Kein Platz für die Wagengruppe

Soziokulturelles Wohnprojekt in Friedrichshain soll geräumt werden. Bahn erteilt Ausweichgrundstück eine Absage

Seit Wochen fordern Bewohner der Wagengruppe Rummelplatz eine Lösung im Kampf um ihr Grundstück in Friedrichshain. Nun folgt die Ernüchterung.

Ohne Ergeb­nisse ging am Diens­tag­nach­mittag ein Runder Tisch zu Ende, auf dem ein Ersatz­grund­stück für die mehr als 30 Bewohner der Wagen­gruppe Rum­mel­platz gefunden werden sollte. Seit Dezember 2011 nutzen sie den baum­schat­teten Platz in der Fried­richs­hainer Frie­den­straße, der sich im Besitz des Ber­liner Lie­gen­schafts­fonds befindet. Er will ihn an Inves­toren ver­kaufen, fordert die sofortige Räumung und droht mit der Polizei. „Wir sind bereit umzu­ziehen, wenn es in der Nähe ein Ersatz­grund­stück gibt, meint Wagen­platz­be­wohner“, Jens Lei­pardt gegenüber nd. Seit Monaten hatten die Bewohner über ein Grund­stück auf dem Bahn­ge­lände in Lich­tenberg ver­handelt. „Doch kurz bevor es zum Ver­trags­ab­schluss kam, hat die Deutsche Bahn sich quer­ge­stellt“, meint Lei­pardt. Am Runden Tisch, der von den Bewohnern seit Wochen gefordert wurde, nahm neben Bewohnern und Kom­mu­nal­po­li­tikern auch ein Ver­treter der Deut­schen Bahn teil. Der lehnte einen Vertrag mit den Wagen­platz­be­wohnern nun end­gültig ab „Die Deutsche Bahn nannte recht­liche Pro­bleme als Grund für die Absage, erklärte der für den Bereich Planen, Bauen, Umwelt und Immo­bilien zuständige Bezirks­stadtrat von Fried­richshain – Kreuzberg Hans Panhoff (Die Grünen) gegenüber nd. Man werde weiter nach geeig­neten Plätzen suchen. Ein schnelles Ergebnis erwartet er nicht. Auch in neuer Termin für einen Runden Tisch sei nicht ver­einbart worden. Ent­täuscht zeigten sich die Wagen­platz­be­wohner und ihre Unter­stützer über das Ergebnis. Sie hatte par­allel zum Runden Tisch vor dem Bezirksamt Friedrichshain/​Kreuzberg eine Kund­gebung ange­meldet. Viele Pas­santen griffen zu den bereit­ge­stellten Infor­ma­ti­ons­ma­te­rialien, aber auch zu den Kuchen und den heißen Getränken, die an einen Infor­ma­ti­ons­tisch ange­boten wurden. Die akute Räu­mungs­drohung mitten im Winter macht den Bewohnern, dar­unter auch Eltern mit Kindern, große Sorgen. Doch Lei­pardt stellte noch einmal klar, dass sich die Bewohner nicht an den Stadtrand ver­drängen lassen: „Solange es kein Ersatz­grund­stück in der Nähe gibt, bleiben wir in der Frie­den­straße“.
https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​1​5​5​2​7​.​k​e​i​n​-​p​l​a​t​z​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​w​a​g​e​n​g​r​u​p​p​e​.html
Peter Nowak

Rummelplatz will nicht weichen

Bewohner von Wagenburg in Fried­richshain in Ver­hand­lungen mit Lie­gen­schafts­fonds

Im west­lichen Teil von Fried­richshain scheint die Zeit noch still­zu­stehen. Vom Trubel der Gegend um den Box­ha­gener Platz ist dort wenig zu spüren. Ein Ort der Ruhe ist auch der Rum­mel­platz, Berlins jüngste Wagenburg. Im Dezember 2011 hat der Ber­liner Lie­gen­schaftsfond, dem das Grund­stück gehört, den Bewohnern den Platz ver­mietet. Vorher hatten sie für mehrere Tage einen Platz in Rum­melsburg besetzt. Aus dieser Zeit stammt ‚der Name, der k so gar nicht zum ruhigen Idyll passen will.
Unter hohen Bäumen kann man dort auf einem schat­tigen Plätzchen Tee trinken. Die Bewohner haben zwi­schen den 13 Wägen Pflanzen angebaut. Auch mit der Nach­bar­schaft gab es bisher keine Pro­bleme.
„Wir waren selber erstaunt, wie freundlich wir hier auf­ge­nommen wurden“, meint Jutta Böhnig (Name auf Wunsch geändert). Das sei noch einmal beim Tag der offenen Tür deutlich geworden, den die Rum­mel­platz-Bewohner kürzlich ver­an­stal­teten. Blumen und andere Prä­sente wurden von den Nachbarn gebracht. Aber dabei ist es nicht geblieben. Zahl­reiche Anwohner haben auch Post­karten unter­schrieben, in denen sie sich bei den Behörden für einen Erhalt des Rum­mel­platzes ein­setzen. Denn die Bewohner sollen den Platz bis zum Monatsende räumen, weil der Miet­vertrag zum 31. Juli aus­läuft.
„Wir haben lange gehofft, dass er ver­längert wird“, betont Böhnig. Ent­spre­chend groß ist jetzt die Ent­täu­schung, zumal auch wenige Tage vor dem Räu­mungs­termin kein für die Bewohner geeig­neter Platz zur Ver­fügung steht. „Wir haben hier unseren Lebens­mit­tel­punkt und wollen nicht irgendwo weit außerhalb Berlins lum­ziehen“, bringt Jörg Strauss (Name auf Wunsch geändert) die Meinung aller Bewohner zum Aus­druck.
Doch die Pres­se­spre­cherin des Ber­liner Lie­gen­schafts­fonds Anette Mischler kann ihnen wenig Hoffnung machen. Eine Ver­län­gerung des Miet­ver­trages sei aus­ge­schlossen, weil das Grund­stück zum Verkauf vor­be­reitet werden solle, betonte sie gegenüber nd. Kon­krete Inves­toren gäbe es aber noch nicht. Der Lie­gen­schaftsfond bemühe sich gemeinsam mit den Rum­mel­platz-Bewohnern weiter um einen neuen Platz. „Ich kann ver­stehen, dass die nicht an den Stadtrand wollen. Aber die geeig­neten Grund­stücke in Stadtnähe sind rar“, betont Mischler.
„Wir ver­handeln weiter um geeignete Plätze“, bestätigt auch Jörg Strauss. Er betont aller­dings, dass es Plätze für alter­native Lebens­weisen auch in Stadtnähe geben müsse. Des­wegen sehen die Rum­mel­platz-Bewohner ihren Kampf für einen solchen Platz auch als Beitrag gegen eine Auf­wertung, bei der nur noch Men­schen mit viel Geld Anspruch auf die begehrten Grund­stücke haben sollen. Auf zahl­reichen Trans­pa­renten, die auf den Holzzaun und ein­zelnen Wägen ange­bracht sind, wird gegen die Gen­tri­fi­zierung mobi­li­siert. Sie wurden auch auf einer Nacht­tanz­de­mons­tration durch Fried­richshain mit­ge­führt, mit der am späten Abend des 21. Juni die Rum­mel­patz­be­wohner und ihre Unter­stützer gegen die Ver­drängung aus den Stadt­teilen pro­tes­tierten. Mehrere Hundert meist junge Leute schlossen sich an. Auf den Bal­konen und aus den Fenstern winkten aber auch ältere Nachbarn freundlich her­unter.
Der Grund für die Sym­pathie brachte eine Rent­nerin zum Aus­druck, die schon am Nach­mittag des ver­gan­genen Don­nerstag dem Rum­mel­platz einen Besuch abge­stattet hat. Sie wohnt ganz in der Nähe und hat eine Moder­ni­sie­rungs­auf­for­derung bekommen. „Ich befürchte, dass danach meine Miete so stark steigen wird, dass ich sie mit meiner Rente nicht mehr bezahlen kann“, meinte sie. Diese Sorge teilen viele Mieter der umlie­genden Häuser, die teil­weise schon seit Jahr­zehnten dort leben. Auch sie wollen nicht einfach irgendwo weit weg ziehen und darin sind sie sich mit den Rum­mel­platz-Bewohnern einig.

aus Neues Deutschland 22,/23.6.2012
Peter Nowak