Lange Schatten

Auch ein Jahr nach den Gip­fel­pro­testen in Hamburg wird noch immer über Repression und Riots geredet.

Justiz, Politiker_​innen aller Par­teien und die Medien the­ma­ti­sieren noch immer die mili­tanten, die den Gipfel beglei­teten. Die Fahndung nach angeblich Betei­ligten wurde mitt­ler­weile euro­paweit aus­ge­dehnt. Linke sehen sich im Anschluss an den Gipfel mit einer ver­schärften Repression kon­fron­tiert. Die öffent­liche Fahndung nach angeb­lichen Mili­tanten, bei der die Unschulds­ver­mutung fal­len­ge­lassen wurde, die Kam­pagne gegen linke Zentren und schließlich das Verbot des Vereins Indy­media links­unten sind nur einige der Stich­worte.
Es hat schon Tra­dition, dass von vielen Gip­fel­pro­testen am Ende vor allem die Repression in Erin­nerung bleibt. So ist der Ham­burger Kessel 1986 heute noch immer bekannt, weil er auch Rechts­ge­schichte geschrieben hat. Weniger gegen­wärtig ist, dass am Vortag eine Anti-AKW-Demons­tration, die nach dem Gau von Tscher­nobyl das Gelände des AKW Brokdorf wieder zur grünen Wiese machen wollte, von der Polizei zer­schlagen wurde. In den Ham­burger Kessel lan­deten Tau­sende, die gegen die Poli­zei­re­pression auf die Straße gegangen sind. Auch von der Serie der Gip­fel­pro­teste zwi­schen 1999 und 2003 ist heute vor allem die massive Poli­zei­re­pression in Erin­nerung geblieben. Höhe­punkt war der G8-Gipfel 2001 in Genua, wo Carlo Giu­liani von einem Poli­zei­wagen über­fahren und hun­derte Demonstrant_​innen aus vielen Ländern schweren Miss­hand­lungen und Folter bei der Ver­haftung und in Poli­zei­ka­sernen aus­ge­setzt waren. Dazu gab es viele Doku­men­ta­tionen, Ver­an­stal­tungen und auch lang­wierige juris­tische Ver­fahren. Die poli­ti­schen Anliegen der Gip­fel­pro­teste gerieten dadurch in den Hin­ter­grund.

Auf­bruch nach Seattle

Nach den Mas­sen­pro­testen von Seattle im Jahr 1999 war die glo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Bewegung auch in Deutschland zu einem medialen Thema geworden. Bei der fol­genden Serie der Gip­fel­pro­teste war bis 2001 eine Auf­bruchs­stimmung zu ver­zeichnen. Eine Generation vor allem jün­gerer Men­schen betei­ligte sich daran unter der Parole „Eine andere Welt ist möglich“. Das war ein Antidot zum nach dem Ende des Nomi­nal­so­zia­lismus beschwo­renen Ende der Geschichte. Die Gip­fel­pro­teste waren mit einem durch die tech­ni­schen Ent­wick­lungen beför­derten Medi­en­ak­ti­vismus ver­knüpft. Indy­media wie zahl­reiche linke Video­gruppen sind damals auf den Plätzen des Wider­stands geboren worden und berich­teten in Echtzeit über die Pro­teste wie über die Repression. Plötzlich standen auch Eli­ten­treffen, die jah­relang ohne große Auf­merk­samkeit über die Bühne gegangen waren, im Focus des Wider­stands. Nur zwei Bei­spiele sollen das illus­trieren. Die Pro­teste gegen das World Eco­nomic Forum (WEF) in Davos waren in den Jahren 2000 bis 2004 so massiv, dass von den Organisator_​innen eine Ver­legung in die USA dis­ku­tiert wurde. Das Treffen gibt es immer noch. Nur die Pro­teste sind stark geschrumpft. Schon damals wurde von linken Gruppen ein Even­thopping moniert. Es würden zu viele zeit­liche und finan­zielle Res­sourcen in die Gip­fel­pro­teste gesteckt und die Ver­an­kerung im Stadtteil oder im Betrieb ver­nach­lässigt, heißt es.

All­tags­pro­teste und Mikro-Riots

Mit der Ban­ken­krise und der Occupy-Bewegung begann in Deutschland die kurze Zeit der Blockupy-Pro­teste, die diese Kritik berück­sich­tigte. Der Wider­stand gegen den EZB-Neubau in Frankfurt/​Main sollte mit den All­tags­kämpfen von Erwerbs­losen, Mieter_​innen oder Lohn­ab­hän­gigen in Ver­bindung gesetzt werden. Das klappte in Frankfurt/​Main ansatz­weise auf dem Höhe­punkt der Ban­ken­krise. So wurde beim Zeil-Akti­onstag im Rahmen der Blockupy-Pro­teste 2013 die Kritik an den glo­balen kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nissen mit dem Nied­rig­lohn­sektor im Ein­zel­handel ver­knüpft. An den Blockupy-Pro­testen betei­ligten sich auch Beleg­schaften, die sich in Arbeits­kämpfen befanden. Dazu gehörte Maredo oder bei den letzten Blockupy-Aktionen eine Gruppe von Amazon-Arbei­ter_innen aus Leipzig und Bad Hersfeld gemeinsam mit außer­be­trieb­lichen Unterstützer_​innnen. Es gab zudem mehrere trans­na­tionale Kon­fe­renzen zu Streiks und Arbeits­kämpfen im Zusam­menhang mit der Blockupy-Mobi­li­sierung. Nach der Eröffnung der EZB gab es einen ersuch, Blockupy vor das Bun­des­ar­beits­mi­nis­terium in Berlin zu ver­legen und so mit den Kämpfen gegen Hartz IV und Nied­riglohn zu ver­binden, was gescheitert ist. Bezüge zu All­tags­kämpfen waren bei den Gip­fel­pro­testen in Hamburg zumindest theo­re­tisch bei der maß­geblich vom Ums-Ganze-Bündnis orga­ni­sierten Hafen­blo­ckade am 7.Juli fest­zu­stellen. In den Auf­rufen wurde der Hafen als Teil der Logis­tik­ketten des inter­na­tio­nalen Kapitals kri­ti­siert und die Beschäf­tigen wurden in einen Brief ange­sprochen. Obwohl ein großer Teil der Blockupy-Orga­ni­sa­tor_innen an den Vor­be­rei­tungen der G20-Pro­teste beteiligt war, wurde die Debatte um eine Ver­ste­tigung und Koor­di­nierung nach Hamburg nicht mehr auf­ge­nommen.
„Ich sehe nur eine völlig frak­tio­nierte Linke, eher Rest­be­stände aus einer unter­ge­gan­genen Alt-Linken Epoche. Die G-20-Protest, positiv gesehen, ver­weisen darauf, dass die umfas­sende Besetzung des gesamten Lebens durch den Kapi­ta­lismus doch eine Grenze hat und es einen unan­tast­baren Rest des Lebens gibt, der nicht besiegt werden kann“, erklärt der Ham­burger Ver­lager Karl-Heinz Dellwo auf Anfrage.. Achim Sze­panski, der den Blog https://non.copyriot.com
betreibt, ant­wortet auf die Frage, ob die Gip­fel­pro­teste die Linke gestärkt haben, phi­lo­so­phisch.
 „Die Geschichte der Sieger führt die Nie­der­lagen der Sub­al­ternen als Lohn, oder, um es mit Walter Ben­jamin zu sagen, als Beute mit sich. Aber es gab auch in Hamburg während des Mikro-Riots etwas, was dieser Art der Geschichts­schreibung entgeht: der Bruch mit dem Deter­mi­nismus, der Augen­blick, an dem das poli­zei­liche Management der Situation gesprengt wurde, eine Abwei­chung, die im Nach­hinein von der Geschichts­schreibung eli­mi­niert werden muss, um die Kau­sa­lität wieder in Kraft zu setzen. Es darf auf keinen Fall der Ein­druck auf­kommen, als hätte es da für die Herr­schenden eine instabile Situation gegeben.“

Damit spricht Sze­panski die Riots an, die auch nach einem Jahr eine poli­tische Debatte nicht nur in Teilen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken bestimmen. „Aber viel­leicht wird man der­einst sagen können, die Debatte über die Randale am Rande des G20-Gipels hat mehr gebracht, als es zunächst den Anschein hatte“, schrieb Tom Stroh­schneider im der LINKEN nahe­ste­henden Tages­zeitung Neuen Deutschland. Wurde noch nach dem Gip­fel­pro­testen 2007 in Hei­li­gendamm selbst in großen Teilen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken Militanz ver­ur­teilt, gilt nach Hamburg eine Haltung, die Karl-Heinz Dellwo so for­mu­liert hat: „Nicht distan­zieren“. Teile der IL, das Ums-Ganze-Bündnis, Gewerkschafter_​innen aus NRW, selbst Orga­ni­sa­tionen wie attac sind nach Hamburg nicht in die Distan­zie­rungs­falle gestolpert. Als Ende Mai 2018 eine hoch­rangig mit Senatspolitiker_​innen bestückte Stadt­teil­ver­sammlung im Ham­burger Schan­zen­viertel über G20- und die Folgen tagte, musste die anwe­sende FAZ-Kor­re­spon­dentin irri­tiert kon­sta­tieren, dass von der Mehrheit der Bewohner_​innen linke Pro­jekte aus­drücklich ver­teidigt und eine Red­nerin der IL beklatscht hat, während der Ham­burgs Innen­se­nator Andy Grote und der für den Poli­zei­einsatz im letzten Jahr ver­ant­wort­liche Helmut Dudde aus­gebuht und zum Rück­tritt auf­ge­fordert wurden. Das im Schan­zen­viertel die anti­linke Kam­pagne nicht gezogen hat, liegt aller­dings ans einer jahr­zehn­te­langen linken Stadt­teil­arbeit. Eine Kritik an den Riots aus soli­da­ri­scher Per­spektive for­mu­liert Sebastian Lotzer in seinem kürzlich erschienen Band „Winter is Coming“, in dem eine Ver­bindung zwi­schen den sozialen Kämpfen in Frank­reich auch auf die G20-Pro­teste zieht.
„Das Drama großer Teile jener „poli­ti­schen Akti­visten“, die den Riot in der Schanze insze­niert haben, besteht eben darin, nicht mehr über eine Begriff­lich­keiten zu ver­fügen, das Geschehen in den Kontext der realen gesell­schaft­lichen Situation zu stellen, geschweige denn, aus den Ereig­nissen Per­spek­tiven zu ent­wi­ckeln.“

Peter Nowak

Zum Wei­ter­lesen:

Lotzer Sebastian, Winter is Coming, Soziale Kämpfe in Frank­reich, 2018, Bahoe Books, 135 Seiten, ISBN: 978–3-9022–79

ak 639 vom 19.6.2018
https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​3​9​/​i​n​d​e​x.htm

Wie viel Heimat verträgt die Politik?

Dis­kus­sionen nach den Wahlen: Die Grünen streiten über Heimat und die hippe Linke spielt Jung gegen Alt aus

Der Schock der eta­blierten Par­teien über den Zuwachs der AfD ist vorbei. Nun sind sie dabei, ihren Diskurs ent­spre­chend anzu­passen, d.h. nach rechts zu ver­schieben. In der CDU und der CSU betonen alle, dass sie jetzt die kon­ser­vative Seite wieder stärker akzen­tu­ieren wollen. Dabei hat ja CSU-Chef See­hofer vor­ge­macht, wie man mit einem rechten Diskurs die AfD stärkt. Ständig hat er die Ober­grenze bei dem Flücht­lings­zahlen gefordert, die mit dem Grund­gesetz gar nicht ver­einbar ist.

Nun dämmert See­hofer, dass seine Kar­riere beendet ist, weil er die For­derung so nicht umsetzen kann. Wenn er in der FAZ[1] mit dem Satz zitiert wird: »Ich kann ohne eine Lösung zur Ober­grenze nicht zurück zu meiner Basis«, macht er noch deutlich, dass der Rechtsruck aus der Mitte der Gesell­schaft kommt.

Da ist für die AfD auf jeden Fall noch Potential. Dass bei einer mög­lichen Koalition mit FDP und Grünen das Wort »Ober­grenze« nicht in den Ver­ein­ba­rungen stehen wird, ist auch See­hofer klar. Doch die Mehrheit Grünen ist fle­xibel genug, unter einem anderen Begriff durchaus weitere Ein­schrän­kungen der Flücht­lings­ge­setze zu akzep­tieren. Aller­dings dürfte es in der Partei da noch heftige Aus­ein­an­der­set­zungen darum geben.

Warum die Grüne Hei­mat­partei über den Begriff »Heimat« streitet

Seit einigen Tagen streiten sich die Grünen darüber, ob sie sich positiv auf den Heimatbegriff[2] beziehen sollen. Aus­gelöst hatte die Debatte die Spit­zen­po­li­ti­kerin Kathrin Göring Eckardt, die auf dem Par­teitag ausrief[3]: »Wir lieben dieses Land, das ist unsere Heimat, und diese Heimat spaltet man nicht.«

Die Grüne Jugend kri­ti­sierte diese Rhe­torik als aus­grenzend. In der Taz hat Göring Eckardt ihre Rede verteidigt[4] mit dem obli­ga­to­ri­schen Hinweis, man dürfe die Heimat nicht den Rechten über­lassen. Ihr hatte der Wis­sen­schaftler Anatol Stefanowitsch[5] eben­falls in der Taz widersprochen[6]. Seiner Meinung hat der Begriff Heimat in der Politik nichts zu suchen.

Wird Heimat zu einem poli­ti­schen Begriff, wird es gefährlich, denn dann wird Heimat etwas, das durch die bedroht ist, die ein Zuhause suchen. Wenn der poli­tische Hei­mat­be­griff von einem kon­kreten Ort auf ein ganzes Land aus­ge­dehnt wird, ent­steht eine Nation, deren Mit­glied­schaft durch Abstammung bestimmt ist. Die für nie­manden ein Zuhause sein kann, für den sie nicht Heimat ist und die für nie­manden Heimat werden kann, für den sie es nicht schon immer war.

Anatol Ste­fa­no­witsch

Nur ist die Dis­kussion etwas absurd. Denn die Grünen waren seit ihrer Gründung immer eine Hei­mat­partei. Ihre öko­lo­gische Ori­en­tierung war immer mit dem Kampf um eine lebens­werte Heimat ver­bunden. Auch die west­deutsche Anti-Pershing-Bewegung, in der die Grünen in ihrer Früh­phase ver­treten waren, hatte immer einen starken Heimat und sogar Natio­nal­bezug. Es ist auch kein Zufall, dass die Film­reihe »Heimat«[7] von Edgar Reitz in der Umwelt und Anti-Rake­ten­be­wegung viele Anhänger hatte.

Viele aus der Alter­na­tiv­be­wegung erklärten damals, sie hätten sich durch ihr Enga­gement dort mit dem Hei­mat­be­griff ver­söhnt. Es ist schon erstaunlich, dass diese Zusam­men­hänge in der aktu­ellen inner­grünen Hei­mat­dis­kussion aus­ge­blendet werden. Da wird sug­ge­riert, erst der Kret­schmann in Baden-Würt­temberg und Van Bellen in Öster­reich hätten den Hei­mat­be­griff bei den Grünen populär gemacht. Nein, die Grünen waren seit ihrer Gründung damit ver­bunden.

Die Linke und die Migranten

Auch die Linke war in Gestalt der PDS eine Hei­mat­partei beson­deren Typs, nämlich die Partei der ost­deut­schen Küm­merer. Diese Rolle hat sie heute weit­gehend ver­loren, teil­weise auch an die AfD. Dafür findet die Linke Zustimmung bei einer links­bür­ger­lichen, urbanen Mit­tel­schicht. Die legt Wert darauf, dass die Partei zumindest einige men­schen­recht­liche Grund­lagen einhält und eben nicht auch anfängt, über Ober­grenzen für Migranten zu dis­ku­tieren.

»Kurs halten«, appelliert[8] die innen­po­li­tische Spre­cherin der Bun­des­tags­fraktion der Linken, Ulla Jelpke Das ist eine Ent­gegnung auf Wort­mel­dungen des Duos Sahra Wagen­knecht und Oskar Lafon­taine. Dabei spielt das bekannte schlechte Ver­hältnis des Duos mit den gegen­wär­tigen Vor­sit­zenden der Partei eine große Rolle.

Lafon­taine hat zudem schon als SPD-Spit­zen­po­li­tiker mit für die Ver­schärfung des Asyl­rechts gesorgt und mit seiner »Fremdarbeiterrede«[9] schon vor mehr als 12 Jahren für Unmut gesorgt. Doch wenn er darauf ver­weist, dass die Migration auch eine Klas­sen­frage ist, und die Ärmsten der Armen eben nicht die Mög­lich­keiten haben, nach Europa zu kommen, hat er Recht.

Das ist nun aber kein Argument für die Ein­schränkung von Flücht­lings­rechten, sondern für den Kampf um einen sicheren Transfer, damit die Men­schen nicht mehr gezwungen sind, die lebens­ge­fähr­lichen Routen zu nehmen. Ande­rer­seits muss nicht nur das Recht zu fliehen, sondern auch da Recht zu bleiben und trotzdem men­schen­würdig leben zu können, gestärkt werden.

In Teilen der links­li­be­ralen und linken Szene wird tat­sächlich zu wenig darüber dis­ku­tiert, welche Folgen die Migration stu­dierter oder gut aus­ge­bil­deter junger Men­schen für die­je­nigen hat, die keine Mög­lich­keiten der Flucht haben. Bei aller Kritik an vielen Posi­tionen des Duos Lafontaine/​Wagenknecht zur Migra­ti­ons­frage, sollte dieser Aspekt genauer dis­ku­tiert werden, darin ist der saar­län­di­schen Lan­des­vor­sit­zenden der Linken Astrid Schramm[10] zuzu­stimmen.

Muss die Linke grüner werden?

Recht haben aber auch die Mit­ar­beiter der Rosa Luxemburg Stiftung, Michael Brie und Mario Candeias, die in ihrer Wahlanalyse[11] emp­fehlen, die Linke solle Teil eines soli­da­ri­schen Blocks werden – auch in der Unter­stützung von Migranten. Auch der Chef­re­dakteur der Tages­zeitung Neues Deutschland warnt vor einer Anpassung der Linken[12] an den gesell­schaft­lichen Main­stream in der Flücht­lings­frage.

Wenn Stroh­schneider dann Stimmen aus der Links­jugend zitiert, die sich wün­schen, dass sich die Linke dem »städ­ti­schen, pro­gres­sives, aka­de­mi­sches Milieu« öffnen soll und sogar pos­tu­liert, »grüner zu werden, ohne die Grünen zu kopieren«, sollte man aber hell­hörig werden. Zielen solche Vor­schläge nicht auf eine neue links­li­berale Partei hin?

Wie Alte gegen Junge in der Linken aus­ge­spielt wurden

Ein nega­tives Bei­spiel gab da in einem Taz-Artikel die Kan­di­datin der Linken in Neu­kölln Judith Benda[13]. »Linke wird hip und urban«[14], lautet die Über­schrift des Artikels. Da wird schon ein Res­sen­timent gegen die nicht hippe, nicht so urbanen Men­schen bedient, die eben viel­leicht nicht in Neu­kölln, sondern in Marzahn oder Hel­lersdorf wohnen. Genau dieses Res­sen­timent bedient Benda, die in dem Taz-Bericht über Neu­kölln mit diesem Statement zitiert[15] wird:

Alter ist eigentlich keine poli­tische Kate­gorie. Aber es gibt schon einen Unter­schied zwi­schen einem 60jährigen Typen und einer jungen Frau, die für eine andere poli­tische Praxis steht.

Judith Benda

Auf­fallend ist hier auch die Geschichts­lo­sigkeit in einer Partei, die sich in die Tra­dition einer Bewegung stellt, in der die »roten Groß­eltern« ihren Kindern und Enkel über ihre Kämpfe an der Werkbank, am Arbeitsamt oder wo auch immer erzählten, um sie der jün­geren Generation wei­ter­zu­geben. Natürlich war auch viel Mythos und Kitsch dabei. Aber sowohl in der kom­mu­nis­ti­schen als auch in der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung standen die oder rot­schwarzen Groß­eltern auch für ein bestimmtes Bild von Gesell­schaft und Geschichte.

»Die Enkel fechten es besser aus«

Da war die Vor­stellung von einer Gesell­schaft, in der die Erfah­rungen von Kämpfen, ihre Erfolge aber auch ihre Nie­der­lagen wei­ter­ge­geben wurden. Darin war auch die Hoffnung ent­halten, dass es eben nicht nur einzige Indi­viduen, sondern eine kol­lektive Erfahrung gibt, die wei­ter­ge­geben werden kann.

Bendas Statement steht für eine Generation, die davon nichts mehr hören will. Für sie ist ein 60-jäh­riger Arbeiter ein Typ, der mög­lichst schnell ver­schwinden, und den jungen, hippen urbanen Linken Platz machen soll.

Eine Linke, die sich selber ernst nimmt, müsste Platz sowohl für den 60jährigen Mann und die junge Frau haben. Ansonsten lässt sie die Kern­wäh­ler­schaft der klas­si­schen Arbeiter rechts liegen.

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[2] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​a​u​s​g​e​l​o​e​s​t​-​v​o​n​-​k​a​t​r​i​n​-​g​o​e​r​i​n​g​-​e​c​k​a​r​d​t​-​g​r​u​e​n​e​-​d​e​b​a​t​t​i​e​r​e​n​.​1​7​7​3​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​97435
[3] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​a​u​s​g​e​l​o​e​s​t​-​v​o​n​-​k​a​t​r​i​n​-​g​o​e​r​i​n​g​-​e​c​k​a​r​d​t​-​g​r​u​e​n​e​-​d​e​b​a​t​t​i​e​r​e​n​.​1​7​7​3​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​97435
[4] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​5​1388/
[5] http://​www​.geis​tes​wis​sen​schaften​.fu​-berlin​.de/​w​e​0​6​/​i​n​s​t​i​t​u​t​/​m​i​t​a​r​b​e​i​t​e​r​i​n​n​e​n​_​u​n​d​_​m​i​t​a​r​b​e​i​t​e​r​/​s​t​e​f​a​n​o​w​i​t​s​c​h​/​i​n​d​e​x​.html
[6] http://​www​.taz​.de/​K​o​m​m​e​n​t​a​r​-​G​r​u​e​n​e​r​-​H​e​i​m​a​t​b​e​g​r​i​f​f​/​!​5​4​5​0730/
[7] http://​www​.hei​mat123​.de/
[8] https://​www​.jun​gewelt​.de/​l​o​g​i​n​F​a​i​l​e​d​.​p​h​p​?​r​e​f​=​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​1​9​5​5​4​.​k​u​r​s​-​h​a​l​t​e​n​.html
[9] https://​www​.sozia​lismus​.info/​2​0​0​5​/​0​7​/​1​1327/
[10] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​5​8​4​2​.​l​a​f​o​n​t​a​i​n​e​-​h​a​t​-​d​a​s​-​r​e​c​h​t​-​a​u​f​-​a​s​y​l​-​n​i​c​h​t​-​i​n​-​f​r​a​g​e​-​g​e​s​t​e​l​l​t​.html
[11] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​5​4​7​0​.​a​u​s​w​e​g​e​-​a​u​s​-​d​e​r​-​z​e​h​n​-​p​r​o​z​e​n​t​-​n​i​s​c​h​e​.html
[12] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​5​5​0​2​.​w​a​e​r​e​-​d​a​s​-​l​i​n​k​e​-​p​o​l​i​t​i​k​.html
[13] https://​www​.abge​ord​ne​ten​watch​.de/​p​r​o​f​i​l​e​/​j​u​d​i​t​h​-​benda
[14] http://​www​.taz​.de/​D​i​e​-​L​i​n​k​s​p​a​r​t​e​i​/​!​5​4​4​8496/
[15] http://​www​.taz​.de/​D​i​e​-​L​i​n​k​s​p​a​r​t​e​i​/​!​5​4​4​8496/