»Schichtpläne gab es nicht«


Zwei Frauen über ihren erfolg­reichen Arbeits­kampf bei einem Logis­tiker von H&M in Italien und neue Miss­stände, die Wider­stand ver­langen
Simona Carta (S.C., li) und Serena Frontina (S.F.) arbeiten bei H&M in Italien und sind in der Basis­ge­werk­schaft SI Cobas orga­ni­siert. Ange­stellt sind sie beim Unter­nehmen XPO, das die Logistik für H&M über­nommen hat. Sie ver­packen Waren, die Kunden im Online-Shop bestellt haben. Auf Ein­ladung von labournet​.tv berich­teten sie zur Pre­mière des Films »Wir kämpfen weiter« über ihren Arbeits­kampf im ver­gan­genen Jahr.


Vor einem Jahr haben Sie für bessere Arbeits­be­din­gungen bei einem Logis­tik­un­ter­nehmer gekämpft, der Auf­träge für H&M aus­führt. Was war der Grund?

Serena Frontina: Unsere Arbeits­be­din­gungen waren mise­rabel. Wir mussten auch an Sonn- und Fei­er­tagen arbeiten und hatten zu wenig Urlaub. Besonders belastend war, dass wir immer ver­fügbar sein mussten. Wir wussten nie, wie lange unsere Schicht dauern würde. Es konnten 10, 11 oder 14 Stunden sein. Irgendwann während der Arbeit erhielten wir eine Nach­richt: In zehn Minuten kannst du gehen. Es gab keine Schicht­pläne, nach denen wir uns hätten ori­en­tieren und planen können. Einmal bekam ich abends um 21 Uhr eine SMS von der Firma, dass ich am nächsten Tag um 4 Uhr früh beginnen sollte. Unser ganzes Leben war so auch in der Freizeit auf die Arbeit aus­ge­richtet. Um das zu ändern, sind wir bei SI Cobas ein­ge­treten. Dort erfuhren wir, dass auch unser Lohn viel zu niedrig ist. Wir hatten einen Stun­denlohn von 5,90 Euro.

Warum sind Sie Mit­glied einer kleinen Basis­ge­werk­schaft geworden, anstatt sich im mit­glie­der­starken ita­lie­ni­schen Gewerk­schaftsbund CGIL zu orga­ni­sieren?
Simona Carta: Wir haben uns für SI Cobas ent­schieden, weil hier nicht die Funk­tionäre, sondern die Mit­glieder ent­scheiden. Anders als die CGIL setzt SI Cobas auch auf eine kämp­fe­rische Inter­es­sen­ver­tretung und nicht auf Kun­ge­leien mit den Bossen.

Haben Sie mit SI Cobas ihre For­de­rungen durch­setzen können?

S. C.: Ja, nach einem län­geren Arbeits­kampf. Am 28. Juli 2016 fand die erste Ver­sammlung statt, damals waren wir 17 SI Cobas-Mit­glieder in einem Betrieb mit 300 Beschäf­tigten. Als ver­boten wurde, dass wir uns im Waren­lager ver­sammeln, gingen wir raus und for­derten alle Kol­le­ginnen auf, mit­zu­kommen. Viele haben sich ange­schlossen. Danach waren wir 42 Mit­glieder. Doch das Unter­nehmen wollte nicht mit uns ver­handeln. Deshalb haben wir am 4. August gestreikt. Das Unter­nehmen wollte immer noch nicht ver­handeln, also streikten wir weiter. Die Aus­ein­an­der­setzung dauerte fast zwei Monate. Am 20. August traten wir in den unbe­fris­teten Streik und schliefen fünf Tage vor dem Waren­lager in Casa­l­pus­t­er­legno (Lom­bardei) in einem Zelt. Die Ver­hand­lungen zwi­schen der Gewerk­schaft und dem Unter­nehmen endeten schließlich erfolg­reich für uns. SI Cobas schloss den ersten lan­des­weiten Tarif­vertrag mit dem Unter­nehmen XPO. Bis dahin hatten sie sich geweigert, mit SI Cobas Abkommen zu machen, weil sie befürch­teten, dass SI Cobas dadurch mehr Mit­glieder bekommt.

Und, wie viele Mit­glieder haben Sie inzwi­schen in dem Betrieb?
S.F.: Die Zahl hat sich ver­doppelt. Jetzt sind wir 82.

Was hat sich für Sie durch den Ver­trags­ab­schluss ver­ändert?

S. F.: Viele Kol­le­ginnen und Kol­legen bekamen Voll­zeit­ver­träge. Zudem werden am Freitag die Schicht­pläne für die ganze dar­auf­fol­gende Woche auf­ge­stellt. Wir sind nicht mehr ver­pflichtet, am Wochenende oder Fei­ertags zu arbeiten.

Also Ende gut, alles gut?

S. C.: Nicht ganz. Vor einem Monat hat ein Sub­un­ter­nehmen von XPO, die Koope­rative EasyCoop, einen neuen Vertrag mit dem Gewerk­schaftsbund CGIL abge­schlossen. Dieser enthält in meh­reren Punkten Ver­schlech­te­rungen gegenüber den mit SI Cobas erkämpften Ver­ein­ba­rungen. So soll für die ersten zwei Stunden nach einer 8-Stunden-Schicht eine Über­stun­den­zulage bezahlt werden, so dass der Arbeitstag zehn Stunden dauert. Das­selbe gilt für den Samstag, der zu einem nor­malen Arbeitstag erklärt wurde. Zurzeit dis­ku­tieren wir unter­ein­ander, wie wir uns dagegen wehren und ob die Kol­le­ginnen und Kol­legen die Stärke haben, den Kampf wieder auf­zu­nehmen.
https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​3​5​0​6​.​s​c​h​i​c​h​t​p​l​a​e​n​e​-​g​a​b​-​e​s​-​n​i​c​h​t​.html
Interview: Peter Nowak

Wie Müll entsorgt

Ein Film über Ent­rechtung ita­lie­ni­scher Fleisch­ar­beiter

»Wir haben 12 Stunden täglich für 5 bis 6 Euro geschuftet und als wir ein bisschen Würde gefordert haben, haben sie uns wie Müll weg­ge­schmissen.« Die Arbeiter in der nord­ita­lie­ni­schen Fleisch­fabrik Livorno sind ver­bittert. Nachdem sie für bessere Arbeits­be­din­gungen gestreikt hatten, wurden sie ent­lassen. Weil das Unter­nehmen die Bei­träge für die Arbeits­lo­sen­ver­si­cherung rechts­widrig nicht abge­führt hat, bekommen sie nun nicht einmal Unter­stützung. Solche Szenen totaler Ent­rechtung und der Kampf um Würde werden in dem Doku­men­tarfilm »Wir kämpfen weiter« von der Regis­seurin Sara Bagli Bellini doku­men­tiert. Der Film stellt sich klar auf die Seite der strei­kenden Arbeiter und der Basis­ge­werk­schaft Si Cobas, die sie unter­stützt. Deren Sekretär Aldo Milani wurde aus einer Tarif­ver­handlung mit Hand­schellen von der Polizei abge­führt und darf heute Italien nicht ver­lassen. Dank labournet​.tv erfahren wir von diesen Angriffen auf Gewerk­schafts­rechte. Auf der Online­plattform für welt­weite Arbeits­kämpfe kann der Film dem­nächst her­un­ter­ge­laden werden (labournet​.tv).

http://​de​.labournet​.tv/​w​i​r​-​k​a​e​m​p​f​e​n​-​w​eiter

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​2​0​9​0​.​w​i​e​-​m​u​e​l​l​-​e​n​t​s​o​r​g​t​.html
Peter Nowak