»Der Kapitalismus muss weg«

Atha­nasios Karathan­assis ist Lehr­be­auf­tragter an der Uni­ver­sität Han­nover. Im Jahr 2015 hat er im VSA-Verlag das Buch »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen – Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie« her­aus­ge­geben. Der vor­wärts sprach mit dem Sozio­logen über den Pariser Kli­ma­gipfel, Natur­zer­störung und den Kapi­ta­lismus.

vor­wärts: Der Pariser Kli­ma­gipfel ist Geschichte und hin­terher gaben sich fast alle zufrieden. Wie würden Sie im zeit­lichen Abstand einiger Wochen die Ergeb­nisse beschreiben?
Atha­nasios Karathan­assis: Ange­sichts des nicht mehr zu leug­nenden Kli­ma­wandels musste es nach all den geschei­terten Ver­hand­lungen das vor­dring­lichste Ziel sein, Erfolge zu prä­sen­tieren. So wird ein Mini­mal­konsens auf Basis einer »frei­wil­ligen Ver­bind­lichkeit«
ohne Sank­ti­ons­mög­lich­keiten als his­to­ri­scher Durch­bruch inter­pre­tiert. Die Ergeb­nisse des Gipfels haben so den Cha­rakter eines mora­li­schen Impe­rativs. In der Praxis wird die Moral auf­grund mäch­tiger öko­no­mi­scher und poli­ti­scher Inter­essen, die ihr ent­ge­gen­stehen, aber in ihre Schranken ver­wiesen. Erfolg misst sich letztlich nicht daran, was aus­ge­handelt wird, sondern an kon­kreten prak­ti­schen Mass­nahmen. Und es sollte auch nicht – wie auf der COP 21 beschlossen – erst nach fünf Jahren über­prüft werden, ob diese auch wirklich umge­setzt wurden. Wäre man vom Erfolg der Ver­hand­lungen so über­zeugt, wie es nach aussen scheint, wären Rück­tritts­an­kün­di­gungen ver­ant­wort­licher Poli­ti­ke­rinnen und Unter­neh­mens­schlies­sungen nur kon­se­quent, falls es in bestimmter Zeit nicht gelingt, kli­mare­le­vante Gase signi­fikant zu senken.
vor­wärts: Was wäre für Sie der Massstab für einen Gip­fel­erfolg gewesen?
Atha­nasios Karathan­assis: Eine wirklich his­to­rische Wende hin zu einer »Dekar­bo­ni­sierung« wäre etwas anderes gewesen: Das ver­bind­liche Abschalten von Koh­le­kraft­werken, das sofortige Bereit­stellen der erfor­der­lichen finan­zi­ellen Mittel für den Aufbau rege­ne­ra­tiver
Ener­gie­quellen, die ersetzend und nicht ergänzend zu fos­silen ein­ge­setzt werden und vieles mehr. Würden Dekar­bo­ni­sie­rungs­mass­nahmen nicht umge­setzt, müssten spürbare und schnellst­mög­liche öko­no­mische Sank­tionen folgen. Ein Grossteil der fos­silen Ener­gie­träger musste also in der Erde bleiben; das bedeutete aber ent­gangene Profite. All das geschieht nicht oder nicht aus­rei­chend, so dass sich auch hier mal wieder zeigt, wie mit zwei­erlei Mass gemessen wird. Im Zuge der glo­balen Wirt­schafts­krise von 2008 war es äus­serst schnell und unbü­ro­kra­tisch möglich, »Ret­tungs­schirme« in Mil­li­ar­denhöhe für sys­tem­re­le­vante
Banken auf Kosten von Mil­lionen von Men­schen bereit­zu­stellen. Die Men­schen und die äussere Natur, die von der Kli­ma­krise betroffen sind, scheinen nicht als sys­tem­re­levant zu gelten. Das System der Kapi­talak­ku­mu­lation hat also Prio­rität. Es scheint so, als müsse
man sich einer ver­sach­lichten, gott­ähn­lichen Macht – der Macht der Kapitale – alter­na­tivlos beugen. Doch zumindest eines ist klar: Es gibt keine Alter­na­tiven zur Natur; es gibt auch keine Alter­na­tiven zur Öko­nomie, aber es gibt Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Form der
Öko­nomie.


vor­wärts: In den Reihen der Kli­ma­be­wegten wird auch der Kapi­ta­lismus kri­ti­siert, zum Bei­spiel in dem Buch »Die Ent­scheidung: Kapi­ta­lismus vs. Klima« von Naomi Klein. Wie tief geht deren Kapi­ta­lis­mus­kritik?

Atha­nasios Karathan­assis: Die Qua­lität von »Kapi­ta­lismus vs. Klima« liegt darin, ein Tür­öffner für einen kri­ti­schen Blick auf kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse sein zu können. Es weist also in die richtige Richtung, bleibt aber zumeist bei einer Kritik am Neo­li­be­ra­lismus,
was eine Ver­kürzung ist, die nur eine Variante des Kapi­ta­lismus in den Vor­der­grund stellt. Fragen nach den gesell­schaftlich-öko­no­mi­schen Ursachen des Kli­ma­wandels und wei­teren kri­sen­haften Natur­ver­än­de­rungen lassen sich aber nur durch tiefer gehende Kritik an kapi­ta­lis­ti­schen Grund­prin­zipien, die in allen kapi­ta­lis­ti­schen Phasen exis­tieren und in ver­schie­denen his­to­ri­schen Vari­anten ihrer Umsetzung ihre prak­tische Wirk­kraft ent­falten, beant­worten. Hierzu gehört zual­lererst die allen Kapi­ta­lismen inne­woh­nende Mass­lo­sigkeit in einer begrenzten Welt.


vor­wärts: Sie haben im VSA-Verlag ein Buch mit dem Titel »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« ver­öf­fent­licht. Was ver­stehen Sie dar­unter und welche Rolle spielt die marxsche Öko­no­miek­titik dabei?

Atha­nasios Karathan­assis: Zunächst einmal sollte man betonen, dass Marx mehr als einen Blick für den kapi­ta­lis­ti­schen Umgang mit der Natur hatte. Das liesse sich mit einer Reihe von Zitaten belegen. Aber ins­be­sondere seine Kritik der Poli­ti­schen Öko­nomie ist geeignet,
über die Analyse öko­no­mi­scher Gesetz­mäs­sig­keiten Ver­hält­nisse von Kapital und Natur zu ent­schlüsseln. Diese Kritik ist zwar nicht aus­rei­chend aber uner­lässlich. In »kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« geht es, ver­kürzt gesagt um die Fragen, wie der Kapi­ta­lismus
mit der Natur umgeht, was die Gründe dafür sind, welche Folgen das hat und welche Bedeutung das letztlich für die Ent­wicklung gesell­schaftlich-öko­no­mi­scher Alter­na­tiven hat. Eine Abgrenzung vom marx­schen Fort­schritts­glauben, wie zum Bei­spiel im »Kom­mu­nis­ti­schen Manifest« beschrieben, ist hierbei ins­be­sondere für die Skiz­zierung dieser Alter­na­tiven wichtig, da – anknüpfend an Walter Ben­jamins kri­ti­schen Verweis auf das marxsche Revo­lu­tions- und Fort­schritts­ver­ständnis – nicht nur die Geschwin­digkeit der Ent­wicklung, sondern vor allem die Richtung des Fort­schritts in Frage gestellt werden muss.


vor­wärts: Ein Kapitel Ihres Buches befasst sich mit post­for­dis­ti­schen Natur­ver­hält­nissen. Was sind deren besondere Kenn­zeichen?

Atha­nasios Karathan­assis: Post­for­dis­tische Natur­ver­hält­nisse sind zunächst nicht dadurch gekenn­zeichnet, dass mit wesent­lichen for­dis­ti­schen Wachs­tums­treibern, wie zum Bei­spiel der Stei­gerung der Pro­duk­tiv­kräfte oder des Mas­sen­konsums, gebrochen wird. Im
Gegenteil: Sie werden auf ent­wi­ckel­terer Stufe, etwa durch Mikro­pro­zes­soren gesteuerte Pro­duk­ti­ons­systeme und elek­tro­nische Mas­sen­waren, wei­ter­ge­führt, so dass Märkte durch Infor­ma­tions- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­logien erweitert und ver­tieft werden. Der Einzug von »Bio­tech­no­logien« in Pro­duk­ti­ons­pro­zesse und die Zunahme gen­tech­nisch ver­än­derter Waren kenn­zeichnen eben­falls eine neue Qua­lität im Umgang mit der Natur. Diese wird nicht mehr nur von aussen, sondern nun auch von innen nach ren­di­te­ori­en­tierten Kri­terien ver­ändert. Kri­terien der Kapi­tal­ver­wertung werden so der Natur innerlich. Ähnlich wie es zunehmend von Lohn­ar­bei­tenden gefordert wird, die Inter­essen des Unter­nehmens zu ver­in­ner­lichen, sich mit diesem bis zur Unkennt­lichkeit ihres Selbst zu iden­ti­fi­zieren,
werden der Natur ihr fremde »Gesetze« auf­ge­zwungen. Diese glo­balen Über­for­mungen sind nur einige neue Schritte der Gestaltung von Gesell­schaften und Natur nach den Mass­gaben der Kapi­tal­ren­ta­bi­lität. So sind wir auf dem Weg zu einer glo­balen »Kapi­tal­ge­sell­schaft«, in der sowohl die Men­schen als auch die äussere Natur zunehmend als Mittel zum Zweck der Pro­fit­ma­xi­mierung instru­men­ta­li­siert werden.


vor­wärts: In den letzten Kapiteln sprechen Sie von einer Post­wachs­tums­öko­nomie. Was ver­stehen Sie dar­unter?

Atha­nasios Karathan­assis: Um nur einige Schlag­worte zu nennen: Öko­no­mische Pro­zesse würden nicht mehr auf maxi­malen Output abzielen, sondern müssten nach Kri­terien der Bedarfs­de­ckungs­logik umge­staltet werden. Das heisst, dass die Öko­nomie nicht überall
schrumpft, sondern nur das Übermass an Pro­duktion, Verkehr und Konsum ver­schwindet. Das hätte auch ein gänzlich anderes Kri­sen­ver­ständnis zur Folge. Möglich wäre das nur, wenn an Stelle von Kapi­tal­lo­giken Logiken der Bedarfs­de­ckung zur Praxis werden. Pro­ble­ma­tisch ist hierbei aber nicht nur die Bedarfs­be­stimmung; was Mensch wirklich braucht, ist nur eine von vielen Fragen einer damit ver­bun­denen Kon­sum­kritik. Ent­scheidend ist in einer Post­wachs­tums­öko­nomie, dass weniger stoff­ge­bundene öko­no­mische
Pro­zesse statt­finden, denn die Ent­kopplung von Wachstum und Natur­ver­brauch und ‑Zer­störung ist trotz Fort­schritten in der Energie- und Mate­ri­al­ef­fi­zienz nicht möglich. Man braucht also eine umfas­sende Wende, sozu­sagen eine positive Krise, die nicht nur einen
Wer­te­wandel anstrebt und poli­tische Macht­ver­hält­nisse in Frage stellt; es ist ins­be­sondere eine andere Öko­nomie not­wendig, die nicht mehr auf mass­loses Wachstum abzielt und vor­täuscht, Mas­sen­konsum sei für das Wohl der Menschheit unum­gänglich. Das reicht selbst­ver­ständlich nicht aus, eine Post­wachs­tums­öko­nomie zu umreissen. Es kann nur die Richtung andeuten, vieles ist noch unklar, muss beforscht und prak­tisch ent­wi­ckelt werden.
vor­wärts: In ihren 16 Thesen zur Leip­ziger Degrowth-Kon­ferenz im Jahr 2014 schreibt die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Robo­ter­kom­mu­nismus: »Der Kar­di­nal­fehler der gesamten Bewegung besteht in ihrer Über­höhung des Wachstums zum Inbe­griff aller Übel, zum scheinbar letzten Grund gesell­schaft­licher Pro­zesse und somit auch zum Hebel­punkt einer qua­li­ta­tiven poli­ti­schen Ver­än­derung.« Würden Sie dieser These zustimmen?
Atha­nasios Karathan­assis: Ein Defizit des »Degrowth-Main­streams« ist die nicht aus­rei­chende Ver­knüpfung von Wachstums- und Kapi­ta­lis­mus­kritik. Gäbe es diese, wäre es klarer, dass Kapi­ta­lismus ohne Wachstum und somit auch ohne wach­senden Res­sour­cen­ver­brauch und Schad­stoff­emis­sionen nicht möglich ist. Bis­herige Effi­zi­enz­fort­schritte oder natur­scho­nende Lebens­weisen reichen nicht aus und werden von den kapi­ta­lis­ti­schen Wachs­tums­aus­massen bei weitem über­kom­pen­siert. Eine Wachs­tums­kritik, die auf halbem Weg ver­harrt, kann bes­ten­falls zur Ent­schleu­nigung aber nicht zur Ver­hin­derung von Kata­strophen bei­tragen.


vor­wärts: Nach der Lektüre Ihres Buches muss man zu dem Fazit kommen: Im Kapi­ta­lismus ist ein Ende der Natur­zer­störung nicht möglich. Wäre da eine Revo­lution nicht der beste Beitrag für den Umwelt­schutz?

Atha­nasios Karathan­assis: Wenn Pro­bleme letztlich nur dann gelöst werden können, wenn ihre Ursachen beseitigt werden, dann bedeutet das, dass gesell­schaft­liche Gross­krisen, wie die Aus­masse der Natur­zer­störung oder Mas­sen­armut nur dann gelöst werden können, wenn wesent­liche Ursachen dieser beseitigt werden. Und damit ist klar: Der Kapi­ta­lismus muss weg und eman­zi­pa­to­ri­scher Wider­stand ist im wahrsten Wortsinn not­wendig. Offen ist jedoch, auf welchen Wegen das möglich sein wird, so dass die Post­ka­pi­ta­lismen auch wirklich eman­zi­pa­to­risch sein werden. Die Frage, inwieweit das rea­lis­tisch ist, möchte ich mit Herbert Marcuse beant­worten, der sagte: »Der unrea­lis­tische Klang dieser Behauptung deutet nicht auf ihren uto­pi­schen Cha­rakter hin, sondern auf die Gewalt der Kräfte, die ihrer Ver­wirk­li­chung im Wege stehen.«

Interview: Peter Nowak
Quelle:
vor­wärts – die sozia­lis­tische Zeitung.
Nr. 05/06 – 72. Jahrgang – 12. Februar 2016, S. 5
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»Man braucht eine positive Krise«

Der Politik- und Sozi­al­wis­sen­schaftler Atha­nasios Karathan­assis lehrt an den Uni­ver­si­täten von Han­nover und Hil­desheim. Im ver­gan­genen Jahr erschien im VSA-Verlag sein Buch »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen – Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie«. Die Jungle World sprach mit Karathan­assis über seine ­Kritik am Kapi­ta­lismus, an mar­xis­ti­schen Wachs­tums­fe­ti­schisten sowie an der ­Umwelt­be­wegung.

Nach dem Pariser Kli­ma­gipfel (COP 21) Ende ver­gan­genen Jahres gaben sich hin­terher fast alle Teil­nehmer zufrieden. Wie würden Sie, mit einigen Wochen zeit­lichem Abstand die Ergeb­nisse beschreiben?

Ange­sichts des nicht mehr zu leug­nenden Kli­ma­wandels musste es nach all den geschei­terten Ver­hand­lungen das vor­dring­lichste Ziel sein, Erfolge zu prä­sen­tieren. So wird ein Mini­mal­konsens auf der Basis einer »frei­wil­ligen Ver­bind­lichkeit« ohne Sank­ti­ons­mög­lich­keiten als his­to­ri­scher Durch­bruch inter­pre­tiert. Die Ergeb­nisse des Gipfels haben den Cha­rakter eines mora­li­schen Impe­rativs. In der Praxis wird die Moral auf­grund mäch­tiger öko­no­mi­scher und poli­ti­scher Inter­essen, die ihr ent­ge­gen­stehen, aber in ihre Schranken ver­wiesen.

Erfolg misst sich letztlich nicht daran, was aus­ge­handelt wird, sondern an kon­kreten prak­ti­schen Maß­nahmen. Und es sollte auch nicht – wie auf der COP 21 beschlossen – erst nach fünf Jahren über­prüft werden, ob diese auch wirklich umge­setzt wurden. Wäre man vom Erfolg der Ver­hand­lungen so über­zeugt, wie es nach außen scheint, wären Rück­tritts­an­kün­di­gungen ver­ant­wort­licher Poli­tiker und Unter­neh­mens­schlie­ßungen nur kon­se­quent, falls es in einer bestimmten Zeit nicht gelingt, den Ausstoß klima-rele­vanter Gase signi­fikant zu senken. Diese blieben bisher aus und der not­wendige grund­le­gende Wandel wurde auch nicht beschlossen.

Was wäre für Sie der Maßstab für einen Gip­fel­erfolg gewesen?

Eine wirklich his­to­rische Wende hin zu einer »Dekar­bo­ni­sierung« wäre etwas anderes gewesen: das ver­bind­liche Abschalten von Koh­le­kraft­werken, das sofortige Bereit­stellen der erfor­der­lichen finan­zi­ellen Mittel für den Aufbau rege­ne­ra­tiver Ener­gie­quellen, die ersetzend und nicht ergänzend zu fos­silen ein­ge­setzt werden, und vieles mehr. Würden Dekar­bo­ni­sie­rungs­maß­nahmen nicht umge­setzt, müssten spürbar und schnellst­möglich öko­no­mische Sank­tionen folgen. Ein Großteil der fos­silen Ener­gie­träger müsste also in der Erde bleiben; das würde aber ent­gangene Profite bedeuten. All das geschieht nicht oder nicht aus­rei­chend, so dass sich auch hier wieder einmal zeigt, wie mit zwei­erlei Maß gemessen wird. Im Zuge der glo­balen Wirt­schafts­krise von 2008 war es äußerst schnell und unbü­ro­kra­tisch möglich, »Ret­tungs­schirme« in Mil­li­ar­denhöhe für sys­tem­re­le­vante Banken auf Kosten von Mil­lionen von Men­schen bereit­zu­stellen. Die Men­schen und die äußere Natur, die von der Kli­ma­krise betroffen sind, scheinen nicht als sys­tem­re­levant zu gelten. Das System der Kapi­talak­ku­mu­lation hat also Prio­rität. Es scheint so, als müsse man sich einer ver­sach­lichten, gott­ähn­lichen Macht – der Macht der Kapitale – alter­na­tivlos beugen. Doch zumindest eines ist klar: Es gibt keine Alter­na­tiven zur Natur; es gibt auch keine Alter­na­tiven zur Öko­nomie, aber es gibt Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Form der Öko­nomie.

Sie haben im VSA-Verlag ein Buch mit dem Titel »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« ver­öf­fent­licht. Was ver­stehen Sie dar­unter und welche Rolle spielt die Marxsche Öko­no­mie­kritik dabei? Ins­be­sondere da in der Umwelt­be­wegung Marx vor­ge­worfen wird, ein Anhänger des kapi­ta­lis­ti­schen Fort­schritts­denkens gewesen zu sein und keinen Blick für die Pro­bleme der Umwelt gehabt zu haben.

Zunächst einmal sollte man betonen, dass Marx mehr als einen Blick für den kapi­ta­lis­ti­schen Umgang mit der Natur hatte. Das ließe sich mit einer Reihe von Zitaten belegen. Aber ins­be­sondere seine Kritik der poli­ti­schen Öko­nomie ist geeignet, über die Analyse öko­no­mi­scher Gesetz­mä­ßig­keiten das Ver­hältnis von Kapital und Natur zu ent­schlüsseln. Diese Kritik ist zwar nicht aus­rei­chend, aber uner­lässlich.

In »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse« geht es ver­kürzt gesagt um die Frage, wie der Kapi­ta­lismus mit der Natur umgeht, was die Gründe dafür sind, welche Folgen das hat und welche Bedeutung das letztlich für die Ent­wicklung gesell­schaftlich-öko­no­mi­scher Alter­na­tiven hat.

Eine Abgrenzung vom Marx­schen Fort­schritts­glauben, wie bei­spiels­weise im »Kom­mu­nis­ti­schen Manifest« beschrieben, ist ins­be­sondere für die Skiz­zierung dieser Alter­na­tiven wichtig, da – anknüpfend an Walter Ben­jamins kri­ti­schen Verweis auf das Marxsche Revo­lu­tions- und Fort­schritts­ver­ständnis – nicht nur die Geschwin­digkeit der Ent­wicklung, sondern vor allem die Richtung des Fort­schritts in Frage gestellt werden muss.

Ein Kapitel Ihres Buches befasst sich mit post­for­dis­ti­schen Natur­ver­hält­nissen. Was kenn­zeichnet diese?

Post­for­dis­tische Natur­ver­hält­nisse sind zunächst nicht dadurch gekenn­zeichnet, dass mit wesent­lichen for­dis­ti­schen Wachs­tums­treibern gebrochen wird, zum Bei­spiel der Stei­gerung der Pro­duk­tiv­kräfte oder dem Mas­sen­konsum. Im Gegenteil, sie werden auf höher­ent­wi­ckelter Stufe wei­ter­ge­führt, etwa durch von Mikro­pro­zes­soren gesteuerte Pro­duk­ti­ons­systeme und elek­tro­nische Mas­sen­waren, so dass Märkte durch Infor­ma­tions- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­logien erweitert werden. Der Einzug von »Bio­tech­no­logien« in Pro­duk­ti­ons­pro­zesse und die Zunahme gen­tech­nisch ver­än­derter Waren kenn­zeichnen eben­falls eine neue Qua­lität im Umgang mit der Natur. Diese wird nicht mehr nur von außen, sondern nun auch von innen nach ren­di­te­ori­en­tierten Kri­terien ver­ändert. Kri­terien der Kapi­tal­ver­wertung werden so der Natur innerlich. Ähnlich wie es zunehmend von Lohn­ar­bei­tenden gefordert wird, die Inter­essen des Unter­nehmens zu ver­in­ner­lichen, sich mit diesem bis zur Unkennt­lichkeit ihres Selbst zu iden­ti­fi­zieren, werden der Natur ihr fremde »Gesetze« auf­ge­zwungen.

Diese glo­balen Über­for­mungen sind nur einige neue Schritte der Gestaltung von Gesell­schaften und Natur nach Maßgabe der Kapi­tal­ren­ta­bi­lität. So sind wir auf dem Weg zu einer glo­balen »Kapi­tal­ge­sell­schaft«, in der sowohl Men­schen als auch die äußere Natur immer mehr als Mittel zum Zweck der Pro­fit­ma­xi­mierung instru­men­ta­li­siert werden, was eine Ver­kehrung von Ver­hält­nissen ist, in denen sich immer mehr den Inter­essen der Kapitale unter­ordnen soll und nicht die Öko­nomie primär den Inter­essen der Men­schen dient.

In den letzten Kapiteln sprechen Sie von einer Post­wachs­tums­öko­nomie. Was ver­stehen Sie dar­unter?

Um nur einige Schlag­worte zu nennen: Öko­no­mische Pro­zesse würden nicht mehr auf maxi­malen Output abzielen, sondern müssten nach Kri­terien der Bedarfs­de­ckung umge­staltet werden. Das heißt, dass die Öko­nomie nicht überall schrumpft, sondern nur das Übermaß an Pro­duktion, Verkehr und Konsum ver­schwindet. Das hätte auch ein gänzlich anderes Kri­sen­ver­ständnis zur Folge. Möglich wäre das nur, wenn an Stelle der Kapi­tal­logik die Logik der Bedarfs­de­ckung zur Praxis wird. Pro­ble­ma­tisch ist hierbei aber nicht nur die Bedarfs­be­stimmung; was Men­schen wirklich brauchen, ist nur eine von vielen Fragen einer damit ver­bun­denen Kon­sum­kritik.

Ent­scheidend ist in einer Post­wachs­tums­öko­nomie, dass weniger stoff­ge­bundene öko­no­mische Pro­zesse statt­finden, denn die Ent­kopplung von Wachstum und Natur­ver­brauch und ‑zer­störung ist trotz Fort­schritten in der Energie- und Mate­ri­al­ef­fi­zienz nicht möglich. Man braucht also eine umfas­sende Wende, sozu­sagen eine positive Krise, die nicht nur einen Wer­te­wandel anstrebt und poli­tische Macht­ver­hält­nisse in Frage stellt; es ist ins­be­sondere eine andere Öko­nomie not­wendig, die nicht mehr auf maß­loses Wachstum abzielt und vor­täuscht, Mas­sen­konsum sei für das Wohl der Menschheit unum­gänglich. Das reicht selbst­ver­ständlich nicht aus, eine Post­wachs­tums­öko­nomie zu umreißen. Es kann nur die Richtung andeuten, vieles ist noch unklar, muss erforscht und prak­tisch ent­wi­ckelt werden.

Die Inter­es­sens­ge­mein­schaft Robo­ter­kom­mu­nismus in ihren 16 Thesen zur Leip­ziger Degrowth-Kon­ferenz im Jahr 2014: »Der Kar­di­nal­fehler der gesamten Bewegung besteht in ihrer Über­höhung des ›Wachstums‹ zum Inbe­griff aller Übel, zum scheinbar letzten Grund gesell­schaft­licher Pro­zesse und somit auch zum Hebel­punkt einer qua­li­ta­tiven poli­ti­schen Ver­än­derung.« Stimmen Sie dieser These zu?

Ein Defizit des »Degrowth-Main­stream« ist die nicht aus­rei­chende Ver­knüpfung von Wachstums- und Kapi­ta­lis­mus­kritik. Gäbe es diese, wäre es klarer, dass Kapi­ta­lismus ohne Wachstum und somit auch ohne wach­senden Res­sour­cen­ver­brauch und Schad­stoff­emis­sionen nicht möglich ist. Bis­herige Effi­zi­enz­fort­schritte und die Natur scho­nende Lebens­weisen reichen nicht aus und werden von den kapi­ta­lis­ti­schen Wachs­tums­aus­maßen mehr als nur kom­pen­siert. Eine Wachs­tums­kritik, die auf halbem Weg ver­harrt, kann bes­ten­falls zur Ent­schleu­nigung, aber nicht zur Ver­hin­derung von Kata­strophen bei­tragen.

Nach der Lektüre Ihres Buches muss man zu dem Fazit kommen, im Kapi­ta­lismus sei ein Ende der Natur­zer­störung nicht möglich. Wäre da eine Revo­lution nicht der beste Beitrag zum Umwelt­schutz?

Wenn Pro­bleme letztlich nur gelöst werden können, wenn ihre Ursachen beseitigt werden, dann bedeutet das, dass gesell­schaft­liche Groß­krisen, wie die Ausmaße der Natur­zer­störung oder Mas­sen­armut, nur gelöst werden können, wenn wesent­liche Ursachen dieser Krisen beseitigt werden. Und damit ist klar: Der Kapi­ta­lismus muss weg und eman­zi­pa­to­ri­scher Wider­stand ist im wahrsten Wortsinn not­wendig. Offen ist jedoch, wie »gewähr­leistet« werden kann, dass die Post­ka­pi­ta­lismen auch wirklich eman­zi­pa­to­risch sein werden. Die Frage, inwieweit das rea­lis­tisch ist, möchte ich mit Herbert Marcuse beant­worten, der sagte: »Der unrea­lis­tische Klang dieser Behauptung deutet nicht auf ihren uto­pi­schen Cha­rakter hin, sondern auf die Gewalt der Kräfte, die ihrer Ver­wirk­li­chung im Wege stehen.«

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​0​4​/​5​3​4​0​6​.html

Interview: Peter Nowak

Kapitalismus killt Klima und Umwelt

Dis­kussion Atha­nasios Karathan­assis zeigt, wie das Pro­fit­streben den Raubbau an der Natur vor­an­treibt

Viel wurde im Vorfeld des Pariser Kli­ma­gipfels über die Umwelt und den Kli­ma­wandel geredet. »Was aber zumeist aus­blieb, ist eine explizite Aus­ein­an­der­setzung mit dem Konnex Kapi­tal­lo­giken, Kapi­tal­stra­tegien, Wachstum und Natur­zer­störung«, schreibt der Poli­tologe Atha­nasios Karathan­assis im Vorwort zu seinem kürzlich im VSA-Verlag erschie­nenen Buches »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse«.

Leider erwähnt er die wenigen Aus­nahmen nicht. Dabei sorgte die kana­dische Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­kerin Naomi Klein mit ihrem im letzten Jahr erschie­nenen Buch »Die Ent­scheidung Kapi­ta­lismus versus Klima« für heftige Dis­kus­sionen in der Umwelt­be­wegung. Auch Klein kam wie Karathan­assis zu dem Schluss, dass es mit und im Kapi­ta­lismus keine Lösung der Kli­ma­krise geben kann.

Wir haben aber keine Zeit mehr für eine Debatte über die Ver­än­derung der Gesell­schaft, ant­worten viele Umwelt­gruppen. Damit begründen sie, warum sie die Umwelt­pro­bleme mit den kapi­ta­lis­ti­schen Instru­menten und den Groß­kon­zernen bewäl­tigen wollen. Dagegen richtet sich Karathan­assis‚ Streit­schrift. Der Autor ver­ortet die Ursachen der Natur­zer­stö­rungen in der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise und zeigt auf, wie illu­sionär es ist, die Umwelt mit den kapi­ta­lis­ti­schen Struk­turen retten zu wollen.

Im ersten Kapitel widmet sich Karathan­assis den Natur­ver­hält­nissen, ana­ly­siert Öko­systeme und gibt einen Ein­blick in das Entro­pie­gesetz; damit wird die Trans­for­mation von ver­füg­barer in nicht nutzbare Energie bezeichnet. So ent­steht bei der Ver­brennung von Kohle und Gas Rauch, der nicht mehr in den Aus­gangs­stoff zurück ver­wandelt, also nicht mehr in den Natur­kreislauf ein­ge­speist werden kann. Karathan­assis zeigt dann auch auf, wie im Laufe der mensch­lichen Ent­wicklung diese Entropie immer mehr ange­wachsen ist. Schon durch die Sess­haft­werdung der Men­schen stiegen der Ener­gie­ver­brauch und auch die Entropie stark an. Doch erst die indus­trielle Revo­lution schuf Grund­lagen für eine massive Aus­breitung der Entropie. Nicht nur das absolute Ausmaß der Ener­gie­nutzung, auch der Ener­gie­durchlauf je Arbeits­zeit­einheit wuchs enorm an.

In einem eigenen Kapitel zeigt Karathan­assis die extensive Res­sourcen- und Stoff­nutzung am Bei­spiel von Öl, Kohle und Gas, aber auch an der Über­fi­schung der Meere. An vielen Ein­zel­bei­spielen weist er nach, dass es der Drang nach Profit ist, der den Raubbau an der Natur vor­an­treibt. »Der sich ver­wer­tende Wert und die Ver­knüpfung der Wert­stei­gerung mit der Stei­gerung der Stoff­nutzung sind kapi­ta­lis­tische Wesens­ele­mente, die der Natur bzw. öko­lo­gi­schen Pro­zessen wider­sprechen. Hier­durch werden sie zu Ursachen von Raubbau und Natur­zer­störung«, schreibt er.

Dennoch endet sein Buch nicht fata­lis­tisch. In den letzten Jahren sei das Bewusstsein über die Natur­zer­störung weltweit gewachsen, schreibt Karathan­assis und ver­weist auf die Vielzahl der Publi­ka­tionen zum Thema. »Es gibt Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Form der Öko­nomie«, schreibt er im letzten Kapitel. Wer ein kom­plexes Pro­gramm erwartet, wird aller­dings ent­täuscht. Die Alter­na­tiven müssten von Basis­in­itia­tiven aus­pro­biert werden, betont Karathan­assis. Prä­gnant begründet er, warum man vom Kapi­ta­lismus nicht schweigen kann, wenn es um die Umwelt geht.

Atha­nasios Karathan­assis: Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen, Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie. VSA-Verlag, Hamburg 2015. 240 Seiten, 22,80 EUR.

analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 611 / 15.12.2015

https://​www​.akweb​.de/

Von Peter Nowak

Zumutbar: 278,7 Milliarden Euro

Karl Heinz Roth begründet die Rechtmäßigkeit der deutschen Reparationsschuld gegenüber Griechenland

Herr Strau­binger, ist die Geduld mit Grie­chenland unendlich? Was müssen wir uns eigentlich alles noch zumuten?« Mit dieser Frage leitete Gerd Breker vom Deutsch­landfunk Anfang April ein Interview mit dem par­la­men­ta­ri­schen Geschäfts­führer der CSU, Max Strau­binger, ein. Kurz zuvor hatte die grie­chische Regierung ihre Repa­ra­ti­ons­for­derung an Deutschland kon­kre­ti­siert. Auf die Summe von 278,7 Mil­li­arden Euro kommt ein Par­la­ments­aus­schuss, der sich mit den Ent­schä­di­gungen befasst. In Deutschland fielen die abweh­renden Reak­tionen auf diese For­derung heftig aus. Breker bringt dabei letztlich nur auf den Punkt, was die »Bild«-Zeitung schon vor Wochen in einer regel­rechten Anti-Grie­chenland-Kam­pagne for­mu­liert hat: »Kein deut­sches Geld an Grie­chenland.«

Da ist es umso erfreu­licher, dass der His­to­riker Karl Heinz Roth ein Büchlein her­aus­ge­geben hat, das pro­funde begründet, warum nicht die For­de­rungen der grie­chi­schen Regierung sondern die Reak­tionen in Deutschland eine Zumutung sind. Im ersten Teil geht er auf die Folgen der aktu­ellen Finanz- und Wirt­schafts­krise für einen großen Teil der grie­chi­schen Bevöl­kerung ein. Er benennt die Ver­ant­wortung der wesentlich von Deutschland geför­derten Aus­teri­täts­po­litik und das Agieren der Troika, der es nur um die Profite der Banken geht. Der Autor klagt auch die Ver­ant­wortung der grie­chi­schen Eliten aus Politik und Wirt­schaft ein. »Sie lan­cierten einen bei­spiel­losen Wirt­schaftsboom, der vor allem den hei­mi­schen Fami­li­en­dy­nastien und den Groß­kon­zernen der euro­päi­schen Kernzone zugu­te­kamen.«

Im zweiten Kapitel beschreibt Roth die Maß­nahmen der im Januar neu gewählten, wesentlich von der linken SYRIZA gestellten Regierung, die mit einer post­keyne­sia­nis­ti­schen Politik den fatalen Kreislauf aus Krise und Ver­elendung durch­brechen will, in dem sich Grie­chenland seit Jahren befindet. Auch hier wahrt der Wis­sen­schaftler seinen kri­ti­schen Blick. So ver­weist er darauf, dass auch unter der neuen Regierung der enorm auf­ge­blähte Mili­tä­retat Grie­chen­lands nicht gesenkt worden ist, was wahr­scheinlich dem Ein­fluss des kleinen rechts­kon­ser­va­tiven Koali­ti­ons­partners zuzu­schreiben ist. Roth schildert die immensen Wider­stände seitens der EU-Insti­tu­tionen und der deut­schen Regierung gegen die neue Politik in Athen. »Die euro­päi­schen Mächte haben sich ganz offen­sichtlich darauf ver­ständigt, die im Fall Grie­chen­lands gestartete post­keyne­sia­nische Alter­native abzu­würgen, den Hoff­nungs­träger SYRIZA vor seinen Wählern vor­zu­führen und der all­ge­meinen Lächer­lichkeit preis­zu­geben.«

Doch bei dieser pes­si­mis­ti­schen Zustands­be­schreibung bleibt Roth nicht stehen. Er prä­sen­tiert einen Plan, der den Wie­der­aufbau der grie­chi­schen Wirt­schaft mit der Beglei­chung der Repa­ra­ti­ons­schulden ver­bindet. Dazu schlägt er vor, dass Deutschland seine Repa­ra­ti­ons­schulden durch Transfer eines Teils der Gold­re­serven der Deut­schen Bun­desbank begleicht. Sie sollten der Finan­zierung eines Not- und Sofort­pro­gramms der grie­chi­schen Regierung im Bereich der Sozial‑, Bil­dungs- und Gesund­heits­po­litik dienen, was Mil­lionen Men­schen ein Leben in Würde ermög­lichen würde. Mit einem wei­teren Teil der Gold­re­serven könnten die grie­chi­schen Schulden beim Euro­päi­schen Ret­tungs­schirm abge­deckt werden. Ein dritter Teil wäre für ein mehr­jäh­riges Job­ga­rantie- und Wie­der­auf­bau­pro­gramm ein­zu­setzen. Zudem schlägt der Autor vor, mit einem Teil der Erlöse der Gold­re­serven einen grie­chi­schen Ent­schä­di­gungs- und Gedenkfond anzu­legen.

Seine sehr detail­lierten Vor­schläge bezeichnet Roth als »eine real­po­li­tisch durch­dachte Blau­pause«, mit der die absehbare huma­nitäre Kata­strophe in Grie­chenland abge­wendet und generell alter­na­tiven Poli­tik­mo­dellen in Europa Luft zum Atem ver­schafften werden könne. Der Ver­fasser wünscht sich seine Schrift als Weckruf an die par­la­men­ta­rische und außer­par­la­men­ta­rische euro­päische Linke. »Wir fordern die poli­ti­schen Insti­tu­tionen der Linken, SYRIZA, Podemos, die deutsche Links­partei und die linken Gewerk­schaf­te­rinnen und Gewerk­schafter auf, sich der euro­päi­schen Her­aus­for­derung zu stellen«, lautet der letzte Satz. Es ist zu hoffen, dass Roths Dis­kus­si­ons­an­gebot ange­nommen wird.

Karl Heinz Roth: Grie­chenland am Abgrund. Die deutsche Repa­ra­ti­ons­schuld. Eine Flug­schrift. VSA-Verlag, Hamburg. 96 S., br., 9 €.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/968960.zumutbar-278–7‑milliarden-euro.html

Peter Nowak

Politische Streiks in der Krise

Ein Buch über ein poten­ziell mäch­tiges Kampf­in­strument der Gewerk­schaften

Linke in Deutschland sehnen sich nach poli­ti­schen Streiks. In Süd­europa gibt es sie, durch­ge­setzt haben sie jedoch kaum etwas. Ein Buch unter­sucht ihre Mög­lich­keiten und Grenzen.
Am 14. November streikten erstmals in meh­reren euro­päi­schen Ländern Gewerk­schaften koor­di­niert gegen die euro­päische Kri­sen­po­litik. Der Beginn eines neuen Pro­test­zyklus‘? Ein neues Buch zu poli­ti­schen Streiks im Europa der Krise liefert für die Antwort inter­es­sante Hin­ter­gründe. Demnach sind die öko­no­mi­schen Streiks in den letzten Jahren zurück­ge­gangen, während die poli­ti­schen Gene­ral­streiks zuge­nommen haben. Es sind jedoch vor allem Defen­siv­kämpfe, um geplante Ver­schlech­te­rungen bei Arbeits­be­din­gungen, Löhnen und Renten zu ver­hindern.

Ein Beitrag ver­gleicht die Streik­ge­schichte von Groß­bri­tannien und Frank­reich und zeigt deren Grenzen. Auch in Grie­chenland und Spanien, wo in den ver­gan­genen Jahren die meisten Gene­ral­streiks statt­ge­funden haben, ist es nicht gelungen, wenigstens Teile des Kri­sen­pro­gramms zu ver­hindern. Die Gewerk­schaf­terin Olga Karyoti spricht sogar von »ritua­li­sierten Gene­ral­streiks«, die ohne poli­tische Erfolge zum Rückzug der Akti­visten führten.

Ähnlich selbst­kri­tische Ein­schät­zungen finden sich in den zehn Län­der­bei­trägen, in denen linke Basis­ge­werk­schafter zu Wort kommen. Sie zeigen, wie in Frank­reich die zöger­liche Haltung der großen Gewerk­schaften die letzten großen Streiks in eine Nie­derlage führte. In Por­tugal wie­derum wurde der dritte Gene­ral­streik im Januar 2012 von der Masse der Bevöl­kerung igno­riert. Ein Beitrag liefert darüber hinaus wenig bekannte Infor­ma­tionen über das Streik­ge­schehen in Rumänien und im ehe­ma­ligen Jugo­slawien.

Auch das Streik­ge­schehen in Deutschland wird in dem Buch aus­führlich ana­ly­siert. So erinnert die Schwä­bisch Haller IG-Metall-Chefin Heidi Scharf an ver­gessene Arbeits­kämpfe der letzten Jahr­zehnte, die den Cha­rakter poli­ti­scher Streiks ange­nommen hatten. Sie seien nur nie als solche benannt worden, wie der frühere IG-Druck-Vor­sit­zende Detlef Hensche in seinem Beitrag aus­führt, weil Streiks für poli­tische Ziele ver­boten sind. Hensche fordert dazu auf, sich dieses Recht zu erkämpfen.

Das Buch liefert gute Argu­mente für alle, die poli­tische Streiks für eine wichtige Kampfform halten. Die Län­der­bei­spiele zeigen aber auch, dass Basis­ori­en­tierung und Koope­ration mit sozialen Bewe­gungen eine Vor­aus­setzung für erfolg­reiche Streiks sind.

Alex­ander Gallas, Jörg Nowak, Florian Wilde (Hrsg.): Poli­tische Streiks im Europa der Krise, VSA-Verlag 2012, 240 S., 14.80 €.
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Peter Nowak

Wege aus der Autogesellschaft

Buch zeigt Not­wen­digkeit und Schwie­rig­keiten einer Ver­kehrs­wende auf

Trotz einiger Teil­erfolge bei der Treib­hausgas-Reduktion sieht die Kli­ma­bilanz der EU beim Verkehr ziemlich schlecht aus. Alter­na­tiven zeigte eine von der Bun­des­tags­fraktion der Linken und der Rosa-Luxemburg-Stiftung orga­ni­sierte Ver­an­staltung 2010 in Stuttgart, deren Ergeb­nisse jetzt ein Sam­melband prä­sen­tiert.

2008 gab es für kurze Zeit eine Ver­un­si­cherung in der deut­schen Auto­branche. Die Wirt­schafts­krise führte zu Umsatz­ein­brüchen und Mas­sen­ent­las­sungen. Doch schon bald setzte ein neuer Boom ein und für einen großen Teil der Beschäf­tigten und auch der Gewerk­schaften schienen Pro­jekte für einen Weg aus der Auto­ge­sell­schaft rea­li­täts­ferne Spin­nerei. Wer das im VSA-Verlag ver­öf­fent­lichte Buch zur »Glo­balen Öko­nomie des Autos« gelesen hat, wird begreifen, dass in Wirk­lichkeit das krampf­hafte Fest­halten am Status quo illu­sionär ist. Denn die 23 Autoren aus unter­schied­lichen Fach­ge­bieten legen sehr anschaulich dar, dass ange­sichts schrump­fender Roh­stoffe und raschen Kli­ma­wandels die Auto­ge­sell­schaft ziemlich bald am Ende ist.

Die span­nende Frage ist nur, ob sich der Wandel unge­ordnet, mit vielen Ver­wer­fungen und Opfern für alle Betei­ligten voll­zieht oder ob er von allen Betei­ligten in demo­kra­ti­scher Planung voll­zogen wird und damit sogar die Lebens­qua­lität für viele Men­schen erhöhen kann. Die Autoren des Buches pro­pa­gieren die zweite Option und zeigen dafür Wege auf, ver­schweigen aber auch die Schwie­rig­keiten eines solchen Umstiegs nicht.

Einige der Bei­träge waren Vor­träge auf der am letzten Okto­ber­wo­chenende 2010 in Stuttgart von der Bun­des­tags­fraktion der Linken und der Rosa-Luxemburg-Stiftung orga­ni­sierten Kon­ferenz »Auto.Mobil.Krise«. Dort dis­ku­tierten Umwelt­schützer mit Betriebs­räten aus Auto­kon­zernen und IG-Metall-Vor­stands­mit­gliedern. So kon­sta­tiert das IG-Metall-Vor­stands­mit­glied und Befür­worter eines sozi­al­öko­lo­gi­schen Gesell­schafts­umbaus Hans-Jürgen Urban selbst­kri­tisch, seine Gewerk­schaft sei in den 90er Jahren schon mal weiter mit der Dis­kussion über den Aus­stieg aus der Auto­pro­duktion gewesen. Im Streit­ge­spräch sah der Jour­nalist Harald Schumann die Rolle der Gewerk­schaften bei der Umstiegs­de­batte kri­ti­scher. Zudem hält er es für illu­sionär, zu meinen, dass Arbeits­plätze im Auto­mo­bil­sektor einfach für alter­native Branchen umge­widmet werden könnten.

Der Poli­tologe Mario Candeias warnte davor, allein die Beschäf­tigten im Pkw-Sektor und ihre Gewerk­schaften in die kon­ser­vative Ecke zu schieben. Schließlich hätten sich viele Umwelt­or­ga­ni­sa­tionen von sozialen Fragen ver­ab­schiedet und suchen im Bündnis mit angeblich fort­schritt­lichen Teilen des Kapitals Wege in den grünen Kapi­ta­lismus. Am Bei­spiel des Elek­tro­autos wird von meh­reren Autoren auf­ge­zeigt, dass hier vor allem neue Pro­fit­quellen ent­stehen, doch der Erfolg für die Umwelt und die Lebens­qua­lität ist fraglich.

Wenig bekannt ist auch, dass es in den USA aktive Gewerk­schafts­gruppen gibt, die das Bemühen um Kli­ma­ge­rech­tigkeit mit der Ver­tei­digung oder Neu­erkämpfung sozialer Rechte ver­binden. Beschlüsse der Inter­na­tio­nalen Trans­port­ar­bei­ter­ge­werk­schaft gehen eben­falls in diese Richtung. In Deutschland können sowohl Gewerk­schaften als auch die Umwelt­be­wegung davon lernen. Dafür bietet das Buch Hil­fe­stellung.

Mario Candeias, Rainer Rilling, Bernd Röttger, Stefan Thimmel (Hrsg.): Globale Öko­nomie des Autos. Mobi­lität, Arbeit, Kon­version, VSA-Verlag Hamburg 2011, 275 S. , 19,80 €.

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Peter Nowak

Das Ende eines lange gepflegten Vorurteils

GESCHICHTE Linke Gewerk­schafts­op­po­sition in der Wei­marer Zeit war nicht von Moskau gesteuert, stellt His­to­riker Stefan Heinz in seinem Buch fest

Deutsche Gewerk­schaften sind gegenüber den Bossen zu koope­rativ und üben sich in Ritualen, statt in Klas­sen­kämpfen: Solche Klagen sind älter als der DGB. Schon in der Wei­marer Zeit befand sich eine linke Min­derheit im Kon­flikt mit den Vor­ständen des SPD-nahen All­ge­meinen Deut­schen Gewerk­schafts­ver­bands (ADGB). In der End­phase der Wei­marer Republik orga­ni­sierten sich große Teile dieser Gewerk­schafts­linken in der Revo­lu­tio­nären Gewerk­schafts­op­po­sition (RGO). Ihr orga­ni­sa­to­ri­sches Zentrum war die Ber­liner Metall­branche.

»Teuf­lische Pläne, dem Hirn Mos­kauer Dik­ta­toren ent­sprungen«: Diese Cha­rak­te­ri­sierung der Orts­ver­waltung des SPD-nahen Deut­schen Metall­ar­bei­ter­ver­bands (DMV) für die linke Kon­kurrenz ist bis heute weit ver­breitet. Dieses Bild hat der am Otto-Suhr-Institut der FU arbei­tende Gewerk­schafts­for­scher Stefan Heinz infrage gestellt. In seinem 500-sei­tigen Buch rekon­struiert er die kurze Geschichte des Ein­heits­ver­bands der Metall­ar­beiter Berlins (EVMB), der größten RGO-Gewerk­schaft. Dafür wertete er eine Vielzahl von Akten aus den Archiven beider Gewerkschaftsverbände,Überwachungsprotokolle von Polizei und Gestapo, interne Berichte der KPD und SPD sowie Artikel der par­tei­un­ab­hän­gigen linken Presse aus.

Heinz weist nach, dass die Initiative zur Gründung nicht von der KPD-Führung oder der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tionale, sondern von aus dem ADGB aus­ge­schlos­senen Gewerk­schaf­te­rInnen ausging. Für den For­scher liegen die Wurzeln der RGO daher nicht in Moskau, sondern im Kampf gegen die Burg­frie­dens­po­litik von SPD und Gewerk­schaften während des Ersten Welt­kriegs. Damals hatte sich vor allem unter den Ber­liner Metall­ar­beitern ein Kreis linker Arbei­ter­ak­ti­vis­tInnen her­aus­ge­bildet.

Als sich im Herbst 1930 die staat­lichen Schlich­tungs­stellen auf die Seite des Unter­neh­mer­lagers stellten und Lohn­kür­zungen fest­legten, die vom ADGB akzep­tiert wurden, gab der KPD-Vor­stand grünes Licht für die Gründung des EVMB. Da dem linken Verband aber keine mas­sen­hafte Abwerbung von Mit­gliedern aus der alten Gewerk­schaft gelang und selbst­or­ga­ni­sierte Streiks meist erfolglos blieben, wurde in den KPD-Gremien bald heftig über die RGO dis­ku­tiert. Die Aus­ein­an­der­set­zungen nahmen nach dem Macht­an­tritt der Nazis zu.

Viele EVMB-Mit­glieder kri­ti­sierten alle Ver­suche der KPD, ange­sichts der NS-Gefahr mit dem ADGB zusam­men­zu­ar­beiten. Der rote Verband hatte sich nach der Zer­schlagung des ADGB am 2. Mai 1933 in der Ille­ga­lität zunächst kon­so­li­diert und wurde erst durch mehrere Ver­haf­tungs­wellen in den Jahren 1933 und 1934 emp­findlich geschwächt. Im Jahr 1935 wurde der Verband im Zuge der von der KPD ver­folgten Volks­front­po­litik, die eine Koope­ration mit den Sozi­al­de­mo­kra­tInnen und bür­ger­lichen Kräften pro­pa­gierte, gegen den hef­tigen Wider­stand der Basis auf­gelöst.

Da die RGO-Politik in der offi­zi­ellen KPD-Geschichts­schreibung bald als Links­ab­wei­chung galt, wurde auch in der DDR kaum darüber geforscht. Nach erfolg­losen Wie­der­be­le­bungs­ver­suchen einiger mao­is­ti­scher Par­teien in den 70ern in West­berlin geriet das Thema weit­gehend in Ver­ges­senheit. Daher hat Heinz mit seiner For­schungs­arbeit eine wichtige Lücke in der Geschichte des Ber­liner Arbei­te­rInn­nen­wi­der­standes geschlossen.
 Stefan Heinz: »Moskaus Söldner? Der Ein­heits­verband der Metall­ar­beiter Berlins: Ent­wicklung und Scheitern einer kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schaft«, VSA-Verlag, Hamburg 2010

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F07%2F29%2Fa0157&cHash=4dbd89600f

Peter Nowak