Proletarier aller Länder …

Ita­liens Basis­ge­werk­schaft Si Cobas ver­bindet Anti­ras­sismus und Klas­sen­kampf

Seit wenigen Monaten ist die ita­lie­nische Rechts­re­gierung an der Macht und unter dem Innen­mi­nister Matteo Salvini von der rechten Lega Nord streitet die »Orba­ni­sierung« des Landes rapide voran. Sein harter Kurs gegen Geflüchtete scheint dem Rechts­po­li­tiker Zustimmung bei den Wähler*innen zu bringen, die Pro­teste sind schwach.

Dennoch gibt es auch in Italien Kräfte, die sich gegen den Rechtsruck stellen. Dazu zählt die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas, die am 24. Sep­tember zu einer inter­na­tio­nalen anti­ras­sis­ti­schen Ver­sammlung nach Bologna einlädt. Die Gewerk­schaft hat dabei ein sehr ambi­tio­niertes Ziel, das sie in der Ein­ladung zu dem Treffen so for­mu­liert. »Wir sind für den Aufbau einer anti­ras­sis­ti­schen Front in Europa, die den Ras­sismus auf dem sozialen und gewerk­schaft­lichen Feld bekämpft, indem sie die Einheit der ein­hei­mi­schen und ein­ge­wan­derten Arbeiter*innen im Kampf stärkt«. Neben diesem großen Ziel werden auch die kleinen Schritte nicht ver­gessen. Die recht­liche Gleich­stellung der Migrant*innen ist die zen­trale For­derung, die nach Ansicht von Si Cobas im Interesse aller Arbeiter *innen ist, egal aus welchem Land sie kommen.

Für die Gewerk­schaft ist das anti­ras­sis­tische Enga­gement eine Klas­sen­frage. »Die Ein­ge­wan­derten sind in ihrer über­großen Mehrzahl Proletarier*innen, Lohnarbeiter*innen oder Arbeits­su­chende, sie sind in jedem Land ein wich­tiger Teil der Arbeiter*innenschaft.«

Wenn es in dem Aufruf heißt, dass migran­tische und ein­hei­mische Arbeiter*innen nur in gemein­samen Kämpfen ihre Lage ver­bessern können, kann die Gewerk­schaft SI Cobas auf lang­jährige eigene Erfah­rungen ver­weisen. Sie orga­ni­siert die Arbeits­kämpfe in der Logis­tik­brache Nord­ita­liens. Dort konnten die größ­ten­teils migran­ti­schen Beschäf­tigen Lohn­er­hö­hungen und eine Min­derung der Arbeits­hetze erreichen. In der letzten Zeit macht auch die Orga­ni­sierung von migran­ti­schen Erntearbeiter*innen Fort­schritte, die oft unter men­schen­un­wür­digen Bedin­gungen in Zelt­lagern in der Nähe ihres Arbeits­platzes unter­ge­bracht sind.

An den Orga­ni­sie­rungs­pro­zessen sind neben SI Cobas weitere Basis­ge­werk­schaften beteiligt. Anders als in Deutschland gibt es in Italien keine Ein­heits­ge­werk­schaft, was die Posi­tio­nierung zu gesell­schaft­lichen Fragen erleichtert. Aber auch in Deutschland hat sich der ver.di-Gewerkschaftsrat unter dem Motto »Men­schen zu retten, darf kein Ver­brechen sein« mit den zivil­ge­sell­schaft­lichen Initia­tiven der See­not­rettung soli­da­ri­siert. Gemeinsame Arbeits­kämpfe von Migrant*innen und Ein­hei­mi­schen gibt es aller­dings zu selten. Die Auf­nahme von meh­reren hundert Migrant*innen bei ver.di-Hamburg war ein wich­tiger Akt, fand aber leider keine Nach­ahmung.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​9​7​0​4​.​p​r​o​l​e​t​a​r​i​e​r​-​a​l​l​e​r​-​l​a​e​n​d​e​r​.html

Peter Nowak

»Schichtpläne gab es nicht«


Zwei Frauen über ihren erfolg­reichen Arbeits­kampf bei einem Logis­tiker von H&M in Italien und neue Miss­stände, die Wider­stand ver­langen
Simona Carta (S.C., li) und Serena Frontina (S.F.) arbeiten bei H&M in Italien und sind in der Basis­ge­werk­schaft SI Cobas orga­ni­siert. Ange­stellt sind sie beim Unter­nehmen XPO, das die Logistik für H&M über­nommen hat. Sie ver­packen Waren, die Kunden im Online-Shop bestellt haben. Auf Ein­ladung von labournet​.tv berich­teten sie zur Pre­mière des Films »Wir kämpfen weiter« über ihren Arbeits­kampf im ver­gan­genen Jahr.


Vor einem Jahr haben Sie für bessere Arbeits­be­din­gungen bei einem Logis­tik­un­ter­nehmer gekämpft, der Auf­träge für H&M aus­führt. Was war der Grund?

Serena Frontina: Unsere Arbeits­be­din­gungen waren mise­rabel. Wir mussten auch an Sonn- und Fei­er­tagen arbeiten und hatten zu wenig Urlaub. Besonders belastend war, dass wir immer ver­fügbar sein mussten. Wir wussten nie, wie lange unsere Schicht dauern würde. Es konnten 10, 11 oder 14 Stunden sein. Irgendwann während der Arbeit erhielten wir eine Nach­richt: In zehn Minuten kannst du gehen. Es gab keine Schicht­pläne, nach denen wir uns hätten ori­en­tieren und planen können. Einmal bekam ich abends um 21 Uhr eine SMS von der Firma, dass ich am nächsten Tag um 4 Uhr früh beginnen sollte. Unser ganzes Leben war so auch in der Freizeit auf die Arbeit aus­ge­richtet. Um das zu ändern, sind wir bei SI Cobas ein­ge­treten. Dort erfuhren wir, dass auch unser Lohn viel zu niedrig ist. Wir hatten einen Stun­denlohn von 5,90 Euro.

Warum sind Sie Mit­glied einer kleinen Basis­ge­werk­schaft geworden, anstatt sich im mit­glie­der­starken ita­lie­ni­schen Gewerk­schaftsbund CGIL zu orga­ni­sieren?
Simona Carta: Wir haben uns für SI Cobas ent­schieden, weil hier nicht die Funk­tionäre, sondern die Mit­glieder ent­scheiden. Anders als die CGIL setzt SI Cobas auch auf eine kämp­fe­rische Inter­es­sen­ver­tretung und nicht auf Kun­ge­leien mit den Bossen.

Haben Sie mit SI Cobas ihre For­de­rungen durch­setzen können?

S. C.: Ja, nach einem län­geren Arbeits­kampf. Am 28. Juli 2016 fand die erste Ver­sammlung statt, damals waren wir 17 SI Cobas-Mit­glieder in einem Betrieb mit 300 Beschäf­tigten. Als ver­boten wurde, dass wir uns im Waren­lager ver­sammeln, gingen wir raus und for­derten alle Kol­le­ginnen auf, mit­zu­kommen. Viele haben sich ange­schlossen. Danach waren wir 42 Mit­glieder. Doch das Unter­nehmen wollte nicht mit uns ver­handeln. Deshalb haben wir am 4. August gestreikt. Das Unter­nehmen wollte immer noch nicht ver­handeln, also streikten wir weiter. Die Aus­ein­an­der­setzung dauerte fast zwei Monate. Am 20. August traten wir in den unbe­fris­teten Streik und schliefen fünf Tage vor dem Waren­lager in Casa­l­pus­t­er­legno (Lom­bardei) in einem Zelt. Die Ver­hand­lungen zwi­schen der Gewerk­schaft und dem Unter­nehmen endeten schließlich erfolg­reich für uns. SI Cobas schloss den ersten lan­des­weiten Tarif­vertrag mit dem Unter­nehmen XPO. Bis dahin hatten sie sich geweigert, mit SI Cobas Abkommen zu machen, weil sie befürch­teten, dass SI Cobas dadurch mehr Mit­glieder bekommt.

Und, wie viele Mit­glieder haben Sie inzwi­schen in dem Betrieb?
S.F.: Die Zahl hat sich ver­doppelt. Jetzt sind wir 82.

Was hat sich für Sie durch den Ver­trags­ab­schluss ver­ändert?

S. F.: Viele Kol­le­ginnen und Kol­legen bekamen Voll­zeit­ver­träge. Zudem werden am Freitag die Schicht­pläne für die ganze dar­auf­fol­gende Woche auf­ge­stellt. Wir sind nicht mehr ver­pflichtet, am Wochenende oder Fei­ertags zu arbeiten.

Also Ende gut, alles gut?

S. C.: Nicht ganz. Vor einem Monat hat ein Sub­un­ter­nehmen von XPO, die Koope­rative EasyCoop, einen neuen Vertrag mit dem Gewerk­schaftsbund CGIL abge­schlossen. Dieser enthält in meh­reren Punkten Ver­schlech­te­rungen gegenüber den mit SI Cobas erkämpften Ver­ein­ba­rungen. So soll für die ersten zwei Stunden nach einer 8-Stunden-Schicht eine Über­stun­den­zulage bezahlt werden, so dass der Arbeitstag zehn Stunden dauert. Das­selbe gilt für den Samstag, der zu einem nor­malen Arbeitstag erklärt wurde. Zurzeit dis­ku­tieren wir unter­ein­ander, wie wir uns dagegen wehren und ob die Kol­le­ginnen und Kol­legen die Stärke haben, den Kampf wieder auf­zu­nehmen.
https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​3​5​0​6​.​s​c​h​i​c​h​t​p​l​a​e​n​e​-​g​a​b​-​e​s​-​n​i​c​h​t​.html
Interview: Peter Nowak

Wie Müll entsorgt

Ein Film über Ent­rechtung ita­lie­ni­scher Fleisch­ar­beiter

»Wir haben 12 Stunden täglich für 5 bis 6 Euro geschuftet und als wir ein bisschen Würde gefordert haben, haben sie uns wie Müll weg­ge­schmissen.« Die Arbeiter in der nord­ita­lie­ni­schen Fleisch­fabrik Livorno sind ver­bittert. Nachdem sie für bessere Arbeits­be­din­gungen gestreikt hatten, wurden sie ent­lassen. Weil das Unter­nehmen die Bei­träge für die Arbeits­lo­sen­ver­si­cherung rechts­widrig nicht abge­führt hat, bekommen sie nun nicht einmal Unter­stützung. Solche Szenen totaler Ent­rechtung und der Kampf um Würde werden in dem Doku­men­tarfilm »Wir kämpfen weiter« von der Regis­seurin Sara Bagli Bellini doku­men­tiert. Der Film stellt sich klar auf die Seite der strei­kenden Arbeiter und der Basis­ge­werk­schaft Si Cobas, die sie unter­stützt. Deren Sekretär Aldo Milani wurde aus einer Tarif­ver­handlung mit Hand­schellen von der Polizei abge­führt und darf heute Italien nicht ver­lassen. Dank labournet​.tv erfahren wir von diesen Angriffen auf Gewerk­schafts­rechte. Auf der Online­plattform für welt­weite Arbeits­kämpfe kann der Film dem­nächst her­un­ter­ge­laden werden (labournet​.tv).

http://​de​.labournet​.tv/​w​i​r​-​k​a​e​m​p​f​e​n​-​w​eiter

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​2​0​9​0​.​w​i​e​-​m​u​e​l​l​-​e​n​t​s​o​r​g​t​.html
Peter Nowak

Welthandeln

Zur län­der­über­grei­fenden Soli­da­rität im Amazon-Streik

Roberto Luzzi bekam am 30. März viel Applaus im Streikzelt der Amazon-Beschäf­tigten in Leipzig. Er hat im Rahmen einer Dele­gation der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas den Strei­kenden einen Soli­da­ri­täts­besuch abge­stattet und soli­da­rische Grüße über­bracht. Bei einer Ver­an­staltung und einen Workshop in Berlin berich­teten die SI-Cobas-Gewerk­schaf­te­rInnen, wie sie in den letzten Monaten im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich erfolg­reich Beschäf­tigte orga­ni­sieren und Tarif­ver­schläge abschließen konnten, die für die Beschäf­tigten Lohn­er­hö­hungen und eine Ver­min­derung der Arbeits­hetze bedeu­teten. Die großen ita­lie­ni­schen Gewerk­schafts­ver­bände haben an die Logis­tik­un­ter­nehmer einen Brief geschrieben, in dem sie sich beschwerten, dass sie mit der kleinen Basis­ge­werk­schaft bessere Tarif­ver­träge als mit ihnen abschließt. „Die haben nicht begriffen, dass diese Ver­träge kein Geschenk der Unter­nehmen sondern ein Ergebnis der kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik ist“, meint Luzzi.

So haben die Strei­kenden im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich die Tore der Unter­nehmen blo­ckier. Weder Per­sonen noch LKW kamen rein oder aus. Der Waren­verkehr stockte. Die Gewerk­schaf­te­rInnen wissen, dass sie damit die Logis­tik­un­ter­nehmen am neur­al­gi­schen Punkt treffen. Wenn es bei den Waren­aus­lie­fe­rungen Ver­zö­ge­rungen gibt, ver­lieren die Unter­nehmen große Summen. Des­wegen sorgen Unter­nehmen wie Amazon vor. Es hat bereits vor Monaten eine Filiale im pol­ni­schen Poznan errichtet, um die Waren von dort aus­zu­liefern, wenn in Deutschland gestreikt wird.

Dieser schnelle Wechsel ist in der Logis­tik­branche auch deshalb besonders einfach, weil in der Branche kein auf­wen­diger Maschi­nenpark verlegt werden muss. Die Gewerk­schaf­te­rInnen betonten auf den Workshop in Berlin, dass damit auch eine län­der­über­grei­fende Streik­so­li­da­rität in der Branche erleichtet werden könnte. Schließlich habe das Stand­ort­denken bei Lohn­ab­hän­gigen der for­dis­ti­schen Schwer­industrie eine reale Grundlage auch in dem Maschi­nenpark, der nicht so leicht zu ersetzen oder aus­zu­lagern ist. Dieses Stand­ort­denken erschwerte aber län­der­über­grei­fende Kämpfe. Wie die SI-Cobas-Gewerk­schaf­te­rInnen bemühen sich auch die Gruppen der Ama­zon­streik­so­li­da­rität, die sich in ver­schie­denen Städten gegründet haben, um eine Aus­weitung dieser Soli­da­rität über Lan­des­grenzen hinweg. Einige ermu­ti­gende Bei­spiele der letzten Monate wurden genannt. So streikten vor Weih­nachten 2014 auch in Frank­reich Amazon-Beschäf­tigte und bezogen sich auf den Arbeits­kampf in Deutschland. Auch im Amazon-Werk in Poznan wächst die Unzu­frie­denheit der Beschäf­tigten. In einem Bericht eines der Beschäf­tigten, der kürzlich auf Deutsch über­setzt wurde, heißt es über die Stimmung Ende 2014 in dem Werk:

„Im Dezember drang die Unzu­frie­denheit der Leih­ar­beiter bei Amazon an die Öffent­lichkeit: Sie fingen an, sich wegen nicht pünktlich gezahlter Löhne, Unre­gel­mä­ßig­keiten bei der Berechnung der Löhne und über­füllter Kan­tinen an die lokalen Medien zu wenden.“ Mitt­ler­weile sind zahl­reiche Amazon-Beschäftige von Poznan in die kämp­fe­rische Basis­ge­werk­schaft Workers Initiative ein­ge­treten. Viel­leicht wird beim nächsten Amazon-Streik tat­sächlich ein Alp­traum für die Manager war. und die Arbeits­kämpfe und nicht nur das Kapital können keine Lan­des­grenzen mehr.

Her­aus­for­derung der Amazon-Streik­so­li­da­rität

Inzwi­schen sind ca. 150 Amazon-Beschäf­tigte in Poznan in einer Betriebs­gruppe der Ini­ci­jatywa Pra­cow­nicza (IP) orga­ni­siert. Sie ist 2004 als Alter­native zu den büro­kra­ti­sierten, mit den ver­schie­denen Regie­rungs­par­teien ver­wo­benen Gewerk­schaften in Polen ent­standen. Die IP ver­steht sich als Basis­ge­werk­schaft in anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­scher und syn­di­ka­lis­ti­scher Tra­dition. Ihre Haupt­prin­zipien sind die Unab­hän­gigkeit vom Kapital und eine kon­se­quente inner­ge­werk­schaft­liche Demo­kratie. In Poznan hat sie IP eine Petition gegen die per­ma­nente Stei­gerung der Pro­duk­ti­ons­normen im Ama­zonwerk lan­ciert und am 15. Mai 400 Unter­schriften dazu prä­sen­tiert. Der Kampf gegen die Stei­gerung der Arbeits­normen und der Arbeits­hetze ist aktuell das zen­trale Kampffeld der IP bei Amazon-Poznan. Am 23. Mai betei­ligten sich an einer IP-Demons­tration in War­schau auch gewerk­schaftlich aktive Amazon-Beschäf­tigte aus Deutsch­landl.

Die Her­stellung solcher Kon­takte ist auch eine Her­aus­for­derung für die Amazon-Streik­so­li­da­rität, die sich in ver­schie­denen Städten gegründet hat. Schwer­punkte sind Leipzig, Frankfurt/​Main und Berlin. Es gab mitt­ler­weile zwei bun­des­weite Treffen, eins in Leipzig und eins in Frankfurt/​Main. Dabei gab es auch Dis­kus­sionen, ob diese Streik­so­li­da­rität über die Unter­stützung verdi.-Aktivitäten hinaus eigene Akzente setzen soll. Die Kon­takte mit Kol­le­gInnen von SI Cobas aus Italien oder der Workers Initiative aus Polen sind ein solcher eigen­stän­diger Akzent. Beide Basis­ge­werk­schaften gehören nicht zu den Bünd­nis­part­ne­rInnen des DGB und seiner Ein­zel­ge­werk­schaften. Die Verdi-Gewerk­schaf­terin Mechthild Middeke sprach im Interview mit dem Express 3–4/2015 über die Kon­takte des DGB und seiner pol­ni­schen Part­ner­ge­werk­schaften in Poznan. Daher wäre der Kontakt zu Gewerk­schaften wie SI Cobas und IP ein wich­tiger Part der Amazon-Soli­da­rität. Im Anschluss an die Blockupy-Pro­teste am 18. März in Frankfurt/​Main und im Rahmen des Blockupy-Nach­be­rei­tungs­treffens im Mai 2015 in Berlin gab es ein eigenes Treffen für die Koor­di­nierung der trans­na­tio­nalen Betriebs- und Streik­so­li­da­rität. In den nächten Monaten sollen die Kon­takte inten­si­viert werden.

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

aus: express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit

4/5–2015

Peter Nowak

Keine Geschenke

Deutschland: Bei Amazon wurde wieder gestreikt

An meh­reren deut­schen Stand­orten des Online-Handlers Amazon wurde im März wieder gestreikt. Wie schon in den Wochen vor Weih­nachten sah die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di auch vor dem Oster­ge­schäft eine gute Gele­genheit, um den Druck auf den Konzern zu erhöhen. Die Beschäf­tigten kämpfen für einen Tarif­vertrag nach den Bestim­mungen des Online­handels. Amazon ori­en­tiert sich bisher am Logis­tik­ta­rif­vertrag, der für die Mitarbeiter_​innen mit gerin­gerem Lohn ver­bunden ist.

Der neue Streik­zyklus bei Amazon begann am 13. März als sich Amazon auf der Buch­messe in Leipzig als erfolg­reicher Global Player prä­sen­tieren wollte. Mit diesem Streik­auftakt bekam der Arbeits­kampf eine maximale Auf­merk­samkeit. Im Anschluss wurde auch an den Amazon-Stand­orten Bad Hersfeld in Ost­hessen und Graben in Bayern gestreikt. Das Amazon-Management reagierte mit der lapi­daren Erklärung, alle Auf­träge würden ter­min­ge­recht erfüllt. Aller­dings wird dabei nicht erwähnt, dass Amazon sowohl vor dem Weih­nachts- wie dem Oster­ge­schäft zusätz­liche Beschäf­tigte ein­ge­stellt hat, um die Streik­folgen auf­zu­fangen. Zudem hat Amazon im letzten Jahr in Polen zwei neue Nie­der­las­sungen eröffnet, um den Ver­sand­handel von dort abzu­wi­ckeln, wenn in Deutschland gestreikt wird.

Während diese Zusam­men­hänge in einen Großteil der Medien nicht ver­mittelt wurden, bieb die Erklärung des Manage­ments, es gäbe keine Behin­de­rungen beim Ver­sand­handel. So ver­stärkt sich in der Öffent­lichkeit der Ein­druck, Ver.di kann gegen einen global agie­renden Konzern wie Amazon nicht gewinnen. Dass die Bilanz von ver.di nach den beiden Streik­runden nicht optimal ist, bestä­tigte auch verdi-Sekre­tärin Mechthild Middeke im Interview mit der „Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit“ express: „Der wirt­schaft­liche Druck ist da, wenn auch nicht in aus­rei­chender Dimension“. Einen zen­tralen Grund sieht sie in den vielen befris­teten Arbeits­ver­hält­nissen. „Nicht alle, doch einige Befristete hatten auch während der vor­weih­nacht­lichen Streiks mit­ge­macht und die sind nun einfach nicht mehr da.“

Was den Amazon-Streik von anderen Arbeits­kämpfen her­aushebt, sind kon­ti­nu­ierlich arbei­tende außer­be­trieb­liche Soli­da­ri­täts­gruppen. Die Initiative dazu ging im letzten Jahr von Stu­die­renden in Leipzig aus. Mitt­ler­weile sind auch in Berlin, Hamburg und Frankfurt/​Main ört­liche Soli­da­ri­täts­gruppen ent­standen. Es gab bereits zwei bun­des­weite Treffen der Amazon-Soli­da­rität. Beschäf­tigte und Soli­da­ri­täts­gruppen trugen am 18.3. in Frankfurt/​Main ein Trans­parent mit der Auf­schrift „Amazon Strikers meet Blockupy“ was deutlich macht, dass die Koope­ration nicht nur vor dem Werks­toren statt­findet. Diese Soli­da­ri­täts­gruppen ver­suchen auch ver­schiedene Arbeits­kämpfe zu koor­di­nieren. So betei­ligten sich die strei­kenden Amazon-Beschäf­tigten in Leipzig am 30. März an einer Demons­tration von Kita-Mit­ar­bei­ter_innen, die an diesem Tag eben­falls für bessere Arbeits­be­din­gungen auf die Straße gegangen sind. An diesen Tag nahm auch eine Dele­gation der kämp­fe­ri­schen ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas an der Demons­tration in Leipzig teil. Die Gewerk­schaft hat in Italien in den letzen Jahren einige Erfolge bei der Orga­ni­sierung von Beschäf­tigten in der Online­handels- und Logis­tik­branche zu ver­zeichnen. Der Mai­länder SI-Cobas-Gewerk­schafter Roberto Luzzi betonte bei einer Ver­an­staltung in Berlin die Bedeutung einer trans­na­tio­nalen Koope­ration im Arbeits­kampf. Die Not­wen­digkeit ergäbe sich schon aus der Tat­sache, dass der Ver­sand­handel in kurzer Zeit in ein anderes Land, bei­spiels­weise von Leipzig nach Poznan, ver­lagert werden kann. Ein solcher schneller Wechsel ist in dieser Branche auch deshalb so einfach, weil es dort keine Hochöfen oder kom­plexe Maschi­nen­parks gibt, die nicht so einfach verlegt werden können. Würde damit nicht auch die mate­rielle Grundlage für das Stand­ort­denken bei großen Teilen der Beleg­schaft weg­fallen, das trans­na­tionale Arbeits­kämpfe massiv erschwert, diese Frage stellten sich Teilnehmer_​innen Ver­an­staltung in Berlin. Schließlich hat dieses Stand­ort­denken seine mate­rielle Grundlage oft in der Über­zeugung, dass der „eigene“ Betrieb nicht so leicht ver­lagert werden kann.

Wenn Arbeits­kämpfe gegen einen Konzern wie Amazon nicht in einem Land gewonnen werden können, ist ein Agieren über Län­der­grenzen exis­ten­tiell. Einige Bei­spiele wurden in Berlin genannt. So streikten kurz vor Weih­nachten 2014 Amazon- Beschäf­tigte in Frank­reich und bezogen sich dabei auf die Arbeits­kämpfe in Deutschland. Auch im Amazon-Werk in Poznan ist bei der Beleg­schaft der Unmut über die Arbeits­be­din­gungen gewachsen.

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Peter Nowak

Solidarität in Logistik und Onlinehandel

Italienische Arbeiter zu Besuch beim Amazon-Streik

bekam am 30. März viel Applaus im Streikzelt der Amazon-Beschäf­tigten in Leipzig. Er hat im Rahmen einer Dele­gation der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas den Strei­kenden einen Soli­da­ri­täts­besuch abge­stattet und Grüße über­bracht. Bei einer Ver­an­staltung und einem Workshop in Berlin berich­teten die SI-Cobas-Gewerk­schafter, wie sie in den letzten Monaten im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich erfolg­reich Beschäf­tigte orga­ni­sieren und Tarif­ver­schläge abschließen konnten, die ihnen Lohn­er­hö­hungen und weniger Arbeits­hetze garan­tieren.

Die großen ita­lie­ni­schen Gewerk­schafts­ver­bände haben sich in einem Brief an die Logis­tik­un­ter­nehmer beschwert, dass diese mit der kleinen Basis­ge­werk­schaft bessere Tarif­ver­träge als mit ihnen abschließen. »Die haben nicht begriffen, dass diese Ver­träge kein Geschenk der Unter­nehmen sondern ein Ergebnis der kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik ist«, meint Luzzi. Dass sich die Amazon-Beschäf­tigten und die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di mit ihren Arbeits­kampf gegen ihre Ein­stufung als Logis­tiker wehren und für den einen Tarif­vertrag nach den deutlich bes­seren Kon­di­tionen des Einzel- und Ver­sand­handels kämpfen, ver­stehen die ita­lie­ni­schen Kol­legen. »Über die Fein­heiten des deut­schen Tarif­rechts wissen die Amazon-Kol­legen am besten Bescheid. Doch wichtig ist uns, die spe­zi­fi­schen Kampf­be­din­gungen her­aus­zu­ar­beiten, der in der Logistik und im Online­handel unab­hängig von der tarif­lichen Ein­ordnung gilt«, erklären sie auf dem Workshop.

So haben die Strei­kenden im ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich in den letzten Monaten die Tore der Unter­nehmen blo­ckiert und sie damit an einem neur­al­gi­schen Punkt getroffen. Wenn es Ver­zö­ge­rungen bei der Waren­aus­lie­ferung gibt, drohen hohe Ver­luste.

Amazon hatte seine Filiale im pol­ni­schen Poznan errichtet, um die Waren von dort aus­zu­liefern, wenn in Deutschland gestreikt wird. Die Gewerk­schafter betonten in Berlin, dass das Fehlen eines großen Maschi­nen­parks in dieser Branche eine län­der­über­grei­fende Soli­da­rität erleichtern könnte. Schließlich habe das Stand­ort­denken bei Beschäf­tigten der for­dis­ti­schen Schwer­industrie, das län­der­über­grei­fende Kämpfe erschwert, ihre Grundlage eben in dem Maschi­nenpark, der nicht so leicht zu ersetzen oder aus­zu­lagern ist. Doch wie sieht es mit der län­der­über­grei­fenden Soli­da­rität bei Amazon aus? Ermu­ti­gende Bei­spiele wurden auf der Ver­an­staltung genannt. So streikten vor Weih­nachten 2014 auch in Frank­reich Amazon-Beschäf­tigte und bezogen sich auf den Arbeits­kampf in Deutschland. Auch im Standort Poznan wächst die Unzu­frie­denheit. Ein Beschäf­tigter beschrieb die Stimmung im Werk Ende 2014 so: »Im Dezember drang die Unzu­frie­denheit der Leih­ar­beiter bei Amazon an die Öffent­lichkeit: Sie fingen an, sich wegen nicht pünktlich gezahlter Löhne, Unre­gel­mä­ßig­keiten bei der Berechnung der Löhne und über­füllter Kan­tinen an die lokalen Medien zu wenden.« Mitt­ler­weile sind zahl­reiche Beschäftige von Poznan in die kämp­fe­rische Basis­ge­werk­schaft Workers Initiative ein­ge­treten.

Peter Nowak

»Wie eine Festung«

Im Tarif­kon­flikt mit dem Online-Ver­sand­händler Amazon ver­suchte die Gewerk­schaft Verdi im Oster­ge­schäft den Druck zu erhöhen und rief an meh­reren Stand­orten zum Streik auf. Die Jungle World sprach mit Roberto Luzzi. Er ist Aktivist der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft SI Cobas, die Arbeits­kämpfe in der Logis­tik­branche orga­ni­siert. Mit einer SI-Cobas-Dele­gation besuchte er am 31. März die strei­kenden Amazon-Arbeiter in Leipzig.

Wie war Ihr Ein­druck vom Arbeits­kampf?

Es ist sehr positiv, dass in Deutschland die Orga­ni­sierung der Amazon-Mit­ar­beiter gelungen ist und sie mehrmals in den Streik getreten sind. In Italien ist uns das bisher nicht gelungen.

Was sind dort die Pro­bleme?

Die meisten Amazon-Beschäf­tigten in Italien haben extrem befristete Ver­träge, was eine Orga­ni­sierung sehr schwer macht. Zudem ist das größte ita­lie­nische Amazon-Werk in Pia­cenza wie eine Festung aus­gebaut, so dass wir nicht mit den Beschäf­tigten sprechen können.

Haben Sie in Leipzig auch kri­tische Ein­drücke gesammelt?

Mir ist negativ auf­ge­fallen, dass bei der Streik­ver­sammlung nur Gewerk­schafts­funk­tionäre und nicht die Beschäf­tigten zu Wort kamen. Zudem gab es keine Ver­suche, die Beschäf­tigten, die sich nicht am Streik betei­ligten, am Betreten des Werkes zu hindern. Auch LKW konnten während des Streiks unge­hindert auf das Gelände fahren und es ver­lassen. Es gab weder Blo­ckaden noch Ver­suche, mit Flug­blättern für den Streik zu werben.

Konnten Sie Kon­takte mit den Kol­legen knüpfen?

Wir haben auf der Streik­ver­sammlung über die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas und die Arbeits­kämpfe in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche infor­miert und eine mit viel Applaus bedachte Soli­da­ri­täts­er­klärung ver­lesen.

Könnten sich die trans­na­tio­nalen Kon­takte ver­ste­tigen?

Bei kon­kreten Streik­ak­tionen ist es einfach, Soli­da­rität aus­zu­drücken und mit den Kol­legen in Kontakt zu kommen. Viel schwie­riger sind offi­zielle Ver­bin­dungen zwi­schen den Gewerk­schaften. Das liegt daran, dass die DGB-Gewerk­schaften nur Kon­takte zu den großen offi­zi­ellen Gewerk­schafts­bünden in Italien unter­halten. Mit ­denen ist eine Zusam­men­arbeit bei der Firma DHL möglich. Doch in der Regel bekämpfen sie die Basis­ge­werk­schaft SI Cobas in der Logis­tik­branche und haben sich sogar in einem Brief an die Logis­tik­un­ter­nehmen beschwert, dass sie mit uns einen bes­seren Tarif­vertrag als mit ihnen abge­schlossen haben. Dabei ist dieser Erfolg das Ergebnis unserer kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­po­litik

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​1​5​/​5​1​7​5​1​.html

Peter Nowak

Amazonstreik – keine Chancen für die Gewerkschaften?