Eine Fabrik selbstverwaltet betreiben – dass das funktioniert, zeigen Betriebe auf der „Wandelwoche 2019“

Tee machen ohne den Chef

Wir wollen keinen phil­an­thro­pi­schen Kapi­ta­lismus, daher ge- hört zu unserem Betriebs­zweck die För­derung und der Aufbau soli­dar­wirt­schaft­liche Struk­turen“, so Vinzenz Kremer vom »Gemein & Nützlich Ver­triebs­kol­lektiv«

Können Beschäf­tigte eine Fabrik über­nehmen? Die Beleg­schaften der Tee­fabrik Scop Ti bei Mar­seille und der Che­mie­fabrik Vio​.Me in Thes­sa­loniki machen es vor. Im Rahmen der dies­jäh­rigen „Wan­del­woche“, die Wege zur soli­da­ri­schen Wirt­schaft auf­zeigt, stellen .…

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Kollektiv Handel(n)

Union Coop: ein neuer Ver­trieb für Betriebe in Arbei­te­rInnen-Hand

Union Coop, 2017 offi­ziell gegründet, ist ein Versuch zur Orga­ni­sierung von Kol­lek­tiv­be­trieben, die einen basis­ge­werk­schaft­lichen Ansatz ver­folgen. Neben den Pro­dukten aus den betei­ligten Betrieben sollen in Zukunft auch ver­mehrt Gewerk­schafts­ma­te­rialien und Waren aus zurück­er­oberten Fabriken wie etwa Vio​.Me oder der Tee­beutel-Fabrik von Scop Ti (ehemals Lipton) ver­trieben werden.

Seit Kurzem können über die Union Coop Pro­dukte aus gewerk­schaftlich ori­en­tier­ten­Kol­lek­tiv­be­trieben gekauft werden. Peter Nowak sprach mit Hansi Oos­tinga von der Union Coop über das Konzept

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Arbeiten ohne Chef

Ein Interview mit Hansi Oos­tinga von der Föde­ration „union coop“

„Ohne Chef arbeiten? Basis­de­mo­kra­tisch und selbst­or­ga­ni­siert? Wir wagen den Versuch, weil das für uns die einzig mensch­liche Art des Wirt­schaftens ist.“ So heißt es in der Selbst­dar­stellung der „union coop“, einer Föde­ration, in der sich Betriebe zusam­men­ge­schlossen haben, die diesen Weg gehen. Seit Kurzem können über die Homepage https://​www​.union​-coop​.org Pro­dukte aus Kol­lek­tiv­be­trieben gekauft werden. Peter Nowak sprach in Berlin für die Gras­wur­zel­re­vo­lution mit Hansi Oos­tinga von der Union Coop über das Konzept.

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Teesolidarität

Reaktion auf Schwach­punkt: Selbst­ver­waltete Betriebe helfen sich gegen­seitig beim Ver­trieb

»It‘s Teatime! Scop Ti jetzt auch in Deutschland« – so bewirbt Union Coop, ein Zusam­men­schluss von basis­ge­werk­schaft­lichen Kol­lek­tiv­be­trieben in Deutschland, ganz besondere Tee­sorten. Sie werden in einer selbst­ver­wal­teten Tee­fabrik in Mar­seille pro­du­ziert. Mehr als drei Jahre hatten die Beschäf­tigten dort gegen den Uni­lever Konzern gekämpft und die Pro­duktion schließlich selbst über­nommen. Die neu gegründete Koope­rative Scop Ti pro­du­ziert ver­schiedene bio­lo­gisch und regional ange­baute Tee­sorten unter dem Mar­ken­namen 1336. Das soll an die Fabrik­be­setzung erinnern, die 1336 Tage dauerte. Nun will die Koope­rative ein Ver­triebs­system mit anderen Ländern auf­bauen. 

Koope­ra­ti­ons­partner in Deutschland ist die Union Coop, zu deren Grund­sätzen gehört, dass alle Beschäf­tigten die gleichen Rechte bei Ent­schei­dungen und einen Ein­heitslohn haben. Hansi Oos­tinga von der Union Coop betont, dass es sich nicht um eine Nische für Aus­steiger handelt. »Im Verbund mit anderen Kol­lek­tiv­be­trieben und der Basis­ge­werk­schaft FAU suchen wir Ant­worten auf die Frage, wie eine soli­da­rische Wirt­schaft aus­sehen kann«, betont er gegenüber »nd«.

Der Ver­trieb des Tees aus der selbst­ver­wal­teten Fabrik ist für ihn mehr als Soli­da­rität. »Es ist ein prak­ti­scher Ansatz­punkt für eine wirt­schaft­liche Gegen­macht.« Die Beleg­schaft habe sich während ihres lang­jäh­rigen Kampfs als Teil einer brei­teren sozialen Bewegung posi­tio­niert. Die Ver­ein­barung zur Koope­ration ist auf einem Treffen von selbst­ver­wal­teten Betrieben im Mit­tel­meerraum ent­standen, das vor einem Jahr in Grie­chenland auf dem besetzten Gelände von Vio​.Me stattfand. »Ein Ergebnis dieser Kon­ferenz war die Erkenntnis, dass ein Schwach­punkt aller selbst­ver­wal­teten Fabriken der Ver­trieb ist«, sagt Oos­tinga. Die Union coop will deshalb in der nächsten Zeit ihr Sor­timent erweitern. Neben den Seifen von Vio​.Me sollen auch Liköre aus der besetzten Fabrik Rimaflow in Mailand und Öl aus einer von der Land­ar­bei­ter­ge­werk­schaft SAT besetzten Finca in Anda­lusien ange­boten werden. 

Oos­tinga hofft, dass der Verkauf der Pro­dukte in Deutschland auch das Thema Betriebs­be­setzung und Selbst­ver­waltung wieder mehr in den Fokus rückt. Er erinnert an die selbst­ver­waltete Fahr­rad­fabrik in Nord­hausen, wo vor zehn Jahren einige Wochen lang das Strikebike pro­du­ziert wurde. Das Projekt schei­terte. Aber es steht bis heute für den Versuch, wie Arbeiter auch in Deutschland eine andere Form des Wirt­schaftens und Pro­du­zierens durch­setzen wollten. www​.union​-coop​.org/shop

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​1​8​3​7​.​t​e​e​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​.html

Peter Nowak

Der eigene Tee

Einst produzierten sie für Unilever, seit einem Jahr für sich. Besuch bei den Teerebellen im südfranzösischen Gémenos

Der alte Wärter über­zeugt sich gewis­senhaft, dass die Einlass begeh­rende Gruppe ange­meldet ist und alle ein Besu­cher­for­mular aus­ge­füllt haben. Erst dann öffnet er das Tor. Die Besucher müssen sich weiße Kittel und Über­schuhe anziehen, bevor sie das Gelände der Tee­beu­tel­fabrik Fralib in Gémenos am Rande von Mar­seille betreten dürfen. Seit dort die Beleg­schaft gegen den Mut­ter­konzern Uni­lever gewonnen hat, ist die kleine Fabrik zum Symbol dafür geworden, dass man auch einen Welt­konzern in die Knie zwingen kann.

Im Jahr 2011 wollte Uni­lever die Pro­duk­ti­ons­stätte der bekannten Tee­marke Lipton Ele­phant von Frank­reich nach Polen ver­lagern. Doch er hatte die Rechnung ohne die Arbeiter gemacht. Die besetzten die Fabrik und for­derten die Rück­nahme des Schlie­ßungs­be­schlusses. Zunächst wurden sie vom Management und der fran­zö­si­schen Politik belä­chelt. Doch nach 1336 Tagen waren es die Arbeiter, die lachen konnten. Der Konzern gab nach – und zahlte den Rebellen mehrere Mil­lionen Euro. »Nach fast vier Jahren Kon­flikt musste man einen Ausweg finden, damit beide Seiten ihren Weg unab­hängig von­ein­ander fort­setzen können«, begründete Uni­lever Frank­reich die Einigung. Die Beleg­schaft konnte in Eigen­regie weiter pro­du­zieren und bekam von Uni­lever eine Start­hilfe von 20 Mil­lionen Euro für die Gründung einer Genos­sen­schaft.

Nach den auf­rei­benden Kämpfen und rau­schenden Sie­ges­feiern hat der nicht immer ein­fache Alltag einer selbst­ver­wal­teten Fabrik in einem kapi­ta­lis­ti­schen Umfeld Einzug gehalten. Die Firma, die heute Scop Ti heißt, muss sich auch ohne Chef am Markt behaupten. Für die Beschäf­tigten bedeutet das zuweilen Son­der­schichten. Ein Dutzend Kol­legen stehen um eine Maschine und lassen Kartons mit Tee­beuteln immer wieder über das Fließband laufen. Kon­zen­triert ver­suchen sie, den Fehler zu finden, der dafür sorgt, dass die Ver­pa­ckungen von der Maschine ein­ge­drückt werden. »Solche Pro­bleme haben wir häufig und wir müssen die selber lösen«, sagt Henri Soler mit Stolz in der Stimme. Der End­vier­ziger hält auch nach dem Ende der Besetzung an seinen ega­li­tären Idealen fest. Gern hätte er einen Ein­heitslohn für alle Beschäf­tigten ein­ge­führt, doch der Antrag wurde von der Mehrheit der knapp 80köpfigen Beleg­schaft abge­lehnt. Es könne nicht sein, so das Gegen­ar­gument, dass ein junger Kollege, der gerade erst in der Fabrik ange­fangen hat und sich wenig für die Selbst­ver­waltung enga­giert, genau so viel ver­dient wie ein Beschäf­tigter mit jah­re­langer Erfahrung, der sich in ver­schie­denen Kom­mis­sionen an der Selbst­ver­waltung der Fabrik beteiligt. Soler bedauert die Ent­scheidung, doch sein Enga­gement ist unge­brochen. Schließlich hängt davon der Erfolg der gesamten Firma ab.

Scop Ti will euro­paweit Groß­märkte mit Tee beliefern, auch in Deutschland. Dafür mussten die Arbeiter Abstriche an ihren Vor­stel­lungen machen. Eigentlich sollten die Tees ohne Aro­ma­stoffe aus­kommen, weil sie bei Uni­lever erlebt hatten, wie die Qua­lität dar­unter leidet. Doch schnell merkten sie, dass sie vor allem im Bereich der Super­märkte Kunden ver­lieren würden. Daher wird ein Teil des Sor­ti­ments weiter mit Zusatz­stoffen geliefert.

Auf dem Fabrik­ge­lände sind die Jahre der Besetzung heute noch gegen­wärtig. Che Guevara prangt an der Wand gegenüber dem Eingang, eine Aus­stellung am Eingang des Betriebs infor­miert über die Geschichte des Arbeits­kampfes. Dort sind auch einige Tee­kartons mit den Auf­drucken aus den Beset­zungs­tagen zu sehen, die Kunden darüber auf­klärten, dass die Tee­beutel in einer selbst­ver­wal­teten Fabrik her­ge­stellt werden.

Die Zukunft sieht nicht schlecht aus für die wider­stän­digen Arbeiter. Der fran­zö­sische Prä­sident stattete der Koope­rative im Sommer einen Besuch ab, seit wenigen Monaten ist ihre eigene Marke auf dem Markt. Der Name: 1336.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​8​9​3​6​3​.​d​e​r​-​e​i​g​e​n​e​-​t​e​e​.html

Peter Nowak