Oktoberrevolution und Stalinismus

»Sie haben in der langen Nacht der Sta­lin­schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt.“

In nicht wenigen Ländern sind sich selbst als Kom­mu­nis­tInnen ver­ste­hende Men­schen mit Sta­lin­por­träts zum Gedenken an die Okto­ber­re­vo­lution auf die Straße gegangen.
Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämt­liche Errun­gen­schaften des Roten Oktober zurück­ge­nommen hat und viele der­je­nigen, die an der Okto­ber­re­vo­lution beteiligt waren, ein­kerkern und ermorden ließ. Der His­to­riker Christoph Jünke hat kürzlich eine Ana­logie mit Mar­xis­ti­schen Sta­li­nis­mus­kri­tiken im 21. Jahr­hundert im ISP-Verlag her­aus­ge­geben. Dort ist doku­men­tiert, wie gründlich Mar­xisten das Phä­nomen des Sta­li­nismus in den letzten 90 Jahren ana­ly­sierten. Texte von 15 Autoren werden in dem Band doku­men­tiert, die sich kri­tisch mit dem Sta­li­nismus und seinen Wurzeln befassen.
Es ist schade, dass Jünke nicht auch Texte von Frauen wie Agnes Heller, Ruth Fischer oder Angelica Balanoff auf­ge­nommen hat, die in den von Jünke gewählten Bezugs­rahmen fallen. In dem Buch sind keine anar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Kri­tiken ver­treten, auch räte- und links­kom­mu­nis­tische Bei­träge findet man dort nicht. Jünke hat in der Ein­leitung betont, dass die Zusam­men­stellung seiner sub­jek­tiven Auswahl geschuldet ist. Er habe sich dabei um eine reprä­sen­tative Auswahl bemüht, was auch für das von ihm skiz­zierte mar­xis­tische Spektrum zutrifft. „Aus­ge­lassen habe ich vieles, die frühen Kri­tiken der 1920er Jahre, seien es mar­xis­tische Sozi­al­de­mo­kraten wie Otto Bauer, Paul Levi oder linke Kom­mu­nisten wie Karl Korsch, Amadeo Bordiga u.v.a.“ Dazu ist anzu­merken, dass Jünke die aus­ge­las­senen anar­chis­ti­schen Kri­tiken ebenso wenig erwähnt, wie er nicht begründet, warum er auch keine Frauen in dem von ihm aus­ge­wählten Bereich berück­sichtigt. Aller Kritik zum Trotz sind die aus­ge­wählten Texte eine beein­dru­ckende Lektion in linker Geschichte und sollten stu­diert werden.
Der erste Text in der Antho­logie stammt von dem füh­renden bol­sche­wis­ti­schen Poli­tiker Christian Rakowski, der 1941 von Stalins Schergen erschossen wurde. Es ist erstaunlich, welche fast macht­kri­tische Ein­sichten in seinem Text zu finden sind. „Sobald eine Klasse die Macht ergreift, ver­wandelt sich ein gewisser Teil in Agenten der Macht. Auf diese Weise ent­steht die Büro­kratie.“ (S.27)
An anderer Stelle kommt Rakowski zu der für ihn nie­der­schmet­ternden Erkenntnis: „Ich glaube nicht sehr zu über­treiben, wenn ich sage, dass ein Par­tei­ge­nosse von 1917 sich wohl kaum in der Gestalt eines Par­tei­ge­nossen von 1928 wie­der­erkennen würde. Eine tiefe Wandlung hat sich in der Ana­tomie und der Psy­cho­logie der Arbei­ter­klasse voll­zogen.“ Seine intime par­tei­in­terne Kenntnis macht seinen Text inter­essant. So beschreibt Rakowski, dass die Bol­schewiki in der Oppo­sition auch den von Marx als Lum­pen­pro­le­tariat dif­fa­mierten Teil der Werk­tä­tigen ange­sprochen hat. Als sie an der Macht waren, haben sich ihre größ­ten­teils zu Büro­kra­tInnen mutierten Mit­glieder hin­gegen von diesem Teil der Klasse abge­grenzt. Rakowski prangert auch die Pri­vi­legien der Nomen­klatura an und ver­weist darauf, dass die Bol­schewiki immer gegen solche Vor­teile für die Mäch­tigen gekämpft hatten. Dieser Text zeigt auch, dass innerhalb der bol­sche­wis­ti­schen Partei, 1928 als er ver­fasst wurde, durchaus noch eine fun­da­mentale Kritik am büro­kra­ti­schen Kurs möglich war. Klar erkannte der Autor, in welche Richtung der Kurs der Partei geht und beklagte, dass sich die Par­tei­agenten nicht genieren, „Anti­se­mi­tismus, Frem­den­feind­lichkeit, Hass auf die Intel­ligenz usw. für ihre Zwecke ein­zu­setzen“. So hat er schon 1928 präzise die Inhalte sta­li­nis­ti­scher Praxis benannt. Mit Victor Serge stellt Jünke auch den Text eines lang­jäh­rigen Anar­chisten vor, der nach der Okto­ber­re­vo­lution zum Par­tei­gänger der Bol­schewiki wurde. Ergänzend dazu könnte man die Kritik der Anar­chistin Rirette Mai­trejean her­an­ziehen. Sie war seine Genossin in der anar­chis­ti­schen Zeit und hat seine Wandlung zum Par­tei­gänger der Bol­schewiki wie seine Rolle als Antis­ta­linist sehr kri­tisch kom­men­tiert, wie Lou Marin in seinem 2016 im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenen Buch „Rirette Mai­trejean – Atten­tats­kri­ti­kerin, Anar­chofe­mi­nistin, Indi­vi­du­al­an­ar­chistin“ doku­men­tiert hat.

Trotzki zwi­schen Zweck­op­ti­mismus und Pes­si­mismus

Trotzki ist gleich mit drei Texten im Band ver­treten. War er anfangs noch über­zeugt, dass die sta­li­nis­tische Epoche nur eine Episode in der Par­tei­ge­schi­chichte bleibt, wurde er zunehmend skep­ti­scher und hielt auch ein Scheitern der gesamten Revo­lution für denkbar. So machte er sich in einem doku­men­tierten Text kurz nach Beginn des Zweiten Welt­kriegs Gedanken, was geschehen würde, wenn es in der Folge in den kapi­ta­lis­ti­schen Ländern zu keiner pro­le­ta­ri­schen Revo­lution kommen sollte oder es sich den Revo­lu­tio­nä­rInnen, wor­unter Trotzki natürlich Kom­mu­nis­tInnen seiner Strömung meint, nicht gelingt, sich zu halten. „Dann wären wir gezwungen ein­zu­ge­stehen, dass der Grund für den büro­kra­ti­schen Rückfall nicht in der Rück­stän­digkeit des Landes zu suchen ist, auch nicht in der impe­ria­lis­ti­schen Ein­kreisung, sondern in der natur­ge­ge­benen Unfä­higkeit des Pro­le­ta­riats zur herr­schenden Klasse zu werden. Dann müssten wir fest­stellen, dass die jetzige UdSSR in ihren Grund­zügen Vor­läufer eines neuen Aus­beu­ter­re­gimes im inter­na­tio­nalen Maßstab ist.“ (S.119)
Es ist frappant, dass von den vielen Gruppen, die sich auf Trotzki berufen, auf diese pes­si­mis­tische Volte kaum ein­ge­gangen wird. Bemer­kenswert ist, dass Trotzki gar nicht in Erwägung zieht, dass viel­leicht das zen­tra­lis­tische Par­tei­modell in die Nie­derlage führt, nein, er ver­steigt sich zu anthro­po­lo­gi­schen Formeln, wenn er von einer natur­ge­ge­benen Unfä­higkeit des Pro­le­ta­riats schreibt.
Im letzten Text beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich seine Anhän­ge­rInnen ver­halten sollten, falls sich her­aus­stellt, dass die Sowjet­union einen Teil von Polen besetzt. Er plä­dierte dafür, trotz Stalin, die Rote Armee zu unter­stützen, weil die zumindest gegen die Groß­grund­be­sitzer kämpfen würde. Trotzkis letzter in dem Buch publi­zierter Text ist wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Welt­kriegs ver­fasst, als der deutsch-sowje­tische Nicht­an­griffspakt viele Kom­mu­nis­tInnen nach­haltig ver- stört hat. Er endet phra­senhaft: „Das Pro­le­tariat hat eine junge und noch schwache revo­lu­tionäre Führung. Aber die Führung der Bour­geoisie ver­fault bei leben­digem Leib. … Allein diese Tat­sache ist Grund genug für unseren uner­schüt­ter­lichen revo­lu­tio­nären Opti­mismus.“ (S.142)
Erfreu­li­cher­weise wurden auch Texte von heute wenig rezi­pierten Autoren auf­ge­nommen. So ist der Sozi­al­phi­losoph Leo Kofler heute nur noch wenigen bekannt, der sich ebenso wie der in den 1970er populäre Edward P. Thompson mit den Pro­blemen des sozia­lis­ti­schen Huma­nismus befasst. Der Ökonom und His­to­riker Roman Ros­dolsky beendet seine Sta­lin­kritik mit der tref­fenden Cha­rak­te­ri­sierung der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Nomen­klatura. „Sie haben in der langen Nacht der Stalin’schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt; sie sind eben nur mehr: Refor­misten gewordene Ther­mi­do­rianer!“ (S.296). Bezüge zur Fran­zö­si­schen Revo­lution finden sich auch bei anderen Autoren des Buches, die Klassi zierung der Bol­schewiki als Jako­biner ist durchaus nicht nur negativ gemeint. Ros­dolsky wurde nach der Implosion des Nomi­nal­so­zia­lismus bestätigt, wo manche wie der eben­falls im Buch ver­tretene Ernest Mandel noch auf einen revo­lu­tio­nären Glutkern hofften, der von Sta­li­nismus und Büro­kra­tismus ver­schüttet war, zeigte sich bald, dass diese Par­teien im Innern ver­fault und unrettbar ver­loren waren. Wer mehr über den lange ver­ges­senen Roman Ros­dolsky, der bedeu­tende Texte zur Wert­kritik ver­öf­fent­licht hat, wissen will, sollte zu dem kürzlich im Man­delbaum-Verlag erschie­nenen Buch „Mit per­ma­nenten Grüßen“, greifen, in dem Leben und Werk von Emmy und Roman Ros­dolsky dar­ge­stellt sind (ISBN 978−3−85476−662−9).

Hoffnung auf interne Reformen schwinden

Bei den jün­geren doku­men­tierten Texten ist die Hoffnung auf eine Reform des Nomi­nal­so­zia­lismus durch einen Sturz der Büro­kratie ver­schwunden. Im Text von Jacek Kuron und Karol Mod­ze­lewski kündigt sich ihre spätere Hin­wendung zur kapi­ta­lis­ti­schen Zivil­ge­sell­schaft an und im doku­men­tierten Text von Rudolf Bahro sein später mit eso­te­ri­schen Ele­menten durch­drängter Öko­lo­gismus, der keine gesell­schaft­lichen Wider­sprüche und Klassen mehr kennen wollte. Auch der Phi­losoph Lucio Col­letti endet schließlich als Abge­ord­neter in der Partei des Rechts­po­pu­listen Ber­lusconi. Dabei hat er in dem abge­druckten Text „Zur Stalin-Frage“ aus dem Jahr 1970 die gesell­schaft­lichen Ursachen des Sta­li­nismus gut beleuchtet. „Die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Führer, die im Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht ermordet hatten …, haben den ersten Stein zu je- ner Straße gelegt, die Stalin zur Macht ver­holfen hat. Die übrigen Steine wurden dann durch die revo­lu­tionäre Welle gelegt, die auf Europa nie­derging und Mus­solini, Primo de Rivera, Horthy und so viele andere emporhob.“ (S.479)
Diese his­to­ri­schen Tat­sachen werden heute bei der Dis­kussion über die Okto­ber­re­vo­lution gerne aus­ge­blendet. Alle, auch die hier nicht erwähnten Texte des Buches, bieten eine Fülle von Asso­zia­tionen und Stoff für Debatten. Das Buch kann dazu bei­tragen, zu ver­stehen, warum die Hoffnung, die die Okto­ber­re­vo­lution vor 100 Jahren für viele Men­schen in aller Welt hatte, auch für Anar­chis­tInnen wie Alex­ander Berkman und Emma Goldmann so schnell in das Gegenteil umschlug. Daran hat Bini Adamczak in ihrem kürzlich in der Edition Assem­blage erschie­nenem Buch „Der schönste Tag im Leben des Alex­ander Berkman. Vom mög­lichen Gelingen der Rus­si­schen Revo­lution“ erinnert. Wer neue Ver­suche unter­nimmt, eine Gesell­schaft jen­seits von kapi­ta­lis­ti­scher Ver­wer­tungs­logik, ras­sis­ti­scher und sexis­ti­scher Unter­drü­ckung zu schaffen, sollte es lesen.

Christoph Jünke (Hg.): Mar­xis­tische Sta­li­nismus-Kritik im 20. Jahr­hundert – Eine Antho­logie, Neuer ISP- Verlag, Karlsruhe 2017, 616 Seiten„ 29,80 Euro, ISBN 978−3−89900−150−1

märz 2018/427 gras­wur­zel­re­vo­lution

Peter Nowak