Gemeinsam gegen Jobcenter und Verdrängung


Die »Soli­da­rische Aktion Neu­kölln« will Nachbar_​innen orga­ni­sieren, ohne dabei bloße soziale Arbeit zu ver­richten

»Das Job­center nervt? Deine Miete wurde erhöht? Dein Chef stresst Dich?« Falls das zutreffe, dann solle man zur »Soli­da­ri­schen Aktion Neu­kölln« (SolA) kommen. Ein Flyer mit dieser Ein­ladung wird seit einigen Wochen regel­mäßig vor Job­centern, auf Märkten und öffent­lichen Plätzen in dem Ber­liner Stadtteil ver­teilt. An der ver­ant­wort­lichen Initiative, die sich im ver­gan­genen Jahr gegründet hat, betei­ligen sich nach eigener Aussage Men­schen, die in Neu­kölln wohnen und sich in der Ver­gan­genheit mit eben­jenen Job­centern, Chefs oder Vermieter_​innen aus­ein­an­der­setzen mussten. Dabei hätten sie die Erfahrung gemacht, dass man alleine wenig erreichen kann und sich daher zusam­men­schließen müsse.

»Nachbar_​innen helfen Nachbar_​innen«, beschreibt Anne Seeck, die zu den Mit­be­grün­de­rinnen der SolA gehört, das Grund­prinzip ihrer Stadt­teil­arbeit. Um bloße soziale Arbeit geht es ihr aber nicht. »Wir unter­stützen uns bei unseren Pro­blemen.«

Zu den Neuköllner_​innen, die sich von dem Angebot ange­sprochen fühlten, gehören laut der Gruppe auch Mieter_​innen, denen im Februar 2018 Gas, Wasser und Heizung abge­stellt wurden. Aktuell unter­stützt die Initiative eine Mie­terin, die eine Kün­digung wegen Eigen­be­darfs erhalten hat, nachdem sie eine Miet­erhöhung erfolg­reich ver­hin­derte. Die SolA mobi­li­sierte zum Kün­di­gungs­prozess vor das Amts­ge­richt.

Die Gruppe ver­sucht auch, im Stadtteil poli­tisch zu inter­ve­nieren. So sagte die Neu­köllner Zeitung »Kiez und Kneipe« im Mai 2017 eine Ver­an­staltung mit dem AfD-Rechts­außen-Poli­tiker Andreas Wild ab, nachdem die SolA einen Aufruf gegen die Ver­an­staltung ver­fasst hatte. Als dann im Herbst 2017 bekannt wurde, dass ein Start-up-Unter­nehmen in der Alten Post in Neu­kölln sein Domizil eröffnen wollte, for­derte die SolA »Woh­nungen für alle statt Start-up-Kultur«. 

Auch an der Mobi­li­sierung zur ber­lin­weiten Mieter_​innendemonstration im April 2018 betei­ligte sich die Gruppe. Unter dem Motto »5000 Flyer für Neu­kölln« sprachen die Aktivist_​innen zahl­reiche Men­schen an, die sich vorher noch nie an einer Demons­tration beteiligt hatten. Für Mat­thias L., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist dies ein zen­trales Moment bei der Arbeit von SolA. »Wer sich mit anderen zusammen gegen Schi­kanen im Job oder beim Ver­mieter wehrt, geht dann bes­ten­falls auch auf eine Demons­tration gegen hohe Mieten oder fordert die Ent­eignung der Deutsche Wohnen«, hofft der Aktivist. Mat­thias L. hatte einige Jahre im Ber­liner »Bündnis gegen Zwangs­räumung« mit­ge­ar­beitet, ehe er Teil der Neu­köllner Initiative wurde. 

In der letzten Zeit haben viele außer­par­la­men­ta­rische Linke den Stadtteil als Ort der Orga­ni­sierung neu ent­deckt. Die Bremer Gruppe »kol­lektiv« stellte in einem Text die These auf, dass die Selbst­or­ga­ni­sierung in den Betrieben durch den neo­li­be­ralen Umbau der Arbeits­or­ga­ni­sation und die Fle­xi­bi­li­sierung der Beleg­schaften schwie­riger geworden sei. Des­wegen seien vor allem arme Stadt­teile wieder ver­stärkt in den Fokus linker Orga­ni­sie­rungs­arbeit gerückt. Damit solle ver­hindert werden, dass der in vielen Betrieben erfolg­reiche neo­li­berale Umbau auch in diesen Stadt­teilen zum Tragen komme. 

Die Orga­ni­sie­rungs­ver­suche finden so in vielen Orten Deutsch­lands statt. Schon einige Jahre enga­giert sich etwa das Bündnis »Hände weg vom Wedding« in dem ehe­ma­ligen Ber­liner Arbei­ter­stadtteil. Nicht erfolglos, wie sich an der all­jähr­lichen Stadt­teil­de­mons­tration am 30. April zeigt. Mitt­ler­weile wächst der Kreis der Gruppen aus dem Kiez, die sich an der Vor­be­reitung der Demons­tration betei­ligen. Die Ham­burger Initiative »Wil­helmsburg soli­da­risch« will eben­falls ein Anlauf­punkt für Men­schen des pro­le­ta­ri­schen Stadt­teils bei »Pro­blemen rund um Arbeit, Auf­enthalt, Job­center und Wohnen« werden. Offen bleibt, ob es den Pro­jekten gelingt, sich lang­fristig in den Stadt­teilen zu eta­blieren und auch unter­ein­ander von Erfolgen wie Miss­erfolgen zu lernen. 

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Peter Nowak

Hinweis auf Labournet:

Gemeinsam gegen Job­center und Ver­drängung. Die »Soli­da­rische Aktion Neu­kölln« will Nachbar_​innen orga­ni­sieren, ohne dabei bloße soziale Arbeit zu ver­richten

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