Das Konzentrationslager und Zuchthaus Sonnenburg

Ein KZ zur Aus­schaltung der Arbei­ter­be­wegung

Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg. (Hrsg. Hans Coppi, Kamil Majchrzak). Berlin: Metropol, 2015. 240 S., 19 Euro

«Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes», heißt es im Klap­pentext. In knapp 30 Auf­sätzen infor­miert das Buch über die Geschichte des KZ und Zuchthaus Son­nenburg, His­to­riker aus Polen, Frank­reich, Luxemburg, Belgien und Deutschland, sowie Ange­hörige der Opfer des KZ und Zuchthaus Son­nenburg kommen dabei zu Wort.
Lange Zeit war dieser Ter­rorort, der heute im west­pol­ni­schen Slonsk liegt, ver­gessen. In den ersten Jahren der NS-Herr­schaft war der Ort als «Fol­ter­hölle Son­nenburg» welt­be­kannt – daran erinnert der pol­nische His­to­riker Andrzej Toc­zewski in seinem Über­blicks­ar­tikel. Im April 1933 wurden die ersten Häft­linge in das Lager ver­schleppt. Es waren über­wiegend Ber­liner Kom­mu­nisten. Aber auch die drei bekannten linken Intel­lek­tu­ellen Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Hans Litten wurden in Son­nenburg gefoltert. Alle drei über­lebten das NS-System nicht.
Dass das Zuchthaus bereits in den 20er Jahren bekannt wurde, dafür sorgte der rebel­lische Links­kom­munist Max Hölz, der dort inhaf­tiert war. Eine inter­na­tionale Soli­da­ri­täts­be­wegung for­derte seine Frei­lassung. Kör­be­weise trafen in diesen Jahren Soli­da­ri­täts­briefe im Zuchthaus ein. Auch in der Sowjet­union war Son­nenburg durch Hölz damals ein Begriff. Wegen schlechter hygie­ni­scher Bedin­gungen wurde das Zuchthaus 1931 von der preu­ßi­schen Lan­des­re­gierung geschlossen, was in der Bevöl­kerung auf Wider­stand stieß. Schließlich war der Knast ein wich­tiger Arbeit­geber. Die NSDAP konnte mit dem Ver­sprechen, es wieder zu öffnen, in der Region Stimmen gewinnen.
Das Ver­sprechen wurde schnell ein­gelöst. Son­nenburg wurde in der frühen NS-Zeit zu einem wich­tigen Kon­zen­tra­ti­ons­lager für Ber­liner Linke. Über den Empfang der Gefan­genen schrieb der kom­mu­nis­tische Wider­stands­kämpfer Klaas Meyer: «Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen, mir lief das Blut schon durch das Gesicht … Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, wir wären Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.» Der Poli­tologe Christoph Gol­lasch ver­weist auf weitere Berichte über Fol­te­rungen in Son­nenburg und nennt den Ort «ein KZ zur Aus­schaltung der Arbei­ter­be­wegung».
Nach der Auf­lösung des KZ wurde Son­nenburg als Zuchthaus genutzt. Dorthin wurden während des Zweiten Welt­kriegs aus ganz Europa Nazi­gegner, die von der Straße weg ver­haftet wurden, ver­schleppt. Diese soge­nannten Nacht- und Nebel­ge­fan­genen wurden hier unter besonders unmensch­lichen Bedin­gungen fest­ge­halten. Die Ster­berate war hoch. Daniel Quaiser geht auf das Mas­saker ein, bei dem in der Nacht vom 30. auf den 31.Januar 1945 ins­gesamt 819 Gefangene von der Gestapo erschossen wurden, kurz bevor die Rote Armee das Lager befreien konnte. Viele der Opfer konnten trotz Bemü­hungen der Ange­hö­rigen aus ver­schie­denen euro­päi­scher Ländern nie iden­ti­fi­ziert werden.
Der Jurist Kamil Majrchrzak berichtet über die juris­tische Auf­ar­beitung der Ver­brechen in Polen. In der BRD hin­gegen wurden der für das Mas­saker ver­ant­wort­liche SS-Sturm­bann­führer Heinz Richter und SS-Haupt­sturm­bann­führer Wilhelm Nickel am 2.August 1971 vor dem Kieler Land­ge­richt frei­ge­sprochen. Mitt­ler­weile hat die pol­nische Justiz die Ermitt­lungen wieder auf­ge­nommen.
Schon in den 80er Jahren des letzten Jahr­hun­derts hatte eine Gruppe von Anti­fa­schisten in West­berlin mit der Erfor­schung der Geschichte des KZ Son­nenburg begonnen. Mit dem Umbruch von 1989 kam diese Arbeit zunächst zum Erliegen. Ab 2010 beschäf­tigten sich Mit­glieder der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) mit der Geschichte von Son­nenburg. Sie grün­deten dafür einen geson­derten Arbeits­kreis. So konnten auch noch die Arbeits­er­geb­nisse aus den 80er Jahren mit ein­fließen. Es möge dem Buch gelingen, Son­nenburg zu einem euro­päi­schen Gedenkort zu machen, damit die Opfer des KZ nicht ver­gessen werden.

aus: SoZ 6/2015

Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg

von Peter Nowak

»Die Russen sind da!«

In Polen steht das Ende des Zweiten Welt­kriegs für den Beginn einer neuen Besat­zungszeit.

Geht es nach dem pol­ni­schen Prä­si­denten Bro­nislaw Komo­rowski, soll der 8. Mai in diesem Jahr zu einem geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Spek­takel werden. An diesem Tag will er die Staats- und Regie­rungs­chefs aller EU-Staaten auf die Wes­ter­platte bei Gdańsk zu einer Kon­ferenz begrüssen. auf der eine Lesart der Geschichte euro­päi­siert werden soll, die in den letzten Jahren in Polen zum All­ge­meingut geworden ist. Ihr zufolge hat die Rote Armee Polen im Frühjahr 1945 besetzt und die Befreiung habe erst 1989 statt­ge­funden. Es ist ver­ständlich, dass auf einer solchen Kon­ferenz ein Ver­treter der rus­si­schen Regierung keinen Platz hat.

Auf der Wes­ter­platte, auf der die Deut­schen mit einem Schuss ausder Kanone eines Pan­zer­kreu­zersd den Zweite Welt­krieg eröff­neten, soll am 8. Mai der in Russland weiter gepflegten sowje­ti­schen Geschichts­er­zählung die Per­spektive der Länder ent­ge­gen­stellen werden, für die 1945 keine volle nationale Freiheit gebracht hat, heißt es in pol­ni­schen Medien. Das Gedenken dürfe nicht poli­ti­siert werden, ent­gegnete der pol­nische Prä­sident den Kri­tikern, die an den his­to­ri­schen Fakt erinnern, dass die Rote Armee mit großen Opfern die deutsche Wehr­macht aus Polen ver­trieben hat.

Der absichts­volle Aus­schluss Russ­lands als Rechts­nach­folger der Sowjet­union hat für die Ver­treter der aktu­ellen pol­ni­schen Geschichts­po­litik aller­dings mit Politik nichts zu tun; er zählt zur pol­ni­schen Staats­raison. Damit werden aller­dings nicht nur die Ange­hö­rigen der Roten Armee aus der offi­zi­ellen Gedenk­po­litik aus­ge­schlossen. „Die viel­fäl­tigen Orga­ni­sa­ti­ons­formen des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands in Polen und ins­be­sondere die Bedeutung der 1. und 2. Pol­ni­schen Armee, die Seite an Seite mit der Roten Armee kämpfte, werden heute in Polen kaum gewürdigt. Die Befreiung vom Faschismus im Mai 1945 wird in den Schul­bü­chern nicht als Befreiung, sondern Beginn einer neuen Besat­zungs­pe­riode gedeutet. Nicht der Kampf gegen den deut­schen Faschismus und Natio­na­lismus wird her­vor­ge­hoben, sondern der eigene Natio­na­lismus ver­klärt“, kri­ti­siert der Jurist und Publizist Kamil Majchrzak die neue pol­nische Geschichts­po­litik. Einen zen­tralen Grund für das Ver­schweigen des linken pol­ni­schen Bei­trags bei der Zer­schlagung des NS sieht er darin, dass die Kom­bat­tanten nicht nur gegen die deut­schen Besatzer kämpften, sondern für eine grund­le­gende gesell­schaft­liche Umge­staltung in Polen ein­traten.

Nach neueren his­to­ri­schen For­schungen betei­ligten sich an den Kämpfen um Berlin ins­gesamt 170 000 pol­nische Sol­daten .12 000 von ihnen kämpften in der Ber­liner Innen­stadt gegen die letzten Nester von Wehr­macht und Volks­sturm. An den ver­schie­denen Fronten kämpften nach Majchrzaks Recherchen ca. von 600.000 pol­ni­schen Kom­bat­tanten gegen die Wehr­macht. Ihr Beitrag zur Zer­schlagung des NS wird heute in Polen igno­riert, weil sie an der Seite der Roten Armee kämpften.

Selbst die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung von Auschwitz ist in der heu­tigen offi­zi­ellen Geschichts­po­litik zumindest strittig. Der pol­nische Prä­sident Komo­rowski erklärte in einem Interview mit der Gazeta Wyborcza, den Häft­lingen von Auschwitz könne man nicht absprechen, dass sie sich von den sowje­ti­schen Truppen befreit fühlten. Dies habe aber nicht für alle Men­schen in Ost­mit­tel­europa gegolten. Dass die letzten Über­le­benden von Auschwitz von der Roten Armee real befreit wurden, kam ihm nicht über die Lippen.

Polens Außen­mi­nister Grzegorz Schetyna ver­suchte mit der These, Auschwitz sei nicht von »Russen«, sondern von Ukrainern befreit worden, die neue pol­nische Geschichts­doktrin aus­zu­weiten. Er begründete seine Auf­fassung auf den Umstand, dass die 1945 in Süd­polen ope­rie­renden sowje­ti­schen Ein­heiten der »1. Ukrai­ni­schen Front« ange­hörten. Dieser eigen­wil­ligen Geschichts­in­ter­pre­tation kon­terte das rus­sische Außen­mi­nis­terium mit einer Erklärung, in der dem Außen­mi­nister Wis­sens­lücken attes­tiert worden. „Es ist all­gemein bekannt, dass das KZ Auschwitz von den Truppen der Roten Armee befreit wurde, in der Ver­treter vieler Natio­na­li­täten hel­denhaft kämpften“, heißt es darin.

Unter den sowje­ti­schen Sol­daten der soge­annten Ukrai­ni­schen Front, die Auschwitz befreiten, viele Juden. Etwa Ana­tolij Schapiro; er öffnete als erster Soldat der Roten Armee das Tor von Auschwitz öffnete und wurde von den Über­le­benden mit dem Jubel­schrei „Die Russen sind da!“ begrüßt. Den Ange­hö­rigen der Ukrai­ni­schen Front in der Roten Armee stand die natio­na­lis­tische ukrai­nische Bewegung gegenüber, die sich im Kampf gegen die Sowjet­union mit Nazi­deutschland ver­bündete und schon unmit­telbar nach dem Ein­marsch der Wehr­macht mit den Mas­sen­morden an den ukrai­ni­schen Juden begann. Füh­rende Köpfe dieser Bewegung, zum Bei­spiel Stephan Bandera, werden in der heu­tigen Ukraine reha­bi­li­tiert und als Frei­heits­kämpfer gegen Russland gefeiert. Daher ist es eine besonders perfide Geschichts­klit­terung, wenn der pol­nische Außen­mi­nister diese Ukraine heute in die Tra­dition der Auschwitz­be­freier stellt.

Nicht nur als Befreier vom NS auch als Opfer der Nazis sind Kom­mu­nisten in der neuen pol­ni­schen Gedenk­po­litik nicht vor­ge­sehen. Die Kon­se­quenzen bekamen Ange­hörige von NS-Opfern aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern zu spüren. Sie wollten am 30. Januar 2015 im west­pol­ni­schen Slonsk an der Ein­weihung der neu gestal­teten Aus­stellung über das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg teil­nehmen. „Sie waren ein­ge­laden aber nicht will­kommen. Nur unter großen Schwie­rig­keiten kamen sie in den Saal, in dem die Eröff­nungs­ver­an­staltung stattfand. Dort wurden sie nicht begrüßt. Als die Aus­stellung eröffnet wurde, mussten sie vor dem Museum warten bis die Führung für die offi­zi­ellen Gäste beendet war“, heißt es in einer Pres­se­mit­teilung des Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreises zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg bei der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes (VVN-BdA).

In Son­nenburg wurden bereits im Frühjahr 1933 hun­derte Kom­mu­nisten und bekannte linke Nazi­gegner wie Erich Mühsam, Carl von Ossietzky und Johannes Litten inhaf­tiert und gefoltert. Nach dem 2. Welt­krieg wurden soge­nannte Nacht-und Nebel-Gefangene aus ganz Europa nach Son­nenburg ver­schleppt. 819 Gefan­genen wurden in der Nacht vom 31. Januar 1931 von einem SS-Kom­mando erschossen, kurz bevor die Roten Armee das Lager erreichte? Ob der pol­ni­schen Prä­si­denten den wenigen Gefan­genen, die sich vor dem Mas­saker ver­stecken konnten, wohl aus­nahms­weise zuge­steht, dass die von der Roten Armee real und nicht nur gefühlt befreit wurden?

aus: Konkret 5/2015

http://​www​.konkret​-magazin​.de/​h​e​f​t​e​/​h​e​f​t​a​r​c​h​i​v​/​i​d​-​2​0​1​5​/​h​e​f​t​-​5​2​0​1​5​/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​i​n​-​k​o​n​k​r​e​t​-​1​4​8​8​.html

Peter Nowak

Im Schatten

Im pol­ni­schen Słońsk ist eine Aus­stellung eröffnet worden, die an das dortige ehe­malige Kon­zen­tra­ti­ons­lager erinnert.

»Wer ins pol­nische Słońsk kommt, sollte unbe­dingt Zeit mit­bringen«, heißt es auf der Homepage der »Initiative Kul­tur­brücke über die Oder«, die für eine deutsch-pol­nische Kul­tur­be­gegnung wirbt. Dort wird auf den Natio­nalpark Wart­he­mündung mit seinen sel­tenen Vögeln und Pflanzen hin­ge­wiesen. Seit dem 31. Januar gibt es einen wei­teren Grund, länger in dem pol­ni­schen Städtchen knapp 100 Kilo­meter östlich von Berlin zu ver­weilen. An diesem Tag wurde eine in deutsch-pol­ni­scher Koope­ration und maß­geblich vom »Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg« der Ber­liner VVN-BdA kon­zi­pierte Aus­stellung zur Geschichte des KZ Son­nenburg eröffnet. Sie erinnert an eine Zeit, die auf der Homepage der Kul­tur­brücke unter dem Stichwort »besonders dunkler Teil der Son­nen­burger Geschichte« in einem kurzen Absatz abge­handelt wird.

»Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes«, heißt es in der Aus­stellung. Die in deut­scher und pol­ni­scher Sprache erstellten Tafeln belegen diese Aussage detail­liert. Bereits im Frühjahr 1933 wurden Kom­mu­nisten, Sozia­listen und linke Intel­lek­tuelle aus Berlin und Bran­denburg nach Son­nenburg ver­schleppt. Klaas Meyer, ein kom­mu­nis­ti­scher Seemann, beschrieb seine Begegnung mit der SA: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, den meisten lief das Blut schon durchs Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, man hatte ihnen gesagt, wir seien Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.«

In der Aus­stellung wird auch gezeigt, dass Son­nenburg nicht zufällig als Ort für das KZ aus­ge­sucht wurde. Als 1931 das dortige Zuchthaus wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Zustände geschlossen wurde, regte sich im Ort, in dem das Zuchthaus ein zen­traler Arbeit­geber war, Wider­stand. Die NSDAP, die gegen die Zucht­haus­schließung agi­tierte, erzielte gute Wahl­er­geb­nisse.

Mehrere Tafeln doku­men­tieren die Gesichter der »Nacht-und-Nebel-Gefan­genen«, die nach 1941 aus zahl­reichen von Deutschland besetzten Ländern in das Zuchthaus ver­schleppt wurden. Kurz vor dem Ein­treffen der Roten Armee erschoss die SS in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 in Son­nenburg noch 819 Gefangene.

70 Jahre später reisten zur Eröffnung der Aus­stellung auch viele Ange­hörige der Opfer aus Deutschland und diversen euro­päi­schen Ländern an. Doch nicht alle fühlten sich in Słońsk will­kommen. Viele Ange­hörige mussten in der win­ter­lichen Wit­terung vor der Halle warten, in der ein Ver­treter des Fürs­ten­hauses von Luxemburg bei der Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer des 30. Januar 1945 sprach. Der größte Teil der Erschos­senen kam aus Luxemburg.

»Auch unsere Ange­hö­rigen waren Opfer«, sagt Jan Her­togen. Der bel­gische For­scher, der beim Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis der Ber­liner VVN mit­ar­beitete, war besonders empört, dass die Rede der bel­gi­schen Bot­schaf­terin bei der Gedenk­ver­an­staltung aus Zeit­gründen kurz­fristig gestrichen worden war. »In Son­nenburg wurde mein Vater gequält und heute fühle ich mich an dem Ort wieder gede­mütigt«, sagt Meina Voigt Schnabel zur Jungle World. Auch die Tochter des kom­mu­nis­ti­schen See­manns Klaas Meyer, der bereits 1933 die Zustände in der »Fol­ter­hölle Son­nenburg« der Öffent­lichkeit bekannt machte, bekam keinen Zutritt zur Gedenk­ver­an­staltung.

Am Nach­mittag orga­ni­sierte der Arbeits­kreis ein Treffen im Rathaus von Słońsk mit dem pol­ni­schen Staats­anwalt Janusz Jagiełłowicz, der die Kom­mission für die Ver­folgung von Ver­brechen im Zuchthaus Son­nenburg leitet. Die 1972 ein­ge­stellten Ermitt­lungen gegen die Ver­ant­wort­lichen wurden im Februar 2014 wieder auf­ge­nommen. Recht­zeitig zum 70. Jah­restag des Mas­sakers haben Hans Coppi und Kamil Majchrzak im Metropol-Verlag das Buch »Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg« her­aus­ge­geben, das einen guten Über­blick über die Geschichte dieses weit­gehend ver­ges­senen Ortes des NS-Terrors gibt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​0​6​/​5​1​3​8​2​.html
Peter Nowak

Inbegriff des NS‑Terrors

Geschichte Im west­pol­ni­schen Słońsk soll ein Gedenkort an das KZ Son­nenburg erinnern
»Don­nerstag, den 6. April: Abtransport über Schle­si­schen Bahnhof nach­Son­nenburg, Nacht mit Ossietzky und Litten. Sonn­abend, den 8. April: Umzug in Ein­zelhaft (Keller); Erd­arbeit (mit Ossietzky). Sonntag, den 9. April: Ver­letzung des Gebisses, des Ohres usw. Mittwoch, den 19. April: Schwere Herz­at­tacken durch Über­an­stren­gungen, früh­morgens. Don­nerstag, den 13. April: Anstren­gungen wie gestern, Ohren­aus­spritzung. Sonn­abend, den 22. April: Beim Arzt (Zurecht­weisung wegen unnö­tiger Kon­sul­tation). Montag, den 24. April: Überfall in der Zelle, Schläge. 16./17. Mai: Über­fallin der Zelle.« In seinem Taschen­ka­lender hatte Erich Mühsam sein Mar­tyrium als Gefan­gener der Nazis im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg fest­ge­halten. Litten, Ossietzky und Mühsam, die den Nazis
»Fol­ter­hölle Son­nenburg«
1934 wurde das KZ Son­nenburg geschlossen, die meisten Häft­linge wurden in andere KZs verlegt. Ab 1942
wurden Gefangene aus sämt­lichen von der Wehr­macht besetzten Ländern von der Straße weg nach Son­nenburg ver­schleppt. Über 800 dieser »Nacht- und Nebel-Gefan­genen« wurden am 30. Januar 1945 von der Gestapo erschossen, kurz bevor sie von der Roten Armee befreit werden konnten. His­to­ri­ke­rInnen sprechen von einem der größten Mas­saker an Gefan­genen in der End­phase des NS-Regimes. Es ist bis heute in Deutschland ebenso unbe­kannt wie die Geschichte des KZ Son­nenburg. Eine Arbeits­gruppe der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVNBdA) will das ändern. Die AG gehörte zu den Mit­ver­an­staltern einer Tagung im Gemein­dehaus des west­pol­ni­schen Städt­chens Słońsk, wie das ehe­malige Son­nenburg seit 1945 heißt. Ange­hörige von Ver­folgten des Nazi­re­gimes, Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­rInnen, Juris­tInnen und His­to­ri­ke­rInnen haben dort am 13. Sep­tember 2013 ver­einbart, dass in dem Ort ein euro­päi­scher Erin­ne­rungsort für die deutsche Ver­bre­chens­ge­schichte ent­stehen soll. Bei einem Rundgang durch den kleinen Ort stößt man überall auf die Spuren. In einem grau­ver­putzten Bau im Indus­trie­ge­lände am Rande des Städt­chens befindet sich das das Muzeum Mar­ty­ro­logie, das an die Geschichte des KZ Son­nenburg erinnert. Am anderen Ende des Ortes wird auf einem Friedhof den Opfern des Mas­sakers vom 31. Januar 1945 gedacht. Sie kamen aus sämt­lichen euro­päi­schen Ländern, besonders viele jedoch aus Luxemburg, Frank­reich und Belgien. An den Gedenk­ver­an­stal­tungen zum Jah­restag nehmen regel­mäßig Dele­ga­tionen aus diesen Ländern teil. Seit zwei Jahren beteiligt sich auch die Ber­liner VVN-BdA daran. Offi­zielle deutsche Ver­tre­te­rInnen waren bisher nie anzu­treffen. Während in den letzten Jahren für die Reno­vierung der ehe­ma­ligen Johan­ni­ter­kirche in Słońsk Spen­den­gelder aus Deutschland flossen, gab es für die beiden Gedenkorte bisher keinen ein­zigen Cent. Dabei müssen viele der Exponate im Gedenk­museum restau­riert werden. Sie wurden bei einem Was­ser­rohr­bruch beschädigt, die nach­fol­gende Schim­mel­bildung sorgt für weitere Pro­bleme. Seit Jahren bemüht sich der Słońsker Bür­ger­meister Janusz Krzyśków um eine finan­zielle För­derung der Erin­ne­rungs­arbeit. Mit den kürzlich geneh­migten EUMitteln können zumindest die Außen­fassade und der Vor­platz des Museums erneuert werden. Für die Moder­ni­sierung der Innen­aus­stattung des Museums fehlt wei­terhin das Geld. Kamil Majchrzak von der VVN-AG sieht auch Insti­tu­tionen in Deutschland in der Ver­ant­wortung. Doch im ambi­tio­nierten Pro­gramm zum Erin­ne­rungsjahr »Zer­störte Vielfalt« in Berlin wurde das KZ Son­nenburg aus­ge­blendet. Dabei fällt der 80. Jah­restag der Gründung in das Erin­ne­rungsjahr, und die Gefan­genen kamen fast aus­nahmslos aus Berlin. Mit For­schungs­lücken ist diese Ignoranz nicht zu erklären. Dazu müssten aller­dings die zahl­reichen Arbeiten aus Polen zur Kenntnis genommen werden.
Die Täter wurden bisher nicht belangt
Auf der Tagung wür­digten mehrere Red­ne­rInnen das Enga­gement des 1996 ver­stor­benen pol­ni­schen Staats­an­walts Prze­mysław Mni­chowski. Seiner Initiative ist es zu ver­danken, dass 1974 das Gedenk­museum in Słońsk errichtet wurde. Er hat als Leiter der lokalen Haupt­kom­mission zur Erfor­schung der deut­schen Ver­brechen in Polen auch den Grund­stock für die wis­sen­schaft­liche Auf­ar­bei­tungder NS-Ver­brechen gelegt. In meh­reren Artikeln in juris­ti­schen Fach­zeit­schrif­ten­setzte er sich mit den Ver­brechen in Son­nenburg aus­ein­ander. Bereits 1970 legte er Kar­tei­karten mitden Namen und kurzen bio­gra­phi­schen­An­gaben von über 600 Gefan­genen von Son­nenburg an. An diese Vor­arbeit kann Peter Böh­nevon der Ber­liner VVN-BdA anknüpfen, der auf der Tagung eine Datenbank mit Infor­ma­tionen über die Gefan­ge­nendes KZ Son­nenburg vor­stellte. Viel­leicht kann sie dem­nächst durch die For­schungs­ar­beiten einer kleinen Initiative ergänzt werden, die in den späten 1980er Jahren im Umfeld der West­ber­liner Frie­dens­be­wegung ent­standen war und gemeinsam mit pol­ni­schen Wis­sen­schaft­le­rIn­nenzur Geschichte von Son­nenburg forschte. Nach 1989 wurde die gemeinsame Arbeit ein­ge­stellt, und die Unter­lagen wan­derten in die Schublade. In Słońsk über­reichte Initia­ti­ven­mit­be­gründer Peter Ger­linghoff die Mate­rialen Hans Coppi von der der VVN. Bisher hatte sich niemand für die Opfer von Son­nenburg inter­es­siert. Die Täter hin­gegen setzten ihre Arbeit einfach fort. Bekannte Fol­terer aus dem KZ Son­nen­burgwie Emil Krause oder Wla­dislaus Tom­schek gehörten in der BRD bis zu ihrer Ver­rentung zum Wach­per­sonal in Haft­an­stalten. Die für das Mas­saker ver­ant­wort­lichen Gestapo-Männer Heinz Richter und Wilhelm Nickel wurden 1970 in einem Prozess vom Kieler Land­ge­richt frei­ge­sprochen. Sollte einer der Täter noch leben, könnte er doch noch juris­tisch belangt­werden. Denn am Ende der Tagung kün­dig­teder pol­nische Staats­anwalt Janusz Jagiełłowicz die Wie­der­auf­nahme der seit über 30 Jahre ruhenden Ermitt­lungen gegen die NS-Täter an. Unter den Bedin­gungen einer ver­ein­fachten staats­an­walt­lichen Zusam­men­arbeit in der EU sieht er eine letzte Chance, die Opfer und Täter des Zucht­hau­ses­Son­nenburg zu veri­fi­zieren. Ein beson­deres Augenmerk legt Jagiełłowicz auf die Zurechnung der ein­zelnen Morde,die Über­griffe der Wach­mann­schaften auf die Son­nen­burger Häft­linge sowie die im Zuchthaus Son­nenburg durch­ge­führte medi­zi­ni­schen Expe­ri­mente, die noch kaum erforscht sind. So könnten auch in Deutschland Justiz und Gesell­schaft gezwungen werden, sich mit der Ver­bre­chens­ge­schichte in Son­nenburg aus­ein­an­der­zu­setzen.
https://​www​.akweb​.de/
aus: ak | Nr. 588 | 19. November 2013
Peter Nowak

Leiharbeiter klagt sich ein

ARBEIT Vor Gericht bekommt ein Leiharbeiter recht, die Heinrich Böll Stiftung muss ihn einstellen

Ein Leih­ar­beiter der Heinrich Böll Stiftung (HBS) hat erfolg­reich auf Fest­an­stellung geklagt. Das Ber­liner Arbeits­ge­richt urteilte am Don­nerstag, dass der Mann nicht wie sonst üblich per Werk- oder Dienst­vertrag aus­ge­liehen worden sei, sondern es sich im kon­kreten Fall um einen Arbeit­neh­mer­über­las­sungs­vertrag handele. Aller­dings verfüge die Firma Xenon nicht über eine Erlaubnis zur Arbeit­neh­mer­über­lassung. Daher, so das Gericht, bestehe ein direktes Arbeits­ver­hältnis des Klägers mit der Heinrich Böll Stiftung.

Seit April 2011 arbeitet Michael Rocher im Besu­che­rIn­nen­service der Grünen-nahen HBS – und die Fest­an­stellung soll laut Gericht rück­wirkend seit diesem Zeit­punkt gelten. Die finan­zi­ellen Kon­se­quenzen des Urteils sind aller­dings noch offen. Denn das Gericht hat die Ent­scheidung, welcher Tarif nun für Rocher zur Anwendung kommt, vertagt. »Über diesen Antrag will das Arbeits­ge­richt in einer noch anzu­be­rau­menden wei­teren Sitzung ent­scheiden«, kün­digte es in einer Pres­se­mit­teilung an.

Rocher selbst rechnet auch mit Aus­wir­kungen über seinen eigenen Fall hinaus. »Ich hoffe, dass das Urteil meine Kol­le­gInnen ermutigt, eben­falls ihre Fest­an­stellung ein­zu­klagen«, sagte er der taz. Rund 20 Mit­ar­bei­te­rInnen seien mit ähn­lichen Ver­trägen, wie sie das Gericht jetzt als unrecht­mäßig klas­si­fi­ziert hat, bei der Stiftung beschäftigt.

Rocher hatte sich an die Basis­ge­werk­schaft Freie Arbeiter Union (FAU) gewandt, die in den letzten Wochen eine Kam­pagne gegen Leih­arbeit bei der Böll-Stiftung initi­ierte und dabei auch Wahl­plakate der Grünen per­si­flierte. So steht bei­spiels­weise neben dem Kon­terfei des Schrift­stellers Heinrich Böll die Frage »Ich bin gegen prekäre Arbeit bei der grünen Heinrich Böll Stiftung und Du?«

Die Geschäfts­füh­rerin der Heinrich Böll Stiftung, Livia Cotta, wies gegenüber der taz den Vorwurf zurück, prekäre Arbeits­ver­hält­nisse zu unter­stützen. »Gegen­stand des Ver­fahrens war nicht die Frage, ob die Heinrich Böll Stiftung Mit­ar­beite­rI­innen und Dienstleister/​innen ange­messen bezahlt.« Das Gericht habe vielmehr geprüft, ob der Einsatz des Klägers durch die Dienst­leis­tungs­firma einem Dienst-/Werk­vertrag ent­sprach oder de facto ein Arbeits­ver­hältnis mit der Stiftung begründete. »Nur in dieser Sache hat das Gericht der Klage statt­ge­geben«, betont Cotta. Sie wies darauf hin, dass das Urteil noch nicht rechts­kräftig sei. Man werde die Begründung sorg­fältig prüfen.
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2013%2F09%2F06%2Fa0151&cHash=b8eafd58681acd606cef587b331aa531

Peter Nowak

Peter Nowak

»Das KZ war als Folterhölle bekannt«

ist Mit­be­gründer des Arbeits­kreises zur Geschichte des KZs und des Zucht­hauses Son­nenburg bei der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten.

Der Publizist Kamil Majchrzak kämpft für das Gedenken an das NS-Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg. Dort waren über­wiegend Ber­liner Kom­mu­nisten inhaf­tiert.

taz: Herr Majchrzak, welche Bedeutung hatte das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Son­nenburg im heu­tigen Polen?

Kamil Majchrzak: Das ehe­malige Zuchthaus, das wegen kata­stro­phaler sani­tärer Ver­hält­nisse geschlossen worden war, diente vom 3. April 1933 bis 23. April 1934 als KZ. Zu den über 1.000 Häft­lingen gehörten über­wiegend Kom­mu­nisten aus Berlin, aber auch der Nobel­preis­träger Carl von Ossietzky und der Schrift­steller Erich Mühsam. Wegen der außer­ge­wöhn­lichen Bru­ta­lität wurde das KZ bald als „Fol­ter­hölle“ bekannt. Nach 1934 diente es wieder als Zuchthaus. Seit 1942 waren dort »Nacht- und Nebel­häft­linge« aus fast allen okku­pierten Ländern inhaf­tiert. In der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 wurden über 800 Häft­linge wenige Stunden vor der Befreiung durch die Rote Armee von einem SS-Kom­mando erschossen. Es ist ein euro­päi­scher Gedenkort.

Warum ist das KZ bisher kaum bekannt?

In der BRD wollte man die in Son­nenburg began­genen Ver­brechen gegen die Mensch­lichkeit ver­tu­schen, die die enge Ver­stri­ckung von Justiz und Gestapo offen­barten. So wurde etwa der bereits zu lebens­langer Haft ver­ur­teilte Staats­se­kretär im Bun­des­jus­tiz­mi­nis­terium, Herbert Klemm, wieder frei­ge­lassen. Viele Nazi-Richter und Beamte waren in der BRD in Amt und Würden. Zahl­reiche Fol­terer aus Son­nenburg wie Emil Krause oder Wla­dislaus Tom­schek konnten in der BRD bis zur Rente wei­ter­ar­beiten. An einer juris­ti­schen Auf­ar­beitung war die bun­des­deutsche Justiz nicht inter­es­siert. Das belegt der Frei­spruch der für das Mas­saker ver­ant­wort­lichen Gestapo-Ange­hö­rigen Heinz Richter und Wilhelm Nickel im Kieler Prozess 1970.

Wie ging die DDR damit um?

In der DDR stand das frühere KZ Son­nenburg auch im Schatten des Wider­stands in Buchenwald. So ent­stand eine Lücke, die wir jetzt füllen wollen, und wir hoffen, dass auch der Senat diesen Gedenkort wie­der­ent­deckt, der ja fak­tisch ein Teil Ber­liner Geschichte ist.

Wie geht Polen mit dem ehe­ma­ligen Lager um?

1974 wurde ein Museum errichtet. Das jähr­liche Gedenken an das Mas­saker wird von der Zivil­ge­sell­schaft der Gemeinde Słońsk getragen. Dort nehmen seit einigen Jahren Ber­liner Ver­treter der „Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten“ teil. So ist die Idee zu einer gemein­samen Tagung in Słońsk am 13. Sep­tember ent­standen. Ange­hörige von frü­heren Häft­lingen werden das Wort ergreifen, und wir wollen über das Erinnern und Gedenken nach 1945 in Słońsk sprechen.

Und Ihre wei­teren Pla­nungen?

Wir hoffen, dass His­to­ri­ke­rInnen in Polen und Deutschland das Thema ent­decken und wir vor allem mit Jugend­lichen und Schü­le­rInnen beider Länder Pro­jekte ent­wi­ckeln können. Auch inter­na­tionale Geschichts­werk­stätten wären denkbar.
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Interview: Peter Nowak

Erinnerung an die Folterhölle


Ber­liner Anti­fa­schisten planen Gedenkort im ehe­ma­ligen KZ Son­nenburg

Das KZ Son­nenburg wurde 1933 zum Inbe­griff des NS-Terrors gegen poli­tische Gegner. Heute ist das Lager im pol­ni­schen Słonsk weit­gehend ver­gessen. Ber­liner Anti­fa­schisten wollen dort einen Erin­ne­rungsort ein­richten. Sie stellten das Projekt am Mitt­woch­abend in Berlin vor.

Der KPD-Poli­tiker Rudolf Bern­stein ver­öf­fent­lichte 1934 in der Prager »Arbeiter Illus­trierten Zeitung« den Artikel »Fol­ter­hölle Son­nenburg«. Der spätere Direktors des Staat­lichen Film­ar­chivs der DDR war wie Tau­sende Nazi­gegner nach dem Reichs­tags­brand im Februar 1933 ver­haftet worden. Weil in Berlin nicht genügend Unter­künfte für die vielen Gefan­genen vor­handen waren, nahmen die Nazis das Zuchthaus Son­nenburg wieder in Betrieb, das wenige Jahre zuvor von der preu­ßi­schen Regierung wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Ver­hält­nisse geschlossen worden war.

Doch die bis zu 1000 Häft­linge, in ihrer großen Mehrheit Kom­mu­nisten aus Berlin und Umgebung, die dort ab April 1933 ein­saßen, hatten nicht nur unter Enge und schlechtem Essen zu leiden. Sie waren auch Demü­ti­gungen und Folter der bru­talen SA-Wach­mann­schaften aus­ge­setzt.

Das Lager wurde im April 1934 geschlossen, aber mit Beginn des Zweiten Welt­krieges erneut eröffnet. Dorthin wurden Nazi­gegner aus allen von der Wehr­macht besetzten Ländern gebracht. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 wurden auf dem KZ-Gelände von der Gestapo über 800 Gefangene erschossen. Opfer dieses größten Mas­sakers in der End­phase des NS-Regimes waren Ange­hörige einer kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands­gruppe sowie Gefangene aus Frank­reich und Luxemburg. Die Täter wurden in Deutschland nie ver­ur­teilt.

Für Hans Coppi von der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) ist Son­nenburg in Deutschland heute weit­gehend ver­gessen, weil es keine Lager­ge­mein­schaft ehe­ma­liger Insassen gibt. In einer Arbeits­gruppe der VVN-BdA, die sich für den Erin­ne­rungsort an das Kon­zen­tra­ti­ons­lager ein­setzt, arbeitet auch Kamil Majchrzak von der pol­ni­schen Edition der Zeit­schrift »Le Monde Diplo­ma­tique« mit. Er betont gegenüber »nd« die poli­tische Bedeutung des geplanten Gedenk­ortes. »In Zeiten der Rechts­ent­wicklung in ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern soll dort daran erinnern werden, dass Wider­stands­kämpfer aus allen euro­päi­schen Ländern die Welt vom Natio­nal­so­zia­lismus befreiten.«

Die VVN-BdA hat eine Datenbank mit über 500 Namen von Häft­lingen der »Fol­ter­hölle« zusam­men­ge­stellt. Dabei konnte sie sich auf Vor­ar­beiten des pol­ni­schen His­to­rikers und Leiters der lokalen Kom­mission zur Erfor­schung der deut­schen Ver­brechen in Polen, Prze­mysław Mni­chowski, stützen. »Leider exis­tiert nach wie vor keine voll­ständige Namens­liste der auf dem Friedhof der Kriegs­ge­fan­genen ver­scharrten Opfer des Zucht­hause«, erklärt Frieder Böhne vom Arbeits­kreis der VVN-BdA.

Am 12. und 13. Sep­tember soll in Słonsk auf einer Tagung über die Gestaltung des Gedenk­ortes mit Teil­nehmern aus Polen, Deutschland, Luxemburg, Nor­wegen, Belgien beraten werden.

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Peter Nowak