»Wer krank ist, wird entlassen«

Bärbel Schönafinger ist Redakteurin bei ­labournet​.tv, einer Internet-Plattform für Filme aus der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung. Die Gruppe ist auf der Suche nach Fördermitgliedern.

Seit meh­reren Jahren beschäf­tigen Sie sich mit den Arbeits­kämpfen im nord­ita­lie­ni­schen Logis­tik­be­reich. Im ver­gan­genen Jahr haben Sie einen Film mit dem Titel »Die Angst weg­schmeißen« gedreht. Was inter­es­siert Sie an diesen Arbeits­kämpfen?

Ich war im März 2014 bei einem Netz­werk­treffen der euro­päi­schen Basis­ge­werk­schaften und während eines nicht ganz so inter­es­santen Bei­trags zupfte mich einer aus der ita­lie­ni­schen Dele­gation am Ärmel und zeigte mir Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die ita­lie­nische Polizei auf Strei­kende ein­prü­gelte. »Das pas­siert jede Woche«, sagte er mir und erzählte von einem Arbeits­kampf bei Granarolo, einem großen Milch­lie­fe­ranten bei Bologna, der seine Lager­ar­beiter zwingen wolle, »wegen der Krise« auf 30 Prozent ihres Lohns zu ver­zichten. Und dass er dort gerade in seinem Auto vor dem Werkstor schlafe und tagsüber an den Blo­ckaden teil­nehme, um seine Kol­legen zu unter­stützen. Bei seinem Arbeits­geber, dem Spe­di­ti­ons­un­ter­nehmen Bar­tolini, hätten sie schon gekämpft, gewonnen und die Macht­ver­hält­nisse im Betrieb geändert.

Die Kämpfe hatten 2011 bei TNT in Pia­cenza ange­fangen und seitdem hat sich die Bewegung unter den migran­ti­schen Lager­ar­bei­te­rinnen und -arbeitern immer mehr aus­ge­breitet. Der Kollege war wirklich begeistert und das war sehr anste­ckend. Da es in der Bun­des­re­publik kei­nerlei Bericht­erstattung über diese Streik­welle gab, beschloss ich mit einer Kol­legin, diese Lücke zu füllen und einen Film darüber zu machen.

Was fas­zi­nierte Sie an dieser Streik­welle?

Wir waren fas­zi­niert, weil es aus­ge­rechnet die über­aus­ge­beu­teten, erpress­baren Migran­tinnen und Migranten waren, die sich zur Wehr setzten; und natürlich, weil sie so erfolg­reich waren. Sie wurden von einer sehr kämp­fe­ri­schen und klas­sen­be­wussten kleinen Basis­ge­werk­schaft, S.I. Cobas, unter­stützt, aber der Impuls für die Streik­welle ging von den Beschäf­tigten und ihrer eigenen Orga­ni­sation in den Waren­lagern aus. S.I. Cobas unter­stützte sie bei der Blo­ckade ihrer Waren­lager und den Ver­hand­lungen. Außerdem stellten sie die ersten Kon­takte zu linken Gruppen in der Umgebung her, die dann eben­falls zu den Blo­ckaden kamen.

Was sind die For­de­rungen der Beschäf­tigten?

Die Beschäf­tigten in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche sind zu 95 Prozent Migran­tinnen und Migranten. Sie werden von Vor­ar­beitern ras­sis­tisch dis­kri­mi­niert, Frauen sind sexua­li­sierter Gewalt aus­ge­setzt. Sie werden mit gefälschten Lohn­ab­rech­nungen um Teile ihres Lohns betrogen, haben oft keine gere­gelten Arbeits­zeiten und müssen teil­weise stun­denlang vor den Toren warten, ohne zu wissen, ob sie arbeiten können oder nicht. Wenn sie auf­mucken oder sich gewerk­schaftlich orga­ni­sieren, werden sie beim nächsten nomi­nellen Wechsel des Sub­un­ter­nehmens nicht mehr ein­ge­stellt. Sie gehen teil­weise mit Band­schei­ben­vor­fällen zur Arbeit. Wer krank ist, wird ent­lassen. Und so weiter. Sie fordern gewöhnlich die Ein­haltung des CCNL, des Natio­nalen Tarif­ver­trags für die Logis­tik­branche. Der sieht Min­dest­stan­dards vor wie eine garan­tierte Min­dest­ar­beitszeit von 168 Stunden im Monat, Lohn­fort­zahlung im Krank­heitsfall, kor­rekte Lohn­ab­rech­nungen. Außerdem setzen die Strei­kenden die Ent­lassung von bestimmten Vor­ar­beitern durch. Für manche Kol­legen ver­drei­fachte sich ihr effek­tiver Net­tolohn, nachdem sie in ihrem Waren­lager erfolg­reich gekämpft hatten. Oft geht es zudem um unbe­fristete Ver­träge.

Die Kämpfe werden größ­ten­teils von Arbeits­mi­gran­tinnen und -migranten aus Nord­italien getragen, die als schwer orga­ni­sierbar gelten. Wie ist das zu erklären?

Ich weiß nicht, wieso migran­tische Beschäf­tigte als schwer orga­ni­sierbar gelten. In der Bun­des­re­publik ist es ja so, dass sie von den DGB-Gewerk­schaften viel zu wenig adres­siert werden. Die Gewerk­schaften könnten viel erreichen, wenn sie gut aus­ge­stattete Anlauf­stellen für migran­tische und ille­ga­li­sierte Beschäf­tigte schaffen und ihnen helfen würden, sich gegen Lohnraub oder die neue Asyl­ge­setz­gebung zur Wehr zu setzen. Sobald es Anlauf­stellen gäbe und eine minimale Struktur, um die Selbst­or­ga­ni­sation zu unter­stützen, sowie erste Erfolge, die sich dann, wie in Italien, in den migran­ti­schen Com­mu­nities her­um­sprächen, gäbe es auch hier­zu­lande migran­tische Arbei­te­rinnen und Arbeiter, die sich zur Wehr setzen. Zumindest legt die Streik­welle in Italien das nahe, wo die Leute streikten, obwohl sie wegen des berüch­tigten Bossi-Fini-Gesetzes neben dem Verlust des Arbeits­platzes auch ihre Auf­ent­halts­ge­neh­migung ris­kierten.

In dem Film gehen Sie auch auf die Rolle der Frauen im Arbeits­kampf ein. Welchen Anteil haben sie dabei?

In den aller­meisten Waren­lagern arbeiten nur Männer, abge­sehen von den Putz­frauen. Aber im Waren­lager des Mode­ver­sands Yoox und seit diesem Sommer bei H & M, wo vor allem Frauen beschäftigt sind, sind es natürlich die Frauen, die kämpfen. Die soge­nannte Arbei­ter­be­wegung war und ist immer schon eine Arbei­te­rin­nen­be­wegung. So auch in dieser Streik­welle und auch was die Unter­stützung angeht. Es wird Zeit für einen unver­stellten Blick und auch für einen ange­mes­senen Sprach­ge­brauch, wenn es um Arbei­te­rinnen und Arbeiter und ihre Kämpfe geht.

Welche Rolle spielen die Gewerk­schaften?

In Italien gibt es drei große Gewerk­schafts­dach­ver­bände. Sie haben den Logis­tik­be­schäf­tigten, die mit gefälschten Lohn­ab­re­chungen zu ihnen kamen und dem Wunsch, sich zur Wehr zu setzen, gesagt, dass man nichts machen könne und dass sie sich einen anderen Job suchen sollten. Ein Arbeiter, den wir bei der Blo­ckade eines GLS-Lagers in Bergamo getroffen haben, hat es so for­mu­liert: »Das einzige, was sie machen, ist, Mit­glieds­bei­träge zu kas­sieren und unter dem Tisch Geld anzu­nehmen.« Die kampf­wil­ligen Beschäf­tigten mussten also Gewerk­schaften finden, die bereit waren, sie zu unter­stützen. Im Bereich der Logistik haben sie bei S.I. Cobas Mit­streiter gefunden, denen es nicht darum ging, ihre Gewerk­schaft als Orga­ni­sation vor­an­zu­bringen, sondern die die Streiks als Klas­sen­kämpfe begriffen und sie aus genau diesem Grund mit schier unbe­grenztem Élan unter­stützten. S.I. Cobas wurde erst 2010 gegründet, damals war das ein Dutzend älterer Herren mit Jahr­zehnten Erfahrung auf dem Buckel. Jetzt hat die Gewerk­schaft über 10 000 Mit­glieder, ist aber weit davon ent­fernt, als Apparat wirklich zu funk­tionieren, in dem Sinne, dass sie in der Lage wäre, alle Mit­glieds­bei­träge ein­zu­sammeln oder ihre Aktiven zu bezahlen. Es sind vor allem Pen­sio­nierte, junge Arbeitslose oder Dele­gierte in den Waren­lagern, die den Laden schmeißen.

Haben die Beschäf­tigten im modernen Logis­tik­sektor nicht eine besondere Macht, weil sie schnell alles lahm­legen können?

Es ist sicher von ent­schei­dender Bedeutung, dass die Beschäf­tigten in der Logis­tik­branche sehr großen finan­zi­ellen Schaden anrichten können, wenn sie die Tore für ein paar Stunden blo­ckieren. Damit zwingen sie die Arbeit­geber an den Ver­hand­lungs­tisch. Solange es also genug Kol­le­ginnen und Kol­legen gibt, die sich betei­ligen, bezie­hungs­weise Soli­da­rität von Beschäf­tigten aus anderen Waren­lagern und Unter­stützung aus der linken Szene, können sie sich in der Regel durch­setzen. Die Tat­sache, dass sie großen Schaden anrichten können, reicht also nicht aus, um sich gegen die Kapi­tal­seite durch­zu­setzen, sie macht es aber leichter.

Mitte Sep­tember wurde Abd al-Salam Ahmed Eldanf in Pia­cenza bei der Blo­ckade eines bestreikten GLS-Waren­lagers von einem Fir­men­wagen über­fahren und war sofort tot. In den deut­schen Medien war darüber kaum etwas zu lesen. Dabei gab es in Deutschland in den ver­gan­genen Jahren auch einige Ver­suche, Soli­da­rität mit den Logis­tik­ar­beitern in Italien zu orga­ni­sieren. Wie war das Ergebnis?

Ernüch­ternd. Zu den Aktionen kamen nur eine Handvoll Leute. Die Ita­liener haben sich aber trotzdem darüber gefreut.

Auch auf einer inter­na­tio­nalen Kon­ferenz zum trans­na­tio­nalen Streik, die Ende Oktober in Paris stattfand, wurde über Arbeits­kämpfe im Logis­tik­sektor dis­ku­tiert. Könnte hier eine trans­na­tionale Koor­di­nation ent­stehen?

Das ist viel­leicht ein bisschen zu viel erwartet. Ich denke, es geht einfach immer wieder darum, dass sich mobi­li­sierte Beschäf­tigte aus ver­schie­denen Stand­orten und Ländern treffen und aus­tau­schen. Das ist auch in Paris pas­siert.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​4​5​/​5​5​1​6​3​.html

Interview: Peter Nowak

Die Angst wegschmeißen“

Labournet​.tv erinnert in ihrem jüngsten Film an den Zyklus der Arbeitskämpfe in der norditalienischen Logistikbranche.

Seit 2011 kämpfen in Italien meist migran­tische Arbei­te­rInnen in der Logis­tik­branche für reguläre Arbeits­be­din­gungen. In vielen großen Unter­nehmen ist es ihnen gelungen, durch ent­schlos­senes Vor­gehen die Ein­haltung der natio­nalen Stan­dards zu erzwingen und sich gegen die Vor­ar­bei­te­rInnen, die Leih­ar­beits­firmen, die Polizei, die großen Gewerk­schaften und die großen Medien durch­zu­setzen. Sie waren auch deshalb erfolg­reich, weil sie auf die eigene Kraft ver­trauten und auch in scheinbar aus­sichts­losen Situa­tionen die Kon­fron­tation mit den Bossen nicht scheuten. Durch ihre ent­schlossene Haltung erreichten sie es, dass sich große Teile der radi­kalen Linken aus Mailand und anderen nord­ita­lie­ni­schen Städten mit ihnen soli­da­ri­sieren und ihre Aktionen unter­stützen. Der Arbeits­kampf hat die bisher recht­losen Arbei­te­rInnen mobi­li­siert. Eine zen­trale Rolle dabei spielt die Basis­ge­werk­schaft Sin­dicato Inter­ca­teo­riale Cobas (S.I. Cobas).

Vor zwei Jahren hatte unsere Gewerk­schaft in Rom drei Mit­glieder. Heute sind es drei­tausend“, erklärt Karim Fac­chino. Er ist Lager­ar­beiter und Mit­glied der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft S.I. Cobas. Der rasante Mit­glie­der­zu­wachs der Basis­ge­werk­schaft ist auch eine Folge der Selbst­or­ga­ni­sation der Beschäf­tigten. „Wir haben keine bezahlten Funk­tionäre, nur einen Koor­di­nator, doch sein Platz ist nicht am Schreib­tisch eines Büros, sondern auf der Straße und vor der Fabrik“, betont Fac­chino. Er war im Mai 2014 Teil­nehmer einer Dele­gation ita­lie­ni­scher Gewerk­schaf­te­rInnen und Unter­stüt­ze­rInnen aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen ita­lie­ni­schen Linken, die hier­zu­lande über den erbittert geführten Arbeits­kampf infor­mierte, der fast vier Jahre andauerte. Zwei Monate vorher hatte eine Dele­gation von S.I. Cobas auf einem Treffen euro­päi­scher Basis­ge­werk­schaf­te­rInnen über den Kampf der Logis­tik­ar­bei­te­rInnen in Italien berichtet. Bei dem kleinen Team von labournet​.tv hatte er dort deren Interesse geweckt. Die Video­ak­ti­vis­tInnen fuhren mehrmals nach Nord­italien, führten zahl­reiche Inter­views mit den Beschäf­tigten und stellten sich auch die Frage, wie es dazu kam, dass sie so lange und kom­pro­misslos ihren Arbeits­kampf führten. So ist ein Film ent­standen, der zeigt, wie Men­schen sich ver­ändern, wenn sie zu kämpfen beginnen. „Wir haben die Angst weg­ge­schmissen“, erklärte ein Beschäf­tigter, der dem Film den Titel gab.„Die Angst weg­schmeißen – Die Bewegung der Logis­tik­ar­bei­te­rInnen in Italien“ liefert Doku­mente eines Arbeits­kampfs in Nord­italien, der bisher in Deutschland kaum bekannt war.„Mafia ver­schwinde“, rufen die Jugend­lichen und schwenken Fahnen der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion und der Gewerk­schaft S.I. Cobas. Es ist eine Szene des mehr­jäh­rigen Arbeits­kampfes. Eine Stärke des Films besteht darin, dass die unter­schied­lichen Betei­ligten am Arbeits­kampf zu Wort kommen. Junge Männer aus Nord­afrika, die durch den Arbeits­kampf erstmals für ihre Rechte kämpften, berichten mit Stolz in der Stimme, dass sie diese Erfahrung für ihr Leben geprägt habe. Nüch­terner for­mu­lieren mehrere Frauen, wie der Streik ihr Leben ver­ändert hat. Sie sind nicht mehr bereit, die Ver­hält­nisse einfach hin­zu­nehmen, sondern erwehren sich auch der patri­ar­chalen Zustände, denen sie aus­ge­setzt sind. Im Film kommt immer wieder die Rolle der Gewerk­schaft S.I. Cobas zur Sprache, ohne die der Kampf nie hätte begonnen werden können. „Hier sind die Erfah­rungen von lang­jäh­rigen linken Akti­visten und die Wut der Logis­tik­ar­beiter zusam­men­ge­kommen,“ for­mu­lierte es eine am Streik betei­ligte Kollegin.Der lang­jährige S.I. Cobas-Aktivist Roberto Luzzi spricht im Film auch über die Grenzen der gewerk­schaft­lichen Kämpfe. „Hier können wohl Erfah­rungen gesammelt werden, aber für eine Ver­än­derung der Gesell­schaft sind auch poli­tische Orga­ni­sa­tionen not­wendig“, erklärte er. Besonders die Jugend, die in ihren Leben oft noch keine Arbeits­kämpfe ken­nen­ge­lernt habe, mache durch die Betei­ligung am Arbeits­kampf die Erfahrung, dass die kämp­fende Arbei­ter­be­wegung noch exis­tiert, betont Luzzi. Die Kol­le­gInnen mussten Ende August auch wieder die Erfahrung machen, dass die Kapi­tal­seite ent­schlossen ist, die Errun­gen­schaften rück­gängig zu machen. Mehrere der Beschäf­tigten, die im Film Inter­views gegeben haben, wurden ent­lassen, einem migran­ti­schen Gewerk­schafter droht die Abschiebung.Der Film ist von einer Grund­sym­pathie für die Strei­kenden geprägt und am Ende denkt man an den Amazon-Streik. Roberto Luzzi war Ende März und Anfang April 2015 für einige Tage in Deutschland und berichtete über den Arbeits­kampf in Italien. Dabei besuchte er auch strei­kende Amazon-Kol­le­gInnen in Leipzig. Bei vielen von ihnen setzt sich nach den mona­te­langen Kämpfen die Erkenntnis durch, dass ein Arbeits­kampf gegen einen mul­ti­na­tio­nalen Konzern wie Amazon nur durch die trans­na­tionale Soli­da­rität der Beschäf­tigten gewonnen werden kann. Der Film kann dadurch, dass er einen bisher weit­gehend unbe­kannten Arbeits­kampf in der euro­päi­schen Nach­bar­schaft bekannt macht, dazu einen wich­tigen Beitrag leisten. Er könnte auch Argu­mente für die Kol­le­gInnen liefern, die auch für undo­ku­men­tierte Beschäf­tigte das Recht auf Mit­glied­schaft in einer DGB-Gewerk­schaft durch­setzen wollen. Bei S.I. Cobas ist diese Praxis selbst­ver­ständlich. Dem Film1 ist eine weitere Ver­breitung zu wün­schen.

[1] Der Film kann kos­tenlos her­un­ter­ge­laden werden auf der Online­plattform de​.labournet​.tv/​v​i​d​e​o​/​6​7​9​6​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​-​w​e​g​s​c​h​m​e​issen

Erschienen in: Direkte Aktion 231 – Sept/​Okt 2015

https://​www​.direkteaktion​.org/​2​3​1​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​-​w​e​g​s​c​h​m​e​issen

Peter Nowak

Basis blockiert Bosse

In Italien kämpfen die Logistikarbeiter

«Vor zwei Jahren hatte unsere Gewerk­schaft in Rom drei Mit­glieder. Heute sind es drei­tausend», erklärt Karim Fac­chino. Er ist Lager­ar­beiter und Mit­glied der ita­lie­ni­schen Basis­ge­werk­schaft S.I. Cobas. Eine Dele­gation ita­lie­ni­scher Gewerk­schafter aus der Logis­tik­branche und Unter­stützern aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken reiste vorige Woche durch Deutschland. Die Gruppe berichtete bei Ver­an­stal­tungen in Ess­lingen, Köln und Berlin über Arbeits­kämpfe in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche, die sich schon über vier Jahre hin­ziehen und hier­zu­lande bisher kaum bekannt sind.

Diese Aus­ein­an­der­set­zungen sind auch der Grund für den rasanten Mit­glie­der­zu­wachs der S.I. Cobas, in der sich die Logis­tik­be­schäf­tigten orga­ni­siert haben. «Die Gewerk­schaft hat keine bezahlten Funk­tionäre, nur einen Koor­di­nator, doch sein Platz ist nicht am Schreib­tisch eines Büros sondern auf der Straße und vor der Fabrik», sagt Fac­chino.

Träger der Aus­ein­an­der­set­zungen bei­spiels­weise waren schlecht bezahlte Lager­ar­beiter großer Waren­häuser, die aus vielen euro­päi­schen, ara­bi­schen und nord­afri­ka­ni­schen Staaten ange­worben worden waren. Sie sind oft nicht direkt bei den Waren­häusern sondern bei Sub­un­ter­nehmen ange­stellt. «Die Bosse haben gedacht, wir können uns nicht wehren, doch da haben sie sich getäuscht», so Fac­chino, der in Marokko geboren wurde.

Die Beschäf­tigten fordern die Ver­kürzung der Arbeits­zeiten und höhere Löhne. Ein zen­trales Mittel im Arbeits­kampf waren Blo­ckaden, wenn Waren ange­liefert worden sind. Die Polizei ging oft mit bru­taler Gewalt gegen die Beschäf­tigten vor. Die Bilder von Arbeitern, die von der Polizei blutig geschlagen wurden, sorgten in ganz Italien für Empörung. Dadurch wurde die Unter­stützung für die For­de­rungen der Beschäf­tigten größer. Die Unter­stüt­zer­gruppen nutzten auch Filme und Videos, um den Kampf der Beschäf­tigten bekannt zu machen. «Damit bekamen viele Men­schen, die bisher wenig von dem Arbeits­kampf wussten, eine Ahnung von der Ent­schlos­senheit der Beschäf­tigten, für ihre For­de­rungen zu kämpfen und von der Staats­gewalt, der sie aus­ge­setzt waren, berichte ein Mit­glied der Initiative Clash City Workers. Darin haben sich außer­par­la­men­ta­rische Linke orga­ni­siert, die die Arbeits­kämpfe unter­stützen und die Ver­bindung zwi­schen den Beschäf­tigen, linken Gruppen und sozialen Zentren in Italien auf­recht erhalten.

Die Unter­stüt­zungs­arbeit ist viel­fältig. Öffent­lich­keits­arbeit mit Zei­tungen, Videos und Filmen gehört ebenso dazu wie die Betei­ligung an einer Blo­ckade oder einen Streik­posten. Aber auch die Ver­bindung ver­schie­dener Bewe­gungen ist den Unter­stützern wichtig. So wurde bei einem Streik der Müll­ar­beiter Kontakt zu öko­lo­gi­schen Gruppen her­ge­stellt, die ein neues Recy­cling­konzept ent­wi­ckelt hatten. Ein Ziel der Rund­reise durch Deutschland war für die Dele­gation auch die bessere Koor­di­nation der Arbeits­kämpfe. Sie betei­ligte sich auch an der Pro­test­aktion vor einer IKEA-Filiale in Berlin.

Denn in den letzten Tagen war der Arbeits­kampf des zen­tralen süd­eu­ro­päi­schen IKEA-Logis­tik­zen­trums in Pia­cenza wieder auf­ge­flammt. Nachdem die Geschäfts­führung 70 gewerk­schaft­liche Akti­visten mit Dis­zi­pli­nar­maß­nahmen belegte und 30 Gewerk­schafter entließ, blo­ckierten die Beschäf­tigen mehrere Tage die Zufahrtswege zu dem Werk. Am 9. Mai wurde ein Arbeiter schwer ver­letzt, als ein Auto in die Blo­ckade raste.

Infos und Filme: de​.labournet​.tv

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​3​3​8​7​3​.​b​a​s​i​s​-​b​l​o​c​k​i​e​r​t​-​b​o​s​s​e​.html

Peter Nowak