Die blinden Flecken im linken Migrationsdiskurs

Von Arbeits­mi­gration ist kaum die Rede und das hat poli­tische Kon­se­quenzen

Der uni­ons­in­terne Streit könnte sich ver­sach­lichen. »Merkel bleibt Kanz­lerin«, hieß es schon in einem Deutsch­landfunk-Kom­mentar. Gestritten wird zwi­schen den Uni­ons­par­teien jetzt vor allem über die Inte­gration des EU-Gipfels zur Migra­ti­ons­abwehr.

Flücht­lings­abwehr und nicht Inte­gration heißt die euro­päische Agenda

Denn, wenn er auch offi­ziell nicht so genannt wird, ging es bei dem Gipfel genau darum. Darüber sind sich CDU und CSU einig. Das ist auch der Grund, warum CSU-Poli­tiker jetzt wieder besonders her­aus­kehren, dass sie die euro­päische Lösung wollen[1] und auch nie gegen eine euro­päische Lösung[2] waren. Damit haben sie sogar Recht.

Es war ein Teil der Linken, die dem Merkel-Lager von Grünen bis zu Teilen der CDU auf den Leim geht, wenn sie wieder einmal Europa beschwören. Doch was heißt das denn eigentlich? Die Mani­pu­lation beginnt ja schon da, wo Europa und EU gleich­ge­setzt wird.

Zudem besteht der domi­nante Zug inner- wie außerhalb der EU in der Flücht­lings­abwehr. Kann sich jemand vor­stellen, dass es in der EU einen Inte­gra­ti­ons­gipfel gibt und hätte der auch nur eine rele­vante Unter­stützung?

»Ein Europa, das schützt« -[3] dieses Motto, mit dem Öster­reich seine EU-Rats­prä­si­dent­schaft über­nimmt, spricht da Bände. Gäbe es euro­päische Umfragen, hätte eine solche Agenda auch starke Mehr­heiten. Es ist wohlfeil, nun den angeb­lichen Ras­sismus großer Teile der Bevöl­kerung zu geißeln.

Wenn man nicht ver­steht, dass es diese Abschottung im Rahmen der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­ge­sell­schaft rationale Hal­tungs­weisen sind, bleibt eine solche Kritik mora­lisch und wird gerade die Men­schen nicht ansprechen, die am unteren Rande der Bevöl­kerung leben.

Es ist auf­fällig, dass von solchen sozialen und öko­no­mi­schen Fragen in dem viel dis­ku­tierten und kritisierten[4] Aufruf »Soli­da­rität statt Heimat«[5] kaum die Rede ist. Das IG-Metall-Vor­stands­mit­glied Hans-Jürgen-Urban begrüßt die Intention, kri­ti­siert aller­dings die Diktion des Aufrufs[6].

Für die Linke muss die Refugees-Welcome-Kultur, die schwächer geworden ist, aber noch nicht ver­lo­schen ist, der Aus­gangs­punkt ihrer Politik sein. Das ist für mich nicht ver­han­delbar, will die Linke nicht ihre Iden­tität ein­büßen. Es macht aber über­haupt keinen Sinn, schon die kleinsten Abwei­chungen von diesem Stand­punkt mit dem Bann­strahl des Ras­sismus zu ächten. Diese Art von Dis­kurs­feind­lichkeit ist arrogant und schlichtweg dämlich.

Hans-Jürgen Urban

Warum wir nicht von Arbeits­mi­gration geredet?

Besonders auf­fällig ist die Leer­stelle »Arbeits­mi­gration« in dem Aufruf »Soli­da­rität statt Heimat«. Dabei handelt es sich in der über­wie­genden Mehrheit der Migra­ti­ons­fälle aus Afrika und Asien um Arbeits­mi­gration, wie es sie seit Jahr­tau­senden gibt. Auch aus Deutschland sind noch bis vor 100 Jahren Tau­sende Men­schen auf der Suche nach einem bes­seren Leben migriert, wie es der Fil­me­macher Edgar Reitz in Die andere Heimat[7] am Bei­spiel des Huns­rücks doku­men­tierte.

Dass so wenig über den Aspekt der Arbeits­mi­gration geredet wird, liegt natürlich an den gesetz­lichen Rahmen. Alle Migranten fallen unter das Asyl­recht und nur dann haben sie über­haupt Chancen angehört zu werden. Doch damit wird sofort das Adjektiv hilflose und schutzlose Men­schen ver­bunden.

Doch tat­sächlich ist auch die aktuelle Arbeits­mi­gration aus Afrika und Asien eine Folge sehr ratio­naler Ent­schei­dungen der Migranten und ihrer Ver­wandten. Sie machen sich bewusst auf den oft gefahr­vollen Weg und kennen meistens die Risiken. In dem Film »Als Paul über das Meer kam«[8] wird diese rationale Risi­ko­ab­wägung nicht nur bei dem Prot­ago­nisten, sondern auch anderen Migranten sehr deutlich.

Es ist also über­wiegend falsch, diese Men­schen als hilfs­be­dürftige Men­schen, denen keine Wahl geblieben ist, zu infan­ti­li­sieren.

Trau­ma­tisch ist oft die Flucht

Das bedeutet aber auch, dass die Flucht kein undis­ku­tier­bares Schicksal ist. Es stellt sich schon die Frage, ob sich für die Migranten diese oft gefahr­volle Flucht lohnt, bei der nicht wenige das Leben ver­lieren oder trau­ma­ti­siert werden. Denn es stimmt natürlich, dass die Men­schen auf den Ret­tungs­schiffen trau­ma­ti­siert sind.

Aber das sind sie in der Regel eben nicht durch das Leben in ihren Her­kunfts­ländern, sondern durch die Erleb­nisse von Gewalt, Raub und Miss­handlung auf den Flucht­routen. Viele Migranten nehmen diese Gefahren auf sich, in der Hoffnung auf ein bes­seres Leben in Europa.

Nur ist das in den meisten Fällen eine Illusion und daran können noch so wohl­mei­nende Soli­da­ri­täts­aufrufe wenig ändern. Denn eigentlich müsste der Grundsatz gelten, dass kein Mensch in die Lage gebracht werden sollte, sein Leben in der Hoffnung auf bessere Lebens­be­din­gungen in der Ferne aufs Spiel zu setzen oder lebens­lange phy­sische und psy­chische Schäden davon zu tragen.

Recht auf ein wür­diges Leben auch im Her­kunftsland

Darüber wird aber in fast allen Soli­da­ri­täts­auf­rufen nicht geredet. Dass hieße nämlich, das Recht zu pro­pa­gieren, dass alle Men­schen auch in ihren Her­kunfts­ländern ein wür­diges Leben führen können. Niemand sollte unter gefahr­vollen Bedin­gungen migrieren müssen, weil die Arbeits- und Lebens­be­din­gungen in ihren Ursprungs­ländern so schlecht sind.

Das bedeutet, die unge­rechte Welt­wirt­schafts­ordnung muss ebenso zum Gegen­stand der Kritik werden wie die ein­hei­mische Ober­schicht der Länder, die sich oft nur selber berei­chert. Unter­stützt werden müsste eine Selbst­or­ga­ni­sierung der Men­schen in ihren Ländern in Form von Gewerk­schaften, Bauern- und Kon­su­men­ten­or­ga­ni­sa­tionen.

Die gab und gibt es in vielen Ländern des glo­balen Südens, werden aber durch die Migration vor allem junger Men­schen eher geschwächt als gestärkt (Die Stelle wurde korr­giert, zuvor hieß es falsch »eher gestärkt«, Anm. d. Red). Viele dieser Orga­ni­sa­tionen bemühen sich, die Situation in ihren Ländern so zu ver­ändern, damit die Men­schen nicht migrieren müssen.

Tat­sächlich zeigte sich immer wieder, dass in Ländern, in denen es Chancen für eine solche Ent­wicklung gibt, die Migration rück­läufig ist. Das zeigt sich in Rojava, wo viele kur­dische Migranten am Aufbau einer gerech­teren Gesell­schaft par­ti­zi­pieren wollen. Umge­kehrt zeigt sich, dass das Scheitern oder die gewaltsame Zer­schlagung solcher Modelle die Migration sprunghaft ansteigen lässt.

So nehmen Tau­sende Men­schen aus El Sal­vador viele Gefahren auf sich, um in die USA zu migrieren. Sie sehen in einem Land, wo die Gewalt der Jugend­gangs gewachsen ist, keine Per­spektive. Nicht wenige hatten Erfah­rungen in den starken sozialen und gewerk­schaft­lichen Bewe­gungen, die es in El Sal­vador, Mexiko und anderen zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Ländern in den 1980er Jahren gegeben hat.

Die Erfah­rungen brachten sie mit in die USA und wehrten sich auch dort gegen die aus­beu­te­ri­schen Arbeits­be­din­gungen. Der Fil­me­macher Ken Loach hat ihnen mit Brot und Rosen[9] ein Denkmal gesetzt.

In Soli­da­ri­täts­auf­rufen wie »Soli­da­rität statt Heimat« fehlt jeder Hinweis auf gewerk­schaft­liche Orga­ni­sierung und Soli­da­rität von Migranten. Das ist die fast logische Kon­se­quenz, wenn man Migration fast aus­schließlich mit Hilfs­be­dürf­tigkeit in Ver­bindung bringt und die Tat­sache, dass es sich über­wiegend um Arbeits­mi­gration handelt, aus­blendet.


»Flücht­linge rettet uns«

Dass es nicht wenigen, die sich so stark von Migration als Zen­tralachse linker Politik aus­sprechen, um die Erneuerung der Gesell­schaft in Deutschland geht, bringt ein Kom­men­tator im Neuen Deutschland mit dem Titel Flücht­linge rettet uns[10] auf den Punkt.

Es gibt gewiss ehren­wertere Gründe, Men­schen vor Krieg, Armut oder was auch immer Schutz zu gewähren, als der Schutz unserer eigenen Gesell­schaft. Aber auch zum Wohle unserer Gesell­schaft können wir nur hoffen, dass dieses Mil­lio­nenheer wirklich bereit­steht. Die For­derung nach offenen Grenzen bietet nicht nur Hoffnung für viele Flücht­linge, sie bietet auch Hoffnung für uns. Wem es ernst ist, mit dem gesell­schaft­lichen Zusam­menhalt, dessen For­derung kann nur lauten: Aus­länder rein gegen rechts!

Fabian Goldmann, Neues Deutschland

Schon vor einigen Jahr­zehnten kur­sierte der Slogan »Aus­länder, lasst uns mit diesen Deut­schen nicht allein«. So ver­ständlich er ist, so pater­na­lis­tisch ist auch der Wunsch oder die Vor­stellung, die Migranten sollen zur Libe­ra­li­sierung »unserer« Gesell­schaften bei­tragen.

Öko­nomen würden dann noch auf die Bedeutung migran­ti­scher Arbeits­kräfte ver­weisen, ohne die schon heute in manchen Sek­toren nichts mehr läuft. Doch die Migranten zahlen die Zeche in Trau­ma­ti­sie­rungen bei der Flucht, in Ent­rech­tungen in der EU, in der sie wie ein Paket zuge­wiesen werden. Wo sie leben wollen, spielt keine Rolle.

Für eine Linke hieße das, das Thema Arbeits­mi­gration und gewerk­schaft­liche Soli­da­rität in den Mit­tel­punkt zu stellen. Zudem muss die Frage erlaubt sein, ob es den­je­nigen, die mit so großer Verve allein die Frage der Migration so sehr fokus­sieren, wirklich immer der betrof­fenen Men­schen geht. Dann müsste min­destens gleich­be­rechtigt das Recht für ein wür­diges Leben in ihren Her­kunfts­ländern auf der Agenda stehen.

Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​4​0​95335
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​i​e​-​b​l​i​n​d​e​n​-​F​l​e​c​k​e​n​-​i​m​-​l​i​n​k​e​n​-​M​i​g​r​a​t​i​o​n​s​d​i​s​k​u​r​s​-​4​0​9​5​3​3​5​.html

Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.deutsch​landfunk​.de/​e​u​-​g​i​p​f​e​l​-​w​e​b​e​r​-​c​s​u​-​w​i​r​-​w​o​l​l​e​n​-​d​i​e​-​e​u​r​o​p​a​e​i​s​c​h​e​-​l​o​e​s​u​n​g​.​6​9​4​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​4​21465
[2] https://​www​.deutsch​landfunk​.de/​c​s​u​-​p​o​l​i​t​i​k​e​r​-​z​u​r​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​p​o​l​i​t​i​k​-​w​i​r​-​w​a​r​e​n​-​n​i​e​-​g​e​g​e​n​.​6​9​4​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​4​21716
[3] https://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​e​i​n​-​e​u​r​o​p​a​-​d​a​s​-​s​c​h​u​e​t​z​t​-​3​9​6​6​7​0​1​.html
[4] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​N​e​u​e​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​S​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​s​b​e​w​e​g​u​n​g​-​4​0​9​2​6​5​7​.html
[5] http://​soli​da​ritaet​-statt​-heimat​-kriet​.org
[6] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​a​n​t​i​-​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​e​i​n​e​-​v​e​r​s​t​e​c​k​t​e​-​a​genda
[7] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​a​n​t​i​-​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​e​i​n​e​-​v​e​r​s​t​e​c​k​t​e​-​a​genda
[8] http://​www​.pau​lu​e​ber​dasmeer​.de/
[9] https://​www​.imdb​.com/​t​i​t​l​e​/​t​t​0​2​1​2826/
[10] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​1​9​2​7​.​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​r​e​t​t​e​t​-​u​n​s​.html

Die CSU und der neue europäische Geist der Flüchtlingsabwehr

Im Ziel »Abschottung« sind sich die EU-Länder einig, die Rhe­torik unter­scheidet sich. Am ehr­lichsten ist da wieder einmal die unga­rische Regierung

Die CSU kann sich bestätigt fühlen. Schließlich fordert sie von der EU Maß­nahmen zur Flücht­lings­abwehr und droht mit natio­nalen Maß­nahmen. Damit können sie noch immer eine Regie­rungs­krise aus­lösen.

Es gibt hek­tische Bestre­bungen in allen euro­päi­schen Ländern, die Festung Europa weiter aus­zu­bauen. Fraglich ist, welchen Anteil die CSU dabei tat­sächlich hatte. Schließlich sind sich im Ziel alle einig. Es sollen mög­lichst wenig Migranten kommen.

Dass es jen­seits dieses gemein­samen Nenners der euro­päi­schen Regie­rungen trotzdem so schwer ist, zu einer Einigung zu kommen, liegt an den natio­nalen Eigen­in­ter­essen der ein­zelnen Länder. Im Zweifel achtet jede Regierung darauf, das eigene Ter­ri­torium von Fremden frei­zu­halten.

Ungarn: Pionier der Flücht­lings­abwehr

Sind sich auch die Regie­rungen im Ziel einig, so unter­scheidet sich doch die Rhe­torik, mit der die Flücht­lings­abwehr begleitet wird. Am ehr­lichsten ist da wieder einmal die unga­rische Regierung, die Hilfe für Flücht­linge ganz offi­ziell kriminalisiert[1].

Unga­rische Regie­rungs­po­li­tiker erklären offen, dass mit dem Gesetz klar­ge­stellt wird, dass in Ungarn keine Fremden ange­siedelt werden dürfen. Das von der rechts­na­tio­na­lis­ti­schen Regie­rungs­partei und der größten faschis­ti­schen Oppo­si­ti­ons­partei gemeinsam ver­ab­schiedete Gesetz wird mit einem ein­deutig anti­se­mi­ti­schen Ton »Stop Soros Paket«[2] genannt.

Dahinter steht die in rechten Kreisen ver­breitete Ver­schwö­rungs­theorie von der angeblich von libe­ralen NGOs vor­an­ge­trie­benen Bevöl­ke­rungs­ver­schiebung. Der liberale George Soros steht im Zentrum dieser Ver­schwö­rungs­theorie.

In Ungarn wird der­ge­stalt mit Anti­se­mi­tismus offi­zielle Regie­rungs­po­litik gemacht. Mag auch Ungarn zum Pionier der rechten Flücht­lings­abwehr in Europa geworden sein, so unter­scheiden sich die Maß­nahmen gar nicht so sehr von den Maß­nahmen anderer Länder.

In Italien werden nicht nur von der aktu­ellen Regierung Flücht­lings­helfer ver­folgt und kri­mi­na­li­siert. So bezeichnet der ita­lie­nische Innen­mi­nister von der Lega Nord Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen, die Migranten vor dem Ertrinken retten, pau­schal als kri­mi­nelle »Vize- oder Stell­ver­treter-Schlepper«.

Die »Achse der Wil­ligen« und die neue Bal­kan­route

Italien ist nun ein fester Bestandteil jener vom öster­rei­chi­schen Minis­ter­prä­si­denten Sebastian Kurz aus­ge­ru­fenen »Achse der Wil­ligen«, die Migranten mög­lichst gar nicht erst in die EU lassen wollen. Diese Achse der Wil­ligen tagte am Mittwoch in Linz, wo die baye­rische und die öster­rei­chische Regierung eine gemeinsame Kabi­nett­sitzung abhielten, auf der es natürlich um die »Flücht­lings­abwehr« ging.

»Wir glauben, dass da ein neuer Geist in Europa wehen kann, was die Zuwan­derung angeht«, erklärte Kurz. Ungarn wurde nicht erwähnt, aber dort kommt dieser neue Geist am Klarsten zum Vor­schein. Schließlich hat die CSU Orban wieder ein­ge­laden und dem unga­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten aus­drücklich für die Sicherung der Festung Europas gedankt.

Ungarn und die Absperrung der Bal­kan­route ist nun längst keine Ver­gan­genheit, wie auch in Deutschland von Kri­tikern der harten Abschot­tungs­po­litik manchmal behauptet wird. In den nächsten Wochen könnte die Bal­kan­route wieder aktuell werden[3].

Eigentlich dachte Europa, die Bal­kan­route sei zu. Das ist offen­sichtlich falsch. Auf Anfrage der ZEIT teilt das deutsche Bun­des­in­nen­mi­nis­terium mit, die bos­nisch-her­ze­go­wi­nische Grenz­po­lizei regis­triere derzeit »täglich 100 bis 150 Migranten bei der uner­laubten Ein­reise«, diese Zahl habe sich aktuell gegenüber 2017 »ver­zwölf­facht«.

Ein Viertel der Flücht­linge und Migranten, so das UNHCR, sind Syrer, gefolgt von Paki­stanern, Afghanen, Irakern und Libyern. Ebenso melden Albanien und Mon­te­negro eine Ver­dop­pelung der Flücht­lings­zahlen – wenn auch auf nied­ri­gerem Niveau. Das Bun­des­in­nen­mi­nis­terium sagt dazu: »An nahezu allen Grenz­ab­schnitten der West­bal­kan­staaten werden illegale Grenz­über­tritte – ins­be­sondere seit Jah­res­beginn 2018 – mit stei­gender Tendenz fest­ge­stellt.«

Die Zeit[4]

Damit bestä­tigen sich die Ein­schät­zungen vieler Beob­achter der Migra­ti­ons­be­we­gungen. Sie haben immer gesagt, die Regie­rungen können noch so hohe Hürden errichten, die Migranten werden trotzdem Mittel und Wege finden, sie zu über­winden.

Die neue Bal­kan­route ist dafür ein Bei­spiel. Für die Abschot­tungs­po­li­tiker ist das ein Grund für noch mehr Abschottung, noch höhere Zäume und Mauern. So wird eine Spirale der Eska­lation in Gang gesetzt. Den Preis zahlen schon heute die Migranten.

»Soli­da­rität statt Heimat« oder die Schat­ten­seiten der Migration

Denn die immer gefähr­li­cheren Tran­sitwege bedingen viele Ver­letzte und auch Tote. Viele der Migranten werden auch auf den Routen nach Europa trau­ma­ti­siert, sei es, dass sie in afri­ka­ni­schen Ländern über­fallen und aus­ge­raubt werden, sei es dass sie auf der Über­fahrt in kleinen Booten oder auf anderen Routen großer Lebens­gefahr aus­ge­setzt waren.

Die linken Freunde der Migration aus dem Umfeld von Medico Inter­na­tional und dem links­li­be­ralen Think Tank Soli­da­rische Moderne[5], die sich in durchaus wohl­mei­nender Absicht unter dem Motto »Soli­da­rität statt Heimat«[6] für eine Welt ohne Grenzen ein­setzen, blenden diese men­schen­feind­liche Seite der Migration aus.

Sie ist natürlich den Ver­hält­nissen der Abschottung in der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­ge­sell­schaft geschuldet. Doch sie ist eine Rea­lität und passt nicht zu dem empha­ti­schen Migra­ti­ons­be­griff, der in dem Aufruf ver­wendet wird. Die Ver­hält­nisse in Europa werden in dem Aufruf dagegen exakt beschrieben.

In den letzten Jahren hat sich in weiten Teilen Europas ein poli­ti­scher Ras­sismus eta­bliert, der die Grenzen zwi­schen den kon­ser­va­tiven, rechten und faschis­toiden Lagern zunehmend ver­schwimmen lässt.

Aufruf Soli­da­rität statt Heimat

Die »Achse der Wil­ligen« von Ungarn über Öster­reich, Italien bis nach Bayern ist eine klare Bestä­tigung dieser Aussage. Nur sind Merkel und Macron nicht etwa die Reprä­sen­tanten eines anderen Europa, wie das gerne behauptet wird. Sie sind genauso an einer »Festung Europa« inter­es­siert und wollen Migranten raus­halten. Nur reden sie nicht so laut darüber.

Peter Nowak

URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​4​0​88603
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​i​e​-​C​S​U​-​u​n​d​-​d​e​r​-​n​e​u​e​-​e​u​r​o​p​a​e​i​s​c​h​e​-​G​e​i​s​t​-​d​e​r​-​F​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​a​b​w​e​h​r​-​4​0​8​8​6​0​3​.html

Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.watson​.ch/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​/​m​i​g​r​a​t​i​o​n​/​6​5​4​8​3​8​3​7​2​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​h​i​l​f​e​-​i​s​t​-​i​n​-​u​n​g​a​r​n​-​j​e​t​z​t​-​v​e​r​boten
[2] https://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​s​t​o​p​-​s​o​r​o​s​-​p​a​k​e​t​-​u​n​g​a​r​n​s​-​p​a​r​l​a​m​e​n​t​-​v​e​r​a​b​s​c​h​i​e​d​e​t​-​g​e​s​e​t​z​-​g​e​g​e​n​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​h​e​l​f​e​r​/​2​2​7​1​5​3​7​8​.html
[3] https://​www​.zeit​.de/​2​0​1​8​/​2​3​/​b​a​l​k​a​n​r​o​u​t​e​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​a​s​y​l​-​l​a​n​d​w​e​g​-​e​uropa
[4] https://​www​.zeit​.de/​2​0​1​8​/​2​3​/​b​a​l​k​a​n​r​o​u​t​e​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​a​s​y​l​-​l​a​n​d​w​e​g​-​e​uropa
[5] https://​www​.soli​da​rische​-moderne​.de/
[6] https://​soli​da​ritaet​-statt​-heimat​.kritnet​.org/