Retortenstädte für den Krieg

Protest gegen Gefechtsübungsfeld in der Colbitz-Letzlinger Heide

Anders als in der Kyritz-Rup­piner Heide ist das Trup­pen­übungs­ge­lände Kolbitz-Letz­linger Heide fest in der Hand der Bun­deswehr. Während das Bom­bodrom bei Witt­stock von der Zivil­ge­sell­schaft quasi zurück­er­obert wurde, trai­niert das Militär bei Letz­lingen den Aus­lands­einsatz. Hier sam­melten sich in den letzten Tagen Anti­mi­li­ta­risten zum Protest.

Glühend heiß war es am Samstag in der Klein­stadt Letz­lingen in der Altmark. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Doch eine große Anzahl von Poli­zei­wagen und Fahr­zeugen mit der Auf­schrift »Feld­jäger« brachte unge­wohnte Auf­regung in den beschau­lichen Ort. Der Anlass befand sich am Orts­ausgang. Dort waren Trans­pa­rente gegen Krieg und Mili­ta­rismus ange­bracht. Neben einer uni­for­mierten Puppe mit bunter Perücke hatte jemand ein Plakat mit dem Satz »Was für ein erhe­bendes Gefühl, von einer Frau erschossen zu werden« auf­ge­klebt.

Auf einem großen Trans­parent war die Parole »War starts here« (Der Krieg beginnt hier) zu lesen. Das war auch das Motto des ein­wö­chigen Camps, das rund 300 Anti­mi­li­ta­risten aus Deutschland und anderen euro­päi­schen Ländern wenige Kilo­meter von Letz­lingen ent­fernt orga­ni­siert hatten. Das Ziel ihres Pro­testes war wie im letzten Jahr das Gefechts­übungs­zentrum (GÜZ) wenige Kilo­meter von dem Ort ent­fernt. Hier probt die Bun­deswehr seit 2006 den Einsatz im Ausland. Mitten in der Heide finden sich afgha­ni­schen Städten nach­emp­fundene Stra­ßenzüge. »Wir haben eine Alt­stadt, eine Neu­stadt, eine Stadt­au­tobahn, die Kana­li­sation ist 1,5 Kilo­meter lang und begehbar. Dazu kommen Müll­halde, Trüm­merfeld, Elends­viertel und die Moschee, die mit wenigen Hand­griffen zur Kirche umfunk­tio­niert werden kann«, wird der für Öffent­lich­keits­arbeit zuständige Oberst­leutnant Peter Makowski in der Presse zitiert. Die Bun­deswehr hat viel vor – auch in der Altmark. Bis 2017 soll dort die Geis­ter­stadt Schnög­gersburg ent­stehen. Von einer »Mischung aus Kin­shasa, Tim­buktu und Bagdad« schrieb die »Tages­zeitung«.

Die Anti­mi­li­ta­risten wollen das Trai­nieren von Aus­lands­ein­sätzen nicht hin­nehmen. »Wir sind über­zeugt, dass wir die Pläne der Bun­deswehr auch in der Altmark beein­träch­tigen können«, sagt eine Akti­vistin. Sie lobt das Camp, Kon­takte seien geknüpft und infor­mative Ver­an­stal­tungen orga­ni­siert worden. Daneben haben sich immer wieder kleine Gruppen in die Heide auf­ge­macht, um die Orte der Kriegs­übungen zu mar­kieren. Am ver­gan­genen Don­nerstag wurde dabei ein ver­las­sener Bun­des­wehr­kon­troll­posten ent­deckt, in dem neben Berichten über GÜZ-Übungen auch Haken­kreuze zu sehen waren. In einer Pres­se­mit­teilung ver­langen die Akti­visten Auf­klärung, ob dafür mit der rechten Szene ver­bundene Sol­daten ver­ant­wortlich sind.

Der Akti­onstag am Sonn­abend war Höhe­punkt der Pro­test­woche. Nur ein Teil der Anti­mi­li­ta­risten suchte am Stadtrand von Letz­lingen unter den Son­nen­schirmen Schutz vor der drü­ckenden Hitze – dar­unter auch Mit­glieder der Links­partei aus dem Kreis Lüchow-Dan­nenberg, die zur Unter­stützung Kaffee und Kuchen mit­ge­bracht hatten. Die übrigen Akti­visten ver­suchten derweil auf das Gefechts­übungsfeld zu gelangen. Die Polizei hatte das Gelände wenige Meter hinter der Kund­gebung zur Sperrzone erklärt. Jeder, der die Straße pas­sieren wollte, erhielt einen Platz­verweis. Doch viele Anti­mi­li­ta­risten hatten sich schon am frühen Morgen auf ver­schlun­genen Wegen auf­ge­macht.

Am Sams­tag­mittag hatten auch die Freunde der Bun­deswehr eine Kund­gebung ange­meldet, an der schließlich rund 30 Per­sonen teil­nahmen. Augen­zeugen erkannten dar­unter Per­sonen aus der rechten Szene. Die meisten Teil­nehmer ver­wiesen auf die Arbeits­plätze, die durch die Bun­deswehr in der struk­tur­schwachen Region ent­stünden. »Davon pro­fi­tieren doch nur die Beer­di­gungs­in­stitute und Sarg­träger«, ent­gegnete eine Frau.

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Peter Nowak