Uniklinik Düsseldorf: Patienten solidarisieren sich mit streikendem Klinikpersonal

Dabei wird auch das neue Gesicht der Arbei­ter­be­wegung in Zeiten nach dem Ende der großen Fabriken deutlich: Es ist nicht mehr weiß und männlich

Seit zwei Monaten streikt das Per­sonal der Uni­klinik Düs­seldorf für mehr Per­sonal und Ent­lastung bei ihrer Arbeit. Hoch­rangige Kli­nik­mit­ar­beiter haben mitt­ler­weile in einem Offenen Brief den Minis­ter­prä­si­denten von NRW zur Ver­mittlung aufgefordert[1]:

»Es berührt uns zutiefst, seit Wochen die gra­vie­renden Folgen des Streiks für unsere Pati­enten hilflos erleben zu müssen«, schreiben die Ärzte jetzt in dem offenen Brief. Die Not­auf­nahme sei zeit­weise von der Not­fall­ver­sorgung abge­meldet, wodurch Ein­schrän­kungen für Pati­enten ent­stehen könnten.

Ärz­te­Zeitung

Jetzt bekommen die Strei­kenden auch Unter­stützung von den Pati­enten. Auf Initiative des Geschäfts­führers der Stiftung ethecon Axel Köhler-Schnura[2] ver­fassten 135 ehe­malige und aktuelle Kli­nik­pa­ti­enten einen Solidaritätsaufruf[3] mit den Strei­kenden.

Wir sind empört über die skan­dalöse Über­lastung und Über­for­derung des Per­sonals, über extrem man­gelnde Ent­lohnung, über unhaltbare Arbeits­be­din­gungen. Wir ver­ur­teilen, dass die Lei­tungen der Uni Klinik und ihrer Tochter-Gesell­schaften nicht dafür sorgen, dass genügend Per­sonal zur Ver­fügung steht und in ange­mes­sener Sorgfalt und Qua­lität gear­beitet werden kann. Es ist ein Skandal, dass bei den Geschäfts­füh­rungen der Uni Klinik Düs­seldorf und ihrer Tochter-Gesell­schaften betriebs­wirt­schaft­liche Über­le­gungen – wirt­schaft­lichkeit, Rendite und Profit – im Zentrum stehen und nicht das Wohl der Pati­en­tInnen.

Aus dem Soli­da­ri­täts­brief mit den Strei­kenden

Aus Per­so­nalnot vor das Bett gepinkelt

Im Gespräch mit Tele­polis nennt Axel Köhler-Schnura ein prä­gnantes Bei­spiel, wie die desolate Per­so­nal­si­tuation die Rechte der Pati­enten beein­trächtigt.

Wenn, wie eine mit­un­ter­zeich­nende Pati­entin berichtete, dass sie dringend auf die Toi­lette muss, aber wegen der Krankheit nicht kann, und niemand in ange­mes­sener Zeit auf den Notruf reagiert, und dann vor das Bett uri­nieren muss, was kann denn dann sonst noch pas­sieren?

Axel Köhler-Schnura

Neben dem Offenen Brief unter­stützt die Pati­en­ten­in­itiative die Strei­kenden auch finan­ziell und beteiligt sich an den Kund­ge­bungen. Die Initiative ist eine wichtige Soli­da­ri­täts­aktion, weil so ver­hindert wird, dass es der Kli­nik­leitung gelingt, Pati­enten und Per­sonal zu spalten. Es gab bereits in den letzten Jahren Soli­da­ri­täts­ak­tionen von außer­be­trieb­lichen Linken[4] mit den Strei­kenden an der Ber­liner Charité.

Hier wird auch deutlich, dass die Arbeits­kämpfe in den Kli­niken in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle bei den bun­des­weiten Arbeitskämpfen[5] spielen werden. Lange Zeit galt die Arbeit in Kli­niken und der Pflege als Ehrenamt, Streiks waren schon deshalb kaum möglich, weil man die Pati­enten nicht im Stich lassen will.

Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Quer durch die Republik gab und gibt es Arbeits­kämpfe von Kli­nik­per­sonal, die deutlich machen, dass es sich hier um Lohn­arbeit handelt, die gut bezahlt werden muss. Es geht nicht nur um Lohn, es geht immer mehr um mehr Per­sonal selbst. Die Beschäf­tigten sind nicht mehr bereit, Pflege am Limit[6] zu leisten.

Das neue Gesicht der Arbei­ter­be­wegung

In den Aus­ständen wird auch das neue Gesicht der Arbei­ter­be­wegung in Zeiten nach dem Ende der großen Fabriken deutlich. Es ist nicht mehr weiß und männlich (rein deutsch war auch die Beleg­schaft in der for­dis­ti­schen Phase des Kapi­ta­lismus nicht). Im Bereich der Pflege gibt es besonders viele weib­liche Arbeits­kräfte, die lange Zeit auch von großen Teilen der tra­di­tio­nellen Arbei­ter­be­wegung nicht so richtig als gleich­wertig aner­kannt wurden.

Das beginnt sich zu ändern. Schon vor einigen Jahren hat die Bewegung Carerevolution[7] auf die zuneh­mende Bedeutung der Pflege- und Sor­ge­berufe gelegt. Die Aus­stände in den Kliniken[8] sind ein Teil dieser Care­revo­lution und die Soli­da­ri­täts­ak­tionen können durchaus der Vor­schein sein für eine neue Soli­da­rität in Lohn­ar­beits­ver­hält­nissen.

Denn klar ist: Arbeits­kämpfe in Kli­niken, Kitas etc. können nicht gegen, sondern nur mit den Pati­enten bzw. Eltern und Kinder gewonnen werden. In einem Stahlwerk konnten die Strei­kenden noch singen. Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will. Für die Streiks der neuen Arbei­ter­be­wegung ist die Soli­da­rität mit der Bevöl­kerung und vor allem der Nut­ze­rinnen und Nutzer ihrer Dienst­leis­tungen die größte Stärke.

URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​4​1​37235
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​U​n​i​k​l​i​n​i​k​-​D​u​e​s​s​e​l​d​o​r​f​-​P​a​t​i​e​n​t​e​n​-​s​o​l​i​d​a​r​i​s​i​e​r​e​n​-​s​i​c​h​-​m​i​t​-​s​t​r​e​i​k​e​n​d​e​m​-​K​l​i​n​i​k​p​e​r​s​o​n​a​l​-​4​1​3​7​2​3​5​.html

Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.aerz​te​zeitung​.de/​p​r​a​x​i​s​_​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​k​l​i​n​i​k​m​a​n​a​g​e​m​e​n​t​/​a​r​t​i​c​l​e​/​9​6​9​2​6​4​/​u​n​i​k​l​i​n​i​k​u​m​-​d​u​e​s​s​e​l​d​o​r​f​-​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​l​a​n​d​e​s​v​a​t​e​r​-​d​r​u​c​k​m​i​t​t​e​l​.html
[2] https://​www​.ethikbank​.de/​d​i​e​-​e​t​h​i​k​b​a​n​k​/​u​n​s​e​r​e​-​k​u​n​d​e​n​-​i​m​-​p​o​r​t​r​a​e​t​/​a​x​e​l​-​k​o​e​h​l​e​r​-​s​c​h​n​u​r​a​.html
[3] http://​www​.labournet​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​8​/​0​8​/​S​t​r​e​i​k​_​U​n​i​k​l​i​n​i​k​D​_​O​f​f​e​n​e​r​B​r​i​e​f.pdf
[4] https://​inter​ven​tio​nis​tische​-linke​.org/​b​e​i​t​r​a​g​/​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​t​-​m​i​t​-​d​e​m​-​s​t​r​e​i​k​-​d​e​r​-​c​h​arite
[5] http://​mehr​-kran​ken​haus​per​sonal​-bremen​.de/​2​0​1​8​/​0​7​/​0​5​/​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​s​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​m​i​t​-​d​e​n​-​s​t​r​e​i​k​e​n​d​e​n​-​b​e​s​c​h​a​e​f​t​i​g​t​e​n​-​d​e​r​-​u​n​i​k​l​i​n​i​k​e​n​-​d​u​e​s​s​e​l​d​o​r​f​-​u​n​d​-​e​ssen/
[6] https://​thue​ringen​.verdi​.de/​t​h​e​m​e​n​/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​+​+​c​o​+​+​d​6​9​3​6​b​9​0​-​7​2​b​b​-​1​1​e​7​-​b​8​8​1​-​5​2​5​4​0​0​4​23e78
[7] https://​care​-revo​lution​.org/
[8] https://​de​.labournet​.tv/​k​a​e​m​p​f​e​-​i​m​-​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​s​b​e​reich

Kontroverse bei Amazon

Leipzig. Bei Amazon in Leipzig geben Mit­ar­beiter der Stamm­be­leg­schaft an, in den letzten Wochen ver­stärkt zur Kün­digung gedrängt worden zu sein. »Beschäf­tigte wurden wegen zu vieler krank­heits­be­dingter Fehl­zeiten zu Gesprächen zitiert, um auf sie Druck abbauen«, erklärte ein gewerk­schaftlich aktiver Amazon-Beschäf­tigter, der in den letzten Jahren als Streik­führer in Leipzig am Arbeits­kampf für einen Tarif­vertrag nach den Bedin­gungen des Ein­zel­handels beteiligt war. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Der für Amazon zuständige Sekretär der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di Thomas Schneider bestä­tigte gegenüber »nd« die Angaben des Beschäf­tigten. Der Druck auf die Coreteam genannte Stamm­be­leg­schaft habe in der letzten Zeit zuge­nommen.

Viele Kol­legen seien ver­un­si­chert und haben ange­botene Abfin­dungen ange­nommen. Aller­dings gibt es auch eine Anzahl von Kol­legen, die mit Unter­stützung von ver.di gegen die Kün­digung klagen. Der Betriebsrat habe in der Regel die Zustimmung zu den Ent­las­sungen ver­weigert, betont Schneider. »Das Geld, das Amazon für die Abfin­dungen von Kol­legen ausgibt, damit sie den Betrieb ver­lassen, wäre viel besser in einem Tarif­vertrag angelegt, wie ihn die Beschäf­tigten seit Jahren fordern«, kri­ti­siert Schneider.

David Johns vom Amazon-Soli­da­ritäts-Bündnis, das von außerhalb den Kampf um einen Tarif­vertrag unter­stützt, befürchtet, dass die Ver­rin­gerung des Kern­teams vor allem auf streik­er­fahrene Kol­legen zielt und so Arbeits­kämpfe erschweren soll. Hat das Unter­nehmen damit Erfolg, könnten auch andere Amazon-Standorte von der Aus­dünnung der Stamm­be­leg­schaft betroffen sein, befürchtet Johns.

Anette Nachbar von der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­teilung von Amazon Deutschland bestreitet gegenüber »nd« eine Stra­tegie der zuneh­menden Ent­lassung der Stamm­be­leg­schaft in Leipzig und ver­weist darauf, dass ihr Unter­nehmen 2017 2000 neue Voll­zeit­stellen in Deutschland plane.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​6​6​1​9​.​k​o​n​t​r​o​v​e​r​s​e​-​b​e​i​-​a​m​a​z​o​n​.html


Hinweis auf Labournet Germany:

http://​www​.labournet​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​l​l​t​a​g​/​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​/​j​a​g​d​_​a​u​f​_​k​r​a​n​k​e​/​k​r​a​n​k​e​n​s​t​a​n​d​/​l​e​i​p​z​i​g​-​k​o​n​t​r​o​v​e​r​s​e​-​b​e​i​-​a​m​azon/
Peter Nowak

Weihnachten soll wehtun

Mit Spontanität wollen die Amazon-Arbeiter den Konzern unter Druck setzten

Eine große Kam­pagne gegen die Arbeits­be­din­gungen bei Amazon vor Weih­nachten sucht man in diesem Jahr ver­gebens. Das liegt jedoch nicht an Untä­tigkeit sondern an einer neuen Taktik der Gewerk­schaft.

Bis Wei­hachten wird an den Amazon-Stand­orten Rheinberg, Werne und Koblenz gestreikt. Der Aus­stand begann am 21.Dezember. Damit ist der Kampf der Amazon-Beschäf­tigten für einen neuen Tarif­vertrag nach den Kon­di­tionen des Ein­zel­handels wieder neu ent­brannt. In den ver­gan­genen Jahren fand der Arbeits­kampf vor allem in den Weih­nachts­tagen ein großes öffent­liches Interesse. Schließlich ist der Online­konzern in dieser Zeit besonders druck­emp­findlich, weil sehr viele Men­schen Bestel­lungen auf­geben.

Im November und der ersten Dezem­ber­hälfte wurde auch in diesem Jahr an 12 Tagen an unter­schied­lichen Amazon-Stand­orten die Arbeit nie­der­gelegt. Dass diese Aus­stände medial wenig Beachtung fanden, lag auch an der ver­än­derten Streik­taktik der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di. »Es werden nicht alle Streiks per bun­des­weiter Pres­se­mit­teilung bekannt gemacht. Wenn in einem Lan­des­bezirk gestreikt wird, wird dies über eine Lan­des­pres­se­mit­teilung bekannt gegeben«, erklärt Thomas Voss vom verdi-Fach­be­reich Handel gegenüber »nd«. Die neue Streik­taktik habe sich aber bewährt, meint der Gewerk­schafts­se­kretär. Die fle­xible Stra­tegie, bei der Streiks sehr kurz­fristig bekannt gemacht werden, mache es für Amazon schwer, zu reagieren und sich auf den Aus­stand vor­zu­be­reiten. »Das führt zu spür­baren Stö­rungen der Arbeits­ab­läufe mit Aus­wir­kungen auf die Aus­lie­ferung und treibt die Kosten für Amazon in die Höhe. Denn das Unter­nehmen hat an vielen Stand­orten Ersatz­be­schäf­tigte ein­ge­stellt, die dann nicht zum Einsatz kommen, weil wir zum ange­nom­menen Zeit­punkt eben nicht streiken«, betont Voss. Dabei seien allein in Leipzig im November rund 7000 soge­nannte unpro­duktive Stunden ange­fallen.

Dass Amazon manchmal mehr Geld aus­geben muss, wenn nicht gestreikt wird, bestätigt auch David Johns vom Streik-Soli­da­ri­täts­bündnis Leipzig gegenüber »nd«. Die zusätzlich ein­ge­stellten Ersatz­be­schäf­tigten müssen ebenso bezahlt werden, wie die regu­lären Mit­ar­beiter. Wenn es dann doch zu ver­län­gerten Mit­tags­pausen kommt, wie eine der fle­xiblen Arbeits­kampf­me­thoden genannt wird, sei die Stimmung gut und es würden auch sich auch Beschäf­tigte daran betei­ligen, die vorher abseits standen.

Das außer­be­trieb­liche Bündnis unter­stützt seit mehr als drei Jahren die Beschäf­tigten, die für bessere Arbeits­be­din­gungen kämpfen.Es wurde zum Vorbild für Soli­bünd­nisse an anderen Amazon-Stand­orten. Das letzte bun­des­weite Treffen der Soli­da­ri­täts­gruppen fand im November 2016 am Standort Bad Hersfeld statt. Dort wurde auch das Konzept des Kon­su­men­ten­streiks ent­wi­ckelt. Kunden sollten Waren bestellen und anschließend von der Mög­lichkeit der Rück­sen­dungen gebrauch machen. Dabei sollten die Sen­dungen mit Unter­stüt­zungs­be­kun­dungen der Strei­kenden ver­sehen werden.

»Wir waren orga­ni­sa­to­risch nicht in der Lage, diese Kunden-Kam­pagne so aus­zu­weiten, dass sie sich für Amazon auch finan­ziell bemerkbar macht«, meint Johns. Ver.di bietet für ihre Aktion Auf­kleber an, die für die Rück­sen­dungen ver­wendet werden können. Darauf heißt es unter anderem: »«

»Eine präzise Aus­wertung können wir nicht bieten. Wir wissen aber, dass sie auf großes Interesse bei Kunden stößt und der Arbeit­geber Amazon sie sehr wohl regis­triert«, meint Thomas Voss. Über die weitere Per­spektive des Amazon-Streiks will sich der Gewerk­schafts­se­kretär nicht äußern. Nur soviel, der Kampf werde wei­ter­gehen. »So lange bei Amazon kein Tarif­vertrag exis­tiert, muss sich das Unter­nehmen jederzeit auf Arbeits­kampf­maß­nahmen und auch weitere Streiks ein­stellen. Und wir werden bei unserer der­zei­tigen fle­xiblen Streik­taktik bleiben, weil wir sie als sehr erfolg­reich ansehen«, stellt Voss klar.

Auch das Soli­bündnis hat seine Arbeit kei­neswegs ein­ge­stellt, selbst wenn die Homepage seit einem Jahr nicht erneuert wurde. »Wir haben in letzter Zeit mehr mit den Kol­legen vor Ort gear­beitet, als bun­des­weite Kam­pagnen gemacht«, begründet David John diese digitale Inak­tua­lität. Das Bündnis bereitet das am pol­ni­schen Amazon-Standort Wroclaw geplante Treffen der Beschäf­tigten vor. Dort wollen Amazon-Beschäf­tigte aus ver­schie­denen Ländern darüber beraten, wie sie Amazon trans­na­tional unter Druck setzen können.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​3​6​2​8​1​.​w​e​i​h​n​a​c​h​t​e​n​-​s​o​l​l​-​w​e​h​t​u​n​.html

Von Peter Nowak

Seminar der Amazon-Streiksolidarität in Bad Hersfeld

Vom 27. bis 29. November 2015 ver­sam­melten sich rund 20 soli­da­rische Aktivist_​innen und Beschäf­tigte von Amazon und anderen Betrieben im hes­si­schen Bad Hersfeld, um Erfah­rungen aus­zu­tau­schen und Stra­tegien der Streik­so­li­da­rität zu dis­ku­tieren. Orga­ni­siert wurde das Treffen von den Streik­so­li­kreisen in Kassel und Leipzig. Mit dabei waren Streikunterstützer_​innen, Amazon-Kol­le­g_innen und Betriebsräte aus dem ganzen Bun­des­gebiet. Schwer­punkte der Dis­kussion, waren neben den Arbeits­kämpfen bei Amazon auch die Streiks der ver­gan­genen Monate in den unter­schied­lichen Branchen. Da auch mehrere Aktivist_​innen des Netz­werkes Soziale Arbeit aus Frankfurt/​Main anwesend waren, spielten die Arbeits­kämpfe im Care­be­reich in der Dis­kussion eine große Rolle. Am Sams­tag­abend wurde über anti­ras­sis­tische Stra­tegien im Betrieb dis­ku­tiert. Anlass waren die Beschäf­tigung von Geflüch­teten in den Amazon-Stand­orten Bad Hersfeld und Leipzig. Ein Fort­set­zungs­treffen soll es im Frühjahr 2016 geben.

aus:

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 611 / 15.12.2015

https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​1​1​/​3​2.htm

Peter Nowak

Mehr Prämien, mehr Streikgeld, mehr Rücksendungen?

Im Amazon-Tarifstreit ist das Weihnachtsgeschäft ein wichtiges Schlachtfeld – nun ruft ein Solidaritätskreis zum »Konsumentenstreik« auf

Der Online­riese will Streiks mit Prämien unter­laufen, die Gewerk­schaft stockt die Kriegs­kasse auf, soziale Initia­tiven mischen sich ein: Beim Amazon-Tarif­kampf geht es längst auch um Prin­zipien.

»Ver.di will Amazon das Weih­nachts­ge­schäft ver­derben«, titelte das Han­dels­blatt am 30. November. Das mag die Stra­tegie der Gewerk­schaft durchaus treffen. Nun, da die jähr­liche Ver­kaufs­saison so richtig in Fahrt zu geraten beginnt, häufen sich auch wieder die Aus­stände in der Dau­er­au­s­ein­an­der­setzung um die Ein­führung Tarif­ver­träge bei dem Giganten des Online­handels.

Bestreikt wurden jüngst wieder die Ver­sand­zentren Koblenz, Leipzig, Bad Hersfeld in Hessen, Graben in Bayern, Rheinberg und Werne in Nord­rhein-West­falen sowie der DVD-Ver­leiher und Video-Streaming-Dienstes Amazon Prime Instant Video Germany GmbH im schleswig-hol­stei­ni­schen Elmshorn. Im pol­ni­schen Wroclaw gab es eine Kund­gebung und eine Pres­se­kon­ferenz gegen schlechte Arbeits­be­din­gungen bei Amazon in Polen und aus Soli­da­rität mit den Arbeits­nie­der­le­gungen in Deutschland. Die Aktionen sollen fort­ge­setzt werden.

Nun tragen Konzern und Gewerk­schaft den Kampf um das Weih­nachts­ge­schäft auf mone­tärer Ebene aus. In den nächsten beiden Kalen­der­wochen zahle Amazon ein Antrittsgeld von je 100 Euro, um Arbei­tende bei Laune zu halten, so die »Säch­sische Zeitung« am Don­nerstag unter Berufung auf ver.di. Gewerk­schafts­fach­se­kretär Thomas Schneider kün­digte an, die Gewerk­schaft wolle ihrer­seits »beim Streikgeld nach­legen«.

Zudem bestä­tigte die Deutsch­land­zen­trale von Amazon in München dem Blatt, man werde in den Logis­tik­zentren einen »Bonus in der Weih­nachtszeit« anbieten. Für jede voll gear­beitete Schicht soll es »eine Prämie von zehn bis 20 Euro« geben. Hin­ter­grund dürfte sein, dass sich die Gewerk­schaft zunehmend darauf verlegt, mit Aus­ständen inmitten lau­fender Schichten zu beginnen, damit sich die Arbeit­geber schlechter auf die Streiks ein­stellen können.

Wird das Amazon-Management sein Ver­sprechen, Kunden pünktlich zu beliefern, halten können? Ein bun­des­weites Seminar der Amazon-Streik­so­li­da­rität am ver­gan­genen Wochenende in Bad Hersfeld rief nun die Kon­su­menten dazu auf, sich mit krea­tiven Methoden am Arbeits­kampf zu betei­ligen.

Funk­tio­nieren soll der »Kon­su­men­ten­streik« fol­gen­der­maßen: Zunächst wird bei Amazon Ware für min­destens 40 Euro bestellt. Anschließend sollen die kri­ti­schen Kunden von der groß­zü­gigen Umtausch­re­gelung bei Amazon Gebrauch machen: Ware kann innerhalb zweier Wochen nach Empfang auf Fir­men­kosten zurück­ge­schickt werden. Auf das Retour­paket sollen Gruß­bot­schaften oder Auf­kleber ange­bracht werden, die sich mit den Streiks soli­da­ri­sieren. Zudem ruft das Soli­bündnis dazu auf, Fotos von solchen Rück­sen­dungen ein­zu­schicken, die dann von der Soli­aktion auf Facebook ver­öf­fent­licht werden sollen.

Die Initiative, die strei­kenden Amazon-Beschäf­tigten helfen, bei DHL-Beschäf­tigten freilich auf weniger Begeis­terung treffen dürfte, geht von einem Leip­ziger Soli­da­ri­täts­kreis aus. Seit gut drei Jahren unter­stützt die mehr­heitlich stu­den­tische Gruppe den Streik. »Hier geht es um mehr als einen inner­be­trieb­lichen Arbeits­kampf. Es handelt sich um eine gesell­schaft­liche Aus­ein­an­der­setzung über die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten und leben wollen«, sagt ein Mit­glied der Gruppe zu »nd«. Es habe sich ein enger Kontakt zwi­schen Aktiven und Soli­kreis ergeben.

Die Initia­toren betonen, die Soli­aktion sei kein Boy­kott­aufruf: »Beschäf­tigte haben uns gesagt, wenn das Wort Boykott auf­taucht, würden sich viele Beschäf­tigte per­sönlich ange­griffen fühlen. Damit könnte das Management von Amazon einen Teil der Beleg­schaft gegen die Strei­kenden auf­hetzen,« erklärt ein Mit­glied des Leip­ziger Unter­stüt­zer­kreises. Eine kri­tische Kon­su­men­ten­aktion hin­gegen könnte ein Signal sein, dass die For­de­rungen nach einem Tarif­vertrag beim Online­händler gesell­schaft­liche Unter­stützung findet.

Bereits während jün­gerer Arbeits­kämpfe im Ein­zel­handel hatten sich kri­tische Kunden mit Strei­kenden soli­da­ri­siert. So wurde etwa im Juni 2008 für mehrere Stunden ein Dis­count­markt in Berlin blo­ckiert. Und als 2012 die schlechten Arbeits­be­din­gungen beim Inter­net­schuh­versand Zalando bekannt wurden, schnellten dort eben­falls die Retour­sen­dungen in die Höhe. In manchen Paketen lagen soli­da­rische Grüße.

Zalando ist direkter Nachbar von Amazon im bran­den­bur­gi­schen Brie­selang. Seit einiger Zeit ver­sucht die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di, auch hier in beiden Unter­nehmen mehr Mit­glieder zu gewinnen.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​9​3​5​2​9​.​m​e​h​r​-​p​r​a​e​m​i​e​n​-​m​e​h​r​-​s​t​r​e​i​k​g​e​l​d​-​m​e​h​r​-​r​u​e​c​k​s​e​n​d​u​n​g​e​n​.html

Peter Nowak