Oktoberrevolution und Stalinismus

»Sie haben in der langen Nacht der Sta­lin­schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt.“

In nicht wenigen Ländern sind sich selbst als Kom­mu­nis­tInnen ver­ste­hende Men­schen mit Sta­lin­por­träts zum Gedenken an die Okto­ber­re­vo­lution auf die Straße gegangen.
Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämt­liche Errun­gen­schaften des Roten Oktober zurück­ge­nommen hat und viele der­je­nigen, die an der Okto­ber­re­vo­lution beteiligt waren, ein­kerkern und ermorden ließ. Der His­to­riker Christoph Jünke hat kürzlich eine Ana­logie mit Mar­xis­ti­schen Sta­li­nis­mus­kri­tiken im 21. Jahr­hundert im ISP-Verlag her­aus­ge­geben. Dort ist doku­men­tiert, wie gründlich Mar­xisten das Phä­nomen des Sta­li­nismus in den letzten 90 Jahren ana­ly­sierten. Texte von 15 Autoren werden in dem Band doku­men­tiert, die sich kri­tisch mit dem Sta­li­nismus und seinen Wurzeln befassen.
Es ist schade, dass Jünke nicht auch Texte von Frauen wie Agnes Heller, Ruth Fischer oder Angelica Balanoff auf­ge­nommen hat, die in den von Jünke gewählten Bezugs­rahmen fallen. In dem Buch sind keine anar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Kri­tiken ver­treten, auch räte- und links­kom­mu­nis­tische Bei­träge findet man dort nicht. Jünke hat in der Ein­leitung betont, dass die Zusam­men­stellung seiner sub­jek­tiven Auswahl geschuldet ist. Er habe sich dabei um eine reprä­sen­tative Auswahl bemüht, was auch für das von ihm skiz­zierte mar­xis­tische Spektrum zutrifft. „Aus­ge­lassen habe ich vieles, die frühen Kri­tiken der 1920er Jahre, seien es mar­xis­tische Sozi­al­de­mo­kraten wie Otto Bauer, Paul Levi oder linke Kom­mu­nisten wie Karl Korsch, Amadeo Bordiga u.v.a.“ Dazu ist anzu­merken, dass Jünke die aus­ge­las­senen anar­chis­ti­schen Kri­tiken ebenso wenig erwähnt, wie er nicht begründet, warum er auch keine Frauen in dem von ihm aus­ge­wählten Bereich berück­sichtigt. Aller Kritik zum Trotz sind die aus­ge­wählten Texte eine beein­dru­ckende Lektion in linker Geschichte und sollten stu­diert werden.
Der erste Text in der Antho­logie stammt von dem füh­renden bol­sche­wis­ti­schen Poli­tiker Christian Rakowski, der 1941 von Stalins Schergen erschossen wurde. Es ist erstaunlich, welche fast macht­kri­tische Ein­sichten in seinem Text zu finden sind. „Sobald eine Klasse die Macht ergreift, ver­wandelt sich ein gewisser Teil in Agenten der Macht. Auf diese Weise ent­steht die Büro­kratie.“ (S.27)
An anderer Stelle kommt Rakowski zu der für ihn nie­der­schmet­ternden Erkenntnis: „Ich glaube nicht sehr zu über­treiben, wenn ich sage, dass ein Par­tei­ge­nosse von 1917 sich wohl kaum in der Gestalt eines Par­tei­ge­nossen von 1928 wie­der­erkennen würde. Eine tiefe Wandlung hat sich in der Ana­tomie und der Psy­cho­logie der Arbei­ter­klasse voll­zogen.“ Seine intime par­tei­in­terne Kenntnis macht seinen Text inter­essant. So beschreibt Rakowski, dass die Bol­schewiki in der Oppo­sition auch den von Marx als Lum­pen­pro­le­tariat dif­fa­mierten Teil der Werk­tä­tigen ange­sprochen hat. Als sie an der Macht waren, haben sich ihre größ­ten­teils zu Büro­kra­tInnen mutierten Mit­glieder hin­gegen von diesem Teil der Klasse abge­grenzt. Rakowski prangert auch die Pri­vi­legien der Nomen­klatura an und ver­weist darauf, dass die Bol­schewiki immer gegen solche Vor­teile für die Mäch­tigen gekämpft hatten. Dieser Text zeigt auch, dass innerhalb der bol­sche­wis­ti­schen Partei, 1928 als er ver­fasst wurde, durchaus noch eine fun­da­mentale Kritik am büro­kra­ti­schen Kurs möglich war. Klar erkannte der Autor, in welche Richtung der Kurs der Partei geht und beklagte, dass sich die Par­tei­agenten nicht genieren, „Anti­se­mi­tismus, Frem­den­feind­lichkeit, Hass auf die Intel­ligenz usw. für ihre Zwecke ein­zu­setzen“. So hat er schon 1928 präzise die Inhalte sta­li­nis­ti­scher Praxis benannt. Mit Victor Serge stellt Jünke auch den Text eines lang­jäh­rigen Anar­chisten vor, der nach der Okto­ber­re­vo­lution zum Par­tei­gänger der Bol­schewiki wurde. Ergänzend dazu könnte man die Kritik der Anar­chistin Rirette Mai­trejean her­an­ziehen. Sie war seine Genossin in der anar­chis­ti­schen Zeit und hat seine Wandlung zum Par­tei­gänger der Bol­schewiki wie seine Rolle als Antis­ta­linist sehr kri­tisch kom­men­tiert, wie Lou Marin in seinem 2016 im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenen Buch „Rirette Mai­trejean – Atten­tats­kri­ti­kerin, Anar­chofe­mi­nistin, Indi­vi­du­al­an­ar­chistin“ doku­men­tiert hat.

Trotzki zwi­schen Zweck­op­ti­mismus und Pes­si­mismus

Trotzki ist gleich mit drei Texten im Band ver­treten. War er anfangs noch über­zeugt, dass die sta­li­nis­tische Epoche nur eine Episode in der Par­tei­ge­schi­chichte bleibt, wurde er zunehmend skep­ti­scher und hielt auch ein Scheitern der gesamten Revo­lution für denkbar. So machte er sich in einem doku­men­tierten Text kurz nach Beginn des Zweiten Welt­kriegs Gedanken, was geschehen würde, wenn es in der Folge in den kapi­ta­lis­ti­schen Ländern zu keiner pro­le­ta­ri­schen Revo­lution kommen sollte oder es sich den Revo­lu­tio­nä­rInnen, wor­unter Trotzki natürlich Kom­mu­nis­tInnen seiner Strömung meint, nicht gelingt, sich zu halten. „Dann wären wir gezwungen ein­zu­ge­stehen, dass der Grund für den büro­kra­ti­schen Rückfall nicht in der Rück­stän­digkeit des Landes zu suchen ist, auch nicht in der impe­ria­lis­ti­schen Ein­kreisung, sondern in der natur­ge­ge­benen Unfä­higkeit des Pro­le­ta­riats zur herr­schenden Klasse zu werden. Dann müssten wir fest­stellen, dass die jetzige UdSSR in ihren Grund­zügen Vor­läufer eines neuen Aus­beu­ter­re­gimes im inter­na­tio­nalen Maßstab ist.“ (S.119)
Es ist frappant, dass von den vielen Gruppen, die sich auf Trotzki berufen, auf diese pes­si­mis­tische Volte kaum ein­ge­gangen wird. Bemer­kenswert ist, dass Trotzki gar nicht in Erwägung zieht, dass viel­leicht das zen­tra­lis­tische Par­tei­modell in die Nie­derlage führt, nein, er ver­steigt sich zu anthro­po­lo­gi­schen Formeln, wenn er von einer natur­ge­ge­benen Unfä­higkeit des Pro­le­ta­riats schreibt.
Im letzten Text beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich seine Anhän­ge­rInnen ver­halten sollten, falls sich her­aus­stellt, dass die Sowjet­union einen Teil von Polen besetzt. Er plä­dierte dafür, trotz Stalin, die Rote Armee zu unter­stützen, weil die zumindest gegen die Groß­grund­be­sitzer kämpfen würde. Trotzkis letzter in dem Buch publi­zierter Text ist wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Welt­kriegs ver­fasst, als der deutsch-sowje­tische Nicht­an­griffspakt viele Kom­mu­nis­tInnen nach­haltig ver- stört hat. Er endet phra­senhaft: „Das Pro­le­tariat hat eine junge und noch schwache revo­lu­tionäre Führung. Aber die Führung der Bour­geoisie ver­fault bei leben­digem Leib. … Allein diese Tat­sache ist Grund genug für unseren uner­schüt­ter­lichen revo­lu­tio­nären Opti­mismus.“ (S.142)
Erfreu­li­cher­weise wurden auch Texte von heute wenig rezi­pierten Autoren auf­ge­nommen. So ist der Sozi­al­phi­losoph Leo Kofler heute nur noch wenigen bekannt, der sich ebenso wie der in den 1970er populäre Edward P. Thompson mit den Pro­blemen des sozia­lis­ti­schen Huma­nismus befasst. Der Ökonom und His­to­riker Roman Ros­dolsky beendet seine Sta­lin­kritik mit der tref­fenden Cha­rak­te­ri­sierung der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Nomen­klatura. „Sie haben in der langen Nacht der Stalin’schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt; sie sind eben nur mehr: Refor­misten gewordene Ther­mi­do­rianer!“ (S.296). Bezüge zur Fran­zö­si­schen Revo­lution finden sich auch bei anderen Autoren des Buches, die Klassi zierung der Bol­schewiki als Jako­biner ist durchaus nicht nur negativ gemeint. Ros­dolsky wurde nach der Implosion des Nomi­nal­so­zia­lismus bestätigt, wo manche wie der eben­falls im Buch ver­tretene Ernest Mandel noch auf einen revo­lu­tio­nären Glutkern hofften, der von Sta­li­nismus und Büro­kra­tismus ver­schüttet war, zeigte sich bald, dass diese Par­teien im Innern ver­fault und unrettbar ver­loren waren. Wer mehr über den lange ver­ges­senen Roman Ros­dolsky, der bedeu­tende Texte zur Wert­kritik ver­öf­fent­licht hat, wissen will, sollte zu dem kürzlich im Man­delbaum-Verlag erschie­nenen Buch „Mit per­ma­nenten Grüßen“, greifen, in dem Leben und Werk von Emmy und Roman Ros­dolsky dar­ge­stellt sind (ISBN 978−3−85476−662−9).

Hoffnung auf interne Reformen schwinden

Bei den jün­geren doku­men­tierten Texten ist die Hoffnung auf eine Reform des Nomi­nal­so­zia­lismus durch einen Sturz der Büro­kratie ver­schwunden. Im Text von Jacek Kuron und Karol Mod­ze­lewski kündigt sich ihre spätere Hin­wendung zur kapi­ta­lis­ti­schen Zivil­ge­sell­schaft an und im doku­men­tierten Text von Rudolf Bahro sein später mit eso­te­ri­schen Ele­menten durch­drängter Öko­lo­gismus, der keine gesell­schaft­lichen Wider­sprüche und Klassen mehr kennen wollte. Auch der Phi­losoph Lucio Col­letti endet schließlich als Abge­ord­neter in der Partei des Rechts­po­pu­listen Ber­lusconi. Dabei hat er in dem abge­druckten Text „Zur Stalin-Frage“ aus dem Jahr 1970 die gesell­schaft­lichen Ursachen des Sta­li­nismus gut beleuchtet. „Die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Führer, die im Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht ermordet hatten …, haben den ersten Stein zu je- ner Straße gelegt, die Stalin zur Macht ver­holfen hat. Die übrigen Steine wurden dann durch die revo­lu­tionäre Welle gelegt, die auf Europa nie­derging und Mus­solini, Primo de Rivera, Horthy und so viele andere emporhob.“ (S.479)
Diese his­to­ri­schen Tat­sachen werden heute bei der Dis­kussion über die Okto­ber­re­vo­lution gerne aus­ge­blendet. Alle, auch die hier nicht erwähnten Texte des Buches, bieten eine Fülle von Asso­zia­tionen und Stoff für Debatten. Das Buch kann dazu bei­tragen, zu ver­stehen, warum die Hoffnung, die die Okto­ber­re­vo­lution vor 100 Jahren für viele Men­schen in aller Welt hatte, auch für Anar­chis­tInnen wie Alex­ander Berkman und Emma Goldmann so schnell in das Gegenteil umschlug. Daran hat Bini Adamczak in ihrem kürzlich in der Edition Assem­blage erschie­nenem Buch „Der schönste Tag im Leben des Alex­ander Berkman. Vom mög­lichen Gelingen der Rus­si­schen Revo­lution“ erinnert. Wer neue Ver­suche unter­nimmt, eine Gesell­schaft jen­seits von kapi­ta­lis­ti­scher Ver­wer­tungs­logik, ras­sis­ti­scher und sexis­ti­scher Unter­drü­ckung zu schaffen, sollte es lesen.

Christoph Jünke (Hg.): Mar­xis­tische Sta­li­nismus-Kritik im 20. Jahr­hundert – Eine Antho­logie, Neuer ISP- Verlag, Karlsruhe 2017, 616 Seiten„ 29,80 Euro, ISBN 978−3−89900−150−1

märz 2018/427 gras­wur­zel­re­vo­lution

Peter Nowak

Von Provos und Spontis

Sebastian Kalicha würdigt den gewalt­freien Anar­chismus

»Je mehr Gewalt, desto weniger Revo­lution« lautete das Credo des hol­län­di­schen Anar­chisten Bart de Ligt. Das mag alle über­ra­schen, die Anar­chismus noch immer mit Chaos und Gewalt in Ver­bindung bringen. Doch damit wird schlichtweg die lange Tra­dition eines gewalt­freien Anar­chismus und Syn­di­ka­lismus igno­riert, die Ein­fluss in vielen linken Bewe­gungen in aller Welt hatte und hat.

Der Wiener Autor Sebastian Kalicha hat sich seit Jahren mit dieser gewalt­freien Strömung befasst und sie in ver­schie­denen Ver­öf­fent­li­chungen bekannt gemacht. Jetzt begab er sich erneut auf die Suche nach den his­to­ri­schen Wurzeln und Spuren des anar­chis­ti­schen Pazi­fismus. Es ist nur kon­se­quent, dass sein sach­kun­diges wie streit­bares Buch im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschienen ist, einem Edi­ti­onshaus, das zur Infra­struktur der gewalt­freien Bewegung gehört und auch regel­mäßig eine Zeit­schrift gleichen Namens her­ausgibt.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel geht es um die theo­re­ti­schen Grund­lagen der gewalt­freien Bewegung, im zweiten werden 55 bekannte und unbe­kannte Akti­visten und Akti­vis­tinnen vor­ge­stellt, und im dritten Teil folgt ein Über­blick über Orga­ni­sa­tionen und Bünd­nisse, die sich in der Ver­gan­genheit und in der Gegenwart teil­weise oder voll­ständig mit gewalt­freier Theorie und Praxis beschäf­tigen.
Als zentral für das theo­re­tische Fun­dament der gewalt­freien Bewegung nennt der Autor die Zweck-Mittel-Relation, nach der mit Gewalt eine Bewegung viel­leicht siegen kann, aber selber wieder neue Gewalt repro­du­ziert. Dabei wird aller­dings aus­ge­blendet, dass es his­to­rische Situa­tionen geben kann (und auch hin­länglich gab), in denen auch über­zeugte Gewalt­freie von diesem Credo abweichen müssen. Erinnert sei an den jüdi­schen Anar­chisten Pierre Ruff, der im Zweiten Welt­krieg den Mut der Kom­mu­nisten lobte und hoffte, dass die Rote Armee das NS-System zer­schlägt. Ruff erlebte die Befreiung nicht mehr, er starb im KZ Neu­en­gamme.

In oder aus der Not geborene Wider­sprüche erkannten auch viele andere Gewalt­freie, was sie auch sym­pa­thisch macht. Zeigt dies doch zugleich, dass sie keine Dok­tri­nären sind, sondern ihre Über­zeu­gungen an der kon­kreten Praxis über­prüfen und auch mit­unter revi­dieren. Es wäre wün­schenswert gewesen, wenn Kalicha den Mut auf­ge­bracht hätte, diesen Wider­sprüchen in den 55 Kurz­por­träts von Men­schen aus aller Welt Raum zu geben.

Der Autor erinnert an pro­mi­nente Per­sön­lich­keiten wie Mahatma Gandhi, Leo Tolstoi und Albert Camus, Bertram Russell und Aldous Huxley. Erfreu­li­cher­weise sind in dem Buch auch viele Frauen por­trä­tiert, die Teil der gewalt­freien Bewegung waren und – wie in anderen Teilen der Linken – oft im Schatten der ver­meintlich bedeut­sa­meren männ­lichen Mit­streiter standen. Simone Weil gehört noch zu den eini­ger­maßen bekannten Frauen der anar­chis­ti­schen Bewegung. Doch wer kennt Marie Kugel, Ethel Mannin, Dorothy Mannin, Judi Bari und Utah Philips? Sie waren zu unter­schied­lichen Zeiten aktiv und blieben ihren Über­zeu­gungen zeit­lebens treu, obwohl sie oft noch stärker von Repression betroffen waren als die Männer.

Erfreulich ist, dass Kalicha der syn­di­ka­lis­ti­schen Strömung große Auf­merk­samkeit widmet. Dieser Strang der Arbei­ter­be­wegung zählte den Gene­ral­streik und die direkte Aktion zu seinen Kampf­formen. Die Syn­di­ka­listen lehnten die Ver­letzung von Per­sonen ab, nicht aber Sach­be­schä­digung oder die Besetzung von Fabriken. Nur wenige von ihnen bezeich­neten sich explizit als Anar­chisten oder Anar­chis­tinnen. Hen­riette Roland Holst, eben­falls hier por­trä­tiert, gehörte zur hol­län­di­schen mar­xis­ti­schen links­kom­mu­nis­ti­schen Schule, die die Okto­ber­re­vo­lution begrüßte, aber die fol­gende Ent­wicklung der Sowjet­union ablehnte.

Im letzten Kapitel zeigt Kalicha auf, welchen Ein­fluss gewalt­freie Theorien und Prak­tiken auf die Anti­kriegs- und Öko­lo­gie­be­wegung hatten. Die hol­län­dische Prov­o­be­wegung beein­flusste bei­spiels­weise die west­deut­schen Spontis. Weniger bekannt ist die hol­län­dische Kabouter-Bewegung, die Kalicha als »freund­liches Gesicht des Kro­pot­ki­nismus« ein­führt. Inter­essant ist, dass die Kabouter Mitte der 1970er Jahre Wahl­listen auf­stellten und die Theorie vom par­la­men­ta­ri­schen und außer­par­la­men­ta­ri­schen Standbein in die Dis­kussion brachten, die einige Jahre später die Grünen in der Bun­des­re­publik über­nahmen. In einem sehr kurzen Kapitel geht Kalicha auch auf die Inspi­ration der gewalt­freien Anar­chisten für die Oppo­si­ti­ons­be­wegung in der DDR ein. Dabei wird vor allem auf die Dresdner Gruppe »Wolfspelz« hin­ge­wiesen. Auch der israe­li­schen Gruppe »Anar­chists against the Wall« ist ein kurzes Kapitel gewidmet. Aus­führ­licher wird die glo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Bewegung, dar­unter Occupy, behandelt. Gewalt­freie Akti­ons­formen werden hier mit einer mar­xis­ti­schen Staats­kritik ver­bunden, was sehr zu begrüßen ist. Denn der Mar­xismus braucht die libertäre Staats- und Macht­kritik ebenso, wie die Anar­chisten von der oft mora­lisch grun­dierten Staats­ab­lehnung der Mar­xisten lernen können.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​6​2​4​3​.​v​o​n​-​p​r​o​v​o​s​-​u​n​d​-​s​p​o​n​t​i​s​.html

Sebastian Kalicha: Gewalt­freier Anar­chismus & anar­chis­ti­scher Pazi­fismus.
Auf den Spuren einer revo­lu­tio­nären Theorie und Bewegung. Gras­wur­zel­re­vo­lution, 278 S., br., 16,90 €

Peter Nowak

Feiern statt feuern

45 Jahre »Gras­wur­zel­re­vo­lution«

Die »Gras­wur­zel­re­vo­lution« feiert ihren 45. Geburtstag. Sie ist das einzige anar­chis­tische Print­medium des Landes.

Viel­leicht hat sich der ehe­malige Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Grünen, Win­fried Nachtwei, um die linke Publi­zistik ver­dient gemacht – auch wenn es gar nicht seine Intention war. 2001, als die Grünen zumindest im west­fä­li­schen Münster noch eine gewisse Distanz zur Bun­deswehr aus­drücken wollten, geriet er mit einem Lehr­be­auf­tragten der Uni­ver­sität anein­ander. Bernd Drücke, tätig am Institut für Sozio­logie der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­sität, beschul­digte Nachtwei, bei einem großen Zap­fen­streich der Bun­deswehr auf der Bühne gestanden zu haben. Nachtwei bestritt das vehement, bezich­tigte Drücke der Ver­leumdung – und musste schließlich doch zugeben, dass der Soziologe die Wahrheit gesagt hatte. Was nichts daran änderte, dass man am Lehr­stuhl gründlich ange­fressen war. Einige, die in der aka­de­mi­schen Hier­archie über Drücke standen, betrach­teten es als Majes­täts­be­lei­digung, einen Poli­tiker der Grünen öffentlich vor­zu­führen. Drücke flog raus, er verlor seine Stelle am Lehr­stuhl für Sozio­logie und kon­zen­trierte sich fortan ganz auf seine jour­na­lis­tische Tätigkeit bei einer Zeit­schrift, für die der Anar­chist und Pazifist regel­mäßig Artikel geschrieben hatte: die Gras­wur­zel­re­vo­lution – kurz auch GWR genannt.
Bis heute ist Drücke ver­ant­wort­licher Redakteur der GWR. Sicherlich ist es zum großen Teil sein Ver­dienst, dass das Monats­blatt bald seinen 45. Geburtstag feiern kann. Die Null­nummer der GWR erschien im Juni 1972.


Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die »GWR« auch bei Teilen der radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt.

Drücke hat dafür gesorgt, dass die Zeit­schrift, deren Titel nach einer Mischung aus Gue­rilla Gar­dening und Land­kommune klingt, auch von Kul­tur­linken und mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie­kri­tikern gelesen wird. Über­haupt ist das Blatt berüchtigt für diesen Spagat. In der aktu­ellen Ausgabe, der 419., berichten zwei Kom­munen aus ihrem Alltag. Wenige Seiten weiter beschäftigt sich ein hoch­kom­plexer Text mit der Kritik an Gewalt und im hin­teren Teil der Ausgabe sind phi­lo­so­phisch unter­füt­terte Dis­kus­si­ons­bei­träge zu der Frage abge­druckt, ob es eine Natur des Men­schen gebe. Das glaubten bekannte Anar­chisten wie Pjotr Kro­potkin, die der Ansicht waren, der Mensch sehne sich von Natur aus nach Freiheit und selbst­be­stimmten Kol­lek­tiven. Andere wider­sprachen vehement und warnten, dass Anar­chisten mit unbe­wie­senen anthro­po­lo­gi­schen Grund­an­nahmen ihrer Sache eher scha­deten als nützten.

Doch nicht nur Themen, die die anar­chis­tische Szene im engeren Sinne betreffen, werden in der GWR dis­ku­tiert. So hat Jens Kastner in der Ausgabe vom Dezember 2016 die post­ko­lo­nia­lis­tische Theo­re­ti­kerin Gayatri Cha­kra­vorty Spivak wegen ihres Anti­zio­nismus heftig kri­ti­siert. Für Drücke ist diese Mischung aus Kom­mu­n­ebe­richt und Theorie Pro­gramm.
»Es gibt in der undog­ma­ti­schen linken Szene einen Bedarf sowohl nach liber­tär­so­zia­lis­ti­schen Theorien und Utopien als auch nach Gegen­öf­fent­lichkeit und kon­tro­verser Dis­kussion«, sagt er der Jungle World. »Wir ver­suchen, das als Sprachrohr gewalt­freier, anar­chis­ti­scher, anti­mi­li­ta­ris­ti­scher, pro­fe­mi­nis­ti­scher und anderer sozialer Bewe­gungen abzu­decken.« Ein schwarz­roter Faden, der sich durch sämt­liche Ausgabe zieht, ist der Anti­mi­li­ta­rismus: »Kritik an Kriegs­ein­sätzen und Auf­rüstung suchen wir in den meisten Medien ver­geblich. Wir wollen der mili­ta­ris­ti­schen Pro­pa­ganda etwas ent­ge­gen­setzen«, schreibt Drücke im Edi­torial der Mai-Ausgabe. Es folgt unter anderem ein Beitrag über die Pläne, die Wehr­pflicht in Frank­reich wieder ein­zu­führen. Ein Vor­haben, das nicht nur von Marine Le Pen und Emmanuel Macron, sondern auch vom linken Kan­di­daten Jean-Luc Mélenchon unter­stützt wird. Die GWR widmet sich diesem Thema in einer Aus­führ­lichkeit, die im deutsch­spra­chigen Raum ein­zig­artig sein dürfte.

Das liegt auch an der Geschichte dieses Mediums. Die 1972 gegründete GWR hatte ein poli­ti­sches Anliegen, das einige Autoren auf den Liber­tären Tagen, einem bun­des­weiten Anar­chis­ten­treffen 1993 in Frankfurt am Main, so beschrieben: »Die Zeitung GWR war mit dem Ziel ange­treten‚ den Zusam­menhang zwi­schen den beiden kon­se­quen­testen Hand­lungs­an­sätzen gegen Herr­schaft und Gewalt, zwi­schen Gewalt­freiheit und liber­tärem Sozia­lismus, auf­zu­zeigen und dazu bei­zu­tragen, dass die pazi­fis­tische Bewegung sozia­lis­tisch und die links­so­zia­lis­tische Bewegung in ihren Kampf­formen gewaltfrei werde.«

Über mehrere Jahre war die GWR eng mit der Föde­ration gewalt­freier Akti­ons­gruppen (FöGA) ver­bunden. 1980 als bun­des­weites Netzwerk anar­cho­pa­zi­fis­ti­scher Gruppen mit anti­mi­li­ta­ris­ti­schem Schwer­punkt gegründet, wurde die FöGA vom Ver­fas­sungs­schutz als »größte anar­chis­tische Orga­ni­sation der Nach­kriegszeit« bezeichnet. Von 1981 bis 1988 gab sie die GWR heraus, betei­ligte sich an der Anti­ra­ke­ten­be­wegung in den acht­ziger Jahren und nutzte gewalt­freie Aktionen wie Sitz­blo­ckaden. Von der Krise der gesamten Frie­dens­be­wegung blieb sie nicht ver­schont. 1997 löste sich die FöGA aus­ge­rechnet in einer Zeit auf, in der Deutschland wieder begonnen hatte, offen Kriege zu fühen. Die GWR, die seitdem von einem unab­hän­gigen Kreis von etwa 45 Per­sonen her­aus­ge­geben wird und alle Ent­schei­dungen basis­de­mo­kra­tisch fällt, setzt die Kritik am Mili­ta­rismus in Staat, Gesell­schaft und auch in der Linken kon­se­quent fort.

Dabei landet Drücke gerne mal zwi­schen allen Stühlen, wie er am Bei­spiel des Kon­flikts zwi­schen der Ukraine und Russland auf­zeigt: »Wir lassen Anar­chisten und Anti­mi­li­ta­risten aus Russland und der Ukraine zu Wort kommen, unter­stützen die Deser­teure und Ver­wei­gerer aller Kriegs­par­teien und agi­tieren sowohl gegen das homophob-auto­ritäre Putin-Régime als auch gegen Nato, EU, ukrai­nische und ost­ukrai­nische Natio­na­listen.« So ver­mittelt die GWR auch jün­geren Lesern eine Vor­stellung von einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Bewegung, die sich vom Main­stream der deut­schen Frie­dens­be­wegung, deren Haupt­feind noch immer die USA sind, unter­scheidet.

Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die GWR auch bei einigen radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt. Heute sind es aber nicht mehr primär die Mili­tanz­de­batten, die harsche Leser­re­ak­tionen her­vor­rufen. »Auf unsere Bei­träge zum Thema Cri­tical Whiteness gab es sowohl positive als auch negative Rück­mel­dungen«, berichtet Drücke. Solche Aus­ein­an­der­set­zungen bewertet er positiv. »Die anar­chis­tisch-gewalt­freie, pro­fe­mi­nis­tische Lupe ist manchmal auch ein gutes Hilfs­mittel gegen Sek­tie­rertum, damit das Denken die Richtung wechseln kann«, so Drücke. Er ist opti­mis­tisch, dass die GWR in Zukunft eine noch größere Rolle als Stimme gegen die herr­schenden Ver­hält­nisse spielen wird. Schließlich haben die beiden anderen grö­ßeren anar­chis­ti­schen Print­medien ihr Erscheinen mitt­ler­weile ein­ge­stellt. Die Publi­kation Schwarzer Faden gibt es bereits seit 2004 nicht mehr. Im ver­gan­genen Jahr hat auch die Direkte Aktion, die Zeitung der FAU, ihre Print­ausgabe ein­ge­stellt. Die Ent­scheidung wird von Drücke noch heute heftig kri­ti­siert.

In der kom­menden Ausgabe der GWR, die am 8. Juni erscheint, wird es einen Schwer­punkt zum 45. Geburtstag der Zeit­schrift geben. Die Jungle World gra­tu­liert recht herzlich.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​2​2​/​f​e​i​e​r​n​-​s​t​a​t​t​-​f​euern
Peter Nowak
Hinweis auf den Artikel im Edi­torial der gwr:

http://​www​.gras​wurzel​.net/420/

45 Years After
Pres­se­rummel im GWR-Büro

Liebe Lese­rinnen und Leser,

im Juni 1972 erschien die Null­nummer der Gras­wur­zel­re­vo­lution. Heute, 45 Jahre später, haben wir für Euch aus diesem Anlass eine dicke Jubi­lä­ums­ausgabe mit 28 statt 24 Seiten im Ber­liner Tages­zei­tungs­format pro­du­ziert.

In den 45 Erschei­nungs­jahren stand die GWR selten so im Fokus anderer Medien wie heute.

In den letzten Wochen tum­melten sich mehrere Zei­tungs-, Fernseh- und Radio­ma­che­rInnen in unserem kleinen Redak­ti­onsbüro in Münster. Der WDR, NRWision-TV (1), Antenne Münster, die West­fä­li­schen Nach­richten, Radio Q, diverse Bür­gerfunk- und Video-Gruppen (2) berich­teten unter anderem über den von uns initi­ierten ersten Free­Deniz-Fahr­rad­korso für die Pres­se­freiheit (vgl. GWR 418) oder über Ver­an­stal­tungen mit GWR-Betei­ligung. (3)

Eine mexi­ka­nische Fil­me­ma­cherin und ein US-ame­ri­ka­ni­scher Kame­ramann führten im Mai auf Eng­lisch ein langes Interview u.a. zur GWR-Geschichte mit mir. Der Film ist eine Uni-Arbeit und soll bald auch auf youtube zu sehen sein.

Der WDR besuchte zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen für mehrere Stunden das GWR-Büro und machte für die Aktuelle Stunde (Lokalzeit Müns­terland) einen Fern­seh­beitrag zum Inter­na­tio­nalen Tag der Pres­se­freiheit am 3. Mai (4).

Die taz erwähnte am 31. Mai 2017 in ihren Schwer­punkt zum Thema Gegen­öf­fent­lichkeit unter dem Titel »Eine ganz andere Sicht. Geschichte linker Medien im Über­blick« u.a. auch die GWR:

»Von den Acht­und­sech­zigern über Spontis bis zur Frau­en­be­wegung ent­standen teil­weise mythen­hafte, sagen­um­wobene Publi­ka­tionen. Manche Blätter starben jung, andere hielten sich bis heute und neue kamen dazu. (…) Die Gras­wur­zel­re­vo­lution lebt seit 1972, erscheint monatlich und wird mit Text von Men­schen aus aller Welt befüllt, die dem losen Autor*innennetzwerk ange­hören. Diese arbeiten an einer ‚tief­grei­fenden gesell­schaft­lichen Umwälzung‘ und ‚für eine gewalt­freie, herr­schaftslose Gesell­schaft‘. In großen Buch­staben schreibt die Zeitung Anti­mi­li­ta­rismus und Öko­logie auf ihre Fahnen.« (5)

Die linke Wochen­zeitung Jungle World widmete in ihrer Ausgabe vom 1. Juni 2017 der GWR zwei Seiten, die ins­be­sondere den grünen Ex-MdB Win­fried Nachtwei aus Münster und seine Fans nicht erfreuen werden. Die Gras­wur­zel­re­vo­lution, »deren Titel nach einer Mischung aus Gue­rilla Gar­dening und Land­kommune« klinge, werde »auch von Kul­tur­linken und mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie­kri­tikern gelesen«, so die Jungle World. Über­haupt sei die GWR »berüchtigt für diesen Spagat. In der aktu­ellen Ausgabe, der 419., berichten zwei Kom­munen aus ihrem Alltag. Wenige Seiten weiter beschäftigt sich ein hoch­kom­plexer Text mit der Kritik an Gewalt und im hin­teren Teil der Ausgabe sind phi­lo­so­phisch unter­füt­terte Dis­kus­si­ons­bei­träge zu der Frage abge­druckt, ob es eine Natur des Men­schen gebe. (…) Doch nicht nur Themen, die die anar­chis­tische Szene im engeren Sinne betreffen, werden in der GWR dis­ku­tiert. (…) So ver­mittelt die GWR auch jün­geren Lesern eine Vor­stellung von einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Bewegung, die sich vom Main­stream der deut­schen Frie­dens­be­wegung, deren Haupt­feind noch immer die USA sind, unter­scheidet. Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die GWR auch bei einigen radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt.« (6)

Herz­lichen Dank für diese soli­da­rische Kritik. Und herz­lichen Glück­wunsch zum zwan­zigsten Jungle World-Geburtstag, auch wenn ich mich in den Jahren seit Nine-Eleven oft über anti­deutsche Kriegs­pro­pa­ganda in der Wochen­zeitung geärgert habe.

»Finde den Fehler« – Der Fehler heißt BILD!

Am 28. April 2017 rief ein BILD-Zei­tungs­re­dakteur im GWR-Redak­ti­onsbüro an. Er erzählte, dass BILD etwas zum Hype ver­öf­fent­lichen möchte, den ein Tweet von mir (siehe Abbildung unten) auf Twitter unter anderem bei den Grünen aus­gelöst hat. Ich habe dem »Jour­na­listen« geant­wortet, dass ich seine Zeitung extrem unseriös finde und auf keinen Fall möchte, dass irgend­etwas von mir von BILD ver­öf­fent­licht wird. Dar­aufhin war er pikiert und meinte: »Wir sind immerhin so seriös, Sie anzu­rufen!«

Mein Kom­mentar: »Trotzdem, BILD ist wirklich das Aller­letzte. Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie irgend­etwas von mir ver­öf­fent­lichen.«

Der BILD-Redakteur war hörbar ver­ärgert. Sein ras­sis­tisch-sexis­ti­sches Hetz­blatt setzte sich erwar­tungs­gemäß über meine For­derung hinweg und ver­öf­fent­lichte gegen meinen Willen unter dem Titel »Finde den Fehler. Witzbold legt Hand an Grünen-Plakat« einen Artikel (7), in dem sowohl mein Tweet als auch ein zusätz­licher Hinweis auf den »Müns­te­raner Bernd Drücke« erschien.

Digitale Selbstüberwachung

Self-Tracking ist zu einem schnell wach­senden Trend geworden.Immer mehr Men­schen über­wachen mittels trag­barer digi­taler Geräte minutiös ihren Lebens­wandel – und das frei­willig.

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: «Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 10 000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 15 000.» Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Schritte und die Demo­route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er an der Demo ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen erfas­sungs­ämtern unge­ahndete Über­wa­chungs­ög­lich­keiten offen­legen. Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschienene Buch mit dem Titel «Digitale Selbst­über­wa­chung – Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus» dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet, in die Bemü­hungen, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

Den Feind in Dir bekämpfen

«Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­gin­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.» Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters «Run­tastic» Selbst­be­zich­ti­gungen dieser Art: «Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spass und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.» Auch Diät­pro­gramme werben mit dem Grundsatz, dass mit eisernen Willen alles zu schaffen ist . Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Sehr über­zeugend hat Schupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus für die Bezeichnung der aktu­ellen Rgu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der anders griffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik domi­niert. Schaupp bezeichnet Self-Tracking als «Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und dann als Ware zu ver­kaufen». Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ «Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles» so ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür sorgen, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten, werden aber nie ganz ver­schwinden. Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Gross­de­mons­tration, bei der die eigenen Ord­ne­rInnen für Ruhe und Ordnung sorgen. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn man es doch nicht mehr als so an genehm emp­findet, immer und überall kapi­tel­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von aussen. Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. «Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält, über ihre wert­vollste Res­source», heisst es auf der Web­seite der Zeit­ma­nagement-Software. Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet, tat­sächlich handelt es sich aber um eine sehr ein seitige Form der Trans­parenz. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immerhin wenigstens noch einige Nischen, in denen sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.

Self-Tracking per Rezept

Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Gross­bri­tannien Ärz­tinnen und Ärzte auf­ge­fordert, ihren Pati­en­tInnen Self-Tracking-Anwen­dungen zu ver­schreiben, «damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Vernt­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen». Kran­ken­kassen belohnen besonders eifrige Self-Tra­cke­rInnen mit Prämien. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission hofft, mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget zu erzielen. Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, die Kyber­netik im eman­zi­pa­to­ri­schen Sinne ver­wendet werden könnte. Eine Antwort gibt er nicht. Er hätte die Frage mit Blick auf ein his­to­ri­sches Bei­spiel bejahen können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte. Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und grossen Teilen der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die «Unidad Popular»-Regierung beendete den Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Im Hier und Jetzt drängt sich nach der Lektüre von Schaupps emp­feh­lens­werten Buch eine andere Frage auf: Ist es nicht höchste Zeit, dass sich die Men­schen offen­siver den Self-Tracking-Methoden ver­weigern, dem Markt und dem Staat defi­nitiv erklären, sich nicht mehr ständig weiter opti­mieren zu wollen, nicht mehr immer neue Rekorde und Höchst­werte aus sich her­aus­holen zu lassen?

Peter Nowak

vor­wärts – 23. Dez. 2016

SIMON SCHAUPP: DIGITALE SELBST­ÜBER­WA­CHUNGSELF-TRACKING IM KYBER­NE­TI­SCHEN KAPI­TA­LISMUS. VERLAG GRAS­WURZEL-REVO­LUTION, HEI­DELBERG 2016. 14,90 EURO

Der Artikel ist auf Schat­ten­blick doku­men­tiert:

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Herrschaftsfreiheit ohne Chaos

Soziologe Bernd Drücke will mit Vorurteilen gegenüber Anarchismus aufräumen

Anar­chismus wird immer wieder mit Gewalt, Terror und Chaos in Ver­bindung gebracht. Der Müns­te­raner Soziologe Bernd Drücke ver­sucht seit vielen Jahren dieses Bild zu kor­ri­gieren. Er gibt die Zeit­schrift »Gras­wur­zel­re­vo­lution« heraus, die ein wich­tiges Forum der gewalt­freien liber­tären Bewegung ist. Dass der His­to­riker Timothy Snyder in einem »Spiegel«-Interview die Behauptung auf­stellte: »Hitler war kein Staatsmann oder Natio­nalist, sondern ein in ras­sis­ti­schen Theorien den­kender Anar­chist« ist für Drücke eine besondere Dif­fa­mierung von Men­schen, die sich für eine herr­schafts­freie Gesell­schaft ein­setzen.

In dem kürzlich im Unrast-Verlag her­aus­ge­ge­benen Buch »Anar­chismus Hoch 3« lässt er Men­schen zu Wort kommen, die sich als Anar­chisten oder Libertäre ver­stehen. Es ist der dritte Band einer Tri­logie über die aktuelle anar­chis­tische Bewegung. »Ja! Anar­chismus« und »Anar­chismus Hoch Zwei« hießen die beiden Vor­gänger.

Auch im drit­ten Buch gibt Drü­cke wie­der ei­nen gu­ten Über­blick über das an­ar­chis­ti­sche Mi­lieu. So be­rich­tet Andre­as Ess über das letzt­lich ge­schei­ter­te Pro­jekt A. Es war der Ver­such, in ei­ner Kle­in­stadt ein li­ber­tä­res Mi­lieu zu eta­blie­ren, in dem Po­li­tik und All­tag ver­bun­den wer­den. Ess schil­dert, wie er als Ju­gend­li­cher und Ar­bei­ter in ei­ner Koh­len­ze­che tun­lich ver­mied, als An­ar­chist auf­zu­tre­ten, da­für aber je­de freie Mi­nu­te für die an­ar­chis­ti­sche Ar­beit nutz­te. Der in Han­no­ver le­ben­de Kran­ken­pfle­ger Hei­ko Mai­wald hin­ge­gen ver­knüpft Po­li­tik und Be­ruf. Als Ak­ti­vist der Ba­sis­ge­werk­schaft FAU kämpft der Kran­ken­pfle­ger für bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen im Ge­sund­heits­we­sen.

Li­ber­tä­re Tier­rech­te­rin­nen wer­den in dem Buch eben­so vor­ge­stellt wie ein Ve­te­ran des ge­walt­frei­en An­ar­chis­mus. Meh­re­re In­ter­view­part­ner ar­bei­te­ten in li­ber­tä­ren Ver­la­gen wie Un­rast, Edi­ti­on Nau­ti­lus, As­so­zia­ti­on A und Black Pi­ge­on. Auch die Re­gis­seu­re Mo­ritz Sprin­ger und Mar­cel See­hu­ber, die in ih­ren An­fang 2016 fer­tig ge­stell­ten Film »Pro­jekt A« an­ar­chis­ti­sche Pro­jek­te aus ver­schie­de­nen eu­ro­päi­schen Län­dern do­ku­men­tier­ten, kom­men in dem Buch zu Wort.

Vier In­ter­views wid­men sich der an­ar­chis­ti­schen Be­we­gung im Aus­land. Ralf Dreis schil­dert bei­spiels­wei­se die Si­tua­ti­on der An­ar­chis­ten in Grie­chen­land und kri­ti­siert die SY­­RI­ZA-Re­gie­rung scharf. Anett Kel­ler spricht über die op­po­si­tio­nel­len Kräf­te in In­do­ne­si­en, die sich bis heu­te nicht von den Mas­sa­kern er­holt ha­ben, mit de­nen die Op­po­si­ti­on Mit­te der 1960er Jah­re zer­schla­gen wur­de. Auch Is­mail Kü­pe­li nimmt in sei­nem Tür­kei-Über­­­blick die ge­sam­te op­po­si­tio­nel­le Be­we­gung in den Blick. »Die so­zia­len Be­we­gun­gen sind noch da, trotz der Re­pres­si­on, trotz des bru­ta­len Vor­ge­hens des Staats«, zieht er ein vor­sich­tig op­ti­mis­ti­sches Fa­zit. Sehr tref­fend ist auch die Ein­schät­zung des rus­si­schen An­ar­chis­ten Va­dim Da­mier zum Ukrai­ne­kon­flikt. »Für uns ist das vor al­lem ein Macht­kampf zwi­schen den ka­pi­ta­lis­ti­schen Oli­g­ar­chie-Cli­quen, die lei­der im­stan­de wa­ren, die Mas­sen für sich zu qua­li­fi­zie­ren«, so Da­mier. Er lehnt da­her die Par­tei­nah­me für ei­ne Sei­te ab.

Mit dem Buch hat Drü­cke ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur Be­stands­auf­nah­me der ak­tu­el­len li­ber­tä­ren Be­we­gung ge­leis­tet. Die po­li­ti­schen Wi­der­sprü­che zwi­schen den Strö­mun­gen wer­den deut­lich, aber auch das Po­ten­zi­al und die Rol­le, die die Be­we­gung für ei­ne au­ßer­par­la­men­ta­ri­sche Lin­ke spie­len kann.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​3​4​5​2​9​.​h​e​r​r​s​c​h​a​f​t​s​f​r​e​i​h​e​i​t​-​o​h​n​e​-​c​h​a​o​s​.html

Peter Nowak

Bernd Drü­cke, An­ar­chis­mus Hoch 3, Uto­pie, Theo­rie, Pra­xis. Un­rast Ver­lag, Müns­ter 2016, 16 Eu­ro, ISBN. 978−389771−219−5

Die permanente digitale Selbstüberwachung

Simon Schaupp entlarvt, warum wir selbst schuld sind an der Stärke des neoliberalen Systems

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät meldet sich mit der Bot­schaft: »Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 1000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 1500.« Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Demons­tra­ti­ons­schritte und die Route, sondern auch die Lauf­ge­schwin­digkeit und den Kalo­ri­en­ver­brauch während der Demons­tration auf­ge­zeichnet.

Während Schaupp unbe­ab­sichtigt ein detail­liertes Bewe­gungs­pro­tokoll auf­zeichnen ließ, wächst weltweit die Zahl der Men­schen, die täglich ganz frei­willig ihr gesamtes Leben – von der Arbeit über das Joggen bis zum Schlaf – minutiös doku­men­tieren, sich über­wachen lassen und die Daten dann auch noch über soziale Netz­werke in alle Welt ver­breiten.

Der kri­tische Autor stellte sich die Frage nach den gesell­schaft­lichen Ursachen dieses Phä­nomens: »Welche poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Struk­turen machen es not­wendig, sich per­manent selbst zu über­wachen und zu opti­mieren?« Schaupp warnt ein­dringlich, dass Self-Tracking aktuell eine enorme Rolle bei der Selbst­zu­richtung und Kon­di­tio­nierung des Sub­jekts für die Zumu­tungen des Kapi­ta­lismus spielt. Gerade diese schon all­täg­liche und mas­senhaft ver­breitete Praxis bewirkt und sichert, dass der Neo­li­be­ra­lismus so stark ist wie nie zuvor und selbst die Krisen der ver­gan­genen Jahre scheinbar schadlos über­standen hat.

»Im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­ging­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen«, fasst Schaupp die öko­no­mi­schen Zusam­men­hänge prä­gnant zusammen.

Der Wis­sen­schaftler zeigt anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie die letztlich fatale Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. Es ist bezeichnend, dass mit Berg­steigern und Sol­daten zwei Gruppen, die immer wieder auch Tote und Schwer­ver­letzte zu ver­zeichnen haben, Vor­bilder für das Self-Tracking sind.

Die Bot­schaft ist klar: Schonung von Gesundheit und Leben ist im Ellen­bogen-Kapi­ta­lismus der »Leis­tungs­träger« nur etwas für Loser, Schwäch­linge und Ver­sager. Self-Tracking hat laut dem Ver­fasser auch schon längst Einzug in die Politik gehalten und wird von dieser explizit gewünscht. So hat das bri­tische Gesund­heits­mi­nis­terium Ärzte auf­ge­fordert, ihren Pati­enten Self-Tracking-Anwen­dungen zu ver­schreiben, »damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Ver­ant­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen«. Kran­ken­kassen belohnen eifrige Self-Tracker mit Prämien. Wer nicht mit­macht, zahlt höhere Bei­träge. Auch die Euro­päische Kom­mission setzt große Hoff­nungen darauf, mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget zu erzielen.

Im letzten Kapitel stellt sich Schaupp die Frage, ob in einer nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmten Gesell­schaft die zuvor von ihm beklagten Methoden in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne ver­wendet werden könnten. Er gibt darauf keine Antwort. Sie zu finden, über­lässt er den Lesern. Nach der Lektüre des Buches drängt sich jedoch noch eine andere Frage auf, die Schaupp nicht stellt: Ist es nicht höchste Zeit, dass sich die Men­schen offen­siver den Self-Tracking-Methoden ver­weigern, dem Markt und dem Staat defi­nitiv erklären, sich nicht mehr ständig weiter opti­mieren zu wollen, nicht mehr immer neue Rekorde und Höchst­werte aus sich her­aus­holen zu lassen?

Simon Schaupp: Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus. Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. 160 S., br., 14,90 €.

Peter Nowak

Self-Tracking und kybernetischer Kapitalismus

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp[1] eine bezeich­nende Episode, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: »Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 1.000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 1.500.« Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Demons­tra­ti­ons­schritte und die Route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen, und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er für die Demons­tration ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen Ver­fas­sungs­ämtern unge­ahnte Über­wa­chungs­mög­lich­keiten bieten.

Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Nicht Daten­schutz und Daten­mi­ni­mierung, sondern die unge­bremste Offen­legung ganz pri­vater Daten sind Kenn­zeichen einer Bewegung, die ihr Leben von der Arbeit über das Joggen bis zum Schlaf von digi­talen Geräten minutiös auf­zeichnen und über­wachen lässt und die Daten dann noch via Facebook wei­ter­ver­breitet.

Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenem Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapitalismus«[2] dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet: in die Bemü­hungen nämlich, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

»Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­ging­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.«

Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters Runtastic[3] solche Selbst­be­zich­ti­gungen:

Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spaß und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.

Run­tastic-User

Jede Woche warte ich gespannt auf meinen Fit­ness­be­richt. Grüne Zahlen & Pfeile moti­vieren mich immer wieder aufs Neue! Ich will mich ja schließlich jede Woche ver­bessern!

Run­tastic-User

»Ent­decke die Geheim­nisse des Super­helden«, fordert eine andere Werbeseite[4] für poten­tielle Selb­st­op­ti­mierer, die immer und überall die Gewinner sein wollen. Auch Diätprogramme[5] arbeiten nach dem Prinzip, wonach mit Dis­ziplin und mit eisernen Willen alles zu schaffen sei. Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Auf anderen Self-Tracking Wer­be­an­zeigen finden sich Berg­steiger, die mit Erfolg und vielen Stra­pazen einen Gipfel erklommen haben.

Es ist bezeichnend, das mit Berg­steigern und Sol­daten zwei Gruppen Role-Models für das Self-Tracking sind, die immer wieder auch Tote und Schwer­ver­letzte zu ver­zeichnen haben. Die Bot­schaft ist klar: Beim Rat­ten­retten im kapi­ta­lis­ti­schen Alltag ist Schonung von Gesundheit und Leben etwas für Loser und Ver­sager. Und sie sind in der Wer­bewelt der Self-Tracker wohl auch das Schlimmste, was man sich denken kann.

Sehr über­zeugend hat Schaupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Bezeichnung der aktu­ellen Regu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der, anders als bekannte Begriffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wertung domi­niert. Die These von Schaupp lautet, dass das Self-Tracking »Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme ist, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und als Waren ver­kaufen“.

Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ »Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles« ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür gesorgt haben, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten. Ver­schwinden werden sie aber nicht.

Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Groß­de­mons­tration, bei der die eigenen Ordner für Ruhe und Ordnung sorgen. Dann bleibt die Polizei manchmal in den Sei­ten­straßen und ist im ersten Augen­blick nicht sichtbar präsent. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn es jemand nicht mehr so angenehm emp­findet, immer und überall kapi­tal­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von außen.

Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. »Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält über ihre wert­vollste Res­source«, heißt auf der Web­seite der Zeitmanagement-Software[6].

Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet. Tat­sächlich handelt es sich um eine ein­seitige Form der Trans­parenz. Der Kapi­tal­be­sitzer bekommt den Zugriff auch auf die letzten Geheim­nisse der Lohn­ab­hän­gigen. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immer noch einige Nischen, wo sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.


Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Groß­bri­tannien Ärzte auf­ge­fordert, sie sollten ihren Pati­enten Self-Tracking-Anwen­dungen ver­schreiben, »damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Ver­ant­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen«.

Schon längst haben die Kran­ken­kassen begonnen, besonders eifrige Self-Tracker mit Prämien zu belohnen. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission setzt ange­sichts von pro­gnos­ti­zierten 3,4 Mil­li­arden Men­schen, die 2017 ein Smart­phone benutzen, große Hoff­nungen darauf, dass mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget erzielt werden können.

Hier wird schon deutlich, dass in der nächsten Zeit Self-Tracking-Methoden Teil der Politik werden können. Wer sich dem ver­weigert, muss zumindest mit höheren Kran­ken­kas­sen­prämien rechnen. Es könnte aller­dings durchaus auch staat­liche Sank­tionen für Tracking-Ver­wei­gerer geben.

In der Öffent­lichkeit werden sie schon jetzt als Men­schen klas­si­fi­ziert, die mit ihrer Lebens­weise unver­ant­wortlich umgehen und die sozialen Systeme unver­hält­nis­mäßig belasten. Unter dem Begriff Quan­tified Self hat der Publizist Sebastian Friedrich[7] die unter­schied­lichen Tracking-Methoden in sein kürzlich erschie­nenes Lexikon der Leistungsgesellschaft[8] auf­ge­nommen.

Es steht dort neben Ein­trägen wie »Rennrad« oder »Mara­thonlauf«, die in kurzen Kapiteln als Teil der neo­li­be­ralen All­tags­praxis vor­ge­stellt werden. Die Stärke des Büch­leins besteht darin, All­tags­be­schäf­ti­gungen auf­zu­nehmen, die sich auch im kri­ti­schen Milieu reger Zustimmung erfreuen und die oft gar nicht mit dem Neo­li­be­ra­lismus in Ver­bindung gebracht werden.

Dabei zeigt Friedrich über­zeugend, wie der erste Mara­thonlauf in New York wenige Hundert Inter­es­sierte anlockte, bevor er zu jenen Mas­sen­auf­läufen wurde, die heute welt­weite ganze Stadt­be­reiche lahm­legen. Mitt­ler­weile betei­ligen sich daran ganze Fir­men­be­leg­schaften daran, die so ihre Leis­tungs- und Lei­dens­fä­higkeit unter Beweis stellen. Eine Ver­wei­gerung würde sich wohl äußerst negativ für die Kar­riere aus­wirken. Das ist auch ein zen­traler Begriff im Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft.

Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, Self-Tracking-Methoden in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne ver­wendet werden könnte. Doch eine Antwort gibt er darauf nicht.

Dabei hätte er viel­leicht einen Hinweis darauf geben können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt[9] beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte.

Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und großer Teile der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die Unidad-Popular-Regierung beendete diesen Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Das durch den Roman von Sascha Rehs Roman »Gegen die Zeit“[10], in dem dieses Projekt im Mit­tel­punkt steht, wurde es auch hier­zu­lande wieder bekannt[11].

Es ist schade, dass Schaupp darauf nicht zumindest kurz hin­weist, weil in seinem theo­re­ti­schen Teil Stafford Beer schließlich eine wichtige Rolle spielt.

Er stellt nur klar, dass Self-Tracking in den aktu­ellen Macht­ver­hält­nissen eine wichtige Rolle bei der Selbst­zu­richtung und Kon­di­tio­nierung des Sub­jekts für die Zumu­tungen des Kapi­ta­lismus spielt. Gerade diese All­tags­praxen der Leis­tungs­ge­sell­schaft sind eine Antwort auf die Frage, warum der Neo­li­be­ra­lismus so stark ist und selbst die Krisen der letzten Jahre scheinbar schadlos über­standen hat.

Schon lange wird die Phrase vom Neo­li­be­ra­lismus in den Köpfen stra­pa­ziert. Der Self-Tracking-Boom ebenso wie die Mara­thon­welle zeigt deutlich, was damit gemeint ist. Dann stellt sich auch die Frage, ob es nicht Zeit für eine Bewegung ist, die sich diesen Self-Tracking-Methoden bewusst ver­weigert.

Wenn Men­schen offen erklären, sich nicht ständig opti­mieren zu wollen, nicht den Anspruch zu haben, immer mehr Rekorde und Höchst­werde aus sich her­aus­holen zu wollen, dann würde sicher nicht gleich der kyber­ne­tische Kapi­ta­lismus in eine Krise geraten.

Aber man darf auch nicht ver­gessen, dass kon­ser­vative Theo­re­tiker die wach­sende Alter­na­tiv­be­wegung der 1970er Jahre für die Krise des For­dismus mit­ver­ant­wortlich machten. So könnte auch eine No-Tracking-Bewegung zumindest das Image ankratzen, das sich heute alle ganz frei­willig und mit großer Freude für den Sport, das Unter­nehmen und die Nation Opfer bringen.

Peter Nowak

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[6] https://​www​.res​cuetime​.com/
[7] http://​www​.sebastian​-friedrich​.net/
[8] https://​www​.edition​-assem​blage​.de/​l​e​x​i​k​o​n​-​d​e​r​-​l​e​i​s​t​u​n​g​s​g​e​s​e​l​l​s​chaft
[9] http://www.cybersyn.cl/imagenes/documentos/textos/Eden%20Medina%20JLAS%202006.pdf
[10] https://​www​.schoeffling​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​/​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-zeit
[11] http://​www​.deutsch​land​ra​dio​kultur​.de/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​-​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-​z​e​i​t​-​e​i​n​-​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​s​-​e​x​p​e​r​i​m​e​n​t​.​9​5​0​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​28089

Aus der Reihe getanzt

»Anna Est­orges dite Rirette Maî­trejean 1887 – 1968« steht auf der Gedenk­tafel eines Urnen­grabs auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Dort liegt die in Deutschland bisher unbe­kannte fran­zö­sische Anar­chistin begraben. Lou Marin hat nun im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution die erste deutsch­spra­chige Bio­graphie von Rirette Mai­trejean her­aus­ge­bracht. Damit erinnert er an eine jahr­zehn­telang in der anar­chis­ti­schen Bewegung tätigen Frau, die bald aus der Reihe tanzte und dafür in den eigenen Kreisen ange­feindet wurde. Schließlich hatte sie eine scharfe Kritik an dem Flügel der anar­chis­ti­schen Bewegung for­mu­liert, der vor mehr als 100 Jahren Attentate, bewaffnete Raub­über­fälle und Bom­ben­an­schläge als »Pro­pa­ganda der Tat« ver­herr­lichte.

Maî­trejean war ange­klagt, eine dieser Gruppen unter­stützt zu haben, weil sie mehrere der an den als Ent­eig­nungs­ak­tionen gerecht­fer­tigten blu­tigen Raub­über­fällen Betei­ligte kannte. Dass dabei auch mal der eigene Genosse erschossen wurde, nur um an seine Erspar­nisse zu kommen, gehörte zu den Erfah­rungen, die den Bruch Maî­tre­jeans mit dieser Art des Anar­chismus beschleu­nigte. Der Bio­graph Lou Marin führt uns ein in den Mikro­kosmos des anar­chis­ti­schen Milieus in Paris vor dem Ersten Welt­krieg. Einige Anar­chisten wei­gerten sich, in der Dreyfuss-Affäre mit anderen linken Gruppen gegen den Anti­se­mi­tismus zu kämpfen. Nicht wenige von ihnen wurden bald selbst erbit­terte Juden­feinde und kol­la­bo­rierten später mit dem Vichy-Régime. In dieser Zeit lernte Maî­trejean Albert Camus kennen. Lou Marin begründet über­zeugend seine These, dass durch diesen Kontakt Camus zu dem Abschnitt »Der indi­vi­duelle Terror« in seiner Schrift »Der Mensch in der Revolte« inspi­riert wurde. Marin, der die liber­tären Schriften Camus‘ im Laika-Verlag her­aus­ge­geben hat, war bei seinen Recherchen auf Maî­trejean gestoßen und hat sie mit dem Buch dem Ver­gessen ent­rissen.

Aus der Reihe getanzt

Platte Buch von Peter Nowak

Lou Marin: Rirette Maî­trejean – Atten­tats­kri­ti­kerin, Anarcha­feministin, Indi­vi­du­al­an­ar­chistin. Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution, 262 Seiten, 16,90 Euro

Ein widerständiges Leben

Lou Marin hat eine Biografie über die Anarchistin Rirette Maîtrejean verfasst

Nur ihr Geburtsname, ihr Pseudonym und die Lebens­daten 1887 bis 1968 sind an ihrem Urnengrab auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise ver­merkt. Hier­zu­lande ist die fran­zö­sische Anar­chistin Rirette Maî­trejean, geboren als Anna Hen­riette Est­orges in einem kleinen fran­zö­si­schen Dorf, so gut wie nicht bekannt. Umso erfreu­licher, dass Lou Marin jetzt die erste deutsche Bio­grafie vorlegt.

Die Redak­teurin der Zeitung »l’ anarchie«, Geliebte von Viktor Kibalt­schin alias Victor Serge, unfrei­willige Kom­plizin der »Bande à Bonnot« und Weg­ge­fährtin von Albert Camus, den sie in die anar­chis­tische Ide­enwelt ein­führte, ist zeit­weise massiv von den eigenen Genossen ange­feindet worden. Denn sie ver­ur­teilte Attentate, bewaffnete Raub­über­fälle und Bom­ben­an­schläge, die der radikale Flügel des Anar­chismus als Pro­pa­ganda der Tat ver­herr­lichte. Sie war über­zeugt, dass ter­ro­ris­tische Aktionen der Sache nicht dienen, sondern nur schaden.

Lou Marin berichtet nicht nur über Rirette Maî­tre­jeans Leben, das von Anfang an wider­ständig war. So ver­wei­gerte sie sich ihrer Mutter, die für sie eine gute Partie zu finden hoffte. Für Rirette Maî­trejean glich die Ehe einer Zwangs­pro­sti­tution, sie ver­schrieb sich der freien Liebe. Der Biograf gibt auch Ein­blick in den Mikro­kosmos des anar­chis­ti­schen Milieus in Paris vor dem Ersten Welt­krieg.

Einige Anar­chisten wei­gerten sich, mit anderen linken Gruppen gemeinsam gegen den in der Dreyfus-Affäre offen zutage getre­tenen Anti­se­mi­tismus zu kämpfen. Vor allem Sébastian Faure wurde als Regie­rungs­an­ar­chist ange­griffen, weil er bei der Ver­tei­digung des fälschlich der Spionage für Deutschland ange­klagten jüdi­schen Haupt­manns mit sozia­lis­ti­schen und bür­ger­lichen Kräften koope­rierte. Dessen Haupt­kri­tiker Emilie Janvion gründete eine Zeitung, »die sich schnell anti­frei­mau­re­ri­schen und anti­se­mi­ti­schen Ver­schwö­rungs­theorien hingab«, so Lou Marin. Am Bei­spiel von Gustav Hervé zeigt er die fatalen Folgen für die anar­chis­tische Idee in Frank­reich auf: »Ange­zogen vom Gewalt befür­wor­tenden Ver­bal­ra­di­ka­lismus Hervés sollten die ihm lange Zeit nach­fol­genden Anar­chis­tInnen in einen langen Prozess der Des­il­lu­sio­nierung und der Rechts­ent­wicklung weg vom Anti­na­tio­na­lismus und Anti­mi­li­ta­rismus, hin zum Natio­na­lismus und letztlich zur Kriegs­vor­be­reitung hin­über­ge­zogen werden.« Doch nicht nur während des Ersten Welt­krieges spielte Hervé eine unrühm­liche Rolle. Während des Zweiten Welt­krieges war er ein Unter­stützer des Vichy-Regimes, Hitlers Mario­net­ten­re­gierung im Süden Frank­reichs.

In jener Zeit lernte Rirette Maî­trejean Albert Camus kennen, den sie zu dem Abschnitt »Der indi­vi­duelle Terror« in dessen Erfolgsbuch »Der Mensch in der Revolte« inspi­rierte. Eine enge Freund­schaft verband sie auch mit dem jüdi­schen Anar­chisten Pierre Ruff. Während jener 1936 Hitler und Stalin noch glei­cher­maßen ver­ur­teilte, ver­tei­digte er die Sowjet­union nach dem Überfall der deut­schen Wehr­macht auf die UdSSR. »Er lobte den Mut der Kom­mu­nisten und begann bald, seine ehe­ma­ligen Genos­sInnen des Kom­pli­zentums mit dem Nazismus zu bezich­tigen«, bemerkt Lou Marin. Ruff kam im KZ Neu­en­gamme ums Leben. Als Rirette Maî­trejean ihr Leben voll­endete, erlebte Paris einen heißen Mai.

Lou Marin war es wichtig, das Vor­urteil zu brechen, Anar­chismus bedeute stets Gewalt. Das ist ihm mit seiner ein­fühl­samen Bio­grafie von Rirette Maî­trejean gelungen.
* Lou Marin: Rirette Maî­trejean. Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. 262 S., br., 16,90 €.

Peter Nowak

Ausgelöschte linke Erinnerung

Ein kürzlich publi­ziertes Buch des His­to­rikers und Roma­nisten Alex­andre Froi­devaux beschäftigt sich mit der Erin­ne­rungs­ge­schichte der spa­ni­schen Arbei­ter­be­wegung vom Bür­ger­krieg bis zur soge­nannten »Tran­sición«.

Der 19. Juli 1936 war für viele Zeit­ge­nos­sInnen in aller Welt ein wich­tiges Datum. In Spanien stoppte an diesem Tag ein Auf­stand grosser Teile der Bevöl­kerung einen faschis­ti­schen Putsch. »No pasarán!«, sie werden nicht durch­kommen, wurde zum geflü­gelten Wort. In aller Welt ent­standen Soli­da­ri­täts­ko­mitees für die spa­nische Revo­lution, an denen sich auch viele Künst­le­rInnen beteilig ten. Frei­willige aus aller Welt kämpften mit der Waffe in der Hand in den Inter­na­tio­nalen Bri­gaden in Spanien. Viele von ihnen kamen aus Ländern, in denen der Faschismus schon an der Macht war. Sie wollten in Spanien auch dessen mör­de­rische Welt­herr­schafts­pläne stoppen. 80 Jahre später ist das Datum, das weltweit soviele Hoff­nungen aus­löste, fast ver­gessen.

Die Gründe dafür werden von Alex­andre Froi­devaux in »Gegen­ge­schichten oder Ver­söhnung?« sehr gut her­aus­ge­ar­beitet. Sehr detail­reich gibt der Autor Ein­blick in die spa­nische Erin­ne­rungs­kultur. Dabei liefert er auch einen gut belegten Ein­blick in die Geschichte der spa­ni­schen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung zwi­schen 1936 und 1982. Bevor die Tage der Hoffnung im Juli 1936 in die Zeit des schran­ken­losen Terrors gegen alle Ver­tei­di­ge­rInnen der Republik mün­deten, nahmen die Aus­ein­an­der­set­zungen innerhalb der spa­ni­schen Linken immer schärfere Formen an.

Keine gemeinsame Erzählung

Diese führten dazu, dass die Ver­tei­di­ge­rInnen der Republik nicht einmal eine gemeinsame Erzählung von der Nie­derlage pflegten. Froi­devaux macht das an der Rezeption des soge­nannten Casado-Putschs deutlich, bei dem am 5. März 1939 ein Bündnis aus rechten Sozia­lis­tInnen und Teilen der Anar­cho­syn­di­ka­lis­tInnen die wesentlich von der Kom­mu­nis­ti­schen Partei unter­stützte Negrin-Regierung stürzte. Für die Kom­mu­nis­tInnen war das der Grund, um ihre Tiraden gegen angeb­liche trotz­kis­tische und anar­chis­tische Ver­schwö­re­rInnen, die den Fran­co­truppen den Weg geebnet haben sollen, endlos zu wie­der­holen. Tat­sächlich waren die Geg­ne­rInnen Negrins über­zeugt, dass die Lage für die Republik aus­sichtslos war und es Ver­hand­lungen mit Franco geben müsse. Die Negrin-Regierung und die Kom­mu­nis­tische Partei hin­gegen setzten auf das Durch­halten, bis sich die welt­po­li­tische Lage ändern und sie Unter­stützung von Staaten wie Gross­bri­tannien und Frank­reich bekommen würden. Diese hatten seit 1936 alles getan, um die Unter­stützung der spa­ni­schen Republik und ihrer bür­gerlich-demo­kra­tisch gewählten Links­re­gierung zu sabo­tieren. Die rechten Put­schis­tInnen konnten hin­gegen von Anfang an auf die gross­zü­gigste Unter­stützung Hitler-Deutsch­lands und Mus­solini-Ita­liens rechnen. Ohne deren Mili­tär­hilfe wäre der Putsch bereits in den ersten Tagen zusam­men­ge­brochen. Stille Sym­pathie hatten die Put­schis­tInnen bei kon­ser­va­tiven Kräften in vielen west­lichen Staaten, die durchaus das Ziel des euro­päi­schen Faschismus teilten, der Sowjet­union und ihren Unter­stüt­ze­rInnen weltweit eine Nie­derlage zu bereiten. Doch hatte Stalin mitt­ler­weile die Revo­lution erstickt, füh­rende Köpfe des Roten Oktober waren hin­ge­richtet oder inhaf­tiert worden. Daher war die spa­nische Revo­lution für viele Linken in aller Welt auch die Hoffnung auf eine Erneuerung der revo­lu­tio­nären Bewegung aus­serhalb der SU. Die sta­lin­schen Repres­si­ons­organe ver­folgten linke Kri­ti­ke­rInnen auch auf spa­ni­schem Boden und die Kom­mu­nis­tische Partei Spa­niens ver­tei­digte diese Mass­nahmen.
Diese poli­tische Gemengelage, in der sich die Inter­essen der sowje­ti­schen Aus­sen­po­litik unter Stalin mit dem revo­lu­tio­nären Impetus vieler Kom­mu­nis­tInnen in und aus­serhalb ver­schie­dener Par­teien ver­mengte, wird im Buch sehr gut beschrieben. So wird die Kluft deutlich, die sich nach der Nie­derlage unter den spa­ni­schen Ver­tei­di­ge­rInnen der Republik auftat und zu einem regel­rechten Hass zwi­schen den unter­schied­lichen Grup­pie­rungen führte. Bis Anfang der 1960er Jahre lehnten viele Sozia­lis­tInnen und Anar­chis­tInnen die Koope­ration mit der KP ab, die sie für die Repression gegen ihre Genos­sInnen ver­ant­wortlich machten. Doch auch innerhalb der Grup­pie­rungen ging der Streit nach der Nie­derlage weiter. Froi­devaux schreibt über die Spaltung der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen CNT: »Die andau­ernden Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen den beiden Frak­tionen bleiben der Ver­gan­genheit ver­haftet, begründen sich, wie gezeigt, aus unter­schied­lichen Les­arten der CNT-Politik im Bür­ger­krieg und speisen sich aus per­sön­lichen Ani­mo­si­täten«.

Kon­ser­vative feiern Franco

Froi­devaux macht aber auch das Ausmass des Terrors deutlich, mit dem der spa­nische Faschismus sein pro­kla­miertes Ziel, Spanien von allen Linken, Gott­losen und Frei­maurern zu säubern, vor allen in den ersten Jahren gna­denlos umsetzte. Froi­devaux geht von min­destens 150.000 Ermor­deten aus. Wesentlich höher war

die Zahl der Gefol­terten und der Zwangs­ar­bei­te­rInnen, die etwa die Monu­men­tal­denk­mäler des Regimes errichten mussten. Auch die Erin­nerung an das repu­bli­ka­nische Spanien wurde mit mas­sivem Terror rigoros unter­bunden. Froi­devaux spricht von einem Memo­rizid. »Auf diese Weise ging linke Iden­tität ver­loren, begleitet und ver­stärkt durch den Verlust kol­lek­tiver Erin­nerung«. Der Memo­rizid führte dazu, dass auch nach der soge­nannten »Tran­sición«, bei der aus Franco-Faschis­tInnen wieder Kon­ser­vative wurden, die Geschichte der spa­ni­schen Revo­lution nicht erzählt wurde. Es gab auch keine Gerech­tigkeit für die Opfer der faschis­ti­schen Gewalt­po­litik. Erst mit grosser Ver­spätung gab es in den 1990er Jahren die ersten Ver­suche, von den faschis­ti­schen Schergen Ermordete umzu­betten und Gedenkorte ein­zu­richten. »Das Ver­gessen setzt sich durch«, das gilt auch für die Nach­franco-Ära. Froi­devaux kommt bei aller Kritik im Detail zu dem Fazit, dass es ange­sichts der Kräf­te­ver­hält­nisse keine Alter­native zur Politik der »Tran­sición« gegeben habe. Doch ange­sichts der por­tu­gie­si­schen Revo­lution und dem welt­weiten revo­lu­tio­nären Auf­bruch, der Mitte der 1970er Jahren noch im Gang war, sollte man dahinter ein grosses Fra­ge­zeichen setzen. Und man sollte nie ver­gessen, es waren deutsche Christ­de­mo­kra­tInnen und die kon­ser­vative FAZ, die bis zum Schluss Franco als Bollwerk des christ­lichen Abend­lands gegen den Kom­mu­nismus fei­erten. So schrieb ein Robert Held 1961 zum 25. Jah­restag des Put­sches in der FAZ, die Obristen hätten das Schlimmste gerade noch ver­hindert – womit die spa­nische Revo­lution gemeint war.

Alex­andre Froi­devaux: »Gegen­ge­schichten oder Ver­söhnung? Erin­ne­rungs­kul­turen und Geschichte der spa­ni­schen Arbei­ter­be­wegung vom Bür­ger­krieg bis zur ‚Tran­sición‘ (1936−1982)« Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution, Hei­delberg 2015, 600 Seiten, ca. 30 Franken

Peter Nowak

vor­wärts – die sozia­lis­tische zeitung, Nr. 27/28 vom 15. Juli 2016,

Doku­men­tiert auf Schat­ten­blick:

http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​m​e​d​i​e​n​/​a​l​t​e​r​n​/​v​o​r​w​1​2​0​7​.html

Nr. 27/28 – 72. Jahrgang – 15. Juli 2016, S. 8

Ein kürzlich publi­ziertes Buch des His­to­rikers und Roma­nisten Alex­andre Froi­devaux beschäftigt sich mit der Erin­ne­rungs­ge­schichte der spa­ni­schen Arbei­ter­be­wegung vom Bür­ger­krieg bis zur soge­nannten »Tran­sición«.

Der 19. Juli 1936 war für viele Zeit­ge­nos­sInnen in aller Welt ein wich­tiges Datum. In Spanien stoppte an diesem Tag ein Auf­stand grosser Teile der Bevöl­kerung einen faschis­ti­schen Putsch. »No pasarán!«, sie werden nicht durch­kommen, wurde zum geflü­gelten Wort. In aller Welt ent­standen Soli­da­ri­täts­ko­mitees für die spa­nische Revo­lution, an denen sich auch viele Künst­le­rInnen beteilig-

Nach vorne erinnern

Peter Nowak über ein Buch zur Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung

Große Teile der spa­ni­schen Rechten, der kon­ser­va­tiven Presse, aber auch die Leitung der Madrider Uni­ver­sität liefen Anfang 2016 Sturm gegen Pläne der auf einer linken Bür­ger­liste gewählten Madrider Bür­ger­meis­terin Manuela Carmena, in der spa­ni­schen Haupt­stadt Straßen umzu­be­nennen, die noch immer die Namen von Gene­rälen und Poli­tikern des Franco-Regimes tragen. Der Sieg, den der spa­nische Faschismus mit tat­kräf­tiger Unter­stützung seiner Ver­bün­deten aus Nazi-Deutschland und Mus­solini-Italien 1939 errang, hat Aus­wir­kungen bis heute. Das ist das Fazit des His­to­rikers und Roma­nisten Alex­andre Froi­devaux, dessen Buch „Gegen­ge­schichten oder Ver­söhnung?“ einen guten Ein­blick in die spa­nische Erin­ne­rungs­kultur gibt. Im Fokus steht die spa­nische Arbei­ter­be­wegung zwi­schen 1936 und 1982. Am 19. Juli 1936 wehrten sich große Teile der Bevöl­kerung zunächst erfolg­reich gegen einen Putsch rechter Militärs. „¡No pasaran!“ (sie werden nicht durch­kommen) wurde für kurze Zeit zur eini­genden Parole der zer­strit­tenen spa­ni­schen Arbei­ter­be­wegung. Froi­devaux zeichnet die Debatten im sozia­lis­ti­schen, kom­mu­nis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Lager nach und benennt auch die gra­vie­renden poli­ti­schen Fehler aller Strö­mungen. Nach der Nie­derlage des repu­bli­ka­ni­schen Spa­niens bewer­teten die unter­schied­lichen linken Frak­tionen die his­to­ri­schen Ereig­nisse gegen­sätzlich, wie der Autor am Bei­spiel des soge­nannten Casado-Put­sches vom 6. März 1939 zeigt. Teile der Anar­chisten und Sozia­listen recht­fer­tigten ihn als Wider­stand gegen sta­li­nis­tische Durch­hal­te­pa­rolen. Die Kom­mu­nisten und eine sozia­lis­tische Min­derheit sahen in ihm die Ursache dafür, dass die Faschisten die spa­nische Haupt­stadt kampflos ein­nehmen konnten. Froi­devaux beschreibt, wie die Faschisten das von ihnen pro­kla­mierte Ziel, Spanien von allen Linken, Gott­losen und Frei­maurern zu säubern, vor allem im ersten Jahr­zehnt ihrer Herr­schaft umsetzten. Er geht von min­destens 150.000 Ermor­deten aus. Wesentlich höher war die Zahl der Gefol­terten und der Zwangs­ar­beiter, die auch die Monu­men­tal­denk­mäler des Regimes errichten mussten. Die Erin­nerung an das repu­bli­ka­nische Spanien wurde mit Terror rigoros unter­bunden. Froi­devaux spricht hier von einem Memo­rizid. Das Buch macht zudem deutlich, dass auf diesem Terror die Politik der „Tran­sicion“ auf­baute, die das Franco-Régime schließlich in die west­liche Wer­te­ge­mein­schaft führte.

http://​www​.konkret​-magazin​.de/​h​e​f​t​e​/​i​d​-​2​0​1​6​/​h​e​f​t​-​7​2​0​1​6​/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​i​n​-​k​o​n​k​r​e​t​-​1​7​9​4​.html

in: Konkret, 7/2016

Peter Nowak


Zwischen allen Stühlen

GWR-Redakteur Bernd Drücke über gewaltfreien Anarchismus und wie man als Außenseiter etwas bewegen kann

Bernd Drücke, 36, ist Soziologe in Münster und haupt­amt­licher Redakteur der gewaltfrei-anar­chis­ti­schen Monats­zeitung »Gras­wur­zel­re­vo­lution«.

Vor drei Jahren feierte die Monats­zeitung »Gras­wur­zel­re­vo­lution« (GWR) ihr 40-jäh­riges Bestehen, jetzt die 400. Ausgabe. Dienen die vielen Jubiläen der Leser­ge­winnung?
Sie schaden zumindest nicht. Die Abo­ent­wicklung ist okay. Wir bekommen oft mehr Neuabos als Kün­di­gungen. Die Zeitung wird durch Abos und Spenden finan­ziert, macht aber kaum Werbung und ist deshalb vielen unbe­kannt

Wieso über­lebte die GWR die Auf­lösung der Föde­ration Gewalt­freier Akti­ons­gruppen, mit der sie eng ver­bunden war?
Die Föde­ration wurde 1980 als bun­des­weites Netzwerk anar­cho­pa­zi­fis­ti­scher Gruppen mit anti­mi­li­ta­ris­ti­schem Schwer­punkt gegründet und galt laut Ver­fas­sungs­schutz als »größte anar­chis­tische Orga­ni­sation der Nach­kriegszeit«. Ihre Ent­stehung hängt eng mit der seit 1972 erschei­nenden GWR zusammen. Von 1981 bis 1988 war die Föde­ration Gewalt­freier Akti­ons­gruppen Her­aus­ge­berin der GWR. Seitdem wird die Zeitung wieder von einem unab­hän­gigen Kreis her­aus­ge­geben, der sich aus etwa 40 Men­schen zusam­men­setzt und alle Ent­schei­dungen basis­de­mo­kra­tisch fällt. 1997 wurde die Föde­ration auf­gelöst. Aber es gibt etliche ehe­malige Mit­glieder, die noch poli­tisch aktiv sind und uns nahe stehen. Dazu findet sich einiges in der GWR 400.

Hatte diese Selbst­stän­digkeit auch etwas Befrei­endes, weil es jetzt keine poli­tische Grup­pierung mehr gab, die Ein­fluss nehmen konnte?
Die GWR ist asso­zi­iertes Mit­glied in einem glo­balen anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Netzwerk, den War Resisters’ Inter­na­tional. Sie hat sich in den letzten Jahren geöffnet. Sie ist ein Sprachrohr eman­zi­pa­to­ri­scher sozialer Bewe­gungen aus aller Welt, von Anar­chisten, Gewalt­freien Akti­visten, Femi­nis­tinnen, Anti-Atom-, Anti-Gentech-, Anti-TTIP-Aktiven, von anti­ras­sis­ti­schen Gruppen, Antifas, Blockupy bis hin zu Men­schen, die sich gegen Abschie­bungen oder den Kli­ma­killer Kohle stemmen.

Welchen Stel­lenwert hat der gewalt­freie Anar­chismus heute in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken?
Wir sind Außen­seiter, können aber etwas bewegen. Wir wollen eine gewalt­freie Umwälzung von unten und ver­treten Posi­tionen, die anderswo nicht vor­kommen. Nehmen wir das Bei­spiel Ukraine-Kon­flikt, da sitzen wir zwi­schen allen Stühlen. Wir lassen Anar­chisten und Anti­mi­li­ta­risten aus Russland und der Ukraine zu Wort kommen, unter­stützen die Deser­teure und Ver­wei­gerer aller Kriegs­par­teien und agi­tieren sowohl gegen das homophob-auto­ritäre Putin-Régime als auch gegen NATO, EU, ukrai­nische und ost­ukrai­nische Natio­na­listen. Leider ist der gewalt­freie Anar­chismus immer noch eine Nischen­be­wegung. Aber dass heute direkte gewalt­freie Aktionen und basis­de­mo­kra­tische Ent­schei­dungs­fin­dungen innerhalb der sozialen Bewe­gungen selbst­ver­ständlich sind, ist auch dem jahr­zehn­te­langen Enga­gement von gewalt­freien Anar­chis­tinnen zu ver­danken

Wie ist Ihr Ver­hältnis zu mar­xis­ti­schen Ansätzen, die sich von auto­ri­tären Par­tei­kon­zepten distan­zieren?
Kri­tisch-soli­da­risch. Der anti­au­to­ritäre Marxist John Hol­loway war zum Bei­spiel häu­figer Inter­view­partner und unter unseren Autoren sind auch Zapa­tistas und libertäre Mar­xisten. Als libertär-sozia­lis­ti­sches Blatt dis­ku­tieren wir undog­ma­tisch-mar­xis­tische Theo­rie­an­sätze aus anar­chis­ti­scher Sicht.

Ein Teil der GWR-Artikel ist online zugänglich auf gras​wurzel​.net, auch aus­ge­wählte Artikel der 400. Ausgabe. Ein­zelheft 3,80 Euro, Schnup­perabo 5 Euro, Pro­be­ex­emplar kos­tenlos

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​7​7​8​7​4​.​z​w​i​s​c​h​e​n​-​a​l​l​e​n​-​s​t​u​e​h​l​e​n​.html

Peter Nowak