Was soll eine VS-Beobachtung der AfD bringen?

Viele AfD-Gegner sind kei­neswegs darüber erfreut, dass der VS Teile der Partei zum Prüffall erklärt hat

»Eine Partei unter Beob­achtung« [1] titelte die Zeit, meinte aller­dings nicht die AfD sondern die Linke. Der Artikel stammt von 2012. Es scheint, in der aktu­ellen Debatte etwas in Ver­ges­senheit geraten zu sein, dass…

„Was soll eine VS-Beob­achtung der AfD bringen?“ wei­ter­lesen

Von wegen Faktencheck

Öffentlich-recht­liche Fern­seh­sender fallen auf eine alte anti­se­mi­tische Fäl­schung, die »Lai­chinger Hun­ger­chronik«, herein

Als ob es eine kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit der Geschichte des Anti­se­mi­tismus nie gegeben hätte, repro­du­zieren die öffentlich-recht­lichen Fern­seh­sender Arte und SWR in zwei Doku­men­tar­filmen längst wider­legte juden­feind­liche Lügen über »Korn­wu­cherer«.

Wenige Tage nach der Pogrom­nacht vom 9. November 1938 erschien in einer ­Lokal­zeitung auf der Schwä­bi­schen Alb eine »Geschichts­er­in­nerung an das große Hun­ger­leiden im Jahr 1816/17«. Grundlage der Ver­öf­fent­li­chung, mit der die Zeitung gegen »Nörgler und Meckerer« Stimmung machte, war eine Quelle, die unter dem Namen »Lai­chinger Hun­ger­chronik« bekannt geworden ist. Bei dieser soll es sich um zeit­ge­nös­sische »Auf­zeich­nungen eines unbe­kannten Älblers« handeln. Publi­ziert hat sie der Lehrer Christian August Schnerring erstmals 1913, ­zwi­schen 1916 und 1937 hat er sie noch mehrfach in ver­schie­denen Fas­sungen heraus­gegeben.

Lange Zeit stellte niemand Schner­rings Behauptung in Frage, er habe die 40 Seiten umfas­sende Hand­schrift beim »volks­kund­lichen Suchen« auf der Alb selbst ent­deckt. Schließlich ­befanden sich die Texte auf einem Kon­volut ver­gilbter Blätter, das auf den ersten Blick authen­tisch wirkte. Doch 1987 schaute sich der His­to­riker Günter Ran­decker diese Papiere genauer an und stellten fest, dass es sich um eine plumpe Fäl­schung han­delte, die schnell zu erkennen gewesen sei. Schnerring selbst habe die Chronik pro­du­ziert und in Schrift und Papier Authen­ti­zität vor­ge­täuscht.

Der SWR-Film »Das Jahr ohne Sommer – wie das Cann­statter Volksfest ent­stand«, der Anfang Oktober aus­ge­strahlt wurde, gibt die Fäl­schung eben­falls als his­to­rische Quelle aus.

Doch es ging nicht nur darum, dass sich hier ein kaum bekannter Lokal­forscher mit einer selbst­pro­du­zierten Fäl­schung pro­fi­lieren wollte. Ran­decker wies auf den Anti­se­mi­tismus hin, der sich durch den Text zieht. In der fin­gierten Chronik wird den Juden des Alb­dorfs But­ten­hausen vor­ge­worfen, von der »Hunger- und Teue­rungszeit« pro­fi­tiert, ja diese erst ver­ur­sacht zu ­haben. So steht in der gefälschten Chronik bei­spiels­weise: »Das Korn ist im Preis schon wieder gestiegen. Viele Händler gehen um von But­ten­hausen und der Abraham kauft alles ­Getreide zusammen. Sie treiben nichts als den Preis in die Höhe. Heute sind wieder vier Fuhren Getreide für den Abraham fort­ge­kommen, sollen in die Schweiz gehen. Wäre besser, sie blieben da und der Jude fort.«

Es ist bezeichnend, aber nicht ver­wun­derlich, dass die anti­se­mi­tische Diktion des Textes auch nach dem Ende des Natio­nal­so­zia­lismus nicht thema­tisiert wurde. Schließlich gab es nach 1945 wenig kri­tische Auseinander­setzung unter His­to­rikern. Das änderte sich Ende der acht­ziger Jahre, als eine Generation kri­ti­scher Wis­sen­schaftler begann, auch die braunen Flecken in der Regio­nal­ge­schichts­schreibung zu bear­beiten. In diesem Kontext steht auch die Auf­de­ckung der Fäl­schung von Lai­chingen.

1988 bestä­tigte ein wis­sen­schaft­liches Sym­posium Ran­de­ckers Befund. Im selben Jahr ver­öf­fent­lichte Ran­decker den Aufsatz »Die Lai­chinger Hun­ger­chronik – ein Lügen­gewebe« in dem vom Karl Corino her­aus­ge­ge­benen Buch »Gefälscht! Betrug in Politik, Lite­ratur, Wis­sen­schaft, Kunst und Musik«.
Damit hätte eigentlich die Geschichte dieser anti­se­mi­ti­schen Fäl­schung zu Ende sein müssen. Doch weit gefehlt. Auch 30 Jahre nach der wissenschaft­lichen Ent­larvung wird sie weiter ver­wendet. Ende 2017 zeigten der Sender Arte und im Februar 2018 das SWR-Fern­sehen den Film »Der Vulkan, der die Welt ver­än­derte«. Darin ging es um die Folgen eines Vul­kan­aus­bruchs in ­Indo­nesien im Jahr 1815 für das Welt­klima und die damit zusammen­hängenden Hun­ger­ka­ta­strophen in ver­schie­denen Regionen der Welt. In dem Film werden mehrere Sequenzen aus der »Lai­chinger Hun­ger­chronik« zitiert, ein­schließlich der anti­se­mi­ti­schen Mär von den reichen jüdi­schen Korn­wu­cherern, ohne zu erwähnen, dass sie bereits 30 Jahre zuvor als Fäl­schung ent­larvt worden waren.

Der SWR-Film »Das Jahr ohne Sommer – wie das Cann­statter Volksfest ent­stand«, der Anfang Oktober aus­ge­strahlt wurde, gibt die Fäl­schung eben­falls als his­to­rische Quelle aus.

Auch in neueren Büchern wird Schner­rings »Erst­ver­öf­fent­li­chung der ›Hun­ger­chronik‹ in den ›Württember­gischen Jahr­bü­chern für Sta­tistik und Lan­des­kunde‹« als angeb­liches Ori­gi­nal­do­kument her­an­ge­zogen. »30 Jahre nach meiner Auf­de­ckung dieser Jahr­hun­dert­fäl­schung, mit der schuldlose But­ten­häuser Juden dif­fa­miert werden (›zum Flecken hin­aus­peit­schen sollte man die … ‹), ist das unkri­tische Zitieren von Schnerring-Texten nicht nach­vollziehbar und es ist unver­ant­wortlich«, schrieb Ran­decker Anfang des Monats in einem Artikel in der Wochen­zeitung Kontext über das »Juden­schmäh-Revival«.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​4​3​/​v​o​n​-​w​e​g​e​n​-​f​a​k​t​e​n​check

Peter Nowak