Digital ist besser


Das neu gegründete Zentrum für Eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung beschäftigt sich mit Fragen der tech­no­lo­gi­schen Ent­wicklung. Zu den Adres­saten des Think Tanks gehören auch die Beschäf­tigten, deren Arbeits­leben immer stärker von der Digi­ta­li­sierung geprägt wird.

»Wir sind keine Tech­no­lo­gie­kri­tiker, sondern ver­stehen uns als Tech­no­lo­gie­for­scher«, sagt Simon Schaupp. Er gehört zu den Gründern des Zen­trums für Eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung (ZET) in München. Die Wis­sen­schaftler, die sich Anfang Sep­tember in diesem Think Tank zusam­men­ge­schlossen haben, kommen aus ver­schie­denen Fach­rich­tungen und wollen »in den gesell­schaft­lichen Diskurs um die tech­nische Ent­wicklung inter­ve­nieren«, wie es in einer ersten Selbst­dar­stellung heißt.

Das Zentrum solle neue Akzente in der linken Tech­nik­de­batte setzen, sagt Schaupp im Gespräch mit der Jungle World. »Im linken Diskurs wird die Digi­ta­li­sierung oft als Angriff auf das gute Leben inter­pre­tiert. Wir haben einen anderen Blick auf die Digi­ta­li­sierung.

Wir sehen Tech­no­logie als Ergebnis von Macht­kämpfen. Das bedeutet auch, dass unter den gegen­wär­tigen poli­ti­schen Bedin­gungen einer markt­ra­di­kalen Dominanz die Aus­wir­kungen der Tech­no­logie nicht gerade positiv für die abhängig Beschäf­tigten sind. Der Grund dafür liegt aber nicht in der Tech­no­logie selbst, sondern in deren poli­tisch-öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gungen.«

Das ZET soll künftig aber nicht nur Dis­kurse, sondern auch Arbeits­be­din­gungen ver­ändern. Dem­entspre­chend fand der Grün­dungs­kon­gress im Münchner DGB-Haus statt. In einer Dis­kus­si­ons­runde sprachen Wis­sen­schaftler und poli­tisch enga­gierte Com­pu­ter­fach­leute über die Mög­lich­keiten einer »Tech­nik­po­litik von unten« am Bei­spiel der Hacker-Bewegung. In einem zweiten Panel refe­rierten die Geschäfts­füh­rerin des Karls­ruher Instituts für Tech­nik­zu­künfte, Alex­andra Haus­stein, und Andreas Boes vom Münchner Institut für Sozi­al­wis­sen­schaft­liche For­schung über die ­Digi­ta­li­sierung der Arbeitswelt.

Dieses The­menfeld soll auch in Zukunft für die Arbeit des ZET zentral bleiben. »Die Debatte über eine dro­hende tech­no­lo­gische Arbeits­lo­sigkeit wird in der Wis­sen­schaft wie auch in der brei­teren Öffent­lichkeit mit einigem Élan geführt. Einmal einen Schritt zurück­zu­treten und grund­sätzlich zu werden, würde hier – wie auch in vielen anderen Tech­nik­de­batten – sicherlich nicht schaden«, sagte der ZET-Vor­sit­zende Philipp Frey. Die Auto­ma­ti­sierung werde oft als Natur­gewalt und Sach­zwang dar­ge­stellt. »Wir treten für eine Gesell­schaft ein, in der die eman­zi­pa­to­ri­schen Mög­lich­keiten der modernen Tech­no­logie im Interesse der Mehrheit der Men­schen zur Geltung kommen. Bei­spiels­weise macht die moderne Tech­no­logie eine radikale Arbeits­zeit­ver­kürzung nötig. Dass Men­schen weniger Lohn­arbeit ver­richten müssen, ist eigentlich sehr positiv, wird aber zum Fluch, wenn – wie das heut­zutage der Fall ist – für alle, die nicht von ihren Ver­mögen leben können, ein all­ge­meiner Arbeits­zwang herrscht«, sagt Schaupp.

Der Soziologe nennt als Bei­spiel für kon­krete negative Folgen tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lungen die digi­talen Assis­tenz­systeme, die in den ver­schie­denen Branchen, vom Bau bis zum Ein­zel­handel, Einzug in die Arbeitswelt halten: »Die Arbeits­schritte werden den Beschäf­tigten dort bis ins Detail vor­gegeben. Abwei­chungen, selbst Nach­fragen sind nicht mehr möglich. Das sorgt für eine Dequa­li­fi­zierung der Lohn­arbeit. Dies wie­derum trägt zu einer Pre­ka­ri­sierung bei, weil die Beschäf­tigten leichter aus­tauschbar sind.«

Adres­saten der Erkennt­nisse sollen auch die Beschäf­tigten sein. Das ZET möchte Lohn­ab­hän­gigen in Semi­naren bei­spiels­weise ver­deut­lichen, dass die den Betriebs­alltag bestim­menden Algo­rithmen eine Folge poli­ti­scher ­Ent­schei­dungen sind. Eine real­po­li­tische For­derung der Wis­sen­schaftler ist, Algo­rithmen und deren Funktions­weise trans­parent zu machen. Zudem sollen die Beschäf­tigten auch im Bereich der tech­no­lo­gi­schen Aus­ge­staltung Mit­be­stim­mungs­rechte erhalten.

Mit dieser Ziel­setzung unter­scheidet sich das ZET vom Capulcu-Redak­ti­ons­kol­lektiv, das im ver­gan­genen Jahr ein Buch mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel »Disrupt – Wider­stand gegen den tech­no­lo­gi­schen Angriff« her­aus­ge­geben hat. Das Redak­ti­ons­kol­lektiv sieht in der Digi­ta­li­sierung vor­wiegend ein Instrument zur Über­wa­chung und Aus­for­schung, das die Auto­nomie des Men­schen bedrohe. Es fordert einen »Gegen­an­griff auf die Praxis und die Ideo­logie der totalen Erfassung«. Diese Form der Tech­nik­kritik ist in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken weit ver­breitet. Mit dem ZET könnte sich künftig auch in Deutschland eine Strömung in der Linken her­aus­bilden, die der tech­ni­schen Ent­wicklung grund­sätzlich positiv gegen­über­steht. 

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​3​9​/​d​i​g​i​t​a​l​-​i​s​t​-​b​esser

Peter Nowak

Eine Digitalisierung von unten ist denkbar

Im Zusam­men­schluss ZET suchen Wis­sen­schaftler nach eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven in der Tech­nik­for­schung


Simon Schauppist Arbeits- und Tech­nik­so­ziologe an der Uni­ver­sität Basel. Er ist Mit­be­gründer des »Zen­trums eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung« (ZET). Mit ihm sprach für »nd«Peter Nowak.

Wie haben Sie sich zusam­men­ge­funden?
Die Initiator*innen haben bei der Arbeit an dem Buch »Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen« zusam­men­ge­funden, das letztes Jahr im Unrast-Verlag erschienen ist. Schon dort haben wir uns inhaltlich mit vor­wärts­ge­wandten, eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven auf den tech­no­lo­gi­schen Wandel beschäftigt. Nun haben wir den Kreis erweitert und ca. ein Jahr die Gründung

Was kri­ti­sieren Sie am bis­he­rigen Tech­nik­diskurs?
Bei »Industrie 4.0« geht es haupt­sächlich um eine Stärkung des Wirt­schafts­standorts Deutschland. Dem wollen wir eine trans­na­tionale Per­spektive ent­ge­gen­setzen und so zu einer fort­schritt­lichen Digi­ta­li­sierung bei­tragen.

Sie setzen sich aber auch vom linken Umgang mit der Tech­no­logie ab. Wo sind da die Dif­fe­renzen?

Wir sind keine Technologiekritiker*innen, sondern Technologieforscher*innen. Im linken Diskurs wird die Digi­ta­li­sierung oft als Angriff auf das gute Leben inter­pre­tiert. Wir haben einen anderen Blick. Wir sehen Tech­no­logie als Ergebnis von Macht­kämpfen. Das bedeutet auch, dass unter den gegen­wär­tigen poli­ti­schen Bedin­gungen einer markt­ra­di­kalen Dominanz die Aus­wir­kungen der Tech­no­logie nicht gerade positiv für die abhängig Beschäf­tigten sind. Der Grund dafür liegt aber nicht in der Tech­no­logie selbst, sondern in deren poli­tisch-öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gungen. Eine Digi­ta­li­sierung von unten ist für uns durchaus denkbar.

Was bedeutet das für die Hand­lungs­per­spek­tiven?

Wir treten für eine Gesell­schaft ein, in der die eman­zi­pa­to­ri­schen Mög­lich­keiten der modernen Tech­no­logie im Interesse der Mehrheit der Men­schen zur Geltung kommen. Bei­spiels­weise macht die moderne Tech­no­logie eine radikale Arbeits­zeit­ver­kürzung nötig. Dass Men­schen weniger Lohn­arbeit ver­richten müssen, ist eigentlich sehr positiv, wird aber mit­unter zum Fluch, wenn – wie das heute der Fall ist – für alle, die nicht von ihren Ver­mögen leben können, ein all­ge­meiner Arbeits­zwang herrscht. Das ist für uns ein zen­trales Thema der Tech­nik­po­litik.

Die Gründung des ZET erfolgte im Münchner DGB-Haus. Richten Sie sich vor allem an Gewerk­schaften?

Wir haben uns bewusst im DGB-Haus und nicht in einer Hoch­schule getroffen. Wir arbeiten schon länger mit Gewerkschafter*innen und Betriebsrät*innen zusammen. Zum Bei­spiel orga­ni­sieren wir Seminare und Kurse mit Beschäf­tigten in Betrieben, die von der Digi­ta­li­sierung betroffen sind. Aber natürlich gibt es viele andere Felder der Tech­nik­po­litik.

Worum geht es bei den Semi­naren?

Wir reden über die Wünsche und Gefühle der Beschäf­tigten, fragen nach Kon­flikten im Zusam­menhang mit der Digi­ta­li­sierung und reden über Digi­ta­li­sie­rungs­stra­tegien des Manage­ments. Dabei geht es nicht erster Linie um die Über­wa­chung der Beschäf­tigten, die in der linken Tech­no­lo­gie­kritik eine zen­trale Rolle spielt.

Wo sehen Sie die zen­tralen Pro­bleme im Betrieb?

Das sind bei­spiels­weise die digi­talen Assis­tenz­systeme, die in den ver­schie­denen Arbeits­be­reichen vom Bau bis zum Ein­zel­handel Einzug halten. Den Beschäf­tigten werden dabei ihre Arbeits­schritte bis ins Detail vor­ge­geben. Abwei­chungen, selbst Nach­fragen sind nicht mehr möglich. Das sorgt für Dequa­li­fi­zierung. Die wie­derum trägt zu einer Pre­ka­ri­sierung bei, weil die Beschäf­tigten leichter aus­tauschbar sind. Wir wollen deutlich machen, dass Algo­rithmen eine Folge poli­ti­scher Ent­schei­dungen sind. Sie müssen trans­parent gemacht werden. Und die Beschäf­tigten müssen bei der Aus­ge­staltung Mit­be­stim­mungs­rechte bekommen.

Welche Rolle spielt die Angst vor einem Wegfall der Arbeits­plätze?

Die Drohung mit dem Arbeits­platz­verlust führt oft dazu, dass die Beschäf­tigten der Ver­schlech­terung ihrer Arbeits­be­din­gungen zustimmen. Eine men­schen­ge­rechte Digi­ta­li­sierung ist möglich, aber dafür müssen wir unser gesell­schaft­liches Ver­hältnis zur Arbeit radikal über­denken.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​1​0​0​6​1​1​.​t​e​c​h​n​o​l​o​g​i​e​-​v​o​n​-​l​i​n​k​s​-​e​i​n​e​-​d​i​g​i​t​a​l​i​s​i​e​r​u​n​g​-​v​o​n​-​u​n​t​e​n​-​i​s​t​-​d​e​n​k​b​a​r​.html

Interview: Peter Nowak

Die Möglichkeit des radikal Anderen

100 Jahre nach der bru­talen Nie­der­schlagung: Autor Simon Schaupp über die Bedeutung und Erfor­schung der Baye­ri­schen Räte­re­publik
Zur Person

Simon Schaupp ist Soziologe und in der Tech­ni­schen Uni­ver­sität München als wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter tätig. Er hat kürzlich im Unrast-Verlag »Der kurze Frühling der Räte­re­publik – ein Tagebuch der baye­ri­schen Revo­lution« her­aus­geben. Am 26.1. stellt Schaupp das Buch im Ber­liner FAU-Lokal in der Grün­taler Straße 24 vor. Mit dem Wis­sen­schaftler sprach Peter Nowak.

Dem­nächst jährt sich der 100. Jah­restag der Baye­ri­schen Räte­re­publik. Sie haben ein Tagebuch jener Ereig­nisse ver­fasst. Warum diese Form und warum die drei zen­tralen Figuren Ernst Toller, Erich Mühsam und Hilde Kramer?

Das Anliegen des Buches ist es, die Hoff­nungen und Stra­tegien, aber auch die Fehl­schläge und die Ver­zweiflung der Revo­lu­tio­nä­rInnen in den Vor­der­grund zu rücken. Dafür scheint mir eine Erzählform ange­messen, die einen direkten Bezug zum per­sön­lichen Erleben der Per­sonen her­stellt. Die drei Haupt­per­sonen habe ich aus­ge­wählt, weil sie die drei wich­tigen Strö­mungen der baye­ri­schen Linken zu jener Zeit reprä­sen­tieren: Ernst Toller für den radi­kalen Sozia­lismus der USPD, die bisher weit­gehend unbe­kannte Hilde Kramer für die neu gegründete KPD und Erich Mühsam für den Anar­chismus. Tat­sächlich kannten sich die drei und standen in regem Aus­tausch. Das »Tagebuch« basiert zu großen Teilen auf Briefen, Notizen und Tage­buch­ein­trägen der drei.

Warum halten Sie es für wichtig, sich an die Baye­rische Räte­re­publik zu erinnern?

Durch die baye­rische Revo­lution wurde die über 700 Jahre regie­rende Wit­tels­bacher Mon­archen-Dynastie gestürzt und die Demo­kratie ein­ge­führt. Dass diese nicht not­wen­di­ger­weise die Form des Par­la­men­ta­rismus annehmen muss, sondern sich auch in radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Räte­struk­turen aus­drücken kann, wird aber weit­gehend ver­drängt. Die baye­rische Räte­re­publik steht his­to­risch für die Mög­lichkeit des radikal Anderen, die es allemal wert ist, erinnert zu werden.

Selbst die CSU hat nach 100 Jahren die lange Zeit gelebte Feind­schaft gegen die Räte­re­publik rela­ti­viert. Wie soll die Linke mit dieser Ver­ein­nahmung umgehen?

Davon ist hier in Bayern nicht viel zu merken. Dass der baye­rische Frei­staat auf die Räte­re­publik zurückgeht, ist kaum jemandem bewusst. Auch in der Gedenk­kultur wird diese Phase aus­ge­blendet. Vor allem die SPD scheint die Räte­re­publik nun für sich zu ent­decken. Das ist etwas skurril, ange­sichts der Tat­sache, dass sie damals die trei­bende Kraft bei ihrer Nie­der­schlagung war und damit schon besiegt geglaubte rechts­na­tionale Kräfte wieder in den Sattel gehoben hat.

Warum wider­sprechen Sie der These, dass es sich um ein Kon­strukt von »Bohe­miens« ohne große Unter­stützung in der Bevöl­kerung han­delte?

Diese These lässt sich direkt zur rechts­li­be­ralen Pro­pa­ganda gegen die Räte­re­publik zurück­führen. Bis heute wird sie gebets­müh­len­artig wie­derholt, wenn das Thema besprochen wird, jüngst bei­spiels­weise in einem Buch von Volker Wei­dermann. Es ist aber abwegig zu glauben, eine Handvoll Schrift­steller hätte die Revo­lution her­beisch­reiben können. Es gab in ganz Bayern lebendige Räte­struk­turen. Sie waren die eigent­lichen Träger der Revo­lution.

Sie haben auch die Nie­der­schlagung der Räte­re­publik aus­führlich behandelt, bei der Hass auf Linke und Anti­se­mi­tismus eine große Rolle spielten. War dies die Ouvertüre für den Natio­nal­so­zia­lismus?

Ja. Sowohl orga­ni­sa­to­risch als auch per­sonell lässt sich der NS auf die gegen­re­vo­lu­tionäre Bewegung jener Zeit zurück­ver­folgen. Dabei sind erstens die prä­fa­schis­ti­schen Frei­korps zu nennen. Allein schon die Offi­ziere des besonders brutal vor­ge­henden Frei­korps Epp, unter ihnen Röhm, Heß und Strasser, finden sich später fast alle unter der NS-Pro­minenz wieder. Zweitens hat die anti­se­mi­tische Thu­le­ge­sell­schaft eine wichtige Rolle gespielt. Ihr Zei­tungs­organ »Münchner Beob­achter« wurde später der »Völ­kische Beob­achter«, und ihre Agenten haben die Gründung der DAP vor­an­ge­trieben, die später in NSDAP umbe­nannt wurde.

Sie haben auch die Rolle der Frauen und Erwerbs­losen the­ma­ti­siert. Wie ist hier die Quel­lenlage? Welche For­schungs­lücken gibt es dar­ü­beaus?

Frauen haben ins­be­sondere in der Frür hin­h­phase der Revo­lution eine zen­trale Rolle gespielt. Damals tobte ja noch der 1. Welt­krieg und viele Männer waren an der Front. Die Frauen haben revo­lu­tionäre Orga­ni­sa­tionen auf­gebaut, wurden aber später von den heim­keh­renden Männern sys­te­ma­tisch ver­drängt. Die Erwerbs­losen hatten eigene Räte­struk­turen und haben sich durch besonders radikale revo­lu­tionäre Aktionen her­vor­getan. Da bleibt noch viel Raum für For­schung.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​7​1​7​0​.​d​i​e​-​m​o​e​g​l​i​c​h​k​e​i​t​-​d​e​s​-​r​a​d​i​k​a​l​-​a​n​d​e​r​e​n​.html

Interview: Peter Nowak

Ein Blick auf mögliche Zukünfte

Ein Sammelband diskutiert Kybernetik und emanzipatorische Perspektiven

Roboter ver­nichten Arbeits­plätze, Smart­phones sorgen dafür, dass die Men­schen sich nicht mehr zum Plausch treffen und Drohnen sind eine neue, besonders heim­tü­ckische Form der Kriegs­führung. Tat­sächlich hat der tech­nische Fort­schritt auch unter außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken keine guten Ruf mehr.

Die drei Sozi­al­wis­sen­schaftler Anne Kop­pen­burger, Paul Buckerkmann und Simon Schaupp wählen einen anderen Ansatz, der schon im Titel deutlich wird. Sie ver­binden Kyber­netik mit eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven. Dabei kri­ti­siert das Her­aus­ge­bertrio zwei Posi­tionen, die in der Linken zur Tech­nik­frage zu finden sind: »Die einen treibt es zurück in den Garten, in ihren Augen hält ein tech­no­lo­gi­scher Wandel grund­sätzlich nur Schlechtes bereit und kann nicht mehr auf­ge­halten oder nach­jus­tiert werden. Für die anderen erstrahlt ein voll­au­to­ma­ti­scher Luxus-Kom­mu­nismus am Horizont des Silicon-Valley, eine Welt ohne schlechte Arbeit durch Kyber­netik, Roboter und künst­liche Intel­ligenz scheint möglich.«

In den elf Auf­sätzen setzen sich ver­schiedene Autorinnen und Autoren mit den Ver­hei­ßungen und Ver­spre­chungen, die mit bestimmten Tech­no­logien ver­bunden sind, kri­tisch aus­ein­ander. So dekon­struiert Matteo Pas­qui­nelli den Mythos von den den­kenden Maschinen und der künst­le­ri­schen Intel­ligenz als eine neue Form von Klas­sen­kampf. Simon Schaupp zeigt anhand his­to­ri­scher Bei­spiele auf, dass es falsch wäre, Kyber­netik nur mit dem Kapi­ta­lismus in Ver­bindung zu bringen. So hat der Begründer der modernen Kyber­netik, Norbert Wiener, US-ame­ri­ka­ni­schen Indus­trie­ge­werk­schaften Beratung in Auto­ma­ti­sie­rungs­fragen ange­boten. Dass es dazu nicht kam, lag daran, dass die Gewerk­schafts­führung in den 1960er Jahren die Not­wen­digkeit dafür nicht erkannte. Weiter vor­an­ge­schritten waren die Pla­nungen für das Projekt Cybersyn im sozia­lis­ti­schen Chile während der kurzen Zeit der Unidad-Popular-Regierung unter Sal­vador Allende. »Gerade der Blick in die Ver­gan­genheit – also die his­to­rische Rekon­struktion kyber­ne­ti­scher Utopien – kann den Blick für mög­liche Zukünfte schärfen«, betont Schaupp.

Mit Nick Srnicek kommt ein Ver­treter des Akze­le­ra­tio­nismus zu Wort, die sich besonders tech­nik­freundlich gebären. Auch er bezieht sich positiv auf das Projekt Cybersyn in Chile. Philipp Frei wie­derum erklärt, wie im Kapi­ta­lismus der Traum von einer Auto­ma­ti­sierung der Arbeitswelt, die die Men­schen von schmut­zigen, gesund­heits­schäd­lichen Tätig­keiten ent­lasten könnte, zum Alp­traum wird. Zu seinen radi­kal­po­li­ti­schen Vor­schlägen zählt eine radikale Arbeits­zeit­ver­kürzung und ein bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen. Auch femi­nis­tische Debatten werden im Band reflek­tiert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch eine leb­hafte Dis­kussion unter Linken auslöst.

Paul Buckermann/​Anne Koppenburger/​Simon Schaupp (Hg.): Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen, eman­zi­pa­to­rische Per­spek­tiven im tech­no­lo­gi­schen Wandel
Unrast. 300 S., br., 20 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​5​5​7​9​.​e​i​n​-​b​l​i​c​k​-​a​u​f​-​m​o​e​g​l​i​c​h​e​-​z​u​k​u​e​n​f​t​e​.html

Peter Nowak

»Eine Verlagerung der Verantwortung vom Staat zum Individuum«

Simon Schaupp ist Soziologe und arbeitet als wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter am Munich Center for Tech­nology in Society der Tech­ni­schen Uni­ver­sität München. Derzeit forscht er zu den Macht­wir­kungen digi­taler Pro­zess­steue­rungs­tech­no­logien in der »Industrie 4.0«. Im Oktober 2016 erschien sein Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus« im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. Am Freitag, 13. Januar 2017, stellt er in Berlin ab 19 Uhr das Buch im FAU-Gewerk­schafts­lokal in der Grünthaler Straße 23 vor.


Warum sind immer mehr Men­schen bereit, mit trag­baren digi­talen Geräten ihren Lebens­wandel zu über­wachen und die Ergeb­nisse dann ins Internet zu stellen?

Die Gründe für dieses soge­nannte Self-Tracking sind viel­fältig. Was ich ver­suche zu zeigen, ist, dass es einen Zusam­menhang gibt zwi­schen den per­ma­nenten Anfor­de­rungen der Selb­st­op­ti­mierung im Neo­li­be­ra­lismus und den Self-Tracking-Prak­tiken. Wenn das Auf­po­lieren des Selbst durch Sport, Wellness, Diäten etc. in vielen Bereichen zur Vor­aus­setzung dafür wird, die eigene Arbeits­kraft erfolg­reich ver­kaufen zu können, dann ist es nahe­liegend, dass über kurz oder lang Hilfs­mittel dafür ange­boten werden. Als solche Hilfs­mittel zur Ratio­na­li­sierung der Arbeit am Selbst können die Self-Tracking-Tech­no­logien ver­standen werden. Ihre Funktion ist in dieser Hin­sicht wesentlich eine buch­hal­te­rische. Die ver­schie­denen Anwen­dungen über­wachen mittels Sen­sor­technik bestimmte Akti­vi­täten und bereiten diese anschließend in Zahlen auf. Oft wird dann »Input« und »Output« gegen­über­ge­stellt, also zum Bei­spiel gelaufene Schritte und ver­brannte Kalorien. Dadurch soll im Gegensatz zur sub­jektiv ver­zerrten Selbst­wahr­nehmung eine »objektive« Dar­stellung geboten werden. So weiß ich immer genau, was ich »inves­tieren« muss, um meine Werte zu steigern. Diese öko­no­mi­schen Begriffe sind übrigens nicht meine Meta­phern, sondern die werden wirklich so in der Self-Tracking-Werbung, die ich ana­ly­siert habe, benutzt. Die Use­rinnen und User werden klar als Unter­nehmer ihrer selbst ange­sprochen. Das sind die wesent­lichen struk­tu­rellen Gründe für das Self-Tracking. Die indi­vi­du­ellen Gründe können aber natürlich auch ganz andere sein, zum Bei­spiel das ­Expe­ri­men­tieren mit dem eigenen Körper. Die Dar­stellung der Self-T

Ihr kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenes Buch heißt »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus«. Was ver­stehen Sie unter »kyber­ne­ti­schem Kapi­ta­lismus«?

Ich ver­stehe dar­unter ein Pro­duk­ti­ons­regime, das wesentlich auf der Erhebung und Ver­ar­beitung von Daten beruht. Durch die All­ge­gen­wär­tigkeit teils minia­tu­ri­sierter ver­netzter Com­puter werden in fast allen Lebens­si­tua­tionen, vor allem aber da, wo Mehrwert pro­du­ziert werden soll, Daten erhoben. Diese Daten erfüllen eine Dop­pel­funktion. Einer­seits dienen sie der Kon­trolle und Opti­mierung des über­wachten Pro­zesses. Das kann die indus­trielle Pro­duktion von Papp­kartons sein, aber eben auch der indi­vi­duelle Kalo­ri­en­haushalt. Ande­rer­seits werden diese Daten selbst zur Ware. Die Daten aus der Über­wa­chung der Pappe-Pro­duk­ti­ons­ma­schinen können bei­spiels­weise zu abs­trakten Pro­zess­op­ti­mie­rungs­mo­dellen aggre­giert werden, oder die Self-Tracking-Daten werden zu detail­lierten per­sön­lichen Pro­filen zusam­men­ge­fasst, die dann als Grundlage für indi­vi­dua­li­sierte Werbung dienen können. Ich benutze den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus, um den Kon­trollaspekt zu betonen, der in der Debatte um Über­wa­chung und die Kom­mo­di­fi­zierung von Daten oft in den Hin­ter­grund gerät. Norbert Wiener, der Begründer der Kyber­netik, hat sie als »Wis­sen­schaft von Kom­mu­ni­kation und Kon­trolle« defi­niert. In ihrem Zentrum steht die Idee der Kon­trolle durch per­ma­nentes Feedback. Self-Tracking ist ein Para­de­bei­spiel für so eine Art von Kon­trolle.

Wie stehen Politik, Wirt­schaft und Kran­ken­kassen zum Self-Tracking?

Der Trend wird dort zu großen Teilen geradezu eupho­risch auf­ge­nommen. Es gibt ein Posi­ti­ons­papier der Euro­päi­schen Kom­mission zu Self-Tracking im Gesund­heits­be­reich. Dort wird im Self-Tracking vor allem das Potential der Kos­ten­ein­sparung in den jewei­ligen Gesund­heits­sys­temen gesehen. Die Idee ist, dass mit dem Self-Tracking eine Ver­la­gerung der Ver­ant­wortung vom Staat zum Indi­viduum statt­finden soll. Die Nut­ze­rinnen und Nutzer sollen zu einem gesün­deren Lebens­wandel und sogar zu Selbst­dia­gnosen »ermächtigt« werden. Ent­spre­chend dieser Vision hat bei­spiels­weise das bri­tische Gesund­heits­mi­nis­terium Ärzten emp­fohlen, ihren Pati­enten Self-Tracking-Tech­no­logien zu ver­schreiben. Das Interesse der Kran­ken­kassen am Self-Tracking ist natürlich nahe­liegend. Ver­schiedene Ver­si­che­rungen, auch in Deutschland, expe­ri­men­tieren mit Bonus­pro­grammen auf der Grundlage von Self-Tracking-Daten. Das ist eine Ent­wicklung, die schnell zum Selbst­läufer werden kann, so dass das Ver­weigern des Tra­ckens indirekt finan­ziell bestraft wird. Noch ist dieser Punkt aber zum Glück nicht erreicht.

Bei einer Analyse der Werbung für Self-Tracking-Tech­no­logien kommen Sie zu dem Fazit, dass Sol­daten und Berg­steiger immer wie­der­keh­rende Bilder sind. Warum gerade diese beiden Gruppen?

Der Berg­steiger ist das zen­trale Bild in der Illus­tration von Werbung für Self-Tracking. Meist wird der Berg­steiger dabei in sehr unwirt­licher Umgebung gezeigt. Er ist gerade ange­seilt auf einem schnee­be­deckten Gipfel ange­kommen und schaut nun in den Son­nen­un­tergang. Damit werden dann Tech­no­logien beworben, die der Über­wa­chung von Pro­duk­ti­vität bei der Schreib­tisch­arbeit dienen. Diese Figur des Berg­steigers ist die ide­al­ty­pische Ver­kör­perung von Leistung und Erfolg, nach dem Motto: »Wenn du nur hart genug an dir arbeitest, wirst du alles meistern.« Hier knüpft auch der mili­ta­ris­tische Aspekt der Werbung an: Fast in jeder Self-Tracking, App gibt es vir­tuelle »Orden«, die bei Rekorden und Höchst­leis­tungen frei­ge­schaltet werden. Die Diät­firma Weight Wat­chers hat sogar eine eigene Wer­be­kam­pagne unter dem Slogan »lose like a man« (abnehmen wie ein Mann), in der ein Soldat dem Publikum erklärt, wie er mittels Self-Tracking zum »Vorbild für seine Männer« geworden ist. Das Bild des Sol­daten steht dabei haupt­sächlich für die Dis­ziplin, die die jewei­ligen Pro­gramme fördern sollen. Gleich­zeitig lässt es sich auch als Aus­druck eines auf Leistung fixierten Männ­lich­keits­kults inter­pre­tieren.

Werden solche Methoden von Unter­nehmen auch zur Über­wa­chung von Beschäf­tigten ein­ge­setzt, wie es bei Fahr­diensten und Call­centern schon geschieht?

Ja. Viele Self-Tracking-Pro­gramme, wie zum Bei­spiel die Zeit­ma­nagement-Anwendung Rescue Time haben soge­nannte Team-Funk­tionen. Damit kann man nicht nur die eigene »Pro­duk­ti­vität« steigern, sondern Vor­ge­setzte können auch minutiös über­wachen, was ihre Unter­ge­benen tun und sich bei­spiels­weise Screen­shots von deren Bild­schirmen anzeigen lassen. Wenn ihnen nicht gefällt, was sie sehen, gibt es »Nudge«-Funktionen, mit denen den Unter­ge­benen ange­zeigt werden kann, dass sie effi­zi­enter arbeiten sollen. Viele setzen sich aber auch scheinbar frei­willig der Über­wa­chung aus, um so ihre Selbst­dis­ziplin zu steigern. So gibt es Pro­gramme, die bei jedem Fehl­tritt oder auch bei man­gelnder Daten­eingabe eine vorher bestimmte Auf­sichts­person infor­mieren. Besonders auf­schluss­reich sind aber die­je­nigen Fälle, in denen Selbst- und Fremd­über­wa­chung ver­schmelzen. Das ist zum Bei­spiel dann der Fall, wenn Unter­nehmen ihren Ange­stellten nahe­legen, sich in ihrer Freizeit zu tracken. Nicht, um dann die Daten abzu­greifen, sondern in der Hoffnung, dass sie dadurch pro­duk­tiver arbeiten.

Im Buch stellen Sie unter anderem die Frage, ob unter nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nissen Self-Tracking und andere Formen kyber­ne­ti­scher Kon­trolle auch zu eman­zi­pa­to­ri­schen Zwecken nutzbar wären. Gibt Ihr nächstes Buch*, das sich unter anderem mit einem solchen Projekt in Chile unter Sal­vador Allende befasst, darauf eine Antwort?

Self-Tracking ist nicht die Ursache des Neo­li­be­ra­lismus, sondern die Kon­se­quenz seiner Anfor­de­rungen. Gleich­zeitig befördert es aber auch eine ­neo­li­berale Lebens­führung und trägt damit zu dessen Sta­bi­li­sierung bei. Ins­gesamt scheint mir die Kyber­netik weder poli­tisch neutral zu sein, noch pro­du­ziert sie not­wen­di­ger­weise eine bestimmte Form von Politik. Sie legt ­jedoch eine tech­nik­un­ter­stützte Selbst­or­ga­ni­sation nahe, die durchaus auch eman­zi­pa­to­risch ange­wandt werden kann. Das von mir mit­her­aus­ge­gebene Buch dreht sich um die Frage, welche eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven der tech­no­lo­gische Wandel eröffnen könnte. Das ange­spro­chene chi­le­nische Projekt Cybersyn sollte so zum Bei­spiel die tech­nische Infra­struktur für eine Art selbst­or­ga­ni­sierte Plan­wirt­schaft liefern. Allende ließ dafür den bri­ti­schen Manage­ment­ky­ber­ne­tiker Stafford Beer nach Chile ein­fliegen, der ein Com­pu­ter­system kon­zi­pieren sollte, das es ermög­licht, Pro­duk­ti­ons­ent­schei­dungen in die jewei­ligen von Arbeitern ver­wal­teten Fabriken zu dele­gieren und trotzdem die Volks­wirt­schaft als Ganze nicht aus dem Blick zu ver­lieren. Für die Koor­di­nation dezen­traler Orga­ni­sation sind kyber­ne­tische Tech­no­logien also durchaus nützlich. Dass wir für eine eman­zi­pa­to­rische Lebens­führung aller­dings Self-Tracking-Tech­no­logien brauchen, scheint mir eher zwei­felhaft.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​0​2​/​5​5​5​3​5​.html

Interview: Peter Nowak

  • Paul Buckermann, Anne Kop­pen­burger und Simon Schaupp (Hg.): »Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen. Eman­zi­pa­to­rische Per­spek­tiven im tech­no­lo­gi­schen Wandel«, Unrast-Verlag, ab März 2017 erhältlich

Digitale Selbstüberwachung

Self-Tracking ist zu einem schnell wach­senden Trend geworden.Immer mehr Men­schen über­wachen mittels trag­barer digi­taler Geräte minutiös ihren Lebens­wandel – und das frei­willig.

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: «Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 10 000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 15 000.» Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Schritte und die Demo­route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er an der Demo ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen erfas­sungs­ämtern unge­ahndete Über­wa­chungs­ög­lich­keiten offen­legen. Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschienene Buch mit dem Titel «Digitale Selbst­über­wa­chung – Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus» dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet, in die Bemü­hungen, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

Den Feind in Dir bekämpfen

«Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­gin­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.» Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters «Run­tastic» Selbst­be­zich­ti­gungen dieser Art: «Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spass und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.» Auch Diät­pro­gramme werben mit dem Grundsatz, dass mit eisernen Willen alles zu schaffen ist . Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Sehr über­zeugend hat Schupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus für die Bezeichnung der aktu­ellen Rgu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der anders griffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik domi­niert. Schaupp bezeichnet Self-Tracking als «Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und dann als Ware zu ver­kaufen». Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ «Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles» so ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür sorgen, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten, werden aber nie ganz ver­schwinden. Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Gross­de­mons­tration, bei der die eigenen Ord­ne­rInnen für Ruhe und Ordnung sorgen. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn man es doch nicht mehr als so an genehm emp­findet, immer und überall kapi­tel­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von aussen. Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. «Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält, über ihre wert­vollste Res­source», heisst es auf der Web­seite der Zeit­ma­nagement-Software. Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet, tat­sächlich handelt es sich aber um eine sehr ein seitige Form der Trans­parenz. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immerhin wenigstens noch einige Nischen, in denen sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.

Self-Tracking per Rezept

Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Gross­bri­tannien Ärz­tinnen und Ärzte auf­ge­fordert, ihren Pati­en­tInnen Self-Tracking-Anwen­dungen zu ver­schreiben, «damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Vernt­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen». Kran­ken­kassen belohnen besonders eifrige Self-Tra­cke­rInnen mit Prämien. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission hofft, mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget zu erzielen. Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, die Kyber­netik im eman­zi­pa­to­ri­schen Sinne ver­wendet werden könnte. Eine Antwort gibt er nicht. Er hätte die Frage mit Blick auf ein his­to­ri­sches Bei­spiel bejahen können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte. Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und grossen Teilen der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die «Unidad Popular»-Regierung beendete den Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Im Hier und Jetzt drängt sich nach der Lektüre von Schaupps emp­feh­lens­werten Buch eine andere Frage auf: Ist es nicht höchste Zeit, dass sich die Men­schen offen­siver den Self-Tracking-Methoden ver­weigern, dem Markt und dem Staat defi­nitiv erklären, sich nicht mehr ständig weiter opti­mieren zu wollen, nicht mehr immer neue Rekorde und Höchst­werte aus sich her­aus­holen zu lassen?

Peter Nowak

vor­wärts – 23. Dez. 2016

SIMON SCHAUPP: DIGITALE SELBST­ÜBER­WA­CHUNGSELF-TRACKING IM KYBER­NE­TI­SCHEN KAPI­TA­LISMUS. VERLAG GRAS­WURZEL-REVO­LUTION, HEI­DELBERG 2016. 14,90 EURO

Der Artikel ist auf Schat­ten­blick doku­men­tiert:

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Neoliberalismus im Alltag – Lexikon der Leistungsgesellschaft

Eine der erfolg­reichsten und dau­er­haf­testen Bewe­gungen der jün­geren Zeit ist der Mara­thonlauf. In den 1970er Jahren begann er in New York und Berlin mit knapp 100 Teilnehmer_​innen. Heute hat er sich zu einem Mas­sen­auflauf ent­wi­ckelt, der dafür sorgt, dass die Innen­städte weit­räumig abge­sperrt werden.

Für den Publi­zisten Sebastian Friedrich ist das eine Kon­se­quenz des Neo­li­be­ra­lismus.

In Leis­tungs­ge­sell­schaften sym­bo­li­siert ein erfolg­reicher Marathon besondere Leis­tungs- und Lei­dens­fä­higkeit“, schreibt der Redakteur der Monats­zeit­schrift „analyse und kritik“ (ak) in seinem in der Edition Assem­blage erschie­nenen „Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft“. Dass der Marathon unter den 26 Stich­worten auf­taucht, mag manche zunächst über­ra­schen.

Doch es ist gerade die Stärke des Lexikons, dass Friedrich Stich­worte auf­greift, die manche nicht sofort mit Politik in Ver­bindung bringen.

Für zusätz­liche Irri­tation dürfte bei manchen Leser_​innen bei­tragen, dass Friedrich unter den Stich­worten auch manche All­tags­praxen auf­ge­nommen hat, die unter Linken einen guten Ruf haben und als poli­tisch völlig unver­dächtig gelten. Gleich das erste Stichwort heißt „Aus­lands­auf­enthalt“, der in Zeiten des Neo­li­be­ra­lismus schon längst nichts mehr mit Aus­steigen und Flucht aus dem kapi­ta­lis­ti­schen Alltag asso­ziiert werden kann, sondern mit der Schaffung von Kar­rie­re­vor­teilen. Besonders, wenn der Auf­ent­halts­auf­enthalt mit einer sozialen Tätigkeit kom­bi­niert wird, macht sich das gut im Lebenslauf.

Bei vielen GWR-Leser_innen dürfte das Konzept der „gewalt­freien Kom­mu­ni­kation“ einen guten Klang haben. Doch Friedrich ver­ortet es, wenn es in Unter­nehmen ange­wandt wird, als oft effektive neo­li­berale Manage­ment­stra­tegie. Damit soll ver­hindert werden, dass sich Beschäf­tigte zusam­men­schließen und eigene Inter­essen wie mehr Lohn und weniger Arbeit for­mu­lieren und womöglich auch durch­setzen. Auch in linken Zusam­men­hängen ver­hindere das Konzept gewalt­freie Kom­mu­ni­kation häufig, dass über Argu­mente gestritten wird. Es gehe dann oft mehr um die Form der Dis­kussion als um den Inhalt. Einen klaren Stand­punkt aus­zu­drücken, gelte als verpönt, immer müsse in der Dis­kussion besonders betont werden, dass man nur seine eigene Meinung aus­drücke. Im Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft finden sich weitere Schlag­lichter auf All­tags­praxen, die sich in der Linken ebenso großer Beliebtheit erfreuen wie in neo­li­be­ralen Think Thanks. Friedrich gelingt es, das Buch in all­gemein ver­ständ­licher Sprache zu halten. In manchen Texten ist die Ironie nicht zu über­hören. Er ver­zichtet meist auf mora­lische Wer­tungen, wenn er beschreibt, wie der Neo­li­be­ra­lismus unsere All­tags­praxen prägt und struk­tu­riert. Das ist besonders wir­kungsvoll in den Bereichen, in denen wir die Ver­bindung zur Politik gar nicht ver­muten würden. So gelingt es Friedrich ein­leuchtend zu erklären, was der Hype um die Renn­räder oder ein wach­sendes Ernäh­rungs­be­wusstsein mit dem Neo­li­be­ra­lismus zu tun haben. Andere The­men­be­reiche wie das Self-Tracking werden hin­gegen schon deut­licher als Teil einer Lebens­planung im Neo­li­be­ra­lismus betrachtet.

Auf einer theo­re­ti­schen Ebene hat sich Simon Schaupp in seinen im Oktober 2016 im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenen Buch „Digitale Selbst­über­wa­chung“ mit dem Boom um die Self-Tre­cking-Methoden aus­ein­an­der­ge­setzt. Friedrich belässt es auch hier bei einem­kurzen aber infor­ma­tiven Eintrag. Das Büchlein „Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft“ muss zwang­läufig unvoll­ständig sein.

Wahr­scheinlich bräuchte man einen dicken Wälzer, wenn man alle Stich­worte der neo­li­be­ralen Leis­tungs­ge­sell­schaft auf­listen wollte.

Schließlich ist es ja ein Kenn­zeichen des Neo­li­be­ra­lismus, dass er nicht einfach ein Kon­troll­regime ist, das den Men­schen gegen­über­steht. Schon lange wird die Floskel vom „Neo­li­be­ra­lismus in den Köpfen“ ver­wendet. Aber vor allem ist der Neo­li­be­ra­lismus in unseren oft scheinbar unpo­li­ti­schen All­tags­praxen ein­ge­schrieben. Er struk­tu­riert auch unsere Art des Lebens und Arbeitens. Daher greift es auch zu kurz, wenn Friedrich im Schluss­ka­pitel schreibt, dass das Buch mit helfen soll, nicht vom Neo­li­be­ra­lismus ver­ein­nahmt zu werden. Wich­tiger ist zunächst, dass die Leser_​innen erkennen, was ihr all­täg­liches Handeln mit der Sta­bi­lität des Neo­li­be­ra­lismus zu tun hat, den nicht wenige nach der letzten Krise vor­eilig schon für erledigt gesehen haben. Ein nächster Schritt bestünde darin, sich mit einer soli­da­ri­schen All­tags­praxis ganz bewusst der neo­li­be­ralen Agenda zu ver­weigern. Das kann auch darin bestehen, dass man sich den Self-Tracking-Methoden ver­weigert und statt am Marathon teil­zu­nehmen, mit Freund_​innen und Kolleg_​innen eigene sport­liche Betä­ti­gungen orga­ni­siert. Viel­leicht schreibt jemand dann auch ein Lexikon des soli­da­ri­schen Ver­haltens. Das ist ja im Gegensatz zur neo­li­be­ralen Lebens­führung viel schwie­riger umzu­setzen und muss täglich in der Praxis gelernt werden.

Sebastian Friedrich, Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft. Wie der Neo­li­be­ra­lismus unseren Alltag prägt, Edition Assem­blage, Münster 2016, 92 Seiten, 7,80 Euro, ISBN 978−3−96042−001−9

Rezension aus: Gras­wur­zel­re­vo­lution Nr. 414, Dezember 2016, www​.gras​wurzel​.net

Peter Nowak

Die permanente digitale Selbstüberwachung

Simon Schaupp entlarvt, warum wir selbst schuld sind an der Stärke des neoliberalen Systems

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät meldet sich mit der Bot­schaft: »Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 1000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 1500.« Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Demons­tra­ti­ons­schritte und die Route, sondern auch die Lauf­ge­schwin­digkeit und den Kalo­ri­en­ver­brauch während der Demons­tration auf­ge­zeichnet.

Während Schaupp unbe­ab­sichtigt ein detail­liertes Bewe­gungs­pro­tokoll auf­zeichnen ließ, wächst weltweit die Zahl der Men­schen, die täglich ganz frei­willig ihr gesamtes Leben – von der Arbeit über das Joggen bis zum Schlaf – minutiös doku­men­tieren, sich über­wachen lassen und die Daten dann auch noch über soziale Netz­werke in alle Welt ver­breiten.

Der kri­tische Autor stellte sich die Frage nach den gesell­schaft­lichen Ursachen dieses Phä­nomens: »Welche poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Struk­turen machen es not­wendig, sich per­manent selbst zu über­wachen und zu opti­mieren?« Schaupp warnt ein­dringlich, dass Self-Tracking aktuell eine enorme Rolle bei der Selbst­zu­richtung und Kon­di­tio­nierung des Sub­jekts für die Zumu­tungen des Kapi­ta­lismus spielt. Gerade diese schon all­täg­liche und mas­senhaft ver­breitete Praxis bewirkt und sichert, dass der Neo­li­be­ra­lismus so stark ist wie nie zuvor und selbst die Krisen der ver­gan­genen Jahre scheinbar schadlos über­standen hat.

»Im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­ging­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen«, fasst Schaupp die öko­no­mi­schen Zusam­men­hänge prä­gnant zusammen.

Der Wis­sen­schaftler zeigt anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie die letztlich fatale Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. Es ist bezeichnend, dass mit Berg­steigern und Sol­daten zwei Gruppen, die immer wieder auch Tote und Schwer­ver­letzte zu ver­zeichnen haben, Vor­bilder für das Self-Tracking sind.

Die Bot­schaft ist klar: Schonung von Gesundheit und Leben ist im Ellen­bogen-Kapi­ta­lismus der »Leis­tungs­träger« nur etwas für Loser, Schwäch­linge und Ver­sager. Self-Tracking hat laut dem Ver­fasser auch schon längst Einzug in die Politik gehalten und wird von dieser explizit gewünscht. So hat das bri­tische Gesund­heits­mi­nis­terium Ärzte auf­ge­fordert, ihren Pati­enten Self-Tracking-Anwen­dungen zu ver­schreiben, »damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Ver­ant­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen«. Kran­ken­kassen belohnen eifrige Self-Tracker mit Prämien. Wer nicht mit­macht, zahlt höhere Bei­träge. Auch die Euro­päische Kom­mission setzt große Hoff­nungen darauf, mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget zu erzielen.

Im letzten Kapitel stellt sich Schaupp die Frage, ob in einer nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmten Gesell­schaft die zuvor von ihm beklagten Methoden in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne ver­wendet werden könnten. Er gibt darauf keine Antwort. Sie zu finden, über­lässt er den Lesern. Nach der Lektüre des Buches drängt sich jedoch noch eine andere Frage auf, die Schaupp nicht stellt: Ist es nicht höchste Zeit, dass sich die Men­schen offen­siver den Self-Tracking-Methoden ver­weigern, dem Markt und dem Staat defi­nitiv erklären, sich nicht mehr ständig weiter opti­mieren zu wollen, nicht mehr immer neue Rekorde und Höchst­werte aus sich her­aus­holen zu lassen?

Simon Schaupp: Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus. Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. 160 S., br., 14,90 €.

Peter Nowak

Self-Tracking und kybernetischer Kapitalismus

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp[1] eine bezeich­nende Episode, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: »Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 1.000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 1.500.« Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Demons­tra­ti­ons­schritte und die Route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen, und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er für die Demons­tration ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen Ver­fas­sungs­ämtern unge­ahnte Über­wa­chungs­mög­lich­keiten bieten.

Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Nicht Daten­schutz und Daten­mi­ni­mierung, sondern die unge­bremste Offen­legung ganz pri­vater Daten sind Kenn­zeichen einer Bewegung, die ihr Leben von der Arbeit über das Joggen bis zum Schlaf von digi­talen Geräten minutiös auf­zeichnen und über­wachen lässt und die Daten dann noch via Facebook wei­ter­ver­breitet.

Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenem Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapitalismus«[2] dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet: in die Bemü­hungen nämlich, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

»Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­ging­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.«

Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters Runtastic[3] solche Selbst­be­zich­ti­gungen:

Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spaß und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.

Run­tastic-User

Jede Woche warte ich gespannt auf meinen Fit­ness­be­richt. Grüne Zahlen & Pfeile moti­vieren mich immer wieder aufs Neue! Ich will mich ja schließlich jede Woche ver­bessern!

Run­tastic-User

»Ent­decke die Geheim­nisse des Super­helden«, fordert eine andere Werbeseite[4] für poten­tielle Selb­st­op­ti­mierer, die immer und überall die Gewinner sein wollen. Auch Diätprogramme[5] arbeiten nach dem Prinzip, wonach mit Dis­ziplin und mit eisernen Willen alles zu schaffen sei. Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Auf anderen Self-Tracking Wer­be­an­zeigen finden sich Berg­steiger, die mit Erfolg und vielen Stra­pazen einen Gipfel erklommen haben.

Es ist bezeichnend, das mit Berg­steigern und Sol­daten zwei Gruppen Role-Models für das Self-Tracking sind, die immer wieder auch Tote und Schwer­ver­letzte zu ver­zeichnen haben. Die Bot­schaft ist klar: Beim Rat­ten­retten im kapi­ta­lis­ti­schen Alltag ist Schonung von Gesundheit und Leben etwas für Loser und Ver­sager. Und sie sind in der Wer­bewelt der Self-Tracker wohl auch das Schlimmste, was man sich denken kann.

Sehr über­zeugend hat Schaupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Bezeichnung der aktu­ellen Regu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der, anders als bekannte Begriffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wertung domi­niert. Die These von Schaupp lautet, dass das Self-Tracking »Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme ist, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und als Waren ver­kaufen“.

Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ »Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles« ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür gesorgt haben, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten. Ver­schwinden werden sie aber nicht.

Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Groß­de­mons­tration, bei der die eigenen Ordner für Ruhe und Ordnung sorgen. Dann bleibt die Polizei manchmal in den Sei­ten­straßen und ist im ersten Augen­blick nicht sichtbar präsent. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn es jemand nicht mehr so angenehm emp­findet, immer und überall kapi­tal­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von außen.

Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. »Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält über ihre wert­vollste Res­source«, heißt auf der Web­seite der Zeitmanagement-Software[6].

Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet. Tat­sächlich handelt es sich um eine ein­seitige Form der Trans­parenz. Der Kapi­tal­be­sitzer bekommt den Zugriff auch auf die letzten Geheim­nisse der Lohn­ab­hän­gigen. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immer noch einige Nischen, wo sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.


Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Groß­bri­tannien Ärzte auf­ge­fordert, sie sollten ihren Pati­enten Self-Tracking-Anwen­dungen ver­schreiben, »damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Ver­ant­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen«.

Schon längst haben die Kran­ken­kassen begonnen, besonders eifrige Self-Tracker mit Prämien zu belohnen. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission setzt ange­sichts von pro­gnos­ti­zierten 3,4 Mil­li­arden Men­schen, die 2017 ein Smart­phone benutzen, große Hoff­nungen darauf, dass mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget erzielt werden können.

Hier wird schon deutlich, dass in der nächsten Zeit Self-Tracking-Methoden Teil der Politik werden können. Wer sich dem ver­weigert, muss zumindest mit höheren Kran­ken­kas­sen­prämien rechnen. Es könnte aller­dings durchaus auch staat­liche Sank­tionen für Tracking-Ver­wei­gerer geben.

In der Öffent­lichkeit werden sie schon jetzt als Men­schen klas­si­fi­ziert, die mit ihrer Lebens­weise unver­ant­wortlich umgehen und die sozialen Systeme unver­hält­nis­mäßig belasten. Unter dem Begriff Quan­tified Self hat der Publizist Sebastian Friedrich[7] die unter­schied­lichen Tracking-Methoden in sein kürzlich erschie­nenes Lexikon der Leistungsgesellschaft[8] auf­ge­nommen.

Es steht dort neben Ein­trägen wie »Rennrad« oder »Mara­thonlauf«, die in kurzen Kapiteln als Teil der neo­li­be­ralen All­tags­praxis vor­ge­stellt werden. Die Stärke des Büch­leins besteht darin, All­tags­be­schäf­ti­gungen auf­zu­nehmen, die sich auch im kri­ti­schen Milieu reger Zustimmung erfreuen und die oft gar nicht mit dem Neo­li­be­ra­lismus in Ver­bindung gebracht werden.

Dabei zeigt Friedrich über­zeugend, wie der erste Mara­thonlauf in New York wenige Hundert Inter­es­sierte anlockte, bevor er zu jenen Mas­sen­auf­läufen wurde, die heute welt­weite ganze Stadt­be­reiche lahm­legen. Mitt­ler­weile betei­ligen sich daran ganze Fir­men­be­leg­schaften daran, die so ihre Leis­tungs- und Lei­dens­fä­higkeit unter Beweis stellen. Eine Ver­wei­gerung würde sich wohl äußerst negativ für die Kar­riere aus­wirken. Das ist auch ein zen­traler Begriff im Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft.

Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, Self-Tracking-Methoden in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne ver­wendet werden könnte. Doch eine Antwort gibt er darauf nicht.

Dabei hätte er viel­leicht einen Hinweis darauf geben können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt[9] beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte.

Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und großer Teile der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die Unidad-Popular-Regierung beendete diesen Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Das durch den Roman von Sascha Rehs Roman »Gegen die Zeit“[10], in dem dieses Projekt im Mit­tel­punkt steht, wurde es auch hier­zu­lande wieder bekannt[11].

Es ist schade, dass Schaupp darauf nicht zumindest kurz hin­weist, weil in seinem theo­re­ti­schen Teil Stafford Beer schließlich eine wichtige Rolle spielt.

Er stellt nur klar, dass Self-Tracking in den aktu­ellen Macht­ver­hält­nissen eine wichtige Rolle bei der Selbst­zu­richtung und Kon­di­tio­nierung des Sub­jekts für die Zumu­tungen des Kapi­ta­lismus spielt. Gerade diese All­tags­praxen der Leis­tungs­ge­sell­schaft sind eine Antwort auf die Frage, warum der Neo­li­be­ra­lismus so stark ist und selbst die Krisen der letzten Jahre scheinbar schadlos über­standen hat.

Schon lange wird die Phrase vom Neo­li­be­ra­lismus in den Köpfen stra­pa­ziert. Der Self-Tracking-Boom ebenso wie die Mara­thon­welle zeigt deutlich, was damit gemeint ist. Dann stellt sich auch die Frage, ob es nicht Zeit für eine Bewegung ist, die sich diesen Self-Tracking-Methoden bewusst ver­weigert.

Wenn Men­schen offen erklären, sich nicht ständig opti­mieren zu wollen, nicht den Anspruch zu haben, immer mehr Rekorde und Höchst­werde aus sich her­aus­holen zu wollen, dann würde sicher nicht gleich der kyber­ne­tische Kapi­ta­lismus in eine Krise geraten.

Aber man darf auch nicht ver­gessen, dass kon­ser­vative Theo­re­tiker die wach­sende Alter­na­tiv­be­wegung der 1970er Jahre für die Krise des For­dismus mit­ver­ant­wortlich machten. So könnte auch eine No-Tracking-Bewegung zumindest das Image ankratzen, das sich heute alle ganz frei­willig und mit großer Freude für den Sport, das Unter­nehmen und die Nation Opfer bringen.

Peter Nowak

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[6] https://​www​.res​cuetime​.com/
[7] http://​www​.sebastian​-friedrich​.net/
[8] https://​www​.edition​-assem​blage​.de/​l​e​x​i​k​o​n​-​d​e​r​-​l​e​i​s​t​u​n​g​s​g​e​s​e​l​l​s​chaft
[9] http://www.cybersyn.cl/imagenes/documentos/textos/Eden%20Medina%20JLAS%202006.pdf
[10] https://​www​.schoeffling​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​/​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-zeit
[11] http://​www​.deutsch​land​ra​dio​kultur​.de/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​-​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-​z​e​i​t​-​e​i​n​-​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​s​-​e​x​p​e​r​i​m​e​n​t​.​9​5​0​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​28089