Jagd auf Roter Oktober

Der Rummel zum Jah­restag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Okto­ber­re­vo­lution wirklich inter­essant ist

»Hun­derte Akti­visten stürmten den Reichstag von Berlin«[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunst­aktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der ange­kün­digte Reichs­tags­sturm war eine kleine Kund­gebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

„Jagd auf Roter Oktober“ wei­ter­lesen

Sturm im Wasserglas am 9. Mai

Flop für zwei extrem rechte Ver­an­stal­tungen am Samstag in Berlin in der Nähe des Reichstags.

„Hoch­verrat im Bun­destag. Wir zeigen am 9.Mai am Reichstag Gesicht. An dem Tag rechnen wir mit der Regierung ab.“ Mit solchen Parolen hatte das Spektrum der Reichs­bür­ger­be­wegung für den ver­gan­genen Samstag zum Sturm auf den Reichstag auf­ge­rufen. Über eine App sollte das Start­signal für den Sturm gegeben werden. Doch es wurde ein Sturm im Was­serglas. „Die Revo­lution ist nicht erfolgt, weil viele auf­ge­halten worden sind“, hieß es am Tag danach auf der Facebook-Seite. Auf eine Kleine Anfrage der Links­fraktion erklärte die Bun­des­re­gierung, einer der beiden Anmelder der Demons­tration sei ein NPD-Mit­glied.

In Sicht­weise des Reichstags fand am Samstag eine weitere extrem rechte Kund­gebung unter den Motto „1000 000 Stimmen gegen die Isla­mi­sierung und Ame­ri­ka­ni­sierung Europas“ statt. Gerade mal 400 Men­schen fanden sich dort zusammen. Zu den Rednern gehörten der „Compact“-Herausgeber Jürgen Elsässer und der Vor­sit­zende der von „pro-Deutschland“ Manfred Rouhs, die gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Deutsch­lands wet­terten. Ein wei­terer Redner, der ehe­malige Thü­ringer AfD-Land­tags­kan­didat Heiko Ber­nardy, hatte auf einer Sügida-Kund­gebung am 26. Januar Grüne und SPD als „Feinde des Volkes“ und „links­ra­di­kales Lum­penpack“ bezeichnet. Darauf distan­zierte sich die AfD von ihm. Victor Seibel aus Kassel, der öfter auf Kund­ge­bungen der Endgame-Bewegung auf­ge­treten ist, beschwor auf der Ber­liner Kund­gebung den ger­ma­ni­schen Geist.

Angekündigter Besuch der „Nachtwölfe“ fällt aus

Die Ver­an­stal­tungs­teil­nehmer unter­stützten die Redner mit Sprech­chören wie „Lügen­presse“ und „Volks­ver­räter“. Neben Kame­rad­schafts­mit­gliedern aus Thü­ringen war auch die Ber­liner NPD im Publikum. Die „Iden­titäre Bewegung“ Berlin-Bran­denburg ver­teilte Flug­blätter mit der Parole: „Unsere Losung heißt Heimat, Freiheit, Tra­dition“. Andere Teil­nehmer machten ihre Gesinnung durch Auf­schriften auf T-Shirts deutlich. „Wo Unkraut wächst, muss gejätet werden“, „Unser Leben, unser Land, maxi­maller Wider­stand“ war dort zu lesen.

Nach einer Stunde ver­ließen viele vor­zeitig die Kund­gebung. Da war klar geworden, dass der ange­kün­digte Besuch der rus­si­schen Motor­rad­gruppe „Nacht­wölfe“ aus­fallen wird. Die Ver­an­stalter hatten von der Bühne immer wieder Hoff­nungen auf die Ankunft der Nacht­wölfe gemacht. Schließlich hatten die sich in Torgau mit dem Dresdner Pegida-Mit­be­gründer Lutz Bachmann getroffen. Doch der wird mitt­ler­weile auf rechten Inter­net­seiten für den Flop der Kund­gebung am 9. Mai ver­ant­wortlich gemacht. Bachmann habe die Ber­liner Kund­gebung als Kon­kurrenz gesehen und nicht dafür mobi­li­siert. So hat die Kund­gebung zu einer wei­teren Zer­split­terung des Pegida-Spek­trums geführt.

http://​www​.bnr​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​a​k​t​u​e​l​l​e​-​m​e​l​d​u​n​g​e​n​/​s​t​u​r​m​-​i​m​-​w​a​s​s​e​r​g​l​a​s​-​a​m​-​9-mai

Peter Nowak

Sturm auf den Reichstag scheiterte kläglich

Rechtsextreme Demo vor dem Hauptbahnhof mit weit weniger Teilnehmern als erwartet / »Nachtwölfe«-Rocker bleiben der Veranstaltung fern

Aus dem von Rechten groß ange­kün­digten Protest gegen Isla­mi­sierung und Ame­ri­ka­ni­sierung wurde nichts. Auf der Kund­gebung am Samstag fanden sich nur knapp 400 der erwar­teten »1000 Stimmen« ein.

»Volks­ver­räter. Lügen­presse. Wir sind das Volk«. Diese Parolen skan­dierten am Sams­tag­nach­mittag rund 400 Teil­nehmer einer rechten Kund­gebung vor dem Ber­liner Haupt­bahnhof. Auf der anderen Seite demons­trierten eben so viele Anti­fa­schisten gegen den rechten Auf­marsch. Sie pfiffen und zeigten Trans­pa­rente, mit denen sie sich gegen Neo­nazis und Ras­sismus wandten. Unter dem Motto »Gemeinsam für Deutschland« nutzten die Rechten den 70. Jah­restag des Kriegs­endes, um die alten Parolen zu wie­der­holen.

Den Ton gab der erste Redner vor, der sich mit den Worten vor­stellte: »Mein Namen ist Jürgen Elsässer, meine Ziel­gruppe ist das Volk«. Dass »die Anglo­ame­ri­kaner seit 100 Jahren Krieg gegen Europa führen« und Deutschland von Asyl­su­chenden über­schwemmt werde, wurde von fast allen Rednern wie­derholt. Der Vor­sit­zende der rechts­po­pu­lis­ti­schen Ver­ei­nigung Pro Deutschland, Manfred Rouhs, lamen­tierte über Zer­set­zungs­kam­pagnen gegen deutsche Patrioten. Eine Red­nerin beklagte, Deutschland befinde sich seit 1945 in einen »Teu­fels­kreis von Unter­werfung, Selbst­zensur und Lüge«. Viktor Seibel aus Kassel, der sich auf der Kund­gebung als Russ­land­deut­scher vor­stellte und in den letzten Monaten als Redner bei den »Enga­gierten Demo­kraten gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Europas« (Endgame) her­vor­ge­treten ist, beschwor den Geist der »ger­ma­ni­schen Freiheit«. Jemand, der sich Heiko von der Pegida-Thü­ringen nannte, echauf­fierte sich, dass ein Kom­munist in dem Bun­desland Minis­ter­prä­sident, eine FDJ-Sekre­tärin Bun­des­kanz­lerin und ein DDR-Begüns­tigter Bun­des­prä­sident sein kann.

Etwas ver­loren stand ein junges Paar mit einer Israel­fahne auf dem Platz. »Wir wollen uns als Juden mit Pegida soli­da­ri­sieren, weil wir gegen Isla­mi­sierung sind, aber mit der NPD wollen wir nichts zu tun haben«, meinte ein junger Mann. Neben Kame­rad­schaften aus Thü­ringen waren Mit­glieder der NPD auf dem Platz ver­sammelt. Die »Iden­titäre Bewegung Berlin-Bran­denburg« ver­kündete auf ihren Flug­blättern: »Unsere Losung heißt Heimat, Freiheit, Tra­dition.« Kund­ge­bungs­teil­nehmer machten ihre Gesinnung durch Auf­schriften auf T-Shirts und Bannern deutlich.

Die Teil­neh­merzahl lag weit unter den Erwar­tungen. Während die Orga­ni­sa­toren vor einigen Tagen noch mit meh­reren Tausend Teil­nehmern rech­neten, wurde die geringe Zahl mit dem Bahn­streik erklärt. Auch die groß ange­kün­digten rus­si­schen Rocker der Nacht­wölfe ließen sich am Bahnhof nicht sehen. Obwohl mehrere Redner während der Kund­gebung immer wieder die Hoffnung äußerten, dass die rus­si­schen Biker noch auf­tauchen würden. Im Publikum wuchs der Unmut. »Die wollen nur ver­hindern, dass der Platz vor dem Ende der Kund­gebung leer ist«, meinte eine Frau. Für den 20. Juni ruft die Initiative »Wider­stand Ost West« erneut alle »Patrioten« zu einer Demons­tration »gegen isla­mi­schen und links­ra­di­kalen Faschismus« nach Frankfurt am Main.