Nahverkehrs.

Bei einer so angepassten Umweltbewegung brauchen sich die staatlichen Apparate wirklich nicht zu sorgen.

https://www.heise.de/tp/features/Warum-nicht-das-Fahrverbot-selber-machen-3977962.html

Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3977962

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Fahrverbote-Verkehrsministerium-bereitet-Rechtsgrundlage-vor-3977757.html
[2] https://jungle.world/artikel/2018/06/oftmals-heuchlerisch
[3] https://www.youtube.com/watch?v=Pa0p5abNKgA
[4] http://klima.blogsport.de/images/DiskussionspapierBerlinfaehrtfrei.pdf
[5] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1079903.kostenloser-oepnv-weniger-verkehrstote-durch-umsonstfahren.html