Repression gegen linke DDR-Opposition

Rote Hilfe streitet über die DDR

Das Magazin der Soli-Orga­ni­sation kri­ti­siert in der aktu­ellen Ausgabe die DDR. Das Titel­thema stört die DKP und die Linken-Abge­ordnete Ulla Jelpke.

Dieser The­men­schwer­punkt ist ei­ne Her­aus­for­derung. Vor seiner Erstellung hat es innerhalb und außerhalb der Roten Hilfe Dis­kus­sionen gegeben, teils sehr emo­tionale, nicht immer soli­da­rische. Und auch nach seinem Erscheinen wird es Dis­kus­sionen geben, teils sehr emo­tionale, hof­fentlich aber soli­da­rische.“ Mit dieser Vor­be­merkung leitet.…

„Rote Hilfe streitet über die DDRwei­ter­lesen

Der blinde Fleck in der Debatte

Die ersten rechten Groß­demos gab es in Ost­deutschland im Wen­de­herbst 1989

»Plötzlich weiß ich, wie Adolf-Hitler-Wähler aus­sehen. Es riecht förmlich nach Pogrom. Einer hält beschwörend sein Schild ‚keine Gewalt‘ hoch. Wir ant­worten mit ‚Nazis raus‘.« Diese Beschreibung einer rechten Demons­tration in Ost­deutschland ist fast 30 Jahre alt [1]. Ver­fasst wurde sie von Akti­visten der linken DDR-Oppo­sition, ver­öf­fent­licht wurde sie am 29. November 1989 im tele­graph [2], der auch im Jahr 2018 noch immer eine Publi­kation für linke Kritik ist.

Die Beschreibung der Demo­szenen vor 29 Jahren weist auf einen blinden Fleck in der Debatte um die Frage hin, warum in Ost­deutschland die Rechten so stark sind. Da wird auf die Ver­ant­wortung der DDR hin­ge­wiesen, aber die Wen­de­monate im Herbst ’89 und Frühjahr 1990 oft völlig aus­ge­blendet.

Die Fest­nahme einer angeb­lichen rechten Ter­ror­zelle in Chemnitz war nur das jüngste Bei­spiel. Nun soll nicht behauptet werden, das Erstarken der Rechten sei ein lediglich ost­deut­sches oder auch nur deut­sches Problem. Schließlich sind in meh­reren EU-Ländern die Ultra­rechten an der Regierung.

Rechte Ord­nungs­zelle Sachsen

Was aber fest­stellbar ist: Vor allem Sachsen hat sich innerhalb Deutsch­lands zur rechten Ord­nungs­zelle ent­wi­ckelt so wie in der Wei­marer Republik Bayern. Und so wie in Bayern hatten staat­liche Insti­tu­tionen eine wesent­liche Mit­ver­ant­wortung dafür. Da wird auf die Ver­ant­wortung der DDR hin­ge­wiesen, aber die Wen­de­monate im Herbst 1989 und Frühjahr 1990 werden oft völlig aus­ge­blendet.

Die Berichte im tele­graph und in anderen zeit­ge­nös­si­schen Doku­menten zeigen jedoch: Die ersten rechten Mas­sen­de­mons­tra­tionen nach der Nie­derlage des NS fanden im Wen­de­herbst 1989 statt. Orga­ni­siert wurden sie nicht von der SED und ihren nahe­ste­henden Orga­ni­sa­tionen, sondern von einer sich nach Rechts radi­ka­li­sie­renden Bevöl­kerung, die aus der gegen den auto­ri­tären SED-Staat gerich­teten Parole »Wir sind das Volk« den natio­na­lis­ti­schen Slogan »Wir sind ein Volk« machten.

Im tele­graph werden die Ver­än­de­rungen sehr gut beschrieben und auch die Ver­ant­wortung der DDR-Ver­ant­wort­lichen genannt [3]:

Aber es ist nicht mehr die gewohnte Leip­ziger Demo: überall Deutsch­land­fahnen, Trans­pa­rente wie »Wie­der­ver­ei­nigung jetzt«, »Weiz­säcker – Prä­sident aller Deut­schen«, »Einigkeit und Recht und Freiheit«. Während der Ansprachen ver­dichtet sich das Gefühl, unter die REPs geraten zu sein. Auf die wenigen klaren Absagen an die Wie­der­ver­ei­nigung (SDP, Ver­ei­nigte Linke, ein Mensch aus Hei­delberg) folgen Pfiffe und der Schlachtruf »Deutschland einig Vaterland« in Fuß­ball­sta­di­on­manier. Selbst als ein Redner not­wendige gute Nach­bar­schaft mit unseren pol­ni­schen und tsche­chi­schen Freunden fordert, wird er aus­ge­pfiffen – diese Aus­län­der­feind­lichkeit bekam Nahrung durch staat­liche Stim­mungs­mache in der DDR in den letzten Tagen.

Aus tele­graph, November 1989

Ja, auto­ritäre Staats­so­zi­alsten nutzten häufig »volks­dümmlich« Natio­na­lismus und auch Anti­se­mi­tismus, wie sich in der Geschichte des Sta­li­nismus und seiner Nach­folger zeigte. So wurde in der DDR von der SED Stimmung gegen Polen gemacht, als dort die Oppo­sition erstarkte, die wie­derum durchaus eben­falls reak­tionäre und kle­rikale Unter­tönte hatte.

Doch im Wen­de­herbst waren nicht die SED und ihre Unter­or­ga­ni­sa­tionen die Schritt­macher der Rest­ent­wicklung; sondern der BRD-Staat. Die Regierung unter Kohl wollte die »Wir sind ein-Volk-Stimmung« nutzen für eine schnelle Ein­ver­leibung der DDR. Die Grünen waren damals ebenso dagegen wie die SPD mit dem Kanz­ler­kan­di­daten Oskar Lafon­taine.

Diese Kri­tiker wurden von der Union in die Nähe des Vater­lands­verrats gerückt. Aber auch ein Großteil der DDR-Oppo­sition war für den Erhalt einer demo­kra­ti­schen DDR und kei­nes­falls für die Wie­der­ver­ei­nigung. Gegen sie rich­teten sich die natio­na­lis­ti­schen Auf­märsche im Herbst 1989.

Der Runde Tisch, an dem die unter­schied­lichen Oppo­si­ti­ons­gruppen eine wichtige Rolle spielten, unter­sagte einen Ein­griff der BRD in die Wahlen zur Volks­kammer der DDR im März 1990. Doch dieser Beschluss war Maku­latur, weil er von sämt­lichen Par­teien West­deutsch­lands igno­riert wurde.

Mas­senhaft wurden Deutsch­land­fahnen und Publi­ka­tionen in die DDR geliefert, die mit natio­na­lis­ti­schen Parolen die schnelle Wie­der­ver­ei­nigung pro­pa­gierten. Linke Kri­tiker wurden schon im November 1989 als Rote und »Wand­litz­kinder« beschimpft und oft auch tätlich ange­griffen.

Neue Rechts­partei mit Unter­stützung der CSU

Aber nicht nur auf der Straße wurde die Rechte von der BRD aus unter­stützt. Zu dem für die Volks­kam­mer­wahlen geschmie­deten Wahl­bündnis der Uni­ons­par­teien gehört mit der Deut­schen Sozialen Union [4] auch eine stramm rechte Partei. Sie wurde bis 1992 von der CSU unter­stützt, die mit der DSU die Eta­blierung einer eigenen Rechts­partei außerhalb Bayerns doch noch umzu­setzen hoffte.

Solche Pläne, die soge­nannte Vierte Partei [5] rechts von der Union, schei­terten bereits in der Ära Franz Joseph Strauß. Danach war die DSU eine von vielen rechten Klein­par­teien, die vor allem in Sachsen in den letzten zwei Jahr­zehnten kamen und ver­schwanden.

Ab und an machten DSU-Mit­glieder durch ultra­rechte Aktionen bei­spiels­weise gegen die Oder-Neiße-Grenze Schlag­zeilen.

Es ist deutsch im Kaltland

Bereits im Herbst 1989 trans­por­tierte die rechte Partei »Die Repu­bli­kaner« Tonnen an Mate­rialien von Frankfurt/​Main in die DDR, wie ein daran betei­ligter Kurier später ent­hüllte. Hier wurden die Grund­lagen für die rechte Ord­nungs­zelle Sachsen gelegt, in der anti­fa­schis­tische Akti­vi­täten wie bei­spiels­weise gegen die rechten Auf­märsche zum Jah­restag der Dresden-Bom­bar­dierung kri­mi­na­li­siert wurden.

Im Wen­de­herbst 1989 wurden die Grund­lagen für jene rechte All­tags­kultur gelegt, die Manja Präkels [6] in Kaltland [7] gut beschreibt. Sie könnte ebenso wie die tele­graph-Autoren als Zeit­zeuge bei der Auf­klärung zur Rolle der BRD bei der Genese einer Rechten in den Wend­mo­naten bei­tragen. Schließlich for­derten SPD-Poli­tiker kürzlich eine Wahr­heits- bzw. eine Auf­ar­bei­tungs­kom­mission für die Wen­dezeit.

»Wir sollten aber die Gele­genheit nutzen, im Rahmen einer solchen Kom­mission nicht nur die Arbeit der Treuhand, sondern die gesamte Nach­wen­dezeit umfassend auf­zu­ar­beiten. 28 Jahre nach dem Sturz des SED-Regimes durch die Fried­liche Revo­lution ist ein guter Zeit­punkt dazu: Die Men­schen und Zeit­zeugen, die den Übergang der Systeme und seine Aus­wir­kungen mit­erlebt haben, können sich noch aktiv und lebendig an den Dis­kus­sionen betei­ligen«, fordert [8] der Chem­nitzer SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Detlef Müller.

Eine Arbeits­gruppe Rechts­ent­wicklung und Wen­de­monate sollte dabei mit an erster Stelle stehen. Wenn die Politik da nicht mit­macht, sollte eine außer­par­la­men­ta­rische Initiative aktiv werden. Das könnte die Fort­setzung der Tagung [9] über 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland [10] im letzten Dezember in Potsdam sein.

Peter Nowak

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[1] http://​www​.antifa​-nazis​-ddr​.de/​s​c​h​o​e​n​h​u​b​e​r​-​p​f​e​i​f​t​-​d​i​e​-​r​a​t​t​e​n​-​k​o​mmen/
[2] http://​tele​graph​.cc/
[3] http://​www​.antifa​-nazis​-ddr​.de/​s​c​h​o​e​n​h​u​b​e​r​-​p​f​e​i​f​t​-​d​i​e​-​r​a​t​t​e​n​-​k​o​mmen/
[4] https://​www​.dsu​-deutschland​.de/
[5] https://​books​.google​.de/​b​o​o​k​s​?​i​d​=​s​y​w​a​x​l​K​l​0​a​0​C​&​hl=de
[6] http://manjapräkels.de/
[7] https://​kri​tisch​-lesen​.de/​r​e​z​e​n​s​i​o​n​/​e​s​-​i​s​t​-​d​e​u​t​s​c​h​-​i​n​-​k​a​l​tland
[8] https://​www​.spd​-mueller​.de/​d​i​e​-​a​u​f​a​r​b​e​i​t​u​n​g​-​m​u​s​s​-​n​o​c​h​-​v​i​e​l​-​w​e​i​t​e​r​-​g​ehen/
[9] https://​afa​-ost​.de/
[10] https://​www​.dampfboot​-verlag​.de/​s​h​o​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​0​-​j​a​h​r​e​-​a​n​t​i​f​a​-​i​n​-​o​s​t​d​e​u​t​s​c​hland

Als die braune Saat gelegt wurde

West­liche Poli­tiker sind für die Eta­blierung der rechten Szene im Osten mit­ver­ant­wortlich

Unge­wohnte Töne sind im Vorfeld des 28. Jah­restags der Deut­schen Einheit zu hören. Erstmals äußern auch füh­rende SPD-Politiker*innen deut­liche Kritik am Ver­ei­ni­gungs­prozess und sparen dabei auch die Rolle west­deut­scher Politiker*innen und Beamt*innen nicht aus. So fordert die säch­sische Inte­gra­ti­ons­mi­nis­terin Petra Köpping (SPD), unter­stützt vom SPD-Ost­be­auf­tragen Martin Dulig, eine Wahr­heits­kom­mission, die das Agieren der Treuhand bei den Pri­va­ti­sie­rungen der DDR-Industrie unter­suchen soll. Der Bun­des­tags­ab­ge­ordnete und Vor­sit­zende der Chem­nitzer SPD-Fraktion, Detlef Müller, schlägt statt einer Wahr­heits- eine Auf­ar­bei­tungs­kom­mission mit erwei­tertem Auf­ga­ben­be­reich vor.

»Wir sollten aber die Gele­genheit nutzen, im Rahmen einer solchen Kom­mission nicht nur die Arbeit der Treuhand, sondern die gesamte Nach­wen­dezeit umfassend auf­zu­ar­beiten. 28 Jahre nach dem Sturz des SED-Regimes durch die Fried­liche Revo­lution ist ein guter Zeit­punkt dazu: Die Men­schen und Zeit­zeugen, die den Übergang der Systeme und seine Aus­wir­kungen mit­erlebt haben, können sich noch aktiv und lebendig an den Dis­kus­sionen betei­ligen«, erklärte Müller in einer Pres­se­mit­teilung.

Bei dieser Auf­ar­beitung sollte auch unter­sucht werden, welche Ver­ant­wortung auch west­deutsche Politiker*innen für die Eta­blierung einer rechten Szene in Teilen Ost­deutsch­lands und vor allem in Sachsen trägt. Viel wurde in den letzten Jahren über die Ver­ant­wortung der SED und ihrer Politik für diese Rechts­ent­wicklung dis­ku­tiert. Dabei wurden neben absurden Argu­menten wie die früh­kind­liche Erziehung auch beden­kens­werte Argu­mente in die Debatte geworfen. Dazu gehörte die auto­ritäre SED-Politik, die Kritik und Wider­spruch kaum zuließ oder die relativ homogene Gesell­schaft in der DDR.

Merk­wür­di­ger­weise wurde aber bisher die Wen­dezeit aus­ge­klammert. Dabei fanden im Spät­herbst in vielen Städten der DDR mit Schwer­punkt Sachsen und Thü­ringen große Demons­tra­tionen mit einem schwarz-rot-gol­denen Fah­nenmeer und natio­na­lis­tische Parolen statt. Sie rich­teten sich längst nicht mehr nur gegen die zu diesem Zeit­punkt schon stark geschwächte SED, sondern auch gegen die linke DDR-Oppo­sition, die mit der Parole »Wir sind das Volk« gegen die SED und ihre Staats­organe pro­tes­tierte. Ihr Ziel war aber keine Wie­der­ver­ei­nigung, sondern eine eigen­ständige und demo­kra­tische DDR.

»Das Leip­ziger Demo-Publikum ist ein anderes geworden. Jetzt, wo das Demons­trieren nicht mehr gefährlich ist, kriechen die Deutsch-Natio­nalen aus ihren Löchern«, schrieb die DDR-Oppo­si­ti­ons­zeit­schrift »tele­graph« am 29. November 1989. Linke und Alter­native wurden schon im November 1989 als »Rote« und »Wand­litz­kinder« beschimpft und oft auch tätlich ange­griffen. Wer darauf hinwies, dass sich auch Neo­nazis auf den Demos zeigten, wurde beschimpft.

Deren Demou­ten­silien kamen aus der BRD. Mas­senhaft wurden Deutsch­land­fahnen und Publi­ka­tionen in die DDR geliefert, die mit natio­na­lis­ti­schen Parolen die schnelle Wie­der­ver­ei­nigung pro­pa­gierten.

Zu dem für die Volks­kam­mer­wahlen geschmie­deten Wahl­bündnis »Allianz für Deutschland« gehörte neben den Uni­ons­par­teien und dem Demo­kra­ti­schen Auf­bruch (DA) mit der Deut­schen Sozialen Union (DSU) auch eine rechts­kon­ser­vative Partei. Sie wurde bis 1992 von der CSU unter­stützt, die mit der DSU die Eta­blierung einer Rechts­partei außerhalb Bayerns umsetzen wollte.

Solche Pläne waren bereits in der Ära Franz Josef Strauß gescheitert. Und auch die DSU wurde eine von vielen rechten Klein­par­teien, die nach 1990 vor allem in Sachsen kamen und ver­schwanden. Bereits im Herbst 1989 trans­por­tierten die rechten Repu­bli­kaner täglich rechte Mate­rialien von Frankfurt am Main in die DDR, wie ein daran Betei­ligter später ent­hüllte. Im Herbst 1989 wurden die Grund­lagen für die rechte Ord­nungs­zelle Sachsen gelegt, in der anti­fa­schis­tische Akti­vi­täten wie bei­spiels­weise gegen die rechten Auf­märsche zum Jah­restag der Bom­bar­dierung von Dresden von Politik und Polizei kri­mi­na­li­siert wurden. Zudem saß hier die NPD zwei Legis­la­tur­pe­rioden im Landtag. Die AfD könnte bald die stärkste Partei in Sachsen werden.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​1​0​2​1​6​8​.​t​a​g​-​d​e​r​-​d​e​u​t​s​c​h​e​n​-​e​i​n​h​e​i​t​-​a​l​s​-​d​i​e​-​b​r​a​u​n​e​-​s​a​a​t​-​g​e​l​e​g​t​-​w​u​r​d​e​.html

Peter Nowak

»Der DDR-Antifaschismus war lediglich ein staatlich verordneter«

Dietmar Wolf war in der linken DDR-Oppo­sition aktiv und Mit­be­gründer der Unab­hän­gigen Antifa Ost­berlin. In diesem Herbst jährt sich zum 30. Mal die Gründung der Unab­hän­gigen Antifa in ver­schie­denen Städten der DDR. Daran erinnert ein Buch mit dem Titel »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland«, das kürzlich im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot erschienen ist (»Jungle World« 30/2017). Wolf ist bis heute Mit­her­aus­geber und Redakteur der Zeit­schrift »tele­graph«. Wegen seiner anti­fa­schis­ti­schen Tätigkeit will er kein Foto von sich ver­öf­fent­licht sehen. Am 30. Sep­tember wird er ab 19 Uhr im FAU-Lokal in der Grünthaler Straße 24 in Berlin über die Geschichte der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR berichten.

Warum haben Sie und Ihre Mit­streiter die Unab­hängige Antifa gegründet?
Seit 1983 nahmen die offenen Akti­vi­täten von faschis­ti­schen Gruppen, zum größten Teil rechts­ge­richtete Skin­heads und Fuß­ballfans, sprunghaft zu. Es kam immer wieder zu Über­fällen auf Aus­länder, Punks, links­al­ter­nativ Gekleidete und Oppo­si­tio­nelle. In dieser Zeit bil­deten sich auch feste faschis­tische Gruppen, die sich zum Bei­spiel »Bewegung 30. Januar« – in Anlehnung an die Macht­er­greifung der Nazis am 30. Januar 1933 – oder »Bucher Front« nannten. Die hatten damals bereits Kon­takte zu West­ber­liner Faschisten, die in der Fol­gezeit inten­si­viert wurden. Der Überfall von Nazi-Skin­heads auf ein Punk­konzert in der Ost­ber­liner Zions­kirche im Oktober 1987 hatte in zwei­erlei Hin­sicht Signal­wirkung. Zum einen erhöhte sich die Zahl der offenen Über­griffe von Nazis und Skin­heads, zum anderen regte sich erstmals selbst­or­ga­ni­sierter Wider­stand. Daraus folgte die Gründung von unab­hän­gigen Anti­fa­gruppen in Potsdam und Dresden 1987, in Halle 1988 und in Berlin dann im April 1989.

Warum gründete sich die Unab­hängige Antifa in Ost­berlin erst so spät?
Nach dem Nazi-Überfall in der Zions­kirche gab es, ähnlich wie in Potsdam und Dresden, auch in Berlin einen Versuch von Punks im Umfeld der oppo­si­tio­nellen Umwelt­bi­bliothek und der Offenen Arbeit der Erlö­ser­kirche, eine Anti­fa­gruppe zu gründen. Das schlug jedoch fehl. Zu ver­schieden waren die Vor­stel­lungen, zu diffus die Ziele. Im April 1989 gab es dann einen zweiten Anlauf. Aus­löser war das Gerücht, dass sich zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers DDR-weit Neo­nazis am 20. April in Potsdam ver­sammeln wollten. Am 19. April fand in der »Kirche von Unten« (KvU) eine Podi­ums­ver­an­staltung zu Nazis in der DDR statt. Diese Ver­an­staltung war die Initi­al­zündung für die Gründung einer Anti­fa­gruppe etwa zwei Wochen später. Daran betei­ligten sich über 100 junge Men­schen, die mehr­heitlich nicht der Oppo­si­ti­ons­szene ange­hörten.

Sehen Sie in der langen Wei­gerung der DDR-Ver­ant­wort­lichen, die Existenz aktiver Neo­nazis in der DDR anzu­er­kennen, eher Hilf­lo­sigkeit oder Kalkül?
Es kann gar keinen Zweifel geben, dass die DDR im Wesen ein anti­fa­schis­ti­scher Staat war. Nir­gendwo wurde so rigoros und kon­se­quent ent­na­zi­fi­ziert wie in der Sowje­ti­schen Besat­zungszone (SBZ). Dabei darf sicher nicht ver­schwiegen werden, dass es ab 1948 vielen Nazis und Nazi­ver­bre­chern gestattet wurde, wieder ins poli­tische und gesell­schaft­liche Leben der DDR zurück­zu­kehren und dort auch hohe poli­tische, gesell­schaft­liche und mili­tä­rische Posi­tionen zu erlangen. Das ist einer der ganz großen Wider­sprüche des DDR-Anti­fa­schismus. Man darf aber nicht ver­schweigen, dass die Zahl der Nazi­ver­brecher und faschis­ti­schen Mas­sen­mörder, die in den west­lichen Besat­zungs­zonen und dann in der BRD erneut Ein­fluss erlangten und wirt­schaftlich, mili­tä­risch und poli­tisch Kar­riere machen durften, im selben Zeitraum deutlich höher war.

Warum konnte sich trotz der anti­fa­schis­ti­schen Pos­tulate in der DDR eine Nazi­szene eta­blieren?
Ein alles ent­schei­dender Punkt für mich ist, dass sich die DDR im Gegensatz zur BRD auf anti­fa­schis­tische Werte und Tra­di­tionen berief. Doch dieser DDR-Anti­fa­schismus war lediglich ein staatlich ver­ord­neter. Mit allen Mitteln und Mög­lich­keiten der staat­lichen Gewalt wurde gegen neo­fa­schis­tische Erschei­nungen und Ten­denzen vor­ge­gangen. Gleich­zeitig sollte dies unter allen Umständen im Geheimen geschehen und schon gar nicht the­ma­ti­siert werden. Nachdem die sowje­tische Mili­tär­ad­mi­nis­tration in Deutschland (SMAD) 1948 mit dem Befehl 35 die Ent­na­zi­fi­zierung in der sowje­ti­schen Besat­zungszone (SBZ) für beendet erklärt hatte, wurde die gesamte Bevöl­kerung der SBZ/DDR auto­ma­tisch zu Anti­fa­schisten erklärt. Eine offene gesell­schaft­liche Auf­ar­beitung der Macht­übergabe an Hitler und der Unter­stützung durch den Großteil der deut­schen Bevöl­kerung und eine Dis­kussion darüber, wie ein wirk­licher sozia­lis­tisch-anti­fa­schis­ti­scher Wie­der­aufbau nach der Befreiung Deutsch­lands statt­finden müsste, wären unum­gänglich gewesen. Doch diese fanden nie statt.

Was waren die Gründe?
Dem standen Stalin und die sta­li­nis­tisch beein­flussten Teile der KPD/SED im Weg. Es ging auch um den allei­nigen Herr­schafts­an­spruch der KPD/SED, der sich grund­legend auf den Mythos vom ersten anti­fa­schis­ti­schen Staat auf deut­schem Boden stützte, in dem unter Führung der KPD/SED der Faschismus mit der Wurzel aus­ge­rottet worden sei. So ist es nicht ver­wun­derlich, dass Ermitt­lungen gegen Alt- und Neo­nazis im Wesent­lichen in die Ver­ant­wortung des DDR-Geheim­diensts MfS fielen. Die DDR-Justiz ver­ur­teilte faschis­tische Täter stets nur wegen soge­nannten Row­dytums oder wegen Störung des sozia­lis­ti­schen Zusam­men­lebens.

Welches Ver­hältnis hatten die unab­hän­gigen Anti­fa­gruppen zur DDR-Oppo­sition?
Es gab gute Kon­takte zu linken Oppo­si­ti­ons­gruppen, die sich anar­chis­tisch defi­nierten, wie zum Bei­spiel die Umwelt­bi­bliothek und die KvU in Berlin. Das kam auch daher, dass einige Mit­glieder dieser anar­chis­ti­schen Gruppen in den Anti­fa­gruppen aktiv waren. Der große Teil der Oppo­si­ti­ons­gruppen, auch einige linke, mar­xis­tische, trotz­kis­tische, nahm die Anti­fa­gruppen und das Thema Ras­sismus und Nazis in der DDR aber nicht wirklich ernst.

Die Mau­er­öffnung ermög­lichte direkte Kon­takte mit West­ber­liner und west­deut­schen Anti­fa­gruppen. Wie ent­wi­ckelte sich das Ver­hältnis?
Das Ver­hältnis war nicht unpro­ble­ma­tisch. Nach anfänglich großem Interesse und großer Bereit­schaft zur Zusam­men­arbeit mussten viele Anti­fa­schisten aus der DDR fest­stellen, dass es ihnen unter Linken nicht anders ging als mit dem Rest der Gesell­schaft. Bevor­mundung, Her­ab­wür­digung und ideo­lo­gische Ein­glie­de­rungs­ver­suche aus dem Westen führten sehr schnell dazu, dass auch unter den anti­fa­schis­ti­schen Gruppen der Begriff des Ost-West-Kon­flikts Einzug hielt. Während west­deutsche Anti­fa­gruppen Anfang der Neun­ziger mit der AABO eine anti­fa­schis­tisch aus­ge­richtete Kader- und Samm­lungs­or­ga­ni­sation nach dem Muster der K-Gruppen der Sieb­ziger und dem his­to­ri­schen Vorbild des sta­li­nis­ti­schen Rot­front­kämp­fer­bunds auf­bauen wollten, schufen Anti­fa­gruppen aus der ehe­ma­ligen DDR das soge­nannte Ost­ver­net­zungs­treffen, zu dem Gruppen aus dem Westen keinen Zugang hatten.

Die Pogrome von Hoyers­werda bis Rostock haben zu einer bis heute nicht abge­schlos­senen Dis­kussion geführt, ob die dor­tigen Neo­nazis Produkt der DDR oder der Wende waren. Was denken Sie darüber?
Zu sagen, die Nazis in der DDR seien nicht Produkt der DDR gewesen, wäre natürlich Blödsinn. Gleich­zeitig ist es auch großer Blödsinn, wenn Men­schen behaupten, schuld sei der Zwangs­kol­lek­ti­vismus der DDR gewesen, weil dort alle Kinder im Kin­der­garten gleich­zeitig auf den Topf gesetzt wurden. Man darf den sozialen Zusam­men­bruch durch die Zer­störung der DDR-Wirt­schaft und die mas­sen­hafte Exis­tenz­ver­nichtung durch den kapi­ta­lis­ti­schen Raubzug nach dem 3. Oktober 1990 nicht gänzlich igno­rieren. Es mag sein, dass die Bereit­schaft, ras­sis­ti­sches und anti­se­mi­ti­sches Gedan­kengut auf die Straße zu tragen und Gewalt aus­zuüben, im Osten größer ist. Fakt ist aber auch, dass es neben den ras­sis­ti­schen Pogromen von Hoyers­werda und Rostock das ras­sis­tische Pogrom in Mannheim-Schönau im Mai 1992 und die ras­sis­ti­schen Mord­an­schläge in Mölln und Solingen gab. Im Übrigen wurde die AfD 2016 in Mannheim-Schönau bei den dor­tigen Land­tags­wahlen mit 30 Prozent stärkste Partei.

Sie sind noch heute in der anti­fa­schis­ti­schen Bil­dungs­arbeit tätig. Sehen Sie ange­sichts des Auf­stiegs der AfD noch eine besondere Rolle der Unab­hän­gigen Antifa der DDR oder ist das für Sie nur noch eine his­to­rische Frage?
Es ist auch der Beharr­lichkeit anti­fa­schis­ti­scher Politik und Öffent­lich­keits­arbeit zu ver­danken, dass selbst bür­ger­liche Medien heute die AfD als faschis­tisch ein­ordnen. Ich sehe meine Bil­dungs­arbeit als einen kleinen Beitrag zum Erhalt und zum Transfer von anti­fa­schis­ti­scher Geschichte und Wissen. Sie ist in gewisser Weise eine Brücke von 1987 ins Jahr 2017. Denn leider stelle ich immer wieder fest, dass die Anti­fa­schisten von 2017 kaum etwas über die Anti­fa­schisten von 2007 und 1997 wissen, geschweige denn über die von 1987.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​3​9​/​d​e​r​-​d​d​r​-​a​n​t​i​f​a​s​c​h​i​s​m​u​s​-​w​a​r​-​l​e​d​i​g​l​i​c​h​-​e​i​n​-​s​t​a​a​t​l​i​c​h​-​v​e​r​o​r​d​neter
Interview: Peter Nowak

Die Tragödie der Freiheit


Der »tele­graph« zeigt einen exem­pla­ri­schen Umgang mit linken Kon­tro­versen

War es eine spa­nische Revo­lution oder ein spa­ni­scher Bür­ger­krieg? Allein die Bezeichnung spaltet auch noch 80 Jahre später die Linke. Einigkeit besteht nur über die schlichte Erkenntnis, dass die Ereig­nisse auf der ibe­ri­schen Halb­insel zwi­schen 1936 und 1939 welt­weite Aus­wir­kungen hatten.

Wie wir alle wissen betei­ligten sich Linke unter­schied­licher Couleur in Spanien am Kampf gegen die rechten Put­schisten. Die vielen Frei­wil­ligen wollten damit auch den Vor­marsch der Natio­nal­so­zia­listen und Faschisten auf dem Kon­tinent stoppen, die hinter den spa­ni­schen Put­schisten standen und sie groß­zügig för­derten.

Doch während Kom­mu­nisten und Teile der Sozia­listen die bür­ger­liche Republik erhalten wollten, stritten Anar­chisten und Teile der Sozia­listen für die soziale Revo­lution. Die Dif­fe­renzen wurden auch blutig aus­ge­tragen und spalten die Linke bis heute.

Jetzt macht die Redaktion der Zeitung »tele­graph« in einem Son­derheft auf knapp 200 Seiten deutlich, dass man nach 80 Jahren allen an den Kämpfen gegen den Franco-Faschismus Betei­ligte wür­digen kann, ohne beliebig zu werden. Schon der zwie­spältige Titel »Tra­gödie der Freiheit – Revo­lution und Krieg in Spanien (1936–1939)« deutet auf die unter­schied­lichen im Heft dar­ge­stellten Per­spek­tiven der an der Aus­ein­an­der­setzung betei­ligten hin.

In einem Text wird auf die repressive Politik der Kom­intern gegen andere Linke ein­ge­gangen. So beschreibt Werner Abel ein »trau­riges Kapitel« in der Geschichte der Kom­intern, die mit Schwarzen Listen Jagd auf linke Kri­tiker der sta­li­nis­ti­schen Politik machte. Es werden Ori­gi­nal­do­ku­mente gezeigt.

Am Bei­spiel des Sozi­al­de­mo­kraten Robert Stemmann zeigt Abel, wie Linke, die nicht auf der Linie der Sowjet­union lagen, schi­ka­niert wurden. Stemmann wurde kurz nach dem Ein­treffen in Spanien ver­haftet. Es wird doku­men­tiert, wie er ver­geblich seine Frei­lassung for­derte und wenigstens wissen wollte, was gegen ihn vorlag. Mit Erich Mielke, der unter dem Pseudonym Fritz Leissner an der Ver­folgung von kri­ti­schen Linken in Spanien beteiligt war, wird einer der Männer aus dem Kom­intern-Apparat vor­ge­stellt.

Doch auch mit der anar­chis­ti­schen Seite gehen die Autoren des Son­der­bandes kri­tisch ins Gericht. So werden inner­anar­chis­tische Stimmen zitiert, die von einem Bankrott der eigenen Politik sprachen. Vor­ge­worfen wurde ihnen, dass sie in der kurzen Zeit ihrer Regie­rungs­be­tei­ligung, viele ihrer ursprüng­lichen Grund­sätze über Bord geworfen hätten. Mit einem Kapitel über die Betei­ligung von Jüdinnen und Juden am Kampf gegen den Faschismus auf spa­ni­schen Boden wird auch ein bisher in der For­schung wenig beach­tetes Thema ange­sprochen.

Die von linken DDR-Oppo­si­tio­nellen gegründete Zeit­schrift »tele­graph« macht mit diesem Heft exem­pla­risch deutlich, wie ein Umgang mit linken Geschichts­kon­tro­versen auch aus­sehen kann. Es werden klare Posi­tionen bezogen, ohne den am Kampf Betei­ligten abzu­sprechen, dass sie sub­jektiv Teil des welt­weiten Kampfes gegen Faschismus waren.


tele­graph, Son­der­nummer 2017: Tra­gödie der Freiheit. Revo­lution und Krieg in Spanien (1936–1939). Frag­mente. 199 S., 12 Euro

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​7​0​6​7​.​d​i​e​-​t​r​a​g​o​e​d​i​e​-​d​e​r​-​f​r​e​i​h​e​i​t​.html

Peter Nowak

Dazu ein Leser­brief in ND auf Freitag-Online:

https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​p​e​t​e​r​-​n​o​w​a​k​/​t​r​a​g​o​e​d​i​e​-​d​e​r​-​s​p​a​l​t​u​n​g​#​1​5​0​0​4​7​6​3​3​1​3​10850

Dr. Werner Abel hat sich dazu jüngst geäußert. Er ist, wie auch ich Mit­glied im Verein Kämpfer und Freunde der Spa­ni­schen Republik 1936 – 1939« (KFSR).

Da unser gemein­samer Leser­brief an das nd, dessen Autor so wie Sie, auch von der von Ihnen bemühten Legende um Mileke ausgeht, gestetten Sie mir, dass ich den Leser­brief hier als unsere Mei­nungs­äu­ßerung aus­nahms­weise ver­öf­fent­liche: Kein »Appa­ra­temann«

Zu »Die Tra­gödie der Freiheit«, 12.7., S.18

Im Beitrag heißt es: »Mit Erich Mielke, der unter dem Pseudonym Fritz Leissner an der Ver­folgung von kri­ti­schen Linken in Spanien beteiligt war, wird einer der Männer aus dem Kom­intern-Apparat vor­ge­stellt.«

Mielke war kein Mann aus dem Kom­intern-Apparat und hatte weder die Funktion noch die Mög­lichkeit, sich an der Ver­folgung Anders­den­kender zu betei­ligen. Ein »Appa­ra­temann« der Kom­intern war Erich Mielke nicht, wenn er auch über die Kom­intern nach Spanien geschickt wurde. Aber das wurden Hun­derte Emi­granten, die in der Sowjet­union gelebt hatten, auch. Der größte Teil derer, die sich auf der »Liste der Mexi­kaner« befinden – »Mexiko« war die Tarn­be­zeichnung für die Sowjet­union, also wurden die, die von dort kamen, als »Mexi­kaner« bezeichnet – hatte weder mit Geheim- noch mit Nach­rich­ten­diensten etwas zu tun. Überdies: Wäre Mielke ein Mann sowje­ti­scher Dienste gewesen, dann hätte man ihn nach dem Spa­ni­en­krieg in die Sowjet­union geholt. So aber landete er in einem fran­zö­si­schen Inter­nie­rungs­lager, das er nur durch von Alfred Krumme (»Fritz Schiller«) gefälschte Papiere ver­lassen konnte.

Alle die immer wieder auf­tau­chenden Vor­würfe, er habe an der Ver­folgung und Ermordung von Inter­bri­ga­disten, kri­ti­schen Kom­mu­nisten und Anders­den­kenden teil­ge­nommen, lassen sich nach der Öffnung der Akten nicht auf­recht­erhalten. In den Akten der Inter­na­tio­nalen Bri­gaden, die nahezu voll­ständig über­liefert sind, gibt es nicht ein Blatt, das von irgend­einer repres­siven Maß­nahme berichtet, an der Mielke beteiligt gewesen wäre. Mielke gehörte keinem Geheim­dienst und keiner Geheim­po­lizei in Spanien an. Selbst der in Spanien wir­kenden geheimen KPD-Abwehr gehörte er nicht an. Für die ihm vor­ge­wor­fenen Ver­brechen hat er weder die Funktion noch die Mög­lich­keiten gehabt. Mielke war auf Grund seiner Dienst­stellung und seiner mili­tä­ri­schen Funk­tionen über­haupt nicht in der Lage, an irgend­einer »Säu­berung« oder einer Erschießung teil­zu­nehmen.

Soweit das die Akten belegen, kann wohl defi­nitiv fest­ge­stellt werden, dass im Spa­ni­schen Krieg 1936 bis 1939 von den deut­schen Inter­bri­ga­disten zwei stand­rechtlich erschossen worden sind: Einer, weil er einen Befehl nicht aus­ge­führt und damit Kame­raden in Gefahr gebracht hatte. Ein anderer, weil er dagegen oppo­nierte, dass das durch den Kriegs­mi­nister Prieto erlassene Verbot par­tei­po­li­ti­scher Betä­tigung vor allem durch die KPD-Orga­ni­sation in den Bri­gaden unter­laufen wurde. In der End­kon­se­quenz lief das, folgt man der Urteils­be­gründung, auf Unter­grabung der Kampf­moral hinaus. Damit aber hatte Mielke absolut nichts zu tun, er gehörte weder dem Ser­vicio de Control, noch dem SIM (Ser­vicio de Inves­ti­gación Militar) der Inter­na­tio­nalen Bri­gaden, noch der Juris­ti­schen Kom­mission der Bri­gaden an.

Er war Ope­ra­ti­ons­of­fizier im Stab ver­schie­dener Bri­gaden und der 27. Division, die längste Zeit aber Ver­ant­wort­licher für die Aus­bil­dungs­lager der Inter­na­tio­nalen Bri­gaden rings um Albacete, wo sich die Base der Bri­gaden befand. In Albacete war Mielke Adjutant des Chefs der Aus­bildung, also mehr mit ope­ra­tiven Auf­gaben beschäftigt, nicht aber mit Ver­hören. Da er für die Belegung der Aus­bil­dungs­lager ver­ant­wortlich war, wird er sich schon die Per­so­nal­listen inten­siver ange­schaut und den einen oder anderen auch befragt haben. Mit Geheim­dienst­tä­tigkeit hatte das nichts zu tun. Für diese gibt es keine Belege. Dass er bestimmte Leute, die ihn über den Weg liefen, wie Walter Janka, kri­tisch befragte, ist möglich, war aber nicht seine Aufgabe gewesen.

Aus­führlich wird auf diese The­matik auch ein­ge­gangen im Beitrag Werner Abels »Der Tod Hans Beimlers und die Reak­tionen der KPD-Abwehr in Spanien« (www​.kfsr​.info)

Dr. Werner Abel, Ober­schöna

Von Brüsewitz bis Lanzmann

Die neue Ausgabe des »Telegraph« überzeugt mit Tiefgang und Witz

Kurz vor Jah­resende ist die neue Ausgabe der Zeit­schrift »tele­graph« erschienen, gegründet als Sprachrohr der linken DDR-Oppo­sition, die 1989 nicht auf die Straße gegangen ist, um in der BRD anzu­kommen. Auch in der aktu­ellen Dop­pel­nummer werden den Lesern auf 184 Seiten viele Argu­mente gegen die herr­schenden Ver­hält­nisse geboten. Statt einer Ein­leitung wird ein Aus­schnitt aus dem Kom­mu­nis­ti­schen Manifest abge­druckt, in dem beschrieben wird, wie die zur Macht gelangte Bour­geoisie sämt­liche feu­dalen, patri­ar­chalen Ver­hält­nisse zer­stört. Thomas Konicz ist mit einem Vor­ab­druck seines in den nächsten Monaten erschei­nenden Buches »Kapi­tal­kollaps« ver­treten. Dort klas­si­fi­ziert er den Isla­mismus und die natio­na­lis­ti­schen Bewe­gungen in vielen euro­päi­schen Ländern als »zwei glei­cher­maßen irre Ideo­logien, die auf den unver­stan­denen Kri­sen­prozess mit ver­stärkter Iden­ti­täts­pro­duktion, mit einer erz­re­ak­tio­nären Sehn­sucht nach der herbei hal­lu­zi­nierten heilen Ver­gan­genheit und dem eli­mi­na­to­ri­schem Hass auf alles Anders­artige reagieren«.

Obwohl die »telegraph«-Herausgeber mitt­ler­weile auf den Zusatz »ost­deutsche Zeit­schrift« ver­zichten, behandeln viele Bei­träge Themen aus Ost­deutschland und Ost­europa. So gibt es ein Interview mit Akti­visten der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken (IL), die ihre Kindheit und Jugend in der späten DDR ver­brachten. Der Mit­gründer der Ost­ber­liner Antifa, Dietmar Wolf, geht auf die Räumung der besetzten Mainzer Straße vor 25 Jahren ein und beschreibt die Kon­flikte in der linken DDR-Oppo­sition, die sich am Umgang mit mili­tantem Wider­stand ent­zün­deten. Der auch als nd-Autor bekannte Karsten Krampitz widmet sich Pfarrer Oskar Brü­sewitz aus Zeitz, dessen Selbst­ver­brennung sich am 18. August 2016 zum 40. Mal jährt. Dabei legt Krampitz bisher wenig bekannte Quellen offen, die Brü­sewitz als christ­lichen Fun­da­men­ta­listen und Anti­se­miten zeigen, der die NS-Juden­ver­nichtung als Gottes Wille begrüßte. Krampitz zeigt, wie ein anonymer ND-Kom­mentar, in dem Brü­sewitz als Pfarrer bezeichnet wurde, »der nicht alle fünf Sinne bei­sammen hatte« nicht nur wütende Leser­briefe, sondern auch Redak­ti­ons­be­suche und eine Anzeige empörter Christen in der DDR zur Folge hatte.

Weitere Artikel widmen sich dem Balkan und Trans­nis­trien. Unter den zahl­reichen Kul­tur­bei­trägen ver­dient die Wür­digung des jüdi­schen Regis­seurs Claude Lanzmann zu seinem 90. Geburtstag durch die Fil­me­ma­cherin Angelika Nguyen besondere Erwähnung. Die Taxi­ge­schichten von Yok und die Fuß­ball­ge­schichte von Florian Ludwig sind Bei­spiele für gut geschriebene Unter­haltung mit Witz und Tiefgang.

tele­graph 131/132, 184 Seiten, 9 Euro, beziehbar über

http://​tele​graph​.cc/​t​e​l​e​g​r​a​p​h​-​1​3​1​1​3​2​-​e​r​s​c​h​i​enen/

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​9​7​8​1​7​.​v​o​n​-​b​r​u​e​s​e​w​i​t​z​-​b​i​s​-​l​a​n​z​m​a​n​n​.html

Von Peter Nowak

»Wir wollen unabhängig bleiben«

MAGAZIN In den späten Achtzigern war der »telegraph« eine wichtige Stimme der linken DDR-Opposition. Und noch immer findet die im Selbstverlag herausgegebene Zeitschrift ihre Leser. Ein Gespräch mit den Machern

taz: Herr Wolf, Herr Schreier, beim 25. Jah­restag zur Mau­er­öffnung kam die linke Oppo­sition für eine eigen­ständige DDR nicht vor. Fühlen Sie sich manchmal auf ver­lo­renem Posten?

Andreas Schreier: Viele der Haupt­for­de­rungen von 1989 sind unein­gelöst geblieben. Wir haben sie auch nach dem Dieb­stahl unserer Revo­lution durch die Medien und Par­teien der BRD nicht ver­gessen. Damals wollten wir ein Ende der Über­wa­chung und bekamen neue und viel per­fektere Formen der Über­wa­chung. Wir waren gegen Mili­ta­ri­sierung, heute wird eine neue deutsche Ver­ant­wortung in der Welt gepredigt und an der Grenze zu Russland kräftig gezündelt. Das Recht auf Rei­se­freiheit endet heute vor Lam­pedusa und Demo­kratie, wenn über­haupt, vor den Toren der Banken und Kon­zerne.

Vor einigen Monaten hieß es, der tele­graph sei in der lite­ra­risch-poli­ti­schen Zeit­schrift Abwärts auf­ge­gangen. Wieso pro­du­zierten Sie nun doch wieder eine eigene Ausgabe?

Andreas Schreier: Die tele­graph-Redaktion beteiligt sich an der Zeit­schrift Abwärts, die im März dieses Jahres das erste Mal erschienen ist. Doch eine Ein­stellung des tele­graphs war nie beab­sichtigt. Einige miss­ver­ständ­liche For­mu­lie­rungen im Abwärts haben einen fal­schen Ein­druck hin­ter­lassen. Seit dem Erscheinen der aktu­ellen Nummer gab es viele freudige Reak­tionen von Lese­rInnen, die froh sind, dass es uns noch gibt.

Dietmar Wolf: Wir wurden von der Lite­ra­ten­szene in Prenz­lauer Berg um Bert Papenfuß ange­fragt, ob wir uns an der Her­ausgabe des Abwärts betei­ligen wollen. Schließlich kennen und schätzen wir uns seit sehr vielen Jahren.

Ist also die viel dis­ku­tierte Krise der linken Medien an Ihnen vor­bei­ge­gangen?

Andreas Schreier: Nein, wir hatten zwi­schen­zeitlich tat­sächlich überlegt, den tele­graph ins Internet zu ver­legen. Wir haben viel Druck von unseren Lese­rInnen bekommen, die wei­terhin eine gedruckte Ausgabe in den Händen halten wollten. Das moti­vierte uns natürlich bei der Her­stellung der aktu­ellen Ausgabe. Wir werden aller­dings unser Angebot im Internet aus­weiten und dort auch Artikel zur nicht­kom­mer­zi­ellen Nutzung ver­fügbar machen.

Im Impressum des tele­graphs findet sich kein Ver­lags­hinweis. Gibt es keine Verlage, die die Zeit­schrift drucken wollen?

Dietmar Wolf: Es wäre kein Problem, einen Verlag zu finden. Doch wir wollen unsere Unab­hän­gigkeit behalten. Die Umwelt­blätter, aus denen der tele­graph her­vor­ge­gangen ist, wurden als Samisdat her­ge­stellt, also im Selbst­verlag. Diesen Anspruch halten wir auch heute auf­recht. Der tele­graph ist Hand­arbeit von der Planung bis zum Ver­trieb. Dazu kommt, dass niemand in der Redaktion daran ver­dient. Wir kümmern uns um den tele­graph neben unserer Lohn­arbeit.

Andreas Schreier: Natürlich bedeutet das auch, dass sich die Redaktion um die nicht ganz ein­fache Frage des Ver­triebs und um die Frage der Finan­zierung kümmern muss.

Der Unter­titel des tele­graphs lautete lange Zeit »ost­deutsche Zeit­schrift«. Wollten Sie sich damit gegen die West­ber­liner Linke abgrenzen?

Dietmar Wolf: Der Unter­titel hat 1998 beim tele­graph Einzug gehalten. Damals pro­du­zierten wir eine Ausgabe mit dem pro­vo­kanten Titel »Kolonie Ost­deutschland«. Wir beschäf­tigten uns darin mit unserer ost­deut­schen Sozia­li­sation und den Folgen der Über­nahme unserer Betriebe, unserer Häuser und unserer Kul­tur­ein­rich­tungen durch West­in­ves­to­rInnen.

Andreas Schreier: Die damalige Abgrenzung gegen Bayern- oder Schwaben-Yuppies war aus unserem Blick­winkel nicht frem­den­feindlich, sondern eher eine Form des Klas­sen­kampfs. Mit den West­ber­liner Linken hatte das nur in sofern etwas zu tun, als sie in einigen Fällen uns gegenüber ähnlich raum­greifend und ignorant auf­traten wie diese west­deut­schen Geld­säcke.

Warum haben Sie diesen Unter­titel wieder fallen gelassen?

Dietmar Wolf: Der Unter­titel ist weg, doch der tele­graph bleibt eine ost­deutsche Zeit­schrift. Wir sind spä­testens mit der Einheit unwi­der­ruflich zu Ost­deut­schen gemacht worden, das lässt sich nicht ändern.

Andreas Schreier: In Zeiten, in denen eine Bun­des­kanz­lerin und ein Bun­des­prä­sident aus dem Osten kommen, lässt sich über diesen Begriff schwer etwas Gesell­schafts­kri­ti­sches trans­por­tieren. Mitt­ler­weile kennen wir auch viele west­deutsche Linke, mit denen uns mehr ver­bindet als mit, sagen wir mal, dem neu­reichen Vil­len­be­sitzer in Dresden.

Es ist auch auf­fällig, dass im aktu­ellen Heft nicht in das Loblied auf die frei­heit­liche Maidan-Bewegung ein­ge­stimmt wird.

Dietmar Wolf: Wir werfen großen Teilen der Linken und auch der anti­fa­schis­ti­schen Bewegung vor, dass sie bis auf wenige Aus­nahmen die Augen vor den faschis­ti­schen Ten­denzen in der heu­tigen Ukraine ver­schließt. Wenn wir die benennen, recht­fer­tigen wir nicht Putins Politik. Wir fordern eine eigen­ständige Posi­tio­nierung der unab­hän­gigen Linken ein.

Enga­giert sich die tele­graph-Redaktion neben der Her­ausgabe der Zeit­schrift poli­tisch?

Andreas Schreiner: Wir orga­ni­sieren seit fast 15 Jahren regel­mäßig am 8. Mai im Haus der Demo­kratie ein Fest zur Befreiung vom Natio­nal­so­zia­lismus. Dafür erhielten wir in den letzten Jahren viel Zustimmung, aber auch Kritik.

Wie kann man etwas dagegen haben, das Ende des Natio­nal­so­zia­lismus zu feiern?

Dietmar Wolf: Das haben wir uns auch gefragt. Doch es gab einige NGOs und Ein­zel­per­sonen, die mit einem Fest an diesem beson­deren Tag nichts anfangen konnten. Nach langen Dis­kus­sionen hoffen wir nun, mit den Fest­vor­be­rei­tungen zum 70. Jubiläum am 8. Mai 2015 beginnen zu können. Wir wollen an dem Tag mit den Opfern des NS die Befreiung feiern.

Wird bis dahin eine neue tele­graph-Ausgabe erscheinen?

Dietmar Wolf: Lassen wir uns über­ra­schen. Es kann sein, dass wir in einem Monat das nächste Heft her­aus­geben oder auch erst in einem Jahr. Wenn wir der Meinung sind, wir haben genug Stoff für ein gutes Heft, wird es erscheinen.

Der aktuelle telegraph ist in ausgesuchten Buchhandlungen und über www​.tele​graph​.cc erhältlich

Andreas Schreier

50, ist Diplom-Inge­nieur und tele­graph-Redakteur. 1989 war er Mit­ar­beiter in der Arbeits­gruppe Sicherheit am Zen­tralen Runden Tisch der DDR.

Dietmar Wolf

50, ist Web-Pro­gram­mierer. Er hat im April 1989 die Ost­ber­liner Autonome Antifa mit­be­gründet und ist seit 25 Jahren tele­graph-Redakteur.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2014%2F12%2F04%2Fa0199&cHash=a6c9237dbf291509383fdd159e5e6118

INTERVIEW PETER NOWAK

»telegraph« über DDR-Jugendkultur

. In der DDR stand die Kirche von Unten (KvU) für eine staats­ferne, unan­ge­passte Kultur- und Jugend­szene. Sie erkämpfte sich in der DDR Frei­räume, doch im real­exis­tie­renden Kapi­ta­lismus soll die KvU aus ihrem Domizil im Prenz­lauer Berg ver­trieben werden. Diese Geschichte beschreibt der His­to­riker und einstige Aktivist der DDR-Jugend­op­po­sition, Dirk Moldt, in der neuen Ausgabe der ost­deut­schen Zeit­schrift »tele­graph« (Nr. 124, 76 Seiten, 6 Euro). Dietmar Wolf, Mit­be­gründer der Auto­nomen Antifa Ost­berlins erinnert darüber hinaus an die ras­sis­ti­schen Pogrome von Hoyers­werda, Rostock und Mannheim-Schönau. Über den Zusam­menhang von Krise und Ras­sismus infor­miert der Jour­nalist Thomas Konicz und der öster­rei­chische Ver­leger Hannes Hof­bauer beschreibt, wie in Ost­europa soge­nannte bunte Revo­lu­tionen in west­lichen Stif­tungen geplant werden. Ein inter­es­santes Heft, das Themen abseits des Main­streams behandelt.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​8​0​9​3​7​5​.​b​e​w​e​g​u​n​g​s​m​e​l​d​e​r​.html
tele​graph​.ost​buero​.de
Peter Nowak