Mit ‘Wolfgang Hien Die Arbeit des Körpers’ getaggte Artikel

GEGEN DIE ZERSTÖRUNG VON HERZ UND HIRN

Montag, 10. Dezember 2018

„Arbeitsbedingte Krankheiten nehmen zu. Dieser Entwicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesundheitswissenschaftliche Kompetenz einsetzen.“

Mit diesen Sätzen beschreibt Wolfgang Hien sein langjähriges Engagement für den Gesundheitsschutz in der Arbeitswelt. Warum das Thema zu seiner Lebensaufgabe wurde, kann man in einem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem Historiker Peter Birke geführt hat.

Im VSA-Verlag ist es unter dem Titel „Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn“ veröffentlicht worden. Dort beschreibt Hien, wie ihn seine Erfahrungen als Auszubildender beim Chemieriesen BASF in Ludwigshafen geprägt haben. Daher könnte vielleicht der Untertitel des Buches „68 und das Ringen um eine menschenwürdige Arbeit“ auf den ersten Blick irritieren. Schließlich schien er im BASF-Labor weit weg von den Hochschulen, in denen Studierende die Schriften von Marx und Adorno zu lesen begannen. Doch Hien beschreibt, wie sehr ihn und einige BASF-Kolleg*innen der gesellschaftliche Aufbruch Ende der 1960er Jahre beeinflusste. Nach einigen Jahren verließ Hien die Fabrik, holte das Abitur nach und begann ein Studium. Doch auch als Akademiker setzte Hien den Kampf um Gesundheitsschutz in der Chemieindustrie fort.

DER MITMISCHER

Viele Jahre pendelte er zwischen verschiedenen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten akademischen Jobs über Wasser. Wichtiger war für ihn, bei der Kooperation zwischen Umweltinitiativen und kritischen Gewerkschaftern, die es in den 1980er Jahren auch in der Chemiebranche gab, mitzumischen. Mitmischer nannte sich eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien gemeinsam mit spanischen Chemiearbeitern organisiert war. Mitmischer nannte sich auch eine Betriebszeitung, die in einer Auflage von 10.000 Exemplaren von Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Ludwigshafen verteilt wurde. Fast in jeder Nummer wurden die Kolleg*innen über die giftigen Substanzen informiert, mit denen sie ständig in Berührung kamen. Besonders der gut besuchte Alternative Gesundheitstag 1980 in Berlin gab Hien Inspiration für sein Engagement, Betriebsbasisgruppen für Gesundheit aufzubauen.

Mit den esoterischen Strömungen, in die große Teile der Gesundheitsbewegung später abdrifteten, hatte Hien nichts im Sinn. Ihm ging es auch in der Gesundheitsbewegung immer darum, den Bedingungen in der Arbeitswelt den Kampf anzusagen, die die Menschen krank machen. Zu seinen Kontrahent*innen gehörten dabei oft nicht nur die Industrieverbände, sondern auch Betriebsräte und DGB-Gewerkschafter*innen, die auf Sozialpartnerschaft setzten.

Deshalb war es für viele seiner Freunde eine Überraschung, dass Hien 2003 Referent für Gesundheitsschutz beim DGB-Vorstand wurde. Doch schnell geriet er mit seinen Engagement für eine Arbeitswelt, in der auch die Langsamen und chronisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Konflikt mit einer Gewerkschaftslogik, die Arbeitsplätze vor Gesundheitsschutz stellt. Im Alter von 57 Jahren kündigte Hien beim DGB. Seitdem leitet er das Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie in Bremen. Auch dort beschäftigt ihn die Frage, wie die Lohnarbeit so gestaltet werden kann, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden. Heute, wo Beschäftigte ständig erreichbar und flexibel sein sollen, hat diese Fragestellung nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. So ist der Gesprächsband nicht nur eine Reflexion über linke Geschichte, sondern auch ein sehr aktuelles Buch. Es ist nicht sein Einziges.

GEGEN DIE ZURICHTUNG DER MENSCHEN

Im Mandelbaum-Verlag veröffentlichte er „Die Arbeit des Körpers“, ein Buch, das sich der Frage widmet, wie die Industrialisierung den menschlichen Körper zurichtet. Dabei verwendet er Zeugnisse aus der Arbeiter*innenkultur. Den Verheißungen einer schönen, neuen Arbeitswelt, im Zeitalter von Computer und Internet, setzt Hien den ernüchternden Befund entgegen: „Letztlich wird der gesundheitliche Verschleiß durch neue Arbeitsformen nicht abgeschafft. Die Körper von Abermillionen Textilarbeiter*innen oder Stahlarbeiter*innen werden, wie eh und je, drangsaliert, wie die Körper von Millionen, vielleicht auch schon Abermillionen, von digitalen Crowdworker*innen, die neben ihrer Familienarbeit noch nachts am Computer sitzen, kaum schlafen und für ein paar Cent ihre Gesundheit ruinieren.“

Wolfgang Hien / Peter Birke,
Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn
»68« und das Ringen um menschenwürdige Arbeit,
VSA-Verlag, Hamburg 2018, 256 Seiten, 22.80 €, ISBN 978-3-89965-829-3

Wolfgang Hien,
Die Arbeit des Körpers
von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart,
Mandelbaum Verlag, Wien 2018, 25.00 €, 344 Seiten, ISBN 978385476-677-3

aus: DIREKTE AKTION
Anarcho­syndika­listische Zeitung

https://direkteaktion.org/gegen-die-zerstoerung-von-herz-und-hirn/
Peter Nowak

Umgekehrter 68er

Samstag, 30. Juni 2018

Den gesellschaftlichen Aufbruch vor 50 Jahren erlebte Wolfgang Hien als junger Arbeiter.

Ich hatte das Gymnasium nach der siebten Klasse abgebrochen. Tatsächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule weiterzumachen, was wohl auch damit zusammenhing, dass meine Eltern keine Akademiker waren, sondern, wie man so sagt, einfache Leute. Die Suche nach einer Lehrstelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte.« Als »umgekehrten 68er« beschreibt Wolfgang Hien sich und seinen Lebensweg von der Fabrik, wo er 1965 eine Lehre als Laborant begann, an die Universität.

Von dem gesellschaftlichen Aufbruch wurden er und ein Teil seiner Kolleg*innen in der Chemiefabrik beeinflusst. Sie diskutierten über Kriegsdienstverweigerung und die Ausbeutung im globalen Süden. Im Lehrlingswohnheim gründete Hien mit Kolleg*innen eine Kultur-AG, wofür sie anfangs Unterstützung von der Heimleitung bekamen. Die freute sich über junge Menschen, die sich in der Freizeit weiterbilden wollten. Doch die Politisierung sorgte auch dafür, dass die kritischen Jungarbeiter*innen ihre Arbeitsbedingungen hinterfragten. So ging Hien bald den Weg vieler Arbeiterjugendlichen, die mit den Ideen von 1968 in Berührung gekommen waren. Sie verließen die Fabriken, holten auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und begannen ein Studium.

Doch die Zeit bei BASF prägt Hien bis heute. Seine akademischen und politischen Aktivitäten widmete er dem gesundheitlichen Schutz der Lohnabhängigen. Über Jahre organisierte er Kampagnen gegen eine »Kranke Arbeitswelt«, wie auch eines seiner Bücher heißt, das er im VSA-Verlag veröffentlicht hat. Lange Zeit pendelte er zwischen verschiedenen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten akademischen Jobs über Wasser. Wichtiger als eine Karriere war ihm sein politisches Engagement in Kooperation mit Umweltinitiativen und kritischen Gewerkschafter*innen. Besonders der erste Alternative Gesundheitstag 1980 in Berlin gab Hien den Anstoß für sein Engagement, Betriebsbasisgruppen für Gesundheit aufzubauen. Dabei ging es ihm um Menschenwürde am Arbeitsplatz und die Bedingungen, die Menschen krank machen.

Anregungen für seine Tätigkeit holte sich Hien von italienischen Aktivist*innen, die schon in den frühen 1960er Jahren skandalisierten, dass Arbeiter*innen in bestimmten Branchen wie der Chemieindustrie eine signifikant niedrigere Lebenserwartung als der Bevölkerungsdurchschnitt hatten. Inspirationen holte sich Hien auch aus Schriften von Oskar Negt und Andre Gorz. Engen Kontakt hält er bis heute zu kritischen Gewerkschafter*innen, die auch in der Chemieindustrie in den 1980er Jahren noch größeren Einfluss hatten.

Zu seinen Kontrahent*innen gehörten aber nicht nur die Industrieverbände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerkschafter*innen, die auf Sozialpartnerschaft setzten und in Hiens Engagement eine Kampagne gegen die Chemieindustrie sahen. »Solche, wie dich brauchen wir hier nicht.« Diesen Satz hörte Hien öfter, wenn er sich auf eine gewerkschaftliche Stelle oder um Projektförderung durch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung bewarb. Als er dann 2003 doch noch als Referent für Gesundheitsschutz beim DGB-Vorstand angestellt wurde, geriet er schnell in den Konflikt mit einer Gewerkschaftslogik, die Arbeitsplätze vor Gesundheitsschutz stellt. Hien setzte sich vehement dafür ein, dass auch die Langsamen und chronisch Kranken im Arbeitsleben ihren Platz finden sollten. Doch damit machte er sich viele Gegner*innen.

Der Konflikt hatte für Hien gesundheitliche Konsequenzen. Er brach im Büro zusammen und musste längere Zeit im Krankenhaus bleiben. Anschließend kündigte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selbstständig. Seitdem leitet er das Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biografie in Bremen. Dort setzt er sich für Lohnabhängige und ihre Rechte ein. So beschäftigte er sich in einer Studie mit dem Schicksal der Beschäftigten der Bremer Vulkanwerft, die 1997 geschlossen worden war. »Aus dem Regionalgedächtnis war die Werftschließung mehr oder weniger verschwunden«, erinnert sich Hien.

Daneben publiziert er Bücher, die sich mit seinem Lebensthema »Gesundheit am Arbeitsplatz« befassen. In dem Werk »Die Arbeit des Körpers« setzt er sich kritisch mit einer Arbeiterkultur auseinander, die das Leiden am Arbeitsplatz als Härte verklärt und Menschen, die das nicht aushalten können oder wollen, als schwächlich abwertet. Was Hien bei seinem Engagement antreibt, steht im Titel eines Bandes, in dem er mit dem Sozialwissenschaftler Peter Birke über sein Leben spricht: »Es geht gegen die Zerstörung von Herz und Hirn der Menschen«. Ein Thema, das im Zeitalter von Computer- und Internetarbeitsplätzen noch dringlicher geworden ist.

Wolfgang Hien/Peter Birke: Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn. »68« und das Ringen um menschenwürdige Arbeit. VSA Verlag, 256 S., 22,80 Euro.

Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart, Mandelbaum Verlag, 344 S., 25 €.

Am 3. Juli um 19 Uhr stellt Wolfgang Hien die Bücher im RegenbogenKino, Lausitzer Straße 22, in Berlin vor.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1092751.wolfgang-hien-umgekehrter-er.html

Peter Nowak