Die Nachkommen

Aktive Zeugenschaft

Nach­kommen der Ver­folgten des Nazi­re­gimes, von Exil und Wider­stand melden sich zu Wort

Als Nach­kommen der NS-Ver­folgten, des Wider­stands und des Exils wollen wir uns gemeinsam ein­setzen für eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Soli­da­rität.« Dieses Bekenntnis stammt aus einem Aufruf der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) Berlin, abge­druckt auf der Rück­seite einer neuen Publi­kation, in der sich…

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Ein neuer Anlauf für das »Café Sibylle«

Nutzer*innen und Anwohner*innen fordern Wie­der­eröffnung – Bezirksamt prä­sen­tiert neuen Betreiber

»Sibylle muss bleiben« stand auf einem der bunten Schirme, die am Mitt­woch­abend vor der Karl-Marx-Allee 72 in Fried­richshain auf­ge­spannt waren. Mehr als 50 Men­schen hatten sich dort zum Antifa-Jour-fixe der Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten und Anti­fa­schis­tinnen (VVN-BdA) ver­sammelt. Immer am dritten Montag im Monat hatten diese Treffen in den letzten Jahren im »Café Sibylle« statt­ge­funden. Bis es Anfang April schließen musste, weil der Betreiber, die Bil­dungs­ein­richtung für beruf­liche Umschulung und Fort­bildung (BUF), in Insolvenz gegangen ist.

Doch viele Nutzer*innen des Cafés wollen sich damit nicht abfinden, wie am Mitt­woch­abend deutlich wurde. In einer kämp­fe­ri­schen Rede erin­nerte die Künst­lerin Gina Pietsch an die 100 Ver­an­stal­tungen, die die VVN-BdA in der Ver­gan­genheit im »Café Sibylle« orga­ni­siert hat. Auch Akti­ons­künst­lerin Ute Donner setzte sich für die Wie­der­eröffnung ein. Sie hat die bunten Schirme mit den Pro­test­bot­schaften gestaltet. »Ein Ret­tungs­schirm für das das Café Sibylle« ist ihre Losung. Zu denen, die mit dem Café auch ihren Nach­bar­schafts­treff wie­der­haben wollten, zählen auch Anwohner*innen. Einige von ihnen erin­nerten daran, dass sie vor mehr als 60 Jahren die Häuser in der Sta­lin­allee, wie die Karl-Marx-Allee bis 1961 hieß, selbst mit­gebaut hatten. Die seit 2001 im »Café Sibylle« gezeigte Aus­stellung zur Geschichte dieser Straße und ihrer Bauten ist seit der Schließung nicht mehr zugänglich.

Dafür, dass sich das mög­lichst bald ändert, traten am Mittwoch nicht nur Bezirkspolitiker*innen von SPD, Grünen und LINKE ein. Wie schnell das geschehen könnte, damit hatte keiner gerechnet. Zur Über­ra­schung vieler Teilnehmer*innen war auch der neue Betreiber gekommen. »Der Vertrag wurde kürzlich unter­schrieben. Ab 1. Oktober wollen wir das ›Café Sibylle‹ wieder öffnen«, erklärte Angelika Zachau von der puk a malta GmbH, einer Ein­richtung der Gemein­we­sen­arbeit, die bisher im Sol­diner Kiez in Wedding aktiv war. »Puk ist die Abkürzung für Pro­jekt­schulung, Unter­richts­medien und Kom­mu­ni­kation, a malte ist por­tu­gie­sisch und bedeutet ›für die Men­schen aus dem Kiez‹«, erläu­terte Zachau.

Doch das Miss­trauen der Sibyllianer*innen war am Mittwoch spürbar. Manche befürchten die weitere Abwicklung der DDR-Geschichte, bemän­gelten feh­lende Trans­parenz bei der Vergabe. Mehrere Redner*innen mahnten eine enge Koope­ration mit den lang­jäh­rigen Pächtern um Peter Schröder an. Zachau ver­si­cherte, die Aus­stellung solle inhaltlich nicht ver­ändert werden. Auch die Antifa-Jour-ixes solle es ab Oktober wieder geben.

Zugleich kün­digte Zachau Ver­än­de­rungen an. Dafür, dass das »Café Sibylle« für junge Antifaschist*innen attrak­tiver werden soll, bekam sie Zustimmung. »Am ver­gan­genen Samstag demons­trierten zahl­reiche junge Men­schen ganz in der Nähe gegen den Heß-Auf­marsch. Warum sind die jetzt nicht hier?«, fragte eine ältere Frau.

Zu dem von einigen gewünschten Hän­de­druck zwi­schen alten und neuen Pächtern des »Café Sibylle« ist es am Mitt­woch­abend nicht gekommen. Aber man wolle, wie einige Teilnehmer*innen am Ende erklärten, das Beste aus der Situation machen.

Am Dienstag infor­mierte das Bezirksamt Fried­richshain-Kreuzberg offi­ziell über die Ver­trags­un­ter­zeichnung mit puk a malta. Der Wei­ter­be­trieb des tra­di­ti­ons­reichen »Café Sibylle« sei damit gesi­chert, hieß es.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1098112.kieztreff-ein-neuer-anlauf-fuer-das-café-sibylle.html

Peter Nowak

Noch nicht Geschichte

VVN-Kon­ferenz mahnt

In ein­dring­lichen Worten beschwor der 90-jährige Volkmar Har­nisch die Anwe­senden, dem Auf­stieg einer neuen rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung in Deutschland ent­gegen zu treten. Er war 1944 im Alter von 17 Jahren von den Nazis inhaf­tiert worden. Am Frei­tag­abend eröffnete er in der TU Berlin eine Kon­ferenz der Ver­ei­nigten der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­ti­schen (VVN-BdA). Unter dem Titel »Deutschland wieder gut­ge­macht?« befasste sie sich mit dem Wandel der Erin­ne­rungs­po­litik an das NS-Régime. Har­nisch ist einer der wenigen noch lebenden Wider­stands­kämpfe

Wie wird eine Erin­ne­rungs­po­litik ohne die Zeit­zeugen aus­sehen? Das ist eine Frage, die sich auch der Leiter der KZ-Gedenk­stätte Neu­en­gamme Detlef Garbe in seinem Ein­füh­rungs­re­ferat stellte. Er warnte vor einem »Auf­ar­bei­tungs­stolz« deut­scher Poli­tiker, die eine neue Rolle Deutsch­lands in der Welt­po­litik damit begründen, dass das Land sich der NS-Geschichte vor­bildlich gestellt habe. Garbe erin­nerte daran, dass bis in die 1980er Jahre der Kampf um Erin­ne­rungsorte von NS-Terror und Ver­folgung eine Aufgabe zivil­ge­sell­schaft­licher Orga­ni­sa­tionen war und von der Politik oft igno­riert oder gar sabo­tiert wurde. Er betonte, Gedenk­po­litik müsse auch wei­terhin poli­tisch ver­un­si­chern. Wenn die AfD in den Bun­destag ein­ziehe, stünden ihr auch Sitze in Kom­mis­sionen zu, die sich mit Gedenk­po­litik befassen. Zudem beklagte der His­to­riker dar­aufhin, dass der Etat für die Auf­ar­beitung der DDR-Geschichte größer sei als für die Erin­nerung an den NS-Terror. Der Publizist Wolfgang Herzberg wie­derum, der als Kind jüdi­scher Kom­mu­nisten im bri­ti­schen Exil geboren wurde, ver­wahrte sich in einer enga­gierten Rede gegen die Gleich­setzung der DDR mit dem NS-Régime.

In einer von der His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck mode­rierten Podi­ums­dis­kussion ging es dann um die Frage, wie eine Erin­ne­rungs­po­litik aus­sehen kann, die in die aktuelle Politik kri­tisch inter­ve­nieren will. Nach dem Tod der letzten Zeit­zeugen befürchtet sie eine His­to­ri­sierung des Faschismus. Der Publizist und Jurist Kamil Majchrzak verwies in diesem Kontext auf die Ver­ant­wortung der dritten Generation, der Kinder und Enkel von NS-Opfern und Wider­stands­kämpfern. Dabei griff er eine Dis­kussion auf, die in Israel schon einige Jahre geführt wird. Majchrzaks Groß­vater war NS-Wider­stands­kämpfer und KZ-Häftling. Dessen Erfah­rungen hätten auch ihn geprägt.

Für Anne Allex von der AG »Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« ist Geschichte der Ver­folgung in der NS-Dik­tatur noch längst nicht voll­ständig erforscht. Sie wies dar­aufhin, dass Men­schen, die von den Nazis als »arbeits­scheu« und »asozial« klas­si­fi­ziert wurden, bis heute keine Ent­schä­digung erhalten haben und in den Nach­kriegs­jahren oft weiter ver­folgt wurden. Der Wis­sen­schaftler Stefan Heinz, der in einem For­schungs­projekt der FU Berlin über das Schicksal von Gewerk­schaftern und Gewerk­schaf­te­rinnen im NS-Staat mit­ar­beitet, ist der Über­zeugung, dass vor allem die Wider­stands­ge­schichte der Arbei­ter­be­wegung gegen die Hit­ler­dik­tatur noch nicht aus­ge­forscht sei.

Die gut­be­suchte Kon­ferenz machte deutlich, dass die Gruppe jener wächst, die sich gegen Ver­suche stemmt, die Erin­ne­rungs­po­litik an die Ver­brechen des NS-Staates als ver­gangene Geschichte zu betrachten.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​3​3​0​0​.​n​o​c​h​-​n​i​c​h​t​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​.html

Peter Nowak

Politisches Erwachen in Gefangenschaft


Erin­ne­rungen an Werner Gutsche, Geschichts­auf­klärer und Streiter gegen Rechts­ra­di­ka­lismus

»Er wollte das NS-Unrecht auf­decken, seien es die in Neu­kölln jah­relang ver­schwie­genen Zwangs­ar­beits­lager, die ver­ges­senen SA-Fol­ter­stätten oder das ver­schmähte Erinnern des kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands.« Mit diesen Worten würdigt Hans Coppi, Vor­sit­zender der Ber­liner VVN-BdA, den Neu­köllner Kom­mu­nisten Werner Gutsche. Bis zu seinem Tod 2012 hat sich jener uner­müdlich gegen Ras­sismus und Rechts­ra­di­ka­lismus enga­giert.

Freunde und Genossen erinnern sich an ihn in diesem Buch, das zugleich die Geschichte der linken Oppo­sition in Berlin-Neu­kölln zeichnet. Hierfür haben die His­to­riker Mat­thias Heisig und Bernhard Brem­berger ohne jeg­liche finan­zielle Unter­stützung recher­chiert.

Über Gut­sches Zeit in der Wehr­macht erfährt man nur wenig. Sein poli­ti­sches Bewusstsein erwachte in rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft und beim Besuch einer Antifa-Schule, die er mit Hans Modrow absol­vierte. Auch Gutsche wird Mit­glied der SED, lebte jedoch in der Front­stadt West­berlin. Er sam­melte Unter­schriften für den Stock­holmer Appell zur Abschaffung der Atom­waffen und setzte sich für eine ehr­liche, kri­tische Auf­ar­beitung der NS-Ver­gan­genheit ein. Seine Auf­for­derung an Mit­streiter vom Neu­köllner Geschichts­verein »Da müsst ihr euch mal drum kümmern« wurde Titel gebend. Gut­sches Einsatz ver­dankt sich die Benennung des Neu­köllner Sport­sta­dions nach dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­kämpfer Werner See­len­binder, der als Kom­munist in West­berlin lange tabu war.

Das Buch infor­miert über eine Wider­stands­gruppe gegen die Nazis an der Rüt­lischule, die Bestreikung von SA-Sturm­lo­kalen durch Arbeiter sowie einen Schau­prozess gegen Kom­mu­nisten 1935, der mit Todes­ur­teilen endete. Christian von Gelieu weist auf blinde Flecken der kom­mu­nis­ti­schen Geschichts­schreibung hin. Gemeinsam mit seiner Frau Claudia ist der His­to­riker übrigens vor einigen Wochen Opfer rechter Gewalt geworden. Der Terror von Neo­nazis beweist einmal mehr, wie wichtig Bücher wie dieses sind.

Frieder Boehne/​Bernhard Bremberger/​Mat­thias Heisig: »Da müsst ihr euch mal drum kümmern. « Werner Gutsche (1923–2012) und Neu­kölln.
Metropol. 300 S., br., 22 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​5​5​7​0​.​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​s​-​e​r​w​a​c​h​e​n​-​i​n​-​g​e​f​a​n​g​e​n​s​c​h​a​f​t​.html
Peter Nowak

Bärgida vor Gedenkstätte

Ein Rest der wöchent­lichen rechten Demons­tranten ver­sam­melte sich in dieser Woche vor der Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand – und sah sich in dessen Tra­dition.

Gegen 21 Uhr ver­sam­melten sich vor der Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand etwa 50 Per­sonen, die sich als rechte Anti­fa­schisten bezeich­neten und zum Jah­restag des Hitler-Attentats General von Stauf­fenberg als »kon­ser­va­tiven Revo­lu­tionär« lobten. Haupt­redner der Ver­sammlung war ein Mit­glied der rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung Pro Deutschland, Karl Schmitt, der nach »nd«-Informationen seit Wochen zu den Haupt­or­ga­ni­sa­toren der »Bärgida«-Spaziergänge gehört. Am letzten Mon­tag­abend trafen sich einige Teil­nehmer kurz nach Ende der Demons­tration am Pots­damer Platz, wo eine Demons­tration zur Gedenk­stätte ange­meldet war.

Schmitt ver­suchte, Stauf­fenberg als Bärgida-Vor­kämpfer zu sti­li­sieren. Damals wie heute gebe es rechte Anti­fa­schisten, die »Flug­blätter in der Öffent­lichkeit ver­teilen, bereit sind, sich für die Sache zu opfern und generell ein hohes Risiko für die Freiheit aller Men­schen ein­zu­gehen«. Die Wider­stands­gruppe des 20. Juli 1944 habe nur aus rund 150 Per­sonen bestanden und habe es trotzdem fast geschafft, ein faschis­ti­sches System, dem Mil­lionen gefolgt sind, an nur einem Tag zu stürzen.

Heftige Kritik an dem Auf­marsch vor der Gedenk­stätte übte der Geschäfts­führer der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes- Bund der Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten e.V (VVN-BdA), Markus Ter­vooren. »Es darf nicht sein, dass sich die Feinde der Demo­kratie, Ras­sisten und Neo­nazis unter Poli­zei­schutz ver­sammeln können, um das Andenken an jene, die den Wider­stand gegen das ver­bre­che­rische NS-Régime auch mit ihrem Leben bezahlten, in den Schmutz zu ziehen«, sagte er dem »nd«.

Den Vorwurf des VVN-BdA, die Polizei habe die Bärgida-Demons­tranten zur Gedenk­stätte geleitet, wies der Pres­se­sprecher der Polizei, Stefan Redlich, zurück. »Am 17. Juli ist eine Anmeldung von einem uns unbe­kannten Mann ein­ge­troffen, der eine Demons­tration vom Pots­damer Platz zur Gedenk­stätte anmeldete. Ein Zusam­menhang mit dem Bärgida-Spa­ziergang war uns nicht bekannt«. Erst während des Spa­zier­gangs sei die Polizei darüber infor­miert worden, dass ein Teil der Ver­sammlung zum Bendler Block wollte. Die Polizei habe eine Auf­lösung am Bran­den­burger Tor durch­ge­setzt, um zu ver­hindern, dass die Demons­tration am Holo­caust-Mahnmal vor­bei­ziehe, so Redlich.

Auch die Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand gehört zu den Orten, an denen Demons­tra­tionen ver­boten oder mit strengen Auf­lagen ver­bunden werden, wenn die Gefahr besteht, dass die Würde der Opfer beein­trächtigt wird.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​7​8​6​8​2​.​b​a​e​r​g​i​d​a​-​v​o​r​-​g​e​d​e​n​k​s​t​a​e​t​t​e​.html

Peter Nowak

Spenden für Szepansky

ERINNERUNG Gedenktafel für NS-Verfolgten und Antifaschisten in Kreuzberg zerstört

Eine Gedenk­tafel für den Ber­liner Wolfgang Sze­pansky haben Unbe­kannte in der Meth­fes­sel­straße 42 in Kreuzberg zer­stört. »Die Vor­ge­hens­weise deutet unseres Erachtens auf eine gezielte Tat unter Ver­wendung von Werk­zeugen hin«, erklärte Markus Ter­vooren, Geschäfts­führer der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten e. V. (VVN-BdA), gegenüber der taz. Von der Zer­störung, die bereits vor einigen Tagen erfolgte, sei die VVN-BdA von einem Anwohner erst jetzt infor­miert worden, so Ter­vooren.

Die Gedenk­tafel war im August 2012 ange­bracht worden. Dafür hatten sich die VVN-BdA und die geschichts­po­li­tische Initiative Aktives Museum mehrere Jahre ein­ge­setzt und im Stadtteil viel Unter­stützung für das Enga­gement erhalten. Der Ort für die Gedenk­tafel erinnert an eine anti­fa­schis­tische Aktion des jungen Wolfgang Sze­pansky, die in Berlin für Auf­sehen sorgte.

Am 11. August 1933 hatte der damals 23-Jährige an die Haus­mauer der Meth­fes­sel­straße 42 die Parolen »Nieder mit Hitler! KPD lebt! Rot Front!« gepinselt. Er wurde ver­haftet und ins Colum­biahaus, das berüch­tigte Kon­zen­tra­ti­ons­lager Berlins am Tem­pel­hofer Feld, ein­ge­liefert.

Nach seiner Frei­lassung war Sze­pansky nach Holland emi­griert, wo ihn der Nazi­terror nach der deut­schen Besetzung ein­holte. 1940 wurde er an die Gestapo aus­ge­liefert und in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen gebracht. Als Teil­nehmer der Todes­märsche, bei denen die SS in den letzten Tagen des Nazi­re­gimes im April 1945 KZ-Häft­linge durch Deutschland trieb, wurde Sze­pansky durch bri­tische Alli­ierte befreit.

Sofort nach dem Kriegsende betei­ligte er sich am Aufbau des anti­fa­schis­ti­schen Jugend­aus­schusses in Tem­pelhof. Sze­pansky arbeitete als Lehrer, wurde aber im Zuge der Kom­mu­nis­ten­ver­folgung des Kalten Krieges aus dem Ber­liner Schul­dienst ent­lassen. Bis zu seinem Tod 2008 enga­gierte er sich aktiv gegen alte und neue Nazis und begleitete anti­fa­schis­tische Stadt­rund­fahrten.

»Wir wollen die Gedenk­tafel so schnell wie möglich erneuern«, betonte Ter­vooren. Dafür sammle die VVN-BdA jetzt Spenden ein.

Peter Nowak

Bankverbindung: Postbank Berlin, IBAN: DE18100100100315904105 · BIC: PBNKDEFF

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2015%2F03%2F03%2Fa0149&cHash=e1e4f1eca6d61b8a65eb9fdec6258b87

Im Schatten

Im pol­ni­schen Słońsk ist eine Aus­stellung eröffnet worden, die an das dortige ehe­malige Kon­zen­tra­ti­ons­lager erinnert.

»Wer ins pol­nische Słońsk kommt, sollte unbe­dingt Zeit mit­bringen«, heißt es auf der Homepage der »Initiative Kul­tur­brücke über die Oder«, die für eine deutsch-pol­nische Kul­tur­be­gegnung wirbt. Dort wird auf den Natio­nalpark Wart­he­mündung mit seinen sel­tenen Vögeln und Pflanzen hin­ge­wiesen. Seit dem 31. Januar gibt es einen wei­teren Grund, länger in dem pol­ni­schen Städtchen knapp 100 Kilo­meter östlich von Berlin zu ver­weilen. An diesem Tag wurde eine in deutsch-pol­ni­scher Koope­ration und maß­geblich vom »Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg« der Ber­liner VVN-BdA kon­zi­pierte Aus­stellung zur Geschichte des KZ Son­nenburg eröffnet. Sie erinnert an eine Zeit, die auf der Homepage der Kul­tur­brücke unter dem Stichwort »besonders dunkler Teil der Son­nen­burger Geschichte« in einem kurzen Absatz abge­handelt wird.

»Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes«, heißt es in der Aus­stellung. Die in deut­scher und pol­ni­scher Sprache erstellten Tafeln belegen diese Aussage detail­liert. Bereits im Frühjahr 1933 wurden Kom­mu­nisten, Sozia­listen und linke Intel­lek­tuelle aus Berlin und Bran­denburg nach Son­nenburg ver­schleppt. Klaas Meyer, ein kom­mu­nis­ti­scher Seemann, beschrieb seine Begegnung mit der SA: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, den meisten lief das Blut schon durchs Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, man hatte ihnen gesagt, wir seien Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.«

In der Aus­stellung wird auch gezeigt, dass Son­nenburg nicht zufällig als Ort für das KZ aus­ge­sucht wurde. Als 1931 das dortige Zuchthaus wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Zustände geschlossen wurde, regte sich im Ort, in dem das Zuchthaus ein zen­traler Arbeit­geber war, Wider­stand. Die NSDAP, die gegen die Zucht­haus­schließung agi­tierte, erzielte gute Wahl­er­geb­nisse.

Mehrere Tafeln doku­men­tieren die Gesichter der »Nacht-und-Nebel-Gefan­genen«, die nach 1941 aus zahl­reichen von Deutschland besetzten Ländern in das Zuchthaus ver­schleppt wurden. Kurz vor dem Ein­treffen der Roten Armee erschoss die SS in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 in Son­nenburg noch 819 Gefangene.

70 Jahre später reisten zur Eröffnung der Aus­stellung auch viele Ange­hörige der Opfer aus Deutschland und diversen euro­päi­schen Ländern an. Doch nicht alle fühlten sich in Słońsk will­kommen. Viele Ange­hörige mussten in der win­ter­lichen Wit­terung vor der Halle warten, in der ein Ver­treter des Fürs­ten­hauses von Luxemburg bei der Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer des 30. Januar 1945 sprach. Der größte Teil der Erschos­senen kam aus Luxemburg.

»Auch unsere Ange­hö­rigen waren Opfer«, sagt Jan Her­togen. Der bel­gische For­scher, der beim Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis der Ber­liner VVN mit­ar­beitete, war besonders empört, dass die Rede der bel­gi­schen Bot­schaf­terin bei der Gedenk­ver­an­staltung aus Zeit­gründen kurz­fristig gestrichen worden war. »In Son­nenburg wurde mein Vater gequält und heute fühle ich mich an dem Ort wieder gede­mütigt«, sagt Meina Voigt Schnabel zur Jungle World. Auch die Tochter des kom­mu­nis­ti­schen See­manns Klaas Meyer, der bereits 1933 die Zustände in der »Fol­ter­hölle Son­nenburg« der Öffent­lichkeit bekannt machte, bekam keinen Zutritt zur Gedenk­ver­an­staltung.

Am Nach­mittag orga­ni­sierte der Arbeits­kreis ein Treffen im Rathaus von Słońsk mit dem pol­ni­schen Staats­anwalt Janusz Jagiełłowicz, der die Kom­mission für die Ver­folgung von Ver­brechen im Zuchthaus Son­nenburg leitet. Die 1972 ein­ge­stellten Ermitt­lungen gegen die Ver­ant­wort­lichen wurden im Februar 2014 wieder auf­ge­nommen. Recht­zeitig zum 70. Jah­restag des Mas­sakers haben Hans Coppi und Kamil Majchrzak im Metropol-Verlag das Buch »Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg« her­aus­ge­geben, das einen guten Über­blick über die Geschichte dieses weit­gehend ver­ges­senen Ortes des NS-Terrors gibt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​0​6​/​5​1​3​8​2​.html
Peter Nowak

Erzählungen der Kinder

Fünfte Veröffentlichung von Interviews mit Überlebenden des Nationalsozialismus

»Ich war der einzige Jude in der Klasse und wurde selbst von den Sechs­jäh­rigen sofort aus­ge­grenzt. Ich wurde geschlagen und bespuckt. Selbst Kinder, mit denen ich noch vor der Ein­schulung gespielt hatte, spielten jetzt nicht mehr mir.« So erlebte Horst Sel­biger, dessen Vater Jude war, seinen Schul­alltag im Jahr 1934 in Berlin. Heute enga­giert sich der 84-jährige Mann als Ehren­vor­sit­zender des Vereins Child Sur­viors. Seine Erleb­nisse im Natio­nal­so­zia­lismus berichtet Sel­biger in einem Interview, das der Arbeits­kreis »Fragt uns, wir sind die letzten« in seiner fünften Bro­schüre ver­öf­fent­lichte. In dem Verein haben sich ca. ein Dutzend Men­schen aus Berlin, Leipzig und Freiburg zusam­men­ge­funden, deren Anliegen es ist, die Stimmen der letzten Über­le­benden des NS-Terrors auf­zu­zeichnen. »Alle sind aus der Generation der Nach­ge­bo­renen und auf die eine oder andere Weise anti­fa­schis­tisch aktiv«, beschreiben sich die Aktiven des 2010 begon­nenen Pro­jekts. Gegründet wurde es von Aktiven aus dem Umfeld des Ber­liner VVN-Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) und der Anti­fa­schis­ti­schen Initiative Moabit (AIM). Mitt­ler­weile hat sich der Kreis der Aktiven erweitert.

»In den letzten Jahren sind wir in unserer poli­ti­schen Arbeit zunehmend damit kon­fron­tiert, dass Über­le­bende der NS-Ver­folgung sowie Men­schen aus dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand sterben. Ihre Stimme besitzt in poli­ti­schen Debatten ein ein­ma­liges mora­li­sches Gewicht, nicht nur, wenn es um den Umgang Deutsch­lands mit den NS-Ver­brechen geht, sondern auch wenn aktu­eller Anti­se­mi­tismus, Ras­sismus und Sozi­al­chau­vi­nismus, Neo­na­zismus oder auch Kriegs­po­litik dis­ku­tiert werden«, begründet einer der Aktiven, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sein Enga­gement.

Die bisher 25 Inter­views, die in fünf etwa 65-sei­tigen Bro­schüren ver­öf­fent­licht wurden, decken eine große Palette von Ver­folgung und des Wider­stand ab. So kommt in der kürzlich erschie­nenen fünften Bro­schüre neben Horst Sel­biger auch Peter Perel zu Wort. Er wurde Zeuge der Mas­sen­er­schie­ßungen von Juden in seinem ukrai­ni­schen Hei­matdorf unmit­telbar nach dem Ein­marsch der deut­schen Wehr­macht. Der von den Nazis als Halbjude dekla­rierte Heinz Bachmann berichtet, wie sich die anti­se­mi­tische Politik der Nazis von den ersten Boy­kott­ak­tionen bis zu den Pogromen im November 1938 radi­ka­li­sierte. Lore Diehl schildert den schweren Alltag einer anti­fa­schis­ti­schen Familie im NS. Sie erlebte als Kind einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Familie, wie ihr Vater bereits 1933 in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg ver­schleppt wurde. Dorothea Paley über­lebte als Kind die Blo­ckade Lenin­grads durch die deutsche Wehr­macht. Sie habe den Ein­druck, dass viele Men­schen über eines der größten deut­schen Kriegs­ver­brechen in der ehe­ma­ligen Sowjet­union nicht infor­miert sind.

Weitere Bro­schüren des ehren­amtlich arbei­tenden Vereins sind in Planung.

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https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​5​9​9​1​8​.​e​r​z​a​e​h​l​u​n​g​e​n​-​d​e​r​-​k​i​n​d​e​r​.html

Peter Nowak