Wo bleibt das »CyberSyn« in Venezuela?

Bleibt ehe­ma­ligen Unter­stützern des boli­va­ria­ni­schen Pro­zesses nur, Abbitte zu leisten?

Der Macht­kampf um Vene­zuela geht weiter. Je länger die Dop­pel­herr­schaft andauert, desto größer wird die Gefahr eines mili­tä­ri­schen Ein­greifens der Nach­bar­länder gemeinsam mit den USA. Dagegen haben in den letzten Tagen in vielen Ländern, auch in Deutschland, Men­schen unter der Parole »Hände weg von Vene­zuela« [1] demons­triert. Es ist aller­dings…

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Self-Tracking und kybernetischer Kapitalismus

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp[1] eine bezeich­nende Episode, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: »Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 1.000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 1.500.« Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Demons­tra­ti­ons­schritte und die Route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen, und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er für die Demons­tration ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen Ver­fas­sungs­ämtern unge­ahnte Über­wa­chungs­mög­lich­keiten bieten.

Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Nicht Daten­schutz und Daten­mi­ni­mierung, sondern die unge­bremste Offen­legung ganz pri­vater Daten sind Kenn­zeichen einer Bewegung, die ihr Leben von der Arbeit über das Joggen bis zum Schlaf von digi­talen Geräten minutiös auf­zeichnen und über­wachen lässt und die Daten dann noch via Facebook wei­ter­ver­breitet.

Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenem Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapitalismus«[2] dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet: in die Bemü­hungen nämlich, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

»Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­ging­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.«

Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters Runtastic[3] solche Selbst­be­zich­ti­gungen:

Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spaß und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.

Run­tastic-User

Jede Woche warte ich gespannt auf meinen Fit­ness­be­richt. Grüne Zahlen & Pfeile moti­vieren mich immer wieder aufs Neue! Ich will mich ja schließlich jede Woche ver­bessern!

Run­tastic-User

»Ent­decke die Geheim­nisse des Super­helden«, fordert eine andere Werbeseite[4] für poten­tielle Selb­st­op­ti­mierer, die immer und überall die Gewinner sein wollen. Auch Diätprogramme[5] arbeiten nach dem Prinzip, wonach mit Dis­ziplin und mit eisernen Willen alles zu schaffen sei. Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Auf anderen Self-Tracking Wer­be­an­zeigen finden sich Berg­steiger, die mit Erfolg und vielen Stra­pazen einen Gipfel erklommen haben.

Es ist bezeichnend, das mit Berg­steigern und Sol­daten zwei Gruppen Role-Models für das Self-Tracking sind, die immer wieder auch Tote und Schwer­ver­letzte zu ver­zeichnen haben. Die Bot­schaft ist klar: Beim Rat­ten­retten im kapi­ta­lis­ti­schen Alltag ist Schonung von Gesundheit und Leben etwas für Loser und Ver­sager. Und sie sind in der Wer­bewelt der Self-Tracker wohl auch das Schlimmste, was man sich denken kann.

Sehr über­zeugend hat Schaupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Bezeichnung der aktu­ellen Regu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der, anders als bekannte Begriffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wertung domi­niert. Die These von Schaupp lautet, dass das Self-Tracking »Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme ist, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und als Waren ver­kaufen“.

Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ »Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles« ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür gesorgt haben, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten. Ver­schwinden werden sie aber nicht.

Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Groß­de­mons­tration, bei der die eigenen Ordner für Ruhe und Ordnung sorgen. Dann bleibt die Polizei manchmal in den Sei­ten­straßen und ist im ersten Augen­blick nicht sichtbar präsent. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn es jemand nicht mehr so angenehm emp­findet, immer und überall kapi­tal­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von außen.

Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. »Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält über ihre wert­vollste Res­source«, heißt auf der Web­seite der Zeitmanagement-Software[6].

Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet. Tat­sächlich handelt es sich um eine ein­seitige Form der Trans­parenz. Der Kapi­tal­be­sitzer bekommt den Zugriff auch auf die letzten Geheim­nisse der Lohn­ab­hän­gigen. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immer noch einige Nischen, wo sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.


Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Groß­bri­tannien Ärzte auf­ge­fordert, sie sollten ihren Pati­enten Self-Tracking-Anwen­dungen ver­schreiben, »damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Ver­ant­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen«.

Schon längst haben die Kran­ken­kassen begonnen, besonders eifrige Self-Tracker mit Prämien zu belohnen. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission setzt ange­sichts von pro­gnos­ti­zierten 3,4 Mil­li­arden Men­schen, die 2017 ein Smart­phone benutzen, große Hoff­nungen darauf, dass mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget erzielt werden können.

Hier wird schon deutlich, dass in der nächsten Zeit Self-Tracking-Methoden Teil der Politik werden können. Wer sich dem ver­weigert, muss zumindest mit höheren Kran­ken­kas­sen­prämien rechnen. Es könnte aller­dings durchaus auch staat­liche Sank­tionen für Tracking-Ver­wei­gerer geben.

In der Öffent­lichkeit werden sie schon jetzt als Men­schen klas­si­fi­ziert, die mit ihrer Lebens­weise unver­ant­wortlich umgehen und die sozialen Systeme unver­hält­nis­mäßig belasten. Unter dem Begriff Quan­tified Self hat der Publizist Sebastian Friedrich[7] die unter­schied­lichen Tracking-Methoden in sein kürzlich erschie­nenes Lexikon der Leistungsgesellschaft[8] auf­ge­nommen.

Es steht dort neben Ein­trägen wie »Rennrad« oder »Mara­thonlauf«, die in kurzen Kapiteln als Teil der neo­li­be­ralen All­tags­praxis vor­ge­stellt werden. Die Stärke des Büch­leins besteht darin, All­tags­be­schäf­ti­gungen auf­zu­nehmen, die sich auch im kri­ti­schen Milieu reger Zustimmung erfreuen und die oft gar nicht mit dem Neo­li­be­ra­lismus in Ver­bindung gebracht werden.

Dabei zeigt Friedrich über­zeugend, wie der erste Mara­thonlauf in New York wenige Hundert Inter­es­sierte anlockte, bevor er zu jenen Mas­sen­auf­läufen wurde, die heute welt­weite ganze Stadt­be­reiche lahm­legen. Mitt­ler­weile betei­ligen sich daran ganze Fir­men­be­leg­schaften daran, die so ihre Leis­tungs- und Lei­dens­fä­higkeit unter Beweis stellen. Eine Ver­wei­gerung würde sich wohl äußerst negativ für die Kar­riere aus­wirken. Das ist auch ein zen­traler Begriff im Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft.

Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, Self-Tracking-Methoden in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne ver­wendet werden könnte. Doch eine Antwort gibt er darauf nicht.

Dabei hätte er viel­leicht einen Hinweis darauf geben können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt[9] beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte.

Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und großer Teile der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die Unidad-Popular-Regierung beendete diesen Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Das durch den Roman von Sascha Rehs Roman »Gegen die Zeit“[10], in dem dieses Projekt im Mit­tel­punkt steht, wurde es auch hier­zu­lande wieder bekannt[11].

Es ist schade, dass Schaupp darauf nicht zumindest kurz hin­weist, weil in seinem theo­re­ti­schen Teil Stafford Beer schließlich eine wichtige Rolle spielt.

Er stellt nur klar, dass Self-Tracking in den aktu­ellen Macht­ver­hält­nissen eine wichtige Rolle bei der Selbst­zu­richtung und Kon­di­tio­nierung des Sub­jekts für die Zumu­tungen des Kapi­ta­lismus spielt. Gerade diese All­tags­praxen der Leis­tungs­ge­sell­schaft sind eine Antwort auf die Frage, warum der Neo­li­be­ra­lismus so stark ist und selbst die Krisen der letzten Jahre scheinbar schadlos über­standen hat.

Schon lange wird die Phrase vom Neo­li­be­ra­lismus in den Köpfen stra­pa­ziert. Der Self-Tracking-Boom ebenso wie die Mara­thon­welle zeigt deutlich, was damit gemeint ist. Dann stellt sich auch die Frage, ob es nicht Zeit für eine Bewegung ist, die sich diesen Self-Tracking-Methoden bewusst ver­weigert.

Wenn Men­schen offen erklären, sich nicht ständig opti­mieren zu wollen, nicht den Anspruch zu haben, immer mehr Rekorde und Höchst­werde aus sich her­aus­holen zu wollen, dann würde sicher nicht gleich der kyber­ne­tische Kapi­ta­lismus in eine Krise geraten.

Aber man darf auch nicht ver­gessen, dass kon­ser­vative Theo­re­tiker die wach­sende Alter­na­tiv­be­wegung der 1970er Jahre für die Krise des For­dismus mit­ver­ant­wortlich machten. So könnte auch eine No-Tracking-Bewegung zumindest das Image ankratzen, das sich heute alle ganz frei­willig und mit großer Freude für den Sport, das Unter­nehmen und die Nation Opfer bringen.

Peter Nowak

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[4] https://​www​.flow​grade​.de/
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[6] https://​www​.res​cuetime​.com/
[7] http://​www​.sebastian​-friedrich​.net/
[8] https://​www​.edition​-assem​blage​.de/​l​e​x​i​k​o​n​-​d​e​r​-​l​e​i​s​t​u​n​g​s​g​e​s​e​l​l​s​chaft
[9] http://www.cybersyn.cl/imagenes/documentos/textos/Eden%20Medina%20JLAS%202006.pdf
[10] https://​www​.schoeffling​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​/​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-zeit
[11] http://​www​.deutsch​land​ra​dio​kultur​.de/​s​a​s​c​h​a​-​r​e​h​-​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-​z​e​i​t​-​e​i​n​-​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​s​-​e​x​p​e​r​i​m​e​n​t​.​9​5​0​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​28089

Erinnerung an ein Stück Computersozialismus

In Chile wurde unter dem sozia­lis­ti­schen Prä­si­denten Sal­vador Allende ver­sucht, eine com­pu­ter­ge­steuerte Plan­wirt­schaft umzu­setzen. Im Roman «Gegen die Zeit» von Sascha Reh stehen die Mit­ar­bei­te­rInnen dieses Pro­jekts im Mit­tel­punkt.
Langsam ver­blasst die Erin­nerung an die knapp drei­jährige Regie­rungszeit der Unidad Popular unter Prä­sident Sal­vador Allende in Chile. Im Herbst 1970 wurde der linke Prä­sident ins Amt gewählt und im Anschluss immer hef­tiger von der chi­le­ni­schen Kon­ter­re­vo­lution
und ihren Ver­bün­deten in den USA, aber auch in latein­ame­ri­ka­ni­schen Nach­bar­staaten atta­ckiert. Am 11. Sep­tember 1973 bereitete das Militär dem Versuch ein Ende, in Latein­amerika den Sozia­lismus auf­zu­bauen. In den 70er-Jahren war die Soli­da­rität mit den in unter­schied­liche Frak­tionen gespal­tenen Linken in Chile noch eine Ange­le­genheit von Mil­lionen Men­schen auf allen Kon­ti­nenten. Ende der 70er-Jahre ent­stand dann mit dem Sieg der San­di­nistas in Nica­ragua eine neue Soli­da­ri­täts­be­wegung, die auch schon lange Geschichte hat. Bereits Mitte der 80er-Jahre fand der linke badische Lie­der­macher Walter Mossmann für die chi­le­nische Exil­ge­meinde und ihre Unter­stüt­ze­rInnen in seinen Stück «Unru­higes Requiem» die traurig rea­lis­ti­schen Worte: «Schlecht ein­ge­richtet im Pariser Exil stellt die Stimme Latein­ame­rikas beharrlich die alten Fragen, die bei uns aus der Mode gekommen sind.
Ich frage die Anwesenden:/ Ist euch der Gedanke so fremd,/ dass diese Welt uns allen gehört,/ und nicht nur denen, die das Geld haben? (…) Ich frage die Anwesenden:/Ist euch der Gedanke so fremd,/ dass uns das gehört,/ was unsere Hände schaffen?»


Kein Willi Brand
Und dann bringt der 1974 geborene Phi­losoph und Ger­manist Sascha Reh im Jahr 2015 im Verlag Schöffling & Co den Roman «Gegen die Zeit» heraus, der mitten hinein geht in das Chile der Unidad Popular. Auf dem Cover sieht man die Moneda, den chi­le­ni­schen Regie­rungssitz, wie er in den Mor­gen­stunden des 9. Sep­tembers 1973 vom Militär ange­griffen wird. Man sieht die Bom­ben­ein­schläge,
Rauch steigt auf und seitlich zielen Sol­da­tInnen auf die Fenster des Gebäudes, in dem sich Prä­sident Allende und seine engsten Mit­ar­bei­te­rInnen gegen die mili­tä­rische Über­macht ver­tei­digen. Als die Militärs schliesslich in das Gebäude ein­dringen, verübt der
schon schwer ver­letzte Allende Selbstmord. So will er ver­meiden, dass er wie sein Freund und Genosse Che Guevara knapp sechs Jahre zuvor erschossen wird. Tat­sächlich verband beide spä­testens seit der kuba­ni­schen Revo­lution eine enge Freund­schaft. Allende war Anfang der 60er-Jahre noch Vor­sit­zender einer kleinen sozia­lis­ti­schen Partei, als er die Soli­da­rität mit der kuba­ni­schen Revo­lution orga­ni­sierte. Als Che Guevara dann Kuba ver­liess und erst in Afrika und dann in Bolivien an vor­derster Front für die Revo­lution kämpfte, blieben ihm Allen­deund seine Partei soli­da­risch ver­bunden. Daher ist es auch infam, wenn Allende heute von Wohl­mei­nenden als eine Art chi­le­ni­scher Willi Brand dar­ge­stellt wird. Allende stand für eine sozia­lis­tische Umge­staltung und genau des­wegen wurde er schliesslich
gestürzt.

Gegen die Markt­wirt­schaft
Genau am Tag des Put­sches beginnt Sascha Rehs Roman: «Während draussen geschossen wurde, bleib ich in meinen Zimmer, hungrig, in dumpfer Sorge vor einer Infektion, in Gedanken bei Ana. Ich tat nichts, als darauf zu warten, dass sie mich holen.» Es war die Per­spektive von vielen chi­le­ni­schen Linken, denen nach dem Putsch nicht nur ihre ganze bis­herige Lebens­per­spektive abhanden gekommen war. Ihr Leben selber war in Gefahr. Doch die Men­schen, um die es im Roman geht, sind noch besonders gefährdet. Es handelt sich um die
Mit­ar­bei­te­rInnen eines wenig bekannten Pro­jekts des Com­pu­ter­so­zia­lismus im Chile der frühen 70er-Jahre. Das Projekt Synco oder Cybersyn sah vor, die chi­le­nische Volks­wirt­schaft durch com­pu­ter­ge­stützte Systeme zu steuern und damit die Markt­wirt­schaft und den Ein­fluss der grossen Kon­zerne zu ver­ringern. Geleitet wurde das Projekt von den bri­ti­schen Kyber­ne­tiker Stafford Beer. Daran war
auch der west­deutsche Hans Everding beteiligt, der im Auf­bruch um 1968 poli­ti­siert wurde und sich der Frak­tio­nierung der west­deut­schen Linken in den 1970er-Jahren entzog, in dem er in Chile mit den Modell einer com­pu­ter­ge­steu­erten Plan­wirt­schaft
expe­ri­men­tierte. Das Projekt war noch im Ver­suchs­stadion als der Putsch die Arbeit beendete. Die Mit­ar­bei­te­rInnen zer­streuten sich in alle Winde. Miss­trauen kam auf. Wer war GenossIn und wer bie­derte sich den neuen Macht­ha­be­rInnen an? Eine Frage, die die Prot­ago­nis­tInnen im Roman immer wieder stellen. Nach dem Putsch ver­sucht Hans Everding, die Haupt­figur des Romans, die Daten­träger in Form von Magnet­bändern vor dem Zugriff der Militärs zu retten. Er ist über­zeugt, dass dort Daten zu finden sind, die jetzt viele Men­schen exis­ten­ziell gefährden könnten. Wenn auch das Com­pu­ter­projekt unter Allende kein Thema öffent­lichen Inter­esses war
und von denen, die davon wussten, als intel­lek­tuelle Spie­lerei abgetan wurde, war es der Kon­ter­re­vo­lution doch bekannt geworden. Ganz im Gegensatz zur Intention der For­sche­rInnen kamen die Com­puter während des Streiks der LKW-Fah­re­rInnen 1972 das erste Mal erfolg­reich zum Einsatz. Zwei­hundert Com­puter wurden mit­ein­ander ver­netzt. Im Roman wird in Rück­blicken noch einmal die Auf­regung der For­sche­rInnen lebendig, die selber nicht wussten, ob ihre auf­wen­digen Geräte den Pra­xistest bestehen würden. Tat­sächlich trug das Projekt Cybersyn mit dazu bei, dass die Unidad Popular 1972 den von der gesamten chi­le­ni­schen Reaktion unter­stützen und von der CIA finan­zierten Unter­neh­me­rIn­nen­streik über­stand. Den Hass der Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rInnen hatte sich das Projekt damit end­gültig zuge­zogen. Daher war die Angst der Mit­ar­bei­te­rInnen berechtigt, dass das Militär damit ein Instrument der Kon­trolle und Über­wa­chung in die Hand bekommen könnte. Genau deshalb sollten die Daten­träger ver­schwinden.


Chile – Pionier des Com­pu­ter­so­zia­lismus

Der Com­puter als Mittel zur Arbeits­er­leich­terung oder zur Kon­trolle der Arbei­te­rInnen? Diese Frage dis­ku­tierten die Pro­jekt­mit­ar­bei­te­rInnen bereits damals sehr intensiv. «‹Aber es geht uns nicht um Über­wa­chung›, sagte ich. Unsere Absicht ist nicht, die Arbeiter zu dis­zi­pli­nieren, sondern vor­aus­zu­sehen, was auf sie zukommt», betonte die Haupt­figur Hans Everding gegenüber einem skep­ti­schen Mit­ar­beiter. Auf welch ver­schlun­genem Weg die Daten­träger vor dem Zugriff der Militärs bewahrt werden und welch über­ra­schende Wen­dungen es dabei gibt, bildet den per­fekten kri­mi­no­lo­gi­schen Teil des Buches. Es ist zu begrüssen, dass Sascha Reh mit seinem Buch ein wenig bekanntes Kapitel der chi­le­ni­schen Revo­lution zugänglich gemacht hat. Chile, das nach dem Putsch ein Labo­ra­torium des Neo­li­be­ra­lismus wurde, war in den Zeiten der Unidad Popular ein Pionier für den Com­pu­ter­so­zia­lismus.


Reh Sascha: Gegen die Zeit.
Verlag Schöffling & Co, 2015,
553 Seiten, 25 Euro

http://​www​.vor​waerts​.ch/

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aus: vor­wärts – 6. Mai 2016

Peter Nowak