Ein neuer Anlauf für das »Café Sibylle«

Nutzer*innen und Anwohner*innen fordern Wie­der­eröffnung – Bezirksamt prä­sen­tiert neuen Betreiber

»Sibylle muss bleiben« stand auf einem der bunten Schirme, die am Mitt­woch­abend vor der Karl-Marx-Allee 72 in Fried­richshain auf­ge­spannt waren. Mehr als 50 Men­schen hatten sich dort zum Antifa-Jour-fixe der Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten und Anti­fa­schis­tinnen (VVN-BdA) ver­sammelt. Immer am dritten Montag im Monat hatten diese Treffen in den letzten Jahren im »Café Sibylle« statt­ge­funden. Bis es Anfang April schließen musste, weil der Betreiber, die Bil­dungs­ein­richtung für beruf­liche Umschulung und Fort­bildung (BUF), in Insolvenz gegangen ist.

Doch viele Nutzer*innen des Cafés wollen sich damit nicht abfinden, wie am Mitt­woch­abend deutlich wurde. In einer kämp­fe­ri­schen Rede erin­nerte die Künst­lerin Gina Pietsch an die 100 Ver­an­stal­tungen, die die VVN-BdA in der Ver­gan­genheit im »Café Sibylle« orga­ni­siert hat. Auch Akti­ons­künst­lerin Ute Donner setzte sich für die Wie­der­eröffnung ein. Sie hat die bunten Schirme mit den Pro­test­bot­schaften gestaltet. »Ein Ret­tungs­schirm für das das Café Sibylle« ist ihre Losung. Zu denen, die mit dem Café auch ihren Nach­bar­schafts­treff wie­der­haben wollten, zählen auch Anwohner*innen. Einige von ihnen erin­nerten daran, dass sie vor mehr als 60 Jahren die Häuser in der Sta­lin­allee, wie die Karl-Marx-Allee bis 1961 hieß, selbst mit­gebaut hatten. Die seit 2001 im »Café Sibylle« gezeigte Aus­stellung zur Geschichte dieser Straße und ihrer Bauten ist seit der Schließung nicht mehr zugänglich.

Dafür, dass sich das mög­lichst bald ändert, traten am Mittwoch nicht nur Bezirkspolitiker*innen von SPD, Grünen und LINKE ein. Wie schnell das geschehen könnte, damit hatte keiner gerechnet. Zur Über­ra­schung vieler Teilnehmer*innen war auch der neue Betreiber gekommen. »Der Vertrag wurde kürzlich unter­schrieben. Ab 1. Oktober wollen wir das ›Café Sibylle‹ wieder öffnen«, erklärte Angelika Zachau von der puk a malta GmbH, einer Ein­richtung der Gemein­we­sen­arbeit, die bisher im Sol­diner Kiez in Wedding aktiv war. »Puk ist die Abkürzung für Pro­jekt­schulung, Unter­richts­medien und Kom­mu­ni­kation, a malte ist por­tu­gie­sisch und bedeutet ›für die Men­schen aus dem Kiez‹«, erläu­terte Zachau.

Doch das Miss­trauen der Sibyllianer*innen war am Mittwoch spürbar. Manche befürchten die weitere Abwicklung der DDR-Geschichte, bemän­gelten feh­lende Trans­parenz bei der Vergabe. Mehrere Redner*innen mahnten eine enge Koope­ration mit den lang­jäh­rigen Pächtern um Peter Schröder an. Zachau ver­si­cherte, die Aus­stellung solle inhaltlich nicht ver­ändert werden. Auch die Antifa-Jour-ixes solle es ab Oktober wieder geben.

Zugleich kün­digte Zachau Ver­än­de­rungen an. Dafür, dass das »Café Sibylle« für junge Antifaschist*innen attrak­tiver werden soll, bekam sie Zustimmung. »Am ver­gan­genen Samstag demons­trierten zahl­reiche junge Men­schen ganz in der Nähe gegen den Heß-Auf­marsch. Warum sind die jetzt nicht hier?«, fragte eine ältere Frau.

Zu dem von einigen gewünschten Hän­de­druck zwi­schen alten und neuen Pächtern des »Café Sibylle« ist es am Mitt­woch­abend nicht gekommen. Aber man wolle, wie einige Teilnehmer*innen am Ende erklärten, das Beste aus der Situation machen.

Am Dienstag infor­mierte das Bezirksamt Fried­richshain-Kreuzberg offi­ziell über die Ver­trags­un­ter­zeichnung mit puk a malta. Der Wei­ter­be­trieb des tra­di­ti­ons­reichen »Café Sibylle« sei damit gesi­chert, hieß es.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1098112.kieztreff-ein-neuer-anlauf-fuer-das-café-sibylle.html

Peter Nowak

Noch nicht Geschichte

VVN-Kon­ferenz mahnt

In ein­dring­lichen Worten beschwor der 90-jährige Volkmar Har­nisch die Anwe­senden, dem Auf­stieg einer neuen rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung in Deutschland ent­gegen zu treten. Er war 1944 im Alter von 17 Jahren von den Nazis inhaf­tiert worden. Am Frei­tag­abend eröffnete er in der TU Berlin eine Kon­ferenz der Ver­ei­nigten der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­ti­schen (VVN-BdA). Unter dem Titel »Deutschland wieder gut­ge­macht?« befasste sie sich mit dem Wandel der Erin­ne­rungs­po­litik an das NS-Régime. Har­nisch ist einer der wenigen noch lebenden Wider­stands­kämpfe

Wie wird eine Erin­ne­rungs­po­litik ohne die Zeit­zeugen aus­sehen? Das ist eine Frage, die sich auch der Leiter der KZ-Gedenk­stätte Neu­en­gamme Detlef Garbe in seinem Ein­füh­rungs­re­ferat stellte. Er warnte vor einem »Auf­ar­bei­tungs­stolz« deut­scher Poli­tiker, die eine neue Rolle Deutsch­lands in der Welt­po­litik damit begründen, dass das Land sich der NS-Geschichte vor­bildlich gestellt habe. Garbe erin­nerte daran, dass bis in die 1980er Jahre der Kampf um Erin­ne­rungsorte von NS-Terror und Ver­folgung eine Aufgabe zivil­ge­sell­schaft­licher Orga­ni­sa­tionen war und von der Politik oft igno­riert oder gar sabo­tiert wurde. Er betonte, Gedenk­po­litik müsse auch wei­terhin poli­tisch ver­un­si­chern. Wenn die AfD in den Bun­destag ein­ziehe, stünden ihr auch Sitze in Kom­mis­sionen zu, die sich mit Gedenk­po­litik befassen. Zudem beklagte der His­to­riker dar­aufhin, dass der Etat für die Auf­ar­beitung der DDR-Geschichte größer sei als für die Erin­nerung an den NS-Terror. Der Publizist Wolfgang Herzberg wie­derum, der als Kind jüdi­scher Kom­mu­nisten im bri­ti­schen Exil geboren wurde, ver­wahrte sich in einer enga­gierten Rede gegen die Gleich­setzung der DDR mit dem NS-Régime.

In einer von der His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck mode­rierten Podi­ums­dis­kussion ging es dann um die Frage, wie eine Erin­ne­rungs­po­litik aus­sehen kann, die in die aktuelle Politik kri­tisch inter­ve­nieren will. Nach dem Tod der letzten Zeit­zeugen befürchtet sie eine His­to­ri­sierung des Faschismus. Der Publizist und Jurist Kamil Majchrzak verwies in diesem Kontext auf die Ver­ant­wortung der dritten Generation, der Kinder und Enkel von NS-Opfern und Wider­stands­kämpfern. Dabei griff er eine Dis­kussion auf, die in Israel schon einige Jahre geführt wird. Majchrzaks Groß­vater war NS-Wider­stands­kämpfer und KZ-Häftling. Dessen Erfah­rungen hätten auch ihn geprägt.

Für Anne Allex von der AG »Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« ist Geschichte der Ver­folgung in der NS-Dik­tatur noch längst nicht voll­ständig erforscht. Sie wies dar­aufhin, dass Men­schen, die von den Nazis als »arbeits­scheu« und »asozial« klas­si­fi­ziert wurden, bis heute keine Ent­schä­digung erhalten haben und in den Nach­kriegs­jahren oft weiter ver­folgt wurden. Der Wis­sen­schaftler Stefan Heinz, der in einem For­schungs­projekt der FU Berlin über das Schicksal von Gewerk­schaftern und Gewerk­schaf­te­rinnen im NS-Staat mit­ar­beitet, ist der Über­zeugung, dass vor allem die Wider­stands­ge­schichte der Arbei­ter­be­wegung gegen die Hit­ler­dik­tatur noch nicht aus­ge­forscht sei.

Die gut­be­suchte Kon­ferenz machte deutlich, dass die Gruppe jener wächst, die sich gegen Ver­suche stemmt, die Erin­ne­rungs­po­litik an die Ver­brechen des NS-Staates als ver­gangene Geschichte zu betrachten.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​3​3​0​0​.​n​o​c​h​-​n​i​c​h​t​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​.html

Peter Nowak

Politisches Erwachen in Gefangenschaft


Erin­ne­rungen an Werner Gutsche, Geschichts­auf­klärer und Streiter gegen Rechts­ra­di­ka­lismus

»Er wollte das NS-Unrecht auf­decken, seien es die in Neu­kölln jah­relang ver­schwie­genen Zwangs­ar­beits­lager, die ver­ges­senen SA-Fol­ter­stätten oder das ver­schmähte Erinnern des kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands.« Mit diesen Worten würdigt Hans Coppi, Vor­sit­zender der Ber­liner VVN-BdA, den Neu­köllner Kom­mu­nisten Werner Gutsche. Bis zu seinem Tod 2012 hat sich jener uner­müdlich gegen Ras­sismus und Rechts­ra­di­ka­lismus enga­giert.

Freunde und Genossen erinnern sich an ihn in diesem Buch, das zugleich die Geschichte der linken Oppo­sition in Berlin-Neu­kölln zeichnet. Hierfür haben die His­to­riker Mat­thias Heisig und Bernhard Brem­berger ohne jeg­liche finan­zielle Unter­stützung recher­chiert.

Über Gut­sches Zeit in der Wehr­macht erfährt man nur wenig. Sein poli­ti­sches Bewusstsein erwachte in rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft und beim Besuch einer Antifa-Schule, die er mit Hans Modrow absol­vierte. Auch Gutsche wird Mit­glied der SED, lebte jedoch in der Front­stadt West­berlin. Er sam­melte Unter­schriften für den Stock­holmer Appell zur Abschaffung der Atom­waffen und setzte sich für eine ehr­liche, kri­tische Auf­ar­beitung der NS-Ver­gan­genheit ein. Seine Auf­for­derung an Mit­streiter vom Neu­köllner Geschichts­verein »Da müsst ihr euch mal drum kümmern« wurde Titel gebend. Gut­sches Einsatz ver­dankt sich die Benennung des Neu­köllner Sport­sta­dions nach dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­kämpfer Werner See­len­binder, der als Kom­munist in West­berlin lange tabu war.

Das Buch infor­miert über eine Wider­stands­gruppe gegen die Nazis an der Rüt­lischule, die Bestreikung von SA-Sturm­lo­kalen durch Arbeiter sowie einen Schau­prozess gegen Kom­mu­nisten 1935, der mit Todes­ur­teilen endete. Christian von Gelieu weist auf blinde Flecken der kom­mu­nis­ti­schen Geschichts­schreibung hin. Gemeinsam mit seiner Frau Claudia ist der His­to­riker übrigens vor einigen Wochen Opfer rechter Gewalt geworden. Der Terror von Neo­nazis beweist einmal mehr, wie wichtig Bücher wie dieses sind.

Frieder Boehne/​Bernhard Bremberger/​Mat­thias Heisig: »Da müsst ihr euch mal drum kümmern. « Werner Gutsche (1923–2012) und Neu­kölln.
Metropol. 300 S., br., 22 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​5​5​7​0​.​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​s​-​e​r​w​a​c​h​e​n​-​i​n​-​g​e​f​a​n​g​e​n​s​c​h​a​f​t​.html
Peter Nowak

Bärgida vor Gedenkstätte

Ein Rest der wöchent­lichen rechten Demons­tranten ver­sam­melte sich in dieser Woche vor der Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand – und sah sich in dessen Tra­dition.

Gegen 21 Uhr ver­sam­melten sich vor der Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand etwa 50 Per­sonen, die sich als rechte Anti­fa­schisten bezeich­neten und zum Jah­restag des Hitler-Attentats General von Stauf­fenberg als »kon­ser­va­tiven Revo­lu­tionär« lobten. Haupt­redner der Ver­sammlung war ein Mit­glied der rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung Pro Deutschland, Karl Schmitt, der nach »nd«-Informationen seit Wochen zu den Haupt­or­ga­ni­sa­toren der »Bärgida«-Spaziergänge gehört. Am letzten Mon­tag­abend trafen sich einige Teil­nehmer kurz nach Ende der Demons­tration am Pots­damer Platz, wo eine Demons­tration zur Gedenk­stätte ange­meldet war.

Schmitt ver­suchte, Stauf­fenberg als Bärgida-Vor­kämpfer zu sti­li­sieren. Damals wie heute gebe es rechte Anti­fa­schisten, die »Flug­blätter in der Öffent­lichkeit ver­teilen, bereit sind, sich für die Sache zu opfern und generell ein hohes Risiko für die Freiheit aller Men­schen ein­zu­gehen«. Die Wider­stands­gruppe des 20. Juli 1944 habe nur aus rund 150 Per­sonen bestanden und habe es trotzdem fast geschafft, ein faschis­ti­sches System, dem Mil­lionen gefolgt sind, an nur einem Tag zu stürzen.

Heftige Kritik an dem Auf­marsch vor der Gedenk­stätte übte der Geschäfts­führer der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes- Bund der Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten e.V (VVN-BdA), Markus Ter­vooren. »Es darf nicht sein, dass sich die Feinde der Demo­kratie, Ras­sisten und Neo­nazis unter Poli­zei­schutz ver­sammeln können, um das Andenken an jene, die den Wider­stand gegen das ver­bre­che­rische NS-Régime auch mit ihrem Leben bezahlten, in den Schmutz zu ziehen«, sagte er dem »nd«.

Den Vorwurf des VVN-BdA, die Polizei habe die Bärgida-Demons­tranten zur Gedenk­stätte geleitet, wies der Pres­se­sprecher der Polizei, Stefan Redlich, zurück. »Am 17. Juli ist eine Anmeldung von einem uns unbe­kannten Mann ein­ge­troffen, der eine Demons­tration vom Pots­damer Platz zur Gedenk­stätte anmeldete. Ein Zusam­menhang mit dem Bärgida-Spa­ziergang war uns nicht bekannt«. Erst während des Spa­zier­gangs sei die Polizei darüber infor­miert worden, dass ein Teil der Ver­sammlung zum Bendler Block wollte. Die Polizei habe eine Auf­lösung am Bran­den­burger Tor durch­ge­setzt, um zu ver­hindern, dass die Demons­tration am Holo­caust-Mahnmal vor­bei­ziehe, so Redlich.

Auch die Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand gehört zu den Orten, an denen Demons­tra­tionen ver­boten oder mit strengen Auf­lagen ver­bunden werden, wenn die Gefahr besteht, dass die Würde der Opfer beein­trächtigt wird.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​7​8​6​8​2​.​b​a​e​r​g​i​d​a​-​v​o​r​-​g​e​d​e​n​k​s​t​a​e​t​t​e​.html

Peter Nowak

Spenden für Szepansky

ERINNERUNG Gedenktafel für NS-Verfolgten und Antifaschisten in Kreuzberg zerstört

Eine Gedenk­tafel für den Ber­liner Wolfgang Sze­pansky haben Unbe­kannte in der Meth­fes­sel­straße 42 in Kreuzberg zer­stört. »Die Vor­ge­hens­weise deutet unseres Erachtens auf eine gezielte Tat unter Ver­wendung von Werk­zeugen hin«, erklärte Markus Ter­vooren, Geschäfts­führer der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten e. V. (VVN-BdA), gegenüber der taz. Von der Zer­störung, die bereits vor einigen Tagen erfolgte, sei die VVN-BdA von einem Anwohner erst jetzt infor­miert worden, so Ter­vooren.

Die Gedenk­tafel war im August 2012 ange­bracht worden. Dafür hatten sich die VVN-BdA und die geschichts­po­li­tische Initiative Aktives Museum mehrere Jahre ein­ge­setzt und im Stadtteil viel Unter­stützung für das Enga­gement erhalten. Der Ort für die Gedenk­tafel erinnert an eine anti­fa­schis­tische Aktion des jungen Wolfgang Sze­pansky, die in Berlin für Auf­sehen sorgte.

Am 11. August 1933 hatte der damals 23-Jährige an die Haus­mauer der Meth­fes­sel­straße 42 die Parolen »Nieder mit Hitler! KPD lebt! Rot Front!« gepinselt. Er wurde ver­haftet und ins Colum­biahaus, das berüch­tigte Kon­zen­tra­ti­ons­lager Berlins am Tem­pel­hofer Feld, ein­ge­liefert.

Nach seiner Frei­lassung war Sze­pansky nach Holland emi­griert, wo ihn der Nazi­terror nach der deut­schen Besetzung ein­holte. 1940 wurde er an die Gestapo aus­ge­liefert und in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen gebracht. Als Teil­nehmer der Todes­märsche, bei denen die SS in den letzten Tagen des Nazi­re­gimes im April 1945 KZ-Häft­linge durch Deutschland trieb, wurde Sze­pansky durch bri­tische Alli­ierte befreit.

Sofort nach dem Kriegsende betei­ligte er sich am Aufbau des anti­fa­schis­ti­schen Jugend­aus­schusses in Tem­pelhof. Sze­pansky arbeitete als Lehrer, wurde aber im Zuge der Kom­mu­nis­ten­ver­folgung des Kalten Krieges aus dem Ber­liner Schul­dienst ent­lassen. Bis zu seinem Tod 2008 enga­gierte er sich aktiv gegen alte und neue Nazis und begleitete anti­fa­schis­tische Stadt­rund­fahrten.

»Wir wollen die Gedenk­tafel so schnell wie möglich erneuern«, betonte Ter­vooren. Dafür sammle die VVN-BdA jetzt Spenden ein.

Peter Nowak

Bankverbindung: Postbank Berlin, IBAN: DE18100100100315904105 · BIC: PBNKDEFF

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2015%2F03%2F03%2Fa0149&cHash=e1e4f1eca6d61b8a65eb9fdec6258b87

Im Schatten

Im pol­ni­schen Słońsk ist eine Aus­stellung eröffnet worden, die an das dortige ehe­malige Kon­zen­tra­ti­ons­lager erinnert.

»Wer ins pol­nische Słońsk kommt, sollte unbe­dingt Zeit mit­bringen«, heißt es auf der Homepage der »Initiative Kul­tur­brücke über die Oder«, die für eine deutsch-pol­nische Kul­tur­be­gegnung wirbt. Dort wird auf den Natio­nalpark Wart­he­mündung mit seinen sel­tenen Vögeln und Pflanzen hin­ge­wiesen. Seit dem 31. Januar gibt es einen wei­teren Grund, länger in dem pol­ni­schen Städtchen knapp 100 Kilo­meter östlich von Berlin zu ver­weilen. An diesem Tag wurde eine in deutsch-pol­ni­scher Koope­ration und maß­geblich vom »Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg« der Ber­liner VVN-BdA kon­zi­pierte Aus­stellung zur Geschichte des KZ Son­nenburg eröffnet. Sie erinnert an eine Zeit, die auf der Homepage der Kul­tur­brücke unter dem Stichwort »besonders dunkler Teil der Son­nen­burger Geschichte« in einem kurzen Absatz abge­handelt wird.

»Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes«, heißt es in der Aus­stellung. Die in deut­scher und pol­ni­scher Sprache erstellten Tafeln belegen diese Aussage detail­liert. Bereits im Frühjahr 1933 wurden Kom­mu­nisten, Sozia­listen und linke Intel­lek­tuelle aus Berlin und Bran­denburg nach Son­nenburg ver­schleppt. Klaas Meyer, ein kom­mu­nis­ti­scher Seemann, beschrieb seine Begegnung mit der SA: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, den meisten lief das Blut schon durchs Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, man hatte ihnen gesagt, wir seien Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.«

In der Aus­stellung wird auch gezeigt, dass Son­nenburg nicht zufällig als Ort für das KZ aus­ge­sucht wurde. Als 1931 das dortige Zuchthaus wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Zustände geschlossen wurde, regte sich im Ort, in dem das Zuchthaus ein zen­traler Arbeit­geber war, Wider­stand. Die NSDAP, die gegen die Zucht­haus­schließung agi­tierte, erzielte gute Wahl­er­geb­nisse.

Mehrere Tafeln doku­men­tieren die Gesichter der »Nacht-und-Nebel-Gefan­genen«, die nach 1941 aus zahl­reichen von Deutschland besetzten Ländern in das Zuchthaus ver­schleppt wurden. Kurz vor dem Ein­treffen der Roten Armee erschoss die SS in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 in Son­nenburg noch 819 Gefangene.

70 Jahre später reisten zur Eröffnung der Aus­stellung auch viele Ange­hörige der Opfer aus Deutschland und diversen euro­päi­schen Ländern an. Doch nicht alle fühlten sich in Słońsk will­kommen. Viele Ange­hörige mussten in der win­ter­lichen Wit­terung vor der Halle warten, in der ein Ver­treter des Fürs­ten­hauses von Luxemburg bei der Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer des 30. Januar 1945 sprach. Der größte Teil der Erschos­senen kam aus Luxemburg.

»Auch unsere Ange­hö­rigen waren Opfer«, sagt Jan Her­togen. Der bel­gische For­scher, der beim Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis der Ber­liner VVN mit­ar­beitete, war besonders empört, dass die Rede der bel­gi­schen Bot­schaf­terin bei der Gedenk­ver­an­staltung aus Zeit­gründen kurz­fristig gestrichen worden war. »In Son­nenburg wurde mein Vater gequält und heute fühle ich mich an dem Ort wieder gede­mütigt«, sagt Meina Voigt Schnabel zur Jungle World. Auch die Tochter des kom­mu­nis­ti­schen See­manns Klaas Meyer, der bereits 1933 die Zustände in der »Fol­ter­hölle Son­nenburg« der Öffent­lichkeit bekannt machte, bekam keinen Zutritt zur Gedenk­ver­an­staltung.

Am Nach­mittag orga­ni­sierte der Arbeits­kreis ein Treffen im Rathaus von Słońsk mit dem pol­ni­schen Staats­anwalt Janusz Jagiełłowicz, der die Kom­mission für die Ver­folgung von Ver­brechen im Zuchthaus Son­nenburg leitet. Die 1972 ein­ge­stellten Ermitt­lungen gegen die Ver­ant­wort­lichen wurden im Februar 2014 wieder auf­ge­nommen. Recht­zeitig zum 70. Jah­restag des Mas­sakers haben Hans Coppi und Kamil Majchrzak im Metropol-Verlag das Buch »Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg« her­aus­ge­geben, das einen guten Über­blick über die Geschichte dieses weit­gehend ver­ges­senen Ortes des NS-Terrors gibt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​0​6​/​5​1​3​8​2​.html
Peter Nowak

Erzählungen der Kinder

Fünfte Veröffentlichung von Interviews mit Überlebenden des Nationalsozialismus

»Ich war der einzige Jude in der Klasse und wurde selbst von den Sechs­jäh­rigen sofort aus­ge­grenzt. Ich wurde geschlagen und bespuckt. Selbst Kinder, mit denen ich noch vor der Ein­schulung gespielt hatte, spielten jetzt nicht mehr mir.« So erlebte Horst Sel­biger, dessen Vater Jude war, seinen Schul­alltag im Jahr 1934 in Berlin. Heute enga­giert sich der 84-jährige Mann als Ehren­vor­sit­zender des Vereins Child Sur­viors. Seine Erleb­nisse im Natio­nal­so­zia­lismus berichtet Sel­biger in einem Interview, das der Arbeits­kreis »Fragt uns, wir sind die letzten« in seiner fünften Bro­schüre ver­öf­fent­lichte. In dem Verein haben sich ca. ein Dutzend Men­schen aus Berlin, Leipzig und Freiburg zusam­men­ge­funden, deren Anliegen es ist, die Stimmen der letzten Über­le­benden des NS-Terrors auf­zu­zeichnen. »Alle sind aus der Generation der Nach­ge­bo­renen und auf die eine oder andere Weise anti­fa­schis­tisch aktiv«, beschreiben sich die Aktiven des 2010 begon­nenen Pro­jekts. Gegründet wurde es von Aktiven aus dem Umfeld des Ber­liner VVN-Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) und der Anti­fa­schis­ti­schen Initiative Moabit (AIM). Mitt­ler­weile hat sich der Kreis der Aktiven erweitert.

»In den letzten Jahren sind wir in unserer poli­ti­schen Arbeit zunehmend damit kon­fron­tiert, dass Über­le­bende der NS-Ver­folgung sowie Men­schen aus dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand sterben. Ihre Stimme besitzt in poli­ti­schen Debatten ein ein­ma­liges mora­li­sches Gewicht, nicht nur, wenn es um den Umgang Deutsch­lands mit den NS-Ver­brechen geht, sondern auch wenn aktu­eller Anti­se­mi­tismus, Ras­sismus und Sozi­al­chau­vi­nismus, Neo­na­zismus oder auch Kriegs­po­litik dis­ku­tiert werden«, begründet einer der Aktiven, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sein Enga­gement.

Die bisher 25 Inter­views, die in fünf etwa 65-sei­tigen Bro­schüren ver­öf­fent­licht wurden, decken eine große Palette von Ver­folgung und des Wider­stand ab. So kommt in der kürzlich erschie­nenen fünften Bro­schüre neben Horst Sel­biger auch Peter Perel zu Wort. Er wurde Zeuge der Mas­sen­er­schie­ßungen von Juden in seinem ukrai­ni­schen Hei­matdorf unmit­telbar nach dem Ein­marsch der deut­schen Wehr­macht. Der von den Nazis als Halbjude dekla­rierte Heinz Bachmann berichtet, wie sich die anti­se­mi­tische Politik der Nazis von den ersten Boy­kott­ak­tionen bis zu den Pogromen im November 1938 radi­ka­li­sierte. Lore Diehl schildert den schweren Alltag einer anti­fa­schis­ti­schen Familie im NS. Sie erlebte als Kind einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Familie, wie ihr Vater bereits 1933 in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg ver­schleppt wurde. Dorothea Paley über­lebte als Kind die Blo­ckade Lenin­grads durch die deutsche Wehr­macht. Sie habe den Ein­druck, dass viele Men­schen über eines der größten deut­schen Kriegs­ver­brechen in der ehe­ma­ligen Sowjet­union nicht infor­miert sind.

Weitere Bro­schüren des ehren­amtlich arbei­tenden Vereins sind in Planung.

fragtuns​.blog​sport​.de/​b​r​o​s​c​h​uere/

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Peter Nowak

Rechtsruck in der deutschen Friedensbewegung?

In Feindnähe

Zum sechsten Mal hatten die Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) und weitere Ber­liner Anti­fa­gruppen unter dem Motto »Hitler kaputt. Wer nicht feiert, hat ver­loren« am 9. Mai zur Feier des Sieges über den Natio­nal­so­zia­lismus in den Trep­tower Park ein­ge­laden. Es lag wohl am Regen, dass der Ein­ladung in diesem Jahr weniger Men­schen folgten. Eine besondere Begrüßung wurde Gästen aus Russland zuteil, die als Kinder und Jugend­liche die mör­de­rische Blo­ckade Lenin­grads überlebt hatten, mit der die Wehr­macht die Stadt belegt hatte. Vor 70 Jahren gelang es den Ver­tei­digern der Stadt, die fast 900 Tage dau­ernde Blo­ckade zu brechen. Es ist bezeichnend, dass hier­zu­lande weder die Blo­ckade Lenin­grads, bei der mehr als eine Million Men­schen an Hunger, Krank­heiten und Gra­nat­be­schuss starben, noch deren Über­windung eine Rolle spielt. Statt­dessen fordern Bou­le­vard­zei­tungen und kon­ser­vative Poli­tiker derzeit die Ent­fernung von Denk­mälern des Sieges der Roten Armee aus Berlins Stadtbild. Viele der Fest­be­sucher wollten diesem Zeit­geist ent­ge­gen­treten. »Die Rote Armee rettete die Zivi­li­sation«, zitierte eine ältere Frau den deut­schen Anti­fa­schisten Stefan Doernberg, der als Soldat der Roten Armee gegen die Wehr­macht kämpfte. An den Info­ständen wurde auch über die aktuelle poli­tische Lage in Ost­europa dis­ku­tiert. Dass in der Ukraine nun faschis­tische Par­teien an der Regierung beteiligt sind, die sich auf anti­se­mi­tische NS-Kol­la­bo­ra­teure berufen, sorgt für Empörung. In der Bro­schüre, die zum Fest her­aus­ge­geben wurde, werden auch die natio­na­lis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Bewe­gungen in Russland ana­ly­siert. Für Ärger sorgte auch, dass nur weinige hundert Meter vom Fest ent­fernt eine Kund­gebung der recht­se­so­te­ri­schen Reichs­bürger genehmigt worden war. Mehrere Anti­fa­schisten, die dagegen pro­tes­tierten, erhielten von der Polizei ein Platz­verbot für den Bereich des rechten Auf­marschs.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​2​0​/​4​9​8​5​5​.html

Peter Nowak

Ultrarechte Bestrebungen in Osteuropa unter Beobachtung

Politische Initiativen sorgen sich um eine Entwicklung in der Ukraine, die ähnlich verlaufen könnte wie in Ungarn

Am 16. März wollen in der let­ti­schen Haupt­stadt Riga wieder die Vete­ranen der ehe­ma­ligen Waffen-SS und ihre jün­geren Epi­gonen durch die Stadt ziehen. Nur kleine Gruppen meist aus der rus­sisch­spra­chigen Bevöl­kerung pro­tes­tieren gegen den Tag der Legionäre. Doch in diesem Jahr beteiligt sich erstmals auch eine Dele­gation von Anti­fa­schisten aus Deutschland an den Pro­testen.

Die FIR [1] und die VVN-BdA [2] orga­ni­sieren einen Bus, mit dem die Dele­gation in die let­tische Haupt­stadt fährt. Damit wollen sie das Bündnis für ein Lettland ohne Nazis unter­stützen [3], das im Wesent­lichen die Pro­teste in Lettland orga­ni­siert. Viele von ihnen sind Holo­caustopfer oder Kinder ehe­ma­liger Wider­stands­kämpfer gegen den Natio­nal­so­zia­lismus.

Antifa nach Riga

Der Geschäfts­führer der Ber­liner VVN-BdA Markus Ter­vooren erklärte gegenüber Tele­polis, dass die Dele­gation nach Riga keine ein­malige Aktion bleiben soll: »Wir wollen alte Kon­takte erneuern. Daher werden wir auch in den kom­menden Jahren sicher öfter nach Riga und auch in andere bal­tische Staaten fahren. So ist für den Sommer eine Betei­ligung an anti­fa­schis­ti­schen Pro­testen gegen einen Auf­marsch der Waffen-SS in Estland geplant.“

Das ver­stärkte Interesse an einer Koor­di­nation des Wider­stands gegen Rechts ist auch den aktu­ellen poli­ti­schen Ent­wick­lungen in Ost­europa geschuldet. Nachdem bereits in Ungarn eine rechte Ord­nungs­zelle ent­standen ist, in der eine mit abso­luter Mehrheit regie­rende rechts­kon­ser­vative Regie­rungs­partei und eine rechts­ex­treme Oppo­si­ti­ons­partei die poli­tische Agenda bestimmen, könnte sich in der Ukraine eine ähn­liche Ent­wicklung wie­der­holen.

Im Zuge des Umsturzes haben orga­ni­sierte Ultra­rechte in vielen Regionen an Ein­fluss gewonnen. Dabei geht es nicht darum zu behaupten, dass alle oder auch nur die Mehrheit der Pro­tes­tie­renden orga­ni­sierte Rechte sind. Doch sie haben offenbar an vielen Orten eine poli­tische Hege­monie, weil sie gut orga­ni­siert sind und es auch ver­stehen, Kri­tiker zu bedrohen und ein­zu­schüchtern. Solche Mel­dungen sind in den letzten Wochen aus ver­schie­denen Regionen der Ukraine gekommen.

Streit unter Linken und Grünen

Mitt­ler­weile hat die linke Soli­da­ri­täts­or­ga­ni­sation Rote Hilfe [4] einen Soli­da­ri­täts­aufruf für ver­folgte Anti­fa­schisten in der Ukraine ver­öf­fent­licht. Michael Dandl aus dem Bun­des­vor­stand der Roten Hilfe erklärte in einem Interview: »Akti­visten, die ver­sucht haben, im Zusam­menhang mit den Maidan-Pro­testen linke Posi­tionen zu ver­treten, wurden wie­derholt ange­griffen, so dass viele von ihnen die Stadt ver­lassen mussten. Ebenso wurde uns von Todes­dro­hungen und ent­spre­chenden Listen, über die der ‚Rechte Sektor‘ verfügt, berichtet. Das ist äußerst bedrohlich für die Genossen vor Ort – und ein Ende ist nicht abzu­sehen.«

Nach ihm sollen Orts­gruppen der Roten Hilfe direkte Kon­takte in die Ukraine haben und könnten Berichte über rechte Über­griffe in der Ukraine nach­prüfen. Eine genaue Über­prüfung der Quellen ist natürlich auch in diesen Fällen unbe­dingt erfor­derlich. Denn in den letzten Wochen hat sich über das Ausmaß der Betei­ligung rechter Gruppen an den Pro­testen in der Ukraine eine poli­tische Kon­tro­verse ent­zündet.

Einer grö­ßeren Öffent­lichkeit bekannt wurde ein Aufruf grü­nen­naher Wis­sen­schaftler [5], die erklärten, die Pro­test­be­wegung sei nicht extre­mis­tisch, sondern frei­heitlich. Den Autoren scheint nicht bewusst gewesen zu sein, dass der Begriff »frei­heitlich« in vielen Ländern das Adjektiv von rechten Par­teien ist. Als Bei­spiel seien nur die Frei­heit­lichen in Öster­reich genannt. In dem Aufruf wird sug­ge­riert, die extreme ukrai­nische Rechte sei im wesentlich ein Phan­tasma Moskaus [6]. Auch in Medien, die unver­dächtig sind, Mos­kauer Inter­essen zu ver­treten, kann man von Akti­vi­täten der Ultra­rechten in der Ukraine lesen. Die Grünen warnen die Medien davor, sich von der rus­si­schen Pro­pa­ganda instru­men­ta­li­sieren zu lassen.

In der Links­partei werden die Grünen kri­ti­siert. Sahra Wagen­knecht wirft [7] ihnen »Blindheit für die faschis­ti­schen Teile« der Interims-Regierung vor. Die Abge­ordnete Sevim Dagdelen twit­terte: »sehen noch immer den Wald vor lauter Bäumen nicht.Sehen in Kiew noch immer gar keine Faschisten.Auf dem rechten Auge blind?« Aller­dings gibt es auch in der unab­hän­gigen Linken Kon­tro­versen über den Umgang mit den Rechten.

So erklärten ukrai­nische Anar­chisten [8] Ende Januar, warum sie sich trotz der starken Präsenz der Ultra­rechten an den Pro­testen betei­ligen: »Der Faschismus von der Partei der Regionen ist heute viel rea­lis­ti­scher als der angeb­liche Faschismus der Swoboda Partei oder von den Deppen aus dem Rechten Sektor [außer­par­tei­liche Nazis, die bei den Pro­testen aktiv sind und einen großen Anteil von Riot Porn pro­du­zieren, aber keine Mas­sen­un­ter­stützung haben].“

Auf­fällig ist, wie infla­tionär hier der Faschis­mus­vorwurf gegenüber der pro­rus­si­schen Seite benutzt wird und wie er bei den Kräften, die sich auf den his­to­ri­schen ukrai­ni­schen Natio­na­lismus beziehen, rela­ti­viert wird.

Russland – antifaschistisches Bollwerk?

Andere Kräfte wie­derum ima­gi­nieren im Putin-Russland die Wie­der­gänger der auto­ri­tären nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Sowjet­union und wollen noch einmal frühere Schlachten reinsze­nieren.

Tat­sächlich bemüht sich die offi­zielle rus­sische Seite sehr um eine anti­fa­schis­tische Rhe­torik. In den letzten Wochen ist in vielen Erklä­rungen darauf hin­ge­wiesen worden, dass Ultra­rechte und Anti­se­miten in der ukrai­ni­schen Regierung sitzen. Auf der Krim wurden die Swoboda-Bewegung und der Rechte Sektor mitt­ler­weile ver­boten.

Doch das macht aus der rus­si­schen Seite natürlich kei­nes­falls Anti­fa­schisten. So etwa wird in einem dem­nächst im Kino anlau­fenden Film »Die Mos­kauer Pro­zesse« [9] des Schweizer Regis­seurs Milo Rau deutlich, dass auch in Russland Neo­nazis und Ultra­rechte im Herr­schafts­system aktiv gegen kri­tische Künstler, Juden, Linke und Unan­ge­passte agieren.

Des­wegen ist aber die rus­sische Kritik der Betei­ligung der ukrai­ni­schen Ultra­rechten kei­nes­falls falsch. Zumal sie längst nicht nur von der Regierung und der ihnen nahe­ste­henden Presse kommt. So haben auf einem Treffen am 25. Februar in Moskau auch libertäre und räte­kom­mu­nis­tische Gruppen eine Erklärung ver­fasst, in der zum Aufbau eines »anti­fa­schis­ti­schen Stabs Ukraine« auf­ge­rufen wird. Dort wird die Situation der letzten Monate in der Ukraine recht gut beschrieben:

»Die lang­jährige Politik der bür­ger­lichen Macht­haber der Ukraine sowie die welt­weite Wirt­schafts­krise haben zu uner­träg­lichen Lebens­be­din­gungen für die Mehrheit der Bevöl­kerung geführt. Das Janu­ko­witsch-Régime hatte während des letzten halben Jahres ver­sprochen, einen bedeu­tenden Teil der wirt­schaft­lichen Pro­bleme durch die euro­päische Inte­gration zu lösen. Der plötz­liche Ver­zicht auf die ange­kün­digten Pläne pro­vo­zierte eine weit ver­breitete Unzu­frie­denheit und deren Aus­bruch. Der Prozess war klas­sen­über­greifend und weit­gehend spontan. Am Besten darauf vor­be­reitet war die natio­na­lis­tische Bewegung, die von der libe­ralen Oppo­sition als Stoß­trupp des Stra­ßen­kampfes ver­wendet wurde, wodurch der Protest anti-kom­mu­nis­tische oder sogar faschis­tische Züge bekam.“

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​U​l​t​r​a​r​e​c​h​t​e​-​B​e​s​t​r​e​b​u​n​g​e​n​-​i​n​-​O​s​t​e​u​r​o​p​a​-​u​n​t​e​r​-​B​e​o​b​a​c​h​t​u​n​g​-​2​1​4​1​1​2​0​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

http://​www​.fir​.at/

[2]

http://​www​.vvn​-bda​.de/

[3]

http://​world​wi​t​hout​nazism​.org/​d​e​u​tsch/

[4]

http://​www​.rote​-hilfe​.de

[5]

https://​www​.boell​.de/​d​e​/​2​0​1​4​/​0​2​/​2​0​/​e​u​r​o​m​a​i​d​a​n​-​f​r​e​i​h​e​i​t​l​i​c​h​e​-​m​a​s​s​e​n​b​e​w​e​g​u​n​g​-​z​i​v​i​l​e​n​-​u​n​g​e​h​o​rsams

[6]

http://​anton​-shek​hovtsov​.blogspot​.de/​2​0​1​4​/​0​2​/​p​r​o​-​r​u​s​s​i​a​n​-​n​e​t​w​o​r​k​-​b​e​h​i​n​d​-​a​n​t​i​.html

[7]

http://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​k​r​i​m​-​k​r​i​s​e​-​s​a​h​r​a​-​w​a​g​e​n​k​n​e​c​h​t​-​w​a​r​n​t​-​v​o​r​-​d​e​m​-​d​r​i​t​t​e​n​-​w​e​l​t​k​r​i​e​g​/​9​6​0​5​2​0​2​.html

[8]

http://​syn​di​ka​lismus​.word​press​.com/​2​0​1​4​/​0​1​/​2​3​/​a​u​f​r​u​f​-​z​u​r​-​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​t​-​m​i​t​-​d​e​n​-​u​k​r​a​i​n​i​s​c​h​e​n​-​a​n​a​r​c​h​i​sten/

[9]

http://​www​.film​starts​.de/​k​r​i​t​i​k​e​n​/​2​2​5​1​6​0​.html

Das vergessene Massaker

Der Opfer des Mas­sakers im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg wird in Frank­reich, Luxemburg und Polen gedacht. In Deutschland findet das KZ Son­nenburg hin­gegen selten Erwähnung.

Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg war bereits 1934 zum Inbe­griff des NS-Terrors geworden. Dazu hatte ein Bericht des KPD-Poli­tikers Rudolf Bern­stein bei­getragen, der unter der Über­schrift »Fol­ter­hölle Son­nenburg« in der in Prag her­aus­ge­ge­benen Arbeiter Illus­trierten Zeitung (AIZ) erschienen war. Bern­stein war wie Hun­derte Nazi­gegner nach dem Reichs­tags­brand am 27. Februar 1933 ver­haftet worden. Weil die Gefäng­nisse in Berlin schnell über­füllt waren, nahmen die Nazis das ehe­malige Zuchthaus Son­nenburg wieder in Betrieb.

Diese war 1930 von der preu­ßi­schen Regierung wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Ver­hält­nisse geschlossen worden. Gegen die Schließung hatte die NSDAP bereits damals pro­tes­tiert und, wie die Wahl­er­geb­nisse zeigen, in der Region des dama­ligen Son­nenburg viel Zustimmung erhalten. Wenige Wochen nach dem Beginn ihrer Regierungsbetei­ligung machten die Nazis ihr Ver­sprechen wahr. Bis zu 1 000 Häft­linge, in ihrer großen Mehrheit Kom­mu­nisten aus Berlin und Umgebung, aber auch pro­mi­nente Pazi­fisten wie Carl von Ossietzky und Erich Mühsam sowie der Rechts­anwalt Hans Litten wurden dort ab April 1933 in die beengten Zellen gepfercht. Dort litten sie unter der mise­rablen Ver­pflegung und waren durch die SA-Wach­mann­schaften stän­digen Demü­ti­gungen und Folter aus­ge­setzt. Das KZ wurde im April 1934 geschlossen. Einige Häft­linge, dar­unter Bern­stein, wurden ent­lassen, viele wurden in andere Kon­zen­tra­ti­ons­lager ver­schleppt. Mühsam, Ossietzky und Litten über­lebten das NS-Lager­system nicht. Vom Beginn des Zweiten Welt­kriegs an wurde das Gebäude wieder als Zuchthaus genutzt.

Ab 1942 waren dort soge­nannte »Nacht- und Nebel­häft­linge« aus sämt­lichen okku­pierten Ländern inhaf­tiert. Viele von ihnen gehörten zu den über 800 Häft­lingen, die in der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 im Hof des Zucht­hauses wenige Stunden vor der Befreiung durch die Rote Armee von einem SS-Kom­mando erschossen wurden. Opfer dieses größten Mas­sakers in der End­phase des NS-Regimes waren Gefangene aus allen von der Wehr­macht besetzten euro­päi­schen Ländern. Besonders groß war der Anteil der Opfer aus Frank­reich und Luxemburg. In diesen Ländern ist der Jah­restag des Mas­sakers ein Gedenktag. In Deutschland hin­gegen ist das KZ Son­nenburg fast ver­gessen.

Obwohl das Mas­saker in Son­nenburg bereits durch die Nürn­berger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zesse bekannt geworden war, wurde niemand dafür ver­ur­teilt. Zahl­reiche Fol­terer aus Son­nenburg, wie Emil Krause oder Wla­dislaus Tom­schek, setzten in der Bun­des­re­publik ihre Arbeit als Wach­per­sonal in Haft­an­stalten bis zu ihrer Ver­rentung fort. Die für das Mas­saker ver­ant­wort­lichen Gestapo-Männer Heinz Richter und Wilhelm Nickel wurden 1970 vom Kieler Land­ge­richt frei­ge­sprochen.

Das Gedenken an die Opfer haben hin­gegen Gruppen und Ein­zel­per­sonen aus der Region des seit 1945 zu Polen gehö­renden Słońsk auf­recht­erhalten. So wurde 1974 auf Initiative des pol­ni­schen Staats­an­walts Prze­mysław Mni­chowski, des Leiters der lokalen Haupt­kom­mission zur Erfor­schung der deut­schen Ver­brechen in Polen und an der Bevöl­kerung in der Region Słońsk, ein Museum errichtet. Auch das jähr­liche Gedenken an das Mas­saker wird von der Gemeinde Slońsk orga­ni­siert und getragen. Seit einigen Jahren betei­ligen sich auch Mit­glieder der Ber­liner Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) daran. »Aus den dort geführten Gesprächen ist die Idee zu einer gemein­samen Tagung in Słońsk ent­standen«, sagt Kamil Majchr­zak der Jungle World. Der Publizist ist Mit­be­gründer des Arbeits­kreises zur Geschichte des Kon­zen­tra­ti­ons­lagers und des Zucht­hauses Son­nenburg bei der Ber­liner VVN-BdA. Bei der Tagung, die am 13. Sep­tember statt­finden soll, werden Ange­hörige der Opfer des Mas­sakers aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern über das Erinnern und Gedenken nach 1945 sprechen.

Damit setzt die VVN-BdA die 2012 begonnene Koope­ration mit pol­ni­schen Zeit­zeugen und Wider­stands­kämpfern fort, durch die einer grö­ßeren Öffent­lichkeit bekannt wurde, dass fast 200 000 pol­nische NS-Gegner 1945 an der Schlacht um Berlin teil­nahmen. Einige der noch lebenden pol­ni­schen Befreier und ihre Ange­hö­rigen hatte die VVN-BdA im Mai vorigen Jahres nach Berlin ein­ge­laden. Am dies­jäh­rigen Tag der ­Erin­nerung in Berlin wird am 8. Sep­tember mit Philip Bia­lowitz einer der letzten Über­le­benden des Ver­nich­tungs­lagers Sobibór aus Polen anreisen.

Die späte Wür­digung des pol­ni­schen Wider­stands zumindest in linken Kreisen ist umso bedeu­tender, weil nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen ehe­malige NS-Wider­stands­kämpfer von Rechten unter Druck gesetzt werden. So ver­zichtete der pol­nisch-bri­tische Sozio­logie Zygmunt Bauman nach anti­se­mi­ti­schen und anti­kom­mu­nis­ti­schen Angriffen auf die Ehren­dok­tor­würde der Uni­ver­sität Breslau. »Wir sind Polen! Auf Wie­der­sehen, Kom­munist! Wen hat der Bür­ger­meister ein­ge­laden?« riefen die Störer, als Baumann in der Geburts­stadt von Fer­dinand Lassalle eine Rede anlässlich des 150jährigen Jubi­läums der Sozi­al­de­mo­kratie halten wollte. Im Deutsch­landfunk setzte der natio­nal­kon­ser­vative Publizist Łukasz War­zecha die Angriffe auf Bauman fort. Nicht die rechten Störer, sondern die Rede des jüdi­schen Anti­fa­schisten erklärte er zum Skandal: »Für mich ist das das­selbe, wie wenn man einen ehe­ma­ligen SS-Mann ein­laden würde, der offen redet darüber, dass er in der SS war, sich dafür aber nicht ent­schuldigt, und er auch noch gefeiert wird.«

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​3​/​3​6​/​4​8​3​9​9​.html

Peter Nowak

»Das KZ war als Folterhölle bekannt«

ist Mit­be­gründer des Arbeits­kreises zur Geschichte des KZs und des Zucht­hauses Son­nenburg bei der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten.

Der Publizist Kamil Majchrzak kämpft für das Gedenken an das NS-Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg. Dort waren über­wiegend Ber­liner Kom­mu­nisten inhaf­tiert.

taz: Herr Majchrzak, welche Bedeutung hatte das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg im heu­tigen Polen?

Kamil Majchrzak: Das ehe­malige Zuchthaus, das wegen kata­stro­phaler sani­tärer Ver­hält­nisse geschlossen worden war, diente vom 3. April 1933 bis 23. April 1934 als KZ. Zu den über 1.000 Häft­lingen gehörten über­wiegend Kom­mu­nisten aus Berlin, aber auch der Nobel­preis­träger Carl von Ossietzky und der Schrift­steller Erich Mühsam. Wegen der außer­ge­wöhn­lichen Bru­ta­lität wurde das KZ bald als „Fol­ter­hölle“ bekannt. Nach 1934 diente es wieder als Zuchthaus. Seit 1942 waren dort »Nacht- und Nebel­häft­linge« aus fast allen okku­pierten Ländern inhaf­tiert. In der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 wurden über 800 Häft­linge wenige Stunden vor der Befreiung durch die Rote Armee von einem SS-Kom­mando erschossen. Es ist ein euro­päi­scher Gedenkort.

Warum ist das KZ bisher kaum bekannt?

In der BRD wollte man die in Son­nenburg began­genen Ver­brechen gegen die Mensch­lichkeit ver­tu­schen, die die enge Ver­stri­ckung von Justiz und Gestapo offen­barten. So wurde etwa der bereits zu lebens­langer Haft ver­ur­teilte Staats­se­kretär im Bun­des­jus­tiz­mi­nis­terium, Herbert Klemm, wieder frei­ge­lassen. Viele Nazi-Richter und Beamte waren in der BRD in Amt und Würden. Zahl­reiche Fol­terer aus Son­nenburg wie Emil Krause oder Wla­dislaus Tom­schek konnten in der BRD bis zur Rente wei­ter­ar­beiten. An einer juris­ti­schen Auf­ar­beitung war die bun­des­deutsche Justiz nicht inter­es­siert. Das belegt der Frei­spruch der für das Mas­saker ver­ant­wort­lichen Gestapo-Ange­hö­rigen Heinz Richter und Wilhelm Nickel im Kieler Prozess 1970.

Wie ging die DDR damit um?

In der DDR stand das frühere KZ Son­nenburg auch im Schatten des Wider­stands in Buchenwald. So ent­stand eine Lücke, die wir jetzt füllen wollen, und wir hoffen, dass auch der Senat diesen Gedenkort wie­der­ent­deckt, der ja fak­tisch ein Teil Ber­liner Geschichte ist.

Wie geht Polen mit dem ehe­ma­ligen Lager um?

1974 wurde ein Museum errichtet. Das jähr­liche Gedenken an das Mas­saker wird von der Zivil­ge­sell­schaft der Gemeinde Słońsk getragen. Dort nehmen seit einigen Jahren Ber­liner Ver­treter der „Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten“ teil. So ist die Idee zu einer gemein­samen Tagung in Słońsk am 13. Sep­tember ent­standen. Ange­hörige von frü­heren Häft­lingen werden das Wort ergreifen, und wir wollen über das Erinnern und Gedenken nach 1945 in Słońsk sprechen.

Und Ihre wei­teren Pla­nungen?

Wir hoffen, dass His­to­ri­ke­rInnen in Polen und Deutschland das Thema ent­decken und wir vor allem mit Jugend­lichen und Schü­le­rInnen beider Länder Pro­jekte ent­wi­ckeln können. Auch inter­na­tionale Geschichts­werk­stätten wären denkbar.
http://​www​.taz​.de/​G​e​d​e​n​k​e​n​-​a​n​-​N​S​-​G​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​!​1​2​2265/

Interview: Peter Nowak

Hitlers Gegner, Stalins Opfer

In Berlin wurde erstmals der deut­schen Kom­mu­nisten und Sozia­listen gedacht, die der sta­li­nis­ti­schen Ver­folgung in der UdSSR zum Opfer fielen.

»Mein Groß­vater hatte ein typisch kom­mu­nis­ti­sches Schicksal«, sagt Oswald Schneid­ratus. »SPD, USPD, Spar­takus, Straf­ba­taillon vor Verdun, KPD, Republik der Wol­ga­deut­schen, Studium in Moskau, als Architekt Neu­ge­staltung Moskaus 1933 bis 1935, bei Stalin in Ehren emp­fangen. 1936 als Oberst­leutnant nach Spanien, 1937 erschossen in Butowo bei Moskau.« Mit diesen Worten skiz­zierte er in der ver­gan­genen Woche auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin die poli­tische Bio­graphie seines Groß­vaters.

Dort gedachten Ange­hörige und Freunde der in Deutschland gebo­renen Kom­mu­nisten und Sozia­listen, die den Nazis ent­kommen konnten und dann in der Sowjet­union der sta­li­nis­ti­schen Ver­folgung zum Opfer fielen. Schneid­ratus’ Groß­vater gehörte dazu. Sein Name war einer von 750, die während der knapp ein­stün­digen Gedenk­ver­an­staltung ver­lesen wurden. Damit wurde erstmals öffentlich an ein Datum erinnert, das für die sta­li­nis­tische Ver­folgung eine große Bedeutung hat: Am 25. Juli vor 75 Jahren begann mit dem NKWD-Befehl 00439 auf Anordnung Stalins und seines Geheim­dienst­chefs die soge­nannte Deutsche Ope­ration. In der UdSSR lebende Deutsche wurden unter den Gene­ral­ver­dacht pro­fa­schis­ti­scher Spionage gestellt. Die Ope­ration war Teil der als »großer Terror« bekannten Ver­fol­gungen der Jahre 1937/38.

Viele Über­le­bende gingen in den Fünf­zigern in die DDR, wo sie den Ver­folgten des Natio­nal­so­zia­lismus rechtlich gleich­ge­stellt wurden, aber in der Öffent­lichkeit nicht von der Ver­folgung in der UdSSR reden sollten. Viele Über­le­bende und Ange­hörige blieben bis zum Schluss über­zeugte Ver­tei­diger des Real­so­zia­lismus. Sie wollten schon deshalb nicht über die Ver­fol­gungen unter Stalin sprechen, weil sie den Gegnern im Kalten Krieg nicht in die Hände spielen wollten.

Immer noch fällt es vielen Betrof­fenen schwer, an die Öffent­lichkeit zu gehen. »Einige Ange­hörige wollten nicht, dass die Namen ihrer ermo­derten Ver­wandten ver­lesen werden, und das haben wir auch akzep­tiert«, sagt Hans Coppi der Jungle World. Er ist Mit­glied im Arbeits­kreis zum Gedenken an die in der sowje­ti­schen Emi­gration ver­folgten, depor­tierten und ermor­deten deut­schen Anti­fa­schisten bei der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA). Nach meh­reren Ver­an­stal­tungen war die öffent­liche Ehrung ein wei­terer Schritt, um die dama­ligen Ereig­nisse öffentlich zu machen. In der nächsten Zeit soll eine Aus­stellung über die Ver­folgung in der Sowjet­union kon­zi­piert werden. Mitt­ler­weile hat der Arbeits­kreis auch angeregt, einen Gedenk­ort ein­zu­richten. Am Karl-Lieb­knecht-Haus, der frü­heren Zen­trale der KPD und dem der­zei­tigen Sitz der Links­partei, soll eine Gedenk­tafel mit der Inschrift ange­bracht werden: »Ehrendes Gedenken an Tau­sende deutsche Kom­mu­nisten und Anti­fa­schisten, die in der Sowjet­union zwi­schen den 1930er und 1950er Jahren will­kürlich ver­folgt, ent­rechtet, in Straf­lager depor­tiert, auf Jahr­zehnte ver­bannt und ermordet wurden.« Der His­to­riker Wla­dislaw Hedeler hält die Wahl des Gedenkorts für richtig, weil viele der später Ermor­deten mit Bil­ligung des KPD-Zen­tral­ko­mitees in die UdSSR gingen.

Es war sicher auch der Lage des Termins im Sommer geschuldet, dass die Ange­hö­rigen auf der Gedenk­ver­an­staltung über­wiegend unter sich blieben. Dabei haben sich in den ver­gan­genen Jahren auch jüngere, anti­fa­schis­tische und anti­na­tionale Linke mit dem Sta­li­nismus befasst. Die Leip­ziger Initiative gegen jeden Extre­mis­mus­be­griff hat im Unrast-Verlag unter dem Titel »Nie wieder Kom­mu­nismus?« ein Buch mit zwölf Auf­sätzen zur Kritik an Sta­li­nismus und Real­so­zia­lismus her­aus­ge­geben. Auch der kürzlich im Verlag Buch­ma­cherei von Philippe Kel­lermann her­aus­ge­gebene Band »Gespräche über die Geschichte und Gegenwart der sozia­lis­ti­schen Bewe­gungen« widmet sich dem Sta­li­nismus und seiner Vor­ge­schichte. Mit dem Arbeits­kreis bei der VVN eint die Autoren beider Bücher ihre Kritik am Sta­li­nismus ohne Bezug­nahme auf die Totalitarismus­theorie und ihre Wei­gerung den Kapi­ta­lismus zu ver­tei­digen.
http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​2​/​3​1​/​4​5​9​6​8​.html
Peter Nowak