»Wir forschen selbst«

Vor kurzem ist die fünfte Ausgabe des Jahr­buchs des Instituts für Syn­di­ka­lis­mus­for­schung (Syfo-Jahrbuch) erschienen. Das Institut will die Praxis der syn­di­ka­lis­ti­schen Bewegung auf his­to­risch-theo­re­ti­scher Ebene begleiten. Helge Döhring ist einer seiner Begründer und hat zahl­reiche Bücher und Studien zur Geschichte des Syn­di­ka­lismus in Deutschland her­aus­ge­geben. Mit ihm sprach die Jungle World über die Arbeits­weise des Instituts sowie den his­to­ri­schen und gegen­wär­tigen Syn­di­ka­lismus.

Wie kam es 2007 zur Gründung des Instituts für Syn­di­ka­lis­mus­for­schung?

Der kon­krete Anlass zur Gründung bestand darin, dass wenige Jahre zuvor einige bekannte »Anar­chis­mus­for­scher« mit einem Spe­zi­al­anwalt begannen, junge Akti­visten der FAU (Freie Arbei­te­rinnen- und Arbeiter-Union) wegen soge­nannter Urhe­ber­rechts­ver­let­zungen juris­tisch zu bedrohen. Dar­aufhin sagten wir ent­schieden: Nicht mit uns, wir for­schen und publi­zieren jetzt selbst! Wir sind eng ver­bunden mit Teilen der heu­tigen anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Bewegung und deren Mit­glieder müssen beim Rück­griff auf unsere Mate­rialien nicht befürchten, vor Gericht gezogen zu werden. Uns sind die Genossen wichtig, nicht das Geld.

Gibt es Anbindung an uni­ver­sitäre, wis­sen­schaft­liche Apparate?

Wir stehen in freier Koope­ration und Zusam­men­arbeit mit His­to­rikern und Publi­zisten, die selbst mehr oder weniger unab­hängig arbeiten. Es gibt Anfragen und Aus­tausch mit Jour­na­listen, Geschichts­werk­stätten, Zeit­zeugen, Schülern, Stu­die­renden, freien Publi­zisten, Archiven, Gedenk­stätten und anderen Wis­sen­schaftlern. Büro­kra­tische Apparate sind uns zu träge, für For­schungs­sti­pendien und Dis­ser­ta­tionen bei­spiels­weise wird ein Rie­sen­aufwand betrieben. Davon leben diese Insti­tu­tionen, dass sie die For­schung künstlich hin­aus­zögern, um mög­lichst lange Geld abzu­greifen und ihre Arbeits­plätze zu sichern. In der­selben Zeit ist in unab­hän­giger For­schung oftmals ein Viel­faches leistbar. Effi­zienz funk­tio­niert nicht in der kapi­ta­lis­ti­schen Bil­dungs­in­dustrie.

Wie finan­zieren Sie Ihre Arbeit?

Wir leben kon­se­quent die Ideale der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Bewegung, unter anderem die gegen­seitige Hilfe. Wir alle haben kaum Geld, unser gemein­sames Schaffen ist dafür umso effek­tiver. Das betrifft besonders die Koope­ration mit Archiven, Ver­lagen und Ver­trieben, mit denen wir die Grund­an­sichten teilen. Sie schätzen unsere selbstlose Arbeit und legen sich ins Zeug, finan­zieren oder vor­fi­nan­zieren unseren Output. Sie selbst können eben­falls jederzeit auf unsere Hilfe und Zuarbeit bauen, dazu zählen bei­spiels­weise das Zusam­men­stellen von Mate­rialien oder Lek­torate. Von befreun­deten Ver­lagen nehmen wir auch keine Honorare.

Welche Rolle spielt das Syfo-Jahrbuch?

Das Institut für Syn­di­ka­lis­mus­for­schung hat bewusst unter­schied­liche Publi­ka­ti­ons­formate. Damit sind wir in unseren Ver­öf­fent­li­chungs­vor­haben sehr fle­xibel: Die Schriften ergänzen sich. Für jede Arti­kel­länge haben wir die ent­spre­chende Form: Kurze Auf­sätze für das Syfo-Jahrbuch oder für unseren Syfo-Blog, kürzere Aus­ar­bei­tungen als Bro­schüren in der »Edition Syfo« und lange Texte können als Buch her­aus­ge­geben werden. Das Syfo-Jahrbuch wird the­ma­tisch ergänzend zu anderen Publi­ka­tionen genutzt. Ins­gesamt spiegelt es die Vielfalt unserer Arbeit wider. Es soll dazu anregen und ermu­tigen, sich selbst und zusammen mit anderen zu infor­mieren oder zu for­schen, sich aus­zu­tau­schen. For­schungs­vor­haben können vor­ge­stellt werden und es dient als Plattform für externe Bei­träge. Es ist ein inter­ak­tives Medium und soll kei­nes­falls nur Aka­de­miker ansprechen. Ent­spre­chend locker ist es im Layout gestaltet, reichlich bebildert und über­sichtlich struk­tu­riert. Es zeigt auf, was ein­fache Men­schen zu leisten imstande sind, wenn sie genug Eigen­an­trieb und Durch­hal­te­ver­mögen haben: Jeder kann for­schen.

Wie halten Sie es mit der wis­sen­schaft­lichen Objek­ti­vität?

Das ist ein sehr pro­ble­ma­ti­scher Begriff, weil er vor­gaukelt, dass Wis­sen­schaft ten­denzfrei sei. Das Gegenteil ist der Fall, denn überall gibt es bestimmte For­schungs­in­ter­essen, gerade dort, wo finan­zielle Abhän­gigkeit besteht. Wie alle anderen For­schungs­in­stitute ist auch das Institut für Syn­di­ka­lis­mus­for­schung par­teiisch und agiert mit wis­sen­schaft­lichen Methoden.

Was ver­stehen Sie dar­unter?

Wis­sen­schaften zeichnen sich vor allem durch Trans­parenz und Über­prüf­barkeit aus. Das Dar­ge­legte muss in seiner Sub­stanz und in seiner quel­len­tech­ni­schen Her­kunft nach­voll­zogen werden können. Saubere Recherche, Quel­len­kritik und darauf auf­bauende logische Schluss­fol­ge­rungen sind das A und O des wis­sen­schaft­lichen Arbeitens. Eine größt­mög­liche Unvor­ein­ge­nom­menheit und Offenheit, auch poli­tisch unbe­quemen Ergeb­nissen gegenüber, ist gerade für Bewe­gungs­his­to­riker bedeutend, wenn sie keine rein apo­lo­ge­ti­schen Abhand­lungen fabri­zieren wollen. Wis­sen­schaft ist in erster Linie Selbst­er­kenntnis und scheut nicht die kri­tische Rück­kopplung an die aktuelle basis­ge­werk­schaft­liche Aus­richtung. Zusätzlich liefert sie his­to­risch-theo­re­tische Erkennt­nisse, die für die Agi­tation von unmit­tel­barem Wert sind.

Sie betonten sehr stark den Bezug auf syn­di­ka­lis­tische Strö­mungen, die unab­hängig von Groß­or­ga­ni­sa­tionen agiert haben. Besteht da nicht die Gefahr, deren poli­tische Fehl­ein­schät­zungen zu über­sehen?

Es geht nicht nur um Ein­schät­zungen, sondern am span­nendsten sind die dama­ligen Dis­kus­sionen und die teils von­ein­ander abwei­chenden Mei­nungen. Denn diese wie­der­holen sich bis in die heutige Zeit nur allzu oft. Wenn das Über­leben der Bewegung an poli­ti­schen Fehl­ein­schät­zungen gescheitert wäre, könnten wir sehr glücklich sein, weil wir nütz­lichen Ant­worten näher wären. Es ist leider schlimmer: Sie schei­terten, obwohl sie eine sehr intel­li­gente und auch fle­xible Politik betrieben.

Sie haben sehr gut die mili­ta­ris­ti­schen und natio­na­lis­ti­schen Erklä­rungen füh­render Mit­glieder der Zen­tral­ge­werk­schaften her­aus­ge­ar­beitet. Aber gab es nicht auch in Deutschland kriegs­be­für­wor­tende Äuße­rungen von syn­di­ka­lis­ti­schen Gewerk­schaftern vor und im Ersten Welt­krieg, wie sie ja aus Frank­reich und Italien sehr wohl bekannt sind?

Für meine Studie »Syn­di­ka­lismus in Deutschland 1914−1918« habe ich die syn­di­ka­lis­tische Presse und weitere Quellen sorg­fältig aus­ge­wertet. Kriegs­be­für­wor­tende Äuße­rungen wären mir dabei sicherlich ins Auge gesprungen. Aber es gab sie nicht. Die syn­di­ka­lis­tische Orga­ni­sation in Deutschland, die »Freie Ver­ei­nigung deut­scher Gewerk­schaften«, wandte sich gegen die inter­na­tional sehr bedeu­tenden Genossen, die im »Manifest der 16« für die Alli­ierten Partei ergriffen. Man darf aller­dings nicht deren Beweg­gründe ver­schweigen, weil man der Sache dann nicht auf den Grund geht. Ent­scheidend war die Tat­sache, dass fran­zö­sische Dele­ga­tionen von den deut­schen Zen­tral­ge­werk­schaften in schroffer und belei­di­gender Weise abge­wiesen wurden, weil sie gegen den Krieg die gemeinsame inter­na­tionale Aktion des Pro­le­ta­riats vor­schlugen. Die deutsche sozi­al­de­mo­kra­tische Gewerk­schafts­be­wegung wollte sich nicht daran betei­ligen, den Krieg zu ver­hindern, im Gegenteil erhoffte sie sich, von einer Nie­derlage der sozialistischen/​syndikalistischen Gewerk­schafts­be­wegung pro­fi­tieren zu können. Ähnlich wie nach der Nie­derlage der Pariser Commune 1871, in deren Folge die mar­xis­tische und sozi­al­de­mo­kra­tische Strömung innerhalb der »Ersten Inter­na­tionale« Ober­wasser gewann, mit fatalen welt­ge­schicht­lichen Folgen und vielen Mil­lionen Kriegs­toten.

Dieser Allianz aus sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Zen­tral­ge­werk­schaften und deut­schem Mili­ta­rismus hofften einige Syn­di­ka­listen und Anar­chisten aus roma­ni­schen Ländern durch Par­tei­nahme für die alli­ierten Mächte Einhalt zu gebieten. Man muss nicht ihrer Meinung sein, aber ihre Argu­men­tation ist spä­testens mit den Kon­ti­nui­täts­linien zur Nazi­dik­tatur und dem zweiten großen Krieg nicht von der Hand zu weisen. Die Befür­worter der Alli­ierten, dar­unter auch Peter Kro­potkin, waren kei­neswegs Befür­worter des Krieges und das legten sie in ihrem Manifest auch aus­führlich dar. In Anbe­tracht eigener inter­na­tio­naler Schwäche lag die Wahl des »klei­neren Übels« nahe.

Welche Bedeutung haben Ihre For­schungen in einer Zeit, in der Gewerk­schaften für viele Men­schen ein Relikt aus einer ver­gan­genen Zeit sind?

Ein Haupt­ge­sichts­punkt liegt sicherlich darin, den Gewerk­schafts­be­griff über­haupt zu defi­nieren. Dieser ist heute anders gelagert, als vor über 100 Jahren. Wir denken, es ist ein Irrtum, ihn auf sozi­al­part­ner­schaft­liche und tarif­fähige Orga­ni­sa­tionen zu begrenzen. Aus einem anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Ver­ständnis heraus gibt es im Wesent­lichen neben den gelben, also unter­neh­mer­freund­lichen Gewerk­schaften, kämp­fe­rische – zum Bei­spiel die GdL – und revo­lu­tionäre Gewerk­schaften. Revo­lu­tionäre Gewerk­schaften kämpfen nicht nur für bessere Arbeits- und Lebens­be­din­gungen, sondern für die Ein­führung einer freien und sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft. Unsere For­schungen sollen sowohl die Vor­teile als auch die Auf­gaben von revo­lu­tio­nären Gewerk­schaften auf­zeigen, ihre Beschaf­fenheit, ihre Methoden, Mög­lich­keiten und Grenzen ihrer Ent­faltung. Es geht stets um Alter­na­tiven in der Orga­ni­sation von Lohn­ab­hän­gigen und darum, der eta­blierten Herr­schaft intel­lek­tuell und stra­te­gisch nicht mehr hin­ter­her­zu­hinken.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​3​8​/​5​2​7​0​7​.html

Interview: Peter Nowak

Mehr Infor­ma­tionen zum Institut:

www​.syn​di​ka​lis​mus​for​schung​.info und

www​.syn​di​ka​lis​mus​for​schung​.word​press​.com