Die Poesie der Klasse

Der ent­ste­hende Kapi­ta­lismus brachte nicht nur mas­sen­haftes Elend hervor, mit ihm bil­deten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erzählens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Wider­stands ein­drücklich beschrieben werden. Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt.

Manche von ihnen wurden in den Schriften von Marx und Engels zitiert, bei­spiels­weise der Arbei­ter­dichter Wilhelm Weitling. Marx wür­digte ihn als einen der ersten, der sich für die Orga­ni­sierung des Pro­le­ta­riats ein­setzte. So heisst es auf der Homepage www​.marxist​.org über Weitling: «Trotz spä­teren Aus­ein­an­der­set­zungen ach­teten Marx und Engels den ‹genialen Schneider› (Rosa Luxemburg) sehr hoch und betrach­teten ihn als ersten Theo­re­tiker des deut­schen Pro­le­ta­riats.» Aller­dings wird gleich auch betont, dass Weit­lings Ansätze an theo­re­tische und prak­tische Grenzen stiessen. Inhaltlich gibt es für diese Kritik gute Gründe, doch hat der Umgang mit Weitling in der mar­xis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung auch etwas Pater­na­lis­ti­sches. Schliesslich blieb Weitling sein Leben lang Schneider, hatte nie eine Uni­ver­sität besucht und schon deshalb hatten seine Arbeiten es schwerer, wahr­ge­nommen und gehört zu werden.

Träume und Sehn­süchte
Dabei gehört Weitling zu den wenigen Chronist-Innen der frühen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung, deren Namen über­haupt einem grös­seren Kreis bekannt ist. Der Kultur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Patrick Eiden-Offe hat in seinem Buch «Die Poesie der Klasse» viele der frühen Texte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung dem Ver­gessen ent­rissen. Er beklagt, dass sie lange Zeit nur durch die Brille des Mar­xismus gesehen und als roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus bei­seite gelegt wurden. Schon im Klap­pentext des Buches heisst es über die oft ver­ges­senen AutorInnen: «Die bunt­sche­ckige Erscheinung, die Träume und Sehn­süchte dieser allen stän­di­schen Sicher­heiten ent­ris­senen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in roman­ti­schen Novellen, Repor­tagen, sozi­al­sta­tis­ti­schen Unter­su­chungen, Monats­bul­letins. Doch schon bald wurden sie – unge­ordnet, gewaltvoll, nost­al­gisch, irr­lich­ternd und uto­pisch, wie sie waren – von den Vor­denkern der Arbei­ter­be­wegung als reak­tionär und anar­chisch ver­un­glimpft, weil sie nicht in die grosse lineare Fort­schritts­vision passen wollten.» So ver­dienstvoll es von Patrick Eiden-Offe ist, diese Texte wieder bekannt gemacht und mit grossem Enga­gement in einem Buch prä­sen­tiert zu haben, das auch für Nicht­aka­de­mi­ke­rInnen Freude und Erkennt­nis­gewinn bereitet, so muss man doch die Kritik des Autors an den Mar­xis­tInnen hin­ter­fragen. Gerade nach der Lektüre der Texte zeigt sich, dass diese Kritik oft berechtigt war.

Wider­stands­stra­tegien
Dabei ging und geht es gerade nicht darum, den Ver­fas­se­rInnen der Texte zu unter­stellen, sie wären reak­tionär. Es geht vielmehr darum, zu ana­ly­sieren, dass sie in ihren Texten ihre Vor­stel­lungen von der Welt und dem her­ein­bre­chenden Kapi­ta­lismus zum Aus­druck brachten. Sie nahmen dabei Gerech­tig­keits­vor­stel­lungen zum Massstab, die sie aus dem Feu­da­lismus und der stän­di­schen Gesell­schaft über­nommen hatten. Nur waren diese Vor­stel­lungen mit dem Einzug des Kapi­ta­lismus ver­dampft und obsolet geworden. Es war gerade das grosse Ver­dienst von Marx und Engels, dass sie die Aus­beutung und nicht den Wucher als zen­trales Unter­drü­ckungs­in­strument im Kapi­ta­lismus ana­ly­sierten. Das hatte auch Folgen für die Wider­stands­stra­tegien. An einem roman­ti­schen Kapi­ta­lismus fest­zu­halten, wäre dann nur ana­chro­nis­tisch und birgt noch die Gefahr einer reak­tio­nären Lesart der Kapi­ta­lis­mus­kritik, die die Schul­digen für die Misere nicht im kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz- und Pro­fit­streben, sondern in Wuche­re­rInnen sieht. Das war übrigens ein Schwungrad für den modernen Anti­se­mi­tismus. Dem Autor sind solche Bestre­bungen fern. Dass Eiden-Offe auf diese Gefahren eines roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus nicht besonders eingeht, liegt wohl vor allem daran, dass er vor­aus­setzt, dass seine Lese­rInnen mit der Pro­ble­matik einer reak­tio­nären Kapi­ta­lis­mus­kritik ver­traut sind.

Gegen den Klas­sen­kom­promiss
Ihm geht es um etwas anderes, wie er im letzten Kapitel des Buches, das unter dem Titel «Die Rückkehr des roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus» steht, erläutert: Wenn es seit dem Vormärz eine Uni­for­mierung und Nor­mierung des Pro­le­ta­riats gegeben hat, dann wird diese Klas­sen­fi­gu­ration vom Gespenst des «vir­tu­ellen Paupers» ver­folgt, der durch keine sozi­al­staat­liche Absi­cherung und durch keine Ver­bür­ger­li­chung des sozialen Ima­gi­nären zu bannen ist. Par­allel zur Ein­hegung des Klas­sen­kampfs in den ent­wi­ckelten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaften und zur Inte­gration der offi­zi­ellen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung in die Gesell­schaft gibt es eine andere Geschichte, die Geschichte einer anderen Arbeiter-Innen­be­wegung, die Geschichte all jener sozialen Gestalten, in denen das Gespenst des «vir­tu­ellen Paupers sich im Laufe des 19. und 20. Jahr­hun­derts ver­körpert und die gehegte soziale Ordnung bespukt hat». Damit bezieht sich der Autor auf sozi­al­re­vo­lu­tionäre Debatten der 1970er Jahre, als der linke His­to­riker Karl­heinz Roth ein Buch mit dem Titel «Die andere Arbei­ter­be­wegung» ver­öf­fent­lichte, in dem er die Pau­pe­rierten zum neuen revo­lu­tio­nären Subjekt erklärte. Er setzte sie von den Teilen der Arbei­te­rIn­nen­klasse ab, die im Rahmen des natio­nalen Klas­sen­kom­pro­misses befriedet wurden. Man könnte auf sie den Begriff der Arbei­te­rIn­nen­a­ris­to­kratie anwenden.

Natio­na­lismus als Sarg­nagel
Eiden-Offe zeigt, wie sich auch dies Ein­hegung eines Teils des Pro­le­ta­riats in den zeit­ge­nös­si­schen Schriften nie­der­schlägt, bei­spiels­weise in Ernst Will­komms fünf­bän­digem Roman «Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes» von 1845. Hier ging es zum Schluss um die nationale Ein­hegung der Arbei­te­rInnen. Eiden-Offe beschreibt die Kon­se­quenzen sehr präzise: «Ab jetzt sollte es keine ‹vater­lands­losen Gesellen›, keine ‹hei­matlose Klasse› mehr geben, sondern nur noch ‹deutsche Arbeiter›». Die «vater­lands­losen Gesellen», die es natürlich wei­terhin gibt, werden mar­gi­na­li­siert und aus­ge­schlossen – ideo­lo­gisch wie mate­riell, wenn sie aus der staat­lichen Für­sorge raus­fallen. Der Autor beschreibt präzise, dass diese nationale Ein­hegung zum «Sarg­nagel des bunt­sche­ckigen Pro­le­ta­riats des Vormärz» wurde, dessen Geschichte in dem Buch erzählt wird. In einer Fussnote merkt Eiden-Offe an, dass die Erosion des natio­nal­staat­lichen Klas­sen­kom­pro­misses, den wir aktuell beob­achten, nicht bedeutet, dass damit Natio­na­lismus und Chau­vi­nismus in Teilen der Arbei­te­rIn­nen­klasse auto­ma­tisch auf dem Rückzug sind. Aller­dings zeigte sich in der letzten Zeit das ver­än­derte Gesicht der heu­tigen Arbei­te­rIn­nen­klasse, bei­spiels­weise bei den zahl­reichen Arbeits­kämpfen im Pflege- und Gesund­heits­be­reich, aber auch bei Kurier­diensten.

Es sind dort sehr viele Frauen aktiv und nicht wenige der Prot­ago­nis­tInnen dieser Kämpfe haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Viel­leicht wird hier in Ansätzen diese bunte und gar nicht so homogene Arbei­te­rIn­nen­klasse sichtbar, die in dem Buch so anschaulich beschrieben wird. «Es kommt darauf an, die Fäden neu zu ver­knüpfen – oder sie endlich beherzt zu kappen», schreibt der Autor im letzten Kapitel in Bezug auf die Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung. Nun wird auch der Linken der Abschied vom Pro­le­tariat seit mehr als dreissig Jahren voll­zogen, mit dem Ergebnis, dass in vielen Ländern der Welt, die Linke nur noch iso­lierte Min­der­heiten und keine Klassen mehr kennen will. Die real exis­tie­renden Lohn­ab­hän­gigen werden dann rechts liegen gelassen. «Die Poesie der Klasse» aber bietet die Chance, sich auf eine neue Art und Weise auf die Lohn­ab­hän­gigen zu beziehen. Dadurch, dass in dem Buch auf­ge­zeigt wird, dass das Pro­le­tariat his­to­risch immer bunt war und sich nicht in auf die berühmt-berüch­tigten Stahl- und Berg­ar­beiter beschränkte, könnten den Mar­gi­na­li­sierten und Pre­ka­ri­sierten von heute die Mög­lichkeit geben, sich selber als Teil dieser Klasse zu erkennen.


Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse, Roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus und die Erfindung des Pro­le­ta­riats. Matthes & Seitz, Berlin. 30,00 Euro

aus: vor­wärts – Schweiz

Die Poesie der Klasse

Peter Nowak

Poesie der Klasse

Der ent­ste­hende Kapi­ta­lismus brachte nicht nur mas­sen­haftes Elend hervor. Mit ihm bil­deten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erzählens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Wider­stands ei drücklich beschrieben werden. Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt. Manche von ihnen wurden in den Büchern von Marx und Engels zitiert, bei­spiels­weise der Arbei­ter­dichter Wilhelm Weitling. Marx wür­digte ihn als einen der ersten, der sich für die Organi-ierung des Pro­le­ta­riats einsetz- te. So heißt es auf der Homepage www​.marxist​.org über Weitling: „Trotz spä­teren Aus­ein­an­der­set­zungen ach­teten Marx und Engels den ‚genialen Schneider‘ (Rosa Luxemburg) sehr hoch und betrach­teten ihn als ersten Theo­re­tiker des deut­schen Pro­le­ta­riats.“
Aller­dings wird gleich auch betont, dass Weit­lings Ansätze an theo­re­tische und prak­tische Grenzen gestoßen sind. Inhaltich gibt es für diese Kritik gute Gründe, doch hat der Umgang mit Weitling in der mar­xis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung auch etwas Pater­na­lis­ti­sches. Schließlich blieb Weitling sein Leben lang Schneider, hatte nie eine Uni­ver­sität besucht und schon deshalb hatten seine Arbeiten es schwerer, wahr­ge­nommen und gehört zu werden. Dabei gehört er zu den wenigen Chro­nisten der frühen Arbei­ter­be­wegung, deren über­haupt ei- nem grö­ßeren Kreis bekannt ist. Der Kultur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Patrick Eiden-Offe hat in seinem Buch „Die Poesie der Klasse“ viele der frühen Texte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung dem Ver­gessen ent­rissen. Er beklagt, dass sie lange Zeit nur durch die Brille des Mar­xismus gesehen und als roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus bei­seite gelegt.

Schon im Klap­pentext des Buches heißt es über die AutorInnen: „Die bunt­sche­ckige Erscheinung, die Träume und Sehn­süchte dieser allen stän­di­schen Sicher­heiten ent­ris­senen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in roman­ti­schen Novellen, Repor­tagen, sozial- staat­lichen Unter­su­chungen, Monats­bul­letins. Doch schon bald wurden sie – unge­ordnet, gewaltvoll, nost­al­gisch, irr­lich­ternd und uto­pisch, wie sie waren – von den Arbei­ter­be­wegung als reak­tionär und anar­chis­tisch ver­un­glimpft, weil sie nicht in die große Fort­schritts­vision passen wollten“.
So ver­dienstvoll es von Patrick Eiden-Offe ist, diese Texte wie- der bekannt gemacht und mit großem Enga­gement in einem Buch prä­sen­tiert zu haben, dass auch für Nicht­aka­de­mi­ke­rInnen zu lesen Freude und Erkennt­nis­gewinn bereitet, so muss man doch die Kritik des Autors an den Mar­xis­tinnen hin­ter­fragen. Gerade, nach der Lektüre der Texte zeigt sich, dass diese Kritik oft berechtigt war. Dabei geht es gerade nicht darum, den Ver­fas­se­rInnen der Texte zu unter­stellen, sie wären reak­tionär. Es geht vielmehr darum, zu ana­ly­sieren, dass sie in ihren Texten ihre Vor­stel­lungen von der Welt und dem her­ein­bre­chenden Kapi­ta­lismus zum Aus­druck gebracht haben. Sie haben dabei Gerech­tig­keits­vor­stel­lungen zum Maßstab genommen, die sie aus dem Feu­da­lismus und der stän­di­schen Gesell­schaft über­nommen hatten. Nur waren diese Vor­stel­lungen mit dem Einzug des Kapi­ta­lismus obsolet geworden. Es war ein Ver­dienst von Marx und Engels, dass sie die Aus­beutung und nicht den Wucher als zen­trales Unter­drü­ckungs­in­strument im Kapi­ta­lismus ana­ly­siert haben. An einem roman­ti­schen Kapi­ta­lismus fest­zu­halten wäre dann nur ana­chro­nis­tisch und birgt noch die Gefahr einer reak­tio­nären Lesart der Kapi­ta­lis­mus­kritik, die die Schul­digen für die Misere nicht im kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz- und Pro­fit­streben, sondern in Wucherern sieht. Das war übrigens ein Schwungrad für den modernen Anti­se­mi­tismus. Dem Autor sind solche Bestre­bungen fern. Dass Eiden-Offe auf diese Gefahren eines roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus nicht besonders eingeht, liegt wohl vor allem daran, dass er vor­aus­setzt, dass seine Lese­rInnen mit der Pro­ble­matik einer reak­tio­nären Kapi­ta­lis­mus­kritik ver­traut sind.

Die Rückkehr des vir­tu­ellen Pauper

Ihm geht es um etwas Anderes, wie er im letzten Kapitel des Bu- ches, das unter dem Titel „Die Rückkehr des roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus“ steht, erläutert: Wenn es seit dem Vormärz eine Uni­for­mierung und Nor­mierung des Pro­le­ta­riats gegeben hat, dann wird diese Klas­sen­fi­gu­ration vom Gespenst des „vir­tu­ellen Paupers“, der durch keine sozi­al­staat­liche Absi­cherung und durch keine Ver­bür­ger­li­chung des sozialen Ima­gi­näten zu bannen ist. Par­allel zur Ein­hegung des Klas­sen­kampfs in den ent­wi­ckelten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaften und zur Inte­gration der offi­zi­ellen Arbei­ter­be­wegung in die Gesell­schaft gibt es eine andere Geschichte, die Geschichte einer anderen Arbei­ter­be­wegung, die Geschichte all jener sozialen Gestalten, in denen das Gespenst des „vir­tu­ellen Paupers sich im Laufe des 19. und 20. Jahr­hun­derts ver­körpert und die gehegte soziale Ordnung bespukt hat“. Damit bezieht sich der Autor auf sozi­al­re­vo­lu­tionäre Debatten der 1970er Jahre, als der linke His­to­riker Karl­heinz Roth ein Buch mit dem Titel „Die andere Arbei­ter­be­wegung“ ver­öf­fent­lichte, in dem er die Pau­pe­rierten zum neuen revo­lu­tio­nären Subjekt erklärte. Er setzte sie von den Teilen der Arbei­ter­klasse ab, die im Rahmen des natio­nalen Klas­sen­kom­pro­misses befriedet wurden. Man könnte auf sie den Begriff der Arbei­ter­aris­to­kratie anwenden. Eiden-Offe zeigt, wie sich auch diese Ein­hegung eines Teils des Pro­le­ta­riats in den zeit­ge­nös­si­schen Schriften nie­der­schlägt, bei­spiels­weise in Ernst Will­komms Roman „Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes“ von 1845. Hier ging es zum Schluss um die nationale Ein­hegung der Arbei­te­rInnen. Eiden-Offe beschreibt die Kon­se­quenzen präzise: „Ab jetzt sollte es keine ‚vater­lands­losen Gesellen‘, keine ‚hei­matlose Klasse‘ mehr geben, sondern nur noch ‚deut- sche Arbeiter‘, die vater­lands- losen Gesellen‘, die es natürlich wei­terhin gibt, werden mar­gi­na­li­siert und aus­ge­schlossen: ideo­lo­gisch wie mate­riell, wenn sie aus der staat­lichen Für­sorge raus­fallen“.
Der Autor beschreibt präzise, dass diese nationale Ein­hegung zum „Sarg­nagel des bunt­sche­ckigen Pro­le­ta­riats des Vormärz“ wurde, dessen Geschichte in dem Buch erzählt wird. Aller­dings zeigte sich in der letzen Zeit das ver­än­derte Gesicht der heu­tigen Arbei­te­rIn­nen­klasse, bei­spiels­weise bei den zahl­reichen Arbeits­kämpfen im Pflege- und Gesund­heits­be­reich, aber auch bei Kurier­diensten. Es sind dort sehr viele Frauen aktiv, und nicht wenige der Prot­ago­nis­tInnen dieser Kämpfe haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Viel­leicht wird hier in Ansät- zen diese bunte, gar nicht so hete­rogene Arbei­te­rIn­nen­klasse sichtbar, die in dem Buch so anschaulich beschrieben wird.

libertäre buch­seiten
gras­wur­zel­re­vo­lution oktober 2018/432

Peter Nowak

Wenn Linkssein ein Gefühl ist

Nicht nur Rechte, sondern auch ihre Gegner setzen auf Gefühle statt auf Argu­mente

»Warum die Linke eine neue Sprache braucht«, ist ein Beitrag des grünen Poli­tikers Sven Giegold[1] in der Taz[2] über­schrieben. Gleich in der Über­schrift macht er deutlich, dass diese neue Sprache mit den bis­he­rigen Recht­schreib­regeln wenig zu tun hat. Schließlich will Giegold nicht ortho­gra­phisch richtig von, sondern aus Holland lernen. Gemeint ist damit natürlich das Wahl­er­gebnis von letzter Woche, das einen Rechtsruck dar­stelle.

Nur pro­fi­tiert davon nicht die von vielen Medien enorm gehypte rechts­po­pu­lis­tische Frei­heits­partei um Geert Wilders, sondern die Rechts­li­be­ralen erzielten einen Erfolg. Damit schien für manche Kämpfer gegen rechts die Welt wieder in Ordnung, zumal auch noch eine öko­li­berale Partei, Groenlinks[3], eben­falls Stimmen dazu gewann.

Faires Mit­ein­ander statt Klas­sen­kampf

Giegold erklärt diesen Wahl­erfolg damit, dass der Spit­zen­kan­didat der Links­li­be­ralen mit Gefühlen statt mit Argu­menten arbeitet:

Der grüne Frontmann Klaver hat im Wahl­kampf etwas getan, womit man scheinbar in den letzten Jahren in Deutschland keinen Blu­mentopf außerhalb eines engen Milieus gewinnen konnte. Er hat klar und deutlich gesagt: Ich bin links. Dabei hat Klaver das »Links sein« nicht neu defi­niert, aber anders und besser ver­mittelt. Im Mit­tel­punkt seiner Kam­pagne stand ein zen­traler Wert: Mit­gefühl.
Sven Giegold

Für Giegold ist die Mit­teilung, dass der Spit­zen­kan­didat von Gro­en­links Mit­gefühl aus­strahle, so wichtig, dass er sie gleich mehrmals wie­derholt.

Mit­gefühl emp­finden wir alle, allen wurde es schon einmal zuteil, und jeder wünscht es sich. Diesen Begriff zeichnet eine starke emo­tionale Nach­voll­zieh­barkeit und eine äußerst positive Kon­no­tation aus.
Sven Giegold

Der grüne Spit­zen­po­li­tiker lässt keinen Zweifel daran, dass das Mit­gefühl For­de­rungen nach einer grund­le­genden Änderung der Macht­ver­hält­nisse ersetzen soll.

Der Wahl­erfolg zeigt, dass das linke Wer­te­fun­dament und linke Pro­gram­matik breite Unter­stützung erfährt. Man muss es nur richtig kom­mu­ni­zieren. Begriffe wie Umver­teilung, Ver­mö­gens­steuer, Mil­lio­närs­steuer, und so weiter beschreiben einen staatlich orga­ni­sierten Vorgang des »Weg­nehmens«. Mit­gefühl bezeichnet eine per­sön­liche Gefühlslage, aus der Men­schen heraus ohne Zäh­ne­knir­schen etwas abgeben. Kritik an der Steu­er­ver­meidung kann man über die »bösen Kon­zerne« drehen oder wie Klaver über den Wert der Fairness, der unter allen Bürgern und Firmen gelten sollte, die mittels Steuern unser Gemein­wesen finan­zieren.
Sven Giegold

Damit auch jeder ver­steht, gegen welche Politik sich Giegold abgrenzt, hat er dann doch auch mal allem positiv Denken zum Trotz for­mu­liert, was er unter linker Politik nicht ver­steht.

Die hol­län­di­schen Grünen sagen, dass eine andere Ver­gü­tungs­kultur in Füh­rungs­etagen zu unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dungen führt, die sich an lang­fris­tigen, gesell­schaft­lichen statt per­sön­lichen, kurz­fris­tigen Inter­essen ori­en­tieren. All das ist nicht die Rhe­torik des Klas­sen­kampfes, sondern die Sprache des fairen Mit­ein­anders.
Sven Giegold

Nun ist es wirklich erstaunlich, welch‘ große Mühe Giegold auf­wendet, um etwas zu pro­pa­gieren, was in Deutschland par­tei­über­greifend längst Common Sense ist. Dass Lohn­ab­hängige und die Vor­stands­etagen der Kon­zerne, an die sie ihre Arbeits­kraft ver­kaufen müssen, im fairen Mit­ein­ander koope­rieren sollen, wird in Deutschland kaum jemand bestreiten.

Die­je­nigen, die davon reden, dass es zwi­schen Kapital und Arbeit Inter­es­sen­un­ter­schiede gibt, die nicht durch Mit­gefühl und Fairness, sondern durch eben den auch von Giegold abge­lehnten Klas­sen­kampf aus­ge­tragen werden, sind in Deutschland in der Min­derheit. In Deutschland überwog schließlich immer eine Zusam­men­arbeit zwi­schen Kapital und Arbeit unter wech­selnden Begriffen.

Unter den Nazis wurde die deutsche Volks­ge­mein­schaft repressiv her­ge­stellt. Sonst überwog der stumme Zwang der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nisse, um die Sozi­al­part­ner­schaft her­zu­stellen und zu sta­bi­li­sieren. Giegold ist nur einer der Ver­künder der angeblich so segens­reichen Wirkung dieser Sozi­al­part­ner­schaft, die er mit einigen auch nicht mehr ganz so neuen Begriffen aus dem Attac-Umfeld anrei­chert, wo er sich poli­tisch bewegte, bevor er in die Par­tei­po­litik gegangen ist.

Noch mal Weitling gegen Marx

Dass Giegold mit seiner neu­esten Inter­vention für einen fairen Umgang zwi­schen Kapital und Arbeit in Deutschland nur die deut­schen Ver­hält­nisse per­p­etuiert, scheint ihm gar nicht auf­zu­fallen. Dass er damit alte Schlachten erneut schlägt, zeigt sich, wenn man sich den kürzlich in vielen Kinos ange­lau­fenen Film Der junge Marx[4] ansieht.

Es ist eine Stärke des Films, dass er Marx und Engels als eine Art Hipster des 19. Jahr­hun­derts dar­stellt und dabei auch auf die Kon­tro­versen der frühen vor­mar­xis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung eingeht. Ein wich­tiger Kon­flikt wird beim Kon­gress der Bund der Gerechten[5] zwi­schen Marx, Engels und seinen Anhängern und denen von Wilhelm Weitling aus­ge­tragen.

Letz­terer war ein bekannter Früh­so­zialist, der sich große Ver­dienste bei der Orga­ni­sierung von Hand­werkern und Fach­ar­beitern erworben hat. Doch im Grunde war er ein Gefühls­so­zialist, der große Worte über Men­schen­ver­brü­derung machte, aber kei­nerlei Konzept für eine andere Gesell­schaft hatte. Das war auch ein Grund, warum die Strömung um Marx und Engels beim Bund der Gerechten den Sieg davon trug.

Wenn nun im 21. Jahr­hundert nicht nur Giegold Linkssein zur Frage des Gefühls macht, setzt er nur eine alte Tra­dition fort. Doch er ist damit nicht allein. Der gesamte Hype um den SPD-Kanz­ler­kan­di­daten Schulz beruft sich auch auf Gefühle und nicht auf rationale Argu­mente.

Sollte dieses Gefühl bis zur Bun­des­tagswahl tragen, könnten die Gefühls­linken Schulz und Giegold die Rolle über­nehmen, die Gerhard Schröder und Josef Fischer nach 1998 ein­nahmen. Das Ergebnis ist bekannt und mit dem Krieg gegen Jugo­slawien und der Agenda 2010 sicher nicht voll­ständig, aber zurei­chend beschrieben.

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Peter Nowak

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[2] http://​www​.taz​.de/​!​5​3​9​3185/
[3] https://​gro​en​links​.nl/
[4] http://​www​.der​-junge​-karl​-marx​.de/
[5] http://universal_lexikon.deacademic.com/217963/Bund_der_Gerechten